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Herbertshöhe

Herbertshöhe, benannt nach dem Sohn Bismarcks, der auch politisch seinem Vater diente, liegt an der Stelle des Eingeborenendorfes Kokopo und wird von den Ein-geborenen noch immer Kokopo genannt. Von 1899 bis 1909 ist Herbertshöhe Hauptstadt von Deutsch Neugui-nea. Im Gebiet von Herbertshöhe liegen viele große staatliche und missionarische Gebäude und Villen von reichen Plantagenbesitzern. Breite Straßen, welche die einzelnen Pflanzungen miteinander verbinden, durch-ziehen die grüne Fläche des Palmenwaldes in und rings um Herbertshöhe. Die Villen liegen auf hohen Hügeln mit schönstem Ausblick. So etwa das idyllische Gunan-tambu der Samoanerin Emma Kolbe, die hier um 1900 ihre legendären Partys feiert. Ihr gehört auch das zu-nächst einzige Hotel von Herbertshöhe, das »Fürst Bis-marck«, dem der Bau des Hotels »Deutscher Hof« der Neuguinea Kompanie folgt.

Das stattliche Wohnhaus des Kaiserlichen Gouverneurs liegt auf einer Anhöhe und überragt die Wohn- und Verwaltungsgebäude von Herbertshöhe. Die Häuser der Handels- und Plantagengesellschaften liegen in Strand-nähe. Am Stadtrand auf dem Weg nach Rabaul liegt der Schießplatz mit dem dazugehörigen Klubhaus. An Kran-kenhäusern gibt es eines für Weiße und zwei für Far-bige, diese insbesondere für die Arbeiter der Plantagen-betriebe. Die beiden Hotels dienen auch als vorläufige Bleibe für Neuankömmlinge, bis ihre Wohnhäuser be-zugsfertig sind. Die Hotels sind auch gesellschaftlicher Treffpunkt, wo Neuigkeiten ausgetauscht werden, be-sonders auch mit den neueingetroffenen Gästen, kul-turelle Ereignisse stattfinden wie Singabende, und na-türlich, wie überall in den Kolonien, dem Alkohol höchste Referenz erwiesen wird.

Bei einem Zusammensein im Hotel Deutscher Hof er-lebt der 1906 in die Kolonie gekommene Karl Viehweg erstaunt einen Wortwechsel zwischen dem Sohn von Emma Kolbe, Coe Forsayth, der mit einer sehr schönen Frau mit samoanischem Blut verheiratet ist, und dem Landmesser Regierungssekretär Wilhelm Warnecke, der allgemein Master Meyer genannt wird. Coe For-sayth: „Master Meyer, ich wollte Sie eben besuchen in ihrer Wohnung, aber sie waren nicht zu Hause; da habe ich mal schnell ihre Frau vernascht!“

Master Meyer: „Oh – das macht nichts, macht nichts, werde mich nächstens bei Ihrer Frau revanchieren.“   

Bei solchen Treffen haben natürlich die alten Koloni-sten auch immer von den guten alten Zeiten zu erzählen als etwa um 1880 herum ein weißer Neuankömmling ein Begrüßungsfest für die Häuptlinge der Nachbarschaft gab und diese auch Gaben für das Fest mitbrachten. Ein Häuptling hatte als Beitrag für den Abendgrill einen geschlachteten Sklaven mitgebracht – ausgenommen, abgehangen und rasiert. Eine Zeit, zu der noch ein Häuptling der Gegend eine Gefangene zur Frau nahm und deren bisherigen Ehemann für das Hochzeitsmahl zubereiten ließ.


Der Reichspostdampfer Manila macht bei seinen Be-suchen in Herbertshöhe nur einen kurzen Stop, um dem Stationsboot Post zu übergeben. Herbertshöhe ver-fügt nur über eine offene kleine Reede mit zwei sehr einfachen Landungsbrücken am Strand.

Im Juni 1911 liegt die SMS Cormoran vor Matupi und fährt zu Schießübungen in die freie See vor dem 20 km entfernten Herbertshöhe. Matrose Otto Ohlsen, Heizer auf der Cormoran, schreibt: »Am 17. Juni fuhren wir zu Schießübungen nach Herbertshöhe. Dort liegen auch zwei Matrosen von S.M.S. Cormoran begraben. Sie wa-ren im Frühjahr krank von Ponape gekommen und lagen dort bis zu ihrem Tod im Lazarett. Wir hielten eine Trauerfeier für die Kameraden ab. – Am 20. Juni fuhr Cormoran zum nahe gelegenen Ort Rabaul. Wir erwar-teten den Postdampfer, der jedoch keine Post für uns an Bord hatte, die Enttäuschung war groß.«

Derselbe Matrose von Cormoran: »Am 2. September 1911 fuhren wir mit einem Teil der Besatzung von S.M.S. Planet nach Herbertshöhe. Der dortige Consul hatte uns zu einem Volksfest eingeladen. Wir haben ein wirklich schönes Fest erlebt. Die Kanaker hatten sich alle schön geschmückt mit Federn und Blumen und sich mit Farbe bemalt. Sie führten ihre Siva-Siva-Tänze auf. Wir konn-ten soviele Ananas, Bananen und Apfelsinen essen, wie wir wollten. Dann bekamen wir für drei Mark Bier und Zigaretten und kalten Braten und Brot.« Bei einer mo-natlichen Löhnung von 16,50 Mark des Matrosen ein guter Zuschlag. Bei dem »Consul« handelt es sich um den Unternehmer Heinrich Rudolph Wahlen, der zum Fest geladen hatte.

Über eine Fahrt der Cormoran an einem Nachmittag im Jahre 1912 an Herbertshöhe vorbei schreibt Komman-dant Ebert der Cormoran: »Herbertshöhe mit seinen freundlich helleuchtenden Häusern, versteckt zwischen herrlichen, fruchtbaren Kokoshainen.«


Auf dem Weg von Herbertshöhe nach Rabaul liegt noch nicht weit von Herbertshöhe weg die Raluana-Spitze, ein Landvorsprung in die Blanche-Bucht hinein, von dem man eine wunderbare Aussicht auf die gesamte Blanche-Bucht und ihre Kraterberge hat. Diesen Platz oben am Hang hat sich Auguste Hertzer als Wohnsitz ausgesucht und 1899 ein schmuckes, kleines Häuschen gebaut. Auguste Hertzer war viele Jahre als Kranken-schwester in Deutsch Ostafrika tätig und hatte dort auch Emin Pascha gepflegt. Der deutsche Arzt hatte lange im Osmanischen Reich gelebt und schließlich die zentral-afrikanische Provinz Äquatoria von Ägypten geführt. 1889 trat Emin Pascha in den Dienst des Deutschen Reiches in Ostafrika. 1891 ging Auguste Hertzer nach Deutsch Neuguinea. 1934 stirbt die 1855 geborene in Rabaul.


Noch 1902 wird in der Nähe von Herbertshöhe am Varzinberg die Pflanzerfamilie Wolff von Eingeborenen überfallen und Frau Wolff und ihr sechs Monate altes Baby erschlagen. Die auch anwesende Caroline Coe, eine Nichte von Queen Emma, kann fliehen, während Herr Wolff gar nicht anwesend ist bei dem Überfall.

Bei der anschließenden Suchaktion nach den Mördern durch die Polizeitruppe von Herbertshöhe und der Hilfs-truppe eines Nachbarstammes werden zur Strafe viele Dörfer abgebrannt, Tiere abgeschlachtet, Frauen und Kinder und andere Unschuldige getötet. Nach zwei Wo-chen können die Mörder gefaßt werden. Ein Teil von ihnen war allerdings schon in die Hände ihrer Todfein-de, den Taulil, gefallen und aufgegessen worden. Die ab-genagten Knochen lagen noch herum.

Wegen der Mordtaten an der Familie Wolff wird in der Nähe des Varzinberges am Rande des Hügels Toma eine Polizeistation zum Schutz der europäischen Pflanzer eingerichtet. Ein deutscher Polizeimeister mit 24 gut gedrillten jungen Leuten von der Salomon-Insel Buka. Die Polizeisoldaten sind mit einer Mütze, einem roten Lendentuch mit Ledergürtel und Patronentasche und einem Mauserkarabiner Modell 71 ausgerüstet. Gouver-neur Hahl erfährt allerdings eines Tages empört, daß die Polizeijungen den Eingeborenen Schweine mit vorge-haltenem Gewehr ‚abkaufen’. Und ein Polizeimeister be-richtet, daß, wenn es zu einem Gefecht kommt, immer Christen aus dem Bismarck-Archipel als Wachen auf dem Kampfplatz zurückgelassen werden, weil sich die Polizeisoldaten sonst Teile von Leichen oder von noch lebenden Verwundeten abschneiden.

Mit der Errichtung der Polizeistation kehrt Sicherheit ein und von selbst entwickelt sich an der Polizeistation ein Markt, der dem Handel zwischen dem Inland und Herbertshöhe und der Blanche-Bucht dient und schließ-lich alle drei Tage stattfindet, während die Polizeistation nach wenigen Jahren wieder aufgegeben wird.

Auf der Hochebene am Varzinberg (600 m hoch) – benannt nach dem Bismarckschen Rittergut Varzin in Pommern – wird 1907 auf dem Hügel Toma der Hoch-ebene die Erholungsstation Toma (400 m hoch) errich-tet. Toma liegt etwa 20 km landeinwärts von Herberts-höhe in waldreicher Gegend und ist mit Herbertshöhe durch einen fahrbaren Weg verbunden. Das Erholungs-heim bietet in vier Zimmern Platz für sechs Personen. Für die Erholungssuchenden ist es ungewohnt in der Nacht wegen der Kühle Decken zum Schlafen zu gebrau-chen. Die Verwaltung liegt in der Hand eines Pächters, der auch für die Verpflegung der Gäste sorgt und neben-bei eine Pflanzung betreibt.

Das deutsche Ehepaar, das die Erholungsstation führt, kauft auch von den Einheimischen auf dem täglichen Markt an ihrer Station Taro und Handelskopra. Mit dem Ochsenwagen wird die Ware nach Herbertshöhe gefah-ren. Mit dem Handel und dem Gemüseanbau hat das Paar so zwei zusätzliche Einnahmequellen.

Eine Viertelstunde zu Fuß von der Erholungsstation liegt eine Missionsstation der Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu aus Hiltrup bei Münster. Dieser deutsche katholische Orden in Neuguinea ist bekannt für seine hochgebildeten Missionsbrüder und ihre ernsthafte Arbeit für das Wohlergehen der Einheimischen, wenn auch viele deutsche Siedler das Werk von Missionaren allgemein nicht gutheißen.      

Das Gelände um Toma herum hat einen parkähnlichen Charakter. Die Schilfgrasflächen mit einzelnen Baum-gruppen wechseln ab mit Feldern der Einheimischen und noch unberührtem Urwald. Einzelne Missionssta-tionen sind noch wenige Meilen weiter hinter Toma vor-gedrungen und dann beginnt unerforschtes Land, be-wohnt von Kannibalen.