Die Jahrhunderte alten Königreiche Ruanda und Urundi sind noch völlig unberührt von Weißen als 1894 die er-ste deutsche Expedition dort eintrifft und die Einfügung der Königreiche in die deutsche Herrschaft beginnt. Beide Königreiche sind beherrscht von der kleinen Min-derheit der Tutsi, die über große Rinderherden verfü-gen, während die große Masse der Bevölkerung aus den Hutu besteht, welche Ackerbauern sind. Die Tutsi be-herrschen das Land von ihren Königshöfen aus.
Daneben gibt es noch eine kleine Gruppe von »Wald-menschen«, den Twa, die von der Jagd und der Töpferei lebt.
1904 schreibt Richard Kandt, der im Nordwesten Deutsch Ostafrikas Forschungen betreibt:
»Die Bahutu [Hutu] benehmen sich recht sonderbar. In Gegenwart ihrer Herren ernst und reserviert und unse-ren Fragen ausweichend; sobald aber die Watussi [Tutsi] unserem Lager den Rücken gekehrt haben, und wir mit ihnen allein sind, erzählen sie bereitwillig fast alles, was wir wünschen, und vieles, was ich nicht wünsche, denn ich kann den zahlreichen Mißständen, über die sie klagen, ihrer Rechtlosigkeit, ihrer Bedrückung, doch nicht abhelfen. Ich habe sie einige Male auf Selbsthilfe verwiesen und leicht gespottet, daß sie, die den Watussi an Zahl hundertfach überlegen sind, sich von ihnen unterjochen lassen und nur wie Weiber jammern und klagen können.«
Die nur etwas mehr als 50.000 Quadratkilometer umfassenden Königreiche stellen auf etwa fünf Prozent des Gebietes von Deutsch Ostafrika mit gegen vier Millionen Einwohnern fast 40 Prozent der auf 9 Mil-lionen geschätzten Gesamteinwohnerzahl der Kolonie.
1896 wird am Nordende des Tanganjikasees auf urun-dischem Boden die Militärstation Kajaga gegründet, gleich gegenüber dem Freistaat Kongo des belgischen Königs Leopold II. Der von Hauptmann Heinrich Bethe im Jahre 1898 gegründete Militärposten Ischangi am Kiwusee ist der erste deutsche Militärposten in Ruanda und liegt auch gegenüber dem Freistaat Kongo. 1899 wird der Bezirk Usumbura mit dem Regierungssitz Usumbura in Urundi, 15 Kilometer östlich der Station Kajaga, unter Hauptmann Bethe als Militärkomman-danten errichtet.
Die Anwesenheit der Deutschen in Ruanda und Urundi beschränkt sich in den ersten Jahren im wesentlichen auf militärische Expeditionen zur Erkundung des Lan-des, Besuchen bei einheimischen Herrschern und der Gründung von Militärposten, auch zum Schutz und zur Verstärkung der königlichen Macht des von den Deut-schen als alleinigen Herrscher von Ruanda anerkannten Königs Musinga.
Seit 1900 sind die Weißen Väter, eine französische Mission, die im deutschen Ruanda von ihrem deutschen Missionshaus in Trier geführt wird, in Ruanda tätig. 1904 kommt es zu heftigen Kämpfen zwischen den Ein-heimischen und hauptsächlich den Weißen Vätern. Die Einheimischen wollen die Auswärtigen los werden, zu denen auch afrikanische Händler von Bukoba am Vikto-riasee gehören, die bei ihren Karawanenzügen teilweise mit Gewalt gegen die Bevölkerung vorgehen, und die Weißen an sich, dabei aber hauptsächlich die Weißen Väter. Schwere Kämpfe finden zwischen den Missio-naren und deen Anhängern und ihren Gegner statt. Im Oktober/November 1904 bereinigt Resident Werner von Grawert mit seinen Askaris – afrikanischen Solda-ten der deutschen Kolonialtruppe – die Lage in Ruanda mit militärischen Mitteln. Es werden von der Truppe auch 80 Karawanenräuber festgenommen. Für eine gestohlene Last oder eine getötete Person fordert Gra-wert ein Rind als Entschädigung. 500 Rinder werden eingesammelt. Unter den Festgenommenen befinden sich auch zehn angesehene Tutsi. Diese werden von den Askaris gefesselt, gedemütigt und schließlich erschos-sen.
Die Hutu-Häuptlinge kommen mit Geschenke zu den Weißen Vätern und erklären ihre Freundschaft. Die Ru-he ist wiederhergestellt.
Am 10. März 1905 wird die Verordnung des Kaiserlichen Gouvernements von Deutsch Ostafrika in Daressalam unterzeichnet, welches das Betreten der Sultanate Ru-anda und Urundi regelt.