Kategorien
Tanga

Zu Anfang des Jahrhunderts ist Tanga bereits eine Hafenstadt für den Export der landwirtschaftlichen Güter von den Plantagen aus dem Hinterland, welche mit der Bahn herangefahren werden, während Dares-salam noch eine reine Verwaltungsstadt ist, ohne nen-nenswerte wirtschaftliche Betätigungen und eben ohne eine Bahn in das Hinterland. Das mehr von Geschäfts-leuten geprägte Leben in Tanga setzt sich deutlich vom steifen Leben der Beamten in der Hauptstadt ab. Es herrscht eine Rivalität zwischen beiden Städten über politische Angelegenheiten und das gesellschaftliche Leben. Erst mit dem Bau der Mittellandbahn von Daressalam aus seit 1905 wird auch Daressalam von Geschäftsleuten belebt und ein Standort für die Wirt-schaft.

Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Tanga:

Die Stadt Tanga liegt an der Tangabucht, einer Verei-nigung der Creeks des Sigi mit dem des kleineren Mkulumusi. Die auf der Grenze beider Gebiete gelegene Toteninsel schließt mit dem Ras (Kap) Kasone zusam-men das eigentliche ziemlich geschützte Hafenbecken ein, das Schiffe bis zu 8 m Tiefgang aufnehmen kann. Der Verkehr mit dem geräumigen Pier der Usambara-bahn, in den die Geleise der Bahn münden, wird durch Leichter vermittelt. Der Ort selbst liegt an der südlichs-ten Stelle der Bucht oberhalb der etwa 15 m hohen Steilküste… — Tanga ist uralt, die Araber saßen hier, ehe die Portugiesen nach Ostafrika kamen. Von 1889 an begannen Europäer hier zu arbeiten. Deren Zahl betrug 1908: 141 bei einer Gesamtbevölkerung von 5689. Die entsprechenden Zahlen für 1913 sind 298 (252 männ-liche, 46 weibliche) und ungefähr 12.000. Schon 1893 wurde von Tanga aus der Bau der Usambarabahn begon-nen.

Im Ort waren 1913 zwölf Handelsgesellschaften und 26 andere europäische Firmen, etwa fünfzig indische ver-treten; es gab in Tanga 4 Gasthöfe, Hospital, Apotheke, eine Zeitung, Bezirksgericht, Post, Telegraph, Eisen-bahndirektion, Hauptzollamt. Der Hafenverkehr betrug 1912: 236 einlaufende Schiffe mit 613.656 Register-tonnen, dazu 384 Dhaus mit 10.003 t Rauminhalt.

Was das Kolonial-Lexikon noch nicht anzeigt, ist, daß Tanga am 3. Dezember 1913 eine Städteordnung erhalten hat und am 1. April 1914 das Stadtrecht verliehen be-kommen hat.


Ein Reisender beschreibt die Anfahrt mit dem Schiff von Norden kommend auf Tanga zu:

»Wenn sich das Schiff Tanga nähert, so erscheint zuerst auf einer weit ins Meer hinausragenden Landzunge der schöne Leuchtturm von Ulenge, der, im maurischen Stil erbaut, der mit Kokospalmen umsäumten Landschaft malerisch sich einfügt. Daneben eine Erholungsstation für Weiße in demselben Stil. Nach kurzen Fahrt zwi-schen den Korallenriffen hindurch, an der sogenannten Toteninsel vorbei, öffnet sich das prachtvolle Hafenbek-ken von Tanga vor den staunenden Blicken des Reisen-den, belebt von zahlreichen Fischerbooten und arabi-schen Dhaus, und eingefaßt von üppigsten Pflanzen-wuchs, dem mächtige Affenbrot- und Mangobäume und schlanke Kokospalmen das Gepräge geben. Am Eingang in den Hafen das schöne Hospital mit seinen weißen Gebäuden, am Landungspier der mächtige Zollschup-pen und am Ufer die Regierungsgebäude und die Han-delshäuser. Dahinter als Abschluß des wundervollen Landschaftsbildes die blauen Berge Usambaras.«

Der Hafen von Tanga besteht aus einem von der Toten-insel seewärts gelegen Außenhafen und einem Innen-hafen zwischen der Toteninsel und der Stadt. Große Schiffe gehen wegen ihres Tiefgangs lieber im Außen-hafen vor Anker. Nach der Abfertigung durch Hafen-behörde und Hafenarzt entwickelt sich schnell ein reger Boots- und Leichterverkehr zwischen Schiff und Land. Während die ankommenden Waren, abgesehen von Wellblech, Bauholz und Maschinenteilen, meist keinen großen räumlichen Umfang, wenn auch um so höheren Wert haben, wie dies besonders bei Konserven und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens der Fall ist, arbeiten die Kräne des Schiffes Tag und Nacht, um aus den längsseits liegenden Leichtern hunderte von Säcken mit Kautschuk und Kaffee sowie von Hanfballen zu laden. In dem sauberen freundlichen Städtchen, das außer einer Reihe schmucker Steinhäuser auch ein Bis-marck-Denkmal aufweist, entwickelt sich an Schiffsla-de- und -entladetagen ein reges Leben.

Seitdem die Nordbahn 1911 den Kilimandscharo erreicht hat werden die Lade- und Löschvorrichtungen im Hafen erheblich verbessert. Im Frühjahr 1914 führt der Sta-tionskreuzer Geier der Ostafrikanischen Station Ver-messungen des Hafens von Tanga durch. Der Ausbau des Hafens von Tanga kann im April 1914 fertiggestellt werden. 1914 wird auch unter Beibehaltung des Leich-terverkehrs ein besseres Löschen und Laden durch den Bau eines Leichterkais mit größeren Kränen beabsich-tigt.


1912 kommt Helene Grunicke in Tanga an und be-schreibt ihre Erlebnisse:

»Obgleich Tanga mit dem vorspringenden Kap Kasone einen guten natürlichen Hafen bildet, müssen die gro-ßen Dampfer doch noch ziemlich entfernt von der Küste liegen bleiben, und es kommen kleine Ruderboote, um die Passagiere und deren Gepäck an Land zu holen. Die schweren Frachtstücke werden auf sogenannten „Leich-tern“, großen flachen Kähnen, von den Transportgesell-schaften an Land befördert. Nachdem der Zoll passiert ist, geht es durch die prächtige Strandstraße an den Parkanlagen des Kaisergartens vorbei in das Innere der Stadt. Tanga hat den Vergleich mit anderen afrikani-schen Hafenstädten nicht zu scheuen. Schöne wohlge-pflegte Straßen mit prächtigen Alleebäumen, stattliche Geschäfts- und Gasthäuser geben ihr ein freundliches und zugleich elegantes Aussehen. Aus dem Schatten der Mangobäume und unter dem Schutz der hochaufstre-benden Kokospalmen lugen die modernen, luftigen, weiß gestrichenen Häuser der Europäer mit ihren offe-nen hohen Hallen gar einladend hervor. Auf dem Markt-platz mit der großen Markthalle herrscht reges Leben; schwarze Händler bieten neben den Erzeugnissen ihrer Kulturen in Gemüse und Obst, getrocknete Fische, Fleisch und Geflügel feil. Auf dem Bismarckplatz, be-schattet von herrlichen Mangobäumen, steht das Denk-mal des eisernen Kanzlers. In der Nähe ein hübscher Musikpavillon, in dem an Festtagen eine schwarze Ka-pelle, gebildet aus den Schülern der Eingeborenen-schule, ihre ganz ansehnlichen Leistungen ernster und heiterer Musikstücke darbieten. Daneben erhebt sich das stattliche und luftige Heim des deutschen Klubs mit seinen breiten Veranden und prächtigem Garten. Der deutsche Klub ist der gesellige Sammelpunkt der vielen Deutschen, die in Tanga selbst als Kaufleute, Pflanzer oder Beamte oder in der weiten Umgebung Tangas, namentlich im Hinterlande, ihrem aufreibenden Berufe nachgehen. Auch Vorbeireisende und Neulinge, die in Ostafrika eine Stellung antreten oder erst suchen wol-len, finden im Klub freundliche Aufnahme und Unter-stützung mit Rat und Tat. — Wir müssen nun einige Tage hier verweilen, denn der Eisenbahnzug fährt nur zweimal wöchentlich in das Innere des Landes! So neh-men wir eine „Rickschah“, die Droschke des fernen Os-tens, gezogen von einem flinken, gewandten Eingebo-renen, und fahren durch die Straßen der Stadt, des Inder- und Negerviertels, die ebenfalls sauber und wohl-geordnet gehalten und mit breiten Straßen unter Kokos-palmen, Mango- und Tamarindenbäumen versehen sind, nach Kap Ras Kasone und durch Bananen- und Gemüsefelder der Eingeborenen zurück zur Stadt.«