Herbertshöhe, benannt nach dem Sohn Bismarcks, der auch politisch seinem Vater diente, liegt an der Stelle des Eingeborenendorfes Kokopo und wird von den Ein-geborenen noch immer Kokopo genannt. Von 1899 bis 1909 ist Herbertshöhe Hauptstadt von Deutsch Neugui-nea. Im Gebiet von Herbertshöhe liegen viele große staatliche und missionarische Gebäude und Villen von reichen Plantagenbesitzern. Breite Straßen, welche die einzelnen Pflanzungen miteinander verbinden, durch-ziehen die grüne Fläche des Palmenwaldes in und rings um Herbertshöhe. Die Villen liegen auf hohen Hügeln mit schönstem Ausblick. So etwa das idyllische Gunan-tambu der Samoanerin Emma Kolbe, die hier um 1900 ihre legendären Partys feiert. Ihr gehört auch das zu-nächst einzige Hotel von Herbertshöhe, das »Fürst Bis-marck«, dem der Bau des Hotels »Deutscher Hof« der Neuguinea Kompanie folgt.
Ernst von Hesse-Hartegg ist im April/Mai 1900 auf dem Dampfer Stettin im Westpazifik unterwegs:
»Unser Dampfer barg unter seinen Frachten auch das Bauholz für das neue Gouverneurshaus in Herberts-höhe, das von Deutschland zu den Antipoden geschickt wurde. Die Verladung dieser großen Stämme hat dem Norddeutschen Lloyd genug Ungelegenheiten bereitet. In Bremerhaven erlitt der Dampfer Prinz Heinrich dadurch eine eintägige Verspätung, die nicht wieder eingebracht werden konnte. In Singapore wurde dieses Bauholz auf den Dampfer Stettin verladen, und das bewirkte nicht nur eine abermalige Verzögerung, sondern es mußte auch der größte Teil der nach Makassar bestimmten Ladung wegen Raummangels zurückgelassen werden. Und dabei blieb auch noch eine Hälfte des Hauses in Singapore aus derselben Ursache zurück, um erst bei der nächsten Rundreise der Stettin, also in zwei Monaten, zur Verfrachtung zu kommen. Mit dem Hause wurde auch ein Baumeister nach Her-bertshöhe gesandt, der sich mit an Bord unseres Damp-fers befand, aber, kein Zimmermann! Welch gewaltige Kosten die Verfrachtung dieses Hauses über eine Erdhälfte verursacht, kann man sich wohl vorstellen. Dazu eignen sich unsere Hölzer nur schlecht für die Tropen und gehen viel rascher zu Grunde als die einheimischen Hölzer. Wären in dem Schutzgebiete mehr Zimmerleute vorhanden, so wäre die Herstellung eines neuen Hauses nach denselben Plänen nicht nur auf weniger als die Hälfte der Kosten zu stehen ge-kommen, man hätte auch der Industrie im Archipel ein wenig auf die Beine geholfen.«
Das stattliche Wohnhaus des Kaiserlichen Gouverneurs liegt auf einer Anhöhe und überragt die Wohn- und Verwaltungsgebäude von Herbertshöhe. Die Häuser der Handels- und Plantagengesellschaften liegen in Strand-nähe. Am Stadtrand auf dem Weg nach Rabaul liegt der Schießplatz mit dem dazugehörigen Klubhaus. An Kran-kenhäusern gibt es eines für Weiße und zwei für Far-bige, diese insbesondere für die Arbeiter der Plantagen-betriebe. Die beiden Hotels dienen auch als vorläufige Bleibe für Neuankömmlinge, bis ihre Wohnhäuser be-zugsfertig sind. Die Hotels sind auch gesellschaftlicher Treffpunkt, wo Neuigkeiten ausgetauscht werden, be-sonders auch mit den neueingetroffenen Gästen, kul-turelle Ereignisse stattfinden wie Singabende, und na-türlich, wie überall in den Kolonien, dem Alkohol höchste Referenz erwiesen wird.
Bei einem Zusammensein im Hotel Deutscher Hof er-lebt der 1906 in die Kolonie gekommene Karl Viehweg erstaunt einen Wortwechsel zwischen dem Sohn von Emma Kolbe, Coe Forsayth, der mit einer sehr schönen Frau mit samoanischem Blut verheiratet ist, und dem Landmesser Regierungssekretär Wilhelm Warnecke, der allgemein Master Meyer genannt wird. Coe For-sayth: „Master Meyer, ich wollte Sie eben besuchen in ihrer Wohnung, aber sie waren nicht zu Hause; da habe ich mal schnell ihre Frau vernascht!“
Master Meyer: „Oh – das macht nichts, macht nichts, werde mich nächstens bei Ihrer Frau revanchieren.“
Bei solchen Treffen haben natürlich die alten Koloni-sten auch immer von den guten alten Zeiten zu erzählen als etwa um 1880 herum ein weißer Neuankömmling ein Begrüßungsfest für die Häuptlinge der Nachbarschaft gab und diese auch Gaben für das Fest mitbrachten. Ein Häuptling hatte als Beitrag für den Abendgrill einen geschlachteten Sklaven mitgebracht – ausgenommen, abgehangen und rasiert. Eine Zeit, zu der noch ein Häuptling der Gegend eine Gefangene zur Frau nahm und deren bisherigen Ehemann für das Hochzeitsmahl zubereiten ließ.
Der Reichspostdampfer Manila macht bei seinen Be-suchen in Herbertshöhe nur einen kurzen Stop, um dem Stationsboot Post zu übergeben. Herbertshöhe ver-fügt nur über eine offene kleine Reede mit zwei sehr einfachen Landungsbrücken am Strand.
Im Juni 1911 liegt die SMS Cormoran vor Matupi und fährt zu Schießübungen in die freie See vor dem 20 km entfernten Herbertshöhe. Matrose Otto Ohlsen, Heizer auf der Cormoran, schreibt: »Am 17. Juni fuhren wir zu Schießübungen nach Herbertshöhe. Dort liegen auch zwei Matrosen von S.M.S. Cormoran begraben. Sie wa-ren im Frühjahr krank von Ponape gekommen und lagen dort bis zu ihrem Tod im Lazarett. Wir hielten eine Trauerfeier für die Kameraden ab. – Am 20. Juni fuhr Cormoran zum nahe gelegenen Ort Rabaul. Wir erwar-teten den Postdampfer, der jedoch keine Post für uns an Bord hatte, die Enttäuschung war groß.«
Derselbe Matrose von Cormoran: »Am 2. September 1911 fuhren wir mit einem Teil der Besatzung von S.M.S. Planet nach Herbertshöhe. Der dortige Consul hatte uns zu einem Volksfest eingeladen. Wir haben ein wirklich schönes Fest erlebt. Die Kanaker hatten sich alle schön geschmückt mit Federn und Blumen und sich mit Farbe bemalt. Sie führten ihre Siva-Siva-Tänze auf. Wir konn-ten soviele Ananas, Bananen und Apfelsinen essen, wie wir wollten. Dann bekamen wir für drei Mark Bier und Zigaretten und kalten Braten und Brot.« Bei einer mo-natlichen Löhnung von 16,50 Mark des Matrosen ein guter Zuschlag. Bei dem »Consul« handelt es sich um den Unternehmer Heinrich Rudolph Wahlen, der zum Fest geladen hatte.
Über eine Fahrt der Cormoran an einem Nachmittag im Jahre 1912 an Herbertshöhe vorbei schreibt Komman-dant Ebert der Cormoran: »Herbertshöhe mit seinen freundlich helleuchtenden Häusern, versteckt zwischen herrlichen, fruchtbaren Kokoshainen.«
Auf dem Weg von Herbertshöhe nach Rabaul liegt noch nicht weit von Herbertshöhe weg die Raluana-Spitze, ein Landvorsprung in die Blanche-Bucht hinein, von dem man eine wunderbare Aussicht auf die gesamte Blanche-Bucht und ihre Kraterberge hat. Diesen Platz oben am Hang hat sich Auguste Hertzer als Wohnsitz ausgesucht und 1899 ein schmuckes, kleines Häuschen gebaut. Auguste Hertzer war viele Jahre als Kranken-schwester in Deutsch Ostafrika tätig und hatte dort auch Emin Pascha gepflegt. Der deutsche Arzt hatte lange im Osmanischen Reich gelebt und schließlich die zentral-afrikanische Provinz Äquatoria von Ägypten geführt. 1889 trat Emin Pascha in den Dienst des Deutschen Reiches in Ostafrika. 1891 ging Auguste Hertzer nach Deutsch Neuguinea. 1934 stirbt die 1855 geborene in Rabaul.
Noch 1902 wird in der Nähe von Herbertshöhe am Varzinberg die Pflanzerfamilie Wolff von Eingeborenen überfallen und Frau Wolff und ihr sechs Monate altes Baby erschlagen. Die auch anwesende Caroline Coe, eine Nichte von Queen Emma, kann fliehen, während Herr Wolff gar nicht anwesend ist bei dem Überfall.
Bei der anschließenden Suchaktion nach den Mördern durch die Polizeitruppe von Herbertshöhe und der Hilfs-truppe eines Nachbarstammes werden zur Strafe viele Dörfer abgebrannt, Tiere abgeschlachtet, Frauen und Kinder und andere Unschuldige getötet. Nach zwei Wo-chen können die Mörder gefaßt werden. Ein Teil von ihnen war allerdings schon in die Hände ihrer Todfein-de, den Taulil, gefallen und aufgegessen worden. Die ab-genagten Knochen lagen noch herum.
Wegen der Mordtaten an der Familie Wolff wird in der Nähe des Varzinberges am Rande des Hügels Toma eine Polizeistation zum Schutz der europäischen Pflanzer eingerichtet. Ein deutscher Polizeimeister mit 24 gut gedrillten jungen Leuten von der Salomon-Insel Buka. Die Polizeisoldaten sind mit einer Mütze, einem roten Lendentuch mit Ledergürtel und Patronentasche und einem Mauserkarabiner Modell 71 ausgerüstet. Gouver-neur Hahl erfährt allerdings eines Tages empört, daß die Polizeijungen den Eingeborenen Schweine mit vorge-haltenem Gewehr ‚abkaufen’. Und ein Polizeimeister be-richtet, daß, wenn es zu einem Gefecht kommt, immer Christen aus dem Bismarck-Archipel als Wachen auf dem Kampfplatz zurückgelassen werden, weil sich die Polizeisoldaten sonst Teile von Leichen oder von noch lebenden Verwundeten abschneiden.
Mit der Errichtung der Polizeistation kehrt Sicherheit ein und von selbst entwickelt sich an der Polizeistation ein Markt, der dem Handel zwischen dem Inland und Herbertshöhe und der Blanche-Bucht dient und schließ-lich alle drei Tage stattfindet, während die Polizeistation nach wenigen Jahren wieder aufgegeben wird.
Auf der Hochebene am Varzinberg (600 m hoch) – benannt nach dem Bismarckschen Rittergut Varzin in Pommern – wird 1907 auf dem Hügel Toma der Hoch-ebene die Erholungsstation Toma (400 m hoch) errich-tet. Toma liegt etwa 20 km landeinwärts von Herberts-höhe in waldreicher Gegend und ist mit Herbertshöhe durch einen fahrbaren Weg verbunden. Das Erholungs-heim bietet in vier Zimmern Platz für sechs Personen. Für die Erholungssuchenden ist es ungewohnt in der Nacht wegen der Kühle Decken zum Schlafen zu gebrau-chen. Die Verwaltung liegt in der Hand eines Pächters, der auch für die Verpflegung der Gäste sorgt und neben-bei eine Pflanzung betreibt.
Das deutsche Ehepaar, das die Erholungsstation führt, kauft auch von den Einheimischen auf dem täglichen Markt an ihrer Station Taro und Handelskopra. Mit dem Ochsenwagen wird die Ware nach Herbertshöhe gefah-ren. Mit dem Handel und dem Gemüseanbau hat das Paar so zwei zusätzliche Einnahmequellen.
Eine Viertelstunde zu Fuß von der Erholungsstation liegt eine Missionsstation der Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu aus Hiltrup bei Münster. Dieser deutsche katholische Orden in Neuguinea ist bekannt für seine hochgebildeten Missionsbrüder und ihre ernsthafte Arbeit für das Wohlergehen der Einheimischen, wenn auch viele deutsche Siedler das Werk von Missionaren allgemein nicht gutheißen.
Das Gelände um Toma herum hat einen parkähnlichen Charakter. Die Schilfgrasflächen mit einzelnen Baum-gruppen wechseln ab mit Feldern der Einheimischen und noch unberührtem Urwald. Einzelne Missionssta-tionen sind noch wenige Meilen weiter hinter Toma vor-gedrungen und dann beginnt unerforschtes Land, be-wohnt von Kannibalen.
Im Jahr 1900 schreibt Ernst von Hesse-Wartegg:
»Freilich beschränken sich die Ansiedler auf einen Um-kreis von etwa fünfzig Kilometer von Herbertshöhe, da-rüber hinaus ist noch alles wildes, unerforschtes Gebiet, nur von feindlichen Eingeborenen bewohnt.« Mit diesen »fünfzig Kilometer« ist allerdings die Küstenlinie und die vorliegenden Inseln gemeint, nicht das Inland. Schon der Varzinsberg liegt im Land der Menschen-fresser. Von Herbertshöhe sind es etwa 15 Kilometer Luftlinie zum Varzinsberg. Hesse-Wartegg macht Ende April 1900 von Herbertshöhe eine Tour zum Berg:
»Der erste Ausflug galt der Umgebung des Varzinberges. Am Fuße desselben befindet sich heute bereits eine Mission, abhängig und verwaltet von der Mission Villa Maria in Takabur, die etwa halben Weges zwischen Herbertshöhe und dem Varzinberge gelegen ist. Als ich mich nach dem Wege erkundigte, erfuhr ich zu meiner Ueberraschung, daß Takabur durch eine fahrbare Straße mit der „Hauptstadt“ verbunden sei. Eine Fahrstraße in Neupommern, durch den von heimtückischen Men-schenfressern bewohnten Urwald! Die erste Hälfte der-selben wurde von der Neuguinea-Gesellschaft erbaut, durch deren ausgedehnte Plantagen sie führt, die zweite Hälfte, durch den Urwald, erbauten die katholischen Missionare. Durch sie ist es möglich geworden, daß man heute in dem wilden Neupommern mitten zwischen Kannibalen im Wagen spazieren fahren kann.
Der erste Teil des Weges führt im Schatten herrlicher Kokospalmen durch die Plantagen der Neuguinea-Gesellschaft auf das Plateau, welches das ganze Innere der Gazellenhalbinsel einnimmt. Die kurzen Flußläufe haben das Land hier zerrissen, breite Thäler mit steilen Wänden oder tiefe Schluchten ausgewaschen, Niede-rungen ausgefüllt. Mit großem Geschick hat der Leiter dieser Plantagen die vorhandenen Ländereien ausge-nützt und an geeigneten Stellen Baumwolle, Kaffee, Kakao angepflanzt. Es war keine geringe Aufgabe, zu-nächst den aus ungeheuren Bäumen und dichtem Gestrüpp bestehenden Urwald auszuroden, vor allem des weitverzweigten Wurzelwerkes Herr zu werden und dann die Hänge gegen das Abschwemmen zu schützen. Dazu wuchert das Unkraut hier mit unglaublicher Uep-pigkeit empor und erfordert unaufhörliche kostspielige Arbeit, sonst werden die Plantagen binnen wenigen Monaten wieder zur Wildnis. Ueberall in den Baum-woll-, Bananen- und Kaffeepflanzungen waren schwarze Arbeiter mit dem Reinigen beschäftigt, gewöhnlich Abteilungen von sechs oder zwölf oder auch mehr Leuten, Männer wie Mädchen. Die Mehrzahl dieser kräftigen, wohlgebauten Arbeiter stammen von den Salomonsinseln. Alle trugen ein etwa fußbreites, rotes Lendentuch, dazu vielleicht ein Halsband oder Ohrge-hänge aus Muscheln oder Glasperlen. Sie schäkerten, sangen, plauderten und lächelten uns ganz zutraulich beim vorbeifahren zu, wobei sie ihre schönen, blendend weißen Zähne zeigten.
Nach etwa vierstündiger Fahrt war das Ende des Planta-gengebietes erreicht, und wir fuhren in den herrlichen Urwald ein, der, unterbrochen von Dschungeln, Busch-land und Sümpfen, wohl auch stellenweise von kleinen Pflanzungen der Eingeborenen, das ganze Innere der Halbinsel einzunehmen scheint. Der nur durch den Busch gehauene Weg wurde immer schlechter, ja stel-lenweise bedeckte ihn mannshohes Gras und Gestrüpp, obschon er nur kurze Zeit vorher gereinigt worden war. So üppig ist die Natur, so reich der Boden in diesem Tropenlande.
Der Urwald zu beiden Seiten war geradezu undurch-dringlich; Riesenbäume, untereinander verbunden durch Schlinggewächse, bilden mit ihren verschlunge-nen dichten Laubkronen einen hohen düsteren Dom, unter welchem andere niedrigere Bäume ihre Kronen erheben, ebenfalls überwuchert, gefesselt, fast erdrückt durch die unendlich scheinenden Lianen, und der feuchte Boden selbst ist mit niedrigem ineinander gewachsenen Gestrüpp bedeckt, drei Stockwerke von Vegetation könnte man sagen. Hat sich das Auge, ge-blendet, durch das grelle Sonnenlicht am Wege, an das Urwalddunkel gewöhnt, dann sieht man erst, in wel-chem Maße die Schlinggewächse mit ihren bis hundert Meter langen Strängen hier wuchern, sie überziehen und bedecken und verbinden, als wären sie von gigan-tischen Spinnen zu diesem riesigen Netzwerk gespon-nen. … Es war gerade Markttag in Herbertshöhe, und scharenweise strömten die Menschen, mit Waren be-laden, aus der nahen und fernen Umgebung nach der „Hauptstadt“, das heißt der Handvoll im Palmenwald an der Küste verstreuten Häuschen, wo auf dem freien Platze vor der Gouverneurshütte der Markt abgehalten wird. Es ist schon ein großer Fortschritt, daß man die Eingeborenen dazu gebracht hat, den Wert eines sol-chen Marktes zu erkennen und ihre Bodenprodukte dorthin zu bringen. Dadurch lernen sie Erwerb, und damit Arbeit, das heißt Bodenkultur in größerem Maße, als ihr eigener Bedarf sie erheischt, schätzen. So werden die Leute zur Arbeit, größerem Wohlstand und grö-ßeren Bedürfnissen herangezogen, aber zum Lastentra-gen sind die Männer noch immer nicht zu bewegen. Unter Hunderten von Frauen waren nicht zehn Männer. Im Vergleich zu den kräftigen, frischen, wohlgenährten Plantagenarbeitern, denen wir vorher begegnet waren, machten diese weiblichen Wesen einen höchst trauri-gen Eindruck. Mit Ausnahme eines aus schmutzigen, zerfetzten Lumpen bestehenden schmalen Lenden-schurzes unbekleidet, zeigten sich selbst bei jungen Weibern die Körper verwelkt, die Haut mit Ausschlag, Wunden oder Narben bedeckt, die Glieder fleischlos und schmutzig, das krause dichte Haar ungepflegt und ebenso wild, wie etwa der Dschungel, in welchem diese elenden menschlichen Wesen hausen. Die meisten Weiber trugen nackte Säuglinge und überdies auf dem Rücken schwere Lasten, Körbe gefüllt mit Yam, Taro, Kokosnüssen, Bananen, Gemüse verschiedener Art. Der Wert einer solchen Last mag nach unserem Gelde zehn bis fünfzehn Pfennig betragen, und auf die Möglichkeit hin, diese in Herbertshöhe zu verdienen, kommen diese armseligen Geschöpfe aus großen Entfernungen, mit-unter viele Stunden weit, und müssen denselben Tag wieder zurück. Aber es ist immerhin ein Anfang, und dieser Anfang konnte nur durch die Herstellung eines gangbaren Weges herbeigeführt werden. Ohne die den Wald durchziehende Straße, auf welcher wir dahinfuh-ren, hätten die Frauen den Markt überhaupt nicht be-suchen können.
Die starke Benutzung dieses Weges mag den Behörden in Herbertshöhe als Fingerzeig dienen, was in Neupom-mern notthut, um die Eingeborenen zur Arbeit, zu Han-del und Verkehr und damit auch zu einer höheren Kulturstufe ohne weiteres Zuthun der Regierung, son-dern aus sich selbst heraus anzuleiten. …
Nach etwa halbstündiger Fahrt hörte der Urwald auf, und wir befanden uns auf einem etwas erhöhten Punkte im Schatten einzelner riesiger Banyan (Gummibäume), von wo wir einen weiten Ausblick auf die entzückende Tropenlandschaft genossen, die sich, sanft ansteigend, bis an die fernen in leichten Dunst gehüllten Baining-berge hinzog. Zur Linken öffnete sich ein weites Thal, mit Kokospalmen und Bananen bestanden. Während ich voll Bewunderung dieses herrliche Bild, eines der schönsten, die ich in Tropenländern überhaupt gese-hen, betrachtete, machte mich mein Begleiter auf einen gewaltigen Banyanbaum zur Linken aufmerksam, des-sen Aeste, wagerecht vom Stamme abstehend und durch zahlreiche, selbst zu Stämmen gewordene Luft-wurzeln gestützt, einen weiten vegetationslosen Platz beschatten. Schon wollte ich mich dort in der Kühle ein wenig ausruhen, als mein Begleiter mir sagte: „Dies ist der berüchtigte Bitarebarebe, von welchem die ganze Landschaft zu Ihren Füßen den Namen erhalten hat. Hier hielten die Einwohner bis vor wenigen Jahren ihre kannibalischen Orgien, auf diesen Aesten wurden zahl-lose Menschenopfer wie Schlachtschweine aufgehängt und zerteilt, und auf dem Platze darunter, wo Sie sich eben niederlassen wollten, wurden die menschlichen Körperteile gebraten und von den Kannibalen gefres-sen.“
Schaudernd über die Greuel, welche unter diesem Banyanbaum jahrhundertelang stattgefunden haben, verließ ich den unheimlichen Ort, um die Fahrt nach Takabur fortzusetzen. Die Leute der Umgebung zeigten bereits in ihrem Aeußern den Einfluß der Mission; sie waren besser genährt, reinlicher, gesunder, trugen rote Lendentücher, manche Frauen sogar Jäckchen, und bei vielen hing ein Rosenkranz mit dem Kreuz am Halse. Bald sah ich das kleine Kirchlein von Takabur aus einer Bananenpflanzung zur Rechten des Weges emporragen; Hunde kamen uns freudig bellend und wedelnd ent-gegengesprungen, und am Thore der Bambusumzäu-nung begrüßte uns der noch junge Pater Eberlein aus Würzburg, der hier, unterstützt von Bruder Pfeifer aus Kaiserslautern, seines segensreichen Amtes waltet. Kir-che und Wohnhaus sind natürlich höchst einfache Bambusbauten, wurden sie doch zum größten Teil von den Genannten selbst hergestellt und das auch noch mit den gewöhnlichsten Handwerkszeugen. Dabei sind auf dem Grundstück der Mission, auf welchem sich die Gebäude erheben, die Pflanzungen, Gartenanlagen und Wege in der schönsten Ordnung, und kommen des Sonntags die getauften Eingeborenen zur Kirche, dann sehen sie an diesem Beispiel, wie schön und bequem sie es sich in ihren eigenen Dörfern einrichten könnten.
Die Mission dient also nicht nur zur geistigen Erleuch-tung der armen Leute, sondern auch als Musterwirt-schaft…«
Der Kaiserliche Richter in Herbertshöhe, Heinrich Schnee, beschreibt die Lebensverhältnisse in der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea und Umgebung um 1900:
»Während Matupi in etwas über zwei Stunden im Ru-derboot von Herbertshöhe aus zu erreichen ist, bedarf es einer vierstündigen, bei schlechtem Wetter gar nicht ungefährlichen Fahrt, um nach dem Sitz der langna-migen »Zweigniederlassung der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südseeinseln zu Ham-burg« zu gelangen. Auf dem kleinen Inselchen Mioko in der Neulauenburggruppe liegen die Gebäude der »Zweigniederlassung«, welche in der Hauptsache die Arbeiteranwerbung für die »Hauptagentur« derselben Gesellschaft in Apia (Samoa) besorgt und daneben noch mit Hilfe einer Anzahl von Händlerstationen im Bis-marck-Archipel Handel treibt. Vorsteher der »Zweig-niederlassung« war seit längeren Jahren Herr A. Schulz, welcher bereits durch frühere Tätigkeit auf Samoa mit Südseeverhältnissen vertraut geworden war.
Wenngleich es naturgemäss an einzelnen, teils auf per-sönlichen Antipathien, teils auf den Interessegegensät-zen der verschiedenen Firmen beruhenden Differenzen nicht fehlte, so herrschte doch im allgemeinen unter den weissen Ansiedlern des Archipels ein angenehmer gesellschaftlicher Verkehr und speziell eine so weitge-hende und liebenswürdig gebotene Gastfreundschaft, wie ich sie noch nirgends wieder so allgemein ange-troffen habe. Eine Anzahl junger Damen, meist Ver-wandte der Frau Kolbe, halbsamoanischer Abstam-mung, erhöhten die Annehmlichkeit des geselligen Verkehrs, zu dem im übrigen eine Reihe tüchtiger deutscher junger Kaufleute und Pflanzer, Angestellter der Firmen, das Hauptkontingent stellte. Durch das Ganze ging ein Zug der Frische und Lebensfreude, der mich nach dem müden »wir leben nicht, wir vegetieren nur in dieser Kolonie [Niederländisch Ostindien mit vielen deutschen Siedlern]«, welches ich in Java im Osten wie im Westen öfters von Ansiedlern hatte hören müssen, umso angenehmer berührte. Zu berücksich-tigen ist dabei allerdings, dass in Herbertshöhe die Temperatur trotz des hohen Durchschnitts von 24 bis 33 Grad Celsius infolge der beständigen Winde den gröss-ten Teil des Jahres über recht erträglich und dass es des Nachts meistens so kühl ist, dass man sich mit einer Decke beim Schlafen zudecken muss, während an vielen Plätzen Javas die unangenehm hohe Temperatur auch des Nachts nicht herabgeht, welcher Umstand natürlich die Nachtruhe erheblich beeinträchtigt. Andrerseits mussten die Ansiedler im Archipel auf manche An-nehmlichkeiten der Zivilisation verzichten, welche dem Europäer in fortgeschritteneren Kolonien geboten wer-den. An frischem Fleisch gab es fast nur Schweine und Hühner, daneben zeitweise wilde Tauben. Gänse und Enten bildeten schon Delikatessen, ein Hammel wurde nur ganz vereinzelt einmal aus Sydney importiert. Die grösste Seltenheit war aber frisches Rindfleisch. Wäh-rend meines nahezu zweijährigen Aufenthalts [1898- 1900] kam es kaum häufiger als ein halbes dutzendmal vor, dass ein Rind geschlachtet wurde. Es lag dies daran, dass die Rinderherden im Archipel für regelmässiges Schlachten noch nicht gross genug waren und die Ein-fuhr von Rindvieh aus verschiedenen Gründen erheb-lichen Schwierigkeiten unterlag. Fische wurden meist mit Dynamit geschossen und waren in genügender Menge vorhanden. Dagegen herrschte grosser Mangel an frischen Gemüsen. Wer nicht selbst glücklicher Besitzer eines Gemüsegartens war, sah sich fast völlig auf in Blechdosen (Tins) aus der Heimat importiertes Gemüse angewiesen. An Früchten gab es überall Bana-nen, ferner im Bereich der europäischen Ansiedlungen Ananas, an einzelnen Plätzen auch grüne Apfelsinen, und seltener einige andere Tropenfrüchte. Eis gab es in Herbertshöhe nur, wenn gerade der Postdampfer oder ein Kriegsschiff da war, sonst wurde Salpeter mit Was-ser vermengt erfolgreich zur Kühlung der Getränke ver-wandt. Mosel mit Sodawasser, deutsches Flaschenbier, Whisky mit Soda bildeten die Hauptgetränke. Ein Hotel oder Restaurant gab es damals in Herbertshöhe noch nicht, das erste wurde 1900 gegründet. Die Leiter der grösseren Firmen verfügten über chinesische Köche, deren Gehalt etwa 60 Mark monatlich betrug; auch mir war es geglückt, noch eines »Konkong«, wie die Chine-sen von den Eingeborenen des Archipels genannt wer-den, habhaft zu werden. Im übrigen waren die Europäer, soweit sie nicht als Angestellte einer Firma freie Ver-pflegung genossen, was z. B. bei Hernsheim & Co. und der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Fall war, auf die Verwendung der ungeschickten, schwer erziehbaren schwarzen Jungen als Köche angewiesen. Das Kochen bestand denn auch dort, wo keine Hausfrau vorhanden war, häufig genug bloss darin, dass ein paar Tins geöffnet und auf das Feuer gesetzt wurden. Die chinesischen Köche entfalteten im Gegensatz dazu bis-weilen eine bedeutende Kunstfertigkeit darin, das ewige Schweinefleisch derart zuzubereiten und mit Zutaten zu versehen, dass man zuweilen den Ursprung gar nicht mehr herausschmecken konnte. Einen oder mehrere schwarze Jungen als Bedienung konnte sich jeder leicht halten, da die Kosten, ein Lavalava (Hüfttuch), ein paar Stangen Tabak und Waren im Wert einiger Mark pro Monat nicht hoch waren. Die Leistungsfähigkeit beson-ders der frisch aus dem heimischen Dorf kommenden Boys war allerdings recht gering, die von der Gazelle-halbinsel stammenden entliefen auch meist nach ein paar Wochen oder Monaten in ihre Heimat.
…
Bei meinen Touren in die Umgebung, um mich mit den Eingeborenen bekannt zu machen, konnte ich nur ver-einzelt ein Pferd benutzen. Meist kann man auf den schmalen Kanakerpfaden, die sich bergauf bergab in Windungen durch den Urwald oder das über manns-hohe Gras dahinschlängeln, nur zu Fuss vorwärts kom-men. Die Niederlassungen der Kanaker* (* „Kanaker“ wird im Bismarck-Archipel und überhaupt in der Südsee häufig gleichbedeutend mit „Eingeborener“ gebraucht. Das Wort stammt von dem polynesischen tangata (oft kanaka gesprochen) = Mensch.), gewöhnlich aus 2 bis 5 von einem Zaun umschlossenen Hütten bestehend, liegen im Busch zerstreut. Beim Herannahen an ein Gehöft, oder wenn wir sonst unterwegs Eingeborenen begegnen, tönt uns ein etwa wie ein kurzes »ö« klin-gender Laut entgegen, der mit Rülpsen eine verzweifelte Ähnlichkeit hat. Es ist dies der Gruss der Eingeborenen. Dann kommt uns der Häuptling entgegen, reicht uns Betel nebst Zutat, daneben bisweilen auch etwas »Tabu« (Muschelgeld) und lädt uns zum Eintreten in seine Hütte ein. Der Aufenthalt in diesen meist kleinen und schmutzigen Hütten ist an sich nicht angenehm, der Anblick der ewig Betel kauenden Kanaker mit ihren von rotem Saft triefenden Mäulern, sowie der meist ent-setzlich hässlichen nackten oder fast nackten alten Wei-ber erhöht die Annehmlichkeiten eines solchen Be-suchs nicht gerade. Die Eingeborenen auf der Gazellen-halbinsel gingen ursprünglich alle gänzlich nackt. In der Gegend der weissen Ansiedlungen tragen sie jetzt Lava-lava, Lendenschurze aus europäischen Stoffen, die Wei-ber manchmal auch ein leichtes Gewand oder Tuch um den Oberkörper. Ein wenig landeinwärts von Herberts-höhe habe ich auch noch 1900 bei Wanderungen im Busch häufig gänzlich unbekleidete Eingeborene, Män-ner wie Weiber, getroffen.«