Die Schutztruppe von Deutsch Südwestafrika besteht im Unterschied zu den beiden anderen deutschen Afrika-Schutztruppen ausschließlich aus Deutschen und nicht hauptsächlich aus Farbigen. Ihre Angehörigen sind für den Kolonialeinsatz aus dem Reichsheer und der Kaiserlichen Marine freigestellt. Um 1900 besteht die Schutztruppe in Südwestafrika aus etwa 750 Mann, wovon die Hälfte in Zoll-, Polizei-, Gerichtsdienst und dergleichen Verwendung finden für einen nützlichen Einsatz ihrer Arbeitskraft in Friedenszeiten. Die Trup-penführung wird aber nicht wie in Kamerun und Deutsch Ostafrika gleichzeitig für Verwaltungsaufgaben herangezogen. Die Truppe besteht um die Jahrhun-dertwende aus vier Feldkompanien, einer Feldbatterie und einer Handwerkerabteilung. Der Stab liegt in der Hauptstadt Windhuk. Die Truppe ist durchweg gewehr-bewaffnete berittene Infanterie. Das Pferdematerial ist zunächst das deutsche Armeepferd aus ostpreußischen und hannoveranischen Gestüten. Später wird das an-spruchslosere argentinische Pferd eingeführt. Die Be-spannung der Troßfahrzeuge besteht aus langen Zug-ochsengespannen, die von einheimischen Treibern zu Fuß geführt werden.
1902 erfolgt die Aufstellung einer Gebirgsbatterie mit 6cm-Gebirgsgeschützen, verlastbar auf Tragtieren. Die Kriege mit den Herero und Hottentotten von 1904-06 führen zu einem schnellen Ausbau der Nachrichtenver-bindungen der Truppe mit Heliographen, die mit Son-nenlicht Blinksignale abgeben, Signalblinkgeräten mit eigener Lichtquelle und der Telegraphie. Die Heliogra-phen können bei Tage bis zu 50 Kilometer weit Signale geben und bei Nacht bis zu 100 km. In 30 Minuten können zwischen zwei Stationen 60 bis 80 Worte über-tragen werden. 1907 wird noch eine Kamelreiter-Kom-panie aufgestellt, um auch in den wüstenhaften Gegen-den der Kolonie militärisch einsatzbereit zu sein.
1914 gliedert sich die Führung der Truppe in das Kom-mando der Schutztruppe in Windhuk und die neuge-bildeten Stäbe der Militärbezirke des Nordens und des Südens. Die Truppe besteht aus 2000 Mann in 8 Kom-panien zu Pferd und einer Kamelreiter-Kompanie, 3 Bat-terien zu je 4 Geschützen und einer Telegraphen- und Signalabteilung. Dazu kommen 4 Proviantämter, 3 Laza-rette und Artillerie-, Train-, Pferde- und Bekleidungs-depots. Der Südbezirk unterhält zusätzlich ein Kamelge-stüt in Kalkfontein für seine Kamelreiter-Kompanie. Die Truppe ist auch mit Funk ausgerüstet und seit März 1914 besteht dazu über die Großfunkstation in Windhuk eine unmittelbare Verbindung zur Reichsregierung in Berlin. 1914 ist auch eine Fliegerabteilung für die Schutztruppe im Aufbau.
Der Ersatz der Truppe erfolgt durch die Einstellung von Freiwilligen aus dem Reichsheer und von wehrpflichti-gen Reichsangehörigen, die im Schutzgebiet ihren Wohnsitz haben und nach dem Wehrgesetz für die Schutzgebiete vom 22. Juli 1913 ihre Dienstpflicht bei der Schutztruppe zu erfüllen haben.
Der Ausbildungsgrundsatz der Truppe lautet: »… soll eine gut schießende Reitertruppe sein, die sowohl gegen die Eingeborenen des Landes als auch gegen einen eu-ropäischen Gegner zu kämpfen vermag.«
Für die Ausbildung der Truppe, die vollständig beritten ist, bewegt sie sich so viel wie möglich im Gelände, damit die Reiter die Landschaft kennenlernen, ihre Bodenbeschaffenheiten, die Lichtverhältnisse, die star-ken Unterschiede in den Tag- und Nachttemperaturen und vieles mehr. Ein Offizier berichtet von einer solchen Patrouille im Süden der Kolonie Anfang Dezember 1910:
»Einer längeren Patrouille sieht man immer mit großer Spannung entgegen. In einem Land wie Südwest mit seinen extremen Temperaturen sind gute Planung und Vorbereitung für ein solches Unternehmen sehr wichtig. Nach einer letzten Kontrolle der Ausrüstung, die mit-geführt werden mußte, brachen wir nachmittags um 16 Uhr auf. Zwei andere Patrouillen unserer Kompanie, angeführt von Hauptmann Brentano und Oberleutnant Motschenbacher, waren bereits unterwegs. In zwei Ta-gen sollten wir in Leberbeck zusammentreffen.
Mein Trupp bestand aus zehn Reitern, Stabsarzt Dr. Sa-ßerath und mir. Der nötige Proviant, sowie Hafer für die Tiere, befand sich auf einer Karre, die von acht Maul-tieren gezogen wurde. Leutnant von Huber begleitete uns noch bis zum alten Exerzierplatz von Kanus, unse-rem augenblicklichen Standort. Er mußte auf der Station zurückbleiben. Kaum auf der Pad bemerkte ich, daß ich mein Fernglas vergessen hatte. So schickte ich meinen Burschen Johannes zurück, um es zu holen.
Es war ein heißer, schwüler Tag. Aber da wir heute noch das 36 km entfernte Grabwasser erreichen wollten, mußten wir zeitig genug aufbrechen und die Hitze eben in Kauf nehmen. Ich ritt meinen Kastor, das größte Pferd der Kompanie. Für meine Packtasche nahm ich ein Maultier mit, das Johannes an der Hand führte. Wir ritten durch herrliches Weidegelände. Vor uns in der Ferne lagen die Karrasberge, die Habitberge und die Makdonaldberge. Von 18 bis 19 Uhr legten wir eine kurze Rast ein. Die Pferde ließ ich absatteln zum Weiden. Unterdessen traf Johannes mit meinem Fernglas ein. Als wir wieder im Sattel saßen, verschwand die Sonne all-mählich am Horizont und ein angenehm kühler Abend-wind kam auf. In einiger Entfernung war aufgewirbelter Staub zu sehen. Das mußte eine der anderen beiden Pa-trouillen unserer Kompanie sein.
Nach einem schlanken Trab erreichten wir um 21.30 Uhr Grabwasser, eine Farm der Kompanie. Leider war das Wasser im Brunnen nicht genießbar, da eine Menge to-ter Vögel darin lagen. Einige Hütten aus Holz und Stroh standen um den Brunnen herum. Ich zog es jedoch vor, mein Lager im Freien aufzuschlagen, da die Hütten meist Ungeziefer beherbergen. Viele schöne Bäume ga-ben der Anlage ein parkähnliches Aussehen. Unsere Tiere schickten wir zum Grasen auf die Weide. Bald traf auch die Karre ein und so konnte mit den Vorbereitun-gen für das Abendbrot begonnen werden. Trinkwasser führten wir in Wassersäcken mit. Man muß damit im-mer sparsam umgehen. Mein Hund Urib, der stets gro-ßen Durst hatte, erhielt Wasser aus meiner Feldflasche. In kurzer Zeit war das Essen zubereitet. Es gab kalten Hackbraten, Brot und Tee. Danach legten wir uns zur Ruhe nieder…«