Während einer Expedition durchs Land besucht Gou-verneur Jesko von Puttkamer im Januar 1897 auch Lolo-dorf. In seinem 1912 erschienen Buch Gouverneurs-jahre in Kamerun schreibt Puttkamer darüber:
»In dem hochgelegenen Dorf Epussi fanden wir in reiner Höhenluft ein kühles und erquickendes Nachtquartier. Bald hinter Epussi bemerkten wir mitten im Walde seit-lich des Weges eine eingefriedigte, sauber gehaltene und mit Kreuz und Aufschrift versehene Grabstätte; hier ruhte der vor einigen Jahren als Stationschef für Lolo-dorf herausgekommene Oberleutnant a. D. Lübke, dem das tückische Klima es nicht einmal vergönnt hatte, die ihm bestimmte Station zu erreichen und seinen Dienst anzutreten; mitten auf dem Marsch hatte ihn in hohem Fieber der Schlag getroffen.
Die Station Lolodorf liegt wie eine Burg in Thüringen auf einem isolierten Bergkegel 600 m hoch im Waldtal des Lukonje, der tief unten an dem Stationsberge vorbei-fliesst; ringsum ist der Bergwald niedergeschlagen, so dass sich eine vorzügliche militärische Lage ergibt. Nach allen Richtungen hin erblickt man bis zum fernsten Horizont bewaldete Bergketten. Unten am Fluss liegen Faktoreien der Firmen Karl Maass, Randad und Stein, Lübke & Co., C. Woermann & Co., alle bis jetzt von far-bigen Gabunesen geleitet, sowie verschiedene Ngumba-dörfer; etwas weiter jenseits des Flusses auf halber Bergeshöhe sieht man das erste Jaundedorf unter dem alten Häuptling Ebuda. Über den Lokunje führt eine solide, zu Pferde gut passierbare Holzbrücke. Die Station fand ich besetzt mit einem europäischen Unteroffizier – Sergeant Bauch – und 22 Mann der Truppe. Wohnhaus, Kaserne, Arbeiterwohnungen und Ställe sind in primi-tiver Weise ganz aus einheimischem Material herge-stellt. Da die Station nur zwölf Arbeiter beschäftigte, so verursachte sie nur unerhebliche Kosten. Ich setzte ei-nen Etat für dieselbe fest und unterstellte sie bis auf weiteres der Hauptstation Jaunde. Allerdings nahm ich mir vor, in Lolodorf sobald wie möglich ebenfalls einen Offizier zu stationieren, da gerade diese Station aus vie-len Gründen ganz besonders wichtig ist und eine be-deutende Selbständigkeit in Beobachtung, Berichter-stattung und Entschliessung erfordert. Gerade hier kommen verschiedene Stämme miteinander in Berüh-rung, und die an einem solchen Knotenpunkt unver-meidlichen Reibereien und Palaver sind nicht immer ganz einfach zu erledigen. Mabea, Batanga und Bakoko von der Küste kommen häufig bis hierher, ebenso im Dienst der Firmen stehende Weyleute, welche, meist ohne europäische Aufsicht, zu Ausschreitungen neigen; die Ngumba stossen hier mit den Jaunde zusammen; interessant sind verschiedene Grenzdörfer mit gemisch-ter Bevölkerung. Endlich aber sitzen in unmittelbarer Nähe der Station, den Handelsweg beständig bedro-hend, die vorhin schon erwähnten Buli, ein räuberischer und kriegerischer Mpangwestamm, welcher bereits seit Jahresfrist im Hinterlande von Gross-Batanga Unbe-quemlichkeiten verursacht hatte. Es wurde mir hier schon klar, dass eine militärische Aktion, vielleicht der Durchmarsch einer größeren Abteilung von Lolodorf nach Gross-Batanga, nötig sein würde, um die Sicher-heit des immer mehr an Bedeutung zunehmenden Handelsweges Kribi—Jaunde—Adamaua dauernd zu si-chern. Der Schutz dieser Handelsstrasse, welche man-gels eines Wasserweges — an eine Eisenbahn wagte damals noch niemand zu denken — vorläufig die einzige mögliche Verbindung mit Adamaua bildete, war die Hauptaufgabe der Station Lolodorf, eine Aufgabe, wel-che die Station bisher mustergültig erfüllt hatte. Nach Inspizierung der Station, die ich in vortrefflicher Verfas-sung vorfand, erschienen am 7. [Januar 1897] die haupt-sächlichsten Häuptlinge zum Empfang mit Geschenken von Schafen, Ziegen und Hühnern; alle, besonders Ebu-da, der alte Jaundehäuptling vom Berge, und Bambam, der Bruder Tungas*, klagten übereinstimmend über Vergewaltigungen durch die Buli. Abends wurde die Station mit Magnesiumfackeln erleuchtet, während das Gefolge der Häuptlinge Nationaltänze aufführte.«
*»Am nächsten Morgen [4. Januar 1897] betraten wir das Gebiet des früher verrufenen und von den Karawanen gefürchteten Ngumbastammes und erreichten nach nur vierstündigem Marsch das Dorf des berüchtigten Häuptlings Tunga, der noch vor mehreren Jahren durch seine Leute den bekannten Überfall im Urwalde auf die Morgensche Expedition [Premierleutnant Curt Morgens Expedition von 1889-1891] ausführen liess. Nach jener Zeit hatte er sich lange feindlich zur Regierung und allen Kulturbestrebungen gestellt und durchziehende Händ-ler dergestalt belästigt, dass diese gewöhnlich einen Umweg machten, um Tungas Dorf nicht zu passieren. Tunga wäre seiner vielen Untaten halber eigentlich längst reif für den Galgen gewesen, und als es auf dem Rückmarsche des Kommandeurs von Kamptz einer Abteilung der Truppe endlich gelungen [1896] war, sich seiner Person zu bemächtigen, war man im Zweifel, ob ihm nicht kurzweg an Ort und Stelle der Prozess zu machen sei. Sehr richtiger Weise indessen entschloss sich Herr von Kamptz, Tunga zunächst einmal nach Kamerun [früherer Name der Stadt Duala] mitzuneh-men und ihn dem Gouverneur zur Verfügung zu stellen. Er durfte zwei seiner Weiber und drei Begleiter mit-führen und wurde als oberster Häuptling der Ngumba wie ein politischer Gefangener behandelt. Trotzdem stand er unter dem Eindruck, dass ein Todesurteil gegen ihn verhängt werden würde. Nachdem er Kamerun mit seinen Anlagen und Faktoreien, die Truppe und die Kriegsschiffe gesehen, zeigte er eine merkliche Sinnes-änderung und erklärte, er habe sich nun von der Macht der Regierung überzeugt und werde, falls ihm das Leben geschenkt würde, ein loyaler Untertan sein. Ich über-legte damals, dass Tunga in der Tat im Gegensatz zu den meisten anderen Häuptlingen des Urwaldes einen er-heblichen Einfluss auf sein Volk besass und der Regie-rung mit seinem Tode eigentlich nicht gedient war, dass es auch unmöglich sei, alle widerspenstigen Häuptlinge aufzuhängen — wir hätten sonst bald überhaupt keine Häuptlinge im Schutzgebiet mehr gehabt — und be-schloss, den Versuch zu machen und seinen Verspre-chungen zu trauen. Er musste Urfehde schwören, künf-tiges Wohlverhalten geloben und eine Busse in Elfen-bein zahlen. Ausserdem wurde ihm auferlegt, die bis dahin entsetzlichen Wege in seinem Lande aufzuräu-men und in Stand zu setzen. Dagegen liess ich ihn frei in sein Land zurückkehren und war nun neugierig, wie er nach Bezahlung der Strafe seine übrigen Versprechun-gen halten würde. Schon bei meiner Ankunft in Kribi hatte mir eine aus Jaunde von Dominik entsandte Pa-trouille, gemeldet, dass die Wege im Ngumbalande in Ordnung seien. Ich fand dies in vollem Masse bestätigt. Der ganze Weg durch die Ngumbaberge war zu einem bequemen Reitwege umgewandelt, die reissenden Ge-birgsströme waren überbrückt, nur einzelne besonders steile Berge und Felspartien boten noch Schwierigkeiten für Lasttiere, ohne wirkliche Hindernisse zu sein.
Bei meinem Anmarsch kam mir Tunga, umringt von Weibern und Begleitern, entgegen und begrüsste mich unterwürfig. Er versicherte, dass er alles vollführt habe, wie es ihm aufgegeben sei und bat nochmals um Gnade und Verzeihung. Er hatte in ausgezeichneter Weise für die Unterkunft der Expedition Sorge getragen und brachte mir das erste grosse Gastgeschenk dar, — 4 Schafe, 50 Bund Bananen, 10 Hühner, 8 Eier und einen Korb Makabo (einheimisches Gemüse), woraus sich ein Festtag für meine Leute entwickelte, die bis dahin in dem unbewohnten Walde von den mitgenommenen Vorräten — Reis und getrocknete Fische — hatten leben müssen. Die Internierung Tungas in Kamerun und seine Freilassung war offenbar erfolgreich gewesen und durch die angewandte Milde war viel erreicht worden. Wir Europäer nahmen Wohnung in dem Anwesen eines gabunesischen Händlers der Firma Woermann, der dort seit Jahr und Tag Handel trieb und dessen bildhübsche, ziemlich hellfarbige Frau — Madame Marie Hilarion — nicht nur perfekt Französisch sprach und mit einem kostbaren seidenen Kostüm prunkte, sondern auch in ihrer ganz zivilisiert eingerichteten Küche meinem Koch Peter durch Herstellung aller möglichen Nationalgerichte wertvolle Unterstützung leistete. Tunga arbeitete emsig an der Verbesserung seines Dorfes; ein sehr grosser, luftiger Marktplatz war angelegt, überall sah man frische Rodungen im Urwald zum Bau von neuen, grösseren Häusern und Anlage von Farmen. In dem grossen Palaver, welches ich nachmit-tags mit Tunga abhielt, versicherte er vor allem Volk mich nochmals wiederholt seiner Treue und Botmässig-keit. Hier traten die sich nun immer weiter wieder-holenden ersten Klagen über räuberische, vom Süden her gegen die Handelsstrasse vordringende Bulistämme auf, offenbar schon ein Anzeichen für den späteren frechen Überfall der Buli auf das Bezirksamt Kribi [September 1899]. … Das Benehmen der Tungaleute war freundlich und zutunlich, auch seitens des weiblichen Teils der Bevölkerung, so dass ich den hübschen Tag zur Belohnung der Bevölkerung durch Abbrennen eines kleinen Feuerwerks schliessen liess.
In zwei Tagesmärschen ging es weiter nach Lolodorf, welches am 6. [Januar 1897] nachmittags erreicht wur-de.«
Lolodorf liegt an der Straße von der Hafenstadt Kribi nach Jaunde im Landesinneren. Es ist ursprünglich eine Gründung als Militärstation auf einem Hügel am Fluß Lokundje. Im September 1907 werden Bezirk und Station in die Zivilverwaltung überführt. Die Station umfaßt eine Kaserne, ein Haupthaus für Europäer, ein Dienerhaus, Büros und Post, Europäerwohnungen und Lagerräume, Baracken, ein Gefängnis, ein Unterkunftshaus für Kara-wanen, Hirtenwohnungen, Vieh- und Pferdeställe, Ge-flügelställe, eine Ziegelei und einen Schießstand. Han-delsfirmen im Ort sind: Bremer West Afrika Gesell-schaft, Randad & Stein, Hatton & Cooksen. Fast alle Gebäude in Lolodorf sind aus Holz, Baumrinde und anderen Pflanzenmaterialien gefertigt. Eine Brücke ist über den Lokundje gebaut. Umgeben ist Lolodorf von Dörfern, Farmen, Reiskulturen, Pflanzungen und Wald.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Lolodorf:
Lolodorf, Regierungsposten im Bezirk Kribi in Kame-run. Der Ort liegt im Lande der Ngumba, die ihm den Namen Bikui ma Lobe geben. Lolodorf liegt am nörd-lichen Ufer des Lokundje; die Einwohner treiben etwas Fischfang, Ackerbau und Jagd, vor allem aber liegen sie dem Handel ob. Die Straße von Kribi nach Jaunde über-schreitet bei Lolodorf zum zweiten Mal den Lokundje. Die Zahl der Europäer in Lolodorf betragt jetzt [1913] 24. In und bei Lolodorf befinden sich mehrere Pflanzungen und Faktoreien. Es ist Sitz eines Regierungspostens und einer Polizeistation, sowie Postagentur. Die amerikani-sche Presbyterianische Mission hat in Lolodorf eine Nie-derlassung.