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Die Menschen IV

Die eingeborenen Hauptstämme in den Tschadsee-gebieten sind die mohammedanischen Haussah, ein Handelsvolk, und die viehzüchtenden Fullah (Fulbe). Südwärts folgen die unter Fullahherrschaft stehenden Graslandstämme von Adamaua, von denen die Bata, Tikar, Beia und Wute die bekanntesten sind.

Die islamischen Fulbe teilen sich in die Bororo, die auf dem Land leben und Viehzüchter sind, und die Stadt-fulbe, Händler und Handwerker die eben in den Städten leben und gebildet sind durch ihre Schulen. Die Stadt-fulbe benutzen auch eine eigene Schrift mit arabischen Schriftzeichen. Bororo und Stadtfulbe verachten sich gegenseitig, aber sehen sich trotzdem als ein Volk an. Während die Stadtfulbe voll islamisiert sind, sind die Bororo viel lässiger im Umgang mit dem Islam oder häufig noch Heiden.

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Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aasgeiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stundenlang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug davon, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hungrigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut verpflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwarzen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlachroten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpfwörter im Kasernenhofstil wie „Schweinehunde, verdammte“.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung

Das Gebiet südlich des Tschadsees gehört zwar zur deut-schen Kolonie Kamerun, aber bis 1902 ist noch keine deutsche Regierungsexpedition in das Gebiet vorge-drungen. In dem ganzen Raum weit um den Tschadsee hat sich in Jahrzehnten der Araber Rabeh ein Reich zusammenerobert. Seine Hauptstadt ist Dikoa, welches durch Vertrag zwischen Deutschland und England Deut-schland zugesprochen ist. Es sind aber die Franzosen, die von ihren Kolonien Algerien und Äquatorialafrika aus gegen Rabeh vorgehen. Dabei kämpfen sie auch in englischen und deutschen Gebieten, aber diese beiden Kolonialmächte stehen auf Seiten Frankreichs bei der Niederringung von Rabeh, weil sie so kostenlos ihre Machtbereiche im Gebiet von den Franzosen von der Herrschaft Rabehs befreit bekommen. Die Entschei-dungsschlacht zwischen Rabeh und den Franzosen fin-det am 22. April 1900 bei der Stadt Kusseri auf deut-schem Boden statt. Dabei wird Rabeh getötet und ein senegalesischer Soldat der Franzosen bringt zum Beweis seines Todes seine rechte Hand und seinen abgeschnit-tenen Kopf auf einer Lanze aufgespießt herbei. Auch der französische Oberkommandierende Amédée-François Lamy fällt in der Schlacht und ihm zuehren wird die französische Neugründung gegenüber von Kusseri auf der anderen Flußseite des Logone auf französischem Gebiet Fort Lamy genannt.


Am 21. Oktober 1902 bricht Oberleutnant Hans Dominik zur Erkundung der noch nicht durch ihn und andere deutsche Beamte und Offiziere bereisten und unter deutsche Herrschaft gestellten Gegenden der deut-schen Tschadseeländer auf. Die Expedition hat Geschen-ke und Tauschwaren dabei, um freundschaftliche Bezie-hungen mit den Völkerschaften, die zum Teil noch nie einen Weißen gesehen haben, aufzunehmen. Die Expe-dition besteht außer aus Dominik aus einem weiteren deutschen Offizier, Sergeant Fischer, und an farbigen Kolonialsoldaten sind es acht Reiter, 25 Fußsoldaten und die nötigen Träger. Häufig genug trifft die Expedition auf eine mißtrauische, verängstigte und feindselige Bevöl-kerung, eingeschüchtert durch die Raubzüge und Skla-venjagden der Fulbe und Araber. Oft flüchtet die Bevöl-kerung, so sie kann. Dieser Osten der deutschen Tschad-seeländer ist von unzähligen Wasserläufen, Teichen, Tümpeln und Sümpfen durchzogen, die schließlich in den Tschadsee münden und beherbergt die ganze Fülle der afrikanischen Tierwelt. Antilopen, Gnus, Giraffen, Elefanten, Nashörner und Löwen begegnet Dominik mit seinen Gefährten. Noch vor kurzem sind Sklavenjäger aus dem französischen Gebiet kommend durchgezogen. Man zieht bis zum äußersten Ende des Entenschnabels, einem nach Osten in französisches Kolonialgebiet hi-neinreichendes deutsches Territorium, und dann zu-rück nach Garua. Auf dem Weg nach Garua wird in Kalfu der letzte Widerstand der Fulbe gebrochen. Zu Weihnachten 1902 ist die Expedition zurück. Dominiks Begleiter Fischer ist auf der Expedition am meist tödlich verlaufenden Schwarzwasserfieber erkrankt und stirbt am 13. Januar 1903 in Garua.


Von den Franzosen war im Gebiet von Bornu Chefu Garbai als Sultan eingesetzt worden, der dann in das von den Engländern neugegründete Maiduguri übertritt und von den Deutschen wird für Deutsch Bornu Chefu Omar Sanda als Sultan mit Sitz in Dikoa eingesetzt. Natürlich entfaltet der Sultan seines Standes gemäß alle Pracht des Orients an seinem Hof. Wenn er am Freitag zum Gebet vor die Stadt zieht bietet sich nicht nur dem einfachen Volk, sondern auch den Deutschen vor Ort, ein prachtvolles Bild. Auf einem reich geschmückten Pferd sitzend paradiert seine Repräsentationstruppe am Sultan vorbei. Sein unmittelbares Gefolge waffenstrot-zend, auf prächtigen Pferden, in bunten Gewändern. Dann Musikanten und Kesselpauker zu Pferde, Eunu-chen und ein Zwerg in Soldatentracht. Weiter schreiten riesenhafte Soldaten aus der einstigen Armee Rabehs einher mit Fahnen, auf die Koransprüche genäht sind. Die Reiterei des Sultans ist in prächtige Gewänder gehüllt. Araber zu Fuß und zu Pferd folgen, die Fußleute mit Bogen bewaffnet, die Reiter mit leichten Wurf-speeren und langem Schwert. Auch Kamelreiter sind dabei mit langen Lanzen bewaffnet, am Sattel hängend mächtige viereckige Schilde aus Giraffenleder. Schließ-lich Baghirmi-Leute mit Schwertern in Krokodilhaut-scheiden und mehrzackigen Wurfeisen über der Schul-ter. Die Festtagsrepräsentation demonstriert der stau-nenden Volksmenge aus den verschiedenen Völker-schaften in den Deutschen Tschadseeländern die Macht des Sultans. 

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Wirtschaft und Verkehr

1905/06 bereist Hauptmann Carl Zimmermann in seiner Eigenschaft als Resident von Adamaua das Mandara-gebirge. Er beschreibt zunächst in seinem Bericht die Heidenvölker im Gebirge als arbeitssames Bauernvolk. »Ihre Farmen sind Musterleistungen.« Weiter schreibt Zimmermann: »Dieses Volk in die pockenverseuchte und von ihm verabscheute Ebene zu verpflanzen, um es den Fulbe dienstbar zu machen und Ruhe vor seinen bisherigen Räubereien zu haben, wie dies vorgeschlagen worden ist, hieße ihm den Todesstoß versetzen und der wirtschaftlichen Entwicklung des Bezirks einen schwe-ren Schaden zufügen. Heidenorte wie Packa, Kamale, Mogundi, Humumsi usw. schätze ich auf je 3000 bis 4000 Einwohner und die Gesamtzahl der Mandarabe-wohner überschläglich auf ¼ Million niedrig gerechnet. Wie es nun hier gelungen ist, mit einer großen Anzahl von Heidenorten friedlich in Verbindung zu treten und sie davon zu überzeugen, daß der Weiße nicht als ihr Feind ins Land gekommen ist, trafen gleich günstige Berichte vom Posten in Ssagdje über seine friedlichen Erfolge bei den Bewohnern des Ssari-Massivs ein, die er auf etwa 200.000 Köpfe schätzt. Damit werden die bis-herigen Räubereien, die im Grunde genommen nur Wiedervergeltungsakte sind, ganz von selbst aufhören. Notwendig ist die dauernde Verbindung der Regierung mit den Heiden, um sie durch die Ausbeutung durch die Fulbes zu schützen, ihre Klagen anzuhören und ihr Vertrauen zu gewinnen sowie diese große Arbeitskraft schon jetzt auf die wirtschaftlichen Ziele des Bezirks zu richten. So habe ich sofort dem Posten in Ssagdje mehrere Lasten Baumwollsaat zugehen lassen und dort ebenso wie in den von mir bereisten Gegenden eine Belohnung von 2 Mark für je 20 Kilogramm entkernte Baumwolle ausgesetzt. Die schwache Seite des Volkes ist die Selbstherrlichkeit des einzelnen und die Ohnmacht seiner nominellen Oberhäupter, die uns zur Zeit noch nötigen, die einzelnen Heidenorte, unter Kontrolle, den Fulbeherrschaften zu belassen. Die wirtschaftliche Zu-kunft des Bezirks liegt aber zweifelsohne in den Händen dieser kräftigen und aufstrebenden Bergbewohner und ist damit auf eine gesündere und besser gesicherte Grundlage gestellt, als die im Niedergang befindlichen Fulbes bislang boten.«

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Ereignisse

Der langjährige Schutztruppenoffizier Ludwig Freiherr von Stein zu Lausnitz wird nach seiner Verabschiedung aus dem Truppendienst in Kamerun im Jahre 1910 als Leiter einer geographisch-wirtschaftlichen Expedition am unteren Sanga in Neukamerun 1913 noch einmal für amtliche Aufgaben herangezogen. Auf der Expedition zeigen ihm die einheimischen Pygmäen einen Pfad, den Mokele-Mbembe durch den Dschungel gezogen habe. Die Spuren überzeugen den Freiherrn von Stein davon, daß eine Saurierart im Innersten Afrikas bis in unsere Zeit überlebt hat und so sammelt der Freiherr gezielt Berichte über den elefantengroßen Saurier. Der Pflan-zenfresser – Stein wird von den Eingeborenen auch dessen Lieblingspflanze gezeigt – mit langem Hals und langem Schwanz lebt laut Aussage der Pygmäen in und an Gewässern und greift Menschen, die ihm versehent-lich zu nahe kommen, an und es sei auch zu Todesfällen gekommen. Für die Pygmäen im Südosten der deut-schen Kolonie ist Mokele-Mbembe (Der, der den Lauf des Flusses stoppt.) Teil ihres Lebens in den Urwäldern.

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Wirtschaft

Im März 1913 hält Hauptmann Hirtler, ehemals Offizier der Schutztruppe in Kamerun, einen Vortrag in Straß-burg über die Kolonie. Über Neu-Kamerun sagt er, daß es zur französischen Zeit von 1400-1500 farbigen Sol-daten und Polizisten besetzt gewesen sei, in der Haupt-sache Senegalesen. Land und Wirtschaft war vollkom-men in der Hand von französischen Konzessionsgesell-schaften, die ausschließlich auf ihren Gewinn gearbeitet haben. Die einheimische Bevölkerung war nur zur Ge-stellung von Arbeitskräften für die Konzessionsgesell-schaften da. Unsere Aufgabe wird es sein, in zielbewuß-ter, ruhiger, ebenso bestimmter wie humaner Weise die Eingeborenen uns dienstbar zu machen für die Kultur-arbeiten, an denen mitzuarbeiten sie berufen sind.

Nachteilig sind die französischen Konzessionsgesell-schaften in Neukamerun, deren Rechte 1912 vom Reich bestätigt wurden, weil sie die Handelsfreiheit stark ein-schränken. Die baldmöglichste Schaffung großer Reser-vate, die Hervorhebung des Überwachungsrechtes des Staates gegenüber den Konzessionsgesellschaften und geeignete Vereinbarungen mit ihnen hält Hirtler für die Mittel, dem Handel vorläufig den Zugang zu öffnen und die Eingeborenen vor der Ausbeutung durch die Gesell-schaften zu schützen, bis genauere Erkenntnisse weitere Maßnahmen an die Hand geben.

Die Neuerwerbung bezeichnet Hirtler als eine günstige, trotz der Konzessionen, wegen der neugewonnenen Wasserwege und den daraus sich ergebenden Anschluß an den Weltverkehr. Mit den 3000 km Schiffahrtswegen in der Neuerwerbung wird Deutschland kräftig in den Handel des zentralen Afrika eingreifen können.

Hirtler schließt damit, daß er ausführt, die Aufgabe, Neukamerun ebenso zu fördern, wie dies in Altkamerun geschehen sei, sei eine angesichts der natürlichen Wer-te, welche in der Neuerwerbung steckten, dankbare wie schwierige Aufgabe, weil ihre Lösung beweisen würde, daß deutsche Kolonisation auch dort noch leistungsfä-hig ist, wo die eines anderen Kulturvolkes versagt hat.

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Die Übernahme

In den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß für das Jahr 1913 wird berichtet: »In Ausführung des vorjährigen deutsch-französischen Kamerun-, bzw. Kongo-Abkommens, ist am 1. Oktober 1912 das von Frankreich durch den Vertrag vom 4. November vorigen Jahres abgetretene Gebiet seiner Kolonie Aequatorial-Afrika in deutsche Verwaltung übergegangen.

Der Vorgang der Übergabe vollzog sich ohne irgend-welche besondere Veranstaltungen und in allergrößter Einfachheit. So weht denn zurzeit am Sanga, am Ubangi, an der Mondabai die schwarzweißrote Flagge an Stelle der blauweißroten und das Land ist deutsch geworden, um es hoffentlich für alle Zeiten zu bleiben, wie wir auch keinen Zweifel hegen, daß seine Entwicklung nicht min-der günstig verlaufen werde, als bisher unter französi-scher Herrschaft. Inzwischen sind die Abteilungen der Grenzberichtigung schon an Ort und Stelle angelangt. Der französische Leiter dieser Expedition, Hauptmann Periquet, hat in Paris einem Berichterstatter mitgeteilt, die Abteilungen Deutschlands und Frankreichs  hätten volle Freiheit, zur Erzielung einer genauen vereinfach-ten Abgrenzung an jedem beliebigen Punkte der unge-heuren Grenzlinie erforderlichenfalls gegenseitige Zu-geständnisse zu machen. Man werde die in Französisch-Aequatorial-Afrika, Kamerun und Belgisch-Kongo be-stehenden Stationen benutzen und auch mittels Flug-drachens funkentelegraphische Verbindungen herzu-stellen trachten.«


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Politik

Zum Tausch deutscher Rechte in Marokko gegen Neu-kamerun schreibt 1912 der erfahrene Afrikareisende Joachim Graf von Pfeil:

»Ein Gebietszuwachs von rund 270.000 Quadratkilome-tern darf unter keinen Umständen als ganz bedeutungs-los hingestellt werden; ebensowenig unterliegt es irgendwelchem Zweifel, daß in einer, allerdings wohl späten Zukunft dieser Besitz einen erheblichen Wert repräsentieren wird. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht verkennen, daß diesem Gebiet gewisse Nachteile anhaften, die augenblicklich schwer ins Gewicht fallen. Erstens ist das Gebiet mit der Schlafkrankheit infiziert, der wir gegenwärtig noch kein erprobtes Abwehrmittel entgegenzusetzen haben. Der Mitteilung von der Ent-deckung eines solchen stehen wir bis jetzt skeptisch gegenüber. Ferner bestehen große Konzessionsgesell-schaften, deren Betriebsrecht wir zu respektieren ha-ben. Die Rechte dieser Gesellschaften sind aber viel-leicht schwere Hindernisse für die Ausbeutung der natürlichen Werte des Landes durch unsere eigenen Geschäftsfirmen, so daß die dem Lande zu entnehmen-den Werte noch auf längere Zweit hinaus in franzö-sische Hände gelangen, statt in die der nunmehrigen Besitzer. – Weiter ist zu betonen, daß man uns je eine Zugangsstelle zum Kongo und zu dessen größten Neben-flusse, dem Ubanghi, gewährt hat. Der Zutritt zu der größten Wasserstraße Afrikas ist nicht ohne wirtschaft-liche Bedeutung. Vorenthalten ist uns aber das verhält-nismäßig kleine Stück Land zwischen diesen beiden Zugangspunkten, das den Ubanghi in seinem ganzen Verlauf zu unserer neuen östlichen Kamerungrenze gemacht hätte. Man hat uns also französischerseits nur gewährt, was sich entbehren ließ. Die Einigung auf diesen Grenzverlauf bekundet nicht viel Scharfblick auf unserer Seite. Statt der naturgegebenen Grenze des Ubanghi haben wir nun eine Grenze, deren Verlauf und endgültige Festlegung erst eine Summe von Arbeit und Kosten fordert.

Unser Gebietszuwachs legt uns mithin sofortige nicht unerhebliche Ausgaben auf, denen keine Einnahmen oder irgendwelche politischen oder kommerziellen Vor-teile gegenüber gestellt werden können, wie diejenigen, die Frankreich aus den Zöllen Marokkos usw. usw. von den Kosten seines marokkanischen Feldzuges in Abzug bringen kann.

Auf das geographisch aufmerksame Auge, auf den wirt-schaftsgeographisch geschulten Sinn wollen die beiden Anlegestellen am Ubanghi und Kongo durchaus keinen wohltuenden Eindruck machen. Auch wird kein gefälli-geres Moment in die Betrachtung der Neuerwerbung eingeführt durch die Belastung mit einer Etappenstraße für französische Truppen.«

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Kriegsschiffe

Am 10. August 1913 läuft der Kleine Kreuzer Bremen zu einem offiziellen Besuch in Duala ein. Dieser seltene Besuch eines modernen Kriegsschiffes kommt der Kolonialverwaltung von Kamerun sehr gelegen. Für Bahnbauten, Industrieansiedlung, die Erweiterung des Hafens und städtebauliche Maßnahmen waren Land-enteignungen in der Stadt angekündigt worden, die eine starke Beunruhigung der Duala-Bevölkerung und Auf-rufe zum passiven Widerstand von Häuptlingen der Duala zur Folge hatten. Nun wird eine Matrosenabtei-lung der Bremen mit der Bahn im Hinterland herumge-karrt, um die Duala und deren Nachbarstämme durch diese militärische Demonstration einzuschüchtern.

Deutsche Kriegsschiffe auf Auslandsfahrt haben über die besuchten Länder auch politische und wirtschaft-liche Berichte zu erstellen. In diesem Falle aber wird ein solcher Bericht über eine deutsche Kolonie verfaßt. Der Kommandant des Kreuzers Bremen, Fregattenkapitän Hans Seebohm, schreibt einen als »Geheim« eingestuf-ten »Militärpolitischen Bericht« über den Besuch der Bremen in Kamerun, der unmittelbar »An seine Majes-tät den Deutschen Kaiser in Berlin« gerichtet ist. Der Kaiser ist laut Verfassung der Oberkommandierende der Kriegsmarine. Der Bericht trägt das Datum »Las Palmas, den 29. August 1913«. Die Bremen war zum spanischen Las Palmas in den Kanarischen Inseln, die vor der nordwestafrikanischen Küste liegen, gefahren, um dort eine Hälfte der Besatzung anzulanden für ihre Rückfahrt in die Heimat und die aus Deutschland neu eingetroffene Besatzungshälfte zu übernehmen. Es fol-gen Auszüge aus Seebohms geheimen Bericht an den Kaiser:

»Empfang in der Kolonie

Der Empfang Euerer Majestät Schiff Bremen seitens der Kolonie muß ein glänzender genannt werden. … Die Offiziersmessen der Schutztruppe in Duala sowohl wie in Buea luden zu Festessen, Reit- und Wagenpartien ein. Der Kolonialverein und der Sportverein in Duala ver-anstalteten gemeinsam einen Bierabend für Offiziere und Mannschaften.  … Sowohl seitens Seiner Exzellenz des Gouverneurs als auch des Bezirksamtmanns von Duala wurde mir versichert, daß man gerade jetzt für den Besuch eines größeren Schiffes dankbar sei, weil die Eingeborenenbevölkerung von Duala infolge der soge-nannten Enteignungsfrage in letzter Zeit eine gewisse Unruhe zeige. Die Enteignung der von den Eingebore-nen inmitten der Hauptstadt noch bewohnten Grund-stücke und die Schaffung einer besonderen Eingebo-renenstadt hat die Sanierung Dualas zum Zweck. Im November oder Dezember soll die endgültige Abschie-bung der Eingeborenen aus der Europäer-Stadt erfolgen; es wird sich vielleicht empfehlen, dann die Kanonen-boote der Westafrikanischen Station nach Duala zu le-gen.

Der Transport von 150 weißen Mannschaften auf der Nord- und Bueabahn hat ganz offensichtlich großen Eindruck auf die Eingeborenen des Innern gemacht.

Seine Exzellenz der Gouverneur, der gerade von einer längeren Reise in das Hinterland und von dem Besuch der dort wohnenden kultivierten muhammedanischen Reitervölker zurückgekommen war, und seine Beamten gaben in liebenswürdigster Weise Auskunft über alle wirtschaftlichen Verhältnisse der Kolonie. Danach möchte ich mein Gesamturteil über die Kolonie dahin abgeben, daß sie die Phase der Küstenkolonie über- wunden hat und daß durch die Nord- und Mittelland-bahn die ersten erfolgreichen Schritte zur Erschließung des Inneren getan sind. Die Fahrt mit der Nordbahn durch die drei charakteristischen Zonen:

Ölpalmengebiet, Urwald, Grasland, gab einen ausge-zeichneten Überblick über den natürlichen Reichtum der Kolonie, vor allem auch darüber, wie notwendig weitere Bahnen für ihre Erschließung sind. Strecken, für die Trägerkarawanen früher 8 Tage brauchten, werden jetzt in 6 Stunden von der Bahn überwunden. Dabei rentiert sich die vor zwei Jahren erst in Betrieb ge-nommene Bahn bereits, selbst der Personenverkehr auf ihr ist ein sehr reger. Die Eingeborenen fahren mit Begeisterung auf der Bahn. Von großer Wichtigkeit ist ferner, daß die längs der Bahn wohnenden Neger-stämme nunmehr von dem Trägerdienst befreit und für fruchtbringendere Arbeit gewonnen sind. … Leider ist augenblicklich der Ausbau des Bahnnetzes zu einem Stillstand gekommen. Die Fortsetzung der Nordbahn stößt insofern auf Schwierigkeiten, als sie im Gebirge teilweise als Zahnradbahn gebaut werden muß. Erwä-gungen, ob sie im Bogen unter Vermeidung der steilen Strecken fortgeführt werden oder ob gar die Erschlie-ßung des Hinterlandes von der Mittellandbahn über Edea aus vorgenommen werden soll, sind im Gange. Ein rascher Entschluß wäre sehr am Platze, da die bereits kultivierten Gebiete des Hinterlandes bis jetzt über-haupt noch keine Handelsbeziehungen mit unserer Küste haben (Fußnote des Berichterstatters: Nachträg-lich erfahre ich, daß die Woermannlinie noch in diesem Jahre einen Vertreter auf dem Benue nach dem Tschad-gebiet senden wird, um festzustellen, ob sich die Ein-richtung einer Flußschiffahrt seitens der Kompagnie auf dem Benue lohnen wird.) und der Ausbau des Bahn-netzes dorthin, wie mir der Betriebsleiter der Nordbahn sagte, wenigstens 5-6 Jahre erfordert. Der Nutzen einer Bahn liegt aber zu sehr auf der Hand, wenn man ge-sehen hat, welchen Aufschwung die Nordbahn der Kolo-nie bereits gebracht hat.

An der Küste gedeihen im Norden die Cacao-Pflan-zungen gut, während der gummiproduzierende Süden durch das Fallen der Gummipreise zur Zeit einen Rück-schlag zu verzeichnen hat.

Allerdings ist bei der Gummigewinnung bisher nur Raubwirtschaft getrieben und minderwertige Ware auf den Markt gebracht worden. Einschreiten des Gouver-neurs zur Besserung der Verhältnisse ist im Gange.

Die neu zu der Kolonie hinzugetretenen früher franzö-sischen Gebiete sollen gut aber sehr von der Schlaf-krankheit verseucht sein. 

Auf den großen Tabaksplantagen, durch welche der Sumatra-Deckblatt-Tabak in Deutschland wirksame Konkurrenz geboten werden soll, leistet der Neger man-gels Erfahrung allerdings noch nicht so viel, wie in älteren Kolonien von den Arbeitern verlangt wird. … Die schon erwähnten im Tschadgebiet wohnenden kulti-vierten Herrenvölker der Fulbe sollen durch Mischung mit der Urbevölkerung stark vernegern. Schwierigkei-ten ihrerseits unserer Regierung gegenüber werden vorläufig noch nicht befürchtet, da ihre Sultane unter-einander uneinig und eifersüchtig sind.

Während früher unter den Eingeborenenstämmen der Kampf aller gegen alle bestanden hat, soll jetzt der Land-friede in der ganzen Kolonie hergestellt sein. Es wird infolgedessen aber in Zukunft bei Aufständen nicht mehr so gut wie früher möglich sein, die einzelnen Stämme gegeneinander auszuspielen, und das Gouver-nement hat es für geboten erachtet, die Schutztruppe schlagbereiter zu machen. Sie besteht aus 12 Kompag-nien, von denen jedoch nur die bei Buea garnisonie-rende schlagbereit ist. Die Stammkompanie in Duala ist in erster Linie Rekrutendepot. Alle übrigen Kompag-nien werden im Verwaltungsdienst im Inneren ver-wandt, so daß sie für Expeditionen zunächst nicht frei sind. Das Gouvernement beabsichtigt allmählich den gesamten Verwaltungsdienst durch Polizeisoldaten aus-üben zu lassen, so daß die Schutztruppe mit ihren Offi-zieren, die jetzt ebenfalls meist im Verwaltungsdienst tätig sind, verfügbar wird.

Der Hafen von Duala ist bei weitem der beste in unseren Schutzgebieten der westafrikanischen Küste und daher prädestiniert als militärischer Stützpunkt. Leider ist bis jetzt sehr wenig für ihn geschehen. Der Vertreter der Woermann-Linie in Duala informierte mich, daß er bei den mangelhaften Einrichtungen des Hafens kaum den laufenden Verkehr bewältigen könne. Die soge-nannte innere Barre soll jetzt ausgebaggert werden, so daß große Dampfer bis Duala hinauf können. Späterhin soll auch die äußere Barre vertieft werden. … Ca. 13 sm von der Stadt Duala liegt eine geschützte sehr geräu-mige Außenreede, die Schiffen von 8 m Tiefgang zu-gänglich ist. … Die Beschleunigung der Hafenarbeiten würde bei der guten natürlichen Beschaffenheit des Hafens in Verbindung mit dem jetzt durch die Bahnen mehr und mehr an Bedeutung gewinnenden Handel der Kolonie sicherlich zu ihrem Aufschwunge beitragen und gleichzeitig die Vorbedingungen für den ersten Stützpunkt Euerer Majestät Marine in dem Atlantik schaffen.«    


Am 9. Dezember 1913 verläßt die Detachierte Division der Hochseeflotte Wilhelmshaven. Sie besteht aus den offiziell Linienschiffe genannten Schlachtschiffen König Albert und Kaiser und dem Kleinen Kreuzer Straßburg. Die Detachierte Division ist mit diesen hochmodernen Schiffen im Atlantik unterwegs, um den neuartigen Turbinenantrieb der nagelneuen Schlachtschiffe zu tes-ten und gleichzeitig damit politische und repräsentative Aufgaben bei der halbjährigen Erprobungsfahrt vom Dezember 1913 bis zum Juni 1914 auszuführen. Die ersten Fahrziele betreffen die drei westafrikanischen Kolo-nien des Reiches, Togo, Kamerun und Südwest.

Am 2. Januar 1914 ankert das Schlachtschiff Kaiser mit dem Kleinen Kreuzer Straßburg vor Viktoria am Kame-runberg und am 5. Januar gesellt sich das Schlachtschiff König Albert dazu. Der Kommandant der Kaiser, Kapi-tän zu See Adolf von Trotha, schreibt: »Während der Hafentage vor Lome [Togo] und Victoria waren die Schif-fe reich besucht außer von den Weißen jedes Standes auch von Schulen, Missionsanstalten, von schwarzen Polizeisoldaten und Postbeamten, Dorfältesten und Häuptlingen.«

Vom 5. bis zum 15. Januar 1914 sind die Schiffe vor Duala. Der große Tiefgang der Schlachtschiffe läßt sie weit vor Duala an der Küste ankern. Der Besuch des starken Kriegsschiffverbandes dient auch der Machtdemonstra-tion des Reiches vor den Duala. So stürmt in einer Manöverübung ein 550 Mann starkes Landungskorps der Kriegsschiffe mit Einheiten der Schutz- und Polizei-truppe von Kamerun die Stadt Duala. Mit dieser Macht-demonstration soll die immer noch wegen der inzwi-schen erfolgten Landenteignungen in Duala empörte Duala-Bevölkerung der Stadt zur Ruhe gebracht werden. Anschließend an das Manöver gibt es einen Parade-marsch des Landungskorps mit umgehängten Gewehr, mitgeführten Maschinengewehren und mit klingendem Spiel durch die Straßen der Stadt zum Exzerzierfeld oberhalb Dualas, wo sich die weißen Herren mit ihren Damen eingefunden haben. Der Kommandant der Kai-ser, Kapitän zu See Adolf von Trotha: »Es war doch eine Vorführung, wie die Kolonie, besonders die schwarze Bevölkerung, sie noch nie gesehen hatte; der Eindruck von Deutschlands Macht war sichtlich gehoben.«

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Siedlungen und Städte