Im September 1913 ist Georg Escherich ein paar Tage in Ojem und beschreibt den Sitz des Bezirkes Wolö-Ntem, der im Urwaldgebiet im Süden der Kolonie liegt. Ojem ist auch der Hauptsitz der 10. Kompanie der Schutz-truppe von Kamerun und Poststation:
»Der Eindruck, den Ojem auf mich machte, war eine Enttäuschung. Es ist wiederum nur eine der tief im Urwald gelegenen typischen Buschstationen, wie sie von den Franzosen übernommen worden waren. Die deut-sche Verwaltung hatte zunächst wichtigeres in ihrem Bezirk zu tun, als für ihr eigenes persönliches Wohl-befinden zu sorgen, und so war für den Ausbau der Station [Seit Oktober 1912 Sitz der deutschen Verwal-tung] selbst so gut wie noch nichts geschehen. Ein einzelnstehendes kleines Rasthaus ist für mich bereit gemacht; dumpf, dicke Lehmwände, zwei Zimmer ohne Verbindung, keine Fenster, dafür aber eine sehr un-glücklich angebrachte Veranda, die dem spärlichen Licht der Zimmer auch noch einen guten Teil wegnahm. Auch das Offiziersgebäude und das Wohnhaus des Stationschefs, in dem sich die Kanzleien befinden, sind elendes Machwerk; Lehmboden, Lehmwände bilden düstere, niedrige Aufenthaltsräume, die noch dazu mit einem ständigen Modergeruch behaftet sind. Ist doch Ojem ein ungemein niederschlagreiches Gebiet, in dem es eigentlich das ganze Jahr regnet. …
Doppelt schwer wurde der Mangel an einigermaßen wohnlichen Räumen von den Herren der Verwaltung empfunden, die ja sonst in der Wildnis so wenig Bequemlichkeiten hatten, daß ihnen weiß Gott eine ordentliche Unterkunft zu gönnen gewesen wäre. Die Verbindung mit der Küste war eine recht langwierige und nahm volle 16 Tage in Anspruch. Von Ojem konnte man tatsächlich behaupten, daß es ein gott- und welt-verlassener Aufenthaltsort war. Die dort tätigen Weißen entbehren oft das Allernötigste. Infolge der schlechten Verkehrsverhältnisse kam trotz allen Drängens und allen Geldaufwandes nichts oder nur wenig heran.
Über diese wenig angenehmen Lebensverhältnisse half den Offizieren und Beamten von Ojem nur die viele Arbeit hinweg, die sie in treuester Pflichterfüllung tagaus, tagein leisteten. So steckte auch Dr. Kirchheim von früh 6 Uhr bis abends im Geschirr. … Neben der Verwaltungstätigkeit, die Dr. Kirchheim in Vertretung des abwesenden Stationschefs [Hauptmann Hädicke] zur Zeit auszuüben hat, nehmen ihn die Kranken stark in Anspruch. Sein aus Buschmaterial schlecht und recht erbautes Hospital war stets voll und überbesetzt.
Auch ich habe die paar Tage in Ojem von früh bis abends zu arbeiten. … Dann waren verschiedene Berichte an das Gouvernement [von Kamerun in Buea] zu fertigen [über seine gerade beendete Expedition durch Spanisch Mu-ni], nachdem nunmehr die erste deutsche Poststation erreicht war. Rasch verfliegen die Stunden, und erst, wenn es Abend wird, finde ich Zeit, einen kurzen Spaziergang außerhalb der Station zu machen, um mich etwas umzusehen. Vor allem interessierten mich die Rodungen am Rande der Siedlung. Sehr viel ist hier schon in der kurzen Zeit der deutschen Verwaltung geschehen. Die von den Franzosen übernommenen landwirtschaftlichen Flächen waren fast um das drei-fache vermehrt, und der fruchtbare ehemalige Urwald-boden brachte reichliche Ernten. Auch die Wasserfrage war glänzend gelöst. Zwei gute, kunstgerecht gefaßte Quellen liefern reichlich Wasser; die eine für die Euro-päer, die andere für die Schwarzen. Das herrliche, gute Wasser macht Ojem zu einem recht gesunden Platz, in dem die gefährliche Dysenterie eine Seltenheit ist und auch Fieberfälle nur wenig vorkommen. Ist somit für eine zukünftige größere Siedlung das Nötigste bereits geschaffen, so wird das andere nachkommen. Man wird dann auch Zeit und Geld finden, an Stelle der muffigen, ungesunden Lehmhäuser ordentliche Steinbauten mit Fenstern aufzuführen. An Lehm fehlt es ja nicht, und die behelfsmäßigen Öfen zum Ziegelbrennen sind bereits in Vorbereitung. Überall rührt und regt es sich, man sieht, Ojem ist im Aufstreben.«
19. September 1913. Schwere nächtliche Gewitter tobten. »Wollte er [Stationsleiter Hauptmann Hädicke] doch, wie Eilboten kündeten, frühmorgens schon in der Sta-tion sein. Er war also gerade in dieser fürchterlichen Nacht auf dem Marsche. — Der Morgen graut, da wird er auch schon im Anmarsch gemeldet. … Vor wenigen Minuten war wieder ein schwerer, alles durchdringen-der Regenschauer niedergegangen und hatte den wak-keren Hauptmann nochmals bis auf die Haut durchnäßt. Schadet nichts, der Pflichtgetreue nimmt sich nicht einmal Zeit zum Umkleiden, sondern eilt sofort in sein Geschäftszimmer, um die um 9 Uhr abgehende Post nach Kribi rechtzeitig abzufertigen. Sie darf unter kei-nen Umständen aufgehalten werden, wenn sie zum nächsten Postdampfer richtig an der Küste sein soll; versäumt sie den Anschluß, so dauert es zum mindesten wieder 14 Tage, bis der nächste Dampfer sie abholt.
Für den Abend hatte Herr Hädicke Dr. Kirchheim und mich zu Gast gebeten. Es sollte mein Begrüßungs- und zugleich mein Abschiedsessen sein, denn morgen früh wollte ich auf alle Fälle weiterziehen. Unvergeßlich ist mir der Abend, den ich in dem mehr als einfachen Buschhause verlebt habe. … Gegen Mitternacht ist es, als Dr. Kirchheim mich noch zum Rasthaus geleitet. Die wunderbare Vollmondnacht verleiht dem schlafenden Ojem, umgeben von schimmernden Urwaldriesen, ein märchenhaftes Aussehen. Noch lange stehe ich auf der Veranda und genieße in vollen Zügen die Zaubernacht. Was wollen wir Deutschen nicht alles noch aus diesem herrlichen und bis jetzt so vernachlässigten Gebiete machen!
… Es wurde mir fast schwer, von dem anfänglich so mißachteten Buschneste zu scheiden … als der Haupt-mann mir für die nächsten Tage sein eigenes Streitroß zur Verfügung stellte. Auch ein Pferdebursche wurde mitgegeben und ein Begleitsoldat, um das für die Station so wertvolle Tier wieder sicher zurückzubringen.«