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Leben und Ereignisse V



Werner von Rentzell, Bezirksamtmann von Kete-Kra-tchi, erzählt in diesem gekürzten Text von einer Kara-wane, die in einen tropischen Sturzregen kommt:

»In heiterster Stimmung waren wir bei Sonnenaufgang von Dadiasse aufgebrochen. Singend und scherzend zog die Karawane durch die sinnberückende Schönheit der saftigen Waldlandschaft dahin, welche in sanftem Ab-stieg bis an den Fluß des jäh sich auftürmenden Gebirgsmassivs von Adele heranführte.

Die scharfumrissene, violett leuchtende Wand des Ge-birges rückte rasch näher. Nach kaum zweistündigem Marsch lagerten wir am Fuße der dichtbewaldeten, schroffen Hänge. Es galt, alle Kräfte für den bevor-stehenden, ungemein beschwerlichen Aufstieg zu sam-meln!

Blieb das Glück uns hold, konnten wir in weiteren drei Stunden die Kammhöhe erreicht haben. Der Abstieg in die jenseitige Adelelandschaft blieb dann ein Kinder-spiel. Ich hatte mir fest vorgenommen, noch um Mittag unser Reiseziel, die verlassene ehemalige Regierungs-station Bismarckburg zu erreichen.

Wir standen in den Anfängen der Regenzeit, und die Erfahrung der letzten Tage hatte uns gelehrt, daß in der Regel zwei Stunden vor Sonnenuntergang schwere Regenschauer niederzugehen pflegten. Ihnen trachtete ich zuvorzukommen.

Aus diesem Grunde hatten wir unseren Aufenthalt nicht über Gebühr ausgedehnt und den Aufstieg begonnen. Um Zeit zu gewinnen, vermieden wir den üblichen Händlerweg und wählten einen ungleich kürzeren, wenn auch soviel steileren Pfad. Eine Stunde mühse-ligen Kletterns mochte verstrichen sein, als das Unheil uns ereilte. Ein merkwürdig kühler Wind strich stoß-weise zu Tal. Der Berg hüllte sich in eine dunkle Wolke, und dann trommelte es unaufhörlich auf das Blätter-dach, als schütteten unsichtbare Hände scheffel-weise Erbsen auf eine Tenne.

Der Wald kochte. Die ganze Atmosphäre glich im Hand-umdrehen einer über und über mit heißen Dampf gesättigten Badestube. In Strömen brach der Schweiß aus den Poren, reißende Gißbäche spülten über die Felsplatten und rissen uns die Füße unter dem Körper fort.

Kurzum, die ganze Misere eines Marsches in der Regen-zeit, nur unter erheblich erschwerten Umständen, war wie ein rächendes Verhängnis unvorbereitet über uns hereingebrochen.

Liebevoll, als genösse ich die Wonnen eines Sturzbades, schmiegte sich meine Kleidung um den Körper. Bei jedem Schritt jankte ein Strom von Wasser aus den Schäften meiner Schnürstiefel, während die Last mei-nes wie ein Schwamm vollgesogenen Korkhelmes, sich wuchtig in die Stirn schob, mich so die Qualen der armen Teufel von Trägern ahnen lasssend. Doch, das alles war das Schlimmste nicht.

Unser Marsch geriet ins Stocken! Träger stolperten, Lasten glitten von den nackten Schultern der Leute, sprangen hüpfend von Fels zu Fels, bis sie in Atome zerschellt dort liegen blieben, wo unser mühseliger Aufstieg seinen Anfang genommen. Weiber schimpf-ten, Kinder plärrten, mitgeführtes Kleinvieh war nicht mehr von der Stelle zu bringen. Selbst die allezeit unverdrossenen Soldaten schienen von dem schlimms-ten Widersacher des europäischen Reisenden, dem gefährlichen Fatalismus, gepackt worden zu sein.

Wenn wir an diesem Tage nicht elend steckengeblieben sind, so verdanken wir das lediglich der eisernen Willenskraft des grimmen Riesen Tschafalu, der die Begleitmannschaft der Expedition führte. Sein uner-müdliches „konni-tjè, konni-tjè abbalá“ (vorwärts, Leute) hat in meinen Ohren noch lange nachgeklungen. Der Unteroffizier Tschafalu, von den Soldaten wie kein zweiter gefürchtet, stand bei den Buschleuten in dem Ruf, von bösen Dämonen besessen zu sein.

So mischen sich denn in das Ächzen und Aufbrüllen der Träger, in die Flüche der Soldaten, das Poltern der Las-ten, das Brausen der Flut, in das Schreien und Zetern des Trosses die teuflischen Verwünschungen Tschafalus. Fürwahr, eine fürchterliche Plackerei. So gut es gehen mochte, stolperte ich der Karawane voraus.

Mit der Zeit gewannen Lombo und ich so viel Vorsprung, daß wir nichts mehr von dem, was sich hinter unserem Rücken abspielte, hörten und sahen.  

Indessen der Kelch sollte noch lange nicht bis zur Neige geleert sein. Je steiler der Pfad sich uns entgegen-stemmte, um so zäher wucherte das Gestrüpp. Zu allem Schrecklichen wurden wir schließlich gezwungen, uns mit dem Buschmesser in der Hand buchstäblich jeden Schritt zu erkämpfen. Der entweihte Wald übte grau-same Vergeltung an den vermessenen Eindringlingen.

In diesen Stunden verwünschte ich mit bitteren Flüchen die so oft wie ein hehres Wunder erschaute Gegen-sätzlichkeit der afrikanischen Natur. Diese unergründ-liche Sprunghaftigkeit und in ihrer maßlosen Leiden-schaft sich selbst tötenden Mächte, die nur ein Gesetz anerkennen, — Gesetzlosigkeit!

Unsere Kräfte drohten bereits zu erlahmen, als der Pfad unvermutet in eine klammartige Felsspalte hinabklet-terte. Wir stießen auf einige verlassene Hütten, welche wie die Wespennester unter einem dachartig vorsprin-genden Basaltgeschiebe klebten. In diesem Augenblick verblaßte in der Erinnerung daß luxuriöseste Gebirgs-hotel zu einem nichtssagenden Schemen vor diesen halbverfallenen, armseligen Hütten. Ich schickte den Jäger [Lombo] der Karawane entgegen, um ihr unser soeben entdecktes Paradies als nahen Retter in der Not ankünden zu lassen. Währenddessen prüfte ich die Hütten auf ihre Brauchbarkeit als Feuerstätten. Es ging. Wenn sich auch das Stroh ihrer Bedachung derartig mit Feuchtigkeit und Rieselwasser vollgesogen hatte, daß es wie ein verbrauchter Filter wirkte, so bildete es doch ein Dach über dem Kopfe, dem mindestens die Brauchbar-keit eines durchlöcherten Regenschirms zuerkannt werden konnte. Hier beschloß ich, den Leuten eine ausgiebige Rast zu gönnen, um später nur mit den leichteren Lasten den Weitermarsch fortzusetzen. Die schweren gedachte ich, bis es sich abgeregnet haben würde, zurückzulassen. Ich hatte nicht allzulange zu warten. Der gesamte Troß der Expedition, der sich sonst als langgezogener Darm an ihrem Ende am wohlsten zu fühlen pflegte, hatte, wie stets, wenn es Sensationen geben sollte, die Führung ergriffen.

Merkwürdig, wie doch ein unerwartet freundliches Bild einen plötzlichen Stimmungsumschwung herbeizufüh-ren vermag! Der Anblick der herannahenden Spitze meiner Expedition versetzte mich in einen Taumel glücklichsten Rausches.

Man wird es begreiflich finden, wenn ich von einem freundlichen Bilde gesprochen, denn da nahten sie, die wohltätigen Geister einer jeden innerafrikanischen Reisegesellschaft.

Sie, ohne die das Wandern ein Fest ohne Klang wäre. Sie, die gazellenschlanken, sanftäugigen, aber auch die rundlichen, trippelnden Weiblein mit den raschen Augen und noch flinkeren Zünglein. Mit oder ohne pausbäckige, auf den Hüften geschaukelte lebendige Beifracht. Doch, alle heiter und guter Dinge, mitfühlend und mitteilungsbedürftig, leichtgeschürzt, mit turm-hohen Lasten auf den Häuptern. Ich liebte diese duldenden, sorgenden Soldaten- und Trägerfrauen. Ich hätte sie dekoriert, diese tapferen Weiber, ohne die westafrikanische Truppen ein Schwert ohne Knauf wären, würde es in meiner Macht gelegen haben, Auszeichnungen zu vergeben.

Und hinter ihnen keuchte und stolperte es heran in einer endlosen Kette aus gebeugten und dampfenden Menschenleibern.

Mit meinen Lasten, Akoete, der Koch. Der Waschmann mit ehemals glänzendem Stehkragen, jetzt zu einem elenden, verbandähnlichen Wurm zusammengedreht. Der erste Diener, Kolà [Ein Kind, dessen Eltern an Gelb-fieber gestorben, Rentzell als Kochgehilfe oder Boy übergeben wurde und nun mit seine Späßen zur allge-meinen Unterhaltung aller zum Gefolge des Bezirks-leiters gehört.], fürchterliche Drohungen auf das Haupt des Trägers meiner Bettlast herabbeschwörend. Fol-gend, der zweite Diener, die Kochjungen, eins bis drei, und endlich der Wassermann. Sie sind da meine Lieben, die Nägel zu meinem Sarge.

Wie die Toten fallen die braven Träger zu Boden. Hut ab vor den Getreuen der Straßen, den Vielgequälten, den eigentlichen „Trägern“ europäischer Zivilisation. Denn wie anders wollte man sie dann in die fernen Tiefen des Landes tragen?

Ich lasse sofort Schnaps an Mannschaft und Träger ausgeben. Die Rast ist schwer und tief.

Nach einer Stunde brechen wir von neuem auf. Die großen Stücke bleiben unter Bedeckung zurück, wäh-rend die leichten Lasten mit den kräftigsten Leuten weitergehen. Die Stimmung kommt wieder auf. So geht es ohne Stockungen, ohne Mißhelligkeiten. Die Bur-schen singen sogar. Vorauseilend nehmen Lombo und ich die Spitze. Wäre der Regen nicht gekommen, so sollten wir um diese Stunde von Rechts wegen unsern Einzug auf Bismarckburg halten. Wir stapfen und klet-tern unentwegt weiter. Das Dickicht legt sich allmählich, und es scheint, als würde das hohle Trommeln und Brausen des fallenden Wasserbades weniger heftig.

Am Spätnachmittag hatten wir die Kammhöhe des Ge-birges überschritten und stiegen in flotterem Marsche zu Tal. Allmählich ließ der Regen an Heftigkeit nach, um schließlich bei unserm Eintreffen in Jege, dem Haupt-dorfe und Sitz des Oberhäuptlings der Landschaft Adele, ganz den letzten und feurigen Strahlen der zur Rüste gehenden Sonne zu weichen. Beim Herabsteigen aus den dampfenden Höhen des eben überwundenen Gebirgsmassivs, bot sich uns ein Anblick von über-wältigender Großartigkeit dar. Das Gebirge ebbte in mehreren blauvioletten Kulissen ab.

Aus der schweigsamen Ebene erhob sich wie ein Vor-posten des Gebirges ein nach allen Seiten hin gleich-mäßig abfallender Hügel. Ihn krönten, deutlich erkenn-bar, wuchtige Lehmbauten. Als Wahrzeichen reckte eine einzelne, die Gebäude überragende Ölpalme ihre scharf sich abzeichnenden Wedel in den farbentrun-kenen Abendhimmel. Neben ihr mußte sogar die mun-ter im Winde flatternde Reichsflagge mit dem zweiten Platze vorliebnehmen. Das Ziel unserer Reise, die ehe-malige Hauptstation Bismarckburg, lag da vor uns wie eine köstliche Insel der Verheißung. Mit freudigem Geschrei, mit Gesang und wieder hervorgeholten Trom-meln begrüßten die „Abala“ die Erlösung winkende Inselburg. Sie träumten von den dort oben dampfenden Fleischtöpfen, während ich in tiefster Ergriffenheit den Anblick dieses in gesegnetem Abendfrieden daliegen-den wundervollen Paradieses genoß. Der Troß riß nach vorwärts aus. Mit Hallo und dröhnenden Trommeln, an der Spitze seiner Krieger und Volksgenossen, kam Oberhäuptling Tagba uns zur Begrüßung entgegen. Schüsse krachten, Frauen riefen Heil, Hände drückten sich. — Alle Pein war vergessen! —

Nachdem wir in den Mauern der alten Bismarckburg Einzug gehalten hatten, hob ein gewaltiges Schmausen an. Der Palmwein floß in Strömen. — «


Der Kolonialbeamte Leutnant Werner von Rentzell:

»Drang da eines Tages die eben nicht außergewöhnliche Kunde auf die Station [Kete-Kratschi], daß französische Senegalesen im Grenzgebiet Menschenraub trieben und die unglücklichen Opfer, halbwüchsige Burschen und Mädchen, an Sklavenhändler verkauften. Der Unteroffizier [Tschafalu von Stamm der Losso in Nord-togo] wurde mit ausgesuchter Mannschaft auf die Fährte gesetzt.

Es waren noch keine zehn Tage vergangen, als er zu-rückkehrte. In wildem Triumphe trugen seine Leute lange, lanzenartige Bambusstangen, auf deren Spitzen drei Schädel mit schreckensverzerrten, pergamentenen Senegalfratzen spießten. Einer der geretteten schleppte aus Dankbarkeit eine seltene Last bis zur Station. Sie bestand aus drei Lebelgewehren, drei französischen Tirailleuruniformen, nebst vollständiger Ausrüstung.«


In der britischen Nachbarkolonie Goldküste ist das gelbe Fieber ausgebrochen. Es wird durch die Stego-myamoskiten übertragen. Da nun nicht nur ein äußerst reger Grenzverkehr zwischen den beiden Schutzge-bieten besteht, sondern vielerorts sogar die Feldmarken der Bauern von der gemeinsamen Grenze durchschnit-ten sind, bereitet die wirksame Sperrung der Grenze mit den zur Verfügung stehenden, äußerst geringen Kräften die denkbar größten Schwierigkeiten. Der Grenzverkehr muß ganz bestimmten Quarantänestationen zugeleitet werden und ist nur durch diese erlaubt. Leutnant Werner von Rentzell wird für die Sperrung des betref-fenden Grenzabschnitts vom Gouverneur mit dieser Aufgabe betraut und bekommt dafür eine Kompanie und ein Aufgebot von uniformierten Grenzwächtern unterstellt.

Feldwachen und Posten werden auf dem sehr weitläu-figen Abschnitt verteilt. In der Mitte des Abschnittes hat Rentzell sein Zeltlager aufgeschlagen. Da trotz des Ver-bots, die Grenze zu Überschreiten, zahlreiche Über-tretungen dieses Verbotes verübt wurden, haben die Posten schärfsten Befehl erhalten, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen. Nun nimmt die Tragik ihren Lauf. Eine Woche passiert nichts besonderes, doch eines Nachts, nachdem Rentzell einen langen Inspektionsmarsch ins Bett gegangen ist, hört er laute Stimmen vor seinem Zelt und dann kommen drei bekannte Gestalten in sein Zelt. Eine Gestalt ist sein kleiner Diener Kolà mit einer Laterne, dann der Sergeant John und der Soldat Natumba. Sergeant John hält dem deutschen Offizier einen Gegenstand ent-gegen, der Rentzell das Blut in den Adern gerinnen läßt. Es ist der abgebrochene Kolben der Büchse, des Gewehrs, des Soldaten Natumba, der mit Blut und verspritztem Gehirn besudelt ist. Aus der Meldung des Sergeanten kann Rentzell entnehmen, daß Natumba einen Eingeborenen niedergeschossen und ihm mit dem Kolben den Schädel zerschmettert hat. Der junge Soldat Natumba gehört zu den Soldaten des Grenz-schutzkommandos und ist erst im dritten Dienstjahr stehend. Auch Natumba ist über und über mit Blut und Gehirnmasse bespritzt. Natumba spricht aufgeregt, aber Rentzell kann das Idiom der Küstenleute nicht ver-stehen. Ein rätselhaftes Wort bildet den Abschluß der in einem epileptischen Anfall endenden Erzählung. In Anfall stammelt Natumba noch: „Wa—Wa—Wa—ff—ff—ff—ff—enn—enn—ge—e—e—brauk!“

Rentzell läßt den Dolmetscher holen und der klärt  auf, daß Natumba sich aus den Unterrichtsstunden über Festnahme und Waffengebrauch das schwer auszu-sprechende Wort Waffengebrauch gemerkt hat, ohne es indessen richtig wiedergeben zu können.

In einem vierstündigem Marsch geht es mit Natumba, Sergeant John und dem Dolmetscher im Mondschein zum Schauplatz der blutigen Tat. Dort hatten laut der Erzählung Natumbas ein gutes Dutzend Eingeborene aus dem englischen Gebiet versucht durch das dichte Buschwerk auf die deutsche Seite zu gelangen. Doch trotz dreimaliger Aufforderung in der Landessprache nicht die Grenze zu passieren sind sie alle übergetreten und ihr Anführer verhöhnte den von Gestalt kleinen deutschen Kolonialsoldaten auch noch. In seiner Wut, und dem Befehl gehorchend, habe er auf den Anführer geschossen und alle anderen flüchteten über die Grenze zurück.

Rentzell: »Heller Mondschein lag über der Landschaft, so daß alle Einzelheiten einwandfrei festgestellt werden konnten. In dem Augenblick, in welchem der Schuß gefallen war, hatte sich der Getötete bereits über fünfzig Schritt diesseits der Grenze befunden. Wir begaben uns an diese Stelle, an welcher die Leiche lag. Es bot uns sich ein grauenhafter Anblick. Von dem Schädel war nur noch eine unkenntliche Masse übrig geblieben, die fast ganz in dem durch Kolbenhiebe gelockerten Erdboden verschwand. Der Einschuß saß im Kreuz. Das Weich-bleigeschoß hatte den Unterleib durchquert und hinaus-tretend eine handtellergroße Öffnung in die Bauch-decke gerissen, aus welcher die Eingeweide hervor-quollen.

Ich muß gestehen, mit Ekel und Grauen wandte ich mich von dem schaurigen Ort ab. Der kleine Soldat Natumba verriet keinerlei Anzeichen von irgendwelcher Bewegung.

Der Anblick des, man kann nur sagen, in bestialischer Weise verstümmelten Leichnams schien auf ihn nicht einmal den Eindruck einer erlegten Antilope auszu-üben. In diesem Augenblick fühlte ich jene Brücke unter meinen Füßen versinken, welche ich bis dahin zwischen verwandten inneren Regungen jener Völker-schaften und uns Europäern als feststehend gewähnt hatte.

In dieser Stunde hätte es mich nicht die geringste Überwindung gekostet, diesen Menschen kaltblütig wie einen reudigen Hund über den Haufen zu schießen.

Doch man höre weiter, bevor man sich wie ich, in jener Stunde verletzter Aufwallung der Menschlichkeit zu vorschnellem Urteil hinreißen lasse.

Instinktiv mochte Natumba ahnen, welche Gefühle mein Inneres in Aufruhr versetzten. Er trat auf mich zu und bat, mir Aufklärung schenken zu dürfen.

Als er den tödlichen Schuß abgegeben, hatte er sich auf sein Opfer gestürzt, um die Wirkung des Geschosses festzustellen.

Die Verwundung war ohne weiteres tödlich, doch der Getroffene lebte noch. Damit sah sich dieses primitive Naturkind einem Konflikt gegenübergestellt, welchen er in der seiner Rasse eigentümlichen ursprünglichen Auffassungsweise durchaus folgerichtig beendete.

Er erinnerte sich des Befehls, niemanden lebendig über die Grenze zu lassen. Das zu seinen Füßen liegende Opfer gab noch Lebenszeichen von sich. Naturvölker besitzen eine wesentlich zähere Lebenskraft, als wir Kinder der Zivilisation. — Mithin galt ihm seine weitere Handlungsweise als vorgeschrieben. Er erhob seinen Kolben und schlug solange auf den Schädel des Unglücklichen ein, bis ersterer zersplitterte und jener zerbarst.

Nebenbei bemerkt, bin ich davon überzeugt, daß der Soldat seinem Opfer einen allerdings unbeabsichtigten Liebesdienst erwiesen hat.

Ob ich mich innerlich auch dagegen sträuben mochte, dem Manne mußte ich recht geben. Ich vermochte seinem Gedankengang zu folgen, zu begreifen. Ich glaube sogar, daß ich als Europäer mich schuldbe-ladener fühlte, als dieser unzivilisierte Soldat, welcher weiter nichts verbrochen hatte, als seinem Dienst-befehle bis in die letzte Folgewirkung hinein nachzu-kommen.

Hand aufs Herz, war nicht auch seine Handlungsweise letzten Endes ein Erzeugnis unserer famosen Zivilisa-tion, die wir diesen Kindern aufgezwungen?

Ich bemühte mich, dem Soldaten Natumba und seinen Kameraden klar zu machen, daß es der Würde eines deutschen Soldaten nicht entspräche, einen Wehrlosen abzuschlachten. Vielmehr müsse man dem am Boden liegenden Feind zu Hilfe kommen.

Doch das Erstaunen, welches aus den Mienen meiner Kerls sprach, als ich ihnen diese Lektion praktischen Christentums erteilte, ließ mich keinen Augenblick da-ran zweifeln, daß sie mich auf Grund dieser Ausführun-gen für verrückt halten mußten.

Setzt die Welt sich nicht aus Widersprüchen zusam-men, ganz besonders dort draußen? — —

Der Form mußte Genüge geschehen. So schwer es mir wurde, ich mußte den kleinen Soldaten Notumba wegen Überschreitung des Waffengebrauchs bestrafen.

Obgleich ich damit selbst den Widerspruch einsichtiger Juristen an der Küste herausforderte, bestand ich aus einem sehr einfachen Grund darauf.

Der Getötete war britischer Untertan.«

Als Ergebnis des Vorfalls kommt es zu einem Schrift-wechsel zwischen den Kolonialverwaltungen der Gold-küste und Togos.

Rentzell: »Nachdem der Notenwechsel abgetan, er-schien der kleine Soldat Natumba, den ich zwecks „Strafverbüßung“ in seinen Standort Lome hatte zu-rückschicken müssen, eines Tages plötzlich vor meinem Zelt und meldete sich zum Grenzdienst zurück. Er trug ein paar rote Winkel am Oberarm. Ich beglückwünschte ihn zu dem hochherzigen Beschluß des Gouverneurs, der ihn mir als Gefreiten zurückgeschickt hatte.

Daß diese Auszeichnung keinen Unwürdigen getroffen hatte, wolle man aus dem Inhalt dieser abschließenden Zeilen entnehmen. Ich beabsichtigte, Natumba unter Aufsicht des Sergeanten John zur Vebüßung seiner Strafe nach Lome zu schicken, da die Dienstanweisung solches verlangte. Daraufhin erklärte mir der kleine Kerl allen Ernstes, daß er sich sofort eine Kugel durch den Kopf jagen würde, bestünde ich darauf, ihn ohne Waffe und unter Aufsicht wie einen Verbrecher in die Hauptstadt zurückkehren zu lassen. Das ertrüge er nicht. Allein aber und mit dem äußeren Zeichen eines ehrenhaften Soldaten wolle er sich bei seinem Kopfe auf dem kürzesten Wege bei seiner Kompagnie zur Straf-verbüßung stellen.

Ich tat es. Natumba erhielt eine neue Büchse und hielt Wort.

Das hat mit der kleine Gefreite Natumba nie vergessen . . . . . .«


Leutnant Werner Rentzell:

»Er lobte mich, daß ich Lombo zum Jäger erkoren, denn, flüsterte er mit geheimnisvoll zu, der habe die beste Medizin.

Und das bedeutete in Innerafrika alles . . .

Im übrigen hatte Akoate vollständig recht, wenn er meinte, Lombo besäße den wirksamsten Zauber. Wie alle Eingeborenen Togos glaubte er an Zauberei und geheime Mächte. Ich kann mich aber nicht entsinnen, jemals einem Menschen begegnet zu sein, der so tief in den Vorstellungen düsteren Aberglaubens gefangen gewesen, wie er. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß sich mit seinem krausen Teufelsspuk ein finsteres, verschlossenes Wesen verband. Im Gegenteil. Er war ein rechter Losso. Voll und ganz Kind jenes außer-ordentlich sympathischen Bauernvolkes.

Mehr denn fünfzehn Jahre trug er den Rock seines Kaisers und gehörte zu den ältesten Soldaten seiner Kompagnie. An zahlreichen Kämpfen und Strafzügen hatte Lombo ruhmreich teilgenommen. Im Schießen konnte es nur einer mit ihm aufnehmen, das war der Bassarigefreite Ssampa.

Aus allen Fährnissen und Krankheiten war er ohne Schaden hervorgegangen. Das verdankte er lediglich seinen unfehlbaren Zaubermitteln. Abgesehen von den vielen wunderlichen Tätowierungen, die seinen Körper bedeckten, trug er stets allerlei geheimnisvolle Täsch-chen, Kürbisfläschchen, Tierzähne und Schlangen-köpfe mit sich herum, so daß er in der Tat gegen alles gefeit war.

Man erzählt sich verbürgtermaßen, daß Lombo ohne die geringste Scheu selbst dem Elefanten bis auf wenige Schritte gegenübertrat, um ihn dann mit tödlichsiche-rem Schusse niederzustrecken.

Naiv meinte er, es sei dem Tier unmöglich, sich von der Stelle zu rühren, denn sein Zauber banne es fest an seinen Platz. Sein Zauber schützte nicht nur gegen alle böswilligen Götter, sondern bewahrte auch vor Krank-heit, Ungemach, Schlangenbiß und gegen unerwünsch-ten Besuch Abgeschiedener. Nur gegen zweierlei blieb er machtlos, nämlich die Seelen der von ihm getöteten Hyänen und Kronenkraniche.«

Rentzell ist nun immer mit Lombo auf Jagdzügen unter-wegs. Rentzell:

»Überhaupt, diese köstlichen, unvergeßlichen Stunden am nächtlichen Lagerfeuer, an dumpfmurmelnden Wassern oder in der schlummernden Steppe. … Dann glaubte ich meine Stunde gekommen, dem Sohne der Wildnis die uns trennenden Geheimnisse zu entlocken.

Und seine Lippen öffneten sich. Langsam erst, unsagbar furchtsam. Doch es ist mir gelungen, bis zu einem ge-wissen Grade wenigstens, von diesem Manne Dinge zu erfahren, die mir einen Einblick in das Innenleben jener seltsamen Menschenkinder erschlossen, wie es wohl nur den wenigsten vergönnt gewesen sein mag.

Es besteht eine Brücke zwischen ihnen und uns, zwi-schen jenen Wilden, die Leben wie die Pflanzen, ja, wie die Tiere. Es bestehen geheime Verbindungen zwischen Europa und Afrika, es gibt eine gemeinsame Linie zwischen uns. Sie lieben, sie sterben wie wir, nur stärker, unglaublich viel wilder, kühner, selbstverständlicher!

Und dann — das Größte! Ich bin an unserer gesamten „Kultur“ irre geworden. Das ganze glänzende Gebäude, es ist in jenen Tagen zusammengestürzt wie ein Karten-haus! . . . . . .

Mit dem Erinnern an diesen Mann glaube ich einen Teil meiner Dankesschuld abtragen zu müssen, denn er gab mir viel.«


Es ist das Jahr 1912 und der Bezirksamtmann von Kete-Kratchi, Werner von Rentzell – Rentzell ist Mitte 20, hier draußen kann man keine altersschwachen Beamten, sondern nur junge tatkräftige Leute gebrauchen – , fühlt einen Fieberrückfall kommen, weshalb er die Schreib-tischarbeit unterbricht und zur Linderung einen Spa-ziergang durch die Anpflanzungen seiner Regierungs-station macht. In der Teakschonung führen Strafgefan-gene Rodungsarbeiten durch als sich einer der Ketten-gefangenen erdreistet, sich dem Bezirksleiter in den Weg zu stellen. Rentzell kennt den Gefangenen. Es ist der ehemalige Stationsdolmetscher Kwamkwa, der we-gen umfangreicher Unterschlagungen zu mehrjähriger Kettenhaft mit Zwangsarbeit verurteilt wurde. Rentzell fragt nach dem Begehr des Gefangenen und selbiger bittet in seinem fließenden Deutsch wegen einer Ange-legenheiten von äußerster Tragweite um ein Gespräch unter vier Augen. Noch bevor überhaupt der aufsichts-führende Polizist den Vorfall bemerkt hat ist Kwamkwa wieder an seiner Arbeit. Rentzell bedenkt, daß der ehe-malige Regierungsübersetzer, ein europäisierter, hoch-intelligenter Eingeborener, verständlicherweise mit al-len Mitteln seine äußerst mißliche Lage verbessern will. Kann er der Sache vertrauen schenken? Der Bezirks-leiter erinnert sich eines Vorfalles aus dem Kongostaat, von dem er vor kurzem gelesen hat. Ein belgischer Offizier hatte die Warnung eines ergebenen Dieners in den Wind geschlagen und als Folge wurde die Besatzung seiner Boma, einschließlich dem Offizier selbst, bei ei-ner Revolte der Einheimischen niedergemacht.

Wenige Tage später, als Rentzell sich von seinem Fieber-anfall erholt hat und wieder klar bei Sinnen ist, läßt er spät am Abend, als alles Leben in der Station längst zur Ruhe gekommen ist, seinen schwarzen Unteroffizier kommen. Der alte Soldat mit seinem mit einem silber-nen Reichsadler verzierten Tarbusch, einer orientali-schen roten Filzkappe, ist der einzige Einheimische, dem der Bezirksleiter vollständig vertrauen kann. Der Unteroffizier ist ein bewährter Mann, gehört einem landfremden Stamm an und hat keinerlei Beziehungen zu den hiesigen Einheimischen. Der Soldat soll Kwam-kwa vorführen und aufpassen, daß niemand das fol-gende Gespräch der nächtlichen Zusammenkunft belauschen kann. Rentzell weiß: In Afrika haben alle Wände Ohren. Die Gazefenster sind zur Schalldämpfung durch dichte Grasmatten zusätzlich geschlossen. Vor-sichtshalber legt der Bezirksleiter seine schußbereite Pistole demonstrativ auf seinen Schreibtisch. Rentzell hört das Kreischen in den Angeln der zentnerschweren eisernen Gefängnistüren und Kettenklirren. Bald darauf tritt der Gefangene ins Büro des Bezirksleiters ein, verbeugt sich stumm und kreuzt zum Zeichen seiner Ergebenheit die Arme über der Brust. Im bleichen Lichtschein der Arbeitslampe beginnt Kwamkwa im Flüsterton zu sprechen. Auch der ehemalige Dolmet-scher kennt die Neugier seiner Landsleute. Das, was er zur Sprache bringen müsse, sei von ungeheurer Trag-weite, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für den weißen Herrn und für das ganze Kratschiland. Und nur unter der Bedingung sei er zur Preisgabe seines Geheimnisses bereit, wenn man ihn sofort aus dem Gefängnis befreit.

Rentzell ist verblüfft. Er vermutete einen Versuch des Gefangenen seine Lage zu verbessern, aber dieses An-sinnen ist ihm doch höchst erstaunlich. Als Offizier ist Rentzell gefaßt, findet freundliche, beruhigende Worte und läßt Durchblicken, daß bei einer Abwendung einer ernsthaften Gefahr für den Bezirk Aussicht auf Linde-rung oder gar Aussetzung der Strafe bestehe, wenn nicht gar Wiederanstellung in den Dienst der deutschen Regierung. Mehr kann Kwamkwa in seiner Lage nicht erwarten und nun beginnt er dem Bezirksleiter seine unglaubliche und doch glaubhafte Geschichte zu erzäh-len. Eine Stunde hört Rentzell der Erzählung gebannt zu. Der Kettengefangene führt aus, daß sein Volk in fins-teren Vorstellungen befangen den Machenschaften des Oberhäuptlings und des Oberpriesters von Kratschi aus-gesetzt seien. Kwamkwa erzählt in leidenschaftlicher Lebendigkeit von den Fetischtrommeln und den wilden Gesängen und Tänzen zu Ehren für Gott Dente von Kratschi an der Höhle im Wald, dem Wohnsitz des Gottes. Für alle im weiten Umkreis ist das nächtliche Trommeln zu hören, doch was dort wirklich vor sich geht hat kein Weißer je gesehen.

Kwamkwa berichtet nun in aller Ausführlichkeit, daß dort im Namen des großen Gottes Dente vom Ober-priester Quassikuma der Giftbecher gereicht wird und ausgesuchte Opfer ermordet werden. Während der nächtlichen Aufführung sitzt Quassikuma auf einem prunkvollen Richterstuhl vor der Höhle und ruft Gott Dente an. Der Gott antwortet, untermalt von einem eigentümlichen Lärm. In der Höhle befindet sich der Oberhäuptling Kodjò und antwortet mit verstellter Stimme als Gott, wobei er gleichzeitig alle Fledermäuse und Flughunde in der gewaltigen Felsengrotte auf-scheucht, wodurch das unheimliche ‚Rauschen’ aus der Höhle kommt, und reicht unter den mit rotem Tuch verhängten Eingang den Todestrank dem Priester, den er dem Opfer zum Trinken gibt als Beweis seiner Schuld oder Unschuld. Da der Priester fast immer Gift verab-reicht sterben die Opfer meistenteils schnell und qual-voll durch die Giftprobe des Gottesgerichts und die Schuld des Opfers ist bewiesen. Der Widersacher des Priester/Häuptling-Paares ist beseitigt und alle Besitz-tümer des Ermordeten fallen an Quassikuma und Kodjò.  

Das einfache Volk ist angesichts dieser Schau völlig er-griffen und in der Hand von Häuptling und Priester. Nur wenige wissen, was wirklich geschieht und Schweigen aus Angst um ihr Leben. Und so bittet Kwamkwa ihn in sicheres Gewahrsam fern von der Station zu bringen, bevor der Stationsleiter daß ihm anvertraute Geheimnis lüftet. Rentzell versichert Kwamkwa seines unbedingten persönlichen Schutzes und läßt ihn von dem alten Soldaten wieder ins Gefängnis bringen. Rentzell ist von der Wahrheit des Gehörten überzeugt, kann aber kaum begreifen wie alle seine Vorgänger im Amt nichts von dem Geschehen erfahren haben. Die Einheimischen sind eben ihrem Stamm treu und der drohende Gift-becher schützt wirkungsvoll die Verbrechen am Volk. Allmählich verstummt auch der Lärm aus dem Fetisch-wald, denn auch in dieser Nacht hatten sich der Ober-priester und sein Volk an der geheimnisvollen Höhle versammelt, fürs Trommeln, Tanzen und Singen für Gott Dente.

Die deutsche Verwaltung mischt sich nicht in die reli-giösen Belange der Einheimischen ein, sofern nicht wichtige Gründe dafür sprechen. Gegen den jahrhun-dertealten Dente-Kult, vom Oberpriester und Ober-häuptling auf das Schändlichste mißbraucht, anzuge-hen, kann gar in offene Auflehnung der Bevölkerung gegen die deutsche Herrschaft im Lande führen. Der Offizier Rentzell entschließt sich einen alle überra-schenden Schlag zu führen. Als erstes läßt er in aller Frühe am nächsten Morgen Kwamkwa unter der Beglei-tung eines Polizisten zur nächsten Regierungsstation nach Misahöhe marschieren. Die Verlegung eines ein-flußreichen Gefangenen wie Kwamkwa geschieht des öfteren und erregt kein Aufsehen. Dem begleitenden Polizisten ist ein Schreiben an den Bezirksamtmann in Misahöhe mitgegeben mit den notwendigen Erklärun-gen und mit Bitte um militärische Hilfe. In der nächsten Nacht, tief in der Nacht, wenn völlige Ruhe im Dorf eingekehrt ist, will Rentzell Kratschi mit seinen Polizei-soldaten einkreisen und im überraschenden Vorstoß ins Dorf Häuptling und Priester verhaften. 

Mitternacht ist vergangen als der auch in dieser Nacht stattfindende Tanz für Gott Dente im Fetischwald sein Ende findet, die letzten Geräusche im Fetischwald ver-klingen und nur noch hie und da eine Palavertrommel und halblautes Hundegebell zu hören sind. Jetzt werden die Soldaten im Soldatenlager der Station still alarmiert und Waffen und Munition aus der Waffenkammer aus-gegeben. Die gesamte Truppe des Bezirks Kete-Kratschi zählt um die achtzig Mann, davon sind aber zwanzig Mann für Verwaltungsdienste im Bezirk abkomman-diert, um sie für sinnvolle Arbeit einzusetzen. So stehen nun um die sechzig Mann bereit. In einem Kreis ver-sammelt wird ihnen ihre Aufgabe erklärt.

Das Dorf Kratschi erstreckt sich zu Füßen eines sanften Höhenrückens, auf welchem auf der höchsten Erhe-bung die Regierungsstation steht. Der Volta bildet mit seinen reißenden Schnellen und seiner hohen Fließge-schwindigkeit ein schwieriges Hindernis zwischen dem Dorf und der gegenüberliegenden britischen Gold-küstenkolonie. Nur widerstandsfähige Kanus können hier fahren und so reicht die Sperrung der Kanu-anlegestellen auf der Uferseite des Dorfes gegen eine Flucht. Das Dorf selbst liegt im Dschungel, der umgeben ist von den Anpflanzungen der Einwohner. Die Truppe marschiert so lautlos wie möglich aus der Station über die von der deutschen Verwaltung angelegten Straße zum Dorf und verteilt sich vor dem Dorf nach links und rechts zur Umfassung des selbigen, um jegliche Flucht zu verhindern. Der Mond liefert das nötige Licht für die ganze Operation. Schießen soll auf jeden Fall verhindert werden, um nicht versehentlich auf die eigenen Leute zu schießen, weshalb nur von Messer und Gewehr-kolben Gebrauch gemacht werden darf.

Im Schutz des Dschungels dringt Rentzell mit einer Handvoll auserwählter Leute auf der Straße ins Dorf ein. Das Dorf schläft tief und fest. Dann geht es im Sturmlauf zum Marktplatz, wo die Anwesen von Priester und Häuptling liegen. Dort werden Fackeln entzündet und es wird sofort in die Häuser der höchsten Herrscher des Landes Kratschi eingedrungen. Widerstandslos werden Priester und Häuptling verhaftet und in Eisen gelegt. Das gesamte Fetischgerät, dessen man habhaft werden kann, wird beschlagnahmt und mitgenommen. Diese Gegenstände sind von besonderer Wichtigkeit. Die Priester wechseln, aber die Fetischgegenstände sind die Symbole des Gottes. An ihnen hängt der Volksglaube. Ohne ihren Besitz ist auch der Oberpriester als Vertreter von Gott Dente machtlos.

Zu den beschlagnahmten Stücken gehört ein in prunk-vollster Ebenholzschnitzerei gehaltener Richterstuhl mit einer reichen elfenbeinernen Einlegearbeit, einem bemerkenswertem Kunstwerk. Dazu eine Tragbahre des Priesters, ein prachtvoller Baldachin und ein uraltes Richtschwert, verziert mit einem Griff aus schwerem, reinem Aschantigold.

Schnell ist die Truppe wieder abgezogen und die beiden selbstsüchtigen Vertreter des Gottes Dente sind ins Stationsgefängnis verbracht. Doch nun rührt es sich im Dorf. Nach anfänglicher Bestürzung über das Unge-heuerliche sind heulende, dumpfe Klagelaute zu ver-nehmen, gefahrkündendes Trillern der Weiber im höchsten Diskant, Kindergeschrei, Hundegekläff und zahllose Trommeln erfüllen die Nacht. Boten eilen in die umliegenden Dörfer, um die Unglücksbotschaft zu ver-künden. Böllerschüsse krachen und werden unheimlich von der Wand des Urwaldes zurückgeworfen. Schnell ist durch die Trommeln auch über den Volta weit ins Land auf britischer Seite hinein das unerhörte Ereignis be-kannt. Mit einem Angriff auf die Station ist zu rechnen und die vollste Alarmbereitschaft der Truppe ist ange-ordnet. Patrouillen durchstreifen fortgesetzt das Vorge-lände der Station. Mitten auf dem Stationshof prasselt ein gewaltiges Feuer zum Nachthimmel empor und malt phantastische Schatten an die Mauern der Häuser. Das ganze Geschehen scheint aus einem der wildesten Abenteuerromane über Afrika zu stammen und ist doch wahr.

Im Dschungel ist der Lärm von erregten Menschen und aufgescheuchten Tieren zu hören und Feuer flammen in der fernen Steppe auf. In der Station sind die jungen Soldaten ob des Kriegsereignisses in unbekümmerter Fröhlichkeit, während die alten erfahrenen Soldaten sich des Ernstes der Lage bewußt sind.

Eine Stunde nach Sonnenaufgang herrscht geschäftiges, kriegerisches Treiben auf der Station. Patrouillen kom-men und gehen. Die Kratschileute sind mit Kind und Kegel in den Busch geflohen oder einige Stunden strom-aufwärts ins englische Gebiet übergegangen. Aus den umliegenden Dörfern sowie aus den entfernten Ort-schaften der ganzen Landschaft wird der dauernde Zuzug bewaffneter Kriegshaufen gemeldet. Die Ver-ständigung zwischen allen erfolgt durch fortlaufende Trommelsignale. Der Sturm auf die Station braut sich zusammen. Die Späher melden es. Der eingeborene Feld-webel meldet dem Bezirksleiter Rentzell:

»Bevor die Sonne im Mittag stehen wird, Massa Leut-nant, werden diese tollgewordenen Buschtiere die Sta-tion in Flammen aufgehen lassen, wenn nichts ge-schieht. Wir sind zu wenige. Wenn der letzte von uns erschlagen ist, wird D e n t e sein Reich für immer auf den Trümmern dieser Mauern aufrichten.«

Rentzell verblüfft die schlichte Klarheit, mit welcher dieser alte eingeborene Soldat in gutem Deutsch den dunklen Ahnungen, welche sie alle, ob weiß ob farbig, beherrscht, Ausdruck gegeben hat. Gegen zehn Uhr des Vormittags läßt Werner von Rentzell, durch Hornsig-nale und Trommeln aufgerufen, die Truppe antreten. Der Bezirksleiter verkündet die Verhängung des Kriegs-zustandes und den sofortigen Beginn eines Standge-richtes in aller Öffentlichkeit. Alle zur Verteidigung der Station getroffenen Maßnahmen treten unverzüglich in Kraft. Die Zugänge werden für jeden Verkehr gesperrt und von Soldaten besetzt. Die Bevölkerung findet in gesicherten Gebäuden inmitten der Station Schutz.

Die Ungewißheit ist beendet und hunderte von Frauen- und Männerarmen regen sich zur Verteidigung der Station. An der Gerichtshalle findet sich eine zahlreiche Menge Schaulustiger ein. Ein durch Polizisten ver-stärktes Aufgebot sorgt für Ordnung und Ruhe. Unter der Menge befinden sich auch die getreuen Haussa-krieger aus Kete mit ihrem Häuptling Binder, die dem Ruf zur Verteidigung der Station gefolgt sind. Die Söhne des Propheten sind vor Jahrzehnten vor den Aschanti aus der Goldküste geflohen und siedeln nun hier bei Kratschi in ihrer eigenen Stadt Kete. Mit ihrer Religion, aber auch aus wirtschaftlichen Konflikten mit den Heiden, stehen sie zu den Kratschileuten im Gegensatz und haben sich nun für den bevorstehenden Kampf den deutschen Landesherren angeschlossen. 

Neben Binder sind weitere Häuptlinge und Großleute befreundeter Stämme bei dem standgerichtlichen Ver-fahren als Beisitzer anwesend. Mit einem dreifachen Trommelwirbel wird das Verfahren eröffnet. Die eiser-nen Gefängnisstüren kreischen und auf zwei Polizisten gestützt wird der Oberpriester Quassikuma in Hand-schellen und nur mit einem Lendenschurz bekleidet vorgeführt. Nichtsdestotrotz gibt er eine würdige Er-scheinung ab und beantwortet die ihm vorgelegten Fragen mit Zynismus und überhäuft die deutsche Ver-waltung und ihre Hilfskräfte mit Beschuldigungen und Drohungen. Dann bricht er in einen Anfall aus der ihn sich im Staub wälzen läßt, worauf er plötzlich aufspringt und in ein Triumphgeheul ausbricht. Er schaut den gelassen dasitzenden Haussahäuptling an und schleu-dert ihm entgegen, er werde sein Scheinkönigtum nebst der ganzen landfremden deutschen Herrlichkeit mit einem einzigen Wink ein jähes Ende bereiten. Der in Wut geratene Moslem springt auf und die Polizisten müssen den Heidenpriester vor dem Haussahäuptling schützen. Rentzell eröffnet nun dem Priester die Liste seiner Schandtaten und fordert vor dem Richterspruch das Volk als Richter auf:

„Welches soll die Sühne sein für einen Unseligen, der in kalter Berechnung zugestandenermaßen ungezählte Hunderte von Männern, Frauen und unschuldigen Kindern durch tückisches Gift um schnöden Gewinnes willen unter Mißbrauch des Gottes zu Tode gemartert hat?“

Das Volk schreit gegen den Oberpriester auf und nach-dem der Bezirksleiter noch den Erfordernissen des geschriebenen Gesetzes genüge getan hat verkündet er vor der Versammlung das Urteil des Todes durch den Strang. Der Verurteilte wird weggeführt, nicht ohne seine gefesselten Arme mit drohender Gebärde dem Richter entgegenzustrecken und mit heiserer Stimme die Stunde seiner dicht bevorstehenden Befreiung und blutige Rache anzukündigen.

Nun wird Oberhäuptling Kodjò zur Vernehmung vorge-führt. Der etwa 50jährige ist seelisch gebrochen, fällt vor dem Bezirksleiter auf die Knie und fleht um sein Leben. Er gesteht unumwunden alle ihm vorgeworfenen Schandtaten und beteuert vollständig in der Macht des Oberpriesters gestanden zu haben, der auch das Gift, das er ihm reichen mußte bei den vorgeblichen Gottes-urteilen, beschafft habe. Doch auch für den Kratschi-Häuptling kann es nur den Tod durch den Strang geben. Völlig zusammengebrochen muß er vom Platz getragen werden.

Vor dem Gefängnisgebäude befinden sich zwei hoch-stämmige Kapokbäume an denen je ein Strick mit Schlinge befestigt wird und darunter wird je ein Kisten-stapel aufgestellt. Die Schlingen der Stricke haben am Nacken des Verurteilten einen starken Knoten, um ihm beim Fallen das Genick zu brechen.

Die Zeit drängt, denn die Zuversicht des Oberpriesters auf seine Befreiung ist mehr als berechtigt. Ein gellen-des Hornsignal zeigt den Beginn der Hinrichtung an. Die Gefängnistore öffnen sich und Quassikuma wird mit verbundenen Augen zur Richtstätte geführt. Mit lauter Stimme verliest Bezirksleiter Rentzell nochmals das gefällte Urteil mit der Hinzufügung, daß die durch die Verurteilten heraufbeschworene gefährliche Lage eine unter Kriegsrecht zulässige sofortige Vollstreckung des Urteils gebieterisch erfordert. Sodann richtet Rentzell an den Delinquenten das Ersuchen, von dem Recht des letzten Wortes Gebrauch zu machen.

Die rasche Hinrichtung, statt seiner Befreiung, hat der Priester nicht erwartet, faßt sich aber und in Hohn-gelächter ausbrechend und mit einem Fluch auf den Lippen besteigt er mit jener den Eingeborenen fast stets eigenen achtungsgebietenden Fassung den Kistensta-pel. Widerstandslos läßt er sich die Schlinge um den Hals legen und ergeht sich dann in den unflätigsten Verunglimpfungen und Beschimpfungen der Deutschen und insbesondere seines Richters. Dann ein Wink. Der dafür befohlene Polizist tritt in den Kistenstapel, wel-cher polternd auseinanderfällt.

Gleich darauf wird Kodjò zum Richtplatz geführt. Noch-mals bittet er flehentlich um sein Leben. Er flucht, schlägt um sich, winselt. Doch es hilft natürlich nichts und er ergibt sich in sein Schicksal. Gefaßt geht er in den Tod.

Ein letztes Hornsignal verkündet den Abschluß der schaurigen Zeremonie. Der Bezirksleiter verfügt, die Leichen bis zum Einbruch der Dunkelheit an der Richt-stätte hängen zu lassen als ein weithin sichtbares warnendes Zeichen für die unerbittliche Gerechtigkeit der deutschen Schutzgewalt.

Die Hinrichtung hat die feindlichen Kriegerhaufen offenbar erschüttert. Das erregte Trommeln und Kriegs-getöse ist einer abwartenden Spannung gewichen. Es ist Mittag und die Sonne brennt vom Himmel. Leutnant Rentzell beschließt, dem Gegner nun durch entschlos-sene militärische Tat das Gesetz des Handelns aufzu-zwingen. Mit vereinigter Truppenmacht soll der Gegner an seiner stärksten Stelle getroffen werden. Zur Ver-teidigung der Station wird ein erprobter alter einge-borener Sergeant mit einer Handvoll Rekruten und kranken Soldaten nebst zweihundert Haussakriegern zurückgelassen. Die Ausfallexpedition marschiert gera-dewegs in das Kratschidorf, in dem nur noch ein paar Greise, Frauen und Kinder zurückgeblieben sind. Angst-zitternd folgen einige uralte Männlein und Weiblein der Aufforderung des Suchkommandos den Bezirksleiter zu begrüßen. Rentzell bittet die Leute, die Leichen der Gehenkten nach Einbruch der Dunkelheit zur Bestat-tung nach Landesbrauch abzuholen, und versichert ihnen, daß die Deutschen keineswegs beabsichtigen, einen blutigen Krieg vom Zaume zu brechen. Ihr Bestre-ben sei vielmehr, alles zu tun, um die erregte Bevöl-kerung davon zu überzeugen, daß sie nach Unschäd-lichmachung der Blutsauger und Mörder unbehelligt ihrer gewohnten, friedlichen Arbeit nachgehen könne. Dann wird der Marsch durch Farmen und Busch fort-gesetzt und, nachdem man eine gestrüppreiche Anhöhe erklommen hat, stößt man auf einen etwa 200 Mann starken Haufen Bewaffneter. Die Leute lagern sorglos um einige Feuer und verzehren eine Mahlzeit aus geröstetem Jams und Fufu. Sie haben wohl mit dem Eintreffen weiterer eigener Leute gerechnet, nicht aber mit dem Auftauchen der deutschen Truppe. Ohne den Befehl ihres Kommandeurs abzuwarten stürzen die Sol-daten auf  die Aufrührer. Die meisten flüchten sofort und lassen selbst ihre Waffen zurück. Einige sind ge-lähmt vor Schreck und lassen sich einfach gefangen-nehmen. Den Fliehenden läßt Rentzell einige Salven hinterherschießen. Rentzell dazu:

»Die Welt sollte wissen, daß der deutsche Löwe sich zum Sprunge anschickte.«

Nachdem nun diese Flanke der Front bereinigt ist, wird im Eilmarsch zur Station zurückgekehrt. Von neuem ertönen überall die Trommeln, aber sie scheinen sich hier und da von der Station zu entfernen. Der Gegner scheint nach der ersten Niederlage zu weichen. Aus Soldaten und Hilfskriegern wird eine starke Patrouille unter einem deutschen Unteroffizier durch Kete auf die Straße nach Norden zur gewaltsamen Erkundung los-geschickt. Bald erschallt aus der Vormarschrichtung kurzes, aber heftiges Gewehrfeuer, welches anschei-nend aber nicht erwidert wird. Rentzell stößt im Eil-schritt mit seiner in bester kriegerischen Stimmung befindlichen Truppe von der Station auf den Gefechts-lärm vor, den Weg hügelab auf die Haussasiedlung zu. Doch die Verstärkung braucht nicht mehr einzugreifen. Eine halbe Stunde hinter Kete war die Erkundungs-abteilung auf den abziehenden Gegner gestoßen und hatte ihn befehlsgemäß mit Salvenfeuer überschüttet. In hastiger Flucht verschwand er im Busch. Die Soldaten verfolgten den Gegner, der sich vollständig zerstreute. Vermutlich war der Erkundungstrupp auf die Haupt-kräfte des Gegners gestoßen und nun hat seine voll-ständige Auflösung begonnen. Die Hauptgefahr scheint gebannt. Helle Hornsignale rufen die Truppe zum Sammeln. Die Soldaten jubeln über ihren Sieg in der flimmernden Weite der Steppe. Rentzells Hauptabtei-lung nimmt nur noch die Erkundungspatrouille auf und gemeinsam wird der Rückmarsch zur Station angetre-ten, wo die siegreiche Truppe vom Jubel der vom Feinde befreiten eingeborenen Bewohner empfangen wird. Die Fühlung zum Gegner wird jetzt nur noch durch Späher und schwache Streifpatrouillen aufrecht erhalten. Mit Einbruch der Dunkelheit kann der weite Umkreis der Station als vollständig feindfrei gelten. Die angstvolle Spannung der Bewohner der Station in den letzten Tagen weicht ausgelassener Fröhlichkeit. Trotzdem läßt zum Unverständnis des eingeborenen Stationsvolkes der Bezirksleiter den Kriegszustand fortbestehen. Am späten Abend einlaufende Meldungen berichten, daß der größte Teil der Aufständischen in vollem Rück-marsch in die heimatlichen Dörfer ist.

Der Übertritt geschlossener Gruppen mit Weibern und Kindern – hauptsächlich engerer Anhang des Ober-priesters – ins englische Gebiet ist bedauerlich, aber immer noch besser als ein Krieg mit all seinen unab-sehbaren Folgeschäden.

Am frühen Morgen des nächsten Tages verläßt ein merkwürdiger Zug die Station. An der Spitze marschiert der Hornist. Ihm folgt in der Mitte einer Gruppe von Soldaten der riesenhafte Fahnenträger Freitag aus Liberia mit der wehenden Reichsflagge. Dann kommen im Schmuck feierlicher Gewänder die Paukenschläger des Haussakönigs, die ihre fellbespannten Holzkessel auch kräftig bearbeiten. Auf tänzelnden Hengsten reiten in Begleitung des Haussakönigs die beiden deutschen Staatsdiener der Station, der Bezirksleiter und der Unteroffizier, der auch tags zuvor die Erkundungs-patrouille Richtung Norden führte. Der Unteroffizier fühlt sich als Herr des Tages. Er war in Deutschland bei der Pioniertruppe und kann nun sein Können unter Beweis stellen. In der Kolonne schreitet eine Abteilung Soldaten in Arbeitszeug. Sie tragen sonderbare kleine Päckchen mit sichtbarer Ehrfurcht, das Arbeitsgerät des Pionierunteroffiziers. Hinter den ›Päckchenträgern‹ schließen Rekruten und Hilfsarbeiter mit schweren Brechwerkzeugen und wuchtigen Picken an. Der Be-zirksleiter will den »großen Gott Dente von Kratschi« zur Strecke bringen und so auch keinem Oberpriester mehr Gelegenheit für satanische Gaunereien im Namen einer Gottheit geben. Langsam biegt der Zug in das Dämmer-licht des Fetischhains ein. Das fröhliche Marschieren der Eingeborenen ist doch nun einer Furcht vor dem Ort der Richtstätte und dem Wohnsitz des Gottes Dente gewichen und auch die Kühle des dichten Waldes, den keine wärmenden Sonnenstrahlen mehr durchdringen, läßt die Männer erschauern. Die unheimliche Stille an diesem verwunschenen Ort drückt noch mehr auf die Stimmung der Männer. Auf dem freien Platz vor dem mit einem roten Vorhang verdeckten Eingang der Höhle wird Halt gemacht. Der Bezirksleiter hält eine kurze Ansprache. Er sagt, daß dem Walten der menschen-mordenden Gottheit nun ein Ende gemacht werde. Sie sei der rächenden Hand der Lebenden verfallen. Das Volk müsse endlich vor der unersättlichen Gier dieser Geißel Ruhe finden. Eine stärkere Macht sei gekommen, um sie zu vernichten.

Rentzell reißt das blutrote Tuch vom Eingang der riesigen Felsgrotte und tritt es in den modrigen Boden. An der Spitze seiner Leute dringt er in die Höhle ein. Mitgebrachte Fackeln werden entzündet und werfen ihren flackernden Schein über die von Feuchtigkeit bedeckten Kegel und Zacken. Die Gottheit scheint zu erwachen und empfängt die Menschen mit einem nie gehörten Pfeifen und nie gesehenen Flattern. Schwärme fliegender Hunde und Fledermäuse sind aufgestört und fliegen durcheinander. Einige fliegen in das Pech der flammenden Fackeln und verbrennen in einen häß-lichen Geknister, andere Krallen sich in die Kleider der Soldaten, die sie schaudernd zu Boden schleudern und zu Tode treten. Auch Schlangen finden sich in der Höhle und werden von den Soldaten unter wilden Streichen und grausigen Verwünschungen niedergemacht.

Neben zahllosen leeren Töpfen und Kalebassen für das tödliche Gift, entdecken die Soldaten eine große Anzahl vermoderte, sowie anscheinend erst jüngst vom Körper getrennte Gebeine. Unter ihnen nicht wenige, die von sehr jungen Kindern herrühren. Die Erbitterung der Soldaten über diese Greuel kennt keine Grenzen. Nach-dem die körperlichen Reste der Opfer geborgen und die Suche nach etwaigen versteckten Waffen und Gerät-schaften erfolglos ist, folgen die Mannschaften mit aller Wut dem Befehl, die Spitzhacke anzusetzen und das Werk der Zerstörung des grauenvollen Ortes auszu-führen. Nun beginnt auch das Werk des ehemaligen Pioniers des deutschen Heeres. In die zwischen Fels-blöcke getriebenen Stollen werden Sprengladungen und Zündkapseln versenkt und mit Zündschnüren verbun-den. Nach stundenlangen Anstrengungen kann der Unteroffizier Bezirksleiter Rentzell die Bereitschaft zur Sprengung der Höhle melden. Die Mannschaft und die begleitenden Eingeborenen werden in abgelegene, vor-bereitete Deckungen zurückgenommen. Ein Hornsignal bricht sich an den Felsmauern der Höhle. Der frühere Pionierunteroffizier entzündet mit einer Fackel das En-de der Zündschnur und stürzt mit langen Sprüngen hinter die schützende Deckung. Mit der Uhr in der Hand zählt Rentzell laut die Sekunden. Die Gewalt der Explo-sion ist von solcher Wucht, daß sich niemand auf den Beinen halten kann. Die Gewalt der Explosion hat auch das Volk vom Alpdruck des Dente-Kultes befreit. „Der weiße Mann hat den großen Gott Dente geschlagen!“

Der Sträfling Kwamkwa, der der eigentliche Befreier des Volkes aus der Herrschaft des Oberpriesters Quassi-kuma ist, wird wieder in Amt und Würden eingesetzt.

Etwa 600 Kratschileute sind nach dem Ende von Gott Dente durch deutschen Befehl dauerhaft ins englische Gebiet ausgewandert.