Namatanai, die Regierungsstation von Süd-Neu-Meck-lenburg, liegt an der Nabuto-Bucht, welche sich an der Westküste des mittleren Neumecklenburg befindet.
Auf einem Hügel am Hafen ist die Regierungsstation erbaut. Pflanzungen umgeben die Station, bis dichter Urwald einsetzt mit Dörfern der Eingeborenen darin.
Der Stationsleiter von Namatanai hat 1911 den Offizieren des Kreuzers Cormoran ein besonderes Angebot zu offerieren: „Meine Herren, hier müssen Sie auf die Krokodiljagd gehen, so was sehen Sie nie wieder.“
Dankend lehnen die Offiziere ab und erzählen von den Enttäuschungen bei den Krokodiljagden bei Friedrich-Wilhelmshafen.
„Wir wollen Ausflüge machen, alles wollen wir sehen, nur keine Gewehre mitschleppen.“
„Die können ja die Polizeisoldaten tragen, da nehmen wir ein paar schwarze Jungen mehr mit.“
„Danke, danke – wir wissen Bescheid – wir haben genug. Wir wollen nicht auf dem Anstand sitzen oder im Mo-rast herumwaten, wir wollen etwas von der Gegend sehen.“
Der Cormoran-Offizier Witschetzky berichtet das Wei-tere:
»Wir machten also mit dem Stationsleiter einen präch-tigen, wenn auch bei der herrschenden Hitze mächtig anstrengenden Marsch. In aller Frühe ging’s los, hinein in den tropischen Urwald. Zweierlei, was das „Green-horn“, wie der Neuling verächtlich genannt wird, in ihm erwartet, kennt dieser Urwald nicht: Blumen und lieb-lichen Vogelgesang. Nur fettes großes Blattwerk in allen Formen wuchert hier, und statt des Gesanges der Sing-vögel ist die Luft angefüllt mit dem ohrenzerreißenden Gekreisch der Papageien und Kakadus. Während die weißen Kakadus einzeln durch die hohen Äste der himmelwärts strebenden Bäume flattern und gereizt ihr gelbes Krönchen spreizen, begleiten die roten Papa-geien scharenweise die Wanderer und hören nicht auf, zu schimpfen und zu skandalieren. Es ist, als ob sie sich über die Eindringlinge bis zur Weißglut erbosten.
Wir marschieren auf einem engen, schlüpfrigen Pfad, meist über glattes, moosbedecktes Gestein. Gestürzte morsche Baumstämme versperren den Weg, beim Überklettern bricht man ein oder tritt in ein Ameisen-nest, Spinnweben wickeln sich um den Kopf, dann watet man bis zu den Hüften durch ein Meer von großen fetten Blattstauden, ein Stück vom Hemd bleibt in einem Dornengestrüpp hängen. Lianen, jene unzerreiß-baren grünen Geschlinge, hängen von den hohen Bäumen herab und gebieten Halt. Man ist nicht böse über die Pause, denn das Marschieren in der feuchten, dumpfen Treibhausschwüle des Urwaldes ist nicht leicht. Die Polizeisoldaten marschieren vorn weg. Sie geben den Weg an, und mit langen geschwungenen Buschmessern schaffen sie Platz, schlagen Blätter und Äste ab und zerschneiden Lianen. Ohne sie wäre das Vorwärtskommen in diesem blumenlosen Wald nicht denkbar. –
Endlich haben wir eine Lichtung erreicht, es war ein fast vollständig ausgetrocknetes Flußbett, angefüllt mit grauem, steinigen Geröll.
Am andern Ufer des etwa fünfzig Meter breiten Geröll-streifens begann wieder die grüne Mauer des Urwaldes.
„Sehen sie dort das Schwarze?“ fragte der Stationsleiter und wies auf einen hohen, am Waldesrand stehenden Baum hin, der aber nicht grün, sonder vollständig schwarz war, wie mit kohlschwarzem, glänzendem Blatt-werk besetzt. „Wissen Sie was das ist?“ fuhr er fort.
„Wohl ein kranker, verfaulter Baum?“ antworteten wir, voll Neugier das merkwürdige Gewächs betrachtend.
„Passen Sie mal auf!“ sagte unser Führer und ergriff das Gewehr eines Polizeisoldaten.
Er zielt und schießt in den schwarzen Baum – schschsch – – das Blattwerk wird lebendig, es flattert und fliegt wie taumelnd in der Luft herum.
„Fliegende Hunde, eine große Fledermausart, die tags-über schlafen und erst in der Dunkelheit auf Jagd aus-gehen. – Der Fliegende Hund sieht bei Tage schlecht, deshalb die taumelnden Bewegungen.“
Ein weiterer Schuß holt ein paar von den unheimlichen Tieren herunter. Die Rippen der wie schwarze Regen-schirme aussehenden Flügel waren zerbrochen, und nun krochen sie mit den Flügeln und den Krallen auf dem Boden herum. Nur mit Überwindung vermochte man die ekelhaft riechenden Riesenfledermäuse anzu-sehen, die wie kleine Kinder wimmerten und schrien. Wir gaben ihnen schnell den Fangschuß.
Der Marsch endete an einem ziemlich breiten Fluß, wo ein großes Boot bereit lag. In das wir einstiegen und das uns stromabwärts zur Mündung ins Meer brachte.
Ganz vorn im Boot saßen zwei Polizeisoldaten, dann kamen die rudernden Namataneileute mit auffallenden Narben bedeckt, die sie als Schmuck sich mit vielen Schmerzen auf Brust und Armen beibringen. Einer hatte einen kleinen Stock durch die Nase gesteckt und kam sich besonders schön damit vor. Hinten saßen wir Weißen, der Stationsleiter ergriff das Ruder. Die Fahrt führte durch hohen Wald, wie zu einem grünen Dom schlossen sich über uns die Zweige der Baumriesen. Wenige hundert Meter vom Strand entfernt verbreitete sich der Fluß und teilte sich in zwei Arme, die eine flache Sandbank umschlossen.
„Puk-Puk!“ sagten die Eingeborenen plötzlich. Drei ge-waltige Krokodile, die ich zunächst für morsche große Baumstämme hielt, lagen da.
Schuß! – Schuß! Aufgeregt feuerten die vorn sitzenden Polizeisoldaten auf die schlafenden Tiere.
Wie auf Kommando setzten die so träge aussehenden Puk-Puks ihre vier Krallenbeine in Bewegung, und über-raschend behende – plitsche-platsche – verschwanden sie im grauen Wasser. „Hätten wir doch . . . !“ seufzten wir. Aber unser Ärger über die verpatzte Jagd wurde dadurch versüßt, daß wir endlich einmal die Puk-Puks in freier Natur hatten sehen dürfen.«