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Deutsche Frauen

Wegen des Mangels an weißen Frauen in der Kolonie werden seit 1898 über das Fraueneinwanderungspro-gramm der Deutschen Kolonialgesellschaft jeweils in Gruppenreisen junge Frauen nach Südwestafrika ge-schickt. Die Frauen stammen aus ganz Deutschland, kommen meistens aus einfachen bäuerlichen Verhält-nissen und kennen die damit verbundenen Arbeiten. Sie haben einen Zweijahresvertrag mit halbjährlicher Kün-digung und freier Rückfahrt nach Deutschland. Die Frauengruppen landen in Swakopmund und gehen von dort zu ihren Arbeitsstätten, mit dem erhofften Ziel dabei einen Heiratskandidaten zu finden. Im Großteil der Fälle tritt dieses auch ein und die Frauen bleiben in Südwest.

Als 1907 der Deutschkoloniale Frauenbund gegründet wird, übernimmt der Frauenbund die Aufgabe der Ent-sendung von Frauen in die Kolonien. Hauptarbeits-gebiet in diesem Betätigungsfeld bleibt weiterhin Süd-westafrika, die Kolonie mit der größten deutschen Bevölkerung, die wiederum in der Hauptsache aus jün-geren Männern besteht.

Einige Frauen machen sich nach Ablauf ihrer zweijäh-rigen Dienstverpflichtung auch selbständig. Als Schnei-derinnen, Caféhausbesitzerinnen, Wäscherinnen oder Weißnäherinnen. Weißnäherinnen bearbeiten die Aus-steuer aus Bettwäsche, Handtüchern, Tischdecken und so weiter. Da die Aussteuer meist aus weißen Stoffen besteht, wird sie als Weißwäsche bezeichnet und vor der Hochzeit genäht. Reichere Familien leisten sich eine Weißnäherin für die Bearbeitung der Aussteuer. Viele der Frauen bewegen sich auch im Freizeitgeschäft der Schutztruppe von Südwestafrika, die – im Gegensatz zu den Schutztruppen in Kamerun und Deutsch Ostafrika – ausschließlich aus Deutschen besteht.

Mit der Ausweitung der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft in Südwest steigt auch der Bedarf an weib-lichen weißen Arbeitskräften: Lehrerinnen an den sich vergrößernden Regierungsschulen, Krankenschwes-tern und Kindergärtnerinnen, Büroangestellte in Be-zirksämtern und Rechtsanwaltsbüros, Köchinnen in großen Hotels, Barfrauen und Telefonistinnen werden gebraucht. Als 1908 das Diamantenfieber ausbricht schaffen es einige Spekulantinnen an der Diamanten-börse von Lüderitzbucht zu werden.

Eine der vom Frauenbund nach Südwestafrika ge-schickten Frauen schreibt von einer Farm aus Südwest:

»An die schwarzen Leute habe ich mich schnell ge-wöhnt; manche sind sogar hübsch unter ihnen; aber schmutzig sind leider fast alle. Wir haben meist Kaffern, einige Hottentotten und Hereros; lustig und lachend sieht man sie wohl stets und wenn sie eine Arbeit mehr aufbekommen, singen sie auch dabei und sind nicht, wie oft unsere weißen Leute, mürrisch. Sie lassen sich ja allerdings Zeit und schaffen lange nicht soviel wie Weiße. Zum Windhuker Rennen zu Pfingsten und bei der landwirtschaftlichen Ausstellung waren wir auch in Windhuk. Es ist bewundernswert, was da alles geleistet war. Jetzt ist Afrika am Diamantenfieber krank; man hört nur von Diamanten-Expeditionen und Schürffeldern.«

Am 1. Januar 1909 sind von den 1826 erwachsenen weißen Frauen in Südwest 891 durch die finanzielle Unterstützung der Deutschen Kolonialgesellschaft und vom Deutschkolonialen Frauenbund in die Kolonie ge-kommen. Von den verbleibenden 935 Frauen sind etwa 80 % evangelische Missionarinnen, Missionsangestellte oder katholische Nonnen. Tonangebend in der kolo-nialen Frauenwelt sind die Damen aus den gehobenen gesellschaftlichen Kreisen. Sie stammen meist aus Beamten-, Kaufmanns- oder Offiziersfamilien sind fi-nanziell abgesichert, gebildet und oft in einer Frauen-kolonialschule in Deutschland für die besseren Stände ausgebildet worden.

1910 schreibt Clara Brockmann, eine Dame aus den »höheren Kreisen«, über die frühen weiblichen Anköm-mlinge, die durch den Kolonialbund nach Südwest ka-men: »Das Bewußtsein, in dem damals noch recht frauenarmen Lande mit Freude begrüßt zu werden, steigerte von vornherein das Gefühl der persönlichen Wertschätzung; die Ansprüche wuchsen überraschend schnell, die Arbeitslust verringerte sich, und die Landes-verhältnisse taten das übrige, um zu bewirken, daß einfache Landmädchen die Dame zu spielen versuchten, binnen kurzer Zeit mehrfache Soldatenbraut wurden und in keiner Weise ihrem ursprünglichen Zweck mehr entsprachen, nämlich eine tüchtige Arbeitskraft im Hause darzustellen. Manche heirateten auch sehr schnell und spielten dann in aufdringlicher Weise die Parvenüsgattin, andere gefielen sich als Barmädchen und in zweifelhaften Gewerben. Diese Zeiten sind jetzt vorüber.«

Die ›einfachen‹ Frauen, also Frauen aus der Arbeiter- und Bauernbevölkerung, die sich ein besseres Leben in den Kolonien erhoffen und dafür vom Frauenbund des Deutschen Kolonialbundes ausgesucht und geschult und deren Ausreise in die Kolonien auch finanziert wurde, stellen den Hauptteil der weiblichen deutschen Bevölkerung in Südwest.


Aus dem Tätigkeitsbericht des Kolonialen Frauenbun-des von 1912: Im Oktober 1912 berichtet das Ausschuß-mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft Freiherr von Gail in Berlin über seine Afrikareise unter anderem: Was nun die beiden Hauptschöpfungen des Frauenbun-des in Südwestafrika betrifft, das Jugendheim in der Lüderitzbucht und das Heimathaus in Keetmanshoop, so sagte Freiherr von Gayl „Frau Staatssekretär Dr. Solf wird mit mir darin übereinstimmen, daß wir diese bei-den Anstalten in guter Verfassung vorgefunden haben“. Der Kindergarten von Lüderitzbucht wird täglich von 30 bis 35 Buben und Mädchen besucht. „Sie machten einen gesunden und fröhlichen Eindruck“. Wiederholt hörte der Berichterstatter die Ansicht, daß Kindergärten in Südwest nicht nötig seien, weil die Mütter dort mehr Dienstboten und deshalb Zeit genug hätten, sich allein um ihre Kinder zu kümmern. Man brauche sie also nicht in Kindergärten zu schicken. „Dem möchte ich aber entgegenhalten, daß diese Dienstboten fast aus-schließlich Eingeborene sind, die der ständigen Über-wachung der Hausfrau bedürfen. Die Kinder müssen oft der Betreuung durch schwarze Dienstboten überlassen werden. Es führt dazu, daß viele Kleinkinder die Stam-messprache der Eingeborenen eher erlernen als die deutsche Muttersprache!“

Auch für Deutsch-Ostafrika empfahl Freiherr von Gayl die Einrichtung deutscher Kindergärten und die Gewäh-rung von Unterstützungen zugunsten mittelloser Bräute bei der Ausreise. Arme Dienstmädchen, die dort eine Stellung antreten werden in deutschen Haushaltungen, benötigten ebenso Reisekosten-Zuschüsse. Gertrud von Hatten, Generalsekretärin des Kolonial-Frauenbundes, kommentiert die sogenannte Frauenfrage in einem Auf-satz: »Kaufmännisch ausgebildete Frauen werden in un-seren Kolonien nur selten benötigt. Die Geschäfte be-vorzugen männliche Angestellte, weil sie fast durchweg Waren aus sämtlichen Branchen führen wie Lebens-mittel, Konfektionskleidung, landwirtschaftliche Gerä-te, Metall-Erzeugnisse, Sattler-, Glas- und Schuhartikel. Das bedeutet harte körperliche Arbeit…«. Zu Südwest-afrika schreibt sie: »Gute Schneiderinnen als Selbstän-dige sind in der Kolonie überall gefragt, vor allem sol-che, die von Fall zu Fall die Farmen aufsuchen »auf Wanderschaft«.«