Deutsch Afrika, wie das deutsche Kolonialreich in Afrika zuweilen genannt wird, und die deutsche Welt im Pazifik haben aufgrund ihrer tropischen Natur viele Gemeinsamkeiten. Das sind etwa Kolonien sehr bissiger Ameisen, die in Büschen und Gewächsen hausen und beim unachtsamen Berühren der im Blattwerk stek-kenden Kolonie sofort zum Angriff auf den Menschen übergehen. Dem tropenunerfahrenen Weißen, der die-se Ameisenkolonien im Pflanzenwerk nicht vermutet, können sie sehr unangenehme Bisse verpassen. Auch Tropenkrankheiten wie Malaria und Durchfallerkran-kungen sind häufige Begleiter der Weißen wie auch der Farbigen. Auf der anderen Seite können die Tropen ein Traum an Landschaften und Eindrücken sein. Und nächtliche Begegnungen mit Glühwürmchen, zuweilen in Schwärmen fliegend, bezaubern Herz und Seele. Die Palmenhaine der Kokosplantagen sind ein unvergeß-licher Anblick. In den Vollmondnächten in den Tropen sind die Palmen und die tropische Vegetation in ein silbernes Licht eingetaucht, das unvergleichlich ist. Das elektrische Licht, das in der westlichen Welt auf dem Vormarsch ist, trübt diesen Anblick noch nicht.
Tropischer Regen ist eine weitere Besonderheit vieler Kolonien. Ein deutscher Kolonialbeamter, Werner von Rentzell, beschreibt einen tropischen Wolkenbruch in Togo:
»Der Berg hüllte sich in eine dunkle Wolke, und dann trommelte es unaufhörlich auf das Blätterdach, als schütteten unsichtbare Hände scheffelweise Erbsen auf eine Tenne.
Der Wald kochte. Die ganze Atmosphäre glich im Hand-umdrehen einer über und über mit heißen Dämpfen gesättigten Badestube. In Strömen brach der Schweiß aus den Poren, reißende Gißbäche spülten über die Fels-platten und rissen uns die Füße unter dem Körper fort.
Kurzum, die ganze Misere eines Marsches in der Regen-zeit, nur unter erheblich erschwerten Umständen, war wie ein rächendes Verhängnis unvorbereitet über uns hereingebrochen.
Liebevoll, als genösse ich die Wonnen eines Sturzbades, schmiegte sich meine Kleidung um den Körper. Bei je-dem Schritt jankte ein Strom von Wasser aus den Schäf-ten meiner Schnürstiefel, während die Last meines wie ein Schwamm vollgesogenen Korkhelmes, sich wuchtig in die Stirn schob, mich so die Qualen der armen Teufel von Trägern ahnen lassend.«
Eine Sonderbarkeit sind die Grabstellen von Weißen, die in vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich an Krankheiten ihr Ende gefunden haben, und irgendwo an unvermuteter Stelle findet der nun vorbeikommende Weiße solch eine letzte Ruhestätte. Die Geschichten der weißen Abenteurer, Kolonisten, Pflanzer, Missionare, Händler, Seeleute, Forscher und mitunter auch un-rühmlicher Gestalten gehen mit dem Zuwachsen und Verschwinden der Gräber meist auch verloren.
Auch die regulären Friedhöfe der Weißen in den Kolo-nien füllen sich. Die weißen Bewohner sind noch viel zu jung, um an Altersschwäche zu sterben. Sie gehen an allen möglichen Tropenkrankheiten zu Grunde, neben denen, die das Zeitliche durch Unfall und andere Todesarten wie Mord durch Eingeborene und Unglücks-fälle mit Tieren gesegnet haben.
Ein Bezirksleiter in Togo, Werner von Rentzell, be-schreibt die Beerdigung eines jungen Deutschen in Kete-Kratschi:
»In aller Eile zimmerte man aus alten Bier- und Selter-wasserflaschenkisten einen sargartigen Behälter. Müh-te sich, so gut es ging, seinen abgezehrten Körper hi-neinzuzwängen. Dann ging es hinaus, die paar Schritte, dorthin, wo die anderen lagen. Unmittelbar hinter den letzten Eingeborenenhütten, am Rande der nach Misa-höhe führenden Straße, hatte man ein Loch in den spröden Boden geschaufelt. Der „Sarg“ verschwand. Der europäische Unteroffizier ließ die üblichen Salven hin-ter ihm dreinfeuern… Und dann war der ganze Rummel erledigt. In zwei Jahren wußte kein Mensch mehr etwas von ihm.«
Eine überall in den Tropen vertretene Krankheit ist die Malaria, die auch praktisch jeden Weißen befällt. Jeder hat nach seiner Konstitution einen anderen Krankheits-verlauf. Unberechenbar in Heftigkeit und Dauer haben die einen in regelmäßigen Abständen ihre Fiebertage, während andere in jährlichen Abständen schwere An-fälle durchmachen und danach wochenlange Erholung brauchen. Wirklich schlimm wird es, wenn aus der Malaria Schwarzwasserfieber wird, das zu 90 % tödlich ist. Schwarzwasserfieber ist eine Haupttodesursache für die Weißen in den Tropen. Gegen die Malaria hilft sehr wirksam Chinin, das aus der Rinde eines Tropenbaumes gewonnen wird und regelmäßig geschluckt werden soll als Vorbeugung. Ansonsten hilft nur ein Moskitonetz gegen die Mücken, die die Malaria übertragen.
Viele der Bewohner der Kolonien haben Zeitverträge, meist auf zwei oder drei Jahre, und gehen dann zurück nach Deutschland, wenn sie nicht schon vorher, meist aus gesundheitlichen Gründen, die Kolonien wieder verlassen. Nur wenige verlängern ihre Verträge. Zu den Vertragsarbeitern gehören etwa Plantagenaufseher, Beamte, Offiziere, Eisenbahn- und Hafenbaupersonal und Krankenschwestern.
Zu den Bewohnern oder zeitweisen Bewohnern der Kolonien gehören auch so ziellose Gestalten wie in Peter Moors Fahrt nach Südwest eine beschrieben ist, die Moor alias Michaelsen 1904 in Deutsch Süd-westafrika getroffen hat. Michaelsen über den Nürn-berger:
»Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden. Als Australien gegen die Buren [Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika 1899-1902] Frei-willige stellte, war auch er hinübergefahren, als Trim-mer, aber um den Buren zu helfen. Er war gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom Aufstand in unserer Kolonie [Deutsch Südwestafrika] als Kriegsfreiwilliger einge-treten. Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit hin, wahllos ei-nem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen.«
Die Kleidung der Europäer in den städtischen Ansied-lungen in den Tropen sind schnee- oder blütenweiße Anzüge und bei Feierlichkeiten trotz Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit sogar mit Schlips und Kragen. Die einzige Erleichterung ist der Stoff aus leichter Baum-wolle. Unter diesen Umständen muß praktisch täglich ein neu gewaschener Anzug angezogen werden und Wäsche waschen ist eine Hauptbeschäftigung der far-bigen Bediensteten.
Ein Grundthema geht durch alle deutschen Kolonien: Das Saufen. Verglichen mit dem Alkoholkonsum in Deutschland ist der durchschnittliche Verbrauch von Alkohol in den Kolonien deutlich höher. In der Deutschen Kolonialzeitung vom 22. März 1913 steht, daß sich »bei Zugrundelegung nur der erwachsenen Männer für die weiße Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika und Kamerun ein fast dreimal so hoher Branntweinkonsum, in Südwestafrika ein um 50 Prozent höherer Bierkon-sum als in Deutschland ergibt«.
Ein Grund für die Besäufnisse der Männer ist zweifellos der Mangel an Frauen. Ein anderer der oft geringe soziale Kontakt mit anderen Weißen während Wochen und Monaten auf einsamen Farmen, abgelegenen Verwaltungsposten und sonstigen von der Welt fernen Orten. Dazu sind die Unterhaltungsmöglichkeiten in den Kolonien weit geringer als in der Zivilisation. Zeit-schriften, Kino, Musik, Kunst, Sport, Vereine, Feste und andere in Deutschland übliche Freizeitbeschäftigungen gibt es überhaupt nicht oder in nur weit geringerem Maße in den städtischen Siedlungen der Schutzgebiete.
Ein Offizier eines deutschen Kolonialkriegsschiffes schreibt: »Als Neulinge in den Tropen hatten wir nicht bedacht, daß das Anschluß- und Mitteilungsbedürfnis und, wie es uns vorkam, auch der Durst bei einem Tropengast im Verhältnis zu seiner Vereinsamung und Abgeschlossenheit von den Stätten der Zivilisation rapide wuchs. Man kann es ja schließlich verstehen, und nie-mand hat es ihm bei uns verdacht, wenn ein Farmer, der uns tagelang auf seiner am Rande des Urwaldes an der Südküste Javas gelegenen Kaffeeplantage als Jagd-gäste auf Büffel, Panther, Affen, Wildschweine und fliegende Hunde bewirtet hatte, sich dann dreimal vierundzwanzig Stunden lang in unserer Messe ein-geladen fühlte, weil er sich einfach nicht von unserer Eismaschine trennen konnte, die jedes Glas Whisky oder Bier zu einem langentbehrten Genuß machte.«
Zu den Mißhelligkeiten des Koloniallebens zählt auch der Tropenkoller, wie er allgemein genannt wird. Doch der Tropenarzt Dr. Carl Anton Mense schreibt in seinem 1902 in Berlin erschienenen Buch Tropische Gesund-heitslehre und Heilkunde dazu:
»Ich habe eine Krankheit, welche in den Tagesblättern bei allen Mordgeschichten aus den Kolonien eine große Rolle spielt, den Tropenkoller, nie und nirgends vorge-funden. Es gibt keinen Zustand, der die Aufstellung eines solchen Krankheitsbegriffes rechtfertige. Der Tro-penkoller ist von Laien, von Nichtmedizinern, eigens erfunden worden, um je nach der Parteien Haß oder Gunst als belastendes oder entlastenden Moment ver-wertet zu werden. Menschen mit lebhaftem Tempera-ment gibt es ja unter den in fernen Kolonialländern weilenden Europäern verhältnismäßig viele, denn der ruhige Durchschnittsmensch bleibt lieber im behagli-chen Heimatlande. Für schwache Charaktere ist drüben unter den Palmen die Gelegenheit, aus dem morali-schen Gleichgewicht zu geraten, größer als in Europa, wo das Auge des Gesetzes und der Gesellschaft wacht und die gute Sitte dem Lebenswandel enge Schranken zieht. Dieselben Menschen aber, welche dem sogenann-ten Tropenkoller verfallen, werden überall, selbst am Nordpol, zu Ausschreitungen geneigt sein, sobald die aus tausend Rücksichten gewebte Zwangsjacke der Kul-tur gelockert wird.«
Ein ständiger Reibungspunkt zwischen Weißen und Farbigen ist die Arbeitsmoral. Die Weißen, und insbe-sondere die Deutschen, haben ihre Vorstellung von Arbeit und pünktlichem Erscheinen zur Arbeit, die häu-fig ganz im Gegensatz zu dem Verständnis von Arbeit bei den Farbigen steht, die von den Weißen zur Arbeit angeworben werden. Hintereinander-weg-stundenlang-etwas-tun und Arbeitspensum ist den meisten völlig unverständlich, insbesondere wenn die Einheimischen wie etwa in Neuguinea und der umliegenden Inselwelt unmittelbar aus der Steinzeit in europäische Arbeits-verhältnisse kommen. Die Weißen sehen die Farbigen meist einfach als faul an, weil sie als Arbeitskräfte nicht funktionieren wie sie es erwarten, auch weil sie kein Verständnis für die Kultur der farbigen Untertanen aufbringen. Zum Beispiel ist die Verteilung der Arbeit zwischen Mann und Frau oft ganz anders geregelt wie bei den Europäern und jetzt sollen Männer als Arbeiter in ihrem Verständnis Frauenarbeit verrichten. Und feste Arbeitszeiten sind ihnen völlig unbekannt.
Der Missionar Christian Keyßer schreibt über Pünkt-lichkeit und sofort etwas tun bei den Eingeborenen in Deutsch Neuguinea:
»Sofort, prompt aufs Wort etwas tun, wie es der Weiße verlangt, ist deshalb den Eingeborenen etwas ganz Neues und Unfaßbares. ‚Warum denn’ fragt er ganz erstaunt. – ‚Wenn dich der Weiße ruft, und du läufst nicht sofort, dann schlägt er dich,’ teilt ein schwarzer Arbeiter seinem neu angekommenen Kameraden mit. ‚Warum denn?’ fragt dieser überrascht. ‚Ja das weiß ich auch nicht. Die Weißen sind eben so, also richte dich danach.’«
Allgemein kann man aber sagen, daß die Einheimischen sich in dem neuen Arbeitsumfeld der Weißen schnell eingewöhnen, weiterhin von den Weißen aber als grundsätzlich faul angesehen werden.
Die riesigen Landflächen unter deutscher Kolonialherr- schaft werden bei der geringen Anzahl von Weißen dort oft selten oder nie von einem Europäer gesehen und betreten. Viele der Weißen wohnen in Plantagen, Siedlungen und Städten und sehen sonst fast nichts vom Land. Nur wenige Weiße durchstreifen die Kolonien. So Wissenschaftler, Offiziere, Beamte und Missionare bei der Erkundung des Landes und Großwildjäger und Wildfänger für die Belieferung von Zoos mit Tieren. Schließlich sind auch Ärzte bei der Bekämpfung von Tropenkrankheiten und Vermessungstrupps für Eisen-bahnbauten und Straßen und Trupps für die Verlegung von Telefon- und Telegraphenkabeln in den Kolonien unterwegs. Mit dem Voranschreiten des Ausbaus der Verkehrswege finden sich auch mehr Weiße im Inneren der Kolonien.
Eine besondere Schwierigkeit im Verhältnis der Einge-borenen zu ihren deutschen Herren ist das Verständi-gungsproblem. Bei den vielen hundert Sprachen in den Kolonien sind die deutschen Beamten, aber auch die Offiziere, Missionare und alle anderen im Lande tätigen Weißen, auf Dolmetscher angewiesen. Aber wie gut die Dolmetscher übersetzen, und ob sie nicht absichtlich ihre besondere Position für ihre eigenen Zwecke be-nutzen oder durch kulturelle Zwänge gezwungen sind „falsch“ zu übersetzen, ist für den Deutschen vor Ort nicht einzuschätzen. Durch diese Sprachschwierigkeiten kommt es oft genug zu Mißverständnissen, die mit schlimmen Folgen enden können, zuweilen aber auch mit tragischem Ausgang.
Im Laufe der Jahre bessert sich das Sprachenproblem auch durch Sprachausbildung der Beamten und die Benutzung und Verbreitung von einfachen Sprachen durch die deutsche Verwaltung wie etwa Pidgin-English in Neuguinea und Kisuaheli in Ostafrika.