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Landwirtschaft I

Der Deutsche Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahr-buch 1914 berichtet im Teil Die Entwicklung Deutsch-Südwestafrikas im Jahre 1913:

Die wirtschaftliche Lage der Kolonie hat sich langsam, aber stetig weiterentwickelt. Frische Kraft ist dem Schutzgebiet zugeführt worden durch die Bewilligung des Kreditinstitutes, die es den Farmern gleich wie den Gutsbesitzern in der Heimat ermöglicht, staatlich ga-rantierte Kredite aufzunehmen zur Sicherung ihrer Wirtschaft, zur Ausführung von Meliorationsarbeiten. Eine weitere günstigere Wirkung übte die Regelung der Diamantenzwistigkeiten aus, indem an die Stelle der Bruttobesteuerung die Besteuerung nach dem Reiner-trag gesetzt wurde. Die Farmbetriebe haben dank der günstigen Wetterverhältnisse zum Teil so erfolgreich gearbeitet, daß sich laut der Ruf nach Absatzmöglich-keiten erhoben hat. Das Gouvernement hat bei den Farmern eine Schätzung der heutigen schlachtreifen Bestände vornehmen lassen, wobei am 15. März 1913 als schlachtreif ermittelt wurden 11.000 Ochsen, 2000 Kühe, 6000 Kälber, 60.000 Schafe. Selbst wenn hierbei zu sehr der Optimismus mitgesprochen hätte, so wird man doch den Wunsch nach dauerndem Absatz der Fleischerzeugung Deutsch-Südwestafrikas seitens der Farmer für zum mindesten berechtigt halten müssen. Nun haben aber zum Glück in der Kolonie bereits Ver-suche eingesetzt, das Fleisch an Ort und Stelle zu ver-arbeiten. Einzelne Swakopmund anlaufende Schiffe ha-ben sich mit südwestafrikanischem Pökelfleisch verpro-viantiert und ihr Urteil über dessen Güte lautet außer-ordentlich günstig.

Von fachmännischer Seite sind die Farmer immer wie-der auf die guten Aussichten der Wollschafhaltung hin-gewiesen worden. Der amtliche Jahresbericht bemerkt hierzu:

»Angora- und Wollschafzucht finden immer mehr Freunde, trotz der Schwierigkeiten, die sich in erster Linie der Wollschafzucht in den großen Dürren und den daraus resultierenden Verlusten entgegenstellen, mit denen hauptsächlich im Süden, weniger in der Mitte und im Osten zu rechnen ist. Die Überzeugung bricht sich immer mehr Bahn, daß in größerem Umfange Wollschafzucht nur betrieben werden kann, wenn für die Zeiten der Not und des Futtermangels alle verfüg-baren und bewässerbaren Bodenflächen Futterreser-ven produzieren.

Die Sicherheit der Schafzucht und ihre Erfolge lassen sich weiter erhöhen, wenn mit Wassererschließung, Bau von Dippanlagen und mit Einzäunung fortgefahren wird und mehr Erfahrungen und Kenntnisse in der Wollschafzucht gesammelt sein werden. Ein den Fort-schritt hemmender Übelstand ist in dem unausgebil-deten Eingeborenen-Personal zu suchen, das erst ler-nen muß, mit Wollschafen umzugehen und sie zu hü-ten. Die für Wolle und Mohair erzielten Preise ermu-tigen zu weiterer Erzeugung dieser Exportartikel. Die Karakul-Kreuzungszucht hat an Ausdehnung zugenom-men und bei den Farmern an Interesse gewonnen. Die Nachfrage nach reinblütigem Bockmaterial erfolgte aus allen Landesteilen und in solchem Umfange, daß es der Karakul-Stammzucht-Schäferei nicht möglich war, den Bedarf zu decken.«

Auch der Straußenzucht wird immer mehr Aufmerk-samkeit zugewandt. Hierüber finden wir in der oben genannten Quelle die folgenden interessanten Aus-führungen:

»Die Zuchtstraußenfarm Otjituesu wurde weiter ausge-baut. Zur weiteren Verbesserung der Zucht wurden zwei Paar südafrikanischer Zuchtstrauße eingeführt. Durch die Einrichtung und den Erfolg der Regierungsstrau-ßenfarm wurde das Interesse an diesem Zweige der Farmwirtschaft geweckt. Verschiedene Farmbesitzer ha-ben bereits wertvolle Strauße eingeführt und mit der rationellen Straußenzucht begonnen. – Wahrscheinlich wegen der großen Trockenheit während der letzten Brunst- und Brutzeit begnügte sich die Mehrzahl der im Jahre 1911 eingeführten Zuchtstrauße mit je einem Gehege. Die 10 Brutpaare legten zusammen 147 Eier. 8 Brutpaare brüteten ihre Eier selbst aus, während die Eier der übrigen beiden Brutpaare durch die Brutma-schinen ausgebrütet werden mußten. Das Ergebnis waren 87 Kücken, davon 12 aus den Brutmaschinen. Die Kücken aus der Brutmaschine waren gegenüber den natürlich ausgebrüteten sehr schwach und blieben auch im Wachstum etwas zurück. Von den 87 Kücken sind in den ersten 3 Monaten 13 Stück, also 15 v. H. eingegangen. Zur Zeit befinden sich auf der Farm 27 Zuchtstrauße, 20 junge Strauße (Federvögel) erster Nachzucht, 74 Kücken zweiter Nachzucht und 11 wilde Strauße zu Versuchs-zwecken. 16 Vögel von der ersten Nachzucht kommen im Januar 1914 zur Abgabe an Farmer. Erfreulicherweise stehen die teilweise schon schnittreifen zweiten Federn des ersten Nachwuchses in keiner Weise an Güte den Federn ihrer Eltern nach. Der Beweis, daß im Schutzge-biete bei guter Pflege und zweckentsprechender Hal-tung rationelle Zucht edler Strauße getrieben werden kann, dürfte somit erbracht sein.«

Dank dem guten Beispiel der Behörden lenken die Far-mer ihr Augenmerk auch immer mehr auf die Pferde-zucht. Zum Glück kamen auch im letzten Jahre nur we-nige Fälle von Pferdesterbe vor. Trotz des sehr schwa-chen Regenfalles war genug Weide für die Tiere vor-handen.
Die geringen Niederschlagsmengen förderten nicht so den Ackerbau, wie man hätte wünschen können. Gleich-wohl hat sich die Fläche, die in Ackerkultur genommen ist, in Deutsch-Südwestafrika wiederum ausgedehnt. Die Farmer sind bestrebt, die für die Beköstigung der Ein-geborenen und für den Bedarf der eigenen Wirtschaft erforderlichen Vegetabilien der eigenen Scholle abzuge-winnen. Es kommen in Frage Mais, Hirse, Bohnen, Fut-termelonen und an vielen Stellen neuerdings der Tabak. Der Pfeifentabak von Osona ist heute im ganzen Lande geschätzt. Die zur Begutachtung an deutsche Zigaretten-fabriken gesandten türkischen Zigarettentabake erfuh-ren eine günstige Beurteilung. Wein- und Obstbau haben wiederum an Ausdehnung zugenommen. Im Schutzgebiet selber wird immer mehr von den Ernten gekeltert. Der amtliche Bericht besagt hier:

»Die staatliche Versuchsstation für Wein- und Obstbau in Grootfontein, welche künftig den Norden des Schutz-gebietes mit Reben, Obst- und Zitrusbäumen versorgen wird, hat ihre Kulturarbeiten so weit gefördert, daß bis zum Schlusse des Berichtsjahres etwa 17 ha Land urbar und zum Teil bewässert gemacht werden konnten. Fer-ner wurde eine Quelle erschlossen, die pro Tag etwa 250 cbm Wasser liefert und deren Wasser in mehreren Dämmen aufgespeichert und von hier aus über die Ländereien geleitet wird. Die Verschiedenartigkeit des Bodens, welcher zwischen Humusboden, humosem Sand und sandigem Kalkboden wechselt, wird es im Verein mit den günstigen Wasserverhältnissen gestat-ten, alle Versuche auf die breiteste Grundlage zu stellen und es ist zu erwarten, daß die Station ihrer Aufgabe, die sich außerdem auf Anbauversuche mit Getreidesorten aller Art nach dem Trockenkultursystem erstreckt, in jeder Hinsicht gerecht wird.«