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Die Menschen

Die Araber waren seit Jahrhunderten die Herrscher im Küstenbereich von Ostafrika. Die Oberschicht der ara-bischen Bevölkerung, die Muskat-Araber aus der Hafen-stadt Muskat im Oman, besitzt Kokosnuß- und andere Plantagen in den Küstenregionen. Die Schihiri-Araber haben ihren Namen von der Hafenstadt Schihr, stam-men aus dem Hadramaut, der Südküste der arabischen Halbinsel, und sind Kleinhändler, Handwerker und der-gleichen. Die beiden arabischen Bevölkerungsgruppen trennen auch die verschiedenen Richtungen des Islam, denen sie jeweils angehören, und das erhabene Auf-treten der Muskat-Araber unterscheidet sie vollkom-men vom einfachen Volk der Schihiris. Die ganze ara-bische Bevölkerung Deutsch Ostafrikas macht 1914 etwa 4000 Köpfe aus. An ihrer Spitze steht der frühere Sultan von Sansibar, Seyid Chalid bin Bargasch. Der rechtmä-ßige Thronerbe war in den 1890er Jahren von den Engländern nicht anerkannt worden und hatte nach der Beschießung seines Palastes durch englische Kriegs-schiffe flüchten müssen. Er hat in Deutsch Ostafrika Sicherheit gefunden und lebt seitdem als deutscher Schutzbefohlener in Daressalam.


Der Islam ist bei der arabisch-einheimischen Misch-bevölkerung der Küste verbreitet und entlang der Kara-wanenstraßen ins Landesinnere. Da sich die deutsche Verwaltung der gebildeten islamischen Bevölkerung an der Küste für ihre Verwaltung bedient nimmt sie diese Verwaltungskräfte beim Ausbau der Verwaltung im Landesinneren auch dorthin mit und trägt somit den Islam ins Innere Deutsch Ostafrikas.

Wie die einheimischen Regierungsangestellten sind auch die Askaris hauptsächlich Moslems und aufgrund ihrer Stellung angesehen beim Volk und so bringt ihre Stationierung im Landesinneren auch ihre Religion dorthin. Ohne daß die islamischen Verwaltungsange-hörigen und Soldaten den Islam absichtlich verbreiten würden, sondern nur aufgrund ihre gehobene Stellung, die ihre Religion attraktiv macht bei der schwarzen Bevölkerung, wandert der Islam weiter ins Landesin-nere. Zudem sind einige der Askaris und Regierungs-angestellten auch Vorbeter in den Moscheen und sie führen auch die Beschneidungen aus. So ist eigentlich die deutsche Herrschaft in Ostafrika für die Ausbreitung des Islam verantwortlich. Die breite Masse der Bevöl-kerung im Inneren bleibt aber bei ihren angestammten ursprünglichen afrikanischen Glaubensvorstellungen, wenn dort auch die christlichen Missionen Schäflein zu gewinnen suchen.

Die christlichen Missionen sind in Ostafrika entschie-den im Nachteil gegenüber dem Islam. Die Christen verlangen von ihren Anhängern die Einhaltung von Regeln, die wider der Natur des Mannes sind. Der Islam dagegen ist nicht eine unverständliche komplizierte Religion, sondern eine einfache, den Bedürfnissen des Mannes entgegenkommende Religion. Vielehe ist er-laubt und so ist insbesondere die alteingesessene schwarze Oberschicht dem Islam zugeneigt und nicht dem Christentum.

Da die Küste mit ihrer arabisch durchdrungenen Bevöl-kerung islamisch geprägt ist und auch die Schwarzen daran teilhaben können, und mit einem eindeutigen Prestigegewinn, wenn sie zur Religion Mohammeds übertreten, sind sie auch gerne bereit Moslems zu werden. Nicht nur, daß man sich nur Beschneiden lassen muß, auch die Suahelifrauen an der Küste wollen nicht mit unbeschnittenen Negern, sondern mit den ange-sehenen Moslems zu tun haben.

Der Übertritt zum Christentum hingegen ist ein langer und beschwerlicher Weg bis zur Taufe durch einen weißen Priester und bringt keinerlei Vorteile. Die wei-ßen Christen bleiben unter sich und gewähren den schwarzen Christen keinen Eingang in ihre Welt. Die Weißen halten ihre Gottesdienste unter sich ab und die Schwarzen bleiben im schwarzen Gottesdienst. Im Islam aber sind alle Moslems am jeweiligen Ort vereint in der gleichen Moschee und gleichberechtigte Mitglieder in der Welt des Propheten.

Während die christlichen Missionen in Deutsch Ostaf-rika eben Missionierung betreiben, brauchen die Mos-lems keinerlei Werbung für ihre Religion zu machen. Zudem verbreitet die deutsche Verwaltung aus genann-ten Gründen den Islam im Land und auch die Planta-gengesellschaften tun ungewollt das Ihre für die Ver-breitung des Islam indem sie Neger aus dem Binnenland in die Plantagen an der Küste holen und diese so auf die für sie bis dahin unbekannte Religion des Propheten treffen.

Selbst die weißen Herren ziehen mohammedanische Dienstboten christlichen vor, da den Moslems der Alkoholgenuß verboten ist und die vorgeschriebenen Waschungen im Islam die Reinlichkeit der Bediens- teten fördert.

Eine Schätzung des Gouvernements im Jahre 1912 kommt auf eine Zahl von 300.000 Moslems im Land, wogegen einige christliche Missionen von einer höhe-ren Zahl von Anhängern des Propheten in Deutsch Ostafrika ausgehen. Auf jeden Fall liegt selbst eine Zahl von einer halben Million Moslems noch deutlich unter zehn Prozent der Gesamtbevölkerung in der Kolonie von etwa 9.000.000 Menschen wie spätere Zählungen und Schätzungen für die Zeit um 1912 ergeben. Trotzdem ist bedeutend, daß die Masse der farbigen Regierungs-angestellten und Lehrer der Regierung, der Askaris und der Polizei Moslems sind.

Da im Reichstag von den christlichen Missionen wieder- holt die Begünstigung des Islam in Deutsch Ostafrika vorgeworfen wurde, fragt Gouverneur Schnee im Okto-ber 1913 in einem geheimen Runderlaß die lokalen Ver-waltungsstellen: »Welche Mittel dort möglich erschei-nen, um der islamitischen Propaganda durch Regie-rungsangestellte und Lehrer der Regierungsschulen wirksam entgegenzutreten.« Unter anderem bittet Schnee im Weiteren dieses Erlasses die unteren Verwaltungen auch dazu Stellung zu nehmen, ob die von Sachverständigen empfohlene Einführung der Schwei-nezucht bei den Schwarzen der Verbreitung des Islam vorbeugt. Es hatte sich gezeigt, daß bei Eingebore-nenstämmen, die die Schweinezucht betreiben, der Islam keinen Eingang findet, weil er eben den Genuß von Schweinefleisch streng verbietet. Den unteren Ver- waltungen ist drei Monate Zeit zur Einreichung von Vorschlägen gegeben, sodaß bis Anfang 1914 alle diese Berichte in Daressalam eingegangen sind und bearbeitet werden. Als Ergebnis kommt man im Gouvernement zu dem Schluß, daß keinerlei Maßnahmen in Richtung einer Eindämmung des Islam zu treffen seien.

Die Religion Mohammeds ist keine Bedrohung der deut-schen Herrschaft. Der Islam wird auch weiterhin von der deutschen Regierung geachtet und schließlich stützt sich die deutsche Herrschaft im Lande auf seine weithin mohammedanischen Unterbeamten und Soldaten.


Die Inder in Britisch und Deutsch Ostafrika wandern aus Indien nach Ostafrika ein. Da Deutsch Ostafrika der Einwanderung der Inder kein Hindernis in den Weg legt sind 1914 9000 Inder in der Kolonie. Sie haben sich in der ganzen Kolonie verbreitet, wo sie hauptsächlich als Händler tätig sind und an einigen Plätzen auch als Handwerker. Als politischer Faktor spielen sie keine Rolle und folgen vollkommen den deutschen Anwei-sungen. Eine Einigung der Inder, um als politischer Faktor zu wirken, ist ausgeschlossen durch das Kasten-wesen der hinduistischen Inder, das sie untereinander voneinander trennt und durch die Spaltung der indi-schen Moslems in verschiedene Sekten.

Eine weitere Gruppe aus Indien sind die Goanesen. Sie sind portugiesisch-indische Mischlinge aus der portu-giesischen Kolonie Goa in Indien. Etwa 400 von ihnen sind in der Kolonie. Sie sind Christen und füllen be-sondere Bereiche im Handel und Geschicklichkeit und Kenntnisse erfordernde Berufe aus, die sie wichtig für Deutsch Ostafrika machen. Mögen Schuster und Schnei-der in Deutschland nebensächliche Berufsgruppen sein, so sind die goanesischen Schuster und Schneider in Deutsch Ostafrika bei den Weißen für das Anfertigen von Tropenkleidung gefragt.

Die handeltreibenden Inder sind wegen ihrem Betrügen und Bewuchern bei Schwarz und Weiß unbeliebt und werden von den Deutschen mit den Handelsjuden verglichen. Vor der deutschen Obrigkeit zeigen sie eine kriecherische Unterwürfigkeit. Sie stellen die Mehrheit der Inder in Deutsch Ostafrika. Die indischen Hand-werker, Wäscher, Barbiere und ähnliche Berufe sind in der Minderheit der Inder im Lande und gehören den unteren Kasten der hinduistischen Gesellschaft Indiens an oder sind in ganz geringen Zahlen indische Juden, welche als Handwerker arbeiten, Buddhisten, die als Goldschmiede, Elfenbeinschnitzer und solchen Hand- werken ihr Auskommen finden, und ein paar Parsen, Anhänger Zarathustras, die als höhere Angestellte arbei-ten.

Die indischen Kaufleute und Händler sind allesamt Moslems verschiedener islamischer Sekten. Die Sekte der Ismaeliten erwartet im August 1914 ihr aus Indien angereistes geistiges Oberhaupt, den Aga Khan, in Deutsch Ostafrika. Ende Juli ist der Aga Khan in Sansibar eingetroffen und dort schon von einer Delegation seiner Anhänger aus Deutsch Ostafrika begrüßt worden, die ihn Anfang August auch nach Daressalam geleiten wol-len.