Zur »Gesundheitspflege« vermerkt das Kolonial-Lexikon:
»Während nach der Besitzergreifung Togos nur ein Regierungsarzt in dem 1894 gegründeten Nachtigal-Krankenhaus in Anecho tätig war, wurde nach der Ver-legung der Zentralverwaltung nach Lome auch dort ein Regierungsarzt stationiert. 1905 wurde in Lome eine Krankenbaracke für Europäer, 1909 das Königin-Char-lotte-Krankenhaus, mit dem ein Eingeborenenkranken-haus verbunden ist, eröffnet. 1907 erfolgte die Stationie-rung eines Regierungsarztes in Palime, 1912 eines solchen in Atakpame. Die Bekämpfung der Pocken und des Aussatzes wurde teils durch Regierungsärzte, teils durch Verwaltungsbeamte mit wechselndem Erfolge durchgeführt. Seit 1906 besteht ein Aussätzigenheim bei Bagida. Seit 1912 erfolgt die Pockenbekämpfung durch besondere Impfärzte. 1908 wurde die systematische Bekämpfung der Schlafkrankheit in die Wege geleitet. Wiederholt sind Forscher mit der Bekämpfung der Genickstarre, des Gelbfiebers und der Tsetsekrankheit der Rinder beschäftigt worden. Die hygienischen Ver-hältnisse wurden endlich noch durch systematische Bekämpfung der Stechmücken, Regelung der Städtebe-bauung, Zuschütten von Sümpfen, Erschließung von Wasser, Bau von Brunnen und Aborten nach Möglich-keit verbessert.«
In Togo ist ein Programm für die Bekämpfung der Pocken im Gange. Am 15. August 1904 schreibt Dr. Külz in Nuatjä in sein Tagebuch:
»Mit dem Ergebnis des heutigen Tages kann ich zu-frieden sein. Schon vom frühen Morgen ab kamen die Impflinge [für die Pockenschutzimpfung] zur Station, und im Laufe des Tages habe ich mit Augusts [dem schwarzen Diener] Hilfe über 500 Schwarze geimpft. Jeder Geimpfte bekommt auch einen einfachen Impf-schein, auf dem nur aufgedruckt ist: Geimpft, Regie-rungsarzt, 1904. Ich halte eine Austeilung von Impf-scheinen aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig. Erstens legt der Neger einen großen Wert auf jeden schriftlichen oder gedruckten Ausweis des Europäers. Er verlangt deshalb bei jeder Gelegenheit einen „Oma“, womit er Brief, Rezept, Quittung, Attest, Zustellung, Strafbefehl, Impfschein, Zeitung, kurz alles versteht, was er geschrieben oder gedruckt vom Weißen in die Hände bekommt. Einen „Oma“ hebt er auf wie ein Heiligtum, wobei er oft garnicht weiß, was er enthält. So wollte kürzlich ein Schwarzer bei mir als „boy“ in Dienst treten und zeigte mir stolz einen Oma seines früheren Herrn vor, auf dem zu lesen war, daß er sich durch besondere Faulheit ausgezeichnet habe, und vor ihm nur gewarnt werden könne. Ferner bieten aber diese Impfscheine auch die Möglichkeit einer Kontrolle bei späteren Nach-impfungen, und endlich kann ich durch ihre Verteilung bequem und sicher feststellen, wieviel Impfungen ich vorgenommen habe.
Mehrere hochgradig Aussätzige, bei denen die Krank-heit bereits den Verlust mehrerer Zehen und Finger herbeigeführt hatte, kamen im Laufe des Tages zu mir; auch viele andere Patienten suchten mich auf.
Gegen 4 Uhr hatte ich genug, nahm meine Flinte, um in Begleitung von August die Felder der Nachbarschaft der Station nach einem Huhn [für das Abendessen] zu durchstreifen.«
Am 19. August 1904 notiert Dr. Külz in sein Tagebuch über eine Tour in die Berge bei Atakpame für die Pockenbekämpfung:
»Glücklicherweise hatte ich das Dorf Tschapali bald er-reicht. Es fanden sich auch wirklich vier frische Pocken-fälle vor. Die Eingeborenen, denen ihre Ansteckungs-gefahr wohl bekannt ist, hatten sie aus eigenem An-triebe bereits isoliert. Ungefähr zwei Kilometer vom Orte entfernt war in einer engen Schlucht aus einigen Baumstämmen mit übergedecktem Schilfdach eine Isolierbaracke errichtet, in der die vier Unglücklichen, drei Erwachsene und ein Kind, lagen. Ein alter Neger, der selbst schon die Pocken überstanden hatte, hockte vor dem Eingange, um den kranken Insassen Essen, Trinken und sonstige Bedürfnisse zu besorgen. Zwei glimmende Feuer, die den vor Fieberfrost Frierenden Wärme spenden sollten, erfüllten den niedrigen Raum mit dickem Rauch, der mir beim Versuche hineinzu-kriechen die Kehle zuschnürte. Den Patienten schienen die Wärme und der Qualm ganz behaglich zu sein. Ich ließ zwei von ihnen, die sich im Beginn der Erkrankung befanden, und deren ganzer Körper dicht mit frischen Pockenblasen bedeckt war, herauskriechen. Ihre Haut war überall mit einer gelblichen Palmölschmiere, die irgend eine Eingeborenenmedizin enthalten mochte, bestrichen, wohl um die entzündliche Spannung zu lindern. Ich stach die größten der Bläschen vorsichtig an und saugte ihren Inhalt in Glaskapillaren auf, um morgen mit diesem Material ein Kalb zu impfen. Gelingt diese Aufimpfung aufs Kalb, so habe ich damit eine starke Stammlymphe gewonnen. Von dieser ausgehend will ich als weiteres Material zur Aufimpfung der Kälber immer den Inhalt menschlicher Impfbläschen verwen-den, da sich bei den Versuchen an der Küste gezeigt hat, daß diese humanisierte Lymphe bei der Uebertragung aufs Kalb die besten Resultate gibt. Bis ich sie gezüchtet habe, will ich den Rest der von Dr. Kr. in Lome erhal-tenen Lymphe weiter verimpfen. Einige andere Ort-schaften, die ich noch absuchte, waren pockenfrei. Damit aber diese bisher verschont gebliebenen Dörfer gegen die nahe, ihnen drohende Gefahr gesichert wer-den, will ich sie als erste morgen durchimpfen.«