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Kolmanskuppe

Über die Wüstenstadt findet sich im Deutschen Kolo-nial-Lexikon nur:

»Kolmanskuppe, in der Küstenwüste Deutsch-Südwest-afrikas innerhalb des Gebiets des reichen Diamanten-vorkommens gelegene Kuppe (siehe Diamanten).«

Der Name Kolmanskuppe stammt von einem Transport-kutscher namens Johnny Colman oder Jonny Coleman – wer weiß schon wie er wirklich hieß und wie genau er seinen eigenen Namen nahm – der hier bei einer niedri-gen steinernen Hügelkuppe mit seinen Ochsenkarren auf dem Weg zwischen Keetmanshoop und Lüderitz regelmäßig rastete. Andere behaupten, daß dort 1905 seine beiden Ochsengespanne von einem starken Flug-sandsturm so vollständig eingeweht wurden, daß alle Ochsen verreckten. Vielleicht stimmt beides. 1905 ver-dursten bei Kolmanskuppe auch der Oberveterinär Rogge und sein Begleiter, der Reiter Feilicke, die auf dem Marsch von Kubub nach Lüderitzbucht waren. Rogge wird später als Mumie aufgefunden. Auf jeden Fall benennen Frachtfahrer den Hügel nach Coleman auf Afrikaans Kolman se Kop oder einfacher Kolmans-kop. Daraus wird auf Hochdeutsch Kolmanskuppe.  

Daß Kolman seine Kuppe schließlich auch auf größeren Landkarten verzeichnet wird hat sie dem Bahnbeamten August Stauch zu verdanken. Stauch leitet die Eisen-bahnstation Kolmanskuppe – bei Kilometer 16 der Bahn von Lüderitzbucht gelegen – , ein Wärterhäuschen und einige Wellblechschuppen, die als Unterkunft für die farbigen Arbeiter der Bahnverwaltung dienen, die bei den fast täglichen starken Sandstürmen die Eisen-bahngleise für die durchfahrenden Züge freizuhalten haben. Stauch findet in der Gegend Diamanten und gründet für das Schürfen der Diamanten in der Wüste schließlich Kolmanskuppe. Zunächst entsteht an Kol-mans Kuppe ein ständig wachsendes Camp für Diaman-tensucher. Beim Diamantensuchen wird dann auch die mumifizierte Leiche von Rogge gefunden.

In dieser Einöde will aber niemand mit einem warmen Bier im sandigen Zelt sitzen und so werden Häuser gebaut, Massivbauten statt der üblichen Baracken wach-sen aus dem Wüstensand. Da Kolmanskuppe gerade 18 Eisenbahnkilometer vom Hafen Lüderitzbucht entfernt liegt, ist es bestens erreichbar und mitten in der Wüste wird eine modern angelegte Stadt für die Facharbeiter aus Deutschland und ihre Familien hochgezogen. So entwickelt sich Kolmanskuppe zu einer blühenden Kleinstadt mit allem Komfort. Vom Hafen in der Lüderitzbucht wird mit der Bahn alles in die Wüste transportiert, was das Leben angenehm macht: Fliesen für die Badezimmer, Badewannen, Armaturen, Tapeten, elegante Stilmöbel, Linoleumfußböden, Sportgeräte, Kühlaggregate, Grammophone und Toiletten mit Was-serspülung.

Frischwasser ist sehr teuer, denn es muß in Fässern per Schiff aus Kapstadt oder über Land aus dem 92 km entfernten Garub herangeschafft werden. Ein Liter Frischwasser kostet so viel wie ein halber Liter Bier, aber jeder bekommt täglich 20 Liter Frischwasser umsonst. Wer mehr Wasser wünscht, muß es aus eigener Tasche bezahlen. Salzwasser-Kondensatoren zur Gewinnung von Süßwasser arbeiten in Lüderitz und Bogenfels. Aus Gründen der Sparsamkeit mischt man das so gewon-nene Kondensatorwasser mit dem Frischwasser aus Garub. Das Trinkwasser aus den Kondensatoren kostet acht Pfennige je Liter, später 10 Pfennig.

Es gibt sogar eine moderne Stangeneisfabrik. Jede Fami-lie bekommt eine halbe Stange Eis gratis pro Tag gelie-fert für die Eisschränke.

In Lüderitzbucht wird ein Elektrizitätswerk errichtet und 1911 wird Kolmanskuppe an das Stromnetz von Lüderitz angeschlossen mit Leitungen auf die Diaman-tenfelder, wo Elektromotoren im Einsatz sind.

Das Brauchwasser wird in einem riesigen Tank oben auf der Düne hinter dem Hospital gelagert und in dem Wasser-Reservoir auf der Düne über dem Ort dürfen die Bewohner an heißen Tagen auch schon mal baden ge-hen. Gespeist wird es mit Meerwasser, das vom Atlantik hierher gepumpt wird. Vor allem zum Auswaschen von Sand und Kies auf der Suche nach den Diamanten wird sehr viel Wasser benötigt, aber auch die Dampfmaschi-nen verbrauchen große Wassermengen. Später baut man an der Küste sogar eine Meerwasserentsalzungs-anlage, die von dem eigens errichteten Elektrizitätswerk betrieben wird. Es ist der leistungsstärkste Stromprodu-zent auf der südlichen Halbkugel.

In Kolmanskuppe leben 300 Deutsche mit 50 Kindern und Jugendlichen. Es gibt frische Brötchen aus der eige-nen Bäckerei, einen Fleischer, einen großen Gemischt-warenladen, eine Apotheke, eine Limonadenfabrik, eine Eisfabrik, eine Volksschule, eine Polizeiwache, ein Post-amt, den Kegelklub „Gut Holz“ und ein hochmodernes Krankenhaus. Der Arzt reist extra für eine Schulung nach Deutschland und kommt mit einem hochmoder-nen Röntgengerät zurück. Es ist das erste in ganz Afrika. Mit dem Gerät kann man auch im Körper versteckte Diamanten entdecken. Die Klinik hat eine chirurgische Abteilung, dazu eine gynäkologische Station und sogar einen Weinkeller. Begründung: Wein ist ein nützliches Arzneimittel bei allerlei Gebrechen.

Zur Freizeitunterhaltung dient eine Kegelbahn neben der geräumigen Turnhalle, die auch zu Theaterauffüh-rungen genutzt wird, und ein Kasino mit einem Ballsaal. Die Straßen werden nachts beleuchtet und man pflanzt sogar ein paar Bäume. Auch eine Schmalspurbahn für den Transport von Waren und Personen innerhalb von Kolmanskuppe wird gebaut.

Es gibt für jeden mindestens 14 Tage bezahlten Urlaub im Jahr – je nach Dienstzeit vor Ort sogar noch mehr – den man auch ansparen kann, um dann nach einigen Jahren nach Deutschland zu reisen. Die rund 800 einhei-mischen Vertragsarbeiter vom Volk der Ovambo aus dem Norden der Kolonie leben in Holzbaracken. Für die Ovambo-Arbeiter gibt es ein eigenes Krankenhaus mit Bädern, Desinfektionsanlagen, einer Entlausungsstation und Isolierzimmern bei Seuchengefahr.

1909 fördert Kolmanskuppe 20 Prozent der Weltpro-duktion an Diamanten. Man geht vorsichtig von 20 bis 30 Prozent Verlust durch Diebstahl aus. Mehr als eine Tonne Diamanten werden bis 1914 gefördert.

Kolmanskuppe ist die reichste Stadt Afrikas. In einem Zeitungsartikel steht:

»Nicht nur in Lüderitzbucht, sondern auch im benach-barten Vorort Kolmanskop spazieren die neureichen Herrschaften am Sonntagnachmittag durch die Gegend, stets nach der letzten Mode gekleidet, wobei die Damen Mühe haben ihre langen Schleppen mit kundigem Griff vor den Tücken des Sandsturms zu bewahren und die Hutkreationen dem Wind entgegen zu stemmen.«