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Siedlungen und Städte III

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Leben in der Kolonie

Eine Bahnfahrt auf einem offenen Wagen im Februar 1904 auf der Schmalspurbahn von der Hafenstadt Swa-kopmund nach Windhuk tief im Landesinneren be-schrieben von einem gerade aus Deutschland eingetrof-fenen deutschen Soldaten:

»Es ging immer bergan, Stunde auf Stunde. Soweit wir zu beiden Seiten und nach vorne sahen, war nichts als weißgelbe Sanddünen, die zuweilen machtvoll empor-stiegen. Wir standen und hockten und saßen dicht ge-drückt in den kleinen offenen Wagen. Von der drücken-den Hitze immer durstig, waren wir eifrig und sorglos bei unsern Wassersäcken. Wir waren noch so sorglos, daß wir den Kaffee, den wir uns in Swakopmund auf dem Bahnhof gebraut hatten, weggossen, als wir schmeck-ten, daß er sauer wurde. … Am Spätnachmittag wurde an einer Stelle die Neigung so stark, daß der Zug in drei Teile geteilt wurde, damit er so stückweise auf die mäch-tige Höhe käme. Da wir alle Mann nachschoben, kam er glücklich hinauf. Dann ging es wieder etwas rascher wei-ter, immer durch gelbe Sanddünen, immer weiter bergan. Abends erreichten wir die Höhe. Hinter uns lief der abfallende gelbe Sandweg bis zum Meer, das fünfzig Kilometer zurück, unten in der Ferne lag. Dicht vor uns stand ein ungeheueres, schreckliches wildes Gebirge.

Ich hatte niemals ein Gebirge gesehen. Aber nicht allein ich und die anderen Norddeutschen, sondern auch die Bayern staunten. Ganz nah vor uns, und fern und ferner ragten ungeheure nackte Felsen zum blauen Himmel empor. Einige waren von der Abendsonne beschienen und leuchteten hell und hart; andere, der Sonne abge-wandt, drohten finster und fürchterlich, oft dicht über uns. … Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm, und kein Tier. Nur wir Menschen rollten auf unsern knarrenden Wägelein, drollig anzusehen, durch das ungeheure tote Wunderwerk.

Wir hielten an einer kleinen Station, einem kahlen Wellblechhaus, und kochten uns Kaffee und Reis. … Dann ging es mit lautem Getöse, das häßlich und hart widerhallte, in die helle graue Nacht hinein. Es ging im-mer in einem tiefen, schmalen Tal entlang; zu beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor. Viele von uns kauer-ten schlaftrunken, andere standen, andere saßen auf dem Wagenrand; jeder hatte seine Wolldecke um sich gelegt. Wir sagten nicht viel. … So brüteten wir müde und hungrig und an den Gliedern zerschlagen. Am wei-ten, klaren Himmel standen auf hellen blauen Grunde unzählige goldblinkende Sterne. Das war wohl ein erha-benes Bild. Doch war es nicht so schön, weder so mäch-tig, noch so ruhevoll, wie in der Heimat. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Die Nacht war unerfreulich kalt.

Wir fuhren auch noch den größten Teil des andern Ta-ges, der wieder sehr heiß und sonnig war, in den Tälern des schrecklichen, kahlen Gebirges. …

Am Nachmittag kamen wir endlich aus dem Gebirge heraus und kamen auf eine weite Ebene.

Wir machten sehr lange Hälse, als wir herauskamen. Wir meinten, nun endlich, nun wir zuerst die aufstei-genden Dünen, dann das wilde Gebirge hinter uns hat-ten, müßten die wunderschönen Palmenhaine kommen. Aber was wir sahen, war eine weite, weite Hochebene von rötlichgelber Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenem Grase, das Kniehoch wie dünner Roggen wehte. In dem Grase standen verstreut, bald lichter, bald dichter, feste, dornige Büsche, anfangs nur mannshoch, dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, daß sie mit den Kronen aneinander stießen. In der Ferne sah man aus dieser weiten, weiten Ebene, ein wenig über der Ebene, hier und da, plötzlich einzelne hohe Bergkegel steil aufsteigen. Einmal, zwei-mal sahen wir vor uns, in weiter, weiter Ferne, ein wenig über der Ebene, in der heißen, zitternden Luft flim-mernd, das, was wir zu sehen begehrten: hohe, frucht-bare Bäume und blaue Flächen wie Wasserteiche. Aber sie verschwanden wieder und waren Nebelbilder.

Obgleich wir mit dem, was wir sahen, lange nicht zufrie-den waren, wurde unsere Stimmung doch etwas besser. Es gab immer etwas zu sehn. Ein fremdes rehartiges Tier jagte in Rudeln durch das lange, wogende, gelbliche Gras; ein unbekannter bunter Vogel, papageienartig, flog auf. Die runden, spitzen Bergkegel standen scharf in der Sonne; genau sah man an ihrem Abhang und zu ihren Füßen klippige Felsenhaufen, welche von ihren Höhen hinabgestürzt waren. Je weiter wir kamen, wurde Gras und Buschwerk ein wenig saftiger, und das Bild ein wenig freundlicher. Alles, was wir sahen, das Nahe und Ferne, stand scharf in der wunderbar klaren Luft.

Die Tagfahrt war wieder lang und durstig; und die Glie-der waren ganz zerschlagen. Gegen Abend kamen wir an einen größeren Bahnhof und schliefen in einer Baracke aus Wellblech an der Erde, in unsere Decken gewickelt, den Tornister unter dem Kopf.

Am andern Mittag ging die Fahrt weiter, immer weiter durch das ebene Land, das nun etwas fruchtbarer war und etwas dichter mit dem gelben, langen Gras und den Büschen, und nun auch einzelnen Bäumen, besetzt war; aber es war doch alles graugrün und dürr. …

Am andern, den vierten und letzten Tag der Fahrt, wurde das Land noch fruchtbarer und freundlicher. In der Nä-he und Ferne standen zuweilen, in hohem Gras oder Buschwerk, in Gruppen starke Bäume, die wie Eichen aussahen. Dazwischen lief ein breiter Streifen gelben Sandes, das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Da waren im Dezember vorigen Jahres, drei Tage lang, Wellen ent-lang getanzt; man sah noch ihm Sande ihre Sprünge; aber nun war und blieb es auf ein Jahr, vielleicht auf drei, ganz und gar trocken. So waren alle Flüsse im Lande, die wir getroffen haben: Sandstreifen waren sie, einen oder einen halben Meter niedriger als die Ebene.

Mir gefiel diese Landschaft, durch die wir an diesem vierten Tage fuhren, ziemlich gut. Eine kleine und grö-ßere Art von Antilopen, Rehen ähnlich, liefen zuweilen allein oder in Rudeln, behende über die Blößen im Busch. Fremdartige Vögel, etwas größer als Rebhühner, grau und weiß gesprenkelt, flogen über die Büsche hin und ließen sich nieder. Baumgruppen standen stattlich und schön in dem weichen Grün; von fern schauten grüne Bergabhänge nicht unfreundlich herüber.«


Eine Merkwürdigkeit des Lebens in Südwest ist die Lawine von Beleidigungsprozessen der Deutschen ge-geneinander. Als Ursache vermutet man »Nervosität« verursacht durch die afrikanische Sonne, die zu »Jäh-zorn und Querulantenwahnsinn« führe, allgemein als »Tropenkoller« klassifiziert, der auch als Grund für eine Selbstmordepidemie in Windhuk 1912 herangezogen wird. Sicher blühen Klatsch und Tratsch und bei einer so uneinheitlichen Bevölkerung, und auch mit vielen zweifelhaften Charakteren, die regelrecht nach Südwest abgeschoben wurden, sind die Gegensätze in der Ge-sellschaft größer als in Deutschland.

Wie in allen Kolonien gibt es bei privaten Treffen, bei Festen und in den Kneipen und Bars der städtischen Siedlungen in Südwest schwere Besäufnisse. Lydia Still-hammer, die eine Farm führt, beschreibt ein Festessen mit Ball: »Es ging sehr lustig dabei zu; das Bier floß in Strömen und manche Gäste waren schon beim Essen sehr munter. Ein Negerjunge kam herein mit dem Nachtisch, einer schönen Torte mit Schlagsahne. Einer der wilden Farmer stand auf und stülpte ihm diese über den Kopf. Da war der Jubel groß, und auch ich lachte Tränen…«

Auffallend ist der enorm hohe Sektverbrauch in der Kolonie. »Jedes geringfügige Ereignis wird mit Sekt gefeiert«, heißt es, obwohl die Flasche »Schampus« zwanzig Mark kostet. Bald heißt Sekt nur noch »Farmer-Weiße« bei den Weißen in Südwest.




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Die Eingeborenen

Ein Buschmann berichtet: „Nun kam die Zeit, da wir unsere Heimat verlassen mußten. Es hieß, die Busch-leute hätten auf Ovambo geschossen, die durch ihr Land reisten, ja sie hätten sogar Weiße umgebracht. So brach-te man uns alle nach Tsumeb. Da wohnten wir unter fremden Völkern, aber wir sehnten uns zurück nach unserem eigenen Lande. Bei der Polizei erhielten wir Essen und Trinken, aber jeder erhielt auch eine Marke, auf der seine Nummer stand und die er um den Hals tragen mußte. Von Tsumeb zog mein Vater nach Süden, denn er hatte Befehl erhalten, eine Arbeit anzunehmen. Wir sahen die großen Steinhäuser der Weißen, die viele Augen hatten, und wir wunderten uns, wenn aus dem Loch, vor dem ein dünnes Holz sich bewegte, weiße Menschen herauskamen. – Vor den Augen hatten die meisten etwas, das in der Sonne glitzerte und uns Schrecken einjagte [Brillen]. – Mein Vater mußte Arbeit annehmen, die ihm gesetzte Zeit zum Arbeitsuchen war vorbei. Man trug ihm auf, den Bauch des schnaubenden Tieres [Lokomotive] mit Holz zu füllen, so daß es immer ein großes Feuer gab. Ich selber wurde von einem Farmer mitgenommen und mußte seine Kälber hüten. Ich sah viele neue Dinge und hörte Laute, die ich nicht verstehen konnte. [Die Buschleute haben eine sonder-bare Klicklautsprache, die für sich einzigartig ist.] Wenn einer so mit mir redete, mußte ich immer lachen, aber das war nicht gut für mich, denn jedesmal bekam ich dann Schläge mit dem Stock oder Riemen. Beim Vieh-hüten mußte ich immer an all das Neue denken, aber noch mehr an unseren Busch in Namutoni. Ich vergaß darum oft meine Kälber und bekam wieder Schläge mit dem Riemen. So mußte ich mir das Denken und Nach- sinnen über die Heimat abgewöhnen und das lernen, was man von mir verlangte; als ich das verstand, bekam ich nicht mehr so viele Schläge. Das Geld, das der Far-mer mir gab, brachte ich meinem Vater. Der Weiße gab mir auch ein Hemd und eine Hose, bisher hatte ich nur einen Lendenschurz getragen.“

Der Buschmann bemerkt auch: „Wir wurden von un-seren Eltern nicht geschlagen; wenn wir heute unsere Kinder schlagen, so haben wir das von den Weißen gelernt, die sogar erwachsene Buschleute prügeln.“


Nach der Rückkehr des Kolonialministers Bernhard Dernburg und seines Begleiters Walther Rathenau von ihrer Südwestafrikareise 1908 schreibt Rathenau eine Denkschrift über die Lage der Eingeborenen: »In Werf- ten – so werden die Ansammlungen bienenkorbartiger Hütten genannt – sind die überlebenden Reste der beiden großen eingeborenen Nationen [Herero und Hottentotten] kampiert; die Schätzung ihrer Zahl va-riiert zwischen 20.000 und 40.000, wobei naturgemäß die Weiber weitaus prävalieren. Die Privatwerften liegen zerstreut auf den Ländereien der Farmer, die staatlichen Werften befinden sich außerhalb der sogenannten Städte und übertreffen der Zahl der Insassen nach viel-fach die weiße Bevölkerung um ein beträchtliches. Aus diesen Arbeitsreservoiren, die einigermaßen an antike Staatssklavenlager erinnern, versehen sich die Weißen nach Bedarf und gegen ortsüblichen Lohn mit Dienst-personal. Der Ladenbesitzer entnimmt Diener, Arbeiter, Wäscherinnen, der Soldat Bambusen [Handlanger], die Verwaltung Straßenarbeiter. Vielfach, und trotz Vorbeu-gungsmaßregeln der Verwaltung, erhalten diese Kaser-nements nächtliche Besuche der Weißen, die zu uner-freulichen Szenen führen … Die bedrückte Lage der Eingeborenen spiegelt sich in ihrem äußeren Auftreten. Es ist für den Fremden unerfreulich und demütigend, zu beobachten, wie diese Menschen beim Herannahen eines Europäers sich scheu und mit der Miene armer Sünder zur Seite drücken und vor jedem Weißen unter-würfig den Hut ziehen. Nirgends sieht man die harmlose Heiterkeit und die Zuversichtlichkeit, die in den engli-schen Kolonien die Eingeborenen kennzeichnet. Es ist das äußere Bild eines Sklaventums, wie es den Bier-träumen der kleinen Philister entsprechen mag.«


Um 1910 beschreibt Clara Brockmann die offensichtlich als Konkurrenz empfundenen und abschätzig beschrie-benen schwarzen Frauen in Windhuk und Lüderitz-bucht:

»Viele dieser Kapweiber, deren Negerblut sich seit eini-gen Generationen mit der weißen Rasse vermischt hat und die sich von den kurzen krausen Haaren die mo-dernen Frisuren der Europäerinnen aufbauen und de-ren Kleidung tragen, fühlen sich fast wie ›Damen‹. Ich habe hier überhaupt zum erstenmal mit ziemlich ge-mischten Gefühlen diese schwarzen Weiber in unseren Trachten gesehen. In Windhuk schenkt man seinen farbigen Dienstboten auch zuweilen abgelegte Kleider, die sie dann, ohne sie zu raffen, durch den Straßen-schmutz schleppen und binnen kurzer Zeit unglaublich zerrissen haben; aber bei ihnen bleibt das Charakteris-tische der eingeborenen Rasse, ohne daß es noch von dem bunten Kopftuch und den Glasperlenketten betont zu werden braucht. Hier dagegen erblickt man Damen in weißen Hemdblusen, Ledergürteln und fußfreien Leinenröcken; auf der Frisur einen nicht einmal ge-schmacklosen Rosenhut mit einem langen Chiffon-schleier unter dem Kinn zusammengebunden…«