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Diamanten

1907 kommt August Stauch aufgrund seines Asthmas nach Südwest. Er arbeitet bei der Bahn auf der Eisen-bahnlinie Lüderitzbucht – Aus. Ihm obliegt es als Bahn-meister in der Namibwüste mit seiner Räumkolonne die Gleise auf einem 9 Kilometer langen Teilstück der Schmalspurbahn Lüderitzbucht – Aus von Kilometer 18 bis 27 von Lüderitz aus vom Flugsand mit der Schaufel freizuhalten.

Stauch hält auch Ausschau nach Bodenschätzen und hat seine Arbeiter angewiesen, ihm alle besonderen Beo-bachtungen und Funde zu melden.

Am 14. April 1908 bringt der afrikanische Hilfsarbeiter Peter Zacharias Lewala, der mit einer Arbeiterkolonne die Gleise vom Flugsand freischaufelt, einen glitzernden Stein zum Vorarbeiter Blum. Durch seine Arbeit in der Mine von Kimberley in Südafrika ist Lewala sicher, daß es sich um einen Rohdiamanten handelt. Blum ist skep-tisch und hält das Steinchen für ein Quarzstückchen, aber er sagt Lewala zu schauen, ob er noch mehr von diesen kleinen Steinchen findet. Lewala findet und gibt sie Blum. Blum gibt die Steinchen an Stauch weiter. In Lüderitzbucht geht Stauch zum Eisenbahndirektor Kreplin, zeigt ihm die Steinchen und erzählt ihm von der Auffindung. Kreplin: „Sehen zwar nicht aus wie Diaman-ten, wenn der Cape Boy aber sicher ist, dürfte es sich doch lohnen, die Steinchen mal untersuchen zu lassen. Kommen sie mit Herr Stauch, wir wollen doch gleich mal zusammen zum Baumeister Weidtmann gehen.“

Weidtmann hat sein Büro gleich nebenan. „Hallo Weidtmann, Sie müssen uns mal sagen, ob diese Steinchen hier echt sind,“ sagt Kreplin. Weidtmann betrachtet sei eine Weile und sagt dann: „Tut mir sehr leid, meine Herren. Ich kann Ihnen wohl sagen, was Backsteine, Bruchsteine oder Ziegelsteine sind, aber von Diamanten habe ich keine Ahnung. Doch warten sie mal Kreplin, wer uns das sagen kann ist Dr. Peyer in Aus. Ich schlage vor, Direktor, Sie lassen eine Maschine anhei-zen, und wir fahren morgen früh alle drei nach Aus.“

Dr. Peyer ist der Leiter des Eisenbahn-Hospitals im 140 Kilometer entfernten Aus, das über ein gut eingerich-tetes Laboratorium verfügt. Kreplin läßt eine Lokomo-tive anheizen, an die ein gedeckter Güterwagen ange-hängt wird, und so fahren sie am anderen Morgen nach Aus. In dem gedeckten Wagen haben es sich die drei Herren so bequem wie möglich gemacht, denn Per-sonenwagen gibt es noch nicht bei der Eisenbahn Lüderitzbucht – Aus. Sie haben ihre Boys mitgenom-men, die ihnen Liegestühle aufstellen und Sandwiches und eisgekühlte Getränke reichen müssen. Gegen Mittag erreichen sie Aus und begeben sich sofort ins Hospital zu Dr. Peyer.

„Lieber Doktor“, sagt Kreplin, „können Sie uns sagen, ob diese Steinchen hier echte Diamanten sind?“

Dr. Peyer sieht sich die Steinchen eine Weile an und erwidert: „Ja, das kann ich, ich werde sie im Laborato-rium untersuchen. Aber was bekomme ich dafür, wenn es echte Diamanten sind?“

„Natürlich sind sie beteiligt an der Diamantengesell-schaft, die wir dann gründen werden, sagen wir mal zu 5 %, einverstanden?“ „Wollen Sie mir das schriftlich geben?“ „Aber lieber Doktor, das ist doch nicht nötig, wir kennen uns doch zur Genüge.“ „Besser ist besser, meine Herren, man kann nie wissen, was mal dazwi-schen kommt.“

Dr. Peyer hat schnell eine Erklärung formuliert, daß sich die drei Herren  verpflichten, ihn an der zu gründenden Gesellschaft mit 5 Prozent zu beteiligen, falls die Unter-suchung ergeben sollte, daß es echte Diamanten sind. Nachdem das Dokument unterschrieben ist, begibt sich Dr. Peyer in sein Laboratorium, badet die Steinchen in Flußsäure und siehe da, es sind echte Diamanten. Die Flußsäure hat den an den Steinchen seit Jahrmillionen anhaftenden Schmutz entfernt, so daß sie in einem hellen, metallischen Glanz erstrahlen. „Meine herz-lichsten Glückwünsche, meine Herren, es sind echte Diamanten!“ sagt Dr. Peyer, als er das Wartezimmer wieder betritt. Nun kündigt August Stauch ordnungs-gemäß seinen Dienst bei der Bahn und zusammen mit den zwei Kompagnons erwirbt er beim kaiserlichen Bergbauamt die Rechte für siebzig Schürffelder auf 20.000 Hektar Wüste. Sie gründen eine Diamanten-schürfgesellschaft und werden in kürzester Zeit reich. Von schürfen, also graben, kann aber eigentlich am Anfang keine Rede sein, denn sie können die Diamanten zunächst einfach vom Boden aufsammeln.

In einigen Wüstentälern nur wenig weiter südlich fin-det man noch viel mehr Diamanten. Im Schnitt sammelt jeder der Männer in den ersten Tagen täglich ein halbes Marmeladenglas voller Edelsteine ein. So bekommt das neue Gebiet den Namen »Märchenthal«.

Schon im Juli 1908 dringt die Kunde vom Diamanten-fund nach Deutschland. Viele Glücksritter werden vom Diamantenfieber angesteckt und brechen nach Deutsch Südwest auf. Die Reichsregierung sieht sich gezwungen, einen hundert Kilometer breiten Küstenstreifen vom Oranje-Fluß, der Grenze zu Südafrika, bis zum 26. Brei-tengrad zum »Sperrgebiet« zu erklären. Am 22. Septem-ber 1908 erläßt Bernhard Dernburg, Staatssekretär im Reichskolonialamt, die Sperrverfügung für diese Regi-on. Bis dahin angemeldete private Schürfgebiete dürfen aber weiter ausgebeutet werden.

1909 werden die Siedlungen Stauchslager, Charlottental, Bogenfels sowie als Hauptquartier Kolmanskuppe ge-gründet. Zwischen den einzelnen Schürforten werden Bahnverbindungen gebaut.

Aus dem Deutschen Kolonial-Lexikon zu den Diaman-ten aus Südwest:

»Während die südwestafrikanischen Diamanten in den ersten Jahren ungehinderten Absatz fanden, steigerte sich die Ausbeute mit dem in der zweiten Hälfte des Jahres 1912 beginnenden Abbau der Pomonamine der-art, daß der im Jahr 1913 ohnehin flau werdende Markt nicht mehr in der Lage war, die ganze Produktion des Schutzgebiets — es handelte sich um sogenannte Mêlée-ware, d. h. Steine, von denen mehrere auf ein Karat ge-hen — aufzunehmen. Der Reichskanzler machte daher von der ihm durch die Kaiserliche Verordnung vom 16. Januar 1909 übertragenen Ermächtigung Gebrauch und bestimmte in der Verordnung vom 13. Dezember 1913, daß für jedes Kalenderjahr ein Höchstmaß der zur Ver-wertung gelangenden Diamanten für jeden Förderer unter Berücksichtigung der Marktlage und der Betriebs-verhältnisse in einer Verteilungsliste festgesetzt werden soll. Dadurch sind die Förderer in der Förderung selbst nicht beschränkt; sie haben aber keinen Anspruch da-rauf, daß die Diamantenregie den von ihnen über ihr Kontingent hinaus geförderten Teil bevorschußt und verwertet.«


Mit dem Fund von Diamanten 1908 in Südwest läßt Kolonialminister – sein offizieller Titel lautet Staats-sekretär – Bernhard Dernburg sofort die Rechte an den Minenfeldern, über die Köpfe der Deutschen und der deutschen Verwaltung in Südwest hinweg, an das deutsche Großkapital übereignen. Die von Dernburg gemachten Verträge sind sowohl zum Schaden der Reichsfinanzen, wie auch zum Schaden der Bevölkerung in Südwest. Sein einziger großer Fehler in seiner Zeit als Kolonialminister, wohl geschuldet seiner finanziell-organisatorischen Fähigkeiten, aus denen er glaubte es mit einer Großunternehmung tun zu haben, die mit Geld allein ins Rollen gebracht werden könnte, während in Südwestafrika schon längst landesintern die Finan-zierung und der Aufbau der Diamantenförderung lief. Die gewaltigen Gewinne aus den Diamantenfunden flie-ßen nun weitgehend in die Taschen von Großkapita-listen, statt in die Staatshaushalte des Reiches und der Kolonie und die Eigner der von deutschen Südwest-afrikanern selbstaufgebauten Förderindustrie in Süd-west. In einer Rede vor dem von Dernburg zu seinen Diamantenverträgen vollkommen übergangenen Lan-desrat der Kolonie aus gewählten und bestimmten Mitgliedern spricht ein Mitglied des Rates im Mai 1910:

„Läge unsere Kolonie mit ihrer gänzlich ungeeigneten Verfassung als Provinz in Deutschland, so würde es noch erträglich sein. Dann würde der Herr Staatssekretär [Dernburg] in der Lage sein, sich die unbedingt erfor-derliche Kenntnis des Landes anzueignen, das er so autokratisch regiert; dann hätten wir Kolonisten auch Gelegenheit, uns persönlich mit dem Herrn Staatssek-retär auszusprechen und Mißverständnisse kurzerhand zu beseitigen. So aber wohnt der Herr Staatssekretär 10.000 km von uns entfernt, kennt unser Land nur ganz oberflächlich aus einer in größter Eile gemachten Auto-mobilreise, die bei unserer afrikanischen Sonne die Ner-ven Seiner Exzellenz derart mitgenommen hat, daß er schließlich kaum noch wußte, welche größeren Orte er gesehen hatte. Trotz diesem Mangel an Landeskenntnis verlangt aber der Herr Staatssekretär, daß unsere Kolo-nie rücksichtslos allein nach seinem Willen bis ins kleinste regiert wird und ist um die Beibehaltung seiner uneingeschränkten Gewalt äußerst besorgt. – Ausge-schlossen ist aber, daß in das Wirtschaftsleben unserer Kolonie einschneidendsten Maßnahmen und Verordnun-gen auch fernerhin von der Theorie des Berliner grünen Tisches dekretiert werden. – Der Herr Staatssekretär erließ von Berlin aus Verordnungen, die teilweise dem Wohl des Reiches und der Kolonie diametral zuwider-liefen, wohl aber vornehmlich Berliner Kapitalisten-gruppen, die für unser Land noch nicht das geringste getan hatten, aus den Schätzen unseres Landes sehr große Summen ungerechtfertigterweise übermachten.“

Ein anderes Landesratsmitglied: „Hier im Landesrat sit-zen unter anderem 18 Herren mit zusammen 280 Jahren Ansässigkeit in Südwest, und einer Erfahrung, die weder aus den Akten des Kolonialamts noch durch zwei Auto-mobilfahrten im Lande zu erwerben ist. Nicht Erbitte-rung, sondern tiefes Bedauern erfaßt uns für den Mann, der es nicht verstanden hat und nicht versteht, sich die hier aufgespeicherte Erfahrung und Tatkraft zum Wohl der Kolonie und des Vaterlandes zu nutze zu machen…“