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Rabaul

Rabaul liegt an der Bucht Simpsonhafen, einer Bucht in der Blanche-Bucht, welche im Nordosten der Gazelle-Halbinsel liegt, die zur Insel Neupommern gehört. Die Gazelle-Halbinsel hat ihren Namen vom deutschen Kriegsschiff Gazelle, das 1875 bei einer Forschungsfahrt die Halbinsel vermaß. Die ganze Nordostküste der Gazelle-Halbinsel, vom Kap Gazelle im Westen bis zum Simpsonhafen im Osten, ist ein ununterbrochener Palmenwald, in dem die weißen Häuser mit ihren roten Dächern der Siedler liegen.

Auf der Suche nach einem Platz für eine neue Haupt-stadt hat Gouverneur Hahl Simpsonhafen mit der wei-ten Ebene hinter dem Strand ausgesucht. Simpsonhafen ist ideal als Hafen geeignet, im Gegensatz zur bisherigen sieben Meilen entfernten Hauptstadt Herbertshöhe, die nur über eine kleine, ungeschützte offene Reede mit zwei sehr einfachen Landungsbrücken am Strand ver-fügt. Simpsonhafen ist eine große, bei jedem Wind ge-schützte Bucht, deren Wassertiefe nur allmählich ab-nimmt und ihr Boden besteht aus Schlick und weicher Koralle, in den mit wenig Mühe die Grundpfeiler für eine Landungsbrücke eingerammt werden können.

1904 kauft Hahl für 150 neue, blitzblanke Fünfmark-stücke das Land für den neuen Hafen und die Stadt am Simpsonhafen den Häuptlingen der umliegenden Dör-fer ab. Die Häuptlinge tauschen gerne, denn für ein Fünfmarkstück kann man soviele Stangen Tabak kau-fen, wie zwei Männer Zehen und Finger haben.

Das erste Projekt am Simpsonhafen ist der Bau einer großen Landungsbrücke mit Lagerhaus und Wasser-tanks durch den Norddeutschen Lloyd. Ein Pierbau-meister mit fachkundigem Personal und schwarzen Arbeitern, die teils vom Gouvernement gestellt werden, bauen die Landungsbrücke aus langen Pfählen aus aus-tralischem Eisenholz, das von den Reichspostdampfern Prinz Waldemar und Prinz Sigismund auf ihren fahr-planmäßigen Reisen von Sydney als Decksladung ange-liefert wird. Zunächst werden drei große Attapschuppen für den Leiter des Brückenbaus und seine Arbeiter er-richtet, bevor das Einrammen der Pfähle beginnt.

Eine große Ebene verläuft vom Hafen landeinwärts. Dort läßt die Regierung gleichzeitig die Rabaulebene abhol-zen. Zunächst liegt der geschlagene Wald zum Aus-trocknen am Boden, bevor er abgebrannt wird. Wo es notwendig ist werden Planierungen vorgenommen.

Rabaul wird von der Verwaltung als eine schöne Stadt mit breiten Alleen und großen Gärten geplant. Schach-brettförmig werden die Straßen angelegt und die Be-bauung beginnt. Bei der Wasserversorgung ist die Stadt auf Regenwasser angewiesen, denn der poröse vulkani-sche Tuffsteinboden saugt alles Wasser auf und gibt es nicht wieder in Quellen ab. Nur der Botanische Garten von Rabaul hat eine als Trinkwasser brauchbare Quelle. Er liegt in der Stadt landeinwärts hinter dem Chinesi-schen Viertel. 1906 gegründet ist er auch Anzuchtstelle für tropische Nutzpflanzen. Bis 1911 ist der Botanische Garten soweit gediehen, daß er in einen Pflanz- und ei-nen Lehrgarten geteilt wird. Besondere Felder zur Dar-stellung der Nutzgewächse der Eingeborenen sind in Angriff genommen. Die Gärtnerei gibt in großem Um-fang Pflanzen und Saatgut an die Ansiedler ab. Beim Botanischen Garten steht ein kleiner chinesischer Tem-pel. Chinesen sind als Handwerker in der Kolonie tätig.

Mit der Inbetriebnahme der Landungsbrücke in Simp-sonhafen Anfang Oktober 1905 verlagert sich der Schiffsverkehr von Herbertshöhe nach Rabaul und es werden Verbindungen zwischen den beiden Orten her-gestellt. Für die 30 Kilometer lange Strecke entlang der Blanche-Bucht zwischen Rabaul und Herbertshöhe gibt es einen Postläufer, der auch dann noch weiter seinen Dienst versieht, als eine Telefonleitung zwischen Her-bertshöhe und Rabaul eingerichtet ist, weil das Telefon keine Briefe befördern kann. Dazu gibt es einen Ruder-bootsverkehr zwischen beiden Siedlungen.



Seit 1910 ist Rabaul dann auch die neue Hauptstadt von Deutsch Neuguinea. Auf dem Bebauungsplan von Ra-baul des Vermessungsamtes des Kaiserlichen Gouver-nements vom Juni 1913 ist die seit bald zehn Jahren im Bau befindliche Stadt flächenmäßig in ihrer fertigen Form zu sehen. Sie zieht sich in einer Länge von etwa zwei Kilometern entlang der Rabaul-Bucht, wie jetzt statt Simpsonhafen auf dem Plan verzeichnet ist, auf einer Ebene vor den Bergen hin. In lockerer Bebauung stehen einige Dutzend zum Teil imposante luftige Holzbauten im Stadtgebiet und Gebäude um Gebäude kommt hinzu.

Über die Stadt schreibt 1911 ein deutscher Seemann: »Die Eingeborenen sehen für uns sehr fremd aus, sind aber sehr freundlich zu uns. Rabaul ist eine größere Stadt mit vielen Menschen, auch Chinesen leben hier.« Man kann aber ebenso zum Beispiel auch zierliche Japanerinnen auf den Straßen beobachten.

Ein typischer Morgen in Rabaul sieht Beamte zum Regierungsgebäude gehen und Kaufleute in ihre Offi-ces, die chinesischen Handwerker arbeiten auf der Bootswerft, schwarze Jungen laufen mit Briefen und Körben durch die Straßen, in den Küchen wird das Mittagessen vorbereitet, aus dem Kühlhaus wird Fleisch geholt, die schwarzen Mädchen fegen die Zimmer und Veranden der Tropenhäuser aus und weiße Kakadus kreischen in den Kokospalmen.

Wenn alle sechs Wochen der Postdampfer durch die stille, tiefe Bucht Rabaul anläuft, ist es das große Ereig-nis der Stadt. Was vor einem halben Jahr in Deutschland bestellt wurde, soll jetzt eintreffen: Möbel, Maschinen, Bücher, vor allem Bier, frisches, eiskaltes Bier wird mit-kommen und Briefe und Nachrichten und hundert Neuigkeiten aus den mitgebrachten Zeitungen und von den Neuankömmlingen und der Besatzung. Auf der gro-ßen Landungsbrücke ist regeres Leben als sonst. Dort rennen ein paar Dutzend Kanakerjungen herum, die Leinen klar legen, Schubkarren herbeibringen, Loren auf den Schienen verschieben. Herren in weißen Anzü-gen kommen im Buggy angefahren, wie man die leich-ten, mit einem Pferd bespannten zweirädrigen Wagen nennt. Koffer werden geschleppt, ein Hund bellt aufge-regt dazwischen. So sammeln sich die Deutschen in ihren weißen Tropenanzügen auf der Landungsbrücke für das Anlegen des Lloyddampfers, während schwarze Ladungsarbeiter in ihren roten Lendenschurzen herum-wimmeln.

An die Piers schließen an Land Lager und Verwal-tungsgebäude des Norddeutschen Lloyd an und Läden, Lager, Verwaltungs- und Wohngebäude der Handels- und Plantagengesellschaften, Hotels, Regierungsge-bäude, Post und Wohnhäuser, in kurzer Zeit errichtet in der wachsenden Stadt. Alles was mit Handel und Wandel zu tun hat ist nach Rabaul übergesiedelt. Chinesen und Japaner, teils Händler, teils Bootsbauer, bilden eine asiatische Abteilung im Nordwesten von Rabaul. Am Strand entsteht eine Bootswerft auf der kleine Segel- und Motorfahrzeuge gebaut werden. Eine Eisfabrik nimmt ihren Betrieb auf und verdrängt das monotone Geräusch der durch die von Boys in Sal-petersäure zur Kühlung geschüttelten Flaschen aus den Straßen. Die Häuser stehen auf Pfählen und die Hühner und Gänse der Bewohner finden bei zuviel Sonne im Raum zwischen Hausboden und Erdboden ihren Unter-schlupf.

Bald durchziehen gepflegte, schattige Alleen die Stadt und von Rabaul führt eine Straße um die Blanche-Bucht herum nach Herbertshöhe. Ein Stück der Straße nach Herbertshöhe über einen vulkanischen Höhenrücken aus Bimsstein wird aber in jeder Regenzeit zerstört, sodaß schließlich durch den bröckelnden Bimsstein des Höhenrückens ein 150 Meter langer Tunnel mit starken Bohlenwandungen das Problem löst. Von Rabaul aus kommt man durch den Tunnel auch zum Varzinberg, wo die Erholungsstation Toma liegt, von der man einen herrlichen Ausblick auf die Blanche-Bucht und ihre Vulkane hat.

Drei als erloschen geltende Vulkane umgeben Rabaul, im Norden die Nordtochter, im Osten der höchste Vul-kan, die Mutter und im Südosten die Südtochter mit einem mit gelben Schwefelwasser gefüllten Krater. Ein Aufstieg auf die etwa 700 m hohe Mutter gilt als beson-dere Anstrengung. Nur selten wird der Vulkan bestiegen und dann in den allerersten Morgenstunden, um der glühenden Tageshitze auszuweichen. Der Marsch führt durch ein Gelände ohne Baum und ohne Strauch steil bergauf wegelos über vulkanisches Geröll. Vom Gipfel der Mutter hat man dafür eine schier unendlich weite Aussicht. Der Ozean verliert sich in seiner Endlosigkeit und auf Neumecklenburg sieht man die bis zu 2000 m hohen Berge. Über die Blanche-Bucht hinweg schaut man auf die im Inneren der Gazelle-Halbinsel stehen-den grünen Bainingberge und man sieht den gelben Kratersee der Südtochter.

Unterirdisches Rollen und Rumpeln, leichte Erdbeben, sind bekannte Erscheinungen für die Bewohner von Rabaul. Der Spruch geht um, daß, wenn abends wieder die vier Wände wackeln, die Hausfrau nach der Petro-leumlampe greift, der Hausherr aber nach der bedroh-ten Bierflasche.

Gefährlich sind die Erdbeben in Rabaul und allen ande-ren Siedlungen der Gegend wie etwa Herbertshöhe, nur abends, wenn die Petroleumlampe angezündert ist, die umfallen und Feuer im Holzhaus verursachen kann. Deshalb ist es Grundregel für jedermann: Nie eine brennende Lampe im Zimmer allein lassen, auch nicht für wenige Augenblicke.


Die deutsche Tropenstadt Rabaul ist zunächst eine Stadt der unverheirateten Männer. Weiße Frauen sind Man-gelware und die einzige Unterbrechung im Leben sind die Postdampfertage. So bleibt Alkohol eine Hauptfrei-zeitbeschäftigung, etwa schon zum Frühschoppen im ›Blutigen Knochen‹, wie man das Hotel der Neuguinea Kompagnie nennt, deren Fahne ein Löwe mit rotem Stab in der Pranke verziert.

Die schwarzen Bediensteten der Weißen machen natür-lichen einen bedeutenden Anteil der deutschen Kolo-nialstadt aus und nehmen schnell städtische Gewohn-heiten an. Grüßten die Eingeborenen sich untereinan-der mit soetwas wie »Hoarupp« so wechseln sie schnell zu »Mahlseit!«, was sie ihren Herren abgehört haben, aber nun zu jeder Tages- und Nachtzeit untereinander verwenden.

Auch die Mode alle möglichen Muscheln, Ringe und was auch immer durch die Nase gezogen zu tragen verschwindet zur Verblüffung der Europäer schnell. Auf die Nachfrage der Weißen, warum dem so sei, bekom-men sie eine ungewöhnliche Antwort. Es waren einige Dutzend Wasserbüffel nach Rabaul eingeführt worden und daraufhin wollten die Eingeborenen nicht wie die Wasserbüffel aussehen, denen man einen großen kup-fernen Ring durch die Nase gezogen hat, um die teil-weise renitenten Tiere an ihrer empfindlichsten Stelle führen zu können.


Wenige Minuten zu Fuß von den Landungsbrücken von Rabaul in Richtung Hafenausfahrt erstreckt sich ein seltsamer, kaum zwanzig Meter breiter und mehrere hundert Meter langer Meeresarm landeinwärts, an des-sen innerem Ende heiße Schwefelquellen entspringen. An vielen Stellen kocht das Wasser. Auch am Strand finden sich solche vulkanisch gespeisten Quellen. An Rheuma und mit ähnlichen Leiden Behaftete nutzen das Quellgewässer zum Baden.

Eine bequeme, viel gewundene Straße führt nach Nama-nula, einem Stadtteil im Osten von Rabaul auf einem Ausläufer des gleich an der Stadt anliegenden Vulkans, der Mutter genannt wird, und hinter dem südlich der Vulkan Südtochter liegt. Der Vulkan Nordtochter liegt nördlich von Rabaul. In Namanula hat Gouverneur Hahl seine Residenz und auch ein paar Beamte wohnen dort. 1907 wird in Namanula die Regierungsschule für Jungen errichtet. Diese Eingeborenenschule mit 71 Schülern im Jahre 1912 führt auch den Druck des Amtsblattes von Deutsch Neuguinea und andere Drucksachen aus. 1909 wird in Namanula das Europäer-Krankenhaus gebaut.

Für eine Abendunterhaltung im April 1912 ist Komman-dant Paul Ebert von der SMS Cormoran mit vielen weiteren Gästen bei Gouverneur Dr. Hahl in Namanula eingeladen. Dem Kriegsschiffkommandanten ist für den Weg von Rabaul nach Namanula das Automobil des Plantagenbesitzers Wahlen zur Verfügung gestellt, aber Ebert will genießen, was ihm im motorgetriebenen Wa-gen nicht möglich ist. Er wandert langsam den gewun-denen, von üppigem Buschwerk eingefaßten Fahrweg hinauf. Die Dunkelheit bricht herein, aber tausende von Glühwürmchen beginnen zu leuchten und blinken im gleichen Takt, abwechselnd, in kurzen Pausen hell auf-leuchtend und verdunkelnd, spenden sie dem Wande-rer ein bezauberndes Wegelicht.

Im September 1912 macht Gouverneur Albert Hahl mit den Kriegsschiffkommandanten Paul Ebert und Konrad Mommsen mit seinem Automobil eine Fahrt von Rabaul über den Ratawulpaß zur Nordküste. Eine sehr gute Stra-ße führt dorthin, die an einer Stelle den Bergrücken in einem Tunnel durchquert. Man muß hier aufpassen, daß niemand entgegenkommt, weil ein Ausweichen oder Drehen im engen Tunnel unmöglich ist. Durch präch-tige Pflanzungen führt der Weg und ein wundervoller Ausblick öffnet sich an der Nordküste. An einem Platz im Wald stoßen die Ausflügler auf einen Markt der Ein-geborenen. Hier kommen die Einwohner von der Küste und von der kleinen Insel Matupi mit den Bergbewoh-nern zusammen. Die Bewohner vom Wasser bringen Fische und Korallenkalk zum Betelkauen, die von den Bergen geröstete Taros. Tambu, das ist Muschelgeld, auf Schnüre gereiht, findet hierbei als Tauschmittel Anwen-dung.

Eine andere Straße, nach Süden verlaufend, verbindet Rabaul mit der nahen Insel Matupi. Die Insel ist mittler-weile durch eine breite Fahrbrücke mit der Ebene von Rabaul verbunden. An dieser Straße stehen Kokosplan-tagen der Firma Hernsheim & Co. Bei der Anfahrt mit dem Schiff auf Rabaul kommt man zuerst an der Insel Matupi vorbei, auf der 1873 die erste deutsche Handels-station entstand und die Firma Hernsheim seit 1877 ihren Sitz hat. Von Matupi aus verwaltet das Unterneh-men ihre überall im Bismarck-Archipel verstreuten Pflanzungen. Der größte Teil der Insel ist von einem großen Dorf der Eingeborenen eingenommen, die von ihren Pflanzungen auf der Insel und auf der Landseite leben und vom Fischfang und zuweilen bei Hernsheim arbeiten, etwa beim Bekohlen von Kriegsschiffen. Matu-pi ist seit 1881 auch ein deutscher Marinestützpunkt.

Von einem Schiff, daß vor Matupi Anker geworfen hat, sieht man, wenn die Sonne tropenüblich bald nach sechs Uhr abends untergegangen ist, die Hüttenfeuer der Eingeborenen aufflammen und hie und da glimmt am Kraterrand des Tawurwur, einem Nebenkrater der Südtochter, rotglühende Lava gespenstisch auf. Bei Tage sieht man vom Tawurwur leichte Dampfwölkchen auf-steigen. Die von ihm geheizten zahlreichen Schwefel-quellen am Strand und im Seewasser von Matupi färben häufig einen großen Teil der Blanche-Bucht gelb. Schiffsbesatzungen rudern zu den heilwirkenden Schwefelquellen und baden in dem Wasser.  

Vor dem Hafen von Rabaul stehen die Wahrzeichen der Stadt, zwei kleine steile Inselchen, deren Form wegen sie Bienenkörbe genannt werden. An den Flachstellen der Inselchen hat sich ein Dorf aus Einheimischen ange-siedelt.


Alexander von Thayer über die Geschäfte der Schoner-kapitäne:

»Wir hatten in Rabaul unsere Ladung gelöscht. Wir, das war der Schoner Tuscarora, mit Petroleummotor und der faulsten Kanaker-Mannschaft, die jemals zwischen Karolinen- und Salomon-Inseln fuhr. Und mit Kapitän Hoeft, der jedes Atoll wie seine Westentasche kannte. Was etwas heißen will, denn Westentaschen gibt es nur vier und Atolle einige zehntausend. Ladung, das war natürlich Trochus und Kopra. Trochus, das Rohmaterial, das die Perlmutter verarbeitenden Fabriken der ganzen Welt suchen und gut bezahlen, und Kopra, der Kern der Kokosnüsse, der aufgespalten, geschält und gewaschen und dann getrocknet in Säcken zur Verschiffung ge-langt.

C. Adelskold in Rabaul übernimmt die Ladung, stellt seinen Scheck aus, der Scheck wandert von der linken Seite des Kontors (Export, Vertretung des Norddeut-schen Lloyd) in die rechte Seite des Kontors (Import, echt schottischer Whisky, Petroleum, Schmieröl) und die Tuscarora ist wieder auslaufbereit.

Das heißt, sie wäre es, wenn nicht der Skipper und Steuermann in Ah Chees Hotel säßen. Natürlich nicht nur, um Whisky zu trinken, denn das kann man an Bord der Tuscarora auch, und zwar reichlich. Aber in Ah Chees Hotel kommen alle Pflanzer, Schonerkapitäne und Kopra-Agenten zusammen, und bekanntlich kommt ein Geschäft dadurch zustande, indem sich zwei oder mehrere Leute in einer Bar treffen. In der Südsee wenigstens. Manchmal kommt Ah Chee zum Tisch oder sein Sohn Ah Ming, der Besitzer des Grand Hotels, die nicht nur Whisky und wanzenfreie Hotelzimmer ver-mitteln, sondern ebensoviel von der christlichen See-fahrt und anderen Dingen verstehen, die nur sehr selten entfernt mit ihr zusammenhängen, und geben ihre Rat-schläge. Und den Ratschlag eines Chinesen soll man nicht in den Wind schlagen. Man soll sogar das Gegen-teil davon tun.

„Fahren Sie nach Tulagi und holen Sie mir meine Tro-chus-Stapel, die man hier beschlagnahmt hat“, schlug Mr. Carlsen meinem Kapitän vor.

„Tulagi, Hauptstadt der Salomonen? Nicht übel“, meinte Kapitän Hoeft. „Läge auf meiner Route, und außerdem haben wir jetzt den Nordwest-Monsun. Was ist’s also mit den Muscheln?“

„Achtzig Säcke Trochus und vierzig Säcke Grün-schneckenmuscheln“, erklärt Carlsen, dessen blonder Schopf den Schweden schon auf hundert Meter verriet. „Richtig mit Konzession gefischt. Ich habe aber nicht die Rechnung mit den englischen Tauch- und Freibeutern in den Salomonen gemacht. Kaum in Tulagi eingelaufen, kam der Master on Top an Bord, wie die Kanaker den englischen Residenten nennen. Verdammt, wir hatten keine Ahnung, baten noch ganz friedlich um Frisch-wasser, Gemüse und eine Tonne Rohöl für die Reise nach Rabaul. Der Master sah sich unsere Ladung an – ich will verdammt sein, wenn jemand noch solche Ladung ausgesuchter Trochusmuscheln an Bord hatte, dann hält er mir unsere Konzessionsurkunde vor die Nase. Irgendein Stempel fehlte, verstehen Sie, eine reine Formsache. Kann Ihnen nur sagen, es war die aus-gesuchte Lumperei, die jemals um den gesegneten 180 Grad verübt wurde. Der Kerl pfiff seinen Kanakern und ließ meine kostbaren Säcke einfach von Bord schaffen. Beschlagnahmt.“

„Ausgezeichnet“, meinte Kapitän Hoeft. „Und Sie mei-nen, daß ich einfach nach den Salomonen zu segeln brauche, mit einem freundlichen Gruß von Ihnen?“

„Ich meine garnichts“, erklärte Carlsen und schenkte frischen Whisky ein. „Ich denke nur, daß Sie meine Säcke abholen. Unter Protest des Residenten natürlich. Ich gebe Ihnen einen Head Boy mit, der sich auf solche Dinge versteht. Ihrer Praxis in solchen Dingen vertraue ich vollkommen.“

Natürlich zeigte Carlsen dem Kapitän seine Papiere. Es war schon alles so, wie er es erzählt hatte. An der rechtlichen Seite seines Eigentums war nicht zu zwei-feln.

„Gut“, entschied Hoeft. „Ich kann ihre Säcke nebenbei mitnehmen. Habe eine Order für Karkar-Island, an der Nordküste Neu-Guineas. Kennen Sie die deutsche Pflan-zung Palmalmal? Gehört dem alten Schmidt. Dort kann ich meine Laderäume auffüllen. Für ihre 120 Sack allein kann ich nicht nach Tulagi segeln. Wenn kein austra-lischer Kreuzer vor Tulagi liegt, bringe ich Ihnen Ihre Muscheln. So wahr ich Kapitän Hoeft heiße…“

Nachdem wir noch im Kino waren, liefen wir um Mitternacht aus. Zehn Tage brauchten wir bis Tulagi, die See war stürmisch und es goß, wie es nur in der Südsee gießen kann. Wer glaubt, daß es dort immer nur blaues, ruhiges Meer, friedliche Atolle, leise wedelnde Palmen-wedel gibt, würde sich sehr wundern. Am elften Tage – wir hatten eben die Uhr um eine Stunde vorgerückt, kamen die britischen Salomonen in Sicht. Zehn Stunden später band ein Chinese – auf welcher Südsee-Insel gibt es diese nicht – unsere Trosse an einer Palme fest.« Mit List nimmt Kapitän Hoeft dem englischen Residenten der britischen Salomonen die 120 Säcke Trochus und Grünschneckenmuscheln ab. Thayer: »Sechs Wochen später hatte Herr Carlsen seine Säcke.«