Benannt ist Keetmanshoop nach dem 1865 verstorbenen deutschen Kaufmann und Bankier Johann Keetman. Er spendete der Rheinischen Missionsgesellschaft 1000 Taler für eine Missionsstation in Südwestafrika.
Keetmanshoop liegt im Süden der Kolonie. Der Ort ent-wickelt sich zum wirtschaftlichen Zentrum der Gegend. Keetmanshoop besteht im Jahre 1907 aus etwa einem Dutzend Geschäften, drei Hotels, einer Bäckerei, einer Schlachterei und einer Bierbrauerei. Dazu kommen die vielen militärischen Einrichtungen wie Festung, Etap-penverwaltung, Proviantsamt, Pferdedepot, Artilleriede-pot, Intendantur, Hospital, Kasernen und Polizeistation. Der militärische Charakter beherrscht vollkommen den Ort.
Max Ewald Baericke: »Das Schützenhaus in Keetmans-hoop war ein imposanter Bau, der größte im Ort. Außer einem großen Saal von etwa 15 x 20 Metern im Geviert, besaß er noch eine Bar und eine Bühne für Theater-vorstellungen. In dem geräumigen Hofraum befanden sich die Fremdenzimmer, die Wohnung des Inhabers und Zimmer für Angestellte. Der Bau wurde 1906 be-gonnen und 1907 fertiggestellt. Er war seiner Zeit weit vorausgeeilt, denn ein Bedürfnis für einen so großen Tanzsaal lag noch nicht vor, da der Damenflor fehlte. Außer einigen Burenfrauen gab es überhaupt keine Vertreterinnen des zarten Geschlechts. So war es denn kein Wunder, daß alle Festlichkeiten mit einer wüsten Sauferei endeten.
Der Inhaber des Schützenhauses war Hermann Schmitz, uralter Schutztruppler, danach Frachtfahrer. Mit der Frachtfahrerei hatte er sich in den Aufstandsjahren [1904/05] viel Geld verdient, wovon er nun das Schüt-zenhaus gebaut hatte. Wegen seiner rauhen Art nannte man ihn allgemein den „groben Gottlieb“.
Dem Übelstand des Damenmangels gedachte Hermann Schmitz dadurch abzuhelfen, indem er sich zwei junge und schicke Bardamen aus Deutschland kommen lassen wollte. Durch Vermittlung einer Hamburger Export-firma ließ er Inserate in einer deutschen Tageszeitung einsetzen auf welche sich Hunderte von auswande-rungslustigen jungen und auch älteren Mädchen mel-deten. Die Hamburger Firma hatte ihm ein ganzes Post-paket Briefe mit beigelegten Fotographien geschickt, die Hermann Schmitz gewissenhaft durchsah und seine psychologischen Studien daran machte, wobei ihm sei-ne Freunde und Gäste mit großem Vergnügen behilflich waren. Es war nicht leicht, unter den vielen Bewerbe-rinnen die richtige Auswahl zu treffen, ihre Charakter-eigenschaften zu ergründen und ihre Eignung für einen Barbetrieb festzustellen. Die Fotografien wurden unter ein Vergrößerungsglas genommen, um eventuelle Gebrechen oder andere Schönheitsfehler festzustellen. Nachdem er ein halbes Dutzend Bewerberinnen zur engeren Auswahl zusammengestellt hatte, sandte er die Briefe an das Hamburger Exporthaus, das nun von den sechs Anwärterinnen die zwei hübschesten aussuchen und nach Lüderitzbucht verfrachten sollte. … Im Juni 1907 erhielt der „grobe Gottlieb“ ein Telegramm aus Hamburg daß mit einem Woermanndampfer zwei der gewünschten Damen abgefahren seien. Der Name des Dampfers und die Namen der Damen wurden in dem Telegramm genannt und jeder Gast, der das Schützen-haus betrat, konnte die zukünftigen Bardamen schon im Bilde kennen lernen. Die Spannung war groß, denn seit seinem Bestehen hatte Keetmanshoop noch keine schicken Damen gesehen. Und nun kamen gleich zwei auf einmal, jung, hübsch und unverheiratet, sozusagen für jedermann erreichbar. …
Hermann Schmitz rüstete seine sechsspännige Pferde-karre für die weite Reise nach Lüderitzbucht. Die Eisen-bahn fuhr damals erst bis Aus, das 250 Kilometer von Keetmanshoop entfernt war. Dort ließ er die Karre ste-hen und fuhr mit dem Zug weiter nach Lüderitzbucht. Als der Dampfer in den Hafen von Lüderitzbucht einlief, nahm er als Aufpasser für die zweite Dame einen jungen Angestellten der Firma Alfred Berger mit an Bord, während er die andere Dame selbst unter seine Fittiche nehmen wollte. Dies war sehr nötig, denn die junge Lüderitzerbuchter Männerwelt fuhr zu jedem Dampfer, der Bardamen mitbrachte, zu ihrem Empfang an Bord, und so mancher von diesen hatte sich eine Braut ge-angelt.
Die beiden Damen waren wirklich über alles erwarten hübsch und elegant. Der Schützenhauswirt war in bester Laune und schwelgte bereits im Vorgenuß der großen Tagesumsätze an Bier und Spirituosen, die nun bald seine Kasse füllen würden. Denn daß die beiden Damen die ganze Männerwelt von Keetmanshoop anziehen würden, darüber bestand kein Zweifel. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten, und das Unglück, schreitet schnell, sagte schon Schiller in seiner Glocke.
Am Vorabend der Abreise nach Keetmanshoop kam der bereits erwähnte Angestellte der Firma Alfred Berger, den Hermann Schmitz als Vertrauensmann mit an Bord genommen hatte und erklärte ihm kategorisch, daß Fräulein X nicht mitfahren könne, da er sich inzwischen mit ihr verlobt habe und sie demnächst heiraten wolle. Der „grobe Gottlieb“ war außer sich vor Wut und wurde noch gröber als er ohnehin war, schalt den Angestellten einen Verräter, Schuft, Betrüger und prophezeite ihm, daß ihm dieser Vertrauensbruch teuer zu stehen kom-me. Kochend vor Ärger ging er zum Bezirksamt und legte Beschwerde ein. Unter Vorlegung des von Fräulein X unterschriebenen Vertrages ersuchte er den Bezirks-amtmann, die ungetreue Dame unter polizeilicher Be-wachung nach Keetmanshoop zu begleiten. Der Bezirks-amtmann las ihm aber ein Verfügung des Kaiserlichen Gouverneurs vor, derzufolge alle weiblichen Personen im Schutzgebiet im Falle einer Verehelichung von allen Verträgen und Verpflichtungen enthoben sind. Der ein-zige Trost, den er ihm geben konnte, bestand darin, daß er von dem Bräutigam die Schiffspassage zurückfordern konnte.«
Jedenfalls kann der „grobe Gottlieb“, unter scharfer Be-wachung des Fräuleins Imker gegen jeden männlichen Annäherungsversuch, wenigstens eine Bardame nach Keetmanshoop bringen und sie mit einem großen Fest mit der Musik einer Kapelle in seinem brechend vollen Schützenhaus einführen.
»Das Geschäft hob sich, wie Hermann Schmitz voraus-geahnt hatte. Die Bar war von morgens bis tief in die Nacht hinein von Gästen umlagert. Aber der starke Besucherandrang brachte auch große Sorgen mit sich. Wie konnte sich der „grobe Gottlieb“ der vielen Hei-ratskandidaten erwehren, die täglich seine Bardame mit Heiratsanträgen überhäuften und ihr teure Geschenke machten? Dagegen gab es nur ein Mittel. Er mußte Fräu-lein Imker hohe Prozente vom Umsatz zusichern. Ein neuer Vertrag wurde abgeschlossen, wonach Fräulein Imker auf die Dauer von drei Jahren zehn Prozent vom Umsatz bei freier Station zustanden. Der Schützen-hauswirt glaubte sich gesichert, und Fräulein Imker trug monatlich zwischen tausend und zweitausend Mark auf die Bank. In den ersten sechs Monaten ging das Geschäft gut, dann flaute es ab. Die Firma T.D. Jearey hatte auch eine Bar gebaut und ein lustiges und junges Barmädel engagiert, das einen großen Teil der Kund-schaft an sich zog.«
Fräulein Imker weiß sich aber zu helfen. Sie lockt den Schützenhauswirt, dem sie nun immer wieder verführe-risch zulächelt, in eine Falle und läßt ihn eines nach-mittags in ihr Zimmer im Schützenhaus. »Im Begriffe, sich ihr zu nähern, zog Fräulein Imker eine Pistole unter dem Kopfkissen hervor, zerschoß die Fensterscheiben und schrie laut um Hilfe. Hermann Schmitz wußte nicht wie ihm geschah und wie ein begossener Pudel verließ er schnell das Zimmer. Da waren aber auch schon die Soldaten da, die in der Bar gesessen, die Pistolenschüsse und Hilferufe gehört hatten und nun im Laufschritt herbeikamen um Hilfe zu leisten. Als sie in den Hof kamen, sahen sie, wie der Schützenhauswirt das Zimmer seiner Bardame verließ. Es gehörte kein Scharfsinn dazu um zu wissen, was vorgefallen war. Sofort spielten sich die Soldaten als die Beschützer der Unschuld auf und begleiteten Fräulein Imker, die rasch ihre Sachen ge-packt hatte, in ein Hotel. Durch einen Rechtsanwalt reichte sie die Klage gegen den Schützenhauswirt ein.
Die Klage stand schlecht für Hermann Schmitz. Nie-mand glaubte ihm, daß er in das Zimmer gelockt worden war. Vom Bezirksgericht Keetmanshoop wurde er zur Zahlung von dreißigtausend Mark Schadensersatz ver-urteilt. Seine Berufung gegen dieses Urteil wurde abge-wiesen. Da er die Summe nicht aufbringen konnte, wurde das Schützenhaus gepfändet und versteigert. Hermann Schmitz war ein armer Mann. Später traf ich ihn in Lüderitzbucht wieder, wo er ihm sein alter Kamerad, der Bürgermeister Kreplin, einen Wasser-wagen mit zwei Maultieren gekauft hatte. Er zog von Haus zu Haus und verkaufte kondensiertes Trinkwasser zu 5 Pfennig pro Liter.
Nach dem gewonnenen Prozeß fuhr Fräulein Imker mit der Postkutsche des Spediteurs Raupenmüller von Keet-manshoop nach Aus. Mit derselben Postkutsche fuhren außer mir noch die Herren Eddy Rust, Jonny Spence und Nelke. Raupenmüller und Fräulein Imker saßen vorn auf dem Bock.«
Noch in der nächsten Nacht verlobt sich Raupenmüller mit Frau Imker. »Die Hochzeitsfeier entsprach durchaus seinem Ansehen als Prominenter. An die hundert Gäste waren geladen, und nach einem pompösen Festessen artete die Hochzeitsfeier in eine wüste Sauferei aus.« Aber gegen ein Leben als Frau Raupenmüller hat die ehemalige Bardame schon in der Hochzeitsnacht vor-gesorgt und sich noch während der Hochzeitsfeier mit Herrn Nelke, der schon gleich nach dem Festessen die Feier verlassen hatte, in dessen Haus in ihrem Hoch-zeitskleid in seinem Schlafzimmer eingefunden.
»Als Raupenmüller am anderen Morgen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, ging er zu seinem Rechtsanwalt und reichte die Scheidungsklage ein. … Fräulein Imker, geschiedene Frau Raupenmüller, fuhr nach knapp ein-jähriger Gastrolle in Südwest, während welcher sie zwei rauhe Männerherzen geknickt hatte, sorglos und heiter mit einem ansehnlichen Vermögen nach Deutschland zurück.«
Die Eisenbahn von der Hafenstadt Lüderitzbucht fährt 1907 nur bis zum 250 Kilometer von Keetmanshoop entfernt liegende Aus. Die Strecke Lüderitzbucht-Keet-manshoop wird einmal die Woche vom Speditionsge-schäft Raupenmüller in Lüderitzbucht mit einer Post-kutsche befahren. Im Juli 1908 geht dann die Bahnlinie von der Lüderitzbucht bis in das 366 Kilometer entfernte Keetmanshoop in Betrieb.
Der Deutschkoloniale Frauenbund eröffnet 1910 in Keetmanshoop ein Heimathaus, in dem von ihm aus Deutschland nach Südwestafrika geschickte Frauen zu-nächst eine Unterkunft finden, bis sie eine Anstellung gefunden haben, und wo in dem an weißen Frauen armen Land die Bekanntschaft mit alleinlebenden Far-mern arrangiert wird. Besonders im Süden der Kolonie gibt es wenige deutsche Frauen, weshalb Keetmanshoop für das Heimathaus des Frauenbundes in Südwest ge-wählt wurde.
1911 beginnt die Keetmanshooper Zeitung mit ihrem erscheinen.
Im Mai 1912 wird in Keetmanshoop der Deutsch-Süd-westafrikanische Luftfahrerverein gegründet.
Anfang 1912 ist auch die 507 Kilometer lange Eisen-bahnstrecke zur Landeshauptstadt Windhuk, in der Mitte des Landes gelegen, vollendet.
Am 22. August 1913 findet die Eröffnung des Johanniter-krankenhauses in Keetmanshoop statt.
1914 erhält Keetmanshoop auch einen Flugplatz.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über die Stadt:
Keetmanshoop, die wirtschaftliche Hauptstadt des in-neren Namalandes in Deutsch-Südwestafrika, zumal seit der Vollendung der verschiedenen südlichen Bahnli-nien. Der Ort liegt auf dem östlich vom Großen Fisch-flusse sich hinziehenden Hochlande in wenig mehr als 1000 m Seehöhe. Keetmanshoop ist Hauptort des gleich-namigen Verwaltungsbezirks, ferner Sitz eines Zollam-tes, einer Post- und Telegraphenstation. Ferner befindet sich dort eine Regierungsschule. Die Station Keetmans-hoop der Rheinischen Missionsgesellschaft ist im Jahre 1866 gegründet. Die wirtschaftliche Bedeutung des Or-tes wird am besten dadurch bezeichnet, daß schon im Jahre 1910 rund 40 Einzelfirmen daselbst ansässig wa-ren.