Überall in der Südsee erklingen von den Einheimischen die „Sail Ho!“-Rufe wenn ein Schiff sich nähert. Ein vortreffliches drahtloses und rasendschnelles Telegra-phensystem. Von Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf ver-breitet sich der Ruf. Das Erscheinen eines Schiffes ist jedesmal ein Ereignis. So erfahren Eingeborene wie Weiße frühzeitig von der Ankunft eines Schiffes und können sich rechtzeitig zum Hafen begeben, zu Fuß, zu Pferd, mit Kutsche, Boot oder Kanu, wenn sie Einhei-mische sind, die gleich zum Ankerplatz oder Anlegeplatz des Schiffes mit den Kanu paddeln, um ihre Früchte, Waffen oder sonstigen Waren gegen Tabak und andere begehrte Artikel der Weißen einzutauschen.
Zu den Verkehrsverhältnissen von der Hauptstadt Herbertshöhe von Deutsch Neuguinea in die Inselwelt der Kolonie um 1900 schreibt Ernst von Hesse-Wartegg:
»Von dem bisherigen Verkehrselend kann man sich zu Hause gar keine Vorstellung machen. Als ich zu Jahres-beginn 1900 von Java aus nach dem Schutzgebiet reiste, traf ich auf der Stettin einige seltsame Mitpassagiere, darunter eine Dame. Dieselbe war Besitzerin eines Hotels in Ponape, der Hauptstadt der Karolinen [Die spanischen Karolinen sind seit 1899 deutsch], und fuhr anfangs des Jahres 1899 mit einem spanischen Dampfer nach Manila, um dort Einkäufe zu besorgen. Da wurde als Folge des spanisch-amerikanischen Krieges [1898] die spanische Dampferlinie eingestellt, und die gute Dame konnte nicht nach Ponape zurück. In Manila sagte man ihr, es sei für sie das beste, von den Philippinen nach Hongkong, von dort nach Singapore zu fahren und hier den Lloyddampfer Stettin über Neuguinea nach dem Bismarckarchipel zu nehmen. Von Herbertshöhe aus würde sich schon Gelegenheit finden, nach den Karolinen zu fahren. Sie that, wie ihr geheißen. Die direkte Fahrt von ihrem Heim nach Manila hatte acht Tage gedauert, und in der gleichen Zeit wäre sie wieder zurückgewesen. Nun war sie schon beinahe ein Jahr auf der Reise und saß jetzt in Herbertshöhe als Pensionärin der katholischen Mission, die sich ihrer in barmherziger Weise angenommen hatte. Schon in Hongkong mußte sie einige ihrer Einkäufe wieder losschlagen, um die Reisemittel zu bekommen, in Singapore einen weiteren Teil. Für die Fahrt nach Herbertshöhe verkaufte sie ihre Vorräte an Manilacigarren, die für ihre Hotelgäste in Ponape bestimmt waren. Dort wird man sich über sie wie über eine vom Tode Auferstandene wundern, ein weib-licher Enoch Arden!
Neben dieser Dame befanden sich auf der Stettin noch vier Karoliner, die ebenfalls ein Jahr vorher von ihrer Heimatinsel Yap in einem kleinen Boote ausfuhren, um die Nachbarinsel zu besuchen. Ein Sturm verschlug sie aufs offene Meer; dort trieben sie, aller Nahrung ent-blößt, eine Woche umher und wurden glücklicherweise von einem spanischen Kriegsschiff gefunden, das sie aufnahm und nach Manila brachte. Die spanischen Kriegsschiffe sind also doch zu etwas gut. In Manila muß man mit den Verkehrsverhältnissen und der Geogra-phie des Stillen Ozeans nicht besonders bewandert sein, denn auch diesen armen, nackten Wilden wurde be-deutet, das beste für sie sei, über Neuguinea nach Hause zu fahren. Die deutschen Konsulate beförderten sie als „Freiberger“ auf deutschen Schiffen über Hongkong und Singapore hierher, und hier saßen sie nun auf Rechnung und als Last der kaiserlichen Regierung und warteten auf die erste Gelegenheit, nach Yap zurück-zukehren.
Die armen Kerle besaßen nichts, als was sie am Leibe hatten, das heißt ein Muschelhalsband und Muschel-ohrringe. Das Klima hatte ihnen hart zugesetzt. Jedes-mal, wenn ich ihnen in Herbertshöhe begegnete, grüßten sie freundlich, sagten „Yap, Yap“, denn kein Mensch versteht dort Karolinisch, und zeigten mit der Hand nach Norden. Gab ich ihnen etwas Tabak, dann knieten sie nieder, senkten ihre malerischen Kraus-köpfe, hoben mein rechtes Bein und setzten meinen Fuß auf ihr Wollhaar. Bald nach unserer Ankunft starb einer an Auszehrung; als ich von der Expedition nach St. Matthias zurückkehrte, fand ich wieder einen weniger, der dritte sah so elend aus, daß er wohl auch ins Gras beißen dürfte, und der vierte kann sich glücklich schät-zen, wenn vor seinem Tode ein Dampfer eintrifft, der ihn mit nach seinem geliebten Yap nimmt. Man sieht, in der deutschen Südsee sind die Reisen ins Jenseits leichter als von einer Insel zur andern.
Aber selbst zwischen den verschiedenen Inselgruppen unmittelbar bei Herbertshöhe giebt es keine bessere Verbindung, oder vielmehr gar keine. Die weißen Händ-ler, Missionare und Regierungsbeamte sind auf ihre eigenen Segel- und Ruderbote angewiesen, die natürlich bei schlechtem Wetter nicht auf die offene See können. Man kann also bei einem Ausflug, selbst zur nächsten Insel, nie wissen, wann man zurückkehrt.«
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über die Schiffsverbin-dungen um 1912:
Das Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea ist infolge seiner insularen Lage sowohl im Verkehr der einzelnen Ge-bietsteile untereinander wie auch im Verkehr mit dem Auslande fast ganz auf die Schiffahrt angewiesen. Die Verbindung mit der Außenwelt und dadurch auch mit der Heimat erfolgt durch drei besondere Schiffahrts-linien und zwar durch die sogenannte Austral-Japan-Linie, die Neuguinea-Singapore-Linie und eine durch den Dampfer Germania der Jaluit-Gesellschaft herge-stellte Reichspostdampfer-Linie. Alle drei Linien bezie-hen eine Subvention vom Deutschen Reich. Die Austral-Japan-Linie verbindet das Schutzgebiet 4wöchentlich mit Australien und zwar mit Sydney und Brisbane einerseits, sowie den Philippinen, China und Japan — Manila, Hongkong und Kobe — andererseits. Die An-schlüsse nach der Heimat von dieser Linie aus werden in Hongkong und Sydney durch die Reichs-Postdampfer des Norddeutschen Lloyd hergestellt. Die Neuguinea-Singapore-Linie geht aus von Singapore, berührt sodann Batavia auf Java, ferner Makassar, Amboina und Banda im Sundaarchipel und läuft dann über verschiedene Häfen Kaiser-Wilhelmslands nach Rabaul. Die Fahrten auf dieser Linie, welche in Singapore gleichfalls unmit-telbaren Anschluß an die Reichs-Postdampfer des Nord-deutschen Lloyd hat, werden in 10wöchentlichen Ab-ständen ausgeführt. Der Postdampfer Germania der Ja-luit-Gesellschaft verkehrt zwischen Sydney und Hong-kong und läuft hierbei Rabaul sowie die wichtigsten Plätze im Inselgebiet der Karolinen, Palauinseln, Maria-nen und Marshallinseln 16wöchentlich an. Endlich läßt auch noch die australische Firma Burns, Philp & Co. in Sydney 2monatlich einen Dampfer zwischen Sydney und den Marshallinseln verkehren. Die Überfahrtsdauer von Deutsch-Neuguinea nach Europa beträgt durch-schnittlich 6 Wochen. Auf dem Wege über Sibirien kann die Reisedauer bei günstigem Anschluß bis zu 35 Tagen abgekürzt werden. Die Verbindung mit den ein-zelnen Plätzen des Inselgebiets nimmt bis zu 60 Tagen in Anspruch. — Den Verkehr im Schutzgebiet selbst ver-mitteln zunächst einmal die eben genannten 3 Linien. Mit der Austral-Japan-Linie ist es möglich, von Rabaul in 4wöchentlichen Abständen nach Friedrich-Wilhelms-hafen, dem Hauptplatz in Kaiser-Wilhelmsland, sowie nach Jap, der Zentrale der Westkarolinen, zu gelangen. 8wöchentlich laufen diese Dampfer auch, und zwar abwechselnd, Maron in den Hermitinseln (Bismarck-archipel) sowie Angaur in den Palauinseln an. Die Singapore-Neuguinea-Linie stellt eine 10wöchentliche Verbindung der Plätze Eitape, Potsdamhafen, Finsch-hafen und Morobe in Kaiser-Wilhelmsland sowie Peter-hafen auf den Französischen Inseln und Käwieng in Nord-Neumecklenburg mit Rabaul und untereinander her. Der Dampfer Germania berührt auf seinen Fahrten zwischen Sydney und Hongkong außer Rabaul die Plätze Nauru, Jaluit (Marshallinseln), Kusaie, Ponape, Truk (Ostkarolinen), Saipan (Marianen), Oleai und Jap in den Westkarolinen, sowie Korror auf den Palauinseln. Über-dies versehen innerhalb des Gebiets des Bismarckarchi-pels und der Salomoninseln 2 Küstendampfer des Nord-deutschen Lloyd einen regelmäßigen Dienst. Der Damp-fer Meklong ist bestimmt für die An- und Abfuhr der Güter aus den Plätzen der näheren Umgebung von Rabaul, nämlich der Blanchebucht, sowie den Stationen am St. Georgskanal, in der Neulauenburg-Gruppe, an der Nordküste und am Weberhafen (auf dem nördli-chen Teile der Gazellehalbinsel). Der Dampfer Sumatra unterhält regelmäßige Verbindungen mit den Haupt-plätzen des Bismarckarchipels und zwar verkehrt er in 3monatlichen Abständen auf folgenden Routen: 1. Kä-wieng, Neuhannover, Portlands- und Admiralitätsinseln; 2. Käwieng, Ostküste Neumecklenburgs, Namatanai, Feadinseln; 3. Buka, Bougainville, Tasman-, Mortlock-, Carteret- und Nissaninseln. Außer diesen regelmäßigen Verbindungen ist gelegentlich auch ein Verkehr mög-lich durch die Angaur und Nauru anlaufenden Dampfer der beiden Phosphat-Gesellschaften, die Dampfer Siar und Madang der Neuguinea-Kompagnie sowie durch die Regierungsdampfer Komet und Deutsche Kolonial-gesellschaft, und endlich die im Schutzgebiet kreuzen-den Kriegsschiffe. Ein Anspruch auf Beförderung be-steht jedoch in all den letzteren Fällen nicht. Auch die Regierungsschiffe halten keinen bestimmten Fahrplan ein, da sie ihrer Zweckbestimmung nach je nach vor-liegendem Bedarf nach den einzelnen Plätzen des Schutz gebiets entsandt werden. Im übrigen beleben zahlreiche kleinere Dampfer, ferner Motor- und Segelboote, sowie sonstige Fahrzeuge auch der Eingeborenen den Verkehr an den Küsten und zwischen den einzelnen Inseln. — Eine Flußschiffahrt hat sich bis jetzt noch nicht ent-wickelt. … Die Statistik für den Schiffs- und Hafenver-kehr des Schutzgebiets Deutsch-Neuguinea gibt für das Kalenderjahr 1912 606 Dampfer unter deutscher und 77 Dampfer unter nichtdeutscher Flagge, sowie 221 Segel-schiffe und endlich 76 Kriegsschiffe an, mit einem Gesamttonnengehalt von 848.180 Registertonnen, wo-bei die Kriegsschiffe nicht mitgerechnet sind. Der Per-sonen-, Lösch- und Ladeverkehr in den Hauptschif-fahrtsplätzen des Schutzgebiets, Rabaul, Friedrich-Wil-helmshafen und Käwieng, betrug (1912) 3601 Personen, 198 Stück Großvieh, 424 Stück Kleinvieh und 48.585 Tonnen Güter. —