Im Januar 1901 ist Gouverneur Jesko von Puttkamer auf einer Expedition ins Rio del Rey-Gebiet, welches ganz im Westen der Kolonie am Atlantik und zugleich an der Grenze zum britischen Protektorat Südnigeria gelegen ist. Puttkamer: »In Rio del Rey traf ich meine mit [dem Regierungsdampfer] Nachtigal vorausgesandte Expedi-tion an, bestehend aus: Oberleutnant der Kaiserlichen Schutztruppe Glauning, Polizeiinspektor Biernatzki mit elf Mann Polizei, Polizeimeister Brückner, dem als ehe-maligen Oberlazarettgehilfen die Apotheke anvertraut war, 144 Träger nebst Lasten, zwei Maultiere, mit Köchen, Waschleuten, Dienern und Ordonnanzen etwa 170 Farbige. Die Zeit vom 14. bis 17. des Monats [Januar] war der Inspizierung der Station und der Erledigung grösserer Palaver gewidmet. … Nachdem das Gros der Expedition schon vorher in Marsch gesetzt war, fuhr ich am 18. mit der Dampfbarkasse der Gesellschaft Nord-west-Kamerun durch eine Reihe ununterbrochener Mangrove-Wasserläufe nach dem kleinen Ododopdorf Mussongasule, wo das feste Land beginnt und Lager bezogen wurde. Wieder ergötzte das Auge das bunte Lagerleben unter den Palmen des Ndiangufers; die Einteilung der Karawane, die Marschordnung, alles, was zu einer längeren Landreise nötig ist, wurde an diesem Nachmittage durch Biernatzki und Brückner erledigt. Am 19. erster Marschtag; meiner Übung gemäss Reveille 5 Uhr, Abmarsch 6 Uhr; es geht durch hohen Bergwald, reich an Schluchten, Wasserläufen und Hindernissen aller Art, welche hier wie später von den kräftigen Maultieren, die wir mit Erfolg zum Reiten benutzten, recht gut genommen wurden. Diesen Charakter behält der Weg bis Nssakpe und zu den Crossschnellen, ist übrigens fast überall von den anliegenden Dörfern in einer Breite von mehreren Metern gut gereinigt, ja teilweise sogar mit brauchbaren Brücken versehen, ein greifbarer Erfolg der ausserordentlich zweckmässigen Tätigkeit der vorjährigen Strafexpedition des Haupt-manns von Besser. Das Quartier Ekonaku, ein grösseres Ododopdorf, zeichnet sich durch originelle Bauart der Häuser aus; dicke Lehmmauern, ineinander geschach-telte Höfe mit vielen daranstossenden Lagerräumen, noch mit verrosteten Ketten umwundene Holzpfeiler verraten deutlich den Charakter des ehemaligen Skla-vendepots, aus welchem der alte einflussreiche Häupt-ling Obiri einen schwunghaften Sklavenhandel nach Calabar [im britischen Protektorat Südnigeria] trieb, bis sein Treiben vor etwa drei Jahren aufgedeckt und er selbst für seine Untaten mit lebenslänglicher Kettenhaft bestraft wurde, die er in Viktoria verbüsste, wo er im vorigen Jahre starb. Obiri und seine Calabar-Freunde tragen ohne Zweifel die größte Schuld an der ganz auffallenden Entvölkerung der im deutschen Gebiet wohnhaften Odokop- und Ekoistämme. … Am 20. über-nachteten wir nach beschwerlichem Marsch durch steilen Bergwald in dem kleinen Bergdorf Akoto, am 21. in Ekundu-Kundu auf einem Kegel angesichts einer höheren Bergkette gelegen, aus der sich der schön bewaldete Mount Hewett besonders hervorhebt. Beide Nachtquartiere zeichneten sich durch frische, kühle Bergluft aus; klares, kaltes Wasser war reichlich. Eine Buschfaktorei der Deutsch-Westafrikanischen Handels-gesellschaft treibt hier regen Handel; während des Tages traf eine grössere Anzahl Träger mit Gummi und Elfenbein ein. … Am nächsten Tage überschritten wir auf gut gereinigten, aber sehr beschwerlichen steilen Sumpfpfaden den Mount Hewett, stets im Schatten des Hochwaldes und kühle Bäche überschreitend, und lagerten im Walde bei dem letzten Ododopdorf Nkurru, wo Häuptling Otu uns mit reichlichen Geschenken an Lebensmitteln empfing. Hinter Nkurru tritt der ständig die herrlichsten Fernsichten bietende Waldweg in das Gebiet der Ekoistämme ein, in deren erstem Dorf Eko-roman wir am 23. übernachteten. Eine Faktorei der Ambas Bay Trading Co., von dem Deutschen Eck gelei-tet, bietet hier mancherlei Annehmlichkeiten und er-spart das Aufschlagen der Zelte. Nach einer Marschzeit von sechs Stunden erreichten wir tags darauf das Dorf Mboboa, wo viele Klagen der Häuptlinge über Gewalt-tätigkeiten durchmarschierender Patrouillen der Trup-pe den Gegenstand längerer Palaver bildeten. Ich sagte den Leuten Untersuchung zu und bestätigte einen von ihnen gewählten Oberhäuptling. Nach einer durch zahl-lose Sandfliegen stark getrübten Nachtruhe brachen wir am 25. morgens schon um ½ 6 Uhr auf, passierten, immer durch prachtvollen Hochwald marschierend, die Dörfer Babi, Aguran und Klein Ararú, und rasteten 9.30 am morgen an einem ungemein malerischen, wild dahinschäumenden Waldbach. … Die Gegend hat den geschlossensten, besten Waldbestand, den ich bis jetzt in Afrika gesehen habe; überall ist der Bergwald von klaren Bächen durchschnitten, auffallend viel und grosse Schwärme der grauen Papageien tummeln sich in den grünen Wipfeln und in der Luft umher. Schon mittags 12.30 erreichten wir das sehr schön gelegene, aber ungemein ärmliche Dorf Mbabóng, in dem der aus Kameruns Kinderzeit her bekannte Schwede Georg Waldau eine Faktorei der G.N.K. [Gesellschaft Nord-west-Kamerun] leitete; er bot uns Nachtquartier und ein üppiges Mahl, dank der dort besonders gut gedeihenden Entenzucht.
Am Sonnabend den 26. hatten wir ein tragikomisches Abenteuer, welches beinahe schlimm abgelaufen wäre. Wir waren morgens um 6 Uhr aufgebrochen und trafen gegen 9 Uhr den Hauptmann der Schutztruppe Guse mit einer Kolonne Wegarbeiter; ich liess die Arbeit, die wesentlich unserer Karawane zugute kommen sollte, nunmehr einstellen und forderte Guse auf, uns nach [der Militärstation] Nssakpe zu begleiten. Auf sehr gut gereinigtem Wege durchritten wir die Orte Ararú und Okurikan; der Wald wurde lichter infolge vieler Farmen; da bemerkte ich, wie mein Hühnerhund Tell sich an einem umgestürzten Baumstamm zu schaffen macht und plötzlich sehr eilig im dichten Unterholz ver-schwindet; fast im selben Augenblick fängt mein sonst wirklich ganz friedliches Maultier an zu bocken, mit allen Vieren in die Luft zu springen und auf alle Weise zu versuchen, mich abzuwerfen. Während ich noch ganz konsterniert um mich blicke, um dem Grund dieses merkwürdigen Benehmens aufzuklären, fliegt Guse im hohen Bogen neben mir von seinem Tier, Ramsay läuft eilig, mit den Händen um sich schlagend, geradeaus, gefolgt von einer heulenden, tobenden, tanzenden Rotte, in der ich vergeblich meine wohl gedrillten Soldaten und Träger zu erkennen suche; endlich springt meine Mula, die mich nicht los werden kann, mit hohem Satz in die Luft und wirft sich mit Gewalt auf die Seite nieder, um dann, mich am Boden liegen lassend, wie ihre Gefährten im Holz zu verschwinden. Etwas betäubt von dem harten Fall, suche ich meine Knochen zusammen und greife nach dem mir entfallenen Hut, da summt und saust es zornig um mich her, Tausende von wilden Bienen beginnen einen heftigen Angriff auf die ungeschützten Teile, Haupt und Hände. Nun heisst es schleunige Flucht, den anderen nach, denn nur schnelle Entfernung rettet vor den wilden Insekten, die eine bestimmte Entfernung von ihrer Behausung nicht über-schreiten. Mein treuer Sani, der mich nicht verlassen hat, hilft mir auf und rennt immer hinter mir her, nach Kräften die blutgierigen Bienen von mir abwehrend. Aber ich war doch gründlich zerstochen und das Blut der auf meinem Kopf erschlagenen Angreifer rieselte mir über das Gesicht. Endlich erreichen auch wir einen Waldbach, über den hinweg die Bienen nicht mitge-kommen sind. Schnell erst mit Kopf und Händen ins kühle Nass, dann den Schaden besehen. Wie sehen wir aus! Mit dick geschwollenen und zerstochenen Köpfen sassen wir da, Jeder bemüht, sich so gut wie möglich von den Folgen des Überfalls zu säubern. Sani zog aus meiner Kopfhaut mehr als 300 Stacheln! Ich hatte infolge des Sturzes länger als die anderen unter den Bienen aushalten müssen. Und welchen Anblick bot der Weg, den wir jenseits des Baches übersehen konnten; das vollkommene Bild eines Schlachtfeldes! Hüte, Mützen, Gewehre, Lasten, alle möglichen Utensilien, in wilder Hast fortgeworfen, durcheinander verstreut. Auch die Tiere, die sich die lästigen Insekten im dichten Unterholz instinktiv abgescheuert hatten, fanden sich wieder ein; sie waren verhältnismässig glimpflich davon gekommen. Bei dem nur eine halbe Wegstunde ent-fernten Dorf Inuku machte ich Halt und Quartier für die Nacht. Die Eingeborenen halfen beim Einsammeln der Sachen und dann ging’s ans Flicken; denn es waren eine ganze Menge Quetschungen und Risse vorgekommen. Ich selbst hatte mir bei dem Sturz eine Rippe einge-knickt, was mich einige Tage lang beim Marschieren doch erheblich störte; ich konnte immer noch von Glück sagen, denn mit einer schwereren Verletzung, die mich etwa am Laufen gehindert hätte, wäre ich wohl kaum bis an den Bach gelangt. Ausserdem packte mich an Abend ein gehöriges Fieber, so dass ich im Zelt eine herzlich schlechte Nacht verbrachte.«
Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß für das Jahr 1914 ist der folgende Expeditionsbericht zusammen-gestellt: Im Auftrag der Deutschen Kolonialgesellschaft unternimmt Professor Franz Thorbecke mit seiner Frau in den Jahren 1911 bis 1913 eine Forschungsreise in das innere Hochland von Kamerun. Die wenig bekannte Landschaft Tikar östlich des Flusses Mbam wird er-forscht. Am 20. Dezember 1911 wird vom Endpunkt der Nordbahn in Nkongsumba mit 150 Trägern ins Innere aufgebrochen. Über Dschong, Bana und Bamum erreicht die Expedition nach einem dreimonatigen Anmarsch das eigentliche Arbeitsgebiet, das Land der Tikar. Vor Ort wird die Expedition von der Regierungsstation in Yoko unterstützt. Kreuz und quer zieht die Expedition – zum Teil getrennt – ein Jahr lang durch das Land. Das Tikarland ist größtenteils ein Hochplateau von 800 bis 900 m Höhe, das von vielen Flüssen durchzogen ist. Hie und da ragen hohe Gebirge unvermittelt wie Inseln aus dem Meer empor. Ein Karte des ganzen Gebietes wird durch magnetische Triangulation und Routenaufnah- men hergestellt. Die Formen der Erdoberfläche werden untersucht, Pflanzen und Tiere gesammelt und reiches ethnographisches Material mit nach Deutschland gebracht. Krankheit und Unglücksfälle bleiben nicht aus. So erhält Frau Thorbecke in der Nähe von Tibati mitten in der Nacht eine Speerwunde am Kopf, die glücklicherweise rasch heilt.
Im Grasland von Tikar weiden Büffel und Antilopen. In den Flußwäldern, den Galeriewäldern, die sich zu bei-den Seiten von Flüssen entlangziehen, kommen häufig Affen vor. Die Tikar, die Bewohner dieses Savannen-landes, sind Ackerbauern. Alle Feldarbeit wird von den Frauen verrichtet. Die Männer bauen die Häuser, gehen auf die Jagd, und im übrigen Faulenzen sie. Sie sind, wie alle Sudanneger, ein großer, schön gebauter Menschen-schlag. Ihre Haltung ist frei, ihr Gang elastisch. Besonders unter den Frauen trifft man oft wahre Schönheiten. Vom Charakter her sind sie heiter und den Weißen freundlich gesinnt. Haben sie es doch den Weißen zu verdanken, daß die mohammedanischen Sklavenjäger aus ihrem Land vertrieben sind.
Dr. Leo Waibel, Teilnehmer der Expedition, schreibt über die Möglichkeiten des Kameruner Innenlandes: Wenn wir Bahnen bauen, dann wird sich auch das Grasland entsprechend seinen Naturverhältnissen ent-wickeln. Der Anbau von Baumwolle, Sisalagaven, viel-leicht auch Weizen und Bergreis, wird sich zweifellos lohnen. Vor allem aber wird die Viehzucht gut gedeihen. Eine weiße Bevölkerung wird sich in dem gesunden Hochlande dauernd niederlassen können. Man darf hierbei natürlich nicht an europäische Kleinsiedler denken; aber kapitalkräftige Leute, die mit Hülfe der Schwarzen ihr Land bestellen, werden in Zukunft in recht großer Zahl im Grasland leben können, etwa wie dies heute in ähnlichen Gebieten Indiens und Brasiliens der Fall ist.