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Die Deutschen und ihre Verwaltung IV

Der Resident von Urundi sitzt in Usumbura am Nord-ende des Tanganjikasees und damit auch gleichzeitig am Nordende von Urundi. In Usumbura steht, auch zum Grenzschutz gegen den belgischen Kongo, die 9. Kom-panie der Schutztruppe von Ostafrika. Eine deutsche Verwaltung oder eine deutsche Besteuerung besteht in Urundi nicht.

Im Mai 1903 schlägt Resident Hauptmann Robert von Beringe, ohne Weisung der Regierung in Daressalam, die Truppen des urundischen Königs Mwezi Gisabo. Am 6. Juni 1903 unterwirft sich im Vertrag von Ikiganda der König dem Deutschen Reich.

Mit der Verordnung vom 20. Juni 1906 über die Ein-führung von Residenturen im weit entfernten Nord-westen von Deutsch Ostafrika wird auch Urundi zu einer Residentur und die Militärverwaltung dort endet. Die Teilung des Militärbezirkes Usumbura in die Residentu-ren Ruanda und Urundi erfolgt offiziell am 15. November 1907.

Das Niederlassungsverbot durch das Gouvernement für europäische Siedler, das auf Empfehlung des Residen-ten von Ruanda, Richard Kandt, seit 1907 Resident von Ruanda, gilt auch für die Residenturen Urundi und Bu-koba.

Urundi erfährt weit weniger Aufmerksamkeit durch die deutsche Verwaltung Ostafrikas als Ruanda. Die Abge-legenheit und Unwegsamkeit des Landes tragen das Ih-rige dazu bei. Für die Verwaltung werden in der Resi-dentur Bukoba ausgebildete einheimische Kräfte nach Urundi geholt.

Die Herrschaft ist nicht, wie in Ruanda, durch deutsche Einwirkung unter einem einheimischen König zusam-mengefaßt. Nach dem Tode des jahrzehntelang herr-schenden Königs Mwezi Gisabo im Jahre 1908 wird einer seiner 27 Söhne, der von Gisabo nominierte und vom deutschen Gouverneur von Ostafrika bestätigte 15jäh-rige Mutaba II als König eingesetzt und auch die von Gisabo bestimmten zwei Regenten für den Minderjäh-rigen.

Die Machtkämpfe innerhalb der zahlreichen Königsfa-milie nutzen die jeweiligen deutschen Residenten nach eigenem Gutdünken. So kann man die einheimischen Herrscher gegeneinander ausspielen, ohne Machtmit-tel für die Erhaltung der deutschen Herrschaft im Lande anwenden zu müssen.

Gouverneur Rechenberg schreibt in einer Denkschrift vom 20. Juli 1911: »Urundi, dessen Verhältnisse viel unge-ordneter sind als diejenigen von Ruanda…«

1912 wird der Residentursitz nach Gitega in der Landes-mitte in die dort neu errichteten Gebäude verlegt. Bald danach wird darüber geschrieben:

»Die Verlegung der Residentur ins Landesinnere hat schon mehrere nützliche Folgen gezeitigt. Abgesehen davon, daß, wie gewöhnlich mehrere Araber und Inder ihre Kramläden bei der Station errichtet haben, ist auch schon eine Niederlassung der Internationalen Handels-gesellschaft (Sitz Hamburg) in Gitega gegründet worden und haben sich einige Europäer unter dem Schutz der Boma angesiedelt. … Auch die Gerichtstage des Resi-denten werden hier im Inneren viel eifriger und regel-mäßiger von Bahutu, Batussi und selbst Baganwa be-sucht als im entlegenen Usumbura, wo die Bergbewoh-ner obendrein sehr ungern weilten, weil sie im Niede-rungsklima Fieber bekamen.«

Weiter heißt es über Urundi, daß es noch Jahre dauern wird, „bis die Regierung eine wirkliche, wenn auch noch so einfache Verwaltung Urundis einrichten kann.“

Einige Krankenstationen und Grundschulen sind seit 1909 errichtet, aber Urundi liegt in der Entwicklung be-trächtlich hinter Ruanda zurück.

Im Frühjahr 1913 bereist Gouverneur Heinrich Schnee die nordwestlichen Bezirke Muansa, Bukoba, Ruanda und Urundi. Zuerst besucht der Kaiserliche Gouverneur die deutschen Häfen am Viktoriasee. Am 16. Februar erreicht er die ruandische Grenze und am 12. März wechselt Schnee von Ruanda nach Urundi.

Nach dem Erlaß vom 12. Dezember 1913 wird im Süden des Residenturbezirks Urundi der Polizeiposten Nia-kassu angelegt. 

In der Königsfamilie gibt es schwere Machtkämpfe, die zu einer Serie von Morden im Königshaus führen und selbst der König wird 1915 umgebracht. Ein Kleinkind wird als König Mwambutsa IV eingesetzt und die Herr-schaft den beiden schon 1908 vom ehemaligen König Gisabo bestimmten Regenten übertragen unter dem nun seit 1915 in seiner dritten Amtszeit befindlichen Residenten in Urundi, Erich von Langenn-Steinkeller, nach seinen Residentschaften 1909 und 1911-1913. Major von Langenn-Steinkeller ist 1915 wieder Resident in Urundi geworden nachdem sein Vorgänger bei einem Gefecht in Belgisch Kongo gefallen ist.

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Land und Leute V

Ruanda, das »Land der tausend Hügel«, liegt durch-schnittlich 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Im Vergleich zu Ruanda ist das südlich davon gelegene Urundi weniger hügelig und liegt im Schnitt etwa 1000 Meter über dem Meeresspiegel und Urundi ist bewaldeter als Ruanda.

Geraffter Text aus dem Deutschen Kolonial-Lexikon über die Residentur Urundi:

Urundi, Landschaft, Sultanat und Residentur von Deutsch-Ostafrika, 28.700 qkm groß, liegt im Zwischen-seengebiet.

Urundi ist ungemein sorgfältig angebaut. Ba-nanen, Bohnen, Erbsen, Sorghum, Eleusine, Mais, Bata-ten werden angebaut, am Tanganjikasee auch Maniok. Es ist sehr viel Vieh vorhanden, freilich erheblich we-niger als in Ruanda. Die Zahl der Bewohner wird auf 1½ Millionen geschätzt. Die drei Bestandteile der Bevölke-rung sind die herrschenden Watussi, die beherrschten Wahutu, wozu als freie Paria die Watwa kommen; ihre Anteile an der Gesamtzahl werden auf 6 %, 90 % und 4 % geschätzt. Die Zahl der Europäer in Urundi war Anfang 1913 60, die der nichteingeborenen Farbigen 52. Die Watussi sind die Besitzer der auf 250.000 geschätzten Rinder; daneben wird 1 Million Kleinvieh angenommen. Im Besitz der europäischen Stationen des Bezirks waren 1913 5029 Rinder. Das Sultanat Urundi ist politisch wenig einheitlich, besteht aber noch heute dem Namen nach, wenn auch seit 1909 die Errichtung mehrerer selbstän-diger Sultanate von der Kolonialverwaltung angebahnt worden ist. Der Sitz der Residentur wurde 1912 von Usambara nach Gitega (ziemlich genau in der Landes-mitte) verlegt. — Der Bau der Ruandabahn, die am Kagera-Knie, also an der Nordost-Ecke von Urundi en-den soll, wird auch auf diese Landschaft stark ver-ändernd wirken.


Urundi ist in eine Anzahl miteinander in Konkurrenz stehenden Sultanaten gespalten und nicht wie Ruanda unter der Herrschaft eines Sultans. Eine Reihe von Wa-tussi-Sultanen teilen sich die Herrschaft des Landes mit den Waganwa, den Abkömmlingen der Königsfamilie.

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Safaris

Ein deutscher Missionar schreibt über die Hauptschwie-rigkeit jeder Safari, die Lebensmittelversorgung der Rei-senden: »Leicht war es gewiß auch nicht immer, denn wenn plötzlich 50, 100 oder gar noch mehr Fremde auftauchten, die versorgt werden mußten, so gab das in bestimmten Jahreszeiten und unter diesen und jenen Verhältnissen oft große Schwierigkeiten. Das waren die allerunangenehmsten Aufgaben einer Safari, wenn etwa die Bevölkerung zum passiven Widerstand griff, sei es aus Scheu vor denen ihnen unbekannten Weißen, die sie für Geister hielten, für wiedererstandene Tote – sie halten auch die Gespenster für weiß wie hier in Europa und neigen deshalb dazu, einen Europäer als Geist-wesen zu betrachten – oder sei es aus dem bewußten Willen heraus, dem landfremden Eindringling Schwie-rigkeiten zu machen. Dann konnte es vorkommen, daß man bis in die Nacht hinein wartete, ob nicht von den Einheimischen Lebensmittel zu erhalten wären. Die Trä-ger murrten ob ihres knurrenden Magens willen, sie neigten schon dazu, sich mit Gewalt von den Feldern oder auch aus den Hütten zu holen, was sie für die Stillung ihres Hungers brauchten. Wenn man für solche Fälle nicht Lebensmittel für die ganze Karawane mit sich führte – und wer konnte das für eine längere Reise? – so mußte man alles aufbieten, um die Speise zu be-schaffen. Das ging leider nicht jedesmal ohne Zwang ab. Viele böse Zwischenfälle im Verkehr der Weißen mit den Einheimischen sind auf solche Gründe zurückzu-führen.«


Im August 1907 ist der Schutztruppenoffizier Heinrich Fonck im mittleren Deutsch Ostafrika auf Expedition am Fluß Ruaha. An den Wasserfällen von Gomaïtale, »des-sen Brausen und Donnern jeden Laut verschlang, und der im Verein mit den gigantischen, wie von Zyklopen-händen durcheinandergewirbelten Felsblöcken einen unvergeßlichen Eindruck hinterließ«, und den Fonck als erster Weißer zu Gesicht bekommt, wohnen die Wavin-sa. Die Wavinsa berichten Fonck und seinen schwarzen Trägern, daß jeder, der nicht das Wohlwollen der mäch-tigen Geister des Wasserfalls durch ein Opfer erwirbt, des Todes ist »und die sonst immer lachenden Träger lauschten ernst und still geworden mit leisem Schauer ihren Worten. Und nun erlebte ich ein merkwürdiges Vorkommnis, welches in meiner Erinnerung stets auf-taucht, wenn ich an die Gomaïtalefälle zurückdenke. Ich hatte den Fluß schon oberhalb des Hauptfalles über die Felsen kletternd durchwatet und suchte gerade einen Lagerplatz aus, als der Trägerführer zu mir kam und mich bat, den Gebrauch der Eingeborenen zu folgen und dem Geiste zu opfern. Und zwar müßte ich ein Stück Stoff opfern, da ich – wie jeder Europäer – reich sei, für die mittellosen Träger genüge ein geringeres Zeichen ihrer Opferwilligkeit. Da ich die Eingeborenen nun doch nicht in ihrem Gespensterglauben bestärken konnte, wandte ich ein, daß es keine Geister gäbe und ich nichts opfern würde. Der Führer erklärte, daß dann der Geist des Flusses einen Mann der Karawane töten würde. Bald darauf sah ich sämtliche bereits eingetroffenen Träger und Askaris als Opfer Grasbüschel unter einen mächti-gen, geneigten Felsblock, dem Sitze des Geistes, nieder-legen. Ich beteiligte mich natürlich nicht, sah aber noch, wie der ganze Raum unter dem Felsen bereits voller solcher und ähnlicher ›Opfer‹ war. Eine halbe Stunde später trug man die Leiche eines meiner Träger an mein Zelt! Der vorher ganz gesunde Mann war bis an die Fälle gekommen, hatte seine Last zur Erde gleiten lassen, sich daneben gelegt und war wenige Augenblicke später tot.

Gegen das Ansehen des Geistes von Gomaïtale konnte ich nun nichts vorbringen, und man wird mir im Stillen die Schuld gegeben haben. Die Todesursache des Man-nes blieb fraglich, da nichts Auffälliges zu bemerken war. Er war anscheinend einem Herzschlag erlegen, und ein eigenartiger Zufall hatte Zeit und Ort seines Endes in Übereinstimmung mit dem Glauben der Schwarzen und den Worten des Trägerführers gebracht.«


Um die Jahreswende von 1907 auf 1908 ist Heinrich Fonck auf der Jagd nach Flußpferd und Krokodil am Rufiji südlich von Daressalam. »Diesmal wollte ich nur beobachten und überhaupt nicht schießen.« Er fand eine Flußstelle »wo eine Ansammlung von Krokodilen zu erkennen war. Hier lag irgendeine Beute tief am Grunde des Flußarmes ganz unter Wasser. – Alle paar Minuten kam ein Krokodil langsam, den Kopf fast senkrecht aus dem Wasser streckend, hoch. Unter lautem Schmatzen löste es die zwischen den Zähnen eingeklemmten Fleischstücke und Hautfetzen ab, die dann verschluckt wurden. Alles dies vollzog sich, ohne besondere Gefrä-ßigkeit erkennen zu lassen, ganz ruhig und sozusagen gemütlich. Mit welcher Spannung ich, wie selbst die see-lenruhigen Neger, diesem nie geschauten Frühstücke folgten, kann sich der Leser wohl ausmalen. Ebenso auch, was es zu bedeuten hat, wenn das Unglück einen Menschen in einer solcherweise belebten Gegend ins Wasser fallen läßt.

Die Sonne stand schon hoch, als wir uns ungern von diesem packenden Naturschauspiel trennten.

Aber ich hatte auf einmal ein ›Telegramm‹ in der Hand!

Zwei von Daressalam aus beschleunigt durch den Busch in Marsch gesetzte schwarze Eilboten hatten mich in ihrer staunenswerten Findigkeit beklagenswerterweise grade aufgestöbert, als ich beschlossen hatte, in dieser vergnüglichen Filmgegend zwei weitere, von mir bei mir beantragte und umgehend mir von mir genehmigte Ruhetage im höchster Gemütsruhe auszukosten. Sie waren großartig gelaufen und überreichten mir – in der Annahme, eine seltene Freudenbotschaft gebracht zu haben – strahlend den üblichen gespaltenen Baumast, in dessen Schlitz schön wasserdicht verpackt in schwar-zem Wachstuch ein verdächtiger barua (Brief) für mich enthalten war, den ich, durch Erfahrung gewitzigt, mit Mißtrauen entnahm und unter starkem Mißvergnügen las.

Ein sofortige Rückkehr heischender Drahtspruch war der traurige Inhalt, der mir nicht zusagen wollte. Daß man beim Gouvernement einer eventuellen Ausrede, das Telegramm nicht erhalten zu haben, da ›vermutlich‹ die Boten vom Krokodil gefressen worden seien, Glau-ben schenken würde, darauf konnte ich mich nicht ver-lassen. Zehn Jahre früher wäre das noch gegangen und ist damals auch einmal behauptet und – geglaubt wor-den. Damit war es also nichts, und es mußte geschieden sein vom köstlichen Busen der Natur am Rufiji, wo ich himmlisch allein mit meinen vierzig schwarzen Bieder-seelen sozusagen ohne Stehkragen so restlos glücklich war, wie man das eben nur in Afrika sein kann.«


Am Ruaha hat der Großwildjäger Hans Schomburgk für den Tierhändler Carl Hagenbeck Mitte 1908 einen jungen Elefanten gefangen. Dafür hat er die Mutter des Kleinen erschossen. Am 16. August 1908 beginnt Schomburgk die Reise vom Ruaha-Fluß im südlichen Teil des mittleren Deutsch Ostafrika nach Daressalam mit dem von ihm gefangenen ganz jungen Elefanten, der Jumbo getauft wird. Um schneller voranzukommen zieht die Karawane mit dem gefangenen Elefanten auf einer Barabara, eine von der deutschen Kolonialregierung angelegten Landstraße, bis Iringa, der ersten Marsch-station. In Iringa muß eine Pause eingelegt werden, weil sich der Elefant auf der harten Straßenoberfläche die Füße wund gelaufen hat. Deshalb werden ihm Schuhe aus mehreren Lagen mit Paraffin getränkter Sacklein-wand unter die Fußsohlen gelegt und mit Säcken an den Beinen befestigt.

Größtenteils in Nachtmärschen geht es dann nach Kilossa und weiter zur derzeitigen Endstation der Bahn im Landesinneren in Morogoro. Von Morogoro geht es mit der Bahn nach Daressalam. In Daressalam muß auf das Schiff nach Europa gewartet werden. In der Haupt-stadt von Deutsch Ostafrika ist der kleine Elefant eine Attraktion und bald der Liebling der Bevölkerung bei seinen täglichen Streifzügen durch die Stadt. Wegen einer nebensächlichen Schuldangelegenheit wird Schomburgk aber der Elefant gepfändet. Zur Sicherung des Pfands wird auf ein Pappschild der Kuckuck des Gerichtsvollziehers geklebt und dieses Pappschild dem Elefanten mit einer großen Schleife an den Schwanz gebunden.

Mit seinen beiden schwarzen Wärtern geht das Tier tagtäglich durch die Stadt und bildet für alle Einwohner, namentlich für die Kinder, eine Quelle der Freude und Belustigung und wird auch fotographiert. Er dient auch als Werbeträger etwa mit Papptafeln an seinen Seiten mit der Aufschrift: Heute frische Wurst und Well-fleisch.

Oft bilden sich Menschengruppen um das junge Tier und es werden ihm Leckerbissen zugesteckt. Kommen dem Elefanten bei solchen Gelegenheiten seine Wärter, die manchmal absichtlich weitergehen, aus der Sicht, so läßt er plötzlich ein ängstliches Trompeten hören, trabt ihnen nach und reibt sich dann kameradschaftlich an den glücklichen Eingeborenen.

Schließlich geht Jumbo als erster ostafrikanischer Ele-fant mit einem Tiertransport von Hagenbeck mit vielen anderen Tieren mit dem Schiff nach Europa und kommt in den von Hagenbeck angelegten Zoologischen Garten von Rom, wohin er den Elefanten verkauft hat.


Als in Deutsch Ostafrika Ende August 1908 der Groß-wildjäger Hans Schomburgk von einer monatelangen Safari zurückkommend sich mit seiner Karawane für den Einzug in Morogoro besonders vorbereitet hat, die Schwarzen mit bunten Tüchern geschmückt, einem gefangenen jungen Elefanten und Elfenbeinträgern mit etwa zwanzig Elefantenstoßzähnen voran, die Stadt er-reicht steht am Eingang der Stadt ein Mann mit einem Kasten auf drei Beinen und dreht an einer Kurbel am Kasten. „Gucken sie nicht ins Objektiv, sagen sie ihren Begleitern, sie sollen ruhig weitergehen!“

So bekommt Schomburgk, der ein begeisterter Fotograf ist, zum erstenmal eine Filmkamera zu Gesicht. Der Kameramann ist der deutsche Filmpionier Schumann.

Schumann hatte sich für das Entwickeln seiner Filme an der Küste in einem alten Araberkeller mit dicken Mau-ern eine kleine Kopieranstalt eingerichtet. Dort trifft Schomburgk Schumann wieder, um sich anzuschauen, wie so ein Kinofilm entwickelt wird. Schomburgk war bis jetzt noch nie in einem Kino gewesen, denn er lebt seit 1898 in Afrika. Der Film wird in dem Kellerraum gewässert und dann auf die Trockentrommel gespannt. Ruhig und sachlich beginnen zwei gut eingearbeitete Neger die Trommel zu drehen und dann geschieht vor Schomburgks Augen das Unglück. Die Schichten des Filmmaterials lösen sich voneinander und fliegen an die Wand. Das gedrehte Filmmaterial ist verloren. Unter einfachsten tropischen Verhältnissen Film zu entwik-keln ist undurchführbar. Schomburgk: »Das, was ich da erlebte, hätte eigentlich genügen müssen, mich für alle Zeiten von dem Ehrgeiz zu befreien, Filmaufnahmen im afrikanischen Busch zu machen.«

Mitte 1909 ist der Großwildjäger Hans Schomburgk wieder auf Elefantenjagd in Deutsch Ostafrika. Von Mahenge aus zieht die Karawane auf einer Barabara, einer von der deutschen Kolonialverwaltung angelegten Straße, zum Ulanga. In Mahenge hat Schomburgk Europäer bei der Arbeit beobachtet und gesehen, wie sie durch ihre Arbeit Werte schaffen, und ist zu der nieder-schmetternden Überzeugung gekommen, daß er als Großwildjäger nur Werte zerstört. Am 1. Oktober 1909 schießt Schomburgk am Ulanga nachts um 0 Uhr 40 im hellen Mondlicht auf freiem Feld seinen 63. und letzten Elefanten. Er hat seine neue Bestimmung gefunden und will Filme in Afrika drehen.

Zurück in Europa sieht Schomburgk zum erstenmal Kinofilme und auch in Afrika gedrehte englische und französische Filme, sogar einen handkolorierten franzö-sischen Farbfilm. Filmen in Afrika ist aber in keiner Weise mit dem Filmen in Europa vergleichbar. Die Film-pioniere in Afrika müssen deshalb teures Lehrgeld be-zahlen. Die Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg hat zwar 1910/11 die besten Aufnahme-geräte dabei, aber keinen ausgebildeten Kameramann, und die oberflächlich im Filmen ausgebildeten Mitglie-der der Expedition scheitern an dieser Aufgabe in der afrikanischen Wildnis.

Auch Paul Graetz hat 1911 bei seiner Afrikadurchque-rung mit einem Motorboot einen Kameramann dabei, der wird aber von einem Büffel getötet. 


Die Jagd auf den Elefanten braucht Zeit, viel Zeit, wie der Schutztruppenoffizier und Großwildjäger Heinrich Fonck feststellt. Er schreibt: »So viel Zeit fand sogar während des Aufstandes 1905/06 ein am Rufiji tätiger Herr, daß er 17 Elefanten erlegte, die ich später an Ort und Stelle nachweisen konnte. Wieviele er außerdem krank schoß, weiß man nicht. Derselbe begründete die-sen Betrieb mit der gemütvollen Erklärung: „Wenn ich sie nicht schieße, dann schießt sie ja ein anderer.“

1907 schoß ebenfalls am Rufiji ein »sogenannter Bur« 30 Elefanten in wenigen Monaten.

Im Bezirk Mahenge wurden von Europäern ebenfalls eine ganze Reihe von Elefanten erbeutet, die dem Hauptjäger, der immer unterwegs war und sich von guten Schützen helfen ließ, viele Goldmark eingebracht haben müssen. – Am Kilimandjaro war einige Jahre lang der Beschuß von Elefanten verboten. Wegen des Scha-dens, den sie dann in den Pflanzungen anrichteten, wurde die Jagd wieder gestattet, bis 1909 das neue Jagd-gesetz erfreulicherweise diese großartigen Geschöpfe Gottes wieder in Schutz nahm; einmal durch die hohe Jagdscheingebühr und dann durch die Beschränkung der Zahl der zum Abschuß freigegebenen Tiere auf zwei pro Jahr und Jagdschein. Aber wenn dieses Gesetz auch noch so gute Wirkungen zeitigt, der Elefant wird in Deutsch-Ostafrika langsam und sicher ausgerottet wer-den, denn die Bestände sind doch nicht groß genug, um auch den eingeschränkten Abschuß zu ergänzen, ge-schweige durch Mehrnachwuchs zu übertreffen.

Das immer im Preise steigende Elfenbein ist ein zu kost-barer Stoff, als daß nicht doch darauf gewildert werden kann und wird, in einem Lande, in welchem die Kon-trolle schwer ist. Als Wechselwild wird der Elefant an den Grenzen der ganz gesperrten Jagdreservate eben-falls immer leicht abgeschossen werden können.«

Diese düstere Einschätzung Heinrich Foncks über die Zukunft des Elefanten in Deutsch Ostafrika wird zu der Zeit auch von anderen deutschen Fachleuten geteilt.

Über die nun Jahrzehnte zurückliegende Herrschaft der Araber in Ostafrika schreibt Fonck aus den von ihm in seiner Zeit als Schutztruppenoffizier in der Kolonie ge-hörten Geschichten von alten Arabern:

»Wurden, so lange die Welt besteht, um an Gold, Edel-steine oder sonstige Kostbarkeiten reiche Länder blu-tige Kriege geführt, so veranlaßte die Gier nach Elfen-bein in Innerafrika zahllose Kämpfe, Greuel, Mord und Brand. Nicht nur der Elefant wurde vernichtet, wo man ihn mit Pulver und Blei erreichen konnte; nein, um des Besitzes seiner Zähne willen wurden friedliche Dörfer überfallen und ausgeraubt, die sich zur Wehr setzenden Menschen umgebracht, soweit sie nicht gefesselt den Raub selbst erst forttragen mußten und später als Skla-ven verkauft wurden. Hiervon gibt keine Chronik Kun-de. Keine Aufzeichnung, keine Urkunde wird jemals Zeugnis ablegen können, in welchem Verhältnis die Zahl der des Elfenbeins wegen geopferten Menschen-leben zu der der getöteten Elefanten steht. Wie grausige Märchen hören sich heute die Erzählungen alter Araber an, welche jene Zeiten miterlebten.«


Im Januar 1914 landet Paul von Lettow-Vorbeck in Dares-salam, der neue Kommandeur der Schutztruppe von Deutsch Ostafrika. Er hat als Offizier im Herero- und Hottentottenaufstand von 1904-1906 in Südwestafrika Erfahrung im Buschkrieg gesammelt. Als höchster Militär hat er selbstverständlich kriegerische Verwick-lungen der Kolonie zu Bedenken und vorsorgliche Maßnahmen zu ergreifen. Die einzige ernsthafte Bedro-hung für das Schutzgebiet wäre ein Krieg gegen England mit seiner Kolonie Britisch Ostafrika, die nördlich an Deutsch Ostafrika anschließt. So geht Lettow-Vorbeck noch im Januar auf Besichtigungsreise in den Nordosten der Kolonie »nach Usambara, in das reiche Gebiet der deutschen Planzungen und weiter in die Gegenden des Kilimandjaro und des Meruberges«. Er findet »in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-berge freiwillige Schützenkorps in Bildung«. Alle »be-reit, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstel-len«.

Weiter beschreibt Lettow-Vorbeck: »Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, bestieg ich den Kilimandjaro. – An dem oberen Rand des Urwaldes, bei dem 3000 m hochgelegenen Bismarckhaus, trafen wir das Malerehepaar Ruckteschell und ihren Schweizer Freund, die, vor großen Leinwänden mit dem Malen des Kilimandjaro beschäftigt, uns dort einen kleinen Imbiß gaben. Von diesem Bismarckhügel aus hatten wir einen herrlichen Überblick über die Steppe, sahen die Grenze des deutschen Gebietes, sahen weit ins Englische hinein und sahen auch die fernen Berge an der Ugandabahn. – Meine guten Träger, die nicht so schnell unseren Maul-tieren folgen konnten, sondern mit schweren Lasten mühsam den Berg heraufkeuchten, ließen wir dann zurück und ritten mit dem Schlüssel für die Petershütte durch die kurze, grasbewachsene Steppe hinauf zum Plateau bis über 4000 m. Große Elenherden weideten dort ganz unbefangen und ohne Scheu vor Europäern, die ihnen in dieser Gegend mit der Jagd nichts anhaben durften. Auf dem Plateau herrschte gewaltige Kälte, und in der kleinen unbeheizten Petershütte, in der wir über-nachteten, war am Morgen das Waschwasser gefroren. Wir waren hoch über den Wolken und sahen unter uns das Nebelmeer wie eine leicht gewellte Schneedecke… – Ruckteschells erzählten mir von ihrem interessanten Aufstieg auf den Gipfel des Kilimandjaro, dessen Krater 2 km im Durchmesser hat, voll von Schnee und der merkwürdigsten Eisgebilde ist, und dessen Gipfel, die Kaiser-Wilhelm-Spitze, bisher nur vier Menschen er-stiegen haben. Die Schwierigkeit liegt in der dünnen Luft. Aber die Mühe hatte sich gelohnt, auch wenn sie vierzehn Tage lang hinterher an den Folgen ihrer son-nenverbrannten Gesichter schwer zu leiden hatten, nur Flüssiges, und dieses auch nur durch Makaroniröhren zu sich nehmen konnten. Sie meldeten mir voll Stolz, sie hätten auf der Kaiser-Wilhelm-Spitze zum Zeichen ihres Aufstiegs eine Steinpyramide errichtet mit einem Gipfelbuch und auf diesem Steinhaufen die deutsche Flagge befestigt, die dort von nun an ›höchster Stelle‹ auf deutschem Boden wehen soll.«

Bereits bei der Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer und Ludwig Purtscheller wurde am 6. Oktober 1889 die deutsche Flagge »auf den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde« gesetzt, wie Meyer schrieb, die aber im Laufe der vielen Jahre ver-schwunden ist.

Lettow-Vorbeck: »Nach meinem Abstieg reiste ich nach Aruscha, das am Meruberge liegt, einem Krater von der Höhe des Montblanc. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während meines Mar-sches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß alle dortigen deutschen Ansiedler im Kriegsfalle wertvolle Mithilfe leisten würden. – Die Gefechtsübun-gen im Eingeborenenkrieg lieferte ein Bild, welches von dem unserer europäischen Besichtigungen stark ab-wich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne überfielen. – Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vieler-lei vorzubereiten war, wenn wir für den Kriegsfall gegen England gerüstet sein wollten. Aber es herrschte die Meinung, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. – In Boma la Ngombe, einem Ort zwi-schen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes ange-siedelt worden. Sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. – Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des ostafrikanischen Viehbestands, dort verhältnismäßig selten ist. Die Tsetsefliege überträgt durch Stich Para-siten in das Blut der Tiere, die daran eingehen oder siech werden. Der Viehbestand in diesem einen Bezirk Aruscha ist weit größer als derjenige von ganz Südwest-afrika. – Auf dem Zuge durch das ›Pori‹ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spur-loses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir Post aus Europa. Die Eingeborenen geben einander Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht.«

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Siedlungen und Städte

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Gesundheitswesen

Die wissenschaftliche Erforschung des Landes ist weit vorangekommen. Von allen Teilen des Schutzgebietes liegt eine Fülle von Kartenmaterial vor. Von allen ver-schiedenen Wissenschaften sind Untersuchungen in der Kolonie durchgeführt worden. Neben den Expe-ditionsreisen zur Erforschung von Land und Völkern Deutsch Ostafrikas gibt es in der Kolonie selbst wissen-schaftliche Einrichtungen. Das biologisch-landwirt- schaftliche Institut mit botanischem Garten in Amani ist ein Institut von Weltruf und leistet auf den Gebieten Botanik, Biologie und Entomologie/Insektenkunde her-vorragendes.

Besonders auch die Erforschung und Bekämpfung der Vieh- und Menschenseuchen ist äußerst erfolgreich. Für den Aufenthalt der Weißen im Schutzgebiet ist deren Sicherung vor Tropenkrankheiten von ausschlag-gebender Bedeutung und dafür müssen diese Krank-heiten aus der farbigen Bevölkerung beseitigt werden, weshalb die Seuchenbekämpfung auch im höchsten Maße der einheimischen Bevölkerung zugute kommt. Auf dem gesamten Gebiet der Gesundheitsversorgung ist Deutsch Ostafrika auch aufgrund der weit vor allen anderen Ländern liegenden deutschen Tropenmedizin allen umliegenden Kolonien auch durch das gute Zusammenwirken von Verwaltung und Ärzteschaft um Längen voraus. Dazu gibt es in Daressalam ein Institut zur wissenschaftlichen Erforschung und Bekämpfung der Seuchen.

Die tödliche Schlafkrankheit war von Norden und Wes-ten um die Jahrhundertwende in die Kolonie einge-drungen und ist am Viktoriasee zum Aufhören gebracht und am Tanganjikasee ist ihre Auslöschung in abseh-barer Zeit zu erwarten. Die Pocken werden durch umfangreiche Schutzimpfungen ausgerottet. Auch die immer wieder eingeschleppte Pest konnte durch recht-zeitige Maßnahmen ausgerottet werden. Die Frambösie, eine übele Infektionskrankheit der Schwarzen, wird durch Salvarsan bekämpft, welches auch gegen die Syphilis angewandt wird. Die Bekämpfung der unter der schwarzen Bevölkerung grassierenden Wurmkrankheit ist erfolgreich. Die farbige Bevölkerung kann im stei- genden Maße deutsche Ärzte in Anspruch nehmen und in schweren Fällen Eingeborenen-Krankenhäuser, in leichten Fällen Polikliniken, unentgeldlich aufsuchen, die in vielen Teilen des Landes errichtet sind. Die Ma-laria ist in den europäischen Städten durch Sanierung der Stadtflächen und Drahtschutz der Gebäude zurück-gedrängt.

In den Hauptviehgebieten der Kolonie sind Veterinäre für die Überwachung, Verhütung und Bekämpfung der Viehkrankheiten und Viehseuchen angestellt.  Die Tier-seuchen, wie die eingeschleppte Rinderpest, werden erfolgreich bekämpft. Das Veterinärinstitut in Mpapua ist für die wissenschaftlichen Arbeiten an den Tier-krankheiten verantwortlich und stellt Seren für ihre Heilung her.

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Expeditionen

In ihrer Ausgabe vom 11. Januar 1913 schreibt die Kilimandscharo- und Meru-Zeitung:

»Deutsche Jagdfilmgesellschaft. Die von der deutschen Jagdfilmgesellschaft ausgesandte Expedition hat in ei-nem Zeitraum von anderthalb Jahren unter den grössten Anstrengungen und Gefahren fast sämtliche Wildarten auf die Films gebracht und dabei Jagdszenen bildlich festgehalten, die alles bisher Veröffentlichte in den Schatten stellen und gegen die die Bilder aus „Blitzlicht und Büchse“ des Wildschutzprofessors [Karl Georg Schillings] nur eine Bagatelle sind. Bis spätestens Ende dieses Jahres werden Landsleute in Deutschland die Gelegenheit haben, die aufregendsten Jagden auf Nas-hörner, Elefanten, Löwen, Flusspferde und vieles andere Wild in den Kinematographentheatern naturgetreu vor-geführt zu erhalten. Die Films, die hier in den ostafri-kanischen Steppen und Wilddistrikten von der Jagdex-pedition der Deutschen Jagdfilmgesellschaft angefertigt wurden, werden noch berechtigtes Aufsehen in Deutschland erregen. In spätestens zwei Monaten wird die Jagdexpedition am Kilimanjaro eintreffen, um die Besteigung dieses Bergriesen vorzunehmen und den ganzen Werdegang dieser Besteigung auf die Kientopp-Films zu bringen. Nach Vollendung dieser anstrengen-den Arbeit wird die Expedition nach Deutschland zu-rückkehren, um dort ihre Erfolge kommerziell auszu-beuten.«


Auch im Hinblick auf eine Eisenbahnverbindung vom Kilimandscharo zum Viktoriasee – zum Speke-Golf am Viktoriasee – wird der Bodenkundler Paul Vageler Mitte 1913 vom Gouvernement beauftragt, eine genaue Er-kundung der mittleren Serengeti vorzunehmen. Diese Gegend ist kartographisch noch nicht erfaßt. 1913 liegt die Endhaltestelle der von Tanga am Indischen Ozean kommenden Usambarabahn in Neu Moschi – 352 Kilo-meter – am Kilimandscharo und soll ab 1914 um weitere 86 Kilometer bis Aruscha in Richtung der Serengeti verlängert werden.   

Vageler will von Muansa am Viktoriasee aus zum Natronsee in der Serengeti marschieren. Von Dares-salam fährt Vageler mit der Bahn bis Tabora. Da es noch keinen Speisewagen gibt, hält der Zugführer gelegent- lich bei der Sicht von jagdbarem Wild an, für eine Jagd-pause. Von Tabora heißt es in etwa 14tägigem Marsch zu Fuß ins 300 Kilometer entfernte Muansa zu wandern. Reittiere gibt es wegen der Tsetsefliege im Gebiet nicht. Die wildreiche Wembäresteppe auf der Strecke bietet Nahrung genug.

In Muansa befragt Vageler zufällig anwesende Wan-derobbo, ein steppenbewohnendes Jägervolk, über die Serengeti und bekommt unter anderem heraus, daß er mit Löwen und Nashörnern in großer Zahl zu rechnen habe und von Oktober bis Dezember auf mindestens 200 Kilometer vom Fluß Mbalageti bis zum Natronsee kein Tropfen Wasser in der Steppe zu finden sei. Das bedeu-tet die Anwerbung von etwa 300 Trägern, um zehn Tage wasserlosen Marsches unter allen Umständen aus den mitgenommenen Wasservorräten risikolos durchhal-ten zu können. Da die Erntezeit ihrem Ende zugeht, ist die Anwerbung der Leute mit Hilfe des Bezirksamtes keine größere Schwierigkeit. Um Zeit zu sparen werden die ersten 150 Kilometer von Muansa nicht auf dem Landweg, sondern mit einem Schlepper und drei großen Leichtern bis zum Ende des Speke-Golfs zurückgelegt. Dort findet sich die Mündung des Mbalageti in den Speke-Golf und damit in den Viktoriasee. Hier soll die Bahn von Aruscha aus vorbei am Südende des Natron-sees schließlich am Viktoriasee ankommen und alle Anlieger am See über Tanga mit dem Weltmeer ver-binden und so auch eine Konkurrenz zur Ugandabahn auf britischer Seite bilden.

Jetzt, in der Trockenzeit, ist das Mbalagetital mit seinem Fluß bis in die Serengeti hinein bis zum kleinen Magad-see, der Quelle des Mbalageti, von unfaßbarem Wild-reichtum, Antilopen, Gnus, Zebras, Löwenrudel.

Paul Vageler: »An der süßen Quelle des Magad füllten wir die Wasserlasten erneut auf, die nunmehr für neun Tage Sicherheit gaben, und begannen die West-Ost-Durchquerung der unabsehbar wie das Meer in sanften Wellen vor uns liegenden Serengeti.

Der Marsch der nächsten Tage gehört mit zu den schön-sten Erinnerungen meines an Eindrücken gewißlich nicht armen Lebens, wobei die phantastischen Sonnen-auf- und untergänge die Farbensymphonie zum Land-schafts- und Tierbilde lieferten. Alles ging gut in einer zwar wirklich, wie die Wanderobbo berichtet hatten, völlig wasserlosen aber sonst paradiesischen Land-schaft, die bei Wassererschließung ein Idealgelände für Viehzüchter vorstellt, bis am Horizont der unverkenn-bare schlanke rauchende Vulkankegel des Oldonjo Lengai auftauchte.

Und dann begann, zunächst in sehr netter Form, das Unglück! Meine Leute hatten gewiß keinen Mangel an frischem Fleisch gehabt, da die Antilopen, die wohl nie einen Menschen gesehen hatten, im Lager so ungefähr von selbst in die Kochtöpfe liefen. Aber die große Sehn-sucht jedes Mnyamwezi ist ein Nashornbraten, der für ihn der Genuß aller Genüsse ist, was für die Nashorn-leber übrigens auch für den Europäer zutrifft.

Als der Oldonjo Lengai, wo nach der Karte der wasser-reiche Mitomiwili floß, aus etwa 25 km Entfernung herüberwinkte, also nur noch einen guten Tagesmarsch entfernt und am Nachmittag anscheinend bequem zu erreichen war, kreuzte ein kolossaler Nashornbulle unseren Weg«. Vageler schießt die Trophäe: »Und da ich nun einmal A gesagt hatte, sagte ich auch B und gab im Angesicht des nahen Endes der wasserlosen Strecke, wie es der nahe Lengai-Vulkan greifbar verkörperte, auch den noch für zwei Tage ausreichenden Rest Was-ser zu einem solennen Freßfest frei! Um die Wasser-lasten erleichtert, waren wir ja sicher abends am Fluß!

Wir waren auch da! Das heißt wir lagen abends auf dem Hochplateau der Ost-Serengeti, das mit einem Steilrand von 200 bis 300 m Höhe zum Natronsee abbrach. In der Tiefe, vielleicht nur 100 m in Luftlinie entfernt, aber für uns völlig unerreichbar, flossen die beiden Quellflüsse des Mitomiwili ( = zwei Flüsse) in einen Cañon zusam-men. Da wir am Tage gut gegessen und getrunken hatten, tat es der Freude keinen Abbruch, daß im Lager das Wasser fehlte. Morgen würden wir gemütlich he- runterklettern.

Der nächste Tag mit Mittagstemperaturen von 40° im Schatten verging, ohne daß wir einen Abstieg oder einen Tropfen Wasser fanden. Meine des Bergkletterns gänz-lich ungewohnten Wanyamwezi trauten sich schon frei nicht herunter, geschweige denn mit Lasten. Es verging der zweite und dritte Tag, mit der Abwechslung, daß ein Träger, der dem Locken des brausenden Wassers in der Tiefe nicht widerstehen konnte, beim Versuch hinun-terzuklettern, abstürzte, was für den Rest natürlich entscheidend war. Dann ließen wir alle Lasten, bis auf meine Gewehre und Munition und die der Askaris, zurück, gaben die am Ort hoffnungslose Suche nach einem Abstieg auf und marschierten nach Norden.

Gegen 10 Uhr vormittags fanden wir ein Flußbett, das im tiefen Cañon anscheinend zum nahen Natronsee herun-terführte. Wir folgten ihm und standen nach 1½ Stun-den über einer immer noch etwa 100 m hohen senk-rechten Wand, wo zur Regenzeit offenbar ein Fall zum See herabstürzte.

Und dann begann unter den vor Durst wahnsinnigen Trägern die Panik. Jeder wollte jetzt auf eigene Faust die Wassersuche beginnen, was nur zum allgemeinen Un-tergang führen konnte. Obwohl ich selbst schon anfing, vor Durst Gespenster zu sehen, war mir noch klar, daß wir zusammenbleiben mußten, wenn überhaupt eine Rettung möglich sein sollte. So setzte ich jedem, der zu fliehen versuchte, eine warnende Kugel vor die Füße und drückte so die Leute langsam zusammen den Fluß wieder in die Höhe, um an anderer Stelle einen neuen Abstiegsversuch gemeinsam machen zu können. Ent-weder holte uns der Teufel alle zusammen, oder, soweit ich es verhindern konnte, keinen! Daß der Einbruch der Nacht die endgültige Katastrophe bedeuten würde, konnte allerdings keinem Zweifel unterliegen! Wer das Jammergeschrei: Madji! Madji! Wasser, Wasser! Jemals gehört und, was noch schlimmer ist, die stumpfe Resi-gnation vieler Leute gesehen hat, weiß Bescheid. Der Schwarze stirbt leicht wie eine Fliege!

Gegen 2½ Uhr machten wir im Schatten des hohen Ufers eine große Marschpause, sehnsüchtig nach den dunk-len Wolken am westlichen Horizont starrend, die den schroffen Bergklotz des Mosonik umzogen. Sie wurden dunkler und dunkler, kamen näher! Um 5 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, fielen die ersten Tropfen des nahen-den Gewitters, die wir alle ohne Unterschied von den Felsen ableckten. Und dann hatten wir Mühe, uns vor den Fluten des abkommenden Flusses im schmalen Tal zu retten!

Nach weiteren sechs Tagen Suche, jetzt wieder mit vol-len Wasserlasten, fanden wir fast 100 km weiter nach Norden am Oldonjo Sambu den erhofften bequemen Abstieg zum Natronsee!«

Anfang 1914 ist Paul Vageler zurück in Daressalam.

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Allgemeines Leben

Den Aufbau einer Missionsstation im ostafrikanischen Hochland ganz im Süden der Kolonie beschreibt der evangelische Missionar Klamroth. Die Pangwa sind bis-her unberührt von europäischer Kultur und viele haben noch nie einen Weißen gesehen, von denen sie weitge-hend nur von durchreisenden schwarzen Händlern gehört haben. Die Pangwa leben in einem bergigen Land mit ausgedehnten Bambushainen in Walddörfern an von ihnen geschlagenen Lichtungen mit Ziegenherden und Maisfeldern. Vom Anzapfen des Bambus gewinnen sie Bambusbier, dem sie – Männer und Frauen – ausgie-big frönen. Die Gewinnung des Bambusbiers haben sie bis zur Vollendung entwickelt und nutzen die durch ihre Kunst um Monate verlängerte Zeit im Jahr, wo vom Bam-bus der Saft abgezapft werden kann, der durch schnelle Gärung zu einem starken Bier wird. Der Bambus wird in regelrechten Biergärten gehegt und gepflegt. Klamroth: »Vom Säugling, dem die Mutter den Trank gibt, bis zum ältesten Mann, der nur noch mit Mühe zum Gelage wanken kann, wird getrunken und wieder getrunken. – Verrufen sind die Pangwa natürlich auch wegen ihrer Trunksucht, und Schlägereien im Rausch sind nicht selten.«

Das  einzige wichtige Ereignis für die Pangwa durch die deutsche Herrschaft im Lande ist bis dahin das Ende der Überfälle der Nachbarstämme auf sie, weil diese durch die deutschen Kolonialtruppen besiegt und unterworfen wurden. Für die Pangwa sind die Weißen mit ihren schwarzen Soldaten aber auch nur ein weiterer feind-licher Stamm, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Daß die Weißen ihnen ein Ende der ewigen Kriege gegen die sie überfallenden Nachbarstämme gebracht haben ist ihnen nicht verständlich. Die Weißen tun schließlich auch bei den Nachbarstämmen dasselbe, was die ande-ren Feindstämme tun, Vieh und Lebensmittel gewalt-sam eintreiben, nur Frauen nehmen sie merkwürdiger-weise nicht mit. Die Deutschen verstehen diesen Raub als Steuer, ein Rechtsbegriff, der vollkommen außerhalb des Verständnisvermögens der Pangwa liegt.

Im Gegensatz zu einem Raubzug der Deutschen gegen einen der von ihnen unterworfenen Stämme sah ein Raubzug gegen die Pangwa von einem Nachbarstamm so aus: Ein Gruppe von Kriegern zog in den Nächten ins Pangwaland und versteckte sich bei Tage im Urwald. War ein für einen Angriff würdig erachtetes Dorf ge-funden, wurde es im ersten Morgengrauen überfallen, die Männer niedergemacht und Frauen, Ziegen und Kinder geraubt. Dann zog man im Eilmarsch ab, um nicht von verfolgenden Pangwa zum Gefecht gezwungen zu werden.

Im September 1901 reitet Klamroth mitten ins Pangwa-land, wohin er schon zwei Aufklärungsreisen unternom-men hatte und mit den Häuptlingen in Verbindung ge-treten war, um nun dort eine Missionsstation aufzu-bauen. Ein Pangwa hat diese Ankunft schon vor länge-rer Zeit geträumt, nur kannte der träumende Pangwa keine Esel und hat die Reittiere der Weißen für Kühe gehalten.

Am 1. Januar 1902 beginnt am gewählten Platz für die Missionsstation die Arbeit. Er liegt im Wald und hat Quellen, sodaß die Wasserversorgung gesichert ist. Nach einem Gebet mit drei schwarzen Christen vom Nachbarstamm der Konde, von der Missionsstation Wangemannshöhe im Kondeland, beginnt mit Hacke und Haumesser das Freischlagen des Geländes. Das Land liegt absichtlich genau auf der Grenze zwischen zwei Pangwadörfern. Einer der beiden Häuptlinge hat Klamroth vorsichtshalber gesagt: „Wenn meine Leute betrunken sind, dann kann ich für nichts stehen.“

Nach der Anfangsarbeit überläßt Klamroth den Schwar-zen die Siedlungsarbeiten und kehrt erst Monate später zur neuen Station zurück: »Schon Ostern 1902, als ich zum erstenmal mehrere Wochen im Lande war, konnte ich kaum ungestört einige Stunden bei einer Arbeit bleiben. Da kamen benachbarte Häuptlinge und Dorf-schulzen zur Begrüßung, und es galt, möglichst gleich von vornherein gute Beziehungen zu ihnen anzuknüp-fen. Da kamen Kranke mit Wunden, die davon gehört hatten, daß der fremde Mann neben anderen Eigentüm-lichkeiten auch die besitzt, andern Leuten Wunden zu waschen und zu verbinden, und wenn sie auch noch so schmutzig und vereitert sind. Da kommt ein Aussätziger, dem schon einige Zehen und Finger von der schreck-lichen Krankheit weggefressen sind. Traurig kehrt er heim, als er hört, daß auch im Lande der Weißen kein Kraut gegen dieses Leiden gewachsen ist. Da bringen sie einen Mann, der bei einer Schlägerei mit dem Hau-messer einen ganz gehörigen Hieb über den Schädel bekommen hat. Da bringt eine Mutter ihr Kind, daß ihr ins Feuer gefallen war.«

Die neue Missionsniederlassung bekommt den Namen Milow, nach einem Dorf im Havelland. Klamroth: »Und jetzt, wo wir in das Jahr des Heils 1904 eingetreten sind, ist daraus ein Ort geworden, bekannt weithin unter den Pangwa. Zwei Pfahlhäuser stehen dort, mit Lehm bewor-fen und weiß getüncht, ein großer Stall, eine Küche, selbst diese weit höher als je zuvor ein Pangwa baute. Und von drüben grüßt ein kleines Kirchlein, an dem auch der Turm nicht fehlt. Und dazwischen, wo sich das Gelände ein wenig senkt, da reiht sich Hütte an Hütte, in denen Bena und Pangwa hausen. Ringsherum aber liegen Ackerflächen, Kartoffeln, Weizen, Hafer, alle hei-mischen Feldfrüchte müssen sich den Versuch gefallen lassen, ob sie sich nicht mit uns auf dem fremden Boden heimisch fühlen wollen. Auf der anderen Seite sind Eselkoppeln und weiterhin eine Sägerei, in der die Bal-ken und Bretter für ein Steinhaus geschnitten werden.

Da ertönt auf dem breiten Wege auch schon der Gesang der Arbeiter, die die Stämme heranschaffen, und dazwi-schen ein Ächzen und Quietschen so schön, daß der Papagei, der sonst Menschen und Tiere durch seine Kunst zu schreien staunen macht, überrascht still schweigt, denn diese Töne kann er doch nicht nach-machen. Das ist der Wagen, wie wir das Gefährt stolz nennen, das Bruder Neuberg aus einem dicken Baum-stamm und Stangen hergestellt. Sieh nicht so verächt-lich auf die dicken Achsen und Räder. Haben wir den Stamm erst an den Weg gewälzt und auf dem Wagen, dann wirst du sehen, was für einen großen Kulturfort-schritt dieser unser Wagen hier bedeutet.

Etwas weiterhin sind unsere Ziegler bei der Arbeit. Sechs Mann stampfen mit Gefühl und Nachdruck in dem Lehm herum, den andere in Körben herbeischlep-pen und kleinklopfen, während wieder andere in leeren Petroleumblechen Wasser herbeiholen. Dort laufen die Handlanger um die Wette, die die fertigen Ziegel fort-tragen, damit sie an der Luft trocknen, um dann, wenn die gehörige Menge zusammen ist, gebrannt zu werden.

Aber am meisten von ihrer Würde durchdrungen sind die beiden Former dort. Sie wissen es genau, daß sie die Hauptpersonen bei der Sache sind.

Aber woher haben sie diese Wissenschaft? Vielleicht, denkst du, kann der Missionar von einer benachbarten Ziegelei die nötigen Leute bekommen. Ja, wenn nur eine solche da wäre. Besiedeln mit deutschen Kolonisten möchte man das Land dort im Inneren wohl ganz gern, aber bisher ist nur leider immer noch nichts daraus ge-worden. Bisher heißt es immer noch: willst du ein festes Haus haben, so sieh selber zu, wie du dazu kommst.«

»Schon stehen Tausende von Ziegeln bereit, schon ste-hen Fundamentsteine in Menge auf dem Hof. Schon sind Dachsparren und Deckbalken im Schuppen aufge-stapelt. Bald soll der Bau eines massiven Hauses in Angriff genommen werden. Was das alles aber für ein Stück Arbeit bedeutet, das weiß jeder, der mitten in Afrika weit ab von den nächsten Nachbarn sein Haus zu bauen begonnen hat.«

Missionar Klamroth über die Arbeit seiner Mission im Südosten des Schutzgebietes:  »Ist es nichts, wenn schon nach wenigen Jahren einige Dutzend schwarze Ziegler im Land wohnen, wenn man schon jetzt im Kondeland ein großes Steinhaus hochmauern lassen kann, ohne daß der Europäer eigentlich selbst zugreifen braucht? Wenn du mit leichter Mühe Leute bekommen kannst, die Bretter und Balken schneiden können oder die mit Tischlerhandwerkzeug umzugehen verstehen?«

Die evangelische Missionsarbeit im Südosten der Kolo-nie bricht aber durch den Ausfall von einem halben Dutzend Missionaren durch Krankheit und Tod schon 1904 wieder zusammen. Die meisten Missionsstationen müssen aufgegeben werden und die scheinbar bekehr-ten Schwarzen kehren dem unverständlichen Glauben der Christen schnell den Rücken zu.

Klamroth bekennt selbst von den Predigten der Mis-sionare und dem Verständnis der Schwarzen davon: »Was will dieser Weiße eigentlich? – Zeug oder Perlen kriegen wir nicht dafür, daß wir kommen. – Regen und Sonnenschein kommen allein von dem Gott, der Him-mel und Erde geschaffen. – Also der Häuptling dort drüben auf dem Berge sollte keinen Regen schaffen können? – Und vor dem Gott muß jeder erscheinen, der hier stirbt? – Und der Häuptlingssohn Jesus, was war’s doch mit dem? – Ja, und dann das andere alles, was keiner von uns verstanden hat!«



Der Großwildjäger Hans Schomburgk nutzt 1908 eine besondere Möglichkeit ums Leben zu kommen. Rund um die kleine Militärstation Kisaki mit ihrer Siedlung im östlichen Deutsch Ostafrika wächst in der Regenzeit hohes Gras, in dem Löwen eine hervorragende Deckung haben. Als eines späten Abends die Weißen in dem Straßendorf wie üblich dem Whisky ordentlich zuge-sprochen haben kommt Schomburgk auf eine Schnaps-idee. Er will den Ort etwas aufmischen und nimmt vom Grammophon, das zur musikalischen Unterhaltung der Zechkumpane spielt, den Trichter ab, um seine in Jah-ren im Busch erworbene Kunst der Tierstimmen-imitation wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Also geht er nach draußen und läßt in der Nacht Löwen-gebrüll durch den Trichter erschallen – bis ihm Gewehr-kugeln um die Ohren fliegen. Erst als Schomburgk alle ihm bekannten Kisuaheli-Flüche durch den Trichter jagt hört der wacheschiebende Askari der Station auf, seinen Befehl auszuführen, auf alle Löwen zu schießen.


Während des Baues der Mittellandbahn von Daressalam zum Tanganjikasee bekommt ein Hamburger Kauf-mann, Niederlassungsleiter eines großen Hamburger Handelsunternehmens im Inneren der Kolonie, den Auftrag sein Ortsgeschäft einem Nachfolger zu über-geben und selbst Richtung See aufzubrechen, um am See Vorbereitungen zu treffen für eine neue Handels-station des Hamburger Handelshauses an der zukünf-tigen Endhaltestelle der Bahn in Kigoma, so wie auch andere Handelshäuser in der Kolonie entsprechende Vorbereitungen treffen. Nach Jahren an seinem ange-stammten Handelsplatz hat sich der Kaufmann eng befreundet mit einem Oberleutnant, dem Postenführer der örtlichen Boma, und so wird jedem der Abschied schwer bei der abendlichen Abschiedsfeier. Aufgrund der großen Entfernungen und der schlechten Verkehrs-verbindungen wird man sich, wie meistens in den Kolo-nien, wahrscheinlich erst nach Monaten wiedersehen; zuweilen vergehen auch Jahre oder man sieht sich über-haupt nicht wieder.

Am nächsten Morgen bricht die Safari auf zum Tanga-njikasee. Der Safarimusikant bläst auf dem geschraub-ten Horn einer Antilope langgezogene Töne. Singend marschieren die Träger und klopfen mit den Stöcken im Takt auf ihre Lasten. An der Spitze des Zuges flattert die schwarz-weiß-rote Fahne des Reiches.

Nach zwei Monaten berichtet der Hamburger Kauf-mann in einem Brief aus Kigoma seinem Freunde, daß für die neue Niederlassung einfache Hütten, mit Gras gedeckt, errichtet sind und nun noch ein Warenlager gebaut werden muß. Verhandlungen mit Indern und Arabern vor Ort, für eine gute geschäftliche Zusam-menarbeit, laufen.

Nicht lange nachdem der Brief aus Kigoma angekom-men ist findet eine kleine Feier auf der Veranda des Hauses des Oberleutnants statt und man läßt nachts Gläser, Teller und leere Flaschen auf den Tischen ste-hen. Etwa gegen 3 Uhr nachts wacht der Oberleutnant auf von Geräuschen, als wenn auf der Veranda Stühle gerückt und auf den Tischen Teller verschoben würden und Weingläser aneinanderstießen. Sollte sich sein kleiner Affe von der Kette befreit haben und Unsinn treiben? Der Oberleutnant steht auf und geht auf die vom silbrigen Licht des Mondes beschienene Veranda. Dort sitzt sein Freund Werner, der Hamburger Kauf-mann, die linke Hand auf der Tischplatte und mit der rechten den Stil eines Weinglases umfassend und blickt mit traurigen Augen und einem milden schmerzlichen Lächeln den Oberleutnant an. „Werner, wo kommst du den her?“ Gleichzeitig geht der Oberleutnant auf seinen Freund zu. Da verschwindet der Freund wie in Luft auf-gelöst.

Fünf Wochen später trifft beim Oberleutnant die Nach-richt ein, daß sein Freund Werner bei einer Jagd im Busch verschollen ist, aber man später seine Leiche im Busch gefunden habe. Der Hamburger Kaufmann war verdurstet. In seinem Notizbuch steht noch: »Ich weiß, ich muß sterben; seit drei Tagen irre ich umher und finde mich nicht zurecht … Meine Gedanken verwirren sich … Mutter, bald werde ich bei dir sein … Lebt wohl ihr lieben, fernen Freunde … lebt alle wohl.«

Verdurstende werden geistig verwirrt und verlieren jede Vernunft.

Berichtet wird dieser Vorfall von Rudolf Sendke, einem erfahrenen Afrikaner und Regierungslehrer in Deutsch Ostafrika.


Im Ngorongoro-Krater mit seinem Durchmesser von 17 bis 19 Kilometern haben die beiden Brüder Adolf und Friedrich Wilhelm Siedentopf und ihr Freund Hartung ihre Farmen. Adolf Siedentopf hat 1904 beim Gouver-nement Land im Krater für Viehzucht und Landwirt-schaft beantragt und die Rechte bekommen. Adolfs Bruder Friedrich Wilhelm kommt nach und baut eine eigene Farm auf mit Weizenfeldern und Gemüsegarten über Bewässerungsgräben mit Wasser versorgt. Austra-lische Eukalyptusbäume pflanzt Friedrich Wilhelm als Schattenspender.

1908 halten die Siedentopfs etwa 1200 Rinder und ziehen Strauße. Sie haben zuvor immer wie-der versucht mit Hilfe der Massai in großen Treibjagden die Gnuherden aus dem Krater herauszutreiben, um die Weidegründe für ihre Rinderherden allein zu haben, aber es ist ihnen nicht gelungen.

Die Siedentopfs versuchen auch Zebras zu zähmen und als Zugtiere zu nutzen, da Pferde in Ostafrika an der dort grassierenden Nagana-Seuche zugrunde gehen. Die Ze-bras werden zu willigen Zugtieren, aber sie sind wesent-lich schneller erschöpft als europäische Pferde. In der trockenen Jahreszeit reicht das dürre Gras zudem gera-de zum Überleben der Tiere, aber nicht noch zum Ar-beiten, und Kraftfutter, wie für die Pferde in Deutsch-land, steht auch nicht zur Verfügung.   

Für die Verwaltung sind die drei Farmer im Krater die unbotmäßigsten Ansiedler in Deutsch Ostafrika. Har-tung wird einmal zur Zahlung von 200 Rupien verurteilt, weil er eingeborenen Arbeitern vor die Füße geschossen hat, wenn sie weglaufen wollten. Hartung wird schließ-lich von den Massai im Ngorongoro-Krater ermordet, und »leider mit ihm auch neunzehn Wambuluarbeiter«, wie der Bezirksamtmann von Aruscha schreibt.

Ein Verwalter der Siedentopfs, ein Finne mit dem deut-schen Tarnnamen Rothe, war bei der finnischen Revolu-tion von 1905 zeitweise Minister, bevor die Russen wie-der die Herrschaft übernahmen. Nach einer abenteuer-lichen Flucht bis nach Deutsch Ostafrika verbirgt er sich hier vor der russischen Geheimpolizei, die auch mit Agenten in der Heilsarmee und als Jagdgäste getarnten Spionen nach ihm suchen.

1913 kommt Dr. Hans Reck beim niedersächsischen Bauernhaus mit den zwei Pferdeköpfen am Dachfirst von Adolf Siedentopf und seiner Frau vorbei und ihm wird dampfender Napfkuchen auf dem blankgescheuer-ten Holztisch vorgesetzt. Reck ist mit seinen 50 Trägern und Arbeitern auf dem Durchzug durch den Krater zur Oldoway-Schlucht, wo zwei Jahre zuvor Professor Wil-helm Kattwinkel vorzeitliche Säugetiere gefunden hat.

Seit 1912 plant die deutsche Verwaltung das gewaltige Naturschauspiel des Ngorongoro-Kraters zu einem Wildreservat zu machen. Dafür sollen die Siedler durch den Kauf ihrer Farmen aus dem Krater entfernt werden. 1914 ist dann der Kauf der Farmen durch die Regierung von Deutsch Ostafrika fast abgeschlossen.


Mitte 1912 kommt Helene Grunicke in Tanga an, um weiter auf eine Plantage bei Aruscha zu reisen. Helene Grunicke:

»Nachdem noch verschiedene Einkäufe besorgt, geht es am andern Tage in der kurzen Dämmerung am frühen Morgen zur Eisenbahnstation um rechtzeitig mit Son-nenaufgang um sechs Uhr, zur Abgangszeit des Zuges, zur Stelle zu sein. Ein deutscher Schalterbeamte gibt uns die Fahrkarten und läßt unser Gepäck besorgen, wäh-rend die großen Frachtstücke von einer Speditionsfirma an den Ort ihrer Bestimmung gebracht werden. Es gibt vier Wagenklassen, die beiden ersten für die Europäer, die dritte für die Inder und Araber, die vierte für die Eingeborenen. Die erste Klasse ist sehr behaglich, mit Plüsch- beziehungsweise Ledersitzen ausgestattet, wie unsere erste und zweite Klassenwagen, die zweite ent-spricht unserer dritten Klasse mit Holzbänken, die drit-te Klasse, gleichfalls mit Holzbänken versehen, steht den Indern und Arabern, der Händlerklasse, zur Verfü-gung, und die vierte mit beiderseits längs des Wagens laufenden Bänken ist ausschließlich für die Eingebo-renen bestimmt. — Ein kurzer Pfiff, und hinein geht es in den strahlenden Morgen. Man macht es sich so be-quem wie möglich, denn die Fahrt dauert bis abends neun Uhr zum Endziel Moschi. 352 Kilometer ist die Nordbahn in Betrieb, sie soll vorläufig bis Aruscha am Meru weiter gebaut werden. Zunächst nimmt uns die Landschaft vollständig gefangen, die schlanke Kokos-palme wiegt sich leicht in den heißen Lüften, durch aus-gedehnte prächtige Kautschuk- und Agavenpflanzungen streben wir den fernen Bergen Usambaras zu, in wel-chen die ersten Kaffeeplantagen angelegt wurden, die sich jedoch als nicht so ertragsfähig erwiesen wie man annahm. Der Reichtum an edlen Hölzern, welche durch die Sigibahn, eine Abzweigung der Nordbahn, nach der nahen Küste geschafft werden, verspricht diesem Land-strich jedenfalls eine verheißungsvolle Zukunft. Sogar eine Automobilstraße führt ins Gebirge nach der Erho-lungsstation für Europäer „Wugiri“, der ersten Som-merfrische Deutsch-Ost-Afrikas. Verschiedene Statio-nen, deren nette schmucke Häuschen an unsere Klein-bahnstationen erinnern, bieten Haltepunkte, und sofort entwickelt sich ein reger Verkehr der Eingeborenen, die mit viel Beweglichkeit und lautem Geschrei ihre Waren, als Bananen, Melonen, Bataten (Süßkartoffeln), Zucker-rohr anbieten. Sie fahren selbst auch gern auf der Eisen-bahn, da es ihnen etwas Neues und Seltames ist, und die Schnelligkeit, mit der sie vorwärtskommen, ihre Bewun-derung erregt. Um die Mittagszeit ist ein etwa dreivier-telstündiger Aufenthalt vorgesehen, wo ein warmes Mittagessen eingenommen werden kann. Die Speisen-folge ist Suppe, Braten mit Gemüse, Kartoffeln, Kompot und Obst als Nachtisch. Als Getränk wird Wein oder Limonade bevorzugt, da das Bier der nötigen Frische entbehrt und obendrein sehr teuer ist (die Flasche 1,50 Mark).

Wir durcheilen jetzt Steppenland, weite unendliche Grassteppe, nur hier und da unterbrochen durch einen charakteristischen Baum, die Schirmakazie, die unter ihrem breitästigen, dichten Blätterdach — wie unter ei-nem Schirm — Menschen sowohl wie Tieren Schutz gibt vor den sengenden Sonnenstrahlen zu kürzerer oder längerer Rast. Auch den Affenbrotbaum mit seinem dicken ungefügen Stamm, aber ohne jeden Nutzwert, bringt etwas Abwechslung in die weite ausgedehnte Landschaft. Da die Bahn auf achtzig Kilometer Länge durch das Wildreservat fährt, wo jede Jagd verboten ist, kann man, wenn das Glück günstig ist, fast alle Vertreter afrikanischer Wildarten zu sehen bekommen. Die ver-schiedensten leichtfüßigen Antilopenarten, die äußerst flinken Strauße, die gestreiften Zebras, die Gnus und die langhalsigen Giraffen (um derentwillen die Telegra-phen- und Telefonstangen ganz besonders hoch sein müssen, weil sie sonst entweder die Drähte zerreißen oder selbst Schaden nehmen) tummeln sich hier in un-gebundener Freiheit. Die Löwen, Leoparden, Hyänen und Schakale liegen in träger Ruhe im Dickicht und gehen erst des Nachts auf Beute aus. Zuweilen bemerkt man auch einzeln oder in Gruppen nur mit einem Schurz bekleidete, oft am ganzen Körper tätowierte Massais, die in ihrer glänzend braunen Haut mit ihren Schildern und langen Speeren einen gar kriegerischen Eindruck machen. In der Nähe ihrer Niederlassungen hüten ihre kleinen vollständig nackten braunen Knaben die Rinder-, Ziegen- und Schaf-Herden. Der Massai ist der geborene Viehzüchter, und sein größter Reichtum ist sein Vieh, von dem er stattliche Herden von oft mehr als hundert Stück besitzt. Mit dem Viehverkauf decken sie alle ihre Bedürfnisse, sogar die Frauen sind nur um diesen Preis feil.

Gebirge tauchen auf, so daß Paregebirge und andere, und endlich ist das Ziel Neu-Moschi erreicht. Ein Euro-päer empfängt uns und bringt uns in das nahe der Bahn-station gelegene Gasthaus, ein stattlicher Bau, aus drei weiten Flügeln bestehend, mit einer an der inneren Seite zu gelegenen, ringsum laufenden Veranda. In dem rechten Flügel sind die Gesellschafts- und Gastwirt-schaftsräume, in dem mittleren die Wirtschafts-, Bade- und andere Räume und im linken Flügel endlich die Fremdenzimmer untergebracht. Diese sind hoch und luftig, einfach aber nett ausgestattet. Über den Betten fehlen natürlich die hohen Moskitonetze nicht, denn ein Stich dieses bösartigen Insektes (Anopheles) überträgt das Malariafieber. Seine Bedienung hat jeder Europäer bei sich, und schlafen die schwarzen oder braunen Gesellen vor der Tür ihres Herrn oder ihrer Herrin auf einer Strohmatte oder auch nur in eine Decke gewickelt auf der Veranda. — Neumoschi ist jetzt, bis die Nord-bahn weiter geführt wird, der Stapelplatz der ankom-menden und abgehenden Waren, die verschiedenen Speditionsfirmen fertigen hier ihre Transporte in das Innere des Landes ab. Hier ist auch der Ausgangspunkt für die Besteigung des Kilimandscharo, was aber noch vier bis acht Tage in Anspruch nimmt. Gegen Abend des ersten Tages unseres Aufenthaltes zeigte sich plötzlich hoch oben in den Wolken der schneebedeckte Gipfel des Bergriesen, der Kibo in 6100 Meter Höhe. Ein über-wältigender wunderbarer Anblick.

Die Warentransporte geschehen nun teils auf den Ochsenwagen, teils durch Träger. Da wir viele große Gepäckstücke mit uns führten und auch verschiedene Güter teils dort eingekauft wie Mehl, Zucker, Reis, Petroleum, Kerzen, Seife, Kaffeesäcke, teils aus Europa gekommen wie Drahtgeflecht, Stacheldraht, Maschinen und Maschinenersatzteile nach der Plantage befördert werden mußten, kam für uns nur der Ochsenwagen-transport in Betracht. Am zweiten Tage Mittags war endlich alles zum Aufbruch bereit, und die Safari (Land-reise) konnte ihren Anfang nehmen. Zwei schwere starke Wagen mit je sechzehn und achtzehn Ochsen bespannt, geleitet von nebenher gehenden Schwarzen, welche durch lebhaftes Geschrei und Namensruf wie Faru, Rechenberg [Die Zugochsen werden auch nach unbeliebten Beamten benannt] und andere und zeitwei-sen Gebrauch einer mehrere Meter langen Peitsche ihre Tiere fortwährend antrieben, wurden mit den Wa-ren beladen und mit starken Stricken gut befestigt. Auf einen der Wagen war für uns, so gut es eben ging auf Säcken und Decken zwischen Kisten und Kasten ein Sitzplatz hergestellt, welcher, wenn er auch nicht gerade bequem war, uns doch des anstrengenden Fußmarsches enthob.

Zunächst machte uns das ungewohnte Beförderungs-mittel Spaß, man sah hier und da verstreut liegende Ansiedlungen von Baumwolle, Kautschuk und Sisalaga-ven, fuhr auch einmal durch einen prächtigen Palmen-wald, in dessen Wipfeln sich neugierige Affen wiegten, die aber beim Fallen eines Gewehrschusses sich schleu-nigst mit großen Sprüngen von Baum zu Baum, einen andern minder gefährlichen Platz aussuchten. Nach und nach wird das Landschaftsbild einförmiger, und wir fin-den nur noch verstreut in der weiten Steppe die Raphia-palme (unserer Phönixpalme ähnlich), die Borassuspal-me (deren fünfzehn bis zwanzig Meter hoher kerzengra-der Stamm sich nach oben etwas verdickt und eine dichte Krone fächerförmiger Blätter trägt) und weiter-hin den Affenbrotbaum  und die Schirmakazie (den charakteristischen Baum der afrikanischen Steppe).

Der Spätnachmittag ist herangekommen, und der nie-dere Stand der Sonne läßt uns nach einem Lagerplatz Umschau halten, damit uns nicht die etwa zwanzig Minuten nach Sonnenuntergang eintretende vollstän-dige Dunkelheit überrascht. Da kein Flußlauf in der Nähe, wird ein Schwarzer ausgeschickt, um eine Was-serstelle ausfindig zu machen, damit das viele Vieh ge-tränkt werden kann. Bald kommt er mit guter Kunde zurück, und schnell müssen die Schwarzen mit ihren langen Buschmessern einen Platz säubern, wo das Zelt für die Europäer aufgeschlagen werden kann unter der Leitung eines geschickten Wanjamwesi. Die Wanjam-wesi sind ein zu den Bantunegern zu rechnender Volks-stamm und bewohnen eine Landschaft im zentralen Hochland Deutsch-Ost-Afrikas südlich vom Viktoriasee bis über Tabora hinaus. Sie sind sehr fleißig und betrieb-sam und als Eisenbahn- und Plantagenarbeiter sehr ge-schätzt. Als besonderes Stammeszeichen splittern Män-ner und Frauen eine dreieckige Lücke zwischen den zwei inneren Schneidezähnen der oberen Reihe aus. — Also unter der Leitung eines Wanjamwesi ist die Arbeit bald vollendet, die Feldbetten sind hergerichtet und vor dem Zelt unter dem Schutzdach sind Tische und Stühle aufgestellt, und wir können von den Anstrengungen des ersten Tages ausruhen. Inzwischen ist der Koch nicht müßig gewesen, er hat ein Feuer angefacht, Wasser her-beigeholt, Thee gekocht und läßt soeben in der Pfanne die Lende und Leber eines jungen Kongore [wohl Kon-goni = Kuhantilope], das unterwegs geschossen wurde, bruzzeln, um es bald auf sauberem Teller darzureichen. Kompot liefern die mitgebrachten Konservenbüchsen, ebenso Butter, Käse, Brot. Was fehlt uns da noch tief im Innern des schwarzen Erdteils! — doch auch die Zug-tiere dürfen nicht vergessen werden. Sie sind ausge-schirrt und von einigen Schwarzen nach der Wasser-stelle getrieben, von wo sie sich später zerstreuen, um sich ihr Futter selbst zu suchen.

Aber was ist das — plötzlich kommen atemlos und zit-ternd die Schwarzen angelaufen, mit ihnen ein Teil der Ochsen und berichten in ihrem lebhaften Wortreich-tum vom Simba (Suaheli: Löwe), dessen frische Spuren an der Wasserstelle gesehen und seine markerschüt-ternde Stimme gehört wurde, sodaß Mensch und Tier in wilder Flucht auseinanderstoben. So mußten nun zu-nächst sämtliche Ochsen wieder eingefangen werden. Dann wurde mit Hilfe der Wagen und eiligst herbei-geschafften Dorngestrüpps und Holz eine provisorische Boma, ein Schutzwall für die sehr unruhigen Tiere, her-gerichtet. Die Schwarzen mußten abwechselnd das La-ger aufmerksam umgehen, die Feuer anzünden und unterhalten, denn mittlerweile hatte sich die dunkle Tropennacht herniedergesenkt; jedoch unruhige Erwar-tung und aufregende Neugier ließ uns Neulinge keinen Schlaf finden. Die Europäer luden ihre Gewehre scharf und legten sie neben sich und hofften auf ein interes-santes Jagdabenteuer. Aber Simba hatte eine andere Beute gefunden, ein klägliches Wimmern ließ sich hö-ren, Simba hatte ein Zebra geschlagen. So konnten wir ohne weitere Störung froh den jungen Morgen begrü-ßen und den vom Koch bereiteten Kaffee mit Brot, Butter und Honig freudig genießen. Nachdem die ge-brauchten Gegenstände fein säuberlich wieder gerei-nigt, kamen sie mit den Überresten der Mahlzeit in die Proviantkiste; Betten, Tische, Stühle wurden zusam-mengeschlagen, das Zelt abgebrochen, alles wieder fest auf den Wagen verstaut, um möglichst früh weiter zu kommen. Früh heißt sieben und acht Uhr morgens, denn die lange Tropennacht dauert jahraus jahrein von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens mit nur ganz kurzer kaum halbstündiger Dämmerung.

Mühsam müssen sich die Zugtiere mit den schweren Lasten den Weg bahnen durch das hohe, harte Gras, da hier kein Wegaufseher mit seinen Arbeitern die Straße frei hält. Kleinere Flußläufe mit meist steilen An- und Abstiegen, die über und über mit kleineren und grö-ßeren Steinen besät sind, werden durchquert. Es gehört die außerordentliche Geschicklichkeit der Schwarzen und die strenge Oberaufsicht des weißen Mannes dazu, um die Wagen sicher und heil an das jenseitige Ufer zu bringen.

Hier wird wieder das Zelt aufgeschlagen, und der Koch sorgt für die leiblichen Bedürfnisse. Ohne jede Störung geht die Nacht vorüber und es ist gut, denn der nächste Tag sollte besonders beschwerlich werden. Verschiede-ne größere Flüsse, die ziemlich tief und von reißender Strömung sind, müssen passiert werden. Wir steigen vom Wagen herunter und lassen uns auf dem breiten Rücken eines kräftigen Schwarzen (welcher mit einem Stock als Stütze den Fluß durchwatet) hinübertragen. Besonders gefährlich werden diese Übergänge durch das in allen Flüssen Ostafrikas weit verbreitete, so sehr gefürchtete Krokodil, dessen gierige Gefräßigkeit all-jährlich viele Schwarze und auch manche Europäer zum Opfer fallen. Da auch die Post von den Schwarzen beför-dert wird, bleibt manche aus, namentlich zur Regenzeit, wo Bäche und Flüsse zu reißenden Strömen werden und mancher Stephansjünger [Heinrich von Stephan, 1870 bis 1897 Chef der deutschen Post] von den reißenden Fluten oder dem beutelüsternen Krokodil verschlungen wird.   

Nun galt es, die schweren Wagen mit ihren Lasten durch den Fluß zu bringen. Bald sahen die Führer die Unmöglichkeit ein und beschlossen, sämtliche Tiere, also vierunddreißig Ochsen, erst vor den ersten Wagen zu spannen und den anderen nachzuholen. Mit lautem Geschrei und viel Lärm zur äußersten Kraftanstrengung angetrieben ging es bis zur Mitte des Flusses, wo an ei-ner besonders tiefen Wasserstelle, auf die die Schwar-zen nicht geachtet, der Wagen fest saß und trotz aller Zurufe und Peitschenhiebe nicht weiter zu bringen war. So mußten alle verfügbaren Schwarzen ins Wasser wa-ten, die kleineren Gepäckstücke herunternehmen und an Land tragen. Da der Wagen nun etwas entlastet war, gelang schließlich unter Aufbietung aller Kräfte die Durchfahrt. Nach kurzer Ruhepause kam der zweite Wa-gen an die Reihe, welcher unter gleichen Anstrengun-gen und Mühsalen, doch ohne besondere Zwischenfälle, an das jenseitige Ufer gebracht wurde. Aber Zeit, sehr viel Zeit war hierüber vergangen, und in einiger Entfer-nung luden schöne, schattige Bäume an einem kleinen Flußlauf zum Lagern ein. Bald brodelte denn auch das Wasser im Kessel, und ein guter Kaffee nebst weiteren Speisevorräten mundete vortrefflich. In der Ferne erhob sich ein massiges Plateau mit einer kegelförmigen Er-hebung, dem sogenannten Domberge, dies war das Ziel des nächsten Tages. Im glühenden Sonnenbrande ging es zunächst langsam durch die heiße endlose Steppe; kein Baum spendete Schatten, keine Quelle und kein Bach bietet dem Wanderer einen Labetrunk; zuweilen bezeichnen Knochen und Gerippe von Zugtieren, die in der Tropensonne bleichen, den Weg. Sie waren unter der schweren Last, der glühenden Sonne und dem bren-nenden Durst zusammengebrochen und eine willkom-mene Beute für die gefräßigen Hyänen und Aasgeier geworden. Endlich am Fuße des Domberges angelangt, stehen wir bestürzt und entsetzt vor diesem Aufstieg. Schutt und Geröll, Fußhohe glatte Steine, tiefe Löcher, dabei steil bergauf; dies soll ein Weg für schwere Last-fuhrwerke sein. Es erscheint fast unmöglich, dort hinauf zu kommen. Alle Europäer, die afrikanische Wege ken-nen und daher rauh und hart geworden sind in ihren Ansprüchen an die Zugtiere, waren einstimmig der An-sicht, daß hier Abhilfe von der Regierung geschafft wer-den müßte, denn daß hieße geradezu viele wertvolle Tiere dem Untergange preisgeben. Die vielfachen Be-schwerden sind auch von Erfolg begleitet gewesen und man hat angefangen, einen andern Weg, weiter nörd-lich am Kilimandscharo-Plateau entlang, als Staats-straße auszubauen. Dieser sogenannte „obere Weg“ hat noch den Vorzug, tsetsefrei zu sein, während der untere durch ein Gebiet führt, in welchem stets eine Reihe von Zugtieren durch diese gefährliche Fliege infiziert wer-den. Die Tiere erkranken nach drei bis vier Wochen plötzlich und fallen nach wenigen Tagen tot um.

Doch zurück zu unserm Bergwege, der nach unsägli-chen Anstrengungen schließlich überwunden wurde. Ein idealer Lagerplatz am murmelnden Bach, im Schat-ten mächtiger wilder Oliven- und Mahagonibäume ent-schädigte bald für den heißen schweren Tag, denn das ist das Eigentümliche in Afrika, daß die schroffsten Gegensätze so dicht beieinander liegen. Da versucht werden sollte, die Plantage zu erreichen, waren wir so kühn zu glauben, im dieser Nacht wieder ein wirkliches Hausdach über uns haben zu können. Doch in Afrika kommt es ersten anders, und zweitens als man denkt, und da Mensch und Tier außerordentlich ermattet wa-ren, mußte am Assah noch einmal Halt gemacht wer-den. Da hier ein Europäer eine Wirtschaft mit einer Duka (kleiner Verkaufsladen) aufgemacht haben sollte, wäre möglicherweise ein Nachtquartier zu finden gewe-sen. Die Herberge bestand aber nur in einer Lehmhütte mit Bananenblättern gedeckt, deren einziger Raum Wirtschaft und Duka in sich vereinte, mit einem kleinen Abschlag zum Schlafen für den Besitzer und daran an-schließend, unter einem Zeltdach, ein langer, roh gezim-merter Tisch und einige Stühle für die Gäste. Etwa eine halbe Stunde von hier entfernt befindet sich eine An-siedlung von Palästinadeutschen und Deutsch-Russen, die vor mehreren Jahren hierher eingewandert sind und in der Niederung des Flusses sich mit Ackerbau und Viehzucht ganz gut nähren, auch versuchen sie, den Kaffeebaum zu kultivieren. Die Palästinenser haben sich tüchtiger erwiesen als die Deutsch-Russen aus dem Wolga-Gebiet, die trotz besonderer Vergünstigungen und Unterstützungen sich garnicht als Ansiedler be-währten.

So mußte also nochmals die Nacht im Zelte verbracht werden, bis am andern Morgen im strahlenden Sonnen-schein der Weg zunächst auf breiter Straße nach Aru-scha fortgesetzt wurde. Bald schlugen wir uns jedoch wieder seitwärts durch Sumpf und Bäche und erreichten auf ungebahntem Wege durch hohes Gras und Busch den letzten Wasserlauf, der auf schwankendem Brett überschritten, schon in den Bereich der Plantage gehört.

Gegen zwei Uhr nachmittags war unser Ziel erreicht, und im freundlichen Landhaus mit breiter Veranda, um-geben von einem Rosengarten und weiterhin schlanken Zedern, Orangen- und Granatbäumen konnten wir uns von den ungewohnten Anstrengungen der langen See- und Landreise, dem veränderten Klima und den ganz anderen Lebensgewohnheiten erholen.«


In ihrem Buch Nach Deutsch-Ost-Afrika beschreibt Helene Grunicke »nach eigenem Erlebten und Ge-schauten« im Kapitel »Skizzen aus dem Frauenleben in Deutsch-Ost-Afrika« das Stadtleben und den Beginn als »Kleinsiedler« tief im Landesinneren:

»Zunächst soll nicht unerwähnt bleiben, daß allerdings ein großer Unterschied besteht zwischen dem Leben in den Küstenstädten und demjenigen im Innern des dunklen Erdteils. Dort sind wohl fast alle Bequem-lichkeiten und Errungenschaften der Kultur zu finden. Es giebt Fleischer, Bäcker, Material- und Kleiderstoff-geschäfte und in der Markthalle bieten schwarze Händ-ler die Erzeugnisse ihrer Kulturen in Gemüse und Obst feil. Breite, hübsch angelegte Straßen, zu deren beiden Seiten aus dem Schatten der Mangobäume und unter dem Schutz der hochaufstrebenden Kokospalmen die freundlichen, luftigen, weiß gestrichenen Häuser her-vorlugen, durchziehen den Ort. Selbst bei der schnell hereinbrechenden Dunkelheit ist dafür gesorgt, daß der Fuß nicht an einen Stein stoße, denn Straßenlaternen sind aufgestellt, und die Hauptstadt Daressalam erfreut sich sogar des elektrischen Lichtes. Wer eine Spazier-fahrt, oder einen Besuch, oder auch Einkäufe machen will, beauftragt seinen Diener (boy) einen Wagen zu holen, (im Suaheli „lete gari“), und bald ist ein solcher zur Stelle. Ein zweiräderiger Wagen, eine sogenannte „Rickschah“ mit einer Plane zum Heraufziehen gegen die sengenden Strahlen der Tropensonne, flink und ge-wandt gezogen von einem Rickschahboy, einem schlan-ken, sehnigen Eingeborenen, fährt die Bibi (Frau) durch die Straßen der Stadt und des Eingeborenenviertels. Streng wird hier der Unterschied zwischen den Rassen gewahrt; kein Schwarzer darf es wagen, ein solches Ge-fährt zu benutzen. Die sofortige Entziehung des Fahr-rechtes und schwere Strafe würde für seinen Führer die Folge sein. Diese Wagenführer müssen die Berechti-gung dazu von der Stadt erwerben. In jedem Wagen ist eine Fahrtordnung angebracht, welche über den Preis und sonstige Bestimmungen Auskunft gibt.

Die Europäer besitzen ein Klubhaus, in welchem sie sich zu Spiel und Tanz zusammenfinden; sogar eine „schwar-ze Kapelle“, gebildet aus den Schülern der Eingebore-nenschule, bieten ganz ansehnliche Leistungen ernster und heiterer Musikstücke.

So ist das Leben der weißen Frau in den Küstenstädten meist ein sorgloses und behagliches, hauptsächlich der Aufsicht über den Haushalt, der Kindererziehung und der Geselligkeit gewidmet. Die wirkliche Arbeit wird von den verschiedenen schwarzen Dienern ausgeführt, denn das heiße, feuchte Seeklima wirkt erschlaffend auf die Europäerin.

Doch mit der Eisenbahn, diesem größten Kulturträger, dringt die Zivilisation auch immer weiter in das Innere vor. Die ungeheuer großen Werte der Kolonie können überhaupt erst durch den Schienenstrang zu ihrer vollen Entfaltung und Entwicklung kommen. …

Sobald man nun in das Innere des Landes vordringt, wird auch das Leben der Frau ein anderes. Sie ist jetzt im wahren Sinne des Wortes Kameradin und Gehilfin des Mannes und teilt mit ihm die Strapazen und Unbequem-lichkeiten des Lagerlebens auf der Safari, bis der Ort der Ansiedlung erreicht ist, welches oft Tage, zuweilen aber Wochen dauert. Hier sind nun aber keine Hotels oder Gasthäuser (im günstigsten Falle ist vielleicht im Um-kreis von einigen Stunden ein bereits Ansässiger so gastfrei, dem Neuling für die ersten Nächte ein Unter-kommen zu gewähren), sondern das Zelt muß wiederum aufgeschlagen werden, und die angeworbenen Eingebo-renen sowie die mitgebrachten Diener müssen sofort mit der Errichtung eines Lehmhauses beginnen. Daß man da auf parkettierte Fußböden, elegante Tapeten und elektrische Beleuchtung verzichten muß, ist wohl selbstverständlich. Doch frisch und mutig greift die Frau mit an, und bald ist aus Kisten, Kasten, zusammen-klappbaren Stühlen, Bettgestellen und vielleicht einigen Korbmöbeln, aus Decken, Schawls, verschiedenen Bil-dern und Photographien ein ganz anheimelndes Nest geschaffen, welches bis zum Bau des Steinhauses, Unterkunft und Schutz gewährt gegen die sengenden Strahlen der Tropensonne oder die wolkenbruchartigen Regengüsse der Regenzeit oder auch gegen die gefürch-teten Raubtiere der Wildnis, die Löwen und Leoparden, welche im Inneren Afrikas noch in großer Menge vor-handen sind.

Sobald das Lehmhaus, die vorläufige Wohnstätte der Ansiedler, fertig ist, besteht die nächste Sorge der Frau darin, ein Stück Land zum Gemüsegarten auszusuchen. Dieses muß möglichst in der Nähe des Flusses oder des Wassergrabens sich befinden, damit es jederzeit und ohne gar zu viele Hilfskräfte bewässert werden kann. Nachdem einige Riesenbäume des Urwaldes gefällt und das dichte Unterholz mit dem Buschmesser von den ein-geborenen Arbeitern abgehauen ist, müssen die Leute mit Hacken und Spaten das Land urbar machen. Dann werden mit Meßleine und Holzpfahl die Beete abge-steckt, welche nun fertig sind zur Aufnahme der Saat, die aus Europa mitgebracht wurde. Am besten ist es, jedes Jahr sich frische Saat schicken zu lassen, da die dort gezogene schnell degeneriert und man daher keine schönen vollen Gemüse erzielt. … Einen der intelligen-teren Eingeborenen betraut man nun mit der weiteren Sorge für den Garten, er nennt sich stolz fundi ya sham-bani (Meister vom Garten, Gartenaufseher) und gibt ihm einige kleine Boys zur Hilfe…  Bald kann die Haus-frau zu aller Freude selbstgezogene Gemüse auf den Tisch bringen, welche eine große Delikatesse und auch in gesundheitlicher Beziehung den Konservengemüsen vorzuziehen sind. Obendrein stellt es sich wesentlich billiger, da ein sehr hoher Zoll auf der Einfuhr aller Kon-serven in Deutsch-Ost-Afrika liegt. Bei einiger Anpas-sung an die örtlichen Verhältnisse und an die Regen-zeiten ist es möglich, das ganze Jahr hindurch frische Gemüse zu haben. Auch der König der Gemüse, der Spargel, gedeiht vortrefflich, und Erdbeeren gibt es fast das ganze Jahr; ebenso liefert die Ananas im dritten Jahre ihre prächtigen Früchte, sodaß auch die Freunde einer guten Bowle in Afrika auf ihre Rechnung kom-men.«


Über »Weihnachten in Afrika« schreibt Helene Gru-nicke:

»Die kurzen trüben Tage, die erstorbene Vegetation in Schnee und Eis gehüllt, die erzenen Glockentöne, die an den Adventssonntagen die Andächtigen in größeren Scharen in die Gotteshäuser ziehen, all dies zusammen gibt erst den richtigen Unterton für die Weihnachtsfeier mit Tannenbaum und Kerzenglanz.

Anders nun in Afrika; dort steht, nachdem die kleine Regenzeit vorüber, alles in herrlichster Pracht und Blü-te; man geht der heißesten Zeit im Jahre entgegen, welche auf der Plantage besonders viel Arbeit bringt. Keine Kirchenglocken ertönen; denn im weiten Gebiet des Kilimandscharo und Meru erhebt sich nur  e i n e  Kirche mit einem so winzig kleinen Glöckchen, daß ihr Ton kaum eine halbe Stunde im Umkreis zu hören ist. Sie wird auch nur alle vier Wochen einmal geläutet zum Gottesdienst, den ein Missionar von der Missionsstation Nkoaranga hält. Seit 1914 übt jedoch ein ständiger Pfar-rer die kirchlichen Funktionen in Leganga aus.

So erinnert nur der Kalender an die herrliche Weih-nachtszeit, und mit Sehnsucht wird dem Eintreffen der letzten Europapost entgegengesehen, welche all die Überraschungen, entweder selbst schon lange vorher bestellt, oder von lieben Angehörigen aus der fernen Heimat bringen soll. Doch, infolge stürmischer Über-fahrt oder eines kleinen Eisenbahnunfalls (Ausbrennen des Postwagens) bleiben die Sendungen aus und die Enttäuschung ist groß. So muß am vorletzten Tage noch in der mehrere Stunden entfernten Bezirksstadt [im Falle des Kilimandscharo- und Merugebietes Moschi/Neu Moschi oder Aruscha] besorgt werden, was unbe-dingt nötig zu einer heimatlichen deutschen Weih-nachtsfeier ist. Und siehe da! es gibt bunte Weihnachts-kerzen und Lichthalter, Engelshaar und unverbrennbare Watte, Konfekt, Honigkuchen und Nüsse, sogar einige Spielsachen für Kinder — nur die Püppchen für die klei-nen Mädchen sind leider ausgeblieben! — Der Christ-baum wird von den Missionaren aus dem Bestand ihrer angepflanzten Zedern den Ansiedlern gern zur Verfü-gung gestellt, welche dafür ihren Obolus der Missions-kasse entrichten. So sieht die schlanke Zeder mit ihrem zarten, frischen Grün ganz prächtig aus, und bei dem Gesang der Weihnachtslieder leuchten und glänzen die Augen der Kinder genau so glücklich, wie unter unserm nordischen Tannenbaum. Auch die schwarzen Haus-boys werden herbeigerufen und stehen lauschend und schauend vor dem Wunderbaume, vor dessen Lichter-glanz vielleicht auch ein Funke der großen Gottesliebe in ihre schlummernden Seelen fällt.

Was tut es, wenn am nächtlichen Firmament dunkle Wolken heraufziehen, Blitze zucken und Donner rollen, wir treten hinaus auf die breite Barazze [Veranda] und stehen bewundernd vor dem Schauspiel eines tropi-schen Gewitters. Bald aber, nachdem der Aufruhr der Elemente sich gelegt, ziehen die Sterne funkelnd wieder ihre Bahn und verkünden den stürmenden, unruhigen oder bedrängten Gemütern auch jenseits des Äquators ihr „Friede auf Erden“.«

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Seekabel

Das einzige Überseekabel, das aus Deutsch Ostafrika herausführt, ist das der Eastern and South-African Tele-graph Company gehörige, dem Deutschen Reich ver-mietete Kabel Sansibar-Bagamojo, das auf der kürzes-ten Strecke zwischen der Insel und Deutsch Ostafrika, eben nach Bagamojo, liegt. Das Bagamojo-Kabel ist ein Verbindungskabel zum Hauptkabel Kapstadt-Europa. Von Sansibar geht jeweils ein Kabel nach Aden und Europa und eines nach Mosambik und weiter nach Kap- stadt. Über das Sansibar-Kabel laufen die amtlichen, ge-schäftlichen und privaten Telegramme nach Deutsch-land. Allgemeine Nachrichten aus Deutschland und der Welt kommen über das Sansibar-Kabel in knapp gehal-tenen Telegrammen vom Wolffschen Nachrichtenbüro. Die ausführlicheren Nachrichten des britischen Nach- richtenbüros Reuter, aus London nach Sansibar geka-belt, kommen schriftlich mit dem Schiff von Sansibar nach Daressalam.

Eine weitere Auslandsverbindung ist das Telegraphen-kabel von Daressalam entlang der Mittellandbahn bis Kigoma und von dort mit der Überlandleitung am Ost-ufer des Tanganijkasees bis zur Station Bismarckburg, von wo Anschluß an die britische Überlandleitung durch Rhodesien und Südafrika nach Kapstadt mit der dorti-gen englischen Kabelverbindung nach Europa besteht. Diese Verbindung nach Deutschland wird weniger ge-nutzt, da die Verbindung über Aden schneller ist. Das heißt allerdings auch, das Großbritannien in politisch brisanten Zeiten den Kabelverkehr vollständig kontrol-lieren und, wenn gewollt, stören oder ganz beenden kann. Der Briefverkehr Deutschland-Deutsch Ostafrika dauert drei Wochen und ist somit als schnelle Nach- richtenverbindung gänzlich ungeeignet.

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Gesundheit

Die medizinische Versorgung der weißen wie der farbi-gen Bevölkerung ist vorbildlich. Erstklassige Kranken-häuser stehen für die weiße Bevölkerung in den Städten zur Verfügung und auch für die schwarze Bevölkerung sind Krankenhäuser vorhanden und von den Bezirks-ämtern sind in ihren jeweiligen Bezirken Verbands-plätze und Lazarette eingerichtet. 1913 werden 5300 Europäer und 60.000 Einheimische behandelt. Auch in dem in den neunziger Jahren von einem Inder gestif-teten und nach ihm benannten Sewa-Hadji-Hospital in Daressalam finden sich von Jahr zu Jahr mehr Behand-lungsbedürftige von der schwarzen und nichtweißen Bevölkerung ein.

Für die deutschen Krankenhäuser entsendet das Deut-sche Rote Kreuz Krankenschwestern in die Kolonie, die auf der Basis von Mehrjahresverträgen arbeiten.

Die Malaria ist bis auf die Hochlagen im ganzen Land vertreten und so ist Chinin für die Weißen als Prophy-laxemittel eingeführt worden. Auf der Versuchsstation Amani und auf einer weiteren Pflanzung ist eine größere Zahl von Chinarindenbäumen angepflanzt worden, um beizeiten eine Eigenversorgung mit dem Malariamittel zu erreichen, sollte der Baum unter den Verhältnissen in Ostafrika Erträge bringen. Die anderen Tropenkrank-heiten wie Rückfallfieber, Pocken, Ruhr, Typhus, Wurmkrankheit, Pest, Cholera, Lepra und die gefähr- lichste von allen, die Schlafkrankheit, können im Laufe der Jahre erfolgreich bekämpft oder auf wenige Gebiete begrenzt werden. Zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und gegen ihre weitere Einschleppung aus Belgisch Kongo sind an den Seen im Westen der Kolonie Sperr-gebiete um die verseuchten Gebiete errichtet, um eine erneute Verschleppung zu verhindern und so die schreckliche Krankheit wie schon die Pocken und die Pest in Schach halten zu können. Durch die Quarantäne von Menschen aus Indien kann die Einschleppung von Pest und Cholera aus Indien verhindert werden.

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Post

Für die Nachrichtenverbreitung durch die Behörden gibt es den öffentlichen Aushang. In Tanga und Dares-salam sind auch vor Ort gedruckte Zeitungen erhältlich. Die Reichspost hat ein Verteilernetz über Boten. Die ein-geborenen Eilboten sind ausdauernd und sicher und nutzen die »Buschpost« der örtlichen Eingeborenen zum Auffinden des entlegendsten Postens und des Reisen-den tief im Busch. Bei Ablösung der Boten durch Relais erreicht die Briefpost eine durchschnittliche Tagesge-schwindigkeit von 150 Kilometern. Müssen die Boten nachts laufen, so sind sie zu zweit und jeder mit einem brennenden Holzscheit ausgerüstet, dessen Feuer si-cher vor Raubtieren schützt.

Die Briefe werden in Ledertaschen befördert. Hat ein Bote nur einen einzelnen Brief zu tragen, so steckt der Brief an einem vorne gespaltenen Holz- oder Bambus-stock. So wird der Brief nicht durch den Schweiß des Trägers unleserlich. Ist dem Boten der Adressat des Briefes unbekannt, hält er jedem Europäer am Weg den Brief hin, auf daß dieser ihn vielleicht für sich erkennt oder nähere Auskunft über den Aufenthaltsort des Adressaten geben kann. Ist der Brief offen oder mit einem ausdrücklichen Vermerk versehen, so ist dies die Aufforderung an jeden Weißen Kenntnis vom Inhalt des Briefes zu nehmen, damit auch er bestmöglichen Gebrauch von der Mitteilung machen kann.