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Die Schutztruppe

Trotz des großen Aufstandes von 1905 ist die Stärke der Schutztruppe gering, auch gerade verglichen mit der Stärke der Truppen in den Nachbarkolonien. 1914 ste-hen keine 2000 farbige Soldaten, die Askaris, in der Schutztruppe und 260 deutsche Unteroffiziere und Offi-ziere. Die Kaiserliche Schutztruppe für Ostafrika, so ihr offizieller Name, besteht aus 14 Kompanien, die in Garnisonen über die ganze Kolonie verteilt sind. Die genaue Stärke der Schutztruppe für Ostafrika beträgt 1914: 1 Kommandeur, 1 Stabsoffizier, 17 Hauptleute, 49 Oberleutnants und Leutnants, 42 Ärzte, insgesamt 261 weiße Offiziere und Unteroffiziere, 135 farbige Unteroffi-ziere und 1785 Soldaten (Askaris).

Unteroffizieren und Offizieren stehen bei Märschen jeweils zehn Träger für ein kleines Zelt, ein Bett, eine Kochlast sowie von Koffern für Kleidung und Ver-pflegung zu. Die Askaris tragen ihr Gepäck teils selbst und haben als Träger ihre Frauen und Askariboys, Halbwüchsige, die einmal selbst Askaris werden wollen oder Boys bei weißen Herren. Eine Askarikompanie hat dazu noch einmal mehr als die eineinhalbfache Stärke der Kompanie als Träger. Die gewöhnliche Marschzeit der Truppe unter Friedensbedingungen beträgt etwa fünf bis höchstens sechs Stunden am Tag, in welcher Zeit die Karawane etwa 20 bis 24 Kilometer zurücklegt.

Außer den Askaris der Schutztruppe gibt es etwa 2000 Polizeiaskaris, die in kleinen Abteilungen in den Bezir-ken für Verwaltungsaufgaben tätig sind.

Die Bewaffnung der Askaris und Polizeiaskaris ist nur für die Niederschlagung von Aufständen geeignet und besteht aus alten Gewehren vom Typ Gewehr 71, also einer Waffe, die 1871 entworfen wurde, mit Schwarz-pulverladung, die beim Abschuß eine große Rauchwolke erzeugt und so den Standort den Schützen preisgibt. Gegen Eingeborene mit ihren Waffen ein hinnehm-barer Nachteil. Die Truppen in den Nachbarkolonien der Belgier und Engländer sind dagegen mit modernen rauchfreien Mehrladegewehren bewaffnet. Das schon in den 1880er Jahren veraltete und im Heer in Deutschland ausgesonderte Gewehr 71 wird aber noch immer in den Kolonien verwendet. Für 1914 hat die Kolonie zwar Mehrladegewehre in Deutschland beantragt – die Finan-zierung der Schutztruppen ist Reichsangelegenheit – , der Antrag war aber abgelehnt worden und so hat die Kolonie selbst, auf Drängen des neuen Schutztruppen-kommandeurs Paul von Lettow-Vorbeck 1914 aus Erspar-nissen verschiedener Kassen der Schutztruppe ein paar hundert moderne Gewehre angeschafft. Dazu hat man 50-60 Maschinengewehre, die sich im Buschkrieg gegen Eingeborene gut bewährt haben und einige kleine von Trägern transportierbare Geschütze.


Unter den Pflanzern und Ansiedlern im Norden der Kolonie haben sich Schützenvereine gebildet – unter-stützt vom Gouvernement – welche im Falle eines Auf-standes oder Krieges die Verteidigungsfähigkeit von Deutsch Ostafrika verstärken sollen.

In den vergangenen Jahren war wiederholt vom Reichs-kolonialamt und vom Gouvernement die Verteidigung von Deutsch Ostafrika erörtert worden, mit dem gleich-förmigen Ergebnis, daß die Kolonie von Seeseite völlig schutzlos gegen die Übermacht der englischen Flotte und in ihrem Schutz landenden Kolonialtruppen ist und folglich erst gar kein Versuch einer Verteidigung der Küstenstädte unternommen würde. Nach der vom Kom-mando der Schutztruppen in Berlin Ende April 1912 an den Gouverneur von Ostafrika abgegangenen Denk-schrift soll sich die Schutztruppe im Kriegsfall ins In-nere des Landes zurückziehen und aus der Defensive Offensivstöße gegen den Gegner führen. In diesen An-weisungen wird zum erstenmal weniger von Aufstands-gefahr und dem Schutz der Kolonie durch die Kongo-Akte ausgegangen, sondern die Möglichkeit eines Krie-ges gegen einen äußeren Feind in Betracht gezogen. Die Denkschrift besagt, daß ein Rückzug ins Landesinnere erst nach »Kampf« erfolgen soll und Vorstöße an den Grenzen gegen feindliche Stationen, Telegraphenlinien und Eisenbahnen werden empfohlen. Der Kommandeur der Schutztruppe, Oberstleutnant Freiherr von Schlei-nitz, sieht die Lage anders und glaubt weiterhin an ausbrechende Aufstände im Kriegsfalle und erläßt am 20. Juni 1912 die Anweisung an die Truppe im Kriegsfall sofort ins Landesinnere zu gehen. Gouverneur Rechen-berg billigt Schleinitzens Anweisungen für den Kriegs-fall. Als im Juli 1912 Heinrich Schnee das Gouvernement übernimmt fügt er dem nur hinzu, daß im Kriegsfall die Gelder des Gouvernements ins Landesinnere zu ver-bringen sind und diverse weitere Maßnahmen auf dem Gebiet der Verwaltung im Falle eines Krieges. Schnee ist aber davon überzeugt, daß im Kriegsfalle in Europa die afrikanischen Kolonien nicht zum Kriegsgebiet werden, da laut der Kongo-Akte – von den Kolonialmächten 1885 in Berlin beschlossen – die Kolonien im mittleren Afrika einen neutralen Status haben.


Im Januar 1914 trifft der neue Kommandeur der ostafri-kanischen Schutztruppe von Deutschland kommend in Daressalam ein. Oberstleutnant Paul von Lettow-Vor-beck wird der Nachfolger von Oberstleutnant von Schleinitz. Lettow-Vorbeck ist ein erfahrener Kolonial-soldat der beim Boxeraufstand in China 1900/01 dabei war und beim Krieg in Südwestafrika 1904-06. Als er in Deutsch Ostafrika eintrifft geht er auf Reisen ins Land, um sein neues Betätigungsfeld kennenzulernen. In den Bergen im Norden der Kolonie, der am dichtesten mit deutschen Siedlern besetzten Gegend, findet er ein von ehemaligen Offizieren, die sich nun als Pflanzer betäti-gen, im März 1913 aufgestelltes freiwilliges Schützen-korps, dem alle wehrfähigen Männer im Umkreis ange-hören.

Lettow stellt fest, daß die Zivilbehörden im Kriegsfall von Aufständen der Einheimischen ausgehen, eine Meinung beeinflußt durch die ehemaligen Führer der Schutztruppe von Schleinitz und seinem Stabschef Kurt Johannes, der noch in den 90er Jahren gegen die Araber und Massai gekämpft hatte und 1905 beim großen Auf-stand im Süden des Schutzgebietes. Johannes ist 1913 in Berlin verstorben, aber seine und die Erfahrungen von Schleinitz, der seit 1900 in der Kolonie war, wirken nach. Lettow macht ganz andere Erfahrungen. Als er bei einer Inspektionsreise zwischen Moschi und Aruscha nach Boma la Ngombe kommt, wo ehemalige Askaris ange-siedelt worden sind, ist sein Eintreffen schon bekannt und der neue Schutztruppenkommandeur wird von den alten schwarzen Soldaten überall am Weg begrüßt. Auch bei Kondoa-Irangi und bei Singida kommen ehemalige Askaris teilweise von weit her und stellen sich zur Begrüßung des neuen Kommandeurs am Weg auf. Eine freiwillige Loyalität der alten Soldaten zu ihrer Truppe. Auch die Scouts und Spurenleser, die ihm von den Kompanien, in deren Gebiet er gerade im Busch auf Inspektion unterwegs ist, mitgegeben werden, lernt er als vertrauenswürdige Leute zu schätzen. Und beein-druckt ist er von den Nachrichtenverbindungen in der Wildnis, selbst wenn er keine Nachricht über das Ziel einer Reise hinterlassen hat. Auf einem Marsch mitten im Busch überbringen ihm eines Tages Eingeborene Überseepost für ihn. Zurufe, Feuerzeichen und Signal-trommeln verbinden Menschen und Dörfer und verbrei-ten Nachrichten, aber auch Gerüchte, mit unglaublicher Geschwindigkeit.

Lettow-Vorbeck verwirft die Anschauungen seines Vor-gängers über einen Kriegsfall in der Kolonie und sieht die Denkschrift des Oberkommandos in Berlin vom April 1912 als richtig an. Er geht einen Schritt weiter und will im Kriegsfall die Hauptkräfte der Schutztruppe im Kilimandscharo-Gebiet konzentrieren zum Schutz die-ses wirtschaftlich wertvollsten Teils der Kolonie und zum Angriff von dort auf Britisch Ostafrika. Am 15. Mai 1914 legt Lettow seinem Vorgesetzten, dem Gouverneur Schnee, seinen Plan in einem Schreiben, seiner Stel-lungnahme zur Denkschrift aus Berlin vom April 1912, vor und begründet ihn auch damit, daß bei einem gro-ßen Krieg es darauf ankäme zu verhindern, daß England Truppen aus Ostafrika auf den europäischen Kriegs-schauplatz abziehen könne, sondern im Gegenteil noch gezwungen würde Truppen durch eine deutsche Offen-sive in Ostafrika nach Ostafrika verlegen zu müssen und so das deutsche Heer in Europa entlastet werde. Zudem müßten englische Truppentransporte aus Europa von Kriegsschiffen geschützt werden, so würde den deut-schen Kreuzern auf Kaperkrieg auf den Weltmeeren mehr Spielraum gewährt sein. Der Militärstratege Paul von Lettow-Vorbeck trifft mit seinen Ideen auf den Verwaltungsbeamten Heinrich Schnee, der am 9. Juni 1914 an Lettow schreibt: »Nach meiner Auffassung wer-den hiernach lediglich die bisher vorgeschlagenen Maßnahmen ohne grundsätzliche Änderung weiter aus-zugestalten sein.«

Am 11. Juli gehen Lettows Stellungnahme und Schnees Erwiderung beim Reichskolonialamt in Berlin ein. Der Kommandeur der Schutztruppen, Oberst Ernst von Below, stimmt den Gedanken Lettows weitgehend zu und läßt eine Denkschrift für den Gouverneur in Ost-afrika aufsetzen, in der er den möglichen ungünstigen Eindruck der Besetzung unverteidigter Küstenplätze durch den Feind auf die Eingeborenen durch die nun durch den Ausbau des Verkehrsnetzes in der Kolonie jetzt möglichen entschlossenen und erfolgreichen An-griffe auf feindliches Gebiet wohl am schnellsten wettgemacht werden könnte. Würde durch Angriff die Maß-nahmen des Gegners auf die Abwehr auf seinem eigenen Gebiet beschränkt, bedeute dies den bestens Schutz der Kolonie. Nach der Umbewaffnung auf die neuen Gewehre sei die Truppe sehr wohl fähig auch gegen überlegene britische Streitkräfte zu kämpfen. Da-her bestünden keine Bedenken, daß durch entsprechen-de Vorarbeiten der durch den neuen Kommandeur jetzt vorgeschlagenen Kriegführung Rechnung getragen werde.

Diese Stellungnahme des Kommandos der Schutztrup-pen soll am 18. Juli 1914 vom Staatssekretär des Kolo-nialamtes, Wilhelm Solf, unterzeichnet und abgeschickt werden. Solf hat jedoch Bedenken, denen sich das Aus-wärtige Amt anschließt. Am 23. Juli wird von Below darüber in Kenntnis gesetzt, der umgehend antwortet, daß die angesprochenen Vorarbeiten für die Mobilma-chung in der Kolonie militärische Pflicht seien, unab-hängig von der jeweiligen politischen Lage, und folglich die Stellungnahme des Kommandeurs der Schutztrup-pen zu den Schreiben aus Ostafrika an das Gouverne-ment in Daressalam abgeschickt werden müsse. Den-noch entscheidet das Reichskolonialamt gegen die Ab-sendung der Stellungnahme des Schutztruppen-Kom-mandos in Berlin.    

Dagegen wird eine andere militärische Maßnahme in der Kolonie umgesetzt. 1913 wurde in Berlin ein Wehr-gesetz für die Schutzgebiete erlassen, wofür 1914 vom Reichskanzler die Ausführungsbestimmungen heraus-gegeben werden und Mitte 1914 beginnt in Ostafrika die Umsetzung des Gesetzes, das im Falle eines Aufstandes oder im Kriegsfall die Einziehung der wehrpflichtigen Reichsdeutschen zur Schutztruppe in der Kolonie vor-sieht.


Die Marine unterhält in den ostafrikanischen Gewäs-sern die Ostafrikanische Station mit Sitz in Daressalam. Die Station ist lange nur mit den typischen kolonialen Kriegsschiffen besetzt, die für die Einschüchterung der Einheimischen und für die Bekämpfung von Eingebo-renenaufständen gedacht sind. Seit Juni 1914 ist nun der moderne Kleine Kreuzer Königsberg in Daressalam stationiert, aber aus Gründen der Repräsentation des Reiches insbesondere auch bei der II. Landesausstellung in der Kolonie im August 1914.

Außerdem ist das leicht bewaffnete moderne Vermes-sungsschiff Möwe seit Februar 1913 der Ostafrikani-schen Station zugeteilt und vermißt die Küstengewässer des Schutzgebietes.

Beide Schiffe zusammen haben etwa 430 Mann Besat-zung und in der Kolonie befinden sich um die 360 Reservisten der Marine. Von den Reservisten sind gut 30 Offiziere, die sich meistenteils als Pflanzer in Ostafrika angesiedelt haben.