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Die Menschen III

Die Einwohnerzahl Ruandas wird amtlich Anfang 1913 auf zwei Millionen geschätzt. Hiervon sind nur etwa 59.000 Watussi. Etwa 15.000 Batwa – Zwerge (Pygmäen) – und alle übrigen sind Wahutu, ein Volk von Acker-bauern.

Die schlanken großen Watussi beherrschen das Land und überragen die Wahutu körperlich bei Weitem. Der eingeborene Herrscher von Ruanda, Musinga, ist natür-lich auch ein Watussi. Sultan Musinga hat seinen Sitz in Niansa in der Mitte von Ruanda.

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Umgestaltung zu Residenturen

Die drei Residenturen Bukoba, Ruanda und Urundi sind zunächst militärische Verwaltungsbezirke nach dem herkömmlichen Schema deutscher Militärkolonialver-waltung. Um Verwaltungskosten einzusparen durch Vereinfachung der Verwaltung und der Selbstverwal-tung der Einheimischen in Gegenden, die ohne weiße Besiedlung sind, und auch um unnötige Reibereien und gar überflüssige Militäreinsätze durch die deutsche Militärverwaltung zu beseitigen, soll die Einsetzung einer einheimischen Zivilverwaltung viele Spannungen wegnehmen und eben Kosten sparen. Als Beispiel nimmt man die britische Herrschaft im benachbarten Uganda und hat auch einen Blick auf die Verwaltung von Niederländisch Indien geworfen.

Der Regierungsrat Eduard Haber, Erster Referent beim Gouverneur in Daressalam, ist für die Ausarbeitung der Struktur der Residenturen zuständig. Auch der östlich an Bukoba angrenzende Militärbezirk Muansa ist als Re-sidentur geplant, wird dann aber als Bezirk einer deut-schen Zivilverwaltung unterstellt.

Am 20. Juni 1906 erfolgt der Erlaß für die Einführung der Residenturen Ruanda, Urundi und Bukoba. Alle anderen Gebiete von Deutsch Ostafrika sind Amtsbezirke unter unmittelbarer deutscher Verwaltung. Die drei Residen-turen liegen im Nordwesten von Deutsch Ostafrika, weitab vom Indischen Ozean, ohne eine leistungsfähige Verkehrsverbindung zur Küste.

Die Schaffung der Residenturen Ruanda und Urundi aus ihrer einheitlichen Verwaltung als Bezirk Usumbura bedeutet die Anerkennung der besonderen politischen Gegebenheiten dieser Länder.

Am 15. November 1907 wird die Teilung von Usumbura in die Residenturen Ruanda und Urundi durchgeführt. Usumbura, der Sitz der deutschen Militärverwaltung des Bezirkes Usumbura, wird nun Sitz des Residenten in Urundi und die Residentur Ruanda erhält einen eigenen Amtssitz in der Residentur.

Werden die einheimischen Herrscher in Ruanda und Urundi auch Sultane genannt so hat der Islam in diesen Residenturen überhaupt keinen Fuß gefaßt. 

Kolonialminister Bernhard Dernburg und das Daressa-lamer Gouvernement sind strikt gegen eine weiße Be-siedlung Ruandas und Urundis und die Kolonialbehör-den sperren sogar die Grenzen der beiden Bezirke we-gen angeblich ständiger Aufstände als Vorwand zur Verhinderung der Besiedlung der Residenturen.

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Einrichtung der deutschen Verwaltung

Die Jahrhunderte alten Königreiche Ruanda und Urundi sind noch völlig unberührt von Weißen als 1894 die er-ste deutsche Expedition dort eintrifft und die Einfügung der Königreiche in die deutsche Herrschaft beginnt. Beide Königreiche sind beherrscht von der kleinen Min-derheit der Tutsi, die über große Rinderherden verfü-gen, während die große Masse der Bevölkerung aus den Hutu besteht, welche Ackerbauern sind. Die Tutsi be-herrschen das Land von ihren Königshöfen aus.

Daneben gibt es noch eine kleine Gruppe von »Wald-menschen«, den Twa, die von der Jagd und der Töpferei lebt.

1904 schreibt Richard Kandt, der im Nordwesten Deutsch Ostafrikas Forschungen betreibt:

»Die Bahutu [Hutu] benehmen sich recht sonderbar. In Gegenwart ihrer Herren ernst und reserviert und unse-ren Fragen ausweichend; sobald aber die Watussi [Tutsi] unserem Lager den Rücken gekehrt haben, und wir mit ihnen allein sind, erzählen sie bereitwillig fast alles, was wir wünschen, und vieles, was ich nicht wünsche, denn ich kann den zahlreichen Mißständen, über die sie klagen, ihrer Rechtlosigkeit, ihrer Bedrückung, doch nicht abhelfen. Ich habe sie einige Male auf Selbsthilfe verwiesen und leicht gespottet, daß sie, die den Watussi an Zahl hundertfach überlegen sind, sich von ihnen unterjochen lassen und nur wie Weiber jammern und klagen können.«


Die nur etwas mehr als 50.000 Quadratkilometer umfassenden Königreiche stellen auf etwa fünf Prozent des Gebietes von Deutsch Ostafrika mit gegen vier Millionen Einwohnern fast 40 Prozent der auf 9 Mil-lionen geschätzten Gesamteinwohnerzahl der Kolonie.


1896 wird am Nordende des Tanganjikasees auf urun-dischem Boden die Militärstation Kajaga gegründet, gleich gegenüber dem Freistaat Kongo des belgischen Königs Leopold II. Der von Hauptmann Heinrich Bethe im Jahre 1898 gegründete Militärposten Ischangi am Kiwusee ist der erste deutsche Militärposten in Ruanda und liegt auch gegenüber dem Freistaat Kongo. 1899 wird der Bezirk Usumbura mit dem Regierungssitz Usumbura in Urundi, 15 Kilometer östlich der Station Kajaga, unter Hauptmann Bethe als Militärkomman-danten errichtet.

Die Anwesenheit der Deutschen in Ruanda und Urundi beschränkt sich in den ersten Jahren im wesentlichen auf militärische Expeditionen zur Erkundung des Lan-des, Besuchen bei einheimischen Herrschern und der Gründung von Militärposten, auch zum Schutz und zur Verstärkung der königlichen Macht des von den Deut-schen als alleinigen Herrscher von Ruanda anerkannten Königs Musinga.

Seit 1900 sind die Weißen Väter, eine französische Mission, die im deutschen Ruanda von ihrem deutschen Missionshaus in Trier geführt wird, in Ruanda tätig. 1904 kommt es zu heftigen Kämpfen zwischen den Ein-heimischen und hauptsächlich den Weißen Vätern. Die Einheimischen wollen die Auswärtigen los werden, zu denen auch afrikanische Händler von Bukoba am Vikto-riasee gehören, die bei ihren Karawanenzügen teilweise mit Gewalt gegen die Bevölkerung vorgehen, und die Weißen an sich, dabei aber hauptsächlich die Weißen Väter. Schwere Kämpfe finden zwischen den Missio-naren und deen Anhängern und ihren Gegner statt. Im Oktober/November 1904 bereinigt Resident Werner von Grawert mit seinen Askaris – afrikanischen Solda-ten der deutschen Kolonialtruppe – die Lage in Ruanda mit militärischen Mitteln. Es werden von der Truppe auch 80 Karawanenräuber festgenommen. Für eine gestohlene Last oder eine getötete Person fordert Gra-wert ein Rind als Entschädigung. 500 Rinder werden eingesammelt. Unter den Festgenommenen befinden sich auch zehn angesehene Tutsi. Diese werden von den Askaris gefesselt, gedemütigt und schließlich erschos-sen.

Die Hutu-Häuptlinge kommen mit Geschenke zu den Weißen Vätern und erklären ihre Freundschaft. Die Ru-he ist wiederhergestellt.

Am 10. März 1905 wird die Verordnung des Kaiserlichen Gouvernements von Deutsch Ostafrika in Daressalam unterzeichnet, welches das Betreten der Sultanate Ru-anda und Urundi regelt.

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Das Land I

Ruanda hat eine Fläche von 25.300 qkm und nimmt den äußersten Nordwesten von Deutsch Ostafrika ein. Das »Land der tausend Hügel« liegt durchschnittlich 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Virunga-Vulkane im Nordwesten des Landes ragen bis 4500 m hoch.

Die Temperaturen von Ruanda sind zum Teil etwas weni-ger niedrig, als es den bedeutenden Höhen entspricht. Die beiden wärmsten Monate sind März und September, die beiden kühlsten Mai und Dezember. Die mittlere täg-liche Schwankung beträgt 11°. Die Verteilung der Tempe-raturen über das Jahr ist also die des Äquatorialklimas, während die des Regens an den meisten Orten aus einer nur durch ein geringes Nachlassen geteilten ziemlich langen Regen- und einer kürzeren Trockenzeit besteht. In den höheren Landesteilen ist eigentlich nur Juni und Juli trocken. Dabei sind hier die Regenmengen ziemlich hoch.

Nieder-Ruanda im Osten des Landes hat eine weniger kräftige Vegetation, ist aber reich an Seen- und Papyrus-sümpfen. Man nimmt an, daß Ober-Ruanda mit einer Durchschnittshöhe von 2.200 m einst ganz von tropi-schem Höhenwald bedeckt war, der aber meist der Weidewirtschaft und dem Ackerbau zum Opfer gefallen ist. Bugoie-, Rugege- und Gaharowald sind kleine, wenn auch an und für sich stattliche Reste des großen Wald-landes.

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Wirtschaft und Verkehr VII

Eine Belebung der Wirtschaft in Urundi tritt mit der Eröffnung der Ugandabahn 1904 in Britisch Ostafrika ein. Von Urundi werden Felle und Häute durch Träger zum Viktoriasee gebracht – über den See werden die Güter mit dem Schiff zur Endhaltestelle der Uganda-bahn verfrachtet – und auf dem Rückweg transportieren die Träger europäische Handelswaren nach Urundi.

Mit dem Herannahen der Mittellandbahn von Daressa-lam aus, und ihrem schließlichen Eintreffen am Tangan-jikasee wenig südlich von Urundi im Februar 1914, ver-bessern sich die Handelsmöglichkeiten der Residentur noch einmal.

Bis 1914 gibt es noch kaum Geldwirtschaft in Urundi und wenn nur mit Silbergeld, das auch noch ungern ange-nommen wird. Die Geldwirtschaft beginnt in Urundi erst. Geld ist der Masse des Volkes in der Residentur ein noch unbekanntes Tauschmittel.

Wie in Ruanda soll auch in Urundi der Kaffeeanbau die wirtschaftliche Zukunft des Landes sein.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung IV

Der Resident von Urundi sitzt in Usumbura am Nord-ende des Tanganjikasees und damit auch gleichzeitig am Nordende von Urundi. In Usumbura steht, auch zum Grenzschutz gegen den belgischen Kongo, die 9. Kom-panie der Schutztruppe von Ostafrika. Eine deutsche Verwaltung oder eine deutsche Besteuerung besteht in Urundi nicht.

Im Mai 1903 schlägt Resident Hauptmann Robert von Beringe, ohne Weisung der Regierung in Daressalam, die Truppen des urundischen Königs Mwezi Gisabo. Am 6. Juni 1903 unterwirft sich im Vertrag von Ikiganda der König dem Deutschen Reich.

Mit der Verordnung vom 20. Juni 1906 über die Ein-führung von Residenturen im weit entfernten Nord-westen von Deutsch Ostafrika wird auch Urundi zu einer Residentur und die Militärverwaltung dort endet. Die Teilung des Militärbezirkes Usumbura in die Residentu-ren Ruanda und Urundi erfolgt offiziell am 15. November 1907.

Das Niederlassungsverbot durch das Gouvernement für europäische Siedler, das auf Empfehlung des Residen-ten von Ruanda, Richard Kandt, seit 1907 Resident von Ruanda, gilt auch für die Residenturen Urundi und Bu-koba.

Urundi erfährt weit weniger Aufmerksamkeit durch die deutsche Verwaltung Ostafrikas als Ruanda. Die Abge-legenheit und Unwegsamkeit des Landes tragen das Ih-rige dazu bei. Für die Verwaltung werden in der Resi-dentur Bukoba ausgebildete einheimische Kräfte nach Urundi geholt.

Die Herrschaft ist nicht, wie in Ruanda, durch deutsche Einwirkung unter einem einheimischen König zusam-mengefaßt. Nach dem Tode des jahrzehntelang herr-schenden Königs Mwezi Gisabo im Jahre 1908 wird einer seiner 27 Söhne, der von Gisabo nominierte und vom deutschen Gouverneur von Ostafrika bestätigte 15jäh-rige Mutaba II als König eingesetzt und auch die von Gisabo bestimmten zwei Regenten für den Minderjäh-rigen.

Die Machtkämpfe innerhalb der zahlreichen Königsfa-milie nutzen die jeweiligen deutschen Residenten nach eigenem Gutdünken. So kann man die einheimischen Herrscher gegeneinander ausspielen, ohne Machtmit-tel für die Erhaltung der deutschen Herrschaft im Lande anwenden zu müssen.

Gouverneur Rechenberg schreibt in einer Denkschrift vom 20. Juli 1911: »Urundi, dessen Verhältnisse viel unge-ordneter sind als diejenigen von Ruanda…«

1912 wird der Residentursitz nach Gitega in der Landes-mitte in die dort neu errichteten Gebäude verlegt. Bald danach wird darüber geschrieben:

»Die Verlegung der Residentur ins Landesinnere hat schon mehrere nützliche Folgen gezeitigt. Abgesehen davon, daß, wie gewöhnlich mehrere Araber und Inder ihre Kramläden bei der Station errichtet haben, ist auch schon eine Niederlassung der Internationalen Handels-gesellschaft (Sitz Hamburg) in Gitega gegründet worden und haben sich einige Europäer unter dem Schutz der Boma angesiedelt. … Auch die Gerichtstage des Resi-denten werden hier im Inneren viel eifriger und regel-mäßiger von Bahutu, Batussi und selbst Baganwa be-sucht als im entlegenen Usumbura, wo die Bergbewoh-ner obendrein sehr ungern weilten, weil sie im Niede-rungsklima Fieber bekamen.«

Weiter heißt es über Urundi, daß es noch Jahre dauern wird, „bis die Regierung eine wirkliche, wenn auch noch so einfache Verwaltung Urundis einrichten kann.“

Einige Krankenstationen und Grundschulen sind seit 1909 errichtet, aber Urundi liegt in der Entwicklung be-trächtlich hinter Ruanda zurück.

Im Frühjahr 1913 bereist Gouverneur Heinrich Schnee die nordwestlichen Bezirke Muansa, Bukoba, Ruanda und Urundi. Zuerst besucht der Kaiserliche Gouverneur die deutschen Häfen am Viktoriasee. Am 16. Februar erreicht er die ruandische Grenze und am 12. März wechselt Schnee von Ruanda nach Urundi.

Nach dem Erlaß vom 12. Dezember 1913 wird im Süden des Residenturbezirks Urundi der Polizeiposten Nia-kassu angelegt. 

In der Königsfamilie gibt es schwere Machtkämpfe, die zu einer Serie von Morden im Königshaus führen und selbst der König wird 1915 umgebracht. Ein Kleinkind wird als König Mwambutsa IV eingesetzt und die Herr-schaft den beiden schon 1908 vom ehemaligen König Gisabo bestimmten Regenten übertragen unter dem nun seit 1915 in seiner dritten Amtszeit befindlichen Residenten in Urundi, Erich von Langenn-Steinkeller, nach seinen Residentschaften 1909 und 1911-1913. Major von Langenn-Steinkeller ist 1915 wieder Resident in Urundi geworden nachdem sein Vorgänger bei einem Gefecht in Belgisch Kongo gefallen ist.

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Land und Leute V

Ruanda, das »Land der tausend Hügel«, liegt durch-schnittlich 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Im Vergleich zu Ruanda ist das südlich davon gelegene Urundi weniger hügelig und liegt im Schnitt etwa 1000 Meter über dem Meeresspiegel und Urundi ist bewaldeter als Ruanda.

Geraffter Text aus dem Deutschen Kolonial-Lexikon über die Residentur Urundi:

Urundi, Landschaft, Sultanat und Residentur von Deutsch-Ostafrika, 28.700 qkm groß, liegt im Zwischen-seengebiet.

Urundi ist ungemein sorgfältig angebaut. Ba-nanen, Bohnen, Erbsen, Sorghum, Eleusine, Mais, Bata-ten werden angebaut, am Tanganjikasee auch Maniok. Es ist sehr viel Vieh vorhanden, freilich erheblich we-niger als in Ruanda. Die Zahl der Bewohner wird auf 1½ Millionen geschätzt. Die drei Bestandteile der Bevölke-rung sind die herrschenden Watussi, die beherrschten Wahutu, wozu als freie Paria die Watwa kommen; ihre Anteile an der Gesamtzahl werden auf 6 %, 90 % und 4 % geschätzt. Die Zahl der Europäer in Urundi war Anfang 1913 60, die der nichteingeborenen Farbigen 52. Die Watussi sind die Besitzer der auf 250.000 geschätzten Rinder; daneben wird 1 Million Kleinvieh angenommen. Im Besitz der europäischen Stationen des Bezirks waren 1913 5029 Rinder. Das Sultanat Urundi ist politisch wenig einheitlich, besteht aber noch heute dem Namen nach, wenn auch seit 1909 die Errichtung mehrerer selbstän-diger Sultanate von der Kolonialverwaltung angebahnt worden ist. Der Sitz der Residentur wurde 1912 von Usambara nach Gitega (ziemlich genau in der Landes-mitte) verlegt. — Der Bau der Ruandabahn, die am Kagera-Knie, also an der Nordost-Ecke von Urundi en-den soll, wird auch auf diese Landschaft stark ver-ändernd wirken.


Urundi ist in eine Anzahl miteinander in Konkurrenz stehenden Sultanaten gespalten und nicht wie Ruanda unter der Herrschaft eines Sultans. Eine Reihe von Wa-tussi-Sultanen teilen sich die Herrschaft des Landes mit den Waganwa, den Abkömmlingen der Königsfamilie.

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Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aas-geiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stunden-lang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug da-von, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hun-grigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut ver-pflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwar-zen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlach-roten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpf-wörter im Kasernenhofstil, wie „Schweinehunde, ver-dammte“.

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Wirtschaft und Verkehr

Zwar bekommt Bezirksamtschef Theodor Gunzert beim Besuch von Gouverneur Albrecht von Rechenberg und Kolonialminister Bernhard Dernburg 1907 in Muansa von Dernburg einen ernsthaften Verweis für seine Eigenmächtigkeiten, das ändert aber nichts an seinem weiteren Verhalten, zumal allein die Entfernung zur Hauptstadt Daressalam und die Besonderheiten des einheimischen traditionellen Häuptlingswesens und der einheimischen Wirtschaftsweise eine entsprechen-de Behandlung dieser Fragen braucht, unabhängig von Regelungen für die riesige Kolonie, deren Anwendung in seinem weit von der Hauptstadt entfernten Bezirk unsinnig wären. So ist Gunzert auch bei der Ansiedlung von Weißen in seinem Bezirk auf einem anderen Kurs als Rechenberg für die Kolonie. Er ist zwar wie Rechen-berg der Ansicht, daß weiße Landwirtschaftsunterneh-mungen wenig wirtschaftlichen Wert haben, setzt aber dennoch weiße Siedler mit ihren Kenntnissen europä-ischer Wirtschaftsweise an zur Unterstützung von wirt-schaftlichen Projekten in entfernten Gegenden seines Bezirks, wofür er die aus Daressalam vorgeschriebenen Pachtpreise für Land in seinem Bezirk doch auf einem verhältnismäßig niedrigem Niveau halten kann.

Gunzert kann Rechenberg auch dazu bringen, seinem Bezirk kommunale Selbstverwaltung zu geben. Er braucht weiße Siedler für den Aufbau und die Leitung seiner wirtschaftlichen Projekte und seiner Verwaltung.

Bezirksamtmann Gunzert baut Straßen, die auch Last-wagenverkehr aufnehmen können, auf Muansa zu, um die erzeugten landwirtschaftlichen Güter des Bezirks über den Hafen Muansa zur Ugandabahn zu transpor-tieren. Bis 1914 ist der Bezirk Muansa zum größten Exporteur von Reis, Erdnuß und Baumwolle in der ganzen Kolonie Deutsch Ostafrika geworden.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über Stadt und Bezirk Muansa:

Muansa, wichtigster Ort an der deutschen Südhälfte des Victoriasees in Deutsch-Ostafrika, zugleich Name des großen Bezirks, der Ost- und Südufer des Sees um-spannt.

1. Der große Muansagolf erstreckt sich vom See mit durchschnittlich 5 km Breite 40 km südwärts, um sich dann noch in die 15—20 km langen Zipfel des Smith-sundes (nach SW) und des Stuhlmannsundes (nach SO) zu verzweigen. In einer kleinen, noch durch Inseln ge-schützten, östlichen Seitenbucht des Muansagolfes liegt der Ort Muansa im gleichnamigen Gau von Ussukuma. Die Bucht hat noch 11 m Tiefe; auch die großen briti-schen Dampfer legen seit 1906 am Pier von Muansa an.

Der große Ort Muansa ist nur wenige m über dem 1134 m hohen Seespiegel gelegen. Hochragende Felshügel bil-den einen auffallenden Zug des Landschaftsbildes. Der rosafarbene Granit verwittert, zumal unter dem Einfluß der tropischen Sonne, in Formen, die oft gewaltigen Rundhöckern bepackt mit Wollsäcken gleichen. An anderen Stellen wirrt ein Durcheinander von Blöcken, über das einzelne gewaltige Felsnadeln, Menhirs äh-nelnd, emporragen. Das Klima ist äquatorial. Die Regen-menge beträgt 1001 mm (10jähriges Mittel). Dank eifri-ger Sanierungsarbeiten ist der Ort jetzt ziemlich gesund. Seit die Ugandabahn 1903 vollendet war, ist Muansa aus kleinen Anfängen 1913 eine Stadt von etwa 6000 Ein-wohnern geworden. Es ist das Tor des zentralen Hoch-landes nach dem Indischen Ozean.

1913 hatte Muansa etwa 85 weiße Einwohner, 15 Goa-nesen, 300 andere Inder, 70 Araber. Es gab 12 (4 größere) europäische, etwa 50 indische und 20 andere farbige Firmen, durchweg Handelsunternehmungen. Im Au-ßenhandel stand Muansa bis 1911 in Deutsch-Ostafrika nur unter Daressalam und Tanga: 1912 wurde es von Bukoba überholt. Der Wert der Einfuhr war 1910 3,273, der der Ausfuhr 2,959 Millionen Mark; die Zahlen für 1912 sind 2,434 und 2,941. Bedeutend ist die Ausfuhr von Häuten (etwa 1 Mill. M). Erdnüssen (etwa 3000 Tonnen im Wert von 600.000 M. Baumwolle (370 t im Werte von 370.000 M), Gold von Sekenke (etwa 350.000 M), Reis (fast 200.000 M), Samli (etwa 175.000 M), Wachs. Sesam. Bei der Einfuhr waren Textilwaren mit 1,582, Metallfabrikate mit 0,382 Mill. M. Der Verkehr von und nach Sekenke geht seit Vollendung der Eisenbahn Daressalam—Tabora (Mitte 1912) nicht mehr über Mu-ansa. Muansa ist Sitz eines Bezirksamts, Bezirksgerichts, Zollamts, Post, Telegraphen (Draht über Tabora), draht-losen Verkehr mit Bukoba und Daressalam, Heliogra-phenverkehr mit Schirati und Ikoma. Zwei der drei Züge der 14. Kompagnie der Schutztruppe liegen hier in ei-nem Fort auf beherrschendem Hügel. Ferner hat Mu-ansa 85 Mann Polizeitruppe.

2. Der Bezirk Muansa ist mit 63.800 qkm, wozu ungefähr 30.000 qkm Seefläche kommen, einer der großen Be-zirke von Deutsch-Ostafrika, er umschließt den größten Teil von Ussukuma, die größere, östliche Hälfte von Usindscha. Uschaschi, den deutschen südlichen Teil von Ugaia, ferner die ganz dünn bewohnten Landschaften der Hochländer im Osten bis zu einer Linie etwa 70 km westlich von der Ostafrikanischen Bruchstufe; dazu kommen viele Inseln des Victoriasees: die größten sind Ukerewe, Luwondo, Korne, Meissome und Ukara. Die Zahl der Eingeborenen erreichte Anfang 1914 nach sorg-fältigen Schätzungen 625.000. Zwei Drittel davon ent-fallen auf die Wassukuma. Weitere hier zahlreich ver-tretene Stämme sind die Wassindja, Wakerewe, Wa-schaschi, Waruri, Bakulia; dazu kommen noch kleinere Gruppen der hauptsächlich in Tabora beheimateten Stämme, schließlich die Wandorobbo im Osten des Bezirks. Muansa hatte Anfang 1913 783 nicht einhei-mische Farbige und 231 Weiße. 1908 waren in Muansa 17,4 qkm an Plantagen- und Farmland vergeben, 1909/12 wurden 2,9 qkm vom Gouvernement verkauft, 29,6 qkm verpachtet. Der Viehbestand wurde 1913 zu 1.080.900 Rindern ermittelt, wozu 1.171.970 Stück Kleinvieh, 1520 Esel kommen. Im Besitz der Europäer waren 3441 Rinder, 907 Schafe, 591 Ziegen und einiges andere Vieh. Die 6 Farmbetriebe (1913) beschäftigten sich mit Vieh-zucht, etwas Sisal- mehr Baumwollbau. Viel wichtiger waren die Eingeborenenkulturen der Baumwolle, die vom Bezirksamt seit langem planmäßig gefördert wur-den: bei weitem der größte Teil der 650 t = 2600 Ballen, die 1913 aus dem Bezirk ausgeführt wurden, rührt hier-her. Auch die 5700 t Erdnüsse, 458 t Sesam und 995 t geschälter Reis der Ausfuhr des Jahres 1913 wurden in Eingeborenenkulturen erzeugt — Bezirksnebenstellen in Muansa sind Ikoma und Musoma, in einer Hinsicht auch Schirati. — Die menschenarmen, hochgelegenen, gesunden Gebiete im ferneren Osten von Muansa, ebenso die benachbarten Teile des Bezirks Aruscha, würden sich ausgezeichnet zur Besiedelung durch Europäer eignen, wenn diese Gegenden erst durch Fortführung der Nordbahn (Usambarabahn) an den Verkehr angeschlossen wären. Einschließlich einiger Gebiete im Bezirk Kondoa-Irangi handelt es sich um etwa 40.000 qkm besiedelbaren Landes. Hier könnten vermutlich 10.000 Europäer leben. Die mittleren und südlichen Teile des Bezirks Muansa werden von der kommenden Ruandabahn so, wie sie bisher geplant ist, überhaupt nicht berührt werden. So erscheint die Verlängerung der Nordbahn zum Victoriasee doppelt wünschenswert. Ohne sie bleibt Muansa doch beim Wirtschaftsgebiet der Ugandabahn. — Neuerdings hat sich die Zahl der Goldfunde in Muansa sehr gemehrt. Vielleicht werden sie noch einmal größeren Einfluß auf die Entwicklung des Bezirks gewinnen.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung

Der Stationschef von Muansa, Oberleutnant Paul Baum-stark, fürchtet einen Aufstand der Häuptlinge und sei-ner eigenen einheimischen Truppen in seinem Militär-bezirk, insbesondere nachdem er im Juli 1905 vom Auf-stand im Südosten der Kolonie hört, und fordert Trup-pen an, die ihm von einem deutschen Kriegsschiff über die Ugandabahn geschickt werden. Als die Marineinfan-terie eintrifft geht Baumstark mit ihr und sicheren eige-nen einheimischen Truppen gegen einen vermeintli-chen Aufständler, den König Makiangoro, vor. Der kann aber der deutschen Marineinfanterie entkommen und er wird erst durch Rugaruga-Krieger des Königs Kahigi von Kijanga aus dem Nachbarbezirk Bukoba gefaßt. Baumstark läßt 1906 weitere zwölf Häuptlinge verhaf-ten, aber seine Aktionen sind offensichtlich weit über-zogen. Als Muansa im gleichen Jahr zum Zivilbezirk er-klärt wird und Regierungsrat Theodor Gunzert die Herr-schaftsgewalt übernimmt, entläßt er sofort die gefan-gengenommenen afrikanischen Herrscher, gegen die keine begründeten Anklagen vorliegen. Gunzert setzt ein Zeichen für den Anbruch einer neuen Ära.


1906 wird der kolonialerfahrene Theodor Gunzert Be-zirksamtmann im nun zivil verwalteten Bezirk Muansa. Wie schon im Küstenbezirk Pangani, dessen Bezirks-amtmann er zuvor war, reist er viel in seinem Verwal-tungsbezirk umher, um vor Ort selbst zu sehen, was in allen Bereichen von Wirtschaft, Verkehr, Soziales und Verwaltung zu tun ist. Bisher war in seinem neuen Be-zirk der Chef von Verwaltung und Militär immer beglei-tet von einer Kompanie Soldaten mit einem Maschi-nengewehr herumgereist, Gunzert schafft diese teuere, einschüchternde und die Geschwindigkeit und Beweg-lichkeit der Reise hemmende Begleitung ab.

Theodor Gunzert will von der vorherigen deutschen Militärherrschaft weg zu einem Einvernehmen mit den einheimischen Herrschern und der Bevölkerung kom-men und sucht als erstes die alten einheimischen Herrscher, die Batemi, für seine Politik der Entwicklung der Wirtschaft des Bezirks durch Zusammenarbeit mit ihnen zu gewinnen. Er reist viel durch seinen Bezirk und gewinnt so einen guten Überblick über sein Reich und sucht dabei den Kontakt zur Bevölkerung des Bezirks. Gleichzeitig stärkt er die Autorität der Batemi, um sie wiederum als Herrschaftsgewalt über das Volk für seine Wirtschaftspolitik einzusetzen. Er gewinnt das Vertrau-en der Batemi, läßt aber auch keinen Zweifel an seiner letztendlichen Oberherrschaft, und greift in die Belange der Batemi ein, wenn er es für notwendig hält. So nimmt Gunzert Batemi, die nicht in seinem Sinne kooperieren, Land und Dörfer ihres Herrschaftsbereiches weg und überträgt sie an Batemi, die sich durch ihre Zusam-menarbeit und gute Leistungen bewährt haben oder setzt Batemi ein, die nach Landessitte diese Stellung gar nicht beanspruchen könnten. Gunzert greift in die ein-heimische Herrschaftsstruktur nach seinem Willen ein und kann sich, ohne Widerstand zu bekommen, durch-setzen. Offensichtlich hat er eine gute Hand bei seinen Entscheidungen.

Da den Batemi Regierungsaufgaben übertragen werden, und sie nach der Zahl der Steuerzahler in ihrem Herr-schaftsbereich bezahlt werden, wird vom Bezirkschef einerseits ihr Ansehen in der Bevölkerung gehoben, zum anderen sind die Batemi an der wirtschaftlichen Entwicklung und Leistungssteigerung ihres Herr-schaftsbereiches interessiert, weil sich dadurch ihr Einkommen steigert. Die Batemi werden also zum festen Bestandteil der deutschen Herrschaft im Lande. Ihre Verwaltung wird von Gunzert mit ausgebildeten schwar-zen einfachen Beamten, landwirtschaftlichen Ausbil-dern zur Unterweisung der Einheimischen in neuen Anbaumethoden, Straßenbauaufsichtskräften und uni-formierter Polizei, den Balugaluga, unterstützt.

Eine weitere Einrichtung der Regierung in Muansa sind die Katikiros. Die Katikiros sind gebildet und des Kisua-heli mächtig. Sie sitzen an der Boma in Muansa, wo sie die Entscheidungen der deutschen Regierung mitgeteilt bekommen und dann zu den Batemi reisen und ihnen diese Gesetze, Verordnungen, Absichten, Ratschläge und sonstige wichtige Meldungen mitteilen. So ist die unmittelbare Verbindung zwischen der Boma in Muan-sa und den einheimischen Landesherren durch die Katikiros, den Botschaftern der Kleinkönigtümer bei Gunzert, gegeben.

Diese Zwischenstellung zwischen der deutschen Boma in Muansa und den Sitzen der Batemi verleiht den Katikiros einige Macht. Die Nähe zur deutschen Ver-waltung macht sie oft mächtiger als die einheimischen Herrscher selbst. So gelangen durch ihre besondere Stellung schließlich auch einige Katikiros in das Amt eines Ntemi (Ntemi = Einzahl von Batemi).

An der Boma in Muansa wird den Katikiros auch eine militärische Ausbildung an modernem Gerät gegeben. Die Rugaruga, die Krieger der Häuptlinge, bekommen nur Vorderladergewehre und ihre Uniformen, soweit man davon reden kann, werden von ihren Häuptlingen gestellt und auch ihre Ausbildung erfolgt durch die Häuptlinge. Im Gegensatz zur Militärverwaltungszeit nimmt Gunzert jetzt auch Wasukuma in die bewaffnete Polizeistreitmacht des Bezirkes auf.

Im Bezirk Muansa gibt es keine ausgeprägten Macht-strukturen wie in Bukoba, sodaß Gunzert die Verwal-tung stark in die Hände der deutschen Siedler legt, ein Grund warum er sie ins Land holt und weitgestreut ansiedelt. Hauptsächlich im Süden seines Amtsbereichs überläßt er einheimischen Territorialherren die Verwal-tung, aber dann deutschen Normen angepaßt.

Im Süden des Bezirks liegen Bereiche, die eigentlich zum Bezirk Tabora gehören, aber von Herrschern in Muansa regiert werden. So wird vorgeschlagen diese Be-reiche des Sukumalandes auch Muansa zuzuschlagen, aber schließlich wird dort in Shinyanga eine Untersta-tion der Verwaltung des Bezirks Tabora eingerichtet.

Die verstreuten Stammesfürstentümer der Sukuma zu größeren Einheiten neu zu organisieren, wenn nicht zu einer politischen Einheit zusammenzufassen, wird vom Bezirkschef Gunzert in Erwägung gezogen.


Für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin behält Gunzert die üblichen Körperstrafen bei. Er gibt aber den Batemi einen Teil der Gerichtsbarkeit zurück, die ihnen von der früheren deutschen Militärverwal-tung genommen worden war. Die Militärverwaltung hatte nur einen Gerichtshof für alle Streitfälle in Muansa. Nun wird an jedem Hof eines Ntemi wieder ein Gericht eingerichtet, während das deutsche Gericht in Muansa das Obergericht ist. Die Batemi-Gerichte kön-nen alle Eigentumsdelikte und alle andere Gerichtsfälle behandeln außer Mord, Landfriedensbruch und Zaube-rei. Als Strafe dürfen sie, wie es immer landesüblich war, Vieh vom Täter einziehen und als Gerichtsgebühren Kleinvieh nehmen.

Die Gerichtsgewalt der einheimischen Herrscher ist wesentlich beschränkter als im Nachbarbezirk Bukoba, aber weiter als in den normalen Bezirken. Gefängnis-strafen dürfen die einheimischen Gerichtsherren nicht aussprechen. Wie in Bukoba führen die einheimischen Gerichte Schauri-Bücher zur Kontrolle der Gerichts-urteile durch die deutsche Verwaltung. Für die deutsche Gerichtsbarkeit werden die Katikiros als Sachverstän-dige herangezogen und bei den Gerichtstagen des Bezirksamtmannes auf seinen Reisen durch den Bezirk werden auf Antrag der Gerichte der Häuptlinge Über-prüfungen von Urteilen vorgenommen.


Die heikele Angelegenheit der Besteuerung ist zur Zeit der deutschen Militärverwaltung ein Punkt der Unzu-friedenheit der Batemi und der Bevölkerung.

1905 wird die Besteuerung von Waren auf Geld umge-stellt.

1907 ordnet der Gouverneur von Deutsch Ostafrika eine Senkung der Steuer pro Haushalt von eineinhalb Rupien auf eine Rupie im Jahr an, auch für die Darstellung der Gerechtigkeit der deutschen Herrschaft und ihre An-nahme durch die Bevölkerung. Gunzert senkt darauf die Besteuerung nicht nur von 1½ Rupien auf eine Rupie pro Jahr, sondern auch statt pro Kopf pro Hütte und gestaltet die Besteuerung im ganzen sinnvoller und gerechter.

Nachdem die von den einheimischen Steuereinneh-mern erhobenen Steuern an das Bezirksamt abgeführt sind wird ein Viertel wieder an die Batemi zurücker-stattet, die die Hälfte davon für sich und für die Bezah-lung ihrer Angestellten verwenden und die andere Hälf-te bekommen die Banangwa, die die Dörfer verwalten. So haben auch die Batemi ein Interesse an der Erhebung von mehr Steuern, da sie dadurch auch mehr Geld ein-nehmen. 

Den Batemi sind Geldmittel für ihre Verwaltung und für Landwirtschaft, Straßen und Schulen aus dem Steuer-aufkommen gegeben. Entgegen von Einwendungen aus Daressalam ist beim Bezirksamt auch ein Etat eingestellt für besondere Angelegenheiten der Häuptlingsherr-schaften.

Durch die Abhaltung alljährlicher Versammlungen der Häuptlinge und Unterhäuptlinge in jeder Häuptlings-herrschaft des Bezirks kann die Verfahrensweise der Steuererhebung besprochen, an die örtlichen politi-schen Verhältnisse angepaßt, vereinheitlicht und ver-einfacht werden. Schließlich kann Gunzert Gouverneur Rechenberg davon überzeugen, die Steuer wieder auf eineinhalb Rupien anzuheben, ohne Schwierigkeiten mit der Bevölkerung heraufzubeschwören.

Über den Etat für die besonderen Angelegenheiten der Häuptlingsherrschaften gibt es die Überlegung diesen Etat ganz unter die Kontrolle der Afrikaner zu stellen und ihnen somit mehr Mitbestimmung zu gewähren.


Da die Ausbildung von Einheimischen für Verwaltungs-aufgaben im Nachbarbezirk Bukoba weiter vorange-schritten ist, kann Gunzert aus Bukoba ein halbes Dutzend von ihnen übernehmen.

Die Schulsituation ist in Muansa bei der Übernahme der Regierungsgewalt durch Gunzert miserabel. Die deut-sche Militärverwaltung wollte 1905 die einzige Schule, geführt für die Ausbildung von Häuptlingssöhnen, wegen der Entlassung des einzigen und unfähigen Lehrers schließen, doch Daressalam befahl die Offen-haltung der Schule. Gunzert holt einen islamischen Lehrer von der Küste nach Muansa für die Schule der Boma und bringt die Batemi und ihre Beamten dazu ihre Söhne auf diese 1907 eingerichtete Schule zu schicken.

Im Landesinneren eröffnen mit der Hilfe der deutschen Verwaltung einige Häuptlinge Schulen und auch in der deutschen Station Schirati am Viktoriasee wird 1909 eine Schule eröffnet, finanziert vom lokalen Verkauf der Produkte des dort angebauten Bogenhanfs.

Weitere Schulen im Bezirk werden von Missionsge-sellschaften eröffnet, wenn auch ihr Standard hinter dem der staatlich geförderten Schulen zurückbleibt. So eröffnet die Afrika Inland Mission amerikanischer Fun-damentalisten Schulen und eine deutsch-amerikani-sche Sieben-Tage-Adventistenmission verbreitet sich mit ihren Schulen im Süden des Bezirks.

Christliche Missionen sind sonst nur in Gestalt der Weißen Väter mit drei Stationen und die englische Church Mission Society mit einer Station vorhanden. 1910 übernimmt von Britisch Ostafrika kommend die amerikanische African Inland Mission die Station der Church Mission Society und breitet sich im Land aus, worauf die Weißen Väter dagegenhaltend 1911 eine weitere Station eröffnen. 1912 eröffnen die deutsch-amerikanischen Sieben-Tage-Adventisten noch eine Station im Bezirk. Die christlichen Missionen finden aber bei der Bevölkerung mit ihrer starken völlig andersgearteten Kultur der Vielweiberei, des Ahnen-kultes und der Bafumu, den Wahrsagern, keinen An-klang. Auch die Bemühungen der Missionen in ihren Schulen Lesen und Schreiben zu verbreiten gehen ge-gen Null.