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Safaris

Ein deutscher Missionar schreibt über die Hauptschwie-rigkeit jeder Safari, die Lebensmittelversorgung der Reisenden: »Leicht war es gewiß auch nicht immer, denn wenn plötzlich 50, 100 oder gar noch mehr Fremde auftauchten, die versorgt werden mußten, so gab das in bestimmten Jahreszeiten und unter diesen und jenen Verhältnissen oft große Schwierigkeiten. Das waren die allerunangenehmsten Aufgaben einer Safari, wenn etwa die Bevölkerung zum passiven Widerstand griff, sei es aus Scheu vor denen ihnen unbekannten Weißen, die sie für Geister hielten, für wiedererstandene Tote – sie halten auch die Gespenster für weiß wie hier in Europa und neigen deshalb dazu, einen Europäer als Geist-wesen zu betrachten – oder sei es aus dem bewußten Willen heraus, dem landfremden Eindringling Schwie-rigkeiten zu machen. Dann konnte es vorkommen, daß man bis in die Nacht hinein wartete, ob nicht von den Einheimischen Lebensmittel zu erhalten wären. Die Träger murrten ob ihres knurrenden Magens willen, sie neigten schon dazu, sich mit Gewalt von den Feldern oder auch aus den Hütten zu holen, was sie für die Stillung ihres Hungers brauchten. Wenn man für solche Fälle nicht Lebensmittel für die ganze Karawane mit sich führte – und wer konnte das für eine längere Reise? – so mußte man alles aufbieten, um die Speise zu be-schaffen. Das ging leider nicht jedesmal ohne Zwang ab. Viele böse Zwischenfälle im Verkehr der Weißen mit den Einheimischen sind auf solche Gründe zurückzu-führen.«

Im August 1907 ist der Schutztruppenoffizier Heinrich Fonck im mittleren Tansania auf Expedition am Fluß Ruaha. An den Wasserfällen von Gomaïtale, »dessen Brausen und Donnern jeden Laut verschlang, und der im Verein mit den gigantischen, wie von Zyklopen-händen durcheinandergewirbelten Felsblöcken einen unvergeßlichen Eindruck hinterließ«, und den Fonck als erster Weißer zu Gesicht bekommt, wohnen die Wavin-sa. Die Wavinsa berichten Fonck und seinen schwarzen Trägern, daß jeder, der nicht das Wohlwollen der mäch-tigen Geister des Wasserfalls durch ein Opfer erwirbt, des Todes ist »und die sonst immer lachenden Träger lauschten ernst und still geworden mit leisem Schauer ihren Worten. Und nun erlebte ich ein merkwürdiges Vorkommnis, welches in meiner Erinnerung stets auf-taucht, wenn ich an die Gomaïtalefälle zurückdenke. Ich hatte den Fluß schon oberhalb des Hauptfalles über die Felsen kletternd durchwatet und suchte gerade einen Lagerplatz aus, als der Trägerführer zu mir kam und mich bat, den Gebrauch der Eingeborenen zu folgen und dem Geiste zu opfern. Und zwar müßte ich ein Stück Stoff opfern, da ich – wie jeder Europäer – reich sei, für die mittellosen Träger genüge ein geringeres Zeichen ihrer Opferwilligkeit. Da ich die Eingeborenen nun doch nicht in ihrem Gespensterglauben bestärken konnte, wandte ich ein, daß es keine Geister gäbe und ich nichts opfern würde. Der Führer erklärte, daß dann der Geist des Flusses einen Mann der Karawane töten würde. Bald darauf sah ich sämtliche bereits eingetroffenen Träger und Askaris als Opfer Grasbüschel unter einen mächti-gen, geneigten Felsblock, dem Sitze des Geistes, nieder-legen. Ich beteiligte mich natürlich nicht, sah aber noch, wie der ganze Raum unter dem Felsen bereits voller solcher und ähnlicher ›Opfer‹ war. Eine halbe Stunde später trug man die Leiche eines meiner Träger an mein Zelt! Der vorher ganz gesunde Mann war bis an die Fälle gekommen, hatte seine Last zur Erde gleiten lassen, sich daneben gelegt und war wenige Augenblicke später tot.

Gegen das Ansehen des Geistes von Gomaïtale konnte ich nun nichts vorbringen, und man wird mir im Stillen die Schuld gegeben haben. Die Todesursache des Man-nes blieb fraglich, da nichts Auffälliges zu bemerken war. Er war anscheinend einem Herzschlag erlegen, und ein eigenartiger Zufall hatte Zeit und Ort seines Endes in Übereinstimmung mit dem Glauben der Schwarzen und den Worten des Trägerführers gebracht.«

Um die Jahreswende von 1907 auf 1908 ist Heinrich Fonck auf der Jagd nach Flußpferd und Krokodil am Rufiji südlich von Daressalam. »Diesmal wollte ich nur beobachten und überhaupt nicht schießen.« Er fand eine Flußstelle »wo eine Ansammlung von Krokodilen zu erkennen war. Hier lag irgendeine Beute tief am Grunde des Flußarmes ganz unter Wasser. – Alle paar Minuten kam ein Krokodil langsam, den Kopf fast senkrecht aus dem Wasser streckend, hoch. Unter lautem Schmatzen löste es die zwischen den Zähnen eingeklemmten Fleischstücke und Hautfetzen ab, die dann verschluckt wurden. Alles dies vollzog sich, ohne besondere Gefrä-ßigkeit erkennen zu lassen, ganz ruhig und sozusagen gemütlich. Mit welcher Spannung ich, wie selbst die seelenruhigen Neger, diesem nie geschauten Frühstük-ke folgten, kann sich der Leser wohl ausmalen. Ebenso auch, was es zu bedeuten hat, wenn das Unglück einen Menschen in einer solcherweise belebten Gegend ins Wasser fallen läßt.

Die Sonne stand schon hoch, als wir uns ungern von diesem packenden Naturschauspiel trennten.

Aber ich hatte auf einmal ein ›Telegramm‹ in der Hand!

Zwei von Daressalam aus beschleunigt durch den Busch in Marsch gesetzte schwarze Eilboten hatten mich in ihrer staunenswerten Findigkeit beklagenswerterweise grade aufgestöbert, als ich beschlossen hatte, in dieser vergnüglichen Filmgegend zwei weitere, von mir bei mir beantragte und umgehend mir von mir genehmigte Ruhetage im höchster Gemütsruhe auszukosten. Sie waren großartig gelaufen und überreichten mir – in der Annahme, eine seltene Freudenbotschaft gebracht zu haben – strahlend den üblichen gespaltenen Baumast, in dessen Schlitz schön wasserdicht verpackt in schwar-zem Wachstuch ein verdächtiger barua (Brief) für mich enthalten war, den ich, durch Erfahrung gewitzigt, mit Mißtrauen entnahm und unter starkem Mißvergnügen las.

Ein sofortige Rückkehr heischender Drahtspruch war der traurige Inhalt, der mir nicht zusagen wollte. Daß man beim Gouvernement einer eventuellen Ausrede, das Telegramm nicht erhalten zu haben, da ›vermutlich‹ die Boten vom Krokodil gefressen worden seien, Glau-ben schenken würde, darauf konnte ich mich nicht verlassen. Zehn Jahre früher wäre das noch gegangen und ist damals auch einmal behauptet und – geglaubt worden. Damit war es also nichts, und es mußte geschie-den sein vom köstlichen Busen der Natur am Rufiji, wo ich himmlisch allein mit meinen vierzig schwarzen Biederseelen sozusagen ohne Stehkragen so restlos glücklich war, wie man das eben nur in Afrika sein kann.«

Am Ruaha hat der Großwildjäger Hans Schomburgk Mitte 1908 einen jungen Elefanten gefangen. Dafür hat er die Mutter des Kleinen erschossen. Am 16. August 1908 beginnt Schomburgk die Reise vom Ruahu-Fluß im südlichen Teil des mittleren Deutsch Ostafrika nach Daressalam mit dem von ihm gefangenen ganz jungen Elefanten, der Jumbo getauft wird. Um schneller voran-zukommen zieht die Karawane mit dem gefangenen Elefanten auf einer Barabara, eine von der deutschen Kolonialregierung angelegten Landstraße, bis Iringa, der ersten Marschstation. In Iringa muß eine Pause eingelegt werden, weil sich der Elefant auf der harten Straßenoberfläche die Füße wund gelaufen hat. Deshalb werden ihm Schuhe aus mehreren Lagen mit Paraffin getränkter Sackleinwand unter die Fußsohlen gelegt und mit Säcken an den Beinen befestigt.

Größtenteils in Nachtmärschen geht es dann nach Kilossa und weiter zur derzeitigen Endstation der Bahn im Landesinneren in Morogoro. Von Morogoro geht es mit der Bahn nach Daressalam. In Daressalam muß auf das Schiff nach Europa gewartet werden. In der Haupt-stadt von Deutsch Ostafrika ist der kleine Elefant eine Attraktion und bald der Liebling der Bevölkerung bei seinen täglichen Streifzügen durch die Stadt. Wegen einer nebensächlichen Schuldangelegenheit wird Schomburgk aber der Elefant gepfändet. Zur Sicherung des Pfands wird auf ein Pappschild der Kuckuck des Gerichtsvollziehers geklebt und dieses Pappschild dem Elefanten mit einer großen Schleife an den Schwanz gebunden.

Mit seinen beiden schwarzen Wärtern geht das Tier tagtäglich durch die Stadt und bildet für alle Einwohner, namentlich für die Kinder, eine Quelle der Freude und Belustigung und wird auch fotographiert. Er dient auch als Werbeträger etwa mit Papptafeln an seinen Seiten mit der Aufschrift: Heute frische Wurst und Well-fleisch.

Oft bilden sich Menschengruppen um das junge Tier und es werden ihm Leckerbissen zugesteckt. Kommen dem Elefanten bei solchen Gelegenheiten seine Wärter, die manchmal absichtlich weitergehen, aus der Sicht, so läßt er plötzlich ein ängstliches Trompeten hören, trabt ihnen nach und reibt sich dann kameradschaftlich an den glücklichen Eingeborenen.

Schließlich geht Jumbo als erster ostafrikanischer Ele-fant mit einem Tiertransport von Hagenbeck mit vielen anderen Tieren mit dem Schiff nach Europa und kommt in den von Hagenbeck angelegten Zoologischen Garten von Rom, wohin er den Elefanten verkauft hat.

Als in Deutsch Ostafrika Ende August 1908 der Groß-wildjäger Hans Schomburgk von einer monatelangen Safari zurückkommend sich mit seiner Karawane für den Einzug in Morogoro besonders vorbereitet hat, die Schwarzen mit bunten Tüchern geschmückt, einem gefangenen jungen Elefanten und Elfenbeinträgern mit etwa zwanzig Elefantenstoßzähnen voran, die Stadt er-reicht steht am Eingang der Stadt ein Mann mit einem Kasten auf drei Beinen und dreht an einer Kurbel am Kasten. „Gucken sie nicht ins Objektiv, sagen sie ihren Begleitern, sie sollen ruhig weitergehen!“

So bekommt Schomburgk, der ein begeisterter Fotograf ist, zum erstenmal eine Filmkamera zu Gesicht. Der Kameramann ist der deutsche Filmpionier Schumann.

Schumann hatte sich für das Entwickeln seiner Filme an der Küste in einem alten Araberkeller mit dicken Mau-ern eine kleine Kopieranstalt eingerichtet. Dort trifft Schomburgk Schumann wieder um sich anzuschauen, wie so ein Kinofilm entwickelt wird. Schomburgk war bis jetzt noch nie in einem Kino gewesen, denn er lebt seit 1898 in Afrika. Der Film wird in dem Kellerraum gewässert und dann auf die Trockentrommel gespannt. Ruhig und sachlich beginnen zwei gut eingearbeitete Neger die Trommel zu drehen und dann geschieht vor Schomburgks Augen das Unglück. Die Schichten des Filmmaterials lösen sich voneinander und fliegen an die Wand. Das gedrehte Filmmaterial ist verloren. Unter einfachsten tropischen Verhältnissen Film zu entwik-keln ist undurchführbar. Schomburgk: »Das, was ich da erlebte, hätte eigentlich genügen müssen, mich für alle Zeiten von dem Ehrgeiz zu befreien, Filmaufnahmen im afrikanischen Busch zu machen.«

Mitte 1909 ist der Großwildjäger Hans Schomburgk wieder auf Elefantenjagd in Deutsch Ostafrika. Von Mahenge aus zieht die Karawane auf einer Barabara, einer von der deutschen Kolonialverwaltung angelegten Straße, zum Ulanga. In Mahenge hat Schomburgk Euro-päer bei der Arbeit beobachtet und gesehen, wie sie durch ihre Arbeit Werte schaffen, und ist zu der nieder-schmetternden Überzeugung gekommen, daß er als Großwildjäger nur Werte zerstört. Am 1. Oktober 1909 schießt Schomburgk am Ulanga nachts um 0 Uhr 40 im hellen Mondlicht auf freiem Feld seinen 63. und letzten Elefanten. Er hat seine neue Bestimmung gefunden und will Filme in Afrika drehen.

Zurück in Europa sieht Schomburgk zum erstenmal Kinofilme und auch in Afrika gedrehte englische und französische Filme, sogar einen handkolorierten franzö-sischen Farbfilm. Filmen in Afrika ist aber in keiner Weise mit dem Filmen in Europa vergleichbar. Die Film-pioniere in Afrika müssen deshalb teures Lehrgeld bezahlen. Die Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg hat zwar 1910/11 die besten Aufnahme-geräte dabei, aber keinen ausgebildeten Kameramann, und die oberflächlich im Filmen ausgebildeten Mitglie-der der Expedition scheitern an dieser Aufgabe in der afrikanischen Wildnis. Paul Graetz hat zwar 1911 bei seiner Afrikadurchquerung mit einem Motorboot einen Kameramann dabei, der wird aber von einem Büffel getötet. 

Die Jagd auf den Elefanten braucht Zeit, viel Zeit, wie der Schutztruppenoffizier und Großwildjäger Heinrich Fonck feststellt. Er schreibt: »So viel Zeit fand sogar während des Aufstandes 1905/06 ein am Rufiji tätiger Herr, daß er 17 Elefanten erlegte, die ich später an Ort und Stelle nachweisen konnte. Wieviele er außerdem krank schoß, weiß man nicht. Derselbe begründete diesen Betrieb mit der gemütvollen Erklärung: „Wenn ich sie nicht schieße, dann schießt sie ja ein anderer.“

1907 schoß ebenfalls am Rufiji ein »sogenannter Bur« 30 Elefanten in wenigen Monaten.

Im Bezirk Mahenge wurden von Europäern ebenfalls eine ganze Reihe von Elefanten erbeutet, die dem Hauptjäger, der immer unterwegs war und sich von guten Schützen helfen ließ, viele Goldmark eingebracht haben müssen. – Am Kilimandjaro war einige Jahre lang der Beschuß von Elefanten verboten. Wegen des Scha-dens, den sie dann in den Pflanzungen anrichteten, wurde die Jagd wieder gestattet, bis 1909 das neue Jagd-gesetz erfreulicherweise diese großartigen Geschöpfe Gottes wieder in Schutz nahm; einmal durch die hohe Jagdscheingebühr und dann durch die Beschränkung der Zahl der zum Abschuß freigegebenen Tiere auf zwei pro Jahr und Jagdschein. Aber wenn dieses Gesetz auch noch so gute Wirkungen zeitigt, der Elefant wird in Deutsch-Ostafrika langsam und sicher ausgerottet wer-den, denn die Bestände sind doch nicht groß genug, um auch den eingeschränkten Abschuß zu ergänzen, ge-schweige durch Mehrnachwuchs zu übertreffen.

Das immer im Preise steigende Elfenbein ist ein zu kost-barer Stoff, als daß nicht doch darauf gewildert werden kann und wird, in einem Lande, in welchem die Kontrol-le schwer ist. Als Wechselwild wird der Elefant an den Grenzen der ganz gesperrten Jagdreservate ebenfalls immer leicht abgeschossen werden können.«

Diese düstere Einschätzung Heinrich Foncks über die Zukunft des Elefanten in Deutsch Ostafrika wird zu der Zeit auch von anderen deutschen Fachleuten geteilt.

Über die nun Jahrzehnte zurückliegende Herrschaft der Araber in Ostafrika schreibt Fonck aus den von ihm in seiner Zeit als Schutztruppenoffizier in der Kolonie ge-hörten Geschichten von alten Arabern:

»Wurden, so lange die Welt besteht, um an Gold, Edel-steine oder sonstige Kostbarkeiten reiche Länder blu-tige Kriege geführt, so veranlaßte die Gier nach Elfen-bein in Innerafrika zahllose Kämpfe, Greuel, Mord und Brand. Nicht nur der Elefant wurde vernichtet, wo man ihn mit Pulver und Blei erreichen konnte; nein, um des Besitzes seiner Zähne willen wurden friedliche Dörfer überfallen und ausgeraubt, die sich zur Wehr setzenden Menschen umgebracht, soweit sie nicht gefesselt den Raub selbst erst forttragen mußten und später als Skla-ven verkauft wurden.

Hiervon gibt keine Chronik Kunde. Keine Aufzeich-nung, keine Urkunde wird jemals Zeugnis ablegen kön-nen, in welchem Verhältnis die Zahl der des Elfenbeins wegen geopferten Menschenleben zu der der getöteten Elefanten steht. Wie grausige Märchen hören sich heu-te die Erzählungen alter Araber an, welche jene Zeiten miterlebten.«

Im Januar 1914 landet Paul von Lettow-Vorbeck in Dares-salam, der neue Kommandeur der Schutztruppe von Deutsch Ostafrika. Er hatte als Offizier im Herero- und Hottentottenaufstand von 1904-1906 in Südwestafrika Erfahrung im Buschkrieg gesammelt. Als Militär hat er selbstverständlich die Möglichkeit kriegerischer Ver-wicklungen der Kolonie zu Bedenken und vorsorgliche Maßnahmen zu ergreifen. Die einzige ernsthafte Bedro-hung für das Schutzgebiet wäre ein Krieg gegen England mit seiner Kolonie Britisch Ostafrika, die nördlich an Deutsch Ostafrika anschließt. So geht Lettow-Vorbeck noch im Januar auf Besichtigungsreise in den Nordosten der Kolonie »nach Usambara, in das reiche Gebiet der deutschen Planzungen und weiter in die Gegenden des Kilimandjaro und des Meruberges«. Er findet »in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-berge freiwillige Schützenkorps in Bildung«. Alle »be-reit, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstel-len«.

Weiter beschreibt Lettow-Vorbeck: »Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, bestieg ich den Kilimandjaro. – An dem oberen Rand des Urwaldes, bei dem 3000 m hochgelegenen Bismarckhaus, trafen wir das Malerehepaar Ruckteschell und ihren Schweizer Freund, die, vor großen Leinwänden mit dem Malen des Kilimandjaro beschäftigt, uns dort einen kleinen Imbiß gaben. Von diesem Bismarckhügel aus hatten wir einen herrlichen Überblick über die Steppe, sahen die Grenze des deutschen Gebietes, sahen weit ins Englische hinein und sahen auch die fernen Berge an der Ugandabahn. – Meine guten Träger, die nicht so schnell unseren Maul-tieren folgen konnten, sondern mit schweren Lasten müh-sam den Berg heraufkeuchten, ließen wir dann zurück und ritten mit dem Schlüssel für die Petershütte durch die kurze, grasbewachsene Steppe hinauf zum Plateau bis über 4000 m. Große Elenherden weideten dort ganz unbefangen und ohne Scheu vor Europäern, die ihnen in dieser Gegend mit der Jagd nichts anhaben durften. Auf dem Plateau herrschte gewaltige Kälte, und in der kleinen unbeheizten Petershütte, in der wir über-nachteten, war am Morgen das Waschwasser gefroren. Wir waren hoch über den Wolken und sahen unter uns das Nebelmeer wie eine leicht gewellte Schneedecke… – Ruckteschells erzählten mir von ihrem interessanten Aufstieg auf den Gipfel des Kilimandjaro, dessen Krater 2 km im Durchmesser hat, voll von Schnee und der merkwürdigsten Eisgebilde ist, und dessen Gipfel, die Kaiser-Wilhelm-Spitze, bisher nur vier Menschen er-stiegen haben. Die Schwierigkeit liegt in der dünnen Luft. Aber die Mühe hatte sich gelohnt, auch wenn sie vierzehn Tage lang hinterher an den Folgen ihrer son-nenverbrannten Gesichter schwer zu leiden hatten, nur Flüssiges, und diese auch nur durch Makaroniröhren zu sich nehmen konnten. Sie meldeten mir voll Stolz, sie hätten auf der Kaiser-Wilhelm-Spitze zum Zeichen ihres Aufstiegs eine Steinpyramide errichtet mit einem Gipfelbuch und auf diesem Steinhaufen die deutsche Flagge befestigt, die dort von nun an ›höchster Stelle‹ auf deutschem Boden wehen soll.«

Bereits bei der Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer und Ludwig Purtscheller wurde am 6. Oktober 1889 die deutsche Flagge »auf den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde« gesetzt, wie Meyer schrieb, die aber im Laufe der vielen Jahre ver-schwunden ist.

Lettow-Vorbeck: »Nach meinem Abstieg reiste ich nach Aruscha, das am Meruberge liegt, einem Krater von der Höhe des Montblanc. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während meines Mar-sches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß alle dortigen deutschen Ansiedler im Kriegsfalle wertvolle Mithilfe leisten würden. – Die Gefechtsübun-gen im Eingeborenenkrieg lieferte ein Bild, welches von dem unserer europäischen Besichtigungen stark ab-wich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne überfielen. – Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vieler-lei vorzubereiten war, wenn wir für den Kriegsfall gegen England gerüstet sein wollten. Aber es herrschte die Mei-nung, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. – In Boma la Ngombe, einem Ort zwi-schen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes ange-siedelt worden. Sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. – Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des ostafrikanischen Viehbestands, dort verhältnismäßig selten ist. Die Tsetsefliege überträgt durch Stich Para-siten in das Blut der Tiere, die daran eingehen oder siech werden. Der Viehbestand in diesem einen Bezirk Aruscha ist weit größer als derjenige von ganz Südwest-afrika. – Auf dem Zuge durch das ›Pori‹ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spur-loses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir Post aus Europa. Die Eingeborenen geben einander Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht.«

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Verkehr IX

Die Warentransporte in Ruanda erfolgen über den Kara-wanenverkehr. Auch für den Karawanenverkehr legt die Kolonialverwaltung, soweit es ihr möglich ist, Wege und später schließlich erste Erdstrassen an.

Mit der Fertigstellung der Ugandabahn 1902 bis zum Viktoriasee, und dem gleichzeitigen Beginn des Einsat-zes von Dampfschiffen auf dem riesigen See durch die Briten, werden die Anlegestellen am See die Verbindung zur Ugandabahn und damit zum Anschluß an den Welt-handel. Bereits mit dem Anschluß der Ugandabahn an den Viktoriasee bringen lange Überlandtransporte aus Ruanda und Urundi Häute und Felle an die Westgestade des Sees und über den See gehen diese Waren nach Port Florence, den für die Ugandabahn an der britischen Seite des Viktoriasees angelegten Hafen. Europäische Handelsartikel wandern auf den Köpfen der Träger von der deutschen Seeseite zurück in die Residenturen.

Einen besonderen Aufschwung erwartet man sich in Ru-anda von einer eigenen Eisenbahnlinie. Um Ruanda bes-ser an den Handel über den Viktoriasee anzuschließen, und für den Gütertransport aus und nach dem Kongo, wird ein Eisenbahnbau vom Westufer des Sees südlich von Bukoba bis zum Kagera angedacht. 1907 steht die Planung: Die Ruandabahn soll in Kimoani südlich von Bukoba am Viktoriasee beginnen und am Zusammen-fluß der Flüsse Ruvubu aus Urundi und dem Kagera-Nil aus Ruanda enden. Dieser Zusammenfluß wird ›Kagera-knie‹ genannt.

1909 betreibt die ruandische Residentur auch die Erkun-dung des Nyabarongoflusses auf seine Schiffbarkeit hin aus der Nähe des Residentursitzes Kigali bis zum Kage-raknie. Die Erkundung wird von Eberhard Gudowius im Auftrag des Residenten Richard Kandt am 18. Juli 1909 begonnen. Die Untersuchungen betreffen Messungen der Breite und Tiefe sowie die Geschwindigkeit des Flus-ses. Gudowius beginnt die Messungen an der Fähre im Ort Muverumba nordwestlich von Kigali und nimmt die südöstliche Richtung nach dem Kageraknie. Die Erkun-dungsfahrt endet am 27. Juli 1909. Gudowius hat dabei von Kigali bis zu den Fällen von Rusumo insgesamt 209 Kilometer zurückgelegt. Aus den Messungen ergibt sich, daß der Nyabarongo auch ohne vorherige Regu-lierung »mit Fahrzeugen von etwa 15 Meter Länge, 3 bis 4 Meter Breite und 1m Tiefgang befahren werden kann, und daß sich überall in der größten Trockenheit aus-reichende Stromtiefen finden.«

Ist aus der Sicht der Residentur ein Bahnanschluß zum Viktoriasee das Beste für die wirtschaftliche Entwick-lung von Ruanda, so wird in Daressalam und Berlin auch aus politischen Gründen die Sache anders gesehen. Man will keine Anbindung von Ruanda an das britische Ver-kehrssystem, sondern, wenn schon, an das deutsche.

1911 wird das Eisenbahnprojekt nochmals erörtert. In seiner Denkschrift vom 20. Juli 1911 an das Reichskolo-nialamt schreibt Gouverneur Albrecht von Rechenberg, daß die Ruandabahn wahrscheinlich unrentabel sein wird. Der Bau würde auf Grund der ungünstigen land-schaftlichen Verhältnisse teuer. Er schätzt die Gesamt-kosten des Baus der Bahnlinie auf 40 bis 45 Millionen Mark, die Steuereinnahmen aus Ruanda und Urundi betragen im Jahr aber nur etwa 2,4 Millionen Mark. Der Gouverneur schlägt in seiner Denkschrift dem Reichs-kolonialamt vor auf Pläne zur Entwicklung von Ruanda und auf das Eisenbahnprojekt für die nächsten Jahre zu verzichten.

Eine Studie von 1912 weist nach, daß über den Kagera-Nil eine Schiffahrt von nahe der Hauptstadt Kigali bis zum Viktoriasee möglich ist. 1913 führt die Technische Kom-mission eine Erkundung auf dem Nyabarongofluß durch und hält die wirtschaftliche Erschließung durch eine Bahn von Tabora, gelegen an der Zentralbahn von Dares-salam zum Tanganjikasee, nach Ruanda mit anschlie-ßender Flußschiffahrt für möglich.

Am 19. März 1913 genehmigt der Reichstag schließlich die Mittel für den Bau der Eisenbahn nach Ruanda von Tabora aus.

Am 15. März 1914 kann die Zentralbahn in ihrer Gesamt-strecke von Daressalam nach Kigoma am Tanganjikasee dem beschränkten öffentlichen Verkehr übergeben werden, zwei Wochen früher als im Bauvertrag bedun-gen.

Kigoma liegt gleich südlich von Urundi, was die Reise nach Urundi, und auch nach Ruanda, beträchtlich ver-kürzt und die Reise selbst bequem macht. Die fahrplan-mäßige Reisezeit über die Gesamtstrecke beträgt knapp 58 Stunden. Für 1916 wird für den durchgehenden Zug eine Fahrzeit von eineinhalb bis zwei Tagen in Aussicht genommen.

Nach der Mittelbewilligung des Reichstags beginnt 1914 der Bau der Ruandabahn von Tabora aus. Während der Bau begonnen hat werden die erforderlichen Vermes-sungen der vorgesehenen Trasse im Bereich südlich des Viktoriasees bis nach Ruanda für den Bahnbau durch-geführt. Zunächst wird die Bahn von Tabora in Richtung Viktoriasee vorgetrieben, um die Bezirke am See an die Bahn anzuschließen, um dann die Bahnlinie abbiegend auf Ruanda zu bis zum Kageraknie weiterzubauen. Außerdem ist ein Staudamm am Kagera vorgesehen, um die Bahnstrecke von zunächst 529 km auf 490 km zu verkürzen.

1915 wird eine Telefonverbindung von Ruanda nach Daressalam eingerichtet, zwischen dem Hauptquartier der deutschen Streitkräfte in Ruanda in Rubengera im Westen Ruandas und der Hauptstadt der Kolonie Deutsch Ostafrika. Hauptsächlich wird die Telefonver-bindung natürlich geschaffen, um den militärischen Gegebenheiten im laufenden Weltkrieg gerecht zu werden.


Der Kiwusee liegt im Nordwesten von Ruanda und bildet dort auch gleichzeitig das Grenzgewässer zum belgi-schen Kongo. Der See liegt 1460 m über dem Meeres-spiegel, ist rund 100 km lang, rund 50 km breit und hat eine Fläche von 2400 qkm. Trotz der hohen Lage des Sees ist er doch noch von allen Sei­ten mit hohen Berg-ufern eingefaßt. Der Seeweg ist der beste Weg für die am Ufer lebende Bevölkerung und auch für die ansäs-sige Bethel-Mission, um die Uferbevölkerung zu errei-chen und die einzige Möglichkeit auf die große Insel Idschwi zu kommen. Auf Idschwi, der größten Seeinsel, lebt eine so zahlreiche Bevölkerung, daß von der Bethel-Mission dort die Sta­tion Giteme angelegt wurde.

Das Verkehrsmittel auf dem Kiwusee sind die Kanus der Einheimischen, welche auch von den Missionsangehöri-gen benutzt werden.

Ein Erlebnis des Missionars Karl Roehl gibt denn den Anlaß zum Bau eines Motorbootes für den Betrieb auf dem See. In der Weihnachtszeit 1910 wird der Missionar mit einem Einbaum auf dem Kiwusee von einem hefti-gen Sturm überrascht. Die afrikanischen Ruderer holen abergläubisch Pfeifen aus Möwenknochen hervor, um damit den Wind zu beschwichtigen und legen dann fata-listisch die Hände in den Schoß und er­warten ihr Schik-ksal. Aber Missionar Roehl spannt seinen Regenschirm als Segel auf, der Einbaum wird ans Ufer getrieben und alle Insassen gerettet. Roehl schreibt unter dem Ein-druck dieses Erlebnisses:

»Wie schön wäre es unter diesen Verhältnissen, wenn wir auf dem Kiwu ein Boot haben könnten, das durch eine mechanische Kraft getrieben wird, so daß man von den Ru­derern unabhängig wäre.«

Ein weiteres Ereignis unterstützt den Plan ein Motor-boot auf den See zu bringen. Der Missionskaufmann Weiss wird von einen Unwetter auf dem See überrascht und seine ganze Han­delsware und Ausrüstung geht ver-loren. Er selbst kann sich nur halbnackt an Land retten.

Auf der Schiffswerft von Holst in Harburg bei Hamburg wird das Motorboot gebaut. Bruder Schmitz der Bethel-Mission hat beim Bau und beim Abmontieren des Boo-tes mehrere Wochen auf der Werft mitgearbeitet, um für den Wiederzusammenbau und den Betrieb des Boo-tes das nötige Wissen zu erlangen. Auch der Missions-angehörige Gustav Neumann, der schon einmal in Ru-anda war, verbringt noch eine kurze Zeit in Harburg bevor die Abreise im Herbst 1913 nach Afrika beginnt. Das »Bodelschwingh-Boot« – benannt nach Friedrich von Bodelschwingh, dem Begründer der Bethel-Anstalt und Mission in Westfalen – wird in Einzelteilen mit dem Schiff nach Afrika verfrachtet. Die Teile des Missions-bootes werden in Mombasa in Britisch Ostafrika ange-landet und mit der Ugandabahn nach Port Florence am Ostufer des Viktoriasees gefahren. Über den See geht das Boot ins deutsche Bukoba an der Westseite des Viktoriasees.  

Da das Motorboot von Bukoba bis zum Kiwusee etwa 200 km auf den Köpfen der Träger durch das ganze Bergland Karagwe und Ruanda befördert werden muß, ist es not-wendig, es wieder so zu zerlegen, daß leichte Trägerlas-ten von etwa 60 Pfund daraus entstehen, die vielleicht schwierigste Aufgabe mit dem ganzen Boot. Einzelne Teile vom Motor und vom Kiel können nur von mehre-ren Leuten getragen werden.

Bruder Schmitz und Gustav Naumann sind in Sorge, ob wohl auch alle Teile den See erreichen werden, als sie die endlosen Berge auf dem Wege zum Kiwusee über-klettern. Fehlt auch nur ein Teil des Bootes, so müßte Monate lang gewartet werden, bis es aus Deutschland nachgeliefert werden kann. Und wie leicht kann beim Verladen etwas verlorengehen oder beim Übergang über den Kagera etwas ins Wasser fallen. Doch nicht das geringste geht auf dem Transport verloren. Bald nach der Ankunft vom Boot und seinen beiden Monteuren am Kiwusee, bei der Missionsstation Rubengera der Bethel-Mission, kann die Arbeit des Wiederaufbaus beginnen. Zuerst wird ein großer Schuppen gebaut, der, wie alle Bauarbeiten in Ruanda, allein schon reich­lich Arbeit macht. Unter diesem Schuppen wird das Boot auf Stapel gelegt. Kiel und Spanten werden verschraubt und mit der Haut umgeben. Diese vorberei­tende Arbeit ist gar nicht so einfach, denn durch den langen Transport haben doch manche Teile ihre notwendige Form stark eingebüßt.

Die einheimischen Wanyanruanda sind schon von dem Au­genblick an, wo die ersten Eisenteile ankommen, der Sache mit offenem Spott und Mißtrauen begegnet, und vor allem darum, weil das Boot aus Eisen gebaut wird und viele der Einheimischen raten den beiden Deut-schen vom Bau ab. Schon die Tat­sache, daß die Weißen offenbar nicht wissen, daß Eisen nie und nimmer schwimmt, auch das aus Europa nicht, hat das ganze Land in große Aufregung versetzt.

So haben die beiden Bootsbauer Tag für Tag ganze Wall-fahrtszüge Neugieriger um sich und ihre Arbeit sitzen. Soviel Unterhaltungsstoff hat es bestimmt schon lange nicht mehr in der Seegegend gege­ben. Mancherlei im-poniert den Leuten aber auch sehr, besonders, was sie beurteilen und ver­stehen können, wie die Werkzeuge: Feldschmiede, Bohrmaschine und Amboß.

Endlich sind alle Teile des Motorbootes zusammenge-schraubt. Fertig zusammengesetzt ist das Schiff – aber Loch an Loch! Selbst, wenn es ein Holzboot wäre, so könnte es sich doch keinen Augenblick über Wasser halten! Für die Einheimischen ist dieses löcherne Boot ein Witz. Als die beiden Deutschen sich nun aber unver-drossen daranmachen, ein Loch nach dem anderen zu-zunieten, zuerst die großen und dann die kleinen, wer-den sie immer kleinlauter. Leider wird Bruder Schmitz dann bald recht krank, so daß er wochenlang auf der Station zu Bett bleiben muß, und Naumann genötigt ist, allein mit den Eingeborenen weiterzuhämmern. Sind die tausenden von Nieten endlich eingezogen, folgt das ebenso langweilige Ver­stemmen der Nähte; eine Arbeit, bei der man sich von den Eingeborenen nicht helfen las-sen kann, denn davon hängt ja die Dichte und Seetüch-tigkeit des Bootes zum größten Teil ab.

Es ist inzwischen Mai 1914 und nachdem Naumann die jetzt fertige Bootshaut noch wiederholt mit Ölfarbe an-gestrichen hat und Bruder Schmitz wiederhergestellt ist, muß Gustav Naumann die Arbeit am Boot verlassen, um seine aus Europa nachfolgende Frau in Bukoba am Viktoriasee abzuholen. Das Ehepaar Naumann zieht dann nach Ostruanda, um dort eine neue Missionssta-tion in der Landschaft Kisaka am Kageraknie zu grün-den. Bei Naumanns Abreise fehlt dem Boot nur noch der Motor und der innere Ausbau. Im Juli ist dann das Boot fertig.  

Für die Eingeborenen, die zu Tausenden für den Stapel-lauf herbeige­strömt sind, ist es eine Überraschung, als allen vermutlichen Naturgesetzen zum Trotz das eiserne Schiff doch wirklich schwimmt. Das »Bodelschwingh-Boot« ist das einzige Motorboot auf dem Kiwusee als es im Juli 1914 in der Musaho-Bucht bei der Missionssta-tion Rubengera zum zweiten Mal vom Stapel läuft. Das Boot ist 10,50 Meter lang, zwei Meter breit und hat eine sehr schöne, geräumige und wasserdichte Kabine. Au-ßer dem Bodelschwingh-Motorboot gibt es auf dem Kiwusee nur zwei Stahlsegelboote der Belgier und ein Stahlsegelboot hat der deutsche Militär- und Verwal-tungsposten in Kissenji gleichzeitig mit dem Boot der Bethel-Mission gebaut.

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Wirtschaft VIII

Die einheimische Wirtschaft von Ruanda besteht haupt-sächlich aus Rinderzucht und Ackerbau. Die Watussi besitzen etwa eine Million Langhornrinder. Das Klein-vieh wird auf die gleiche Zahl geschätzt. Die Wahutu, über 95 Prozent der Bevölkerung, betreiben den Acker-bau. Auch die wenigen zwergwüchsigen Batwa betreiben Ackerbau und dazu Töpferei.

Nach der Gründung von Kigali als Hauptstadt von Ru-anda durch den Residenten Richard Kandt siedeln sich in der entstehenden Stadt schnell indische, arabische und griechische Kaufleute an und eröffnen ihre Ge-schäfte. Auch europäische Handelsfirmen siedeln sich an.

Werden 1910 von der deutschen Residentur 873 kleine Karawanen mit 13.519 Trägern in Kigali gezählt, so sind es 1912 bereits 1784 Karawanen mit 23.971 Trägern. 1912 gibt es bereits um die 40 selbständige Kaufleute und Firmen in Kigali mit 24 Filialen in Ruanda. Sechs der Firmen sind europäische Unternehmen. Außerdem be-suchen ruandische Händler der Hutu den Markt von Kigali mit Fellen und Häuten, die sie gegen Stoffe und Perlen für deren erneuten Eintausch gegen Felle und Häute der Landbewohner erwerben.

1912 errichten die europäischen Handelsgesellschaften East African Trading Company und Internationale Handelsgesellschaft gemeinsam eine Wäscherei für Felle in Kigali.

Im Land verbreiten sich Wanderhändler und der Wege- und Hausbau lebt auf. Tierfelle, Rinder und Ziegen sind die Hauptausfuhrgüter. Ferner gibt es die Organisation von Handelskarawanen.

Die Einführung von ‚cash crops’, landwirtschaftlichen Pflanzungen für den Export, wird angegangen. Versuche mit Baumwolle, Tabak, Erdnüssen und Reis sind von zweifelhaftem Erfolg, wohl auch wegen der Hochlage von Ruanda. Kandt erhofft sich vom Kaffee mehr Erfolg. Seit 1913 hat man in der deutschen Verwaltung in Kigali Interesse am Kaffeeanbau, denn Kaffee paßt als Kultur hervorragend in das dafür bestens geeignete Ruanda.

Schon 1905 begannen die Missionare der Weißen Väter in Mibirizi Kaffee bei der Bevölkerung als Anbaukultur einzuführen. Jetzt wird der Kaffeeanbau als sehr zu-kunftsweisend angesehen. Kaffee braucht viel weniger Anbaufläche als andere Kulturen wie Erdnüsse und Baumwolle und kann auf ungenutzte Bananenhaine ge-setzt werden. In seiner Denkschrift vom 8. September 1913 an das Kaiserliche Gouvernement in Daressalam schreibt Resident Kandt:

»Das einzuführende Produkt muss auf dem Weltmarkt stets Aufnahme finden. Eine Kultur, die allen diesen Anforderungen entspricht, ist vorhanden: wir müssen Ruanda und Urundi zu Kaffeeländern machen.«

Am 7. Juli 1914 bittet die Residentur in Kigali die Resi-dentur von Urundi um einen Zentner Kaffeesaat. Es sol-len Millionen von Setzlingen an die Bevölkerung verteilt werden. Die erste Kaffeeernte wird vom Residenten Kandt für 1917 erwartet. Die Afrikaner sollen als Anreiz für den Kaffeeanbau einen Garantiepreis von fünf Hel-lern pro Pfund Kaffee erhalten und von den exportie-renden Firmen soll eine Abgabe von zehn Hellern pro Pfund Kaffee gefordert werden. Die gerade im Lande beginnende Einziehung der Kopfsteuer soll wieder abge-schafft werden, deren Einziehung auch viele Beamte erfordert, und die Steuer soll vollständig über den Kaf-fee eingezogen werden. Die Kosten für die Steuerer-hebung würden gesenkt und Unruhe bei der Bevölke-rung durch die Steuererhebung vermieden.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung V

Am 20. Juni 1906 erfolgt die Verordnung für die Ein-führung der Residenturen Ruanda, Urundi und Bukoba. Die Abtrennung der Residentur Ruanda von Usumbura erfolgt offiziell am 15. November 1907 und der Arzt und Forschungsreisende Richard Kandt wird zum ersten Residenten Ruandas ernannt. Durch die Schaffung der ruandischen Residentur mit einem zivilen Residenten endet auch in Ruanda die militärische Verwaltung.

In seiner Rede nach seinem Ostafrika-Besuch von 1907 vor der Reichshaushaltskommission für die Entwick-lung seiner Kolonialpolitik erwähnt Kolonialstaatsse-kretär Dernburg auch die Residentur von Ruanda, er betont aber, daß sie noch im Versuchsstadium sei:

„In Ruanda wird jetzt der Versuch einer Residentur ge-macht, lediglich der Versuch. Wir glauben, einen sehr geeigneten Mann [Richard Kandt] gefunden zu haben, der diesen Versuch machen kann.“

Kandt trifft im August 1907 aus Europa kommend in Ru-anda ein und läßt in der Mitte des Landes auf einem vom Wald gerodeten Hügel seinen Regierungssitz Kigali er-bauen. Im April 1908 werden die aus Ziegeln erstellten Dienstgebäude der Residentur eingeweiht.

Für die Verwaltung der Residentur werden von Schulen in der Residentur Bukoba ausgebildete Einheimische beschäftigt.

Seit 1900 sind die Weißen Väter in Ruanda, eine katho-lische Mission aus Frankreich, aber im deutschen Ruan-da von ihrem Missionshaus in Trier geführt, und ab 1907 die in Westfalen angesiedelte evangelische Bethel-Mission. Beide Missionen führen Schulen und Resident Kandt führt Regierungsschulen in Kigali für die herr-schende Tutsi-Bevölkerung ein. Kandt begünstigt die traditionelle Tutsi-Herrschaft über die Hutu-Bevölke-rung.


Die hohe Bodenfruchtbarkeit und ein gesundes, die Aus-breitung der Malaria bremsendes Höhenklima mit küh-len Nächten ist eigentlich für weiße Siedler in Ruanda günstig, aber das Land ist schon dicht besiedelt und Resident Richard Kandt und Kolonialstaatssekretär Bernhard Dernburg wollen keine weiße Besiedlung. Auch um nicht weitere Unruhen in den Kolonien zu provozieren, wie die Herero- und Maji-Maji-Rebellionen 1904/05 in Südwestafrika und Ostafrika, die zum Teil durch Landenteignungen verursacht worden sind.


1910 muß die Residentur Ruanda aufgrund eines Ab-kommens zwischen Deutschland und Belgien vom 11. August 1910 die 340 qkm große Insel Idschwi im Kiwu-see an Belgisch Kongo abtreten. Eine deutsche Verwal-tung hat auf der Insel nicht bestanden, aber eine Bethel-Mission.

Nach der Übergabe an Belgien bleibt die Bethel-Mission auf Idschwi und wacht über die vertraglich verbliebenen deutschen Rechte auf der Insel wie etwa Holzeinschlags-rechte und die Kalkgewinnung. Die deutsche Mission berichtet über die Verhältnisse auf der Insel an die deutsche Kolonialverwaltung in Ruanda.


Die deutsche Kolonialverwaltung in Ruanda, wie auch in anderen Residenturen und Bezirken Deutsch Ostafrikas, ist von einem akuten Mangel an europäischem Personal gekennzeichnet. Der Resident selbst muß sich mit der Kasse beschäftigen und ist deswegen gezwungen, einen großen Teil seiner Zeit in der Station zu verbringen, was die notwendigen Bezirksreisen beschränkt. Richard Kandt schreibt in seinem Jahresbericht 1910, daß das Fehlen eines Sekretärs den Residenten daran hindere, sich um die wirtschaftliche Entwicklung und die Errich-tung von Märkten zu kümmern.

Ende 1911 besteht das deutsche Residenturpersonal in Ruanda aus dem Residenten, dem stellvertretenden Residenten, einem Sekretär, einem Polizeiwachtmeister, einem Kanzlisten und einem Sanitätsunteroffizier. Seit Juli 1911 gibt es auch keine Militärposten in Ruanda mehr. Am 22. Juli 1911 werden die bisherigen Militär-posten Ischangi, Kissenji und Mruhengeri aufgehoben und in Zivilverwaltungsposten umgewandelt. Aus Kos-tenersparnisgründen bleibt die Verwaltung der drei Pos-ten in den Händen der dort stationierten Schutztruppe.

Die deutsche Kolonialverwaltung ist wahrlich kein Ap-parat, um überflüssigen Beamten aus dem Heimatland gute Posten auf Kosten der Kolonialbevölkerung zu ver-schaffen, wie es bei anderen Kolonialmächten der Fall ist.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon schreibt:

An nichteingeborenen Farbigen gab es Anfang 1913: 97, an Europäern in Ruanda 78, 11 Missionsstationen liegen im Land. Europäische Händler werden nur in ganz be-schränktem Maß, europäische Ansiedler gar nicht zuge-lassen, da man Schwierigkeiten mit der zwar recht fried-lichen, aber noch sehr wenig an Europäer gewöhnten Bevölkerung fürchtet. Der Bau der Ruandabahn wird auch in dieser Hinsicht vieles gründlich verändern. Der eingeborene Herrscher von Ruanda, Msinga Juhi [Musinga], wohnt in Njansa in der Provinz Nduga Ober-Ruandas, der kaiserliche Resident in Kigali genau in der Landesmitte; er hat 100 farbige Polizisten zur Verfü-gung. Die 11. Kompagnie der Schutztruppe steht in Kissenji, 1½ km von der Grenze gegen die belgische Kongokolonie, am Kiwu, ein Zug im Offiziersposten Mruhengeri am Fuß der Virunga, 1876 m ü. d. M.


Im Frühjahr 1913 bereist der Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Heinrich Schnee, die nordwestlichen Bezirke Muansa, Bukoba, Ruanda und Urundi. Zuerst besucht der Kaiserliche Gouverneur die deutschen Häfen am Viktoriasee. Am 16. Februar erreicht Schnee die ruan-dische Grenze und wird vom Residenten Richard Kandt und dem Großhäuptling und Gesandten König Musin-gas, Rwubusisi, mit zahlreichem Gefolge empfangen. Am 12. März reist der Gouverneur weiter nach Urundi.


Die deutsche Bethel-Mission berichtet über die Verhält-nisse auf der 1910 an Belgisch Kongo abgetretenen Insel Idschwi im Kiwusee – auf der weiterhin deutsche wirt-schaftliche Rechte bestehen – an die deutsche Kolonial-verwaltung in Ruanda. So im Oktober 1913 über die Miß-bräuche der belgischen Kolonialverwaltung auf der In-sel: Schwere Abgabenlasten, unbezahlte und schwere Dienstleistungen, Zerstörung der Hütten und Bananen-haine der Eingeborenen als Strafmaßnahmen.

Hatte die deutsche Verwaltung überhaupt keine Verwal-tung auf der Insel gehabt, so ist jetzt auf Idschwi eine belgische Kolonialverwaltung eingerichtet, die, wie im ganzen Belgisch Kongo, rücksichtslos die einheimische Bevölkerung ausbeutet.

Ende September 1914 besetzen deutsche Kolonialtrup-pen die Insel. Der Angriff erfolgt am 24. September im Morgengrauen und überrascht die Inselbewohner, die zunächst glauben, es handele sich um einen gewöhn-lichen Viehraub der belgischen Soldaten.


In einem Brief vom 21. Mai 1914 schreibt der Stellver-treter des seit Ende 1913 auf Heimaturlaub in Deutsch-land weilenden Residenten Richard Kandt, Hauptmann Max Wintgens, an das Kaiserliche Gouvernement in Daressalam:

»Eine tiefe Erbitterung der Wahutus [Hutus] gegen die Watussiherrschaft [Tutsis] ist überall im Lande zu spü-ren, und nur hierin liegt nach meiner Auffassung eine Gefahr für uns, der wir aber nicht dadurch begegnen können, daß wir lediglich den Watussi unsere Gewehre zur Verfügung stellen, sondern dadurch, daß wir allmäh-lich die Watussi-Willkürherrschaft in Rechtsformen überführen. … Ich möchte hierbei nochmals gehor-samst betonen, daß ich also keinen Bruch mit dem Resi-dentursystem und der Watussiherrschaft vorschlage, sondern nur, das Herrschaftssystem allmählich in For-men zu bringen, die auch unsere Interessen berücksich-tigen, und nicht wie jetzt 97 Prozent der Bevölkerung völlig rechtlos machen zu unseren Ungunsten für einen herrschenden Stamm, der sich für unseren Schutz noch nicht einmal zu irgend welchen Gegenleistungen für verpflichtet hält.«


1914 beginnt die Besteuerung in Ruanda. Das Hauptpro-blem dabei ist der Mangel an Bargeld in der Bevölke-rung. Hauptsächlich wird getauscht oder Perlen und Tu-che als Geldersatz – besser gesagt als Geld – verwendet. So muß Geld eingeführt werden, um eine Besteuerung durch Geld zu ermöglichen.

Im Juli 1914 beginnt die Steuererhebung in den Han-delszentren Kigali, Kissenji und Schangugu, die beiden letzteren sind Grenzübergänge in den Kongo nördlich und südlich de Kiwusees. Die Steuererhebung verläuft erstaunlich reibungslos und wird von der Bevölkerung wohl auch deshalb bereitwillig gezahlt, weil die Vorteile vor der Naturalabgabe von Vieh und Lebensmitteln doch auf der Hand liegen.

Die Steuererhebung wird durch die gut aufgebaute ein-heimische Verwaltung und ihre afrikanischen Häuptlin-ge durchgeführt und die Besteuerung ist verhältnismä-ßig niedrig. Das Geldsteuersystem wird mühelos auf das Land erweitert und auch dadurch erleichtert, daß die Verwaltung für einen reibungslosen Übergang auch weiterhin Naturalien annimmt. So wird im Februar 1916 im Gebiet Gahoro neben Geld noch Kleinvieh, Butter, Bohnen, Maniokmehl und Sorghum an die deutsche Verwaltung abgeliefert.


Die nördlichen Gegenden von Ruanda wollen sich der Tutsiherrschaft und der des Königs Musinga nicht un-terwerfen und sie werden sowohl von Musingas Straf-aktionen als auch durch Unterwerfungszüge der deut-schen Militärmacht getroffen. So wird im Mai 1912 eine solche deutsche Strafexpedition in die nördlichen Regi-onen, in Begleitung von 3000 ruandischen Hilfskrie-gern, die raubend und plündernd durchs Land ziehen, durchgeführt. So wächst auch der Haß der Bevölkerung im Norden von Ruanda gegen die Tutsi und die Deut-schen.

Eine weitere deutsche Strafexpedition im Nordruanda findet im Februar 1914 statt und die nächste im April. Die Strafexpedition im April wird vom stellvertretenden Residenten Hauptmann Max Wintgens selbst geleitet und richtet sich gegen die Bakiga und ihren Hutuhäupt-ling Nzaramba. Nzaramba und die Bakiga flüchten mit ihren Rindern und Ziegen ins britische Uganda, werden aber auch dort von Wintgens Truppe verfolgt und bei einem Gefecht wird Nzambara verhaftet. Der Hutu-häuptling muß bis zum 4. November 1914 seine Strafe im Gefängnis von Kigali absitzen. Er soll dann außer Landes in einen anderen Teil von Deutsch Ostafrika deportiert werden, aber Nzaramba bittet ihn nicht in ein anderes Land zu bringen, sondern ihn lieber aufzuhängen. Er wird an den Hof von König Musinga geschickt unter die Aufsicht des Königs und sein weiteres Verhalten soll über seine Rehabilitierung oder seine Deportierung ent-scheiden. Am 22. Dezember 1914 schreibt die Verwaltung von Ruanda an das Gouvernement in Daressalam:

»Falls dieser [Musinga] nach einem oder mehreren Jahren sich von der Loyalität des Mannes überzeugt hat, kann er ihn wieder als Unterhäuptling einsetzen. Eine nochmalige Auflehnung gegen die Regierung oder den König würde natürlich die sofortige Deportation nach sich ziehen.«


Im westlichen Ruanda, in der Region Itabire, kommt es im Laufe des Jahres 1914 wiederholt zu Überfällen auf Karawanen und Boten. Auf Wunsch vom stellvertre-tenden Residenten Max Wintgens schickt König Musin-ga im September eine Strafexpedition in das Gebiet. Die Krieger des Königshofs töten 226 Männer. Wintgens schreibt:

»Ich hoffe, daß dies an und für sich bedauerliche Blut-vergießen den gewünschten Eindruck auch auf andere Gegenden machen wird, wo ähnliche Zustände herr-schen, und weitere Aufstandsgelüste unterdrücken wird. Mit einer größeren Erhebung in Ruanda rechne ich nach wie vor nicht, halte aber kleinere Aufstände, namentlich in den Bakiga-Ländern für möglich.«

Das eigentliche Instrument deutscher Macht in Ruanda, die 11. Kompanie der deutschen Schutztruppe in Ost-afrika, wird im August 1914, nach Beginn des Welt-krieges, aus Ruanda abgezogen und doch bleibt es in der Residentur ruhig, trotz der durch den Krieg der Bevöl-kerung zugemuteten Mehrleistungen an Abgaben und Arbeiten für die Verteidigungsbereitschaft des Landes. wie den Bau von Befestigungen. Im Gegenteil stellen jetzt neuaufgestellte einheimische Truppen die militäri-sche Macht in Ruanda und sichern das Land gegen die Truppen der Gegnermächte Belgien und Großbritan-nien.


Merkwürdigerweise melden sich bei Kriegsbeginn im August 1914 Hutus freiwillig für den deutschen Militär-dienst. Eigentlich sollte man denken, daß die Hutu am wenigsten ein Interesse daran haben könnten. Doch Kriegsdienst ist als ehrenvoll nur den Tutsis und hoch-rangigen Hutu vorbehaltenen. Die Masse der Hutu wa-ren nur unehrenhafte Träger bei Kriegszügen. Nun kön-nen sie sich freiwillig als Krieger melden.

Die in Ruanda tätigen Araber stellen den Antrag ein Freikorps aufstellen zu dürfen wie die Araber an der Mittellandbahn in Deutsch Ostafrika. Den wenigen Ara-bern in Ruanda wird ihr eigenes Korps gewährt.

Der stellvertretende Resident Max Wintgens, Resident Richard Kandt weilt noch auf Urlaub in Deutschland, verteilt einen Aufruf an die Deutschen in Ruanda:

»Der Feind scheint in unsere Kolonie eindringen zu wollen. Es ist unsere Ehrenpflicht diesen Teil unseres Vaterlandes, das uns zur Heimat geworden ist, bis auf das Äußerste zu verteidigen.«

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Ereignisse im Bezirk Usumbura

Von 1900 bis 1902 findet eine Expedition zur Vermes-sung des Grenzgebietes zwischen Deutsch Ostafrika und dem Kongostaat statt. Am Nordende des Tanganjikasees, am Russissi, muß von den deutschen Teilnehmern Oberleutnant Heinrich Fonck mit Begleitern von Ost nach West über den Fluß übersetzen:

»Ein Boot war nicht aufzutreiben, und die Eingeborenen des deutschen Ufers, denen wir im mannshohen Schilf nicht sichtbar waren, und die uns für eine Abteilung Sol-daten des Kongostaates hielten, weigerten sich infolge übler Erfahrungen, die sie durch Übergriffe kongolesi-scher Söldner gemacht hatten, uns überzusetzen.«


Im Oktober 1902 ist der Chef des Bezirkes Ruanda-Urundi, Hauptmann Robert von Beringe, auf Expedition in den Virunga-Bergen in Norden von Ruanda unter-wegs. Virunga heißt in der Einheimischensprache Feuerberge und so sind die Virungaberge auch tat-sächlich Vulkane, wovon noch etwa die Hälfte aktiv ist.

Am 17. Oktober 1902 setzt der Hauptmann und Dr. Engeland zusammen mit fünf Askaris und den nötigen Trägern zum Gipfelsturm auf den Sabinjo an, einem der Vulkane der Virungaberge. Sie haben ein Zelt und acht Wasserbehälter dabei. In 3100 m Höhe schlagen sie ihr Zelt wegen Platzmangels an einen Abhang auf. Die Askaris und Träger suchen in Felshöhlen Schutz und wärmen sich durch Feuer gegen die empfindliche Kälte.

Beringe schildert im Deutschen Kolonialblatt die wei-teren Ereignisse:

»Von unserem Lager aus erblickten wir eine Herde schwarzer, großer Affen, welche versuchten, den höchs-ten Gipfel des Vulkans zu erklettern. Von diesen Affen gelang es uns, zwei große Tiere zur Strecke zu liefern, welche mit großem Gepolter in eine nach Nordosten sich öffnende Kraterschlucht abstürzten. Nach fünfstün-diger, anstrengender Arbeit gelang es uns, ein Tier an-geseilt heraufzuholen.«

Es handelt sich um einen männlichen, großen, men-schenähnlichen Affen mit einer Körperlänge von 1,5 m und einem Gewicht von mehr als 100 Kilo. Er hat keine Brustbehaarung, aber riesige Hände und Füße.

»Es war mir leider nicht möglich, die Gattung des Affen zu bestimmen«, bedauert Beringe. Wegen der Größe des Tieres kann es nach seiner Ansicht kein Schimpanse sein, und das Vorkommen von – aus dem Flachland bekannten – Gorillas im Gebiet um die ostafrikanischen Seen war bis dahin »nicht festgestellt worden«.

Robert von Beringe beschließt deshalb, seinen Fund zur Untersuchung an das Zoologische Museum in Berlin zu schicken. Zwar werden die Haut und eine Hand des Af-fen auf der Rückreise nach Usumbura, dem Amtssitz des Bezirks, von einer Hyäne gefressen, doch anhand des Schädel und eines Teils des Skelettes, Tierteile, die unversehrt in Berlin ankommen, klassifiziert der am Museum tätige Professor Paul Matschie das Tier als neue Gorilla-Art, die er nach ihrem Entdecker Gorilla beringei benennt – den Berggorilla.

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Die Menschen III

Die Einwohnerzahl Ruandas wird amtlich Anfang 1913 auf zwei Millionen geschätzt. Hiervon sind nur etwa 59.000 Watussi. Etwa 15.000 Batwa – Zwerge (Pygmäen) – und alle übrigen sind Wahutu, ein Volk von Acker-bauern.

Die schlanken großen Watussi beherrschen das Land und überragen die Wahutu körperlich bei Weitem. Der eingeborene Herrscher von Ruanda, Musinga, ist natür-lich auch ein Watussi. Sultan Musinga hat seinen Sitz in Niansa in der Mitte von Ruanda.

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Umgestaltung zu Residenturen

Die drei Residenturen Bukoba, Ruanda und Urundi sind zunächst militärische Verwaltungsbezirke nach dem herkömmlichen Schema deutscher Militärkolonialver-waltung. Um Verwaltungskosten einzusparen durch Vereinfachung der Verwaltung und der Selbstverwal-tung der Einheimischen in Gegenden, die ohne weiße Besiedlung sind, und auch um unnötige Reibereien und gar überflüssige Militäreinsätze durch die deutsche Militärverwaltung zu beseitigen, soll die Einsetzung einer einheimischen Zivilverwaltung viele Spannungen wegnehmen und eben Kosten sparen. Als Beispiel nimmt man die britische Herrschaft im benachbarten Uganda und hat auch einen Blick auf die Verwaltung von Niederländisch Indien geworfen.

Der Regierungsrat Eduard Haber, Erster Referent beim Gouverneur in Daressalam, ist für die Ausarbeitung der Struktur der Residenturen zuständig. Auch der östlich an Bukoba angrenzende Militärbezirk Muansa ist als Re-sidentur geplant, wird dann aber als Bezirk einer deut-schen Zivilverwaltung unterstellt.

Am 20. Juni 1906 erfolgt der Erlaß für die Einführung der Residenturen Ruanda, Urundi und Bukoba. Alle anderen Gebiete von Deutsch Ostafrika sind Amtsbezirke unter unmittelbarer deutscher Verwaltung. Die drei Residen-turen liegen im Nordwesten von Deutsch Ostafrika, weitab vom Indischen Ozean, ohne eine leistungsfähige Verkehrsverbindung zur Küste.

Die Schaffung der Residenturen Ruanda und Urundi aus ihrer einheitlichen Verwaltung als Bezirk Usumbura bedeutet die Anerkennung der besonderen politischen Gegebenheiten dieser Länder.

Am 15. November 1907 wird die Teilung von Usumbura in die Residenturen Ruanda und Urundi durchgeführt. Usumbura, der Sitz der deutschen Militärverwaltung des Bezirkes Usumbura, wird nun Sitz des Residenten in Urundi und die Residentur Ruanda erhält einen eigenen Amtssitz in der Residentur.

Werden die einheimischen Herrscher in Ruanda und Urundi auch Sultane genannt so hat der Islam in diesen Residenturen überhaupt keinen Fuß gefaßt. 

Kolonialminister Bernhard Dernburg und das Daressa-lamer Gouvernement sind strikt gegen eine weiße Be-siedlung Ruandas und Urundis und die Kolonialbehör-den sperren sogar die Grenzen der beiden Bezirke we-gen angeblich ständiger Aufstände als Vorwand zur Verhinderung der Besiedlung der Residenturen.

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Einrichtung der deutschen Verwaltung

Die Jahrhunderte alten Königreiche Ruanda und Urundi sind noch völlig unberührt von Weißen als 1894 die er-ste deutsche Expedition dort eintrifft und die Einfügung der Königreiche in die deutsche Herrschaft beginnt. Beide Königreiche sind beherrscht von der kleinen Min-derheit der Tutsi, die über große Rinderherden verfü-gen, während die große Masse der Bevölkerung aus den Hutu besteht, welche Ackerbauern sind. Die Tutsi be-herrschen das Land von ihren Königshöfen aus.

Daneben gibt es noch eine kleine Gruppe von »Wald-menschen«, den Twa, die von der Jagd und der Töpferei lebt.

1904 schreibt Richard Kandt, der im Nordwesten Deutsch Ostafrikas Forschungen betreibt:

»Die Bahutu [Hutu] benehmen sich recht sonderbar. In Gegenwart ihrer Herren ernst und reserviert und unse-ren Fragen ausweichend; sobald aber die Watussi [Tutsi] unserem Lager den Rücken gekehrt haben, und wir mit ihnen allein sind, erzählen sie bereitwillig fast alles, was wir wünschen, und vieles, was ich nicht wünsche, denn ich kann den zahlreichen Mißständen, über die sie klagen, ihrer Rechtlosigkeit, ihrer Bedrückung, doch nicht abhelfen. Ich habe sie einige Male auf Selbsthilfe verwiesen und leicht gespottet, daß sie, die den Watussi an Zahl hundertfach überlegen sind, sich von ihnen unterjochen lassen und nur wie Weiber jammern und klagen können.«


Die nur etwas mehr als 50.000 Quadratkilometer umfassenden Königreiche stellen auf etwa fünf Prozent des Gebietes von Deutsch Ostafrika mit gegen vier Millionen Einwohnern fast 40 Prozent der auf 9 Mil-lionen geschätzten Gesamteinwohnerzahl der Kolonie.


1896 wird am Nordende des Tanganjikasees auf urun-dischem Boden die Militärstation Kajaga gegründet, gleich gegenüber dem Freistaat Kongo des belgischen Königs Leopold II. Der von Hauptmann Heinrich Bethe im Jahre 1898 gegründete Militärposten Ischangi am Kiwusee ist der erste deutsche Militärposten in Ruanda und liegt auch gegenüber dem Freistaat Kongo. 1899 wird der Bezirk Usumbura mit dem Regierungssitz Usumbura in Urundi, 15 Kilometer östlich der Station Kajaga, unter Hauptmann Bethe als Militärkomman-danten errichtet.

Die Anwesenheit der Deutschen in Ruanda und Urundi beschränkt sich in den ersten Jahren im wesentlichen auf militärische Expeditionen zur Erkundung des Lan-des, Besuchen bei einheimischen Herrschern und der Gründung von Militärposten, auch zum Schutz und zur Verstärkung der königlichen Macht des von den Deut-schen als alleinigen Herrscher von Ruanda anerkannten Königs Musinga.

Seit 1900 sind die Weißen Väter, eine französische Mission, die im deutschen Ruanda von ihrem deutschen Missionshaus in Trier geführt wird, in Ruanda tätig. 1904 kommt es zu heftigen Kämpfen zwischen den Ein-heimischen und hauptsächlich den Weißen Vätern. Die Einheimischen wollen die Auswärtigen los werden, zu denen auch afrikanische Händler von Bukoba am Vikto-riasee gehören, die bei ihren Karawanenzügen teilweise mit Gewalt gegen die Bevölkerung vorgehen, und die Weißen an sich, dabei aber hauptsächlich die Weißen Väter. Schwere Kämpfe finden zwischen den Missio-naren und deen Anhängern und ihren Gegner statt. Im Oktober/November 1904 bereinigt Resident Werner von Grawert mit seinen Askaris – afrikanischen Solda-ten der deutschen Kolonialtruppe – die Lage in Ruanda mit militärischen Mitteln. Es werden von der Truppe auch 80 Karawanenräuber festgenommen. Für eine gestohlene Last oder eine getötete Person fordert Gra-wert ein Rind als Entschädigung. 500 Rinder werden eingesammelt. Unter den Festgenommenen befinden sich auch zehn angesehene Tutsi. Diese werden von den Askaris gefesselt, gedemütigt und schließlich erschos-sen.

Die Hutu-Häuptlinge kommen mit Geschenke zu den Weißen Vätern und erklären ihre Freundschaft. Die Ru-he ist wiederhergestellt.

Am 10. März 1905 wird die Verordnung des Kaiserlichen Gouvernements von Deutsch Ostafrika in Daressalam unterzeichnet, welches das Betreten der Sultanate Ru-anda und Urundi regelt.

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Das Land I

Ruanda hat eine Fläche von 25.300 qkm und nimmt den äußersten Nordwesten von Deutsch Ostafrika ein. Das »Land der tausend Hügel« liegt durchschnittlich 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Virunga-Vulkane im Nordwesten des Landes ragen bis 4500 m hoch.

Die Temperaturen von Ruanda sind zum Teil etwas weni-ger niedrig, als es den bedeutenden Höhen entspricht. Die beiden wärmsten Monate sind März und September, die beiden kühlsten Mai und Dezember. Die mittlere täg-liche Schwankung beträgt 11°. Die Verteilung der Tempe-raturen über das Jahr ist also die des Äquatorialklimas, während die des Regens an den meisten Orten aus einer nur durch ein geringes Nachlassen geteilten ziemlich langen Regen- und einer kürzeren Trockenzeit besteht. In den höheren Landesteilen ist eigentlich nur Juni und Juli trocken. Dabei sind hier die Regenmengen ziemlich hoch.

Nieder-Ruanda im Osten des Landes hat eine weniger kräftige Vegetation, ist aber reich an Seen- und Papyrus-sümpfen. Man nimmt an, daß Ober-Ruanda mit einer Durchschnittshöhe von 2.200 m einst ganz von tropi-schem Höhenwald bedeckt war, der aber meist der Weidewirtschaft und dem Ackerbau zum Opfer gefallen ist. Bugoie-, Rugege- und Gaharowald sind kleine, wenn auch an und für sich stattliche Reste des großen Wald-landes.

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Wirtschaft und Verkehr VII

Eine Belebung der Wirtschaft in Urundi tritt mit der Eröffnung der Ugandabahn 1904 in Britisch Ostafrika ein. Von Urundi werden Felle und Häute durch Träger zum Viktoriasee gebracht – über den See werden die Güter mit dem Schiff zur Endhaltestelle der Uganda-bahn verfrachtet – und auf dem Rückweg transportieren die Träger europäische Handelswaren nach Urundi.

Mit dem Herannahen der Mittellandbahn von Daressa-lam aus, und ihrem schließlichen Eintreffen am Tangan-jikasee wenig südlich von Urundi im Februar 1914, ver-bessern sich die Handelsmöglichkeiten der Residentur noch einmal.

Bis 1914 gibt es noch kaum Geldwirtschaft in Urundi und wenn nur mit Silbergeld, das auch noch ungern ange-nommen wird. Die Geldwirtschaft beginnt in Urundi erst. Geld ist der Masse des Volkes in der Residentur ein noch unbekanntes Tauschmittel.

Wie in Ruanda soll auch in Urundi der Kaffeeanbau die wirtschaftliche Zukunft des Landes sein.