Wie schon in der Vorbemerkung geschrieben, ist es besonders schwierig, die Wahrnehmung der einhei-mischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien und das Verhältnis zu ihren weißen Herren zu ergründen. Es gibt eben nur sehr wenige schriftliche Überlieferungen der Einheimischen in den Kolonien. Eine andere Quelle sind Weiße, die der jeweiligen einheimischen Sprache mächtig, den Gesprächen der Einheimischen lauschten und das Mitgehörte niederschrieben. Hier zum Beispiel eine Szene beim Gouverneur von Togo, August Köhler, um 1900 mit seinem schwarzen Koch und der deutschen Haushälterin. Der Koch schrieb darüber: »Die weiße Frau las mir aus dem Buch alles vor, und danach mußte ich mich richten. Sagte ich einmal: „So geht das nicht“, dann wurde sie gegen mich wütend. Nach einer Zeitlang erkrankte sie, und ich mußte allein kochen. Da ließ Herr Köhler mich eines Tages zu sich rufen und fragte, warum das Essen denn jetzt so ordentlich sei. Meine Antwort war: „Weil ich allein koche, die weiße Frau liest mir das Kochen aus dem Buch vor, und wenn ich dann Einwendungen mache, so fängt sie an zu weinen und ruft: „Ich habe in Europa kochen gelernt, und du schwarzer Junge willst mich belehren?“ Wenn dann das Essen mißrät, bekomme ich von dir Prügel.“ Herr Köhler fragte, warum ich ihm nichts davon gesagt hätte, und darauf ich: „Wir Schwarzen bekommen beim Europäer doch kein Recht, darum habe ich geschwiegen in der Hoffnung, daß eines Tages Gott meine Leiden enden werde.“«
Albert Schweitzer: »Alle Angestellten, auch die besten, sind so unzuverlässig, daß sie auch nicht der geringsten Versuchung ausgesetzt werden dürfen. Dies will heißen, daß sie niemals allein im Hause sein sollen. Solange sie darin arbeiten, muß meine Frau dabei sein. Ferner muß alles, was ihre Unehrlichkeit reizen könnte, immer abgeschlossen sein. Morgens bekommt der Koch aus-geteilt, was er gerade zur Bereitung unseres Essens braucht: so und so viel Reis, so und so viel Fett, so und so viel Kartoffeln. In der Küche hat er nur einen kleinen Vorrat von Salz, Mehl und Gewürzen. Vergißt er etwas, so muß meine Frau nachher vom Spital wieder den Berg hinauf zur Wohnung steigen und es ihm herausgeben.
Daß man sie nicht allein in einem Zimmer läßt, alles vor ihnen abschließt und ihnen keine Vorräte anvertraut, fassen die schwarzen Bedienten nicht als Beleidigung auf. Sie selber halten einen an, diese Vorsichtsmaß- regeln genau zu beobachten, damit sie für einen et-waigen Diebstahl nicht verantwortlich gemacht werden können. – Dabei nimmt der Neger nicht nur, was für ihn Wert hat, sondern auch, was ihn gerade reizt. Herrn Missionar Rabaud von Samkita wurden einige Bände aus einen wertvollen Sammelwerk gestohlen. Auf meinem Bücherschaft verschwanden der Klavierauszug der Meistersinger von Wagner und das Exemplar der Matthäuspassion von Bach, in das ich die von mir sorgfältig ausgearbeitete Orgelbegleitung eingetragen hatte. Dieses Gefühl, niemals gegen den stupidesten Diebstahl gesichert zu sein, bringt einen manchmal zur Verzweiflung. Und immer alles abgeschlossen halten zu müssen und ein wandelndes Schlüsselbund zu sein, macht das Leben furchtbar beschwerlich.«
Schweitzer beschreibt aber auch die Dankbarkeit man-cher seiner schwarzen Patienten nach seiner Behand-lung: »Ein schwarzer Händler bot mir seine Arbeiter an, damit das Dach meines Wohnhauses noch rechtzeitig vor dem Regen umgedeckt werden könnte.
Ein anderer besuchte mich, um mir zu danken, daß ich für die Eingeborenen gekommen sei. Beim Abschied schenkte er mir zwanzig Franken für die Medizinkasse.
Ein andere Patient schenkte meiner Frau eine Nil-pferdpeitsche. Was ist eine Nilpferdpeitsche? Ist ein Nilpferd erlegt worden, so wird die ein bis zwei Zentimeter dicke Haut in Streifen von vier Zentimeter Breite und anderthalb Meter Länge geschnitten. Dann werden die einzelnen Streifen so auf ein Brett gespannt, daß sie zugleich in Spirale gewunden sind. Sind sie getrocknet, so ist das gefürchtete, anderthalb Meter lange elastische und scharfkantige Marterinstrument fertig.«
Albert Schweitzer schreibt auch über Gifte, die die Schwarzen zum Töten von Mitmenschen benutzen, und vom Fetischkult. Einen seiner schwarzen Mitarbeiter befragt er über den Fetischkult: »Daß die Fetischmänner sich des Giftes bedienen, um ihre Autorität aufrecht-zuerhalten, erfuhr ich auf eigentümliche Weise… „Aber die meisten von euch sind doch Christen“, bemerkte ich, „ihr glaubt nicht an diese Dinge.“ „Gewiß“, erwi-derte er, „aber wer dagegen reden würde oder auch nur ein Lächeln hätte, während den Geistern Tabak und Schnaps gespendet wird, dem würde früher oder später Gift sicher sein. Die Fetischmänner verzeihen nicht. Sie leben unter uns, ohne das man sie kennt.“
Zu der Angst vor dem Gift kommt also noch die vor der übernatürlichen bösen Macht, die ein Mensch gegen einen anderen ausüben kann. Die Eingeborenen glau-ben, daß es ein Mittel gibt, in den Besitz von Zauber-kräften zu gelangen. Wer den richtigen Fetisch hat, vermag alles. Er hat Glück auf der Jagd, er wird reich und er kann dem, dem er schaden will, Unglück, Krank-heit und Tod bringen.
Der Europäer wird nie begreifen können, wie grausig das Leben der armen Menschen ist, die ihre Tage in Furcht vor Fetischen, die gegen sie benutzt werden können, hinbringen. Nur wer dieses Elend aus der Nähe angesehen hat, wird verstehen, daß es Menschenpflicht ist, den primitiven Völkern eine neue Weltanschauung zu bringen, um sie von dem quälenden Wahne zu befreien. In dieser Hinsicht würden auch die größten Skeptiker, einmal an Ort und Stelle, Freunde der Mis-sion werden.
Es gibt große und kleine Fetische. Zu einem großen gehört in der Regel ein Stück aus einer menschlichen Hirnschale. Der Mensch muß aber eigens zum Zwecke der Gewinnung eines Fetisch getötet worden sein.
Ich selber besitze einen Fetisch. Die Hauptstücke des-selben sind zwei länglich-ovale, in rotem Farbstoff ge-tränkte Ausschnitte aus einem menschlichen Schädel, wie mir scheint, den Scheitelbeinen entnommen. Der Besitzer war mit seiner Frau seit Monaten krank. Sie litten an quälender Schlaflosigkeit. Im Träume hörte der Mann mehrmals eine Stimme, die ihm offenbarte, sie könnten beide genesen, wenn er seinen von den Vätern ererbten Fetisch dem Missionar Haug in N’Gômô brächte und dessen Anordnung befolge. Schließlich tat er, wie ihm befohlen war. Herr Haug wies ihn an mich und schenkte mir den Fetisch. Mann und Frau blieben mehrere Wochen bei mir in Behandlung und wurden bedeutend gebessert entlassen.
Die Idee, daß menschlichen, zu diesem Zwecke gewon-nenen Schädelknochen Zauberkraft innewohnt, muß uralt sein. Ich las dieser Tage in einer medizinischen Zeitschrift, daß die Trepanationen [Operative Öffnungen des Schädels], die nach den Funden in Gräbern aus prähistorischen Zeiten öfters vorgenommen wurden, gar nichts mit Versuchen zur Heilung von Hirntumoren und dergleichen zu tun hatten, wie bisher angenommen wurde, sondern nur der Gewinnung von Fetischstücken dienten. Der Verfasser der Abhandlung ist wohl im Recht.«
Zu Schweitzers Ausführungen ist noch hinzuzufügen, daß in Europa diese Schädelstücke nicht einem dafür Ermordeten entnommen wurden, sondern in einer Ope-ration gewonnen wurde, die der Operierte überlebte, wie man anhand der verheilten Schädelschnittstellen ersieht. Die herausoperierten Schädelknochen wurden in Europa als Amulette getragen.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon von 1914:
Haschisch, ein Narkotikum des Orients, das aus der Hanfpflanze gewonnen wird. In Indien kennt man zwei Sorten Haschisch 1. Bhang, d. h. die zur Blütezeit ent-nommenen, zerkleinerten Blätter, welche mit Wasser und etwas schwarzem Pfeffer zu einer grünen Flüs-sigkeit zerrieben werden; 2. Ganja, d. h. die entblätterten Spitzen weiblicher Pflanzen, die reich an einem Harz sind. — Bhang wird getrunken, Ganja mit Tabak gemischt geraucht. Beide rufen Rauschzustände hervor, die in ihrer Eigenart und in ihren Wirkungen dem Opiumrausch ähnlich sind. In unseren afrikanischen Kolonien ist wohl nur das Hanf-Rauchen durch Inder und Araber verbreitet worden, doch scheinen es immer nur vereinzelte Individuen zu sein, die dem Laster ergeben sind. In jeder größeren Karawane finden sich einige Träger, die sich gelegentlich zurückziehen und flach auf dem Bauche liegend dem Genuß des Hanf-Rauchens frönen. Sie werden dabei von einem quä-lenden Husten geplagt, der erst aufhört, wenn Betäu-bung eintritt. Leidenschaftliche Hanf-Raucher sind die Betchuanen, von denen namentlich auch die Hotten-totten und andere Stämme im Gebiet der Kalahari die Unsitte angenommen haben.
Ein Buschmann in Deutsch Südwestafrika erzählt: „Der Buschmann läuft nie vor einem Löwen weg. Denn wenn der Löwe den Rücken eines Menschen sieht, packt er ihn. Sieht man aber dem Löwen ins Auge, so kann er nichts machen, es sei denn, man erzürne ihn durch einen Pfeilschuß. Auch den Geparden fürchten wir kaum, wohl aber den Leopard, denn er geht ohne weiteres auf den Menschen los und zerreißt ihn.“
Der Buschmann erzählt weiter, daß jemand eine Frau mit Krankheit behext hat. Ein Zauberer versammelt die Gemeinschaft um ein Feuer, um den Schuldigen zu finden. Er streut Pulver in das Feuer und in dem Rauch erscheint eine Gestalt. Der Zauberer fragt: „Kennt ihr den Mann?“ „Wir kannten ihn genau und nun wußte jeder, wer der Schuldige war.“
Ich selbst, der Schreiber dieser Zeilen, habe als Gläu-biger der westlichen Wissenschaft in Westafrika Voo-doo auf sehr beeindruckende Weise erlebt und kann nur unzweifelhaft die Wirklichkeit dieser magischen Welt bestätigen. In Asien wurde mir von den »Scharla-tanen« meine Gesundheit wiedergegeben und ich bin diesen Menschen zutiefst dankbar für ihren »faulen Zauber«. Auch aus weiterem Wissen und Erfahrungen kann ich die folgenden Darstellungen nur als glaubhaft einstufen und will damit die gewaltige kulturelle Kluft zwischen den ursprünglichen Menschen in Afrika, Asi-en, Australien und Amerika mit ihrer nicht von west-licher Wissenschaft begrenzten Welt, und den Erobe-rern aus Europa, klar machen. Eine Besonderheit ist mir in Afrika aufgefallen. Sind wir Weißen von Gut und Böse – egal ob wir selbst uns als Gut oder Böse einstufen – überzeugt, so ist bei den Afrikanern diese Vorstellung von Gut und Böse, wenn sie nicht die weiße Indoktri-nation erfahren haben, meist gar nicht vorhanden. Was uns unvorstellbar erscheint, wo doch sowohl für den Guten, als auch für den Bösen, also für die ganze weiße Gesellschaft, diese Norm selbstverständlich ist. So be-klagen sich die weißen Herren oft genug über den Dieb-stahl der Schwarzen oder Asiaten, während diese darin nur eine ausgleichende Gerechtigkeit sehen, aber in keiner Weise ein Vergehen. Deshalb ist für uns Weiße auch unbegreiflich, wenn die Samoaner im Krieg ihren Feinden mit Munition aushelfen, wenn diese gerade einen Mangel an Kampfmitteln haben.
Nun zu der geistigen Welt der Menschen in den von Weißen kolonisierten Ländern. Der deutsche Reise-schriftsteller Colin Ross schrieb: »Gewiß kann ein Auto, ein Gewehr, ein Grammophon, ein Flugzeug Über-raschung und Erstaunen erregen, wenn es zum ersten Male vorgeführt wird, aber der „Wilde“ ist im allge-meinen nicht so fassungslos, wie es in den Reisebe-richten geschildert wird. Zum mindesten resultiert daraus nicht oder wenigstens nicht immer der Glaube an die Höherwertigkeit des weißen Mannes. Gewiß, man mag seine Macht anerkennen und sich vor ihr beugen, aber innerlich weiß man, daß man als Mensch, als einer, der mit den eigentlichen wirksamen Kräften, mit der Gottheit, verbunden ist, dem Weißen keineswegs nach-steht. Es ist eine schwer zu bestreitende Tatsache, daß eine ganze Reihe farbiger Völker über Fähigkeiten und geistige Kräfte verfügt, die mit Hypnose und Auto-suggestion nur ungenügend erklärt sind. Man braucht dabei nicht bis zu den indischen Fakiren greifen, man kann mitunter schon mit einem afrikanischen Regen-macher die merkwürdigsten Dinge erleben.«
Ein amerikanischer Missionar im Kongo erzählte Ende der 40er Jahre dem schwedischen Schriftsteller Artur Lundkvist: „Afrika ist nicht das Land des Zweifels, son-dern des Glaubens und des Wunders, aber der Glaube ist oft böser Glaube und das Wunder oft teuflisches Wunder. In Afrika kann man heute noch genau wie in den alten Zeiten erleben, wie die guten Mächte mit den bösen ringen. Es gibt vieles, was man nicht ohne weiteres als abergläubischen Betrug oder Reste alter Schreckensherrschaft abtun kann.“ – „An einer Stelle lebte ein Mann, der stand mit den Krokodilen im Bunde. Ich habe selbst gesehen, wie er an das Flußufer trat, mit der Hand ein paar Zeichen gab und fast augenblicklich ein großes Krokodil zum Auftauchen brachte. Es schoß mit aufgesperrtem Rachen auf ihn zu, als wollte es ihn verschlingen, aber es blieb ruhig stehen, und das Kroko-dil legte sich neben ihn auf die Erde. Er neigte sich über das widerwärtige Tier, starrte ihm eine Weile in das lauernde Auge, wobei er fortwährend etwas murmelte. Dann machte er mit der Hand eine befehlende Bewe- gung, und das Krokodil verschwand im Fluß. Es war mit irgendeinem Auftrag ausgesandt worden: vielleicht auf Menschenraub, vielleicht um Fische in die Reusen zu treiben, vielleicht um mit irgendeiner Beute zurückzu-kehren. Jener Mann war ein ‚Krokodilmann’. Er war mit Krokodilhaut bekleidet, die ihn flatternd umgab, und trug Krokodilzähne an einer Schnur um den Hals, und seine Augen glichen denjenigen eines Krokodils, waren ebenso bernsteingelb und reglos tückisch. Es wurde behauptet, er bringe den Krokodilen in jeder Voll-mondnacht Opfer, er schneide sich selbst in den Arm und lasse das Blut ins Wasser tropfen, und der Fluß wäre so voller Krokodile, daß er wie auf festem Boden über sie hinweggehen könne.
Einmal habe ich auch eine Schlangengöttin getroffen. Sie sah aus wie die schlimmste Hexe, war zahnlos und furchtbar schmutzig. Sie lief schlangenbedeckt herum, die Tiere hatten sich ihr um die Schultern und den Hals geringelt, bewegten sich nicht und schienen zu schlafen; aber sie brauchte nur durch die Lippen zischen, so hoben sie augenblicklich die Köpfe und stimmten in den Laut ein. Ihr größtes Kunststück war, einen gewöhn-lichen Stecken vom Boden aufzuheben und ihn durch wiederholtes Streichen mit der Hand in eine quick-lebendige Schlange zu verwandeln. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und mußte an das Wunder des Mose vor Pharao denken. Diese Schlangengöttin sollte auch Macht haben, Schlangen mit einem Auftrag weg-zuschicken, und mehr als einer derer, die sich mit ihr verfeindet hatten, starb durch Schlangenbiß. So etwas kann ja auf Zufall beruhen, es ist aber so, daß es ein wenig zu oft vorkommt.“
Lundkvist: „Und wie reagieren Sie als Missionare auf so etwas, ich meine als Vertreter der guten Macht?“
Missionar: „Um der Wahrheit die Ehre zu geben: wir sind oft erstaunt und erschrocken und im Innersten kleingläubig, zweifelnd.“
Insbesondere Missionare drängen, ja zwingen, ihren Schützlingen Hemden, Hosen und Kleider auf, die regelrecht eine absichtliche Zerstörung der einheimi-schen Alltagskultur darstellen und oft sind insbeson-dere die Kleider für die Frauen einfach nur häßlich.
Wiederum ist aber auch eine freiwillige Übernahme der Kleidung der Weißen zu beobachten. Die einfache Bevölkerung versucht oft wenigstens ein altes abgetra-genes Stück wie ein Hemd oder eine Hose als besondere Erhöhung ihrer eigenen Wertigkeit zu tragen, während reiche Eingeborene teilweise vollständig auf europä-ische Kleidung umstellen, um sich als gleichwertig mit den Weißen darzustellen. Der deutsche Arzt Ludwig Külz beschreibt diese Mode der Eingeborenen der Küste von Togo in seinem 1906 erschienenen Buch Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika:
»Dabei ist die ursprüngliche Eingeborenentracht: ein Hüfttuch oder bei den Wohlhabenden ein Tuch, das von den Männern ähnlich der römischen Toga um eine Schulter geschlagen, von den Frauen über die Brust geknotet wird, den klimatischen, hygienischen und praktischen Bedürfnissen des Negers weit besser an-gepaßt als der eng anliegende europäische Anzug. Selten ist das moderne Kostüm des Schwarzen in einer einigermaßen annehmbaren Verfassung. Wo er nicht der dauernden Beobachtung und Beaufsichtigung durch den Weißen unterworfen ist, trägt er es ohne Wechsel wochen-, selbst monatelang und arbeitet, schwitzt oder schläft je nach Bedarf in ihm. Dem Schweiß ist weniger Gelegenheit zur Verdunstung gegeben als bei seiner losen bequemen Landestracht, und allerlei Hautkrank-heiten, zu denen er an sich schon neigt, sind die unmittelbare Folge. Kommt er in einen Regen, so ist er von früher gewohnt, den Rest von Feuchtigkeit, der nicht von selbst von seiner geschmeidigen, öligen Haut herabläuft, von der Tropenwärme auftrocknen zu las-sen. Hat er sein europäisches Gewand an, so legt er es nicht ab, kann es auch gar nicht, da er oft nur eins besitzt, Er behält es also in durchnäßtem Zustande auf dem Leibe, der Wind streicht durch die nassen Stücke, und die weitere Folge sind Erkältungskrankheiten, Katarrhe und rheumatische Erscheinungen, zu denen er ebenfalls an sich schon disponiert ist.
Besonders weit fortgeschrittene Neger tragen dauernd eine Kopfbedeckung, womöglich noch einen Sonnen-schirm dazu. Die wirklichen »bigmen« wählen nicht etwa einen Strohhut oder leichte Mütze, sondern mit Vorliebe den Tropenhelm, den sie beim Europäer sehen. … Ebenso zweifelhaft ist der Wert unserer Fußbeklei-dung für ihn; denn er wählt nicht die für ihn geeigneten Sandalen, sondern modernes, für seinen Fuß möglichst untaugliches Schuhwerk Das Sonntagsbild der am Lagu-nenstrande Kleinpopos promenierenden Neger-haute-volée bietet in konzentrierter Dosis alle die Torheiten, die sich die Eingeborenen nur in Bezug auf Kleidung aneignen können. Der eingeborene „Clark“ mit schwar-zem Tuchanzug, hohem Stehkragen, Manschetten, Tro-penhelm oder gar Zylinder, Lackstiefeln und womöglich Glacehandschuhen ist keine seltene Erscheinung hier. Die Europäer sollten, wenn überhaupt ihr Auge am Hosenneger Gefallen findet, wenigstens dahin wirken, daß die Schwarzen ihrer nächsten Umgebung nichts anderes als ganz leichte, waschbare Kleidung tragen; noch verdienstvoller wäre es aber, wenn man die Eingeborenentracht zu erhalten suchte, sie vielleicht in dieser oder jener Hinsicht verbesserte, aber nicht ihre Verdrängung begünstigte. Mit den Hosen allein zieht man dem Neger keine Kultur, sondern zunächst nur ein Stück Eitelkeit an. Beispiele, zu welcher lächerlichen Ausartung die Nachahmungssucht des Schwarzen sich versteigt, erleben wir täglich; einen besonders originel-len Fall erlebte ich kürzlich, als ein Neger mit einer schön gearbeiteten, großen Goldplombe seines Schnei-dezahnes — wie ich zunächst annahm — bei mir erschien. Bei näherem Zusehen entpuppte sich die Plombe als eine von einem eingeborenen Goldschmiede angefertigte, dünne, abnehmbare Kappe, die er über den ganz unversehrten Zahn geklemmt hatte.«
Von den Missionen und den Weißen allgemein wird den farbigen Völkern die Ehe und die Kleinfamilie als Ideal hingestellt und nicht selten mit religiösen Einschüch-terungen und Drohungen durchgesetzt; gleichgültig welche Lebensform die farbige Gesellschaft für sich selbst praktiziert. Auch eingeschüchtert durch die technische Überlegenheit der Weißen ist eine farbige Gesellschaft oft hin- und hergerissen, was denn nun die richtige Lebensform sei. Besonders von den Missionen bekämpft ist die Polygamie und von staatswegen wird die Hierarchie einer Kleinfamilie gefördert durch die Auferlegung der Hütten- und Kopfsteuer auf das »Familienoberhaupt«, das nun zum »Herrn« der Familie wird und die Geldgeschäfte in seine Hand bekommt. Gefördert wird die Kleinfamilie auch durch das deut-sche Steuerrecht, wonach eine Frau steuerlos bleibt, für jede weitere Frau aber ein Zuschlag zu zahlen ist. Das System der Besteuerung höhlt die wie auch immer geartete ursprüngliche Gesellschaftsform aus und oft auch das Denken in gemeinschaftlichen Kategorien der Eingeborenen. Die von der christlichen Welt in den Kolonien eingeführte Kleinfamilie hat für die Frauen nur Nachteile. Allein mit dem Mann entfällt die Gemeinschaft mit anderen Frauen und die Arbeits-teilung im Haushalt, auf dem Feld, bei der Kinderer-ziehung und der Versorgung der Alten. Mehrarbeit und Isolation sind die Folge und eine höhere Kinderzahl je Frau, da die Christen verhütende und abtreibende Mittel verbieten. Häufigere Schwangerschaften und Geburten für die einzelne Frau führen zur Schwächung ihrer Gesundheit, mehr Arbeit, mehr Sorgen, auch um die Ernährung der vermehrten Kinderzahl, und ein schlechterer Gesundheitszustand der Kinder mit erhöh-ter Kindersterblichkeit. Dazu ist der Mann für die Kolo-nialverwaltung der Ansprechpartner. Die Frau wird dem Mann untergeordnet. In der Dorfgemeinschaft wirkt sich diese Umwandlung der sozialen Verhältnisse nicht so sehr aus, aber in den aus der Landbevölkerung rekrutierten Bevölkerung der wachsenden alten und der neuen Städte ist die Kleinfamilie der von der Kolo-nialverwaltung geschaffene Zustand. Die monogame Ehe ist für die farbige Frau, die mit ihrem Mann in die Stadt zieht, eine Falle aus Entwurzelung, Vereinsamung und Abhängigkeit vom Ehemann.
Eine wichtige Angelegenheit für die deutschen Frauen in der Heimat, wie in den Kolonien, ist das Wäsche-waschen. Wenn möglich delegieren sie diese anstren-gende Arbeit an Einheimische. Nur waschen die Ein-heimischen auf eine ganz andere Art als in Deutsch-land. So ist etwa bei den Konde im Südwesten von Deutsch Ostafrika Wäschewaschen Männerarbeit. Der Missionarin Maria Maaß paßt das gar nicht und so will sie wenigstens ihre eigene Wäsche von einer Frau ge-waschen haben. Die Wäsche muß aber »nach deut-schem Muster« in einem Kessel gekocht werden. Maria Maaß:
»Am schwersten bei dieser neuen Methode ist meinem Frauchen das Stehen geworden. Solange sie auf den Steinen oder auf einer umgekehrten Kiste die Wäsche klopfte, konnte sie dabei sitzen. Das ging jetzt nicht mehr, und sie hält darum auch nur den Vormittag aus.«
Albert Schweitzer: »Geistige Arbeit muß man haben, um sich in Afrika aufrechtzuerhalten. Der Gebildete, so merkwürdig es klingen mag, erträgt das Leben im Urwald besser als der Ungebildete, weil er eine Erholung hat, die dieser nicht kennt. Beim Lesen eines ernsten Buches hört man auf, das Ding zu sein, das sich den ganzen Tag in dem Kampf gegen die Unzuverlässigkeit der Eingeborenen und die Zudringlichkeit des Getiers aufreibt, und wird wieder Mensch. Wehe dem, der hier nicht so immer wieder zu sich selbst kommt und neue Kräfte sammelt! Er geht an der furchtbaren Afrikaprosa zugrunde.
Letzthin besuchte mich ein weißer Holzhändler. Als ich ihn ans Kanoe zurückbegleitete, fragte ich ihn, ob ich ihm für die zweitägige Fahrt, die er vorhatte, nicht etwas Lektüre geben sollte. „Danke schön “, sagte er, „ich bin versehen“, und zeigte mir das Buch, das auf seinem Bootsliegestuhl lag. Es war Jakob Böhmes ›Aurora‹. Das Werk des deutschen Schuhmachers und Mystikers aus dem beginnenden siebzehnten Jahrhundert begleitete ihn auf allen seinen Fahrten. Bekanntlich führten fast alle großen Afrikareisenden in ihrem Gepäck ›schwere Lektüre‹ mit.«