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Friedrich-Wilhelmshafen

Friedrich-Wilhelmshafen liegt an der Nordküste von Kaiser-Wilhelms-Land und ist dessen Hauptstadt. Die Stadt wird von den Einheimischen, aber der einfachheit-halber auch oft von den Deutschen und allen anderen Weißen, Madang genannt. Friedrich-Wilhelmshafen liegt an einem natürlichen Hafenbecken, geschützt durch einzelne Inseln. Der Hafenplatz hat sich zu einer Stadt entwickelt, begünstigt durch seine Funktion als Hauptstadt der gesamten Kolonie Deutsch Neuguinea in den 1890er Jahren, bevor Herbertshöhe 1899 neue Hauptstadt der Kolonie wurde. Wirtschaftlich expan-diert Friedrich-Wilhelmshafen aber weiterhin.

Die Neuguinea Kompagnie hat große Ländereien um Friedrich-Wilhelmshafen für die Kopragewinnung mit Kokospalmen bepflanzt und beschäftigt an die tausend Papua, Melanesier, Malaien und Chinesen unter der Aufsicht von zwei Dutzend Weißen. Die sieben Kilo-meter landeinwärts gelegene Plantage Jomba der Kom-pagnie ist mit einer Feldbahn mit Friedrich-Wil-helmshafen verbunden. Die Bahn transportiert haupt-sächlich Kopra und Kautschuk und wird von Buckel-rindern gezogen. Zur Personenbeförderung gibt es klei-ne viersitzige Wagen, gezogen von zwei Buckelrindern. Farbiges Personal ist für die Zugtiere dabei und ein Farbiger sitzt im Personenwagen als Zugführer und be-dient die Bremse des Gefährts. Geht es bergab werden die Zugochsen abgespannt und trotten dem Wagen hinterher, bis der Wagen zum stehen kommt, wo die Fahrgäste sich die Füße vertreten, bis die Ochsen nach-gekommen sind und wieder angespannt werden.

Friedrich-Wilhelmshafen zuträglich ist, daß die Verwal-tung nach der Erkenntnis, daß die Ursache der Malaria die Anopheles-Mücke ist, 1904 alle Sumpfflächen – die Brutgebiete der Mücke – rings um die Hafenstadt zuschüttet und man dadurch die Malaria in Friedrich-Wilhelmshafen deutlich eindämmen kann.

Um 1905 zählt die Stadt etwa 100 weiße Bewohner.

Ein deutscher Matrose schreibt 1911: »Das ist der schön-ste Kanakerhafen, den wir bisher besucht haben.« Der reichgegliederte kleine Hafen von Friedrich-Wilhelms-hafen liegt in einer gut geschützten Bucht, die man von See durch die Dallmanneinfahrt erreicht. Die Dallmann-einfahrt passiert einerseits zwischen den Inseln Ragetta und Beliao und andererseits der Scheringhalbinsel. Auf der Scheringhalbinsel liegt Friedrich-Wilhelmshafen.

Schon in der Dallmanneinfahrt umsäumen volltragende Kokosbestände beide Ufer und weiße Häuser mit Veran-den und roten Dächern sind durch das Grün zu sehen. Vor der Insel Beliao mit dem Europäerhospital inmitten eines Blumen- und Nutzgartens biegt ein einfahrendes Schiff in die herrliche Bucht ein. Zugleich mit der Landungsbrücke im Innenhafen kommt linkerhand querab auf einer Landzunge das Haus des Bezirksamt-manns, des Kiabs, in Sicht. Einstöckig, aber gekrönt mit einem rotleuchtenden Flaggenturm, dessen Flagge schon von See über den Bäumen zu sehen ist. Der Flaggenturm dient der Verständigung mit einfahrenden Schiffen. Rasen und saubere Wege umgeben das von hohen schattenspendenden Bäumen umgebene Haus und weiter am Strand steht ein luftig durchbrochener Pavillon.

Bungalows, Bezirksamt, Bezirksgericht, Polizeistation, Postagentur, die Kaserne der Schutztruppe, Geschäfts- und Wohngebäude, Lagerschuppen mit Store – einem Einkaufsladen – der Neuguinea-Kompagnie und das Haus des Administrators der Neuguinea-Kompagnie umgeben in weitem Kreis die Landungsbrücke. Gleich neben dem Markt liegt der Friedhof, den auch nicht wenige ehemalige Patienten des Hospitals auf Beliao belegen. 50 % der Fälle im Hospital auf der Insel sind Malaria- und Schwarzwasser-fieberkranke.

Zu dem Stadtensemble kommt ein Hotel, das aber kaum mehr als ein einfacher Holzbau auf Pfählen ist; schon der Vorgängerbau des jetzigen Hotels war von Termiten angenagt bei einem Erdbeben in sich zusammengesun-ken. Das »sogenannte Hotel«, wie es auch beschrieben wird, dient aber etwa auch dem Tennisklub bei Einla-dungen an Offiziere und Gäste von im Hafen liegenden Schiffen als Stätte für einen »gemütlichen Bierabend«.

Auf der Scheringhalbinsel ist ein Netz malerisch ange-legter Wege vorhanden, an denen verstreut im kühlen-den Schatten hoher Bäume die freundlichen Wohn-häuser liegen. Hier kann man auch den Kasuar sehen, den australischen Strauß, ein großer Laufvogel, der von einigen Bewohnern gezähmt gehalten wird. Einen selt-samen Kontrast zu dieser deutschen Tropenidylle bil-den die wilden, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Gestal-ten der Eingeborenen, die häufig zu Einkäufen in die Stadt kommen und zum Beschauen dieser für sie exoti-schen Welt.

Früh morgens kann man die von der Ortsverwaltung angestellten Straßenfegerinnen bei der Arbeit besichti-gen. In hockender Stellung schwingen sie einen Palm-wedel als Besen über den Straßenboden, bis sie sich bei steigender Sonne unter die auf Pfählen stehenden schattenspendenden Häuser hinfegen. Erst bei sinken-der Sonne sieht man sie wieder, wenn sie nach Hause gehen. Sie arbeiten wahrlich nicht viel, ihr Lohn ist aber auch gering.

Eine andere Gruppe von Frauen ist in bunte Tücher ge-kleidet und kommt von weither, es sind schöne Töchter Polynesiens, die besonders bei Ankunft eines Schiffes in Betriebsamkeit geraten. Die ›Polonaisen‹ sind bestimmt die bestverdienenden Frauen in Friedrich-Wilhelms-hafen, dank ihrer von Männern sehr geschätzten Dienst-leistungen.

Die Seeleute und andere europäische Besucher können in der Stadt aber auch Bälge von Paradiesvögeln erwer-ben, deren farbenprächtige Federn als Schmuck von Damenhüten außerordentlich beliebt sind. Friedrich-Wilhelmshafen ist Hauptausfuhrort für diesen Handels-artikel.

Überall in der Stadt finden sich auch Krähen, die von den Deutschen zur biologischen Bekämpfung eines Palmkäfers angesiedelt wurden. An den Palmen und einzelnen Urwaldriesen im Stadtgebiet hängen tagsüber tausende Fliegende Hunde. Wie dunkele lederne Beutel hängen sie an den Bäumen. Kaum ist die Sonne unter-gegangen kann man sie als lautlose Schatten in einem nicht endenwollenden Zug gegen den rötlichen Abend-himmel dahinziehen sehen, ein Bild, das keiner so schnell vergißt.

Kommt ein Schiff nachts in die Bucht gefahren flammen große Karbidlampen an der Landungsbrücke auf, wei-sen den Weg und beleuchten die Pier für das Anlege-manöver und das folgende Entladen und Beladen. Die Festmacherleinen fliegen unter den Selo-Selo-Rufen (Sail Ho!) der Schwarzen an Land und die in langen Reihen aufmarschierten Ladungsarbeiter werden für jede Schiffsluke abgeteilt und stürmen das Schiff mit Gebrüll.

Jeder Weiße in der Stadt hält sich einen ›Schießjungen‹, der morgens ein Gewehr und ein paar Patronen in die Hand gedrückt bekommt, um für das Mittagessen zu sorgen, meist ein paar Vögel. Die Lizenz für den Jungen bekommt man beim Bezirksamtmann. Sie ist nicht teuer. Laut Verfügung des Reichskolonialamtes in Berlin soll jeder Schießjunge in Neuguinea die auf ein Jahr ausgestellte Lizenz »stets bei sich tragen«. Wie man sich das in Berlin vorstellt, weiß keiner in Neuguinea so recht zu beantworten, denn wer nur ein Lendentuch trägt kann schwerlich ein Papier in die Tasche stecken. Als einmal ein frisch aus Europa eingetroffener Herr sei-nem Schießjungen aufträgt die Bescheinigung doch bei sich zu behalten, benutzt er bei der nächsten Jagd das Dokument als Zigarettenpapier, um sich seiner sinnvoll zu entledigen.

Die Insel Ragetta ist der Sitz der evangelischen Rheini-schen Mission mit einer Kirche und weißen Wohn-häusern in Gemüsegärten. Die Insel ist bei Reisenden beliebt und wird unter Führung eines Missionars be-sichtigt. Das Hauptziel der Besucher sind die dortigen Kanuwerften der Eingeborenen. Die Fahrzeuge mit ei-nem Ausleger zur Stabilisierung des Seeverhaltens sind bis zu zehn Meter lang und liegen in allen Stadien der Vollendung am weißen Strand. Ausgehöhlte und aus-gebrannte mächtige Bäume bilden den Unterbau, wel-cher an den Seiten durch aufgesetzte Planken erhöht wird. Flechtwerk und Kitt stellen eine feste, wasser-dichte Verbindung her. Kein Nagel oder Klampen findet Verwendung. Inmitten des Fahrzeuges sind zwei feste Querbäume angebracht, die am äußeren Ende den Aus-leger tragen und mit diesem durch ein staunenswertes Rotangeflecht unlöslich verbunden sind. Ihre auf den Kanuwänden befestigten inneren Enden tragen als Grundfundament den Segelmast und außerdem eine Plattform mit hohem Aufbau. In seiner Kastenform dient er zur Aufnahme von Waren, Proviant und eines Feuerherdes mit immer glühendem Baumklotz. Kunst-volle Schnitzereien, Muschelzierate und besonders die Flechtwerke sind staunenswerte Zeichen für den guten Geschmack und sorgsamen Fleiß der Insulaner, die mit ihren seetüchtigen Kanus weite Reisen unternehmen.

Auch auf der Insel Bilibili, fünf Meilen südlich der Dallmanneinfahrt, sitzen tüchtige Kanubauer und See-leute. Sie versorgen auch die Umgebung mit ihren selbstgefertigten Töpferwaren. Auf weiten Handelsfahr-ten dienen sie als Vermittler von Nachrichten und kennen viele Häuptlinge und einflußreiche Zauberer. Auch auf Grund ihrer hohen Intelligenz genießen sie hohes Ansehen bei Weißen und Eingeborenen.

Zahllose Ortsbezeichnungen in und um Friedrich-Wil-helmshafen erinnern an deutsche Forscher und See-leute. So ist die Dallmanneinfahrt benannt nach dem Kapitän Eduard Dallmann der Samoa, von der aus 1884 in Finschhafen auf Neuguinea die deutsche Flagge als Zeichen der Inbesitznahme gehißt und mit dem Schiff dann viele wissenschaftliche Erkundungsfahrten in Deutsch Neuguinea gemacht wurden. Die Scheringhalb-insel hat ihren Namen vom Kommandanten der SMS Elisabeth, die ebenfalls 1884 an Flaggenhissungen in Deutsch Neuguinea beteiligt war.

Hinter Friedrich-Wilhelmshafen liegt der Hansemann-berg. Ihn zu erreichen braucht es eine dreiviertelstün-dige Bootsfahrt bis zu einer schönen Bucht nördlich von Friedrich-Wilhelmshafen. An der Bucht stehen mächti-ge Urwaldriesen, umrankt von schlangenartig sich win-denden Lianen. Hier beginnt der Aufstieg. Ein Ausflüg-ler von 1911 beschreibt die Tour: »Im taufeuchten Grase, durch üppig wuchernde Büsche führte uns dann eine etwa zweistündige Wanderung aufwärts, wobei auch hier uns auf Schritt und Tritt die unheimlich finsteren Gestalten bewaffneter Eingeborener begegneten. Unse-re Mühe wurde oben durch eine prachtvolle Fernsicht belohnt. Zu unseren Füßen ausgebreitet lag der grüne Teppich des Waldes, nach der Küste zu vielfach unter-brochen von den regelmäßigen Reihen der Kokospflan-zungen. Hier und dort, als helle Flecke auf grünem Grund wirkend, die Tropenhäuser der Pflanzer, aus dunklen Tälern sich ringelnde Rauchsäulen die Wohn-stätten des wilden Waldvolkes verratend, und weit hinter der schneeweiß schimmernden Riffbrandung die im bläulichen Dunst verschwimmende Ozeanfläche mit den dunkelen Konturen der beiden Kraterinseln Karkar und Bagabag.«

In der kühleren Höhe und Luft auf dem Berg ist eine Station der Rheinischen Mission für die Erholung von Kranken und für eine Aufenthalt von Europäern, deren Geld und Zeit für einen Heimaturlaub nicht reichen. Nichtsdestotrotz reihen sich auch auf dem Friedhof von Friedrich-Wilhelmshafen Kreuz an Kreuz, Grab an Grab von Weißen, die den Tropen zum Opfer gefallen sind.