Am 10. August 1913 läuft der Kleine Kreuzer Bremen zu einem offiziellen Besuch in Duala ein. Dieser seltene Besuch eines modernen Kriegsschiffes kommt der Kolonialverwaltung von Kamerun sehr gelegen. Für Bahnbauten, Industrieansiedlung, die Erweiterung des Hafens und städtebauliche Maßnahmen waren Land-enteignungen in der Stadt angekündigt worden, die eine starke Beunruhigung der Duala-Bevölkerung und Auf-rufe zum passiven Widerstand von Häuptlingen der Duala zur Folge hatten. Nun wird eine Matrosenabtei-lung der Bremen mit der Bahn im Hinterland herumge-karrt, um die Duala und deren Nachbarstämme durch diese militärische Demonstration einzuschüchtern.
Deutsche Kriegsschiffe auf Auslandsfahrt haben über die besuchten Länder auch politische und wirtschaft-liche Berichte zu erstellen. In diesem Falle aber wird ein solcher Bericht über eine deutsche Kolonie verfaßt. Der Kommandant des Kreuzers Bremen, Fregattenkapitän Hans Seebohm, schreibt einen als »Geheim« eingestuf-ten »Militärpolitischen Bericht« über den Besuch der Bremen in Kamerun, der unmittelbar »An seine Majes-tät den Deutschen Kaiser in Berlin« gerichtet ist. Der Kaiser ist laut Verfassung der Oberkommandierende der Kriegsmarine. Der Bericht trägt das Datum »Las Palmas, den 29. August 1913«. Die Bremen war zum spanischen Las Palmas in den Kanarischen Inseln, die vor der nordwestafrikanischen Küste liegen, gefahren, um dort eine Hälfte der Besatzung anzulanden für ihre Rückfahrt in die Heimat und die aus Deutschland neu eingetroffene Besatzungshälfte zu übernehmen. Es fol-gen Auszüge aus Seebohms geheimen Bericht an den Kaiser:
»Empfang in der Kolonie
Der Empfang Euerer Majestät Schiff Bremen seitens der Kolonie muß ein glänzender genannt werden. … Die Offiziersmessen der Schutztruppe in Duala sowohl wie in Buea luden zu Festessen, Reit- und Wagenpartien ein. Der Kolonialverein und der Sportverein in Duala ver-anstalteten gemeinsam einen Bierabend für Offiziere und Mannschaften. … Sowohl seitens Seiner Exzellenz des Gouverneurs als auch des Bezirksamtmanns von Duala wurde mir versichert, daß man gerade jetzt für den Besuch eines größeren Schiffes dankbar sei, weil die Eingeborenenbevölkerung von Duala infolge der soge-nannten Enteignungsfrage in letzter Zeit eine gewisse Unruhe zeige. Die Enteignung der von den Eingebore-nen inmitten der Hauptstadt noch bewohnten Grund-stücke und die Schaffung einer besonderen Eingebo-renenstadt hat die Sanierung Dualas zum Zweck. Im November oder Dezember soll die endgültige Abschie-bung der Eingeborenen aus der Europäer-Stadt erfolgen; es wird sich vielleicht empfehlen, dann die Kanonen-boote der Westafrikanischen Station nach Duala zu le-gen.
Der Transport von 150 weißen Mannschaften auf der Nord- und Bueabahn hat ganz offensichtlich großen Eindruck auf die Eingeborenen des Innern gemacht.
…
Wirtschaftliches der Kolonie
Seine Exzellenz der Gouverneur, der gerade von einer längeren Reise in das Hinterland und von dem Besuch der dort wohnenden kultivierten muhammedanischen Reitervölker zurückgekommen war, und seine Beamten gaben in liebenswürdigster Weise Auskunft über alle wirtschaftlichen Verhältnisse der Kolonie. Danach möchte ich mein Gesamturteil über die Kolonie dahin abgeben, daß sie die Phase der Küstenkolonie über- wunden hat und daß durch die Nord- und Mittelland-bahn die ersten erfolgreichen Schritte zur Erschließung des Inneren getan sind. Die Fahrt mit der Nordbahn durch die drei charakteristischen Zonen:
Ölpalmengebiet, Urwald, Grasland, gab einen ausge-zeichneten Überblick über den natürlichen Reichtum der Kolonie, vor allem auch darüber, wie notwendig weitere Bahnen für ihre Erschließung sind. Strecken, für die Trägerkarawanen früher 8 Tage brauchten, werden jetzt in 6 Stunden von der Bahn überwunden. Dabei rentiert sich die vor zwei Jahren erst in Betrieb ge-nommene Bahn bereits, selbst der Personenverkehr auf ihr ist ein sehr reger. Die Eingeborenen fahren mit Begeisterung auf der Bahn. Von großer Wichtigkeit ist ferner, daß die längs der Bahn wohnenden Neger-stämme nunmehr von dem Trägerdienst befreit und für fruchtbringendere Arbeit gewonnen sind. … Leider ist augenblicklich der Ausbau des Bahnnetzes zu einem Stillstand gekommen. Die Fortsetzung der Nordbahn stößt insofern auf Schwierigkeiten, als sie im Gebirge teilweise als Zahnradbahn gebaut werden muß. Erwä-gungen, ob sie im Bogen unter Vermeidung der steilen Strecken fortgeführt werden oder ob gar die Erschlie-ßung des Hinterlandes von der Mittellandbahn über Edea aus vorgenommen werden soll, sind im Gange. Ein rascher Entschluß wäre sehr am Platze, da die bereits kultivierten Gebiete des Hinterlandes bis jetzt über-haupt noch keine Handelsbeziehungen mit unserer Küste haben (Fußnote des Berichterstatters: Nachträg-lich erfahre ich, daß die Woermannlinie noch in diesem Jahre einen Vertreter auf dem Benue nach dem Tschad-gebiet senden wird, um festzustellen, ob sich die Ein-richtung einer Flußschiffahrt seitens der Kompagnie auf dem Benue lohnen wird.) und der Ausbau des Bahn-netzes dorthin, wie mir der Betriebsleiter der Nordbahn sagte, wenigstens 5-6 Jahre erfordert. Der Nutzen einer Bahn liegt aber zu sehr auf der Hand, wenn man ge-sehen hat, welchen Aufschwung die Nordbahn der Kolo-nie bereits gebracht hat.
An der Küste gedeihen im Norden die Cacao-Pflan-zungen gut, während der gummiproduzierende Süden durch das Fallen der Gummipreise zur Zeit einen Rück-schlag zu verzeichnen hat.
Allerdings ist bei der Gummigewinnung bisher nur Raubwirtschaft getrieben und minderwertige Ware auf den Markt gebracht worden. Einschreiten des Gouver-neurs zur Besserung der Verhältnisse ist im Gange.
Die neu zu der Kolonie hinzugetretenen früher franzö-sischen Gebiete sollen gut aber sehr von der Schlaf-krankheit verseucht sein.
…
Auf den großen Tabaksplantagen, durch welche der Sumatra-Deckblatt-Tabak in Deutschland wirksame Konkurrenz geboten werden soll, leistet der Neger man-gels Erfahrung allerdings noch nicht so viel, wie in älteren Kolonien von den Arbeitern verlangt wird. … Die schon erwähnten im Tschadgebiet wohnenden kulti-vierten Herrenvölker der Fulbe sollen durch Mischung mit der Urbevölkerung stark vernegern. Schwierigkei-ten ihrerseits unserer Regierung gegenüber werden vorläufig noch nicht befürchtet, da ihre Sultane unter-einander uneinig und eifersüchtig sind.
…
Schutztruppe
Während früher unter den Eingeborenenstämmen der Kampf aller gegen alle bestanden hat, soll jetzt der Land-friede in der ganzen Kolonie hergestellt sein. Es wird infolgedessen aber in Zukunft bei Aufständen nicht mehr so gut wie früher möglich sein, die einzelnen Stämme gegeneinander auszuspielen, und das Gouver-nement hat es für geboten erachtet, die Schutztruppe schlagbereiter zu machen. Sie besteht aus 12 Kompag-nien, von denen jedoch nur die bei Buea garnisonie-rende schlagbereit ist. Die Stammkompanie in Duala ist in erster Linie Rekrutendepot. Alle übrigen Kompag-nien werden im Verwaltungsdienst im Inneren ver-wandt, so daß sie für Expeditionen zunächst nicht frei sind. Das Gouvernement beabsichtigt allmählich den gesamten Verwaltungsdienst durch Polizeisoldaten aus-üben zu lassen, so daß die Schutztruppe mit ihren Offi-zieren, die jetzt ebenfalls meist im Verwaltungsdienst tätig sind, verfügbar wird.
…
Der Hafen von Duala
Der Hafen von Duala ist bei weitem der beste in unseren Schutzgebieten der westafrikanischen Küste und daher prädestiniert als militärischer Stützpunkt. Leider ist bis jetzt sehr wenig für ihn geschehen. Der Vertreter der Woermann-Linie in Duala informierte mich, daß er bei den mangelhaften Einrichtungen des Hafens kaum den laufenden Verkehr bewältigen könne. Die soge-nannte innere Barre soll jetzt ausgebaggert werden, so daß große Dampfer bis Duala hinauf können. Späterhin soll auch die äußere Barre vertieft werden. … Ca. 13 sm von der Stadt Duala liegt eine geschützte sehr geräu-mige Außenreede, die Schiffen von 8 m Tiefgang zu-gänglich ist. … Die Beschleunigung der Hafenarbeiten würde bei der guten natürlichen Beschaffenheit des Hafens in Verbindung mit dem jetzt durch die Bahnen mehr und mehr an Bedeutung gewinnenden Handel der Kolonie sicherlich zu ihrem Aufschwunge beitragen und gleichzeitig die Vorbedingungen für den ersten Stützpunkt Euerer Majestät Marine in dem Atlantik schaffen.«
Am 9. Dezember 1913 verläßt die Detachierte Division der Hochseeflotte Wilhelmshaven. Sie besteht aus den offiziell Linienschiffe genannten Schlachtschiffen König Albert und Kaiser und dem Kleinen Kreuzer Straßburg. Die Detachierte Division ist mit diesen hochmodernen Schiffen im Atlantik unterwegs, um den neuartigen Turbinenantrieb der nagelneuen Schlachtschiffe zu tes-ten und gleichzeitig damit politische und repräsentative Aufgaben bei der halbjährigen Erprobungsfahrt vom Dezember 1913 bis zum Juni 1914 auszuführen. Die ersten Fahrziele betreffen die drei westafrikanischen Kolo-nien des Reiches, Togo, Kamerun und Südwest.
Am 2. Januar 1914 ankert das Schlachtschiff Kaiser mit dem Kleinen Kreuzer Straßburg vor Viktoria am Kame-runberg und am 5. Januar gesellt sich das Schlachtschiff König Albert dazu. Der Kommandant der Kaiser, Kapi-tän zu See Adolf von Trotha, schreibt: »Während der Hafentage vor Lome [Togo] und Victoria waren die Schif-fe reich besucht außer von den Weißen jedes Standes auch von Schulen, Missionsanstalten, von schwarzen Polizeisoldaten und Postbeamten, Dorfältesten und Häuptlingen.«
Vom 5. bis zum 15. Januar 1914 sind die Schiffe vor Duala. Der große Tiefgang der Schlachtschiffe läßt sie weit vor Duala an der Küste ankern. Der Besuch des starken Kriegsschiffverbandes dient auch der Machtdemonstra-tion des Reiches vor den Duala. So stürmt in einer Manöverübung ein 550 Mann starkes Landungskorps der Kriegsschiffe mit Einheiten der Schutz- und Polizei-truppe von Kamerun die Stadt Duala. Mit dieser Macht-demonstration soll die immer noch wegen der inzwi-schen erfolgten Landenteignungen in Duala empörte Duala-Bevölkerung der Stadt zur Ruhe gebracht werden. Anschließend an das Manöver gibt es einen Parade-marsch des Landungskorps mit umgehängten Gewehr, mitgeführten Maschinengewehren und mit klingendem Spiel durch die Straßen der Stadt zum Exzerzierfeld oberhalb Dualas, wo sich die weißen Herren mit ihren Damen eingefunden haben. Der Kommandant der Kai-ser, Kapitän zu See Adolf von Trotha: »Es war doch eine Vorführung, wie die Kolonie, besonders die schwarze Bevölkerung, sie noch nie gesehen hatte; der Eindruck von Deutschlands Macht war sichtlich gehoben.«