Besonders die Urwaldgebiete im Süden von Neukame-run waren von den Franzosen in keiner Weise erschlos-sen und erst die deutsche Verwaltung setzt sich gegen die um ihre Unabhängigkeit kämpfende einheimische Bevölkerung durch.
Im Mai 1913 haben verschiedene Pangwe-Stämme eine Expedition angegriffen und Soldaten, die mit Post für diese Expedition unterwegs waren, getötet. Paul Eltester, der Bezirksleiter von Muni, und Georg Escherich, der selbst von Ukoko aus auf eine Expedition gehen will, greifen ein. Escherich:
»Herr Eltester hatte keine Lust, die Übergriffe der Pang-wes weiter zu dulden. Er war rasch entschlossen, in das aufständische Gebiet zu reisen und dort Ordnung zu schaffen. Ich war gerne bereit, ihn zu begleiten, zumal die Flußgebiete des Mbei und Abanga, also gerade das Aufstandsgebiet, an und für sich in mein Reisepro-gramm aufgenommen worden waren. Bei Vereinigung unserer beiden Expeditionen verfügten wir über 24 far-bige Soldaten, die mit der “Jägerbüchse”, einem für den Buschkampf vollkommen genügenden Mausereinzel-lader, Kaliber 11, ausgerüstet waren. Dazu kamen noch wir beiden Weißen mit unseren Mehrladegewehren und Pistolen. Eine kleine, aber bei entschlossener Füh-rung immerhin genügend starke Truppe.
Anfänglich ging alles gut, nur die Trägerfrage machte wiederholt Schwierigkeiten. Da wir wenig ständige Trä-ger aus Ukoko hatten, war die Expedition gezwungen, zum Transporte der 35 Lasten von Ort zu Ort die Ge-stellung neuer Träger durch die Häuptlingen zu ver-langen. Bei dem Widerwillen der Pangwes gegen das ihnen ungewohnte Lastentragen war es den Dorfhäupt-lingen, die wir zur Trägerstellung aufforderten, mitun-ter auch bei bestem Willen nicht möglich, die verlangte Trägerzahl aufzubringen. Die Leute entliefen sehr oft im letzten Augenblicke noch in den Wald und mußten dann mit Gewalt von unseren Soldaten wieder gegriffen werden. Damit waren aber die ersten Zwistigkeiten schon gegeben, die dann sehr leicht zu Schlimmerem führen konnten. —
Am 29. Mai, als die Expedition das kleine Walddorf N’sogobur erreicht hat, weigern sich die gestern aus dem Dorfe Oweng mitgenommenen Träger, uns weiter zu begleiten. Die nächste Dorfschaft Ainsog aus dem Stamme der Ojerks habe “Dorfwachen” auf den Busch-pfad gelegt, die uns nicht durchlassen würden. War dies richtig, so war’s offener Aufruhr, der unbedingt gebro-chen werden mußte. Die Owengleute aber hatten schreckliche Angst vor ihren bösen Nachbarn und wagten sich um keinen Preis weiter. Kein gütliches Zureden half, sie verzichteten auf alle Entlohnung, leg-ten die Lasten nieder und versuchten zu verschwinden. Nur einigen gelingt es, die anderen werden festgehalten und mit Gewalt gezwungen, die Lasten wieder aufzu-nehmen. Und weiter geht der Marsch gegen Ainsog.
Nun wird es ernst. Wir befinden uns auf dem Kriegs-pfade und müssen damit rechnen, im nächsten Au-genblicke vielleicht schon überfallen zu werden. Die Marschordnung wird demnach vollkommen kriegsge-mäß. Voraus der schwarze Feldwebel Jakibo mit 6 Sol-daten, die auf bloßen Sohlen wie Spürhunde dahin-schleichen. Aug’ und Ohr ist auf das äußerste gespannt, die Büchse wird schußbereit unterm Arm getragen. Dann folgen wir zwei Europäer mit unseren Gewehr-trägern und je einem “Leibsoldaten”. Hinter uns dicht aufgeschlossen der Troß von Trägern und Soldaten-weibern, dazwischen in regelmäßigen Abständen wieder Soldaten zu Schutz und Aufsicht. Den Schluß bildet der Nachtrupp von 6 Soldaten unter Führung des baum-langen, stets rauflustigen Gefreiten M’bitta.
Schweigend marschiert die Karawane. Es muß unbe-dingte Ruhe herrschen, um dem Feinde unser Kommen nicht allzu früh zu verraten. Stunde auf Stunde verrinnt. Im dichten Urwalde ist der Pfad gerade so breit, daß ein Mann mit seiner Last passieren kann. Rechts und links dämmen uns undurchdringliche, meterhohe grüne Wände von Forstunterkräutern aller Art, von Dorn-busch und wirrem Gesträuch ein. Typischer, sekundärer Wald, für Überfälle außerordentlich geeignet. Wir müs-sen aber diesen Zwangswechsel benützen, es gibt keine andere Möglichkeit des Vorwärtskommens. Alles scheint ruhig zu bleiben. Vielleicht war’s doch nur ein Geschwätz überängstlicher Gemüter gewesen. Da, Ge-schrei und klatschende Schläge vor uns. Was ist los? Wir wollen nach vorne eilen, doch ist dies unmöglich. Zwischen Menschen und Dornbusch eingekeilt, müssen wir warten, bis es vor uns Luft gibt. Es ist nicht möglich, an unseren Vordermännern vorbeizukommen. So enge ist der Pfad. Endlich sind wir vorne. Ein dichter Men-schenknäuel vor uns. Es sind vier junge, kräftige Ojerks, die gefesselt und zusammengebunden vor uns stehen. Sie hatten die erste “Dorfwache” gebildet, die von den Unsern überrumpelt, niedergeschlagen und ohne Schuß gefangen wurden. Junge, unerfahrene Burschen, die den Krieg nicht kannten. Ihre langen Buschgewehre werden zu einem Bündel geschnürt und dem Rädelsführer aufgeladen. Nach dieser kurzen Unterbrechung geht der Marsch weiter. Jakibo wieder voraus, mit noch größerer Vorsicht als vorher. Auch wir haben die Pistolen in der Hand und heißen unsere Gewehrträger, dicht hinter uns zu bleiben. Unnötige Sorge. Sie, dich sich sonst ihres Herrn oft stundenlang nicht erinnerten, hatten auf einmal ungeheure Anhänglichkeit bekommen. Sie hef-teten sich dicht an unsere Fersen und zeigten sich so willig und gefügig, wie noch niemals auf dem langen Marsche. Was die Angst nicht alles fertigbringt! —
Wir steigen eben in ein steiles Tal hinab. Da hallt dumpf aus der Tiefe der erste Schuß, dann noch einer, zwei, drei? Unzweifelhaft sind es Buschgewehre, das zeigt der schwere, dumpfe Knall der Donnerbüchsen. Und die Unseren, warum antworten sie nicht? Wieder sprechen die Buschgewehre, jetzt fallen aber auch wie eine Erlö-sung die Jägerbüchsen ein, deutlich erkennbar am hel-leren Laute. Dazu bläst unser Hornist, der rückwärts in unserer Kolonne eingeteilt ist, ein militärisches Signal. Irgendeines, das ihm eben einfällt. Gleichgültig, ob es paßt, jedenfalls aber hallt der Hornruf mächtig durch den Urwald. Wie er uns Weiße packt und ergreift! Er bedeutet Kampf und Sieg. Nach vorne ruft er uns, und dahin stürmen wir so rasch es geht. —
Die Schießerei ist bald zu Ende. Gottlob haben wir keine Verluste. Kaum zu glauben, wenn man sieht, wie nahe die Wegelagerer auf unsere Leute geschossen hatten! Zwei, drei Schritte nur waren ihre gut verblendeten Stände vom Buschpfade entfernt, und doch hatten sie nicht getroffen. Ein Glück, daß das Schießen keine Gabe des schwarzen Mannes ist. Dazu kommt noch, daß der Pangwe das überladene Buschgewehr nicht in richtigem Anschlage, sondern meist mit ausgestrecktem Arme ab-feuert, da er stets mit dem Zerspringen des minder-wertigen Rohres rechnen muß. Diesem Umstande ist es vor allem zuzuschreiben, daß er trotz der großen Nähe meistens fehlt. Ein dumpfer, schwerer Knall, eine mäch-tige Rauchwolke, und schon stiebt der unsichtbare Schütze dahin in den Busch, wie wenn ihm der Satan auf den Fersen wäre. Nicht eher hält er im Laufen ein, als bis er sich in Sicherheit weiß. Dann aber wird mit liebender Sorgfalt die lange Mordwaffe sofort wieder geladen. Eine ganze Handvoll — bis zu 20 g — gröbstes Schwarzpulver, mitunter reines Sprengpulver, bildet die Ladung, darauf wird ein Stück Stoff als Pflaster gegeben, dann folgt eine Handvoll Topfscherben aus zerschlagenen eisernen Kochtöpfen oder gehackter Eisenstücke. Eine liebliche Zusammenstellung, die auf die gewohnte kurze Distanz fast immer tödlich wirkt. Ist das Geschäft des Ladens beendet, dann eilt der Schütze im Laufschritte auf nur ihm bekannten Schleichpfaden unbemerkt seitwärts an der Marschkolonne vorbei, um ihr weiter vorne an längst vorbereitetem Platze von neuem aufzulauern.
Die Karawane ist gegen eine derartige Kampfweise na-hezu machtlos. Trotz schärfsten Auslugens bleibt der lauernde Schütze meist unentdeckt. So kommt es oft, daß die “Spitze” der Karawane, ohne es zu wissen, an der gefährlichen Stelle bereits vorbei ist, bis auf einmal unerwartet der Schuß fällt. Eine starke Rauchwolke zeigt den Platz des unsichtbaren Feindes. Wild stürmen die Soldaten drauflos, und schon stürzen sie über dünne Buschreben, die heimtückisch vor die Stellung gezogen sind. Während sie sich nun darin abzappeln, erhalten sie Feuer von weiteren versteckten Schützen, die wohl-weislich ihren Schuß zurückbehalten hatten. Man sieht daraus die hohe kriegerische Veranlagung des Pangwe-volkes, das es im Buschkrieg zu einer wahren Meister-schaft gebracht hat. Keiner der schwarzen Teufel ist zu sehen. Die aufs geratewohl abgegebenen Schüsse un-serer Soldaten schlagen nur Wunden in die Urwald-bäume. Man kämpft gegen einen unsichtbaren Feind und muß jeden Augenblick gewärtig sein, von einem Eisenhagel zerfleischt zu werden. Vor allem der Euro-päer. Seine Tötung ist der höchste Ehrgeiz des Pangwe-kriegers. Wer einen weißen Mann gefällt hat, dessen Ruhm ist unvergänglich. Kein gerade angenehmer Ge-danke, unter solchen Verhältnissen als begehrenswert zu gelten. Sie höhnten es wiederholt aus dem sicheren Busch heraus: “Wir schießen nicht auf die schwarzen Soldaten, sondern n u r a u f d e n w e i ß e n M a n n !” Und versuchten es auch praktisch. Sie ließen den schwarzen Vortrupp unbehelligt vorbeiziehen, und als sie dann glaubten, einer von uns müsse kommen, drückten sie los. So wurde einmal ein Soldat vor mir, ein andermal ein Träger hinter Eltester getroffen. Wir selbst aber blieben gottlob unverwundet. Bald brach der Schuß zu früh, bald zu spät. Glück muß man haben, um nicht das Los so vieler Kameraden zu teilen, die diesem hinterhaltigen Buschkriege zum Opfer gefallen sind. Daß eine derartige Kampfweise allmählich auf die Nerven geht, ist begreiflich. Man kämpft gegen einen unsichtbaren Feind, gegen den man sich nicht wehren kann. Im unermeßlichen, undurchdringlichen Busche läuft man wie auf einem Zwangswechsel mit unbe-dingter Sicherheit dem lauernden Feinde vor das Ge-wehr. Nur die Vorsehung kann uns vor dem Schlimms-ten bewahren. Eigene Tüchtigkeit, Kraft und Schneid schalten dabei völlig aus. Jeder Augenblick kann den Tod bringen, der unsichtbar für uns am Pfade lauert. Es gehört ein gewisser Fatalismus dazu, unter solchen Umständen weiterzuziehen und dabei auch noch Ruhe und Gleichmut vorzutäuschen.
Nur ungern stellen sich die Pangwes zu o f f e n e m Kampfe, meist nur dann, wenn es sich um Verteidigung ihres Dorfes oder sonst einer wichtigen Stellung han-delt. Auch diese Art des Kampfes lernten wir gleich am ersten Tage unseres “Kriegspfades” kennen, als wir ge-gen das aufständische Dorf Ainsog marschierten. Kurz vor dem Dorfe fanden wir das Buschwerk rechts und links der Zugangswege niedergeschlagen. Man wollte gegen die anmarschierende Truppe freies Schußfeld schaffen. Besonders stark waren die beiden Palaver-häuser, die quergestellt, oben und unten das Zeilendorf abschließen und so gewissermaßen die “Stadttore” dar-stellen, verschanzt. Die mit Buschgewehren bewaffneten Verteidiger liegen in größeren oder kleineren Trupps außerhalb des Dorfes am Bache, an den Zugängen und in den Plantenpflanzungen verteilt. Hier erwarten sie den Feind. Jakibo aber, im Buschkriege wohl bewandert, greift mit dem Haupttrupp der Soldaten das Dorf gleichzeitig von vorne und von den beiden Seiten an. In dem hier gegebenen mehr offenen Gelände, in dem der Pangwe nicht so leicht verschwinden kann wie im Urwalde, entscheidet sehr rasch die überlegene Bewaff-nung. In kurzem Feuergefecht fallen 4 Pangwes. Damit ist der erste Widerstand gebrochen. Die Pangwes flüch-ten in den Busch und geben das Dorf auf. Immer noch mit großer Vorsicht dringt Jakibo durch das vordere Palaverhaus in das Dorf, während Eltester und ich das Palisadentor des rückwärtigen Palaverhauses benützen. Nirgends ist mehr Widerstand zu finden. Das Nest ist ausgeflogen, keine Seele ist mehr drinnen. Nur Ziegen und Hühner in größerer Zahl bevölkern noch die Dorfstraße. Daß sie von den Bewohnern nicht mitge-nommen wurden, deutet auf übereilte Flucht hin. Man hatte wohl immer noch geglaubt, im Dorfe sicher zu sein. Der Appell zeigt, daß keiner von den Unseren fehlt. Wir richten uns für die Nacht im Dorfe ein, so gut es geht, stets gewärtig eines feindlichen Angriffes.
“Wir werden wiederkommen”, hatte ein flüchtender Ojerk aus dem Busche gerufen. Kein Zweifel, der Kampf war noch nicht beendet. So war denn unsere Lage in-mitten des Urwaldes, umgeben von starken feindlichen Stämmen, keine allzu rosige. Es hieß tüchtig arbeiten, um das Dorf noch möglichst zu befestigen. Der Feind sollte uns nicht überraschen, dafür wollten wir schon sorgen. Vor allem mußten auch mächtige Dürrholz-haufen für die Nachtwachen herbeigeschafft werden. Kam der Überfall, so sollte die lodernde Flamme dem Kampfplatz erhellen und unseren Büchsen ein sicheres Zielen ermöglichen.
Es wird Nacht. Der Hornist bläst den Zapfenstreich. Wer weiß, ob wir ihn nicht zum letztenmal in unsrem Leben hören!
Weithin hallt der den Schwarzen unverständliche Ruf im Urwaldmeere. Von draußen aber antworten die Kriegstrommeln der Ojerks. Sie rufen die Säumigen zusammen zum Kampfe für Unabhängigkeit und Frei-heit, zur Rache für die Toten. Auch sie haben ein heiliges Recht, zu kämpfen . . . «
Der langjährige Schutztruppenoffizier Ludwig Freiherr von Stein zu Lausnitz wird nach seiner Verabschiedung aus dem Truppendienst in Kamerun im Jahre 1910 als Leiter einer geographisch-wirtschaftlichen Expedition am unteren Sanga in Neukamerun 1913 noch einmal für amtliche Aufgaben herangezogen. Auf der Expedition zeigen ihm die einheimischen Pygmäen einen Pfad, den Mokele-Mbembe durch den Dschungel gezogen habe. Die Spuren überzeugen den Freiherrn von Stein davon, daß eine Saurierart im Innersten Afrikas bis in unsere Zeit überlebt hat und so sammelt der Freiherr gezielt Berichte über den elefantengroßen Saurier. Der Pflan-zenfresser – Stein wird von den Eingeborenen auch dessen Lieblingspflanze gezeigt – mit langem Hals und langem Schwanz lebt laut Aussage der Pygmäen in und an Gewässern und greift Menschen, die ihm versehent-lich zu nahe kommen, an und es sei auch zu Todesfällen gekommen. Für die Pygmäen im Südosten der deut-schen Kolonie ist Mokele-Mbembe (Der, der den Lauf des Flusses stoppt.) Teil ihres Lebens in den Urwäldern.