Am 8. Dezember 1904 erhält Lothar von Trotha als Oberbefehlshaber der deutschen Truppen in Südwest-afrika vom Generalstab in Berlin den Befehl über die Aufhebung seiner Proklamation vom Oktober und am 11. Dezember telegraphiert ihm Reichskanzler Bernhard von Bülow Lager für »die Unterbringung und Erhaltung« der Herero einzurichten. In Windhuk und Okahandja bestehen bereits Kriegsgefangenenlager.
In seinem Bericht vom 10. August 1904 an die Kolo-nialabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin hatte der Ansiedlungskommissar Paul Rohrbach empfohlen »man solle sich vor allen Dingen der Mission bedienen, um die Eingeborenen, nachdem die militärische Entscheidung gefallen ist, zu sammeln und fürs erste zu verpflegen«. Trotha wird im Telegramm aus Berlin nun empfohlen für die Umsetzung der jetzt vorgegebenen Herero-Politik »sich der Dienste der Ansiedlungskommission zu bedienen«.
Für die Bewachung der Lager sind Truppen notwendig und die kritische Nachschublage wird weiter ange-spannt. Trotha fordert deshalb vier Kompanien für den Etappendienst an und einen Zivilgouverneur aus Deutschland, da der bisherige Gouverneur Theodor von Leutwein am 30. November Südwestafrika verließ und seinen Dienst beendet hat.
Auf Anordnung von Reichskanzler Bülow werden im Januar weitere Lager in Karibib, Omaruru, Swakopmund und Lüderitzbucht eingerichtet. Da praktisch kein Mate-rial für die Errichtung der Lager vorhanden ist werden Dornenverhaue als Zäune verwendet und die Herero können sich in der Umzäunung ihre gewohnten bienen-korbartigen Hütten errichten. Im Januar beginnen dann auch Herero sich freiwillig den Deutschen zu stellen. Über diese ersten hunderte Männer, Frauen und Kinder wird geschrieben: »entkräftet und zum Entsetzen abge-magerte Leute«.
Es wird bei der Verbringung in die Lager nicht zwischen Kriegsgefangenen und zivilinternierten Frauen, Män-nern und Kindern unterschieden. Bei dieser Maßnahme sind zunächst zum Teil noch keine Vorbereitungen für die Versorgung der sich ergebenden Herero vor Ort getroffen, bis sie in den Lagern sind, und so kommt es zu solchen traurigen Vorfällen wie dem im Folgenden beschriebenen. Ende Januar 1905 bekommt ein deut-sches Transportkommando, welches Proviant für die Truppe nach dem schwer versorgbaren Otjimbinde brachte, Befehl auf dem Rückweg zwölf deutsche typhusrekonvaleszente Soldaten von Otjimbinde ins hunderte Kilometer entfernte Okahandja zu geleiten. Gefreiter Paul Harrland:
»Nachmittags platzte ein Regen los, der während des ganzen Marsches anhielt. Zu allem Überfluß haben wir auch noch zwölf Typhusrekonvaleszenten zum Rück-transport erhalten, außerdem zirka 150 Gefangene, welche vor Hunger und Ermattung fast nicht mehr können…« Sicherheitshalber sind in der Gegend deut-sche Patrouillen unterwegs. »Trotzdem ist es allemale eine Pein für uns, hoch zu Roß, mit dem Schambock (Peitsche) in der Hand, diese halbverhungerten Ge-schöpfe nachtreiben zu müssen. Hunger und abermals Hunger. Bedauert haben wir die Kinder, die für alles nichts können… Unter allen erregte ein junges, bis zum Skelett abgemagertes Weib das Mitleid aller Kamera-den. Mit kindlicher Liebe führte sie ihre alte, erblindete Mutter an einem Ochsenriemen nach… Am 12. Februar 1905 kamen wir wieder in Okahandja an, nachdem wir den Swakop glücklich durchkreuzt hatten. Allerdings hatten wir von 150 Gefangenen nur 90 mitgebracht, da die übrigen vor Ermattung elendig umgekommen wa-ren…«
Bei der Aussendung von Boten zu den Herero kon-zentriert man sich auf das Hereroland, wohin die Masse der im August 1904 am Waterberg gewesenen Herero schließlich wieder gezogen ist, wo sie aber meistens ohne ihr Vieh Hunger leiden und wegen Viehdieb-stählen bei deutschen Farmen von Patrouillen verfolgt werden.
Innerhalb weniger Monate werden tausende unstet im Lande stehlend umherschweifende oder sich verstek-kende mittellose Herero als Gefangene in die neuen Lager eingebracht. Trotha meldet am 10. März 1905 an den Generalstab in Berlin 4093 Gefangene, wovon 938 Männer, 1419 Frauen und 1576 Kinder sind. Von diesen Gefangenen sind 45 Männer, 57 Frauen und 64 Kinder an Entkräftung gestorben.
Überrascht sind die Behörden von der hohen Zahl der sich ergebenden Herero. Die meisten davon sind durch die »eiserne Absperrung« gegangen. Ende Mai haben sich trotz des andauernden Kriegszustandes bereits 8040 Herero ergeben, davon 1853 Männer.
Durch den Verlust ihrer Viehherden im Sandfeld muß-ten sie sich von dem Ernähren, was das Land hergibt. Oft zum Hungertode verurteilt überleben viele Herero nur durch die »zur einstweiligen Unterbringung und Versor-gung« der Herero eingerichteten Lager der deutschen Kolonialmacht.
Im März erlaubt Trotha der Rheinischen Mission in ei-ner Bekanntmachung arbeitsunfähige Männer, Frauen und Kinder unter ihre Obhut zu nehmen. Das führt zur Einrichtung eines Waisenhauses in Otjimbingwe und die Einrichtung weiterer umzäunter und bewachter La-ger wird betrieben, deren Gefangenen zur Arbeit heran-gezogen werden. Die hohe Zahl der sich Ergebenden führt auch zu vielen kleinen Lagern – Werften, Kräle oder Kamps genannt – , sodaß bei fast allen deutschen Ortschaften im Land ein solches kleines Lager eröffnet wird, wo die gesammelten Herero meist als freie Leute leben.
Im März 1905 hebt Trotha auch die sinnlose Absperrung des Sandfeldes auf und die Truppen werden zum Kriegsschauplatz im Süden gegen die Hottentotten ab-gezogen oder ins Hereroland, um dort die Wiederauf-nahme eines geregelten Farmbetriebes zu gewährleis-ten.
Das Eingeborenenlazarett in Windhuk unter Oberstabs-arzt Dr. Dansauer schwillt bei der ständigen Zunahme der gefangenen oder freiwillig einkehrenden Männer, Frauen und Kinder zu einem Riesenbetrieb an. In Wind-huk, Okahandja, Swakopmund und Lüderitzbucht arbei-ten »Fach-Hygieniker« in bakteriologischen Laborato-rien. Pockenimpfungen verhindern die Verbreitung ei-nes Pockenausbruchs.
Nun beginnt aber eine von niemandem vorhergesehene Entwicklung. Es gibt ausreichend Essen in den Lagern, Reis, Mehl und Konserven, aber diese Lebensmittel sind für die Ernährung der Herero nicht zuträglich. Auch sind die Lager von Swakopmund und Lüderitzbucht zwar versorgungstechnisch an den Hafenstädten gut gelegen, wo die Gefangenen dort im Hafen- und Bahn-bau eingesetzt werden, aber diese Lager liegen an der feuchtkalten, windigen Küste, eine Witterung, wie sie die Herero nicht gewohnt sind, und man nicht für ausreichend Kleidung und Unterbringung gesorgt hat, zumal die gefangenen Feldherero allgemein schon kaum Kleidung besitzen. Im Lager Swakopmund befin-den sich im August 1905 2000 Herero. Laut Missionar Irle sterben »trotz aller Verpflegung« innerhalb von sechs Monaten 792 der 2000 Herero in Swakopmund, wovon viele an Lungenentzündung gestorben seien.
Durch die Ernährungsbedingungen gibt es aber auch in den Inlandlagern zahlreiche Todesfälle. Da den Herero aber ohne ihr Vieh ihre Existenzgrundlage genommen ist bleibt nach Lage der Dinge nur die Ernährung, die augenblicklich möglich ist. Der schwere Fehler der La-ger ist die einseitige Ernährung der Menschen haupt-sächlich mit geschältem Reis und Konserven, weil man einfach diese falsche Ernährung nicht als Ursache für die unverhältnismäßig hohen Todesraten unter den Herero versteht. Die weiße Bevölkerung und die deut-sche Truppe haben mit dem selben Problem zu kämpfen und auch ohne wirksame Gegenmaßnahmen gegen Krankheit und Tod durch die durch die falsche Ernäh-rung entstehenden Mangelerscheinungen. Nur leiden die körperlich geschwächten Herero durch die plötz-liche Umstellung ihrer Ernährung auf völlig unge-wohnte und mangelhafte Lebensmittel viel mehr.
Der mit der Gefangenenbetreuung beauftragte Missi-onar Dr. Heinrich Vedder berichtet aus dem Jahr 1905 in seinen Kurzen Geschichten aus einem langen Leben:
»In Swakopmund schenkte uns Gottes Güte ein Söhn-chen, Johannes, das aber schon nach drei Monaten starb. In diesem Jahr starben von 15 Säuglingen 12 an einer unbekannten Krankheit. Als man zehn Jahre spä-ter die Bedeutung der Vitamine in der menschlichen Nahrung entdeckte, wurde es deutlich, daß wohl alle diese Kinder dem Vitaminmangel erlegen waren. Denn in Swakopmund gab es kein frisches Gemüse, keine frische Milch, keine frische Butter. Alles wurde Blech-dosen entnommen, die aber waren sterilisiert worden, wobei die Vitamine verlorengegangen waren.«
Die Rheinische Mission, die Amtsärzte der Kolonie und Reichstagsabgeordnete protestieren gegen die Verhält-nisse in den Lagern. Sie verlangen die Auflösung der beiden Küstenlager, die den Herero gewohnte Milch-kost und bessere Kleidung und Unterkunft. Aber noch immer hat Trotha die vollziehende Gewalt im Schutz-gebiet und der stellvertretende Gouverneur von Teck-lenburg schreibt am 3. Juli 1905 an die Kolonialabteilung in Berlin:
»Je mehr das Hererovolk am eigenen Leibe nunmehr erst die Folgen des Aufstands empfindet, desto weniger wird ihm auf Generationen hinaus nach einer Wieder-holung des Aufstands gelüsten. Unsere eigentlichen kriegerischen Erfolge haben geringen Einfluß auf sie gemacht. Nachhaltigere Wirkung verspreche ich mir von der Leidenszeit, die sie jetzt durchmachen. Wirt-schaftlich bedeutet der Tod so vieler Eingeborener aller-dings einen Verlust. Die lebenskräftige Natur des Here-rovolkes wird jedoch die Lücken bald wieder auffül-len…«
Als Friedrich von Lindequist im November 1905 von der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt zum Gouver-neur von Deutsch Südwestafrika ernannt wird nimmt er nur unter der Bedingung an, daß Trotha auch den Posten des Befehlshabers der Schutztruppe verliert und dieser Posten ebenfalls an ihn übertragen wird. Trotha hatte aber schon am 23. September beim Generalstab in Berlin beantragt, ihn von seinem Posten als Komman-deur der Schutztruppe und Kommissarischen Gouver-neur für Südwestafrika zu entbinden und die Heimreise antreten zu dürfen. Am 2. November wird Trothas An-trag stattgegeben und Lindequist ist von Trotha befreit, aber wie in den anderen großen deutschen afrikani-schen Kolonien auch – Kamerun und Ostafrika – wird jetzt auf Gewaltenteilung wert gelegt, die Trennung zwischen Zivilverwaltung und Schutztruppe vollzogen und auch ein neuer Schutztruppenkommandeur soll ernannt werden. Lindequist ist nun der erste zivile Gouverneur von Deutsch Südwestafrika. Am 18. Novem-ber verläßt Trotha die Kolonie. Oberst Dame nimmt vertretungsweise die Stellung des Oberkommandieren-den der Schutztruppe ein, bis der neue Kommandeur Oberst Berthold von Deimling im Juni 1906 in Südwest-afrika eintrifft.
Der neue Gouverneur Friedrich von Lindequist trifft am 22. November 1905 im Schutzgebiet ein und besucht noch am Tage seiner Ankunft das Lager in Swakop-mund. Am 1. Dezember erläßt er eine Amnestie für die Herero und es ergeht eine Proklamation an die Herero zur freiwilligen Aufgabe.
Aufruf an die Herero von Gouverneur Lindequist:
»Bekanntmachung, Windhuk, den 1. Dezember 1905.
Hereros!
Seine Majestät, der Kaiser von Deutschland, der hohe Schutzherr dieses Landes, hat die Gnade gehabt, mich zum Nachfolger des Gouverneurs Leutwein zu ernen-nen und als Gouverneur über dieses Land zu setzen, nachdem General von Trotha vor einigen Tagen nach Deutschland zurückgekehrt ist, der die deutschen Trup-pen gegen euch geführt hat. Seine Abreise bedeutet, daß der Krieg jetzt aufhören soll.
Hereros! Ihr kennt mich! Fünf Jahre bin ich früher in diesem Lande gewesen als Kaiserlicher Richter und Stellvertreter des Gouverneurs Leutwein – als Assessor und Regierungsrat – zur Zeit, da Manasse von Omaruru und Kambazembi von Waterberg noch lebten, die mir stets treu gesinnt und ergeben waren. Es ist jetzt mein Wunsch, daß der Aufstand, den Eure Häuptlinge und die Großleute und die Kinder, die ihnen gefolgt sind, in frevelhafter Weise begonnen haben und der das Land verwüstet hat, nunmehr sein Ende erreicht, auf daß wieder Ruhe und Ordnung herrscht. Ich rufe daher alle Hereros, die sich jetzt noch im Felde und in den Bergen herumtreiben und sich von ärmlicher Feldkost und Diebstählen nähren. Kommt und legt die Waffen nieder! Hereros! Tausende Eurer Stammesgenossen haben sich bereits ergeben und werden von der Regierung ernährt und gekleidet. Es ist jede Vorsorge getroffen, daß sie gerecht behandelt werden. Dasselbe sichere ich Euch zu!
…
Kommt nach Omburo und Otjihaenena! Dort werden Eure Missionare von mir hingeschickt werden. Sie wer-den auch Proviant mitnehmen, damit ihr Euren ersten und großen Hunger stillen könnt.
…
Wenn Euch Omburo oder Otjihaenena zu weit ist, der kann seine Waffen auch bei irgendeiner Militärstation abgeben und sich dort stellen.«
Die Proklamation wird in die Hererosprache übersetzt und von eingeborenen Boten der Missionare überallhin verbreitet. Außerdem werden auf Anordnung von Gou-verneur Lindequist ab 20. Dezember 1905 alle militäri-schen Operationen der Schutztruppe eingestellt. Er sorgt auch für gute Verpflegung und durch Kleider-sammlungen in Deutschland für eine bessere Beklei-dung der Herero.
Oberst F.J.A. Trench, ein englischer Offizier, der auf deut-sche Einladung als Attaché dem Oberkommando der deutschen Schutztruppe in Südwestafrika zugeteilt ist, schreibt ausführliche Berichte nach London und er schreibt im Dezember 1905 auch über die Lager. Trench war zweimal in Swakopmund und schreibt in seinem Bericht vom 26. Dezember 1905 an das Kriegsministe-rium in London über Swakopmund, das Eingangs- und Ausgangshafen für die deutschen Truppen ist:
»Zurzeit gibt es weniger Typhus und die hospitalisierten Fälle kamen fast alle aus dem Inland. Durchfall kommt aber sehr häufig vor und befällt alle Neuankömmlinge.« Über die beiden Hospitäler der Stadt schreibt Trench: »Es gibt 2 Hospitäler, jedes mit etwas 100 Patienten und Platz für in etwa das Doppelte bei Überfüllung. Das Orts-hospital hat einen guten Gemüsegarten und recht gute Offiziersquartiere; die Gebäude sind provisorisch errich-tet. Das Hospital für Durchgangspatienten aus Kranken-transporten gegenüber des Bahnhofs der Staatsbahn be-steht aus ’Docker’-Hütten aus Preßholzplatten oder Holz mit einem Segeltuchdach, das breit nach jeder Seite übersteht. Etwa 10 % der Fälle haben Typhus; ein großer Prozentsatz hat Syphilis.«
Über das Gefangenenlager schreibt Trench:
»Das Eingeborenen-Gefangenenlager liegt nördlich der Stadt und besteht aus Wellblechschuppen und Eingebo-renenhütten umgeben von Stacheldraht und Baumver-hau-Einzäunung. Es gibt 920 Gefangene (die Hälfte Män-ner), von denen die meisten tagsüber in der Stadt zur Arbeit eingeteilt werden und erst bei Sonnenuntergang ins Lager zurückkehren. Vier sind vor einigen Monaten entflohen, einer wurde aber erschossen und seitdem gab es keine Versuche zu entweichen. Beide, Männer und Frauen, sind stark und gesund – sehr zum Unter-schied von den jämmerlichen Menschen in Lüderitz-bucht. Man sagt, daß sie eine Menge Nahrung von den Leuten bekommen, für die und bei denen sie arbeiten – denn sie könnten die Arbeit, die sie leisten, bei ihrer regulären Ration nicht schaffen. Sie bekommen keiner-lei Bezahlung, obgleich der Gouverneur erwägt, zukünf-tig den besten Arbeitern ein paar Schillinge, oder so, im Monat zu geben. Sowohl in Swakopmund wie in Wind-huk – vor allem dem letzteren – sind die hübschen Here-ro-Gefangenenfrauen sehr gut angezogen, während die schlichten in Sackleinen und Lumpen gehen.«
In seinem Bericht vom 24. November 1905 nach London schrieb Trench, daß auf der Haifischinsel in Lüderitz-bucht die Herero-Gefangenen – 150 Männer, ebenso-viele Frauen und 50 Kinder – schlecht untergebracht sind, schwach seien und frören. Dysenterie und Lungen-entzündung seien die Folge. Trench: »Dante hätte eine Inschrift für das Tor schreiben können.« Der italienische Dichter Dante hatte um 1300 in einem seiner Werke die Hölle beschrieben. Bei seinem nächsten Besuch im Februar 1906 in Lüderitzbucht hält Trench fest, daß sich die Zustände erheblich gebessert haben.
Bis Anfang 1906 sind von der Schutztruppe 8889 Herero Männer, Frauen und Kinder eingebracht worden. Nun sind in den beiden von Missionaren geführten Lagern im Hereroland schon bis zum 9. Januar in Omburo 546 Herero eingetroffen und bis zum 13. Januar 630 in Otjihaenena. Bis April werden etwa 6500 Herero in Omburo und Otjihaenena gesammelt und bis Mitte 1906 insgesamt 8500. Nicht selten geschieht es, daß Herero, die sich den Boten der Mission gestellt haben, und mit diesen auf dem Wege zur Sammelstation sind, von anderen Herero angegriffen und geschlagen werden, ja manchmal sogar mit Waffengewalt am Weitermarsch gehindert werden. Hunderte weitere Herero werden durch Razzien der Truppe gefaßt und in die Lager ver-bracht. Als die Zahl der sich in diesen beiden Lagern stellenden Herero abnimmt werden zwei neue Lager unter Missionarsführung am Rande der Omaheke ein-gerichtet, am 29. Juni öffnet Otjosongombe und am 14. September Okomitombe. Im September werden die bei-den ersten Lager geschlossen, da nun die beiden neuen Lager ihre Aufgabe übernommen haben. Doch die im Sandfeld lebenden Herero sind nicht so leicht zur Aufgabe zu überreden. Missionar Olp schickt von Otjo-songombe mit Gewehren ausgerüstete Botengruppen von je 20 Mann in die Omaheke. Die von ihnen einge-sammelten Gefangenen machen einen verwahrlosten Eindruck. Der Korrespondent des Berliner Tageblattes, Hauptmann a.D. Hutten, beschreibt sie als »nur mit Haut überspannte Gerippe«.
Bis zum 7. Oktober 1906 werden in Otjosongombe 1824 Herero eingebracht. In Okomitombe werden bis zum 7. Februar 1907 von den Botengruppen des Missionars Willy Diehl, die die Gegend bis zur Grenze vom Betschu-analand absuchen, 924 Herero eingebracht. Bis zum 31. März 1907 sind von den Missionaren der Rheinischen Mission insgesamt 12.500 Herero aufgenommen wor-den. Nachdem die abgemagerten Menschen nach eini-gen Wochen wieder zu Kräften gekommen sind zieht man sie zur Arbeit heran. So werden aber schon Anfang 1906 2500 Lagerinsassen zur Arbeit an der Eisenbahn in Lüderitzbucht gezwungen. Diese Zwangsarbeit der ge-sundheitlich noch angeschlagenen Menschen wird von Gouverneur Lindequist Mitte März 1906 verboten.
Da der Reichstag endlich die Rücksendung von kost-spieligen Truppen aus Südwest fordert läßt der seit Juni 1906 den Posten des Oberkommandierenden der Schutztruppe innehabende Oberst Berthold von Deim-ling Kriegsgefangene aus verschiedenen Lagern auf die Haifischinsel in der Lüderitzbucht verlegen. Dadurch spart Deimling das Bewachungspersonal dieser Lager ein und die Haifischinsel braucht fast keine Soldaten als Wachmannschaft, da die Brücke zur Insel von einem einzigen Maschinengewehr auf der Brücke wirkungs-voll gesichert ist.
In den Lagerverwaltungen werden die Militärs durch Beamte ersetzt. Während des Aufstandes der Hotten-totten bleibt aber das Lager auf der Haifischinsel unter Aufsicht und Versorgung der Truppe – mit katastro-phalen Folgen.
Deimling besucht nach der Überführung der Gefange-nen Mitte 1906 das Lager auf der Insel. Er schreibt in seinen Erinnerungen:
»Ich besuchte das Gefangenenlager auf der Haifisch-insel, wo etwa 3000 Gefangene, ihre Familien einge-schlossen, untergebracht waren. Die Leute erhielten Zelte, wollene Decken. Holz zum Feuer machen. Sie erhielten pro Tag und Person 400 gr. Reis, wöchentlich ½ Pfund Fleisch, Fett und Kaffee nach belieben und etwas Plattentabak. Gewiß, die Haifischinsel war kein Paradies. Das soll ein Gefangenenlager ja auch nicht sein. Aber es war für die Gefangenen ausreichend gesorgt…«
Die Insel hat feuchtkühles, nebliges Meeresklima, wäh-rend die Nama das trockenwarme Wetter des Inlandes gewohnt sind. Schon bei ihrer Gefangennahme nach der Verfolgungsjagd durch die deutschen Truppen sind sie körperlich entkräftet und also ihrer Widerstandskraft gegen Krankheiten weitgehend beraubt. Sie sterben schon zu hunderten in den Aufnahmelagern auf dem Festland. Wer nun noch das Pech hat auf die Haifisch-insel verbracht zu werden ist dem Tode ein großes Stück näher. Die völlig ungewohnte und vitaminarme Verpfle-gung und das sonnenarme feuchtkalte Küstenklima setzen den Nama schwer zu. Auf der Haifischinsel liegt aber die Hauptsterblichkeit bei den 1700 im Mai 1906 internierten Nama, Bethaniern und Witboois nicht im naßkalten Winter, sondern erst im Sommer 1906/07 auf der Südhalbkugel der Erde, in den warmen Monaten. Skorbut ist die Haupttodesursache.
Am 5. Oktober 1906 schreibt Missionar Laaf der Rheinischen Mission:
»Seit einigen Wochen sind fast sämtliche gefangenen Hottentotten hier, ca. 1700 Seelen … Eine große Anzahl der Leute ist krank, meist an Skorbut, und es sterben wöchentlich 15-20. Samuel Izaak [ein Unterkapitän der Witbooi-Nama], der mein Dolmetscher ist, sagte mir unlängst, daß seit dem 4. März, an welchem Tage er sich den Deutschen gestellt hatte, 517 von seinen Leuten gestorben seien. Heute ist diese Zahl noch größer…«
In einem zweiten Bericht vom 20. Dezember 1906 schreibt der Missionar:
»Das Sterben unter den Namas ist noch erschreckend groß. Es kommen öfter Tage vor, an denen 18 Personen sterben.«
Ein weiterer Missionars-Bericht über das Kriegsgefangenenlager Haifischinsel:
»Vor allem waren es Skorbut und Darmkatarrhe, die die Leute aufs Krankenlager warfen. Vor allen Dingen aber erhielten sie keine den Verhältnissen entsprechende Kost. Es kamen an manchen Tagen bis 27 Sterbefälle vor. Karrenweise wurden die Toten zum Friedhofe ge-bracht.«
Das Lager auf der Haifischinsel untersteht der Truppe und nicht dem Gouvernement. Bürokraten in Windhuk und Berlin, weit weg vom Geschehen, entscheiden über das Lager. Dazu kommen schwerwiegende Mißverständ-nisse zwischen den zuständigen Behörden in Lüderitz-bucht, Windhuk und Berlin wie eine Untersuchung für den Reichstag über die Kriegsgefangenen auf der Hai-fischinsel belegt. So kommt der stellvertretende Gou-verneur Otto Hintrager – Gouverneur Lindequist hält sich in Berlin auf – zu dem Schluß, ohne das Lager je selbst besichtigt zu haben, das Lager mit seinen unhalt-baren Zuständen bestehen zu lassen, obwohl Schutz-truppenoffizier Ludwig von Estorff ihn schriftlich und persönlich über die Zustände im Lager informiert. Hin-trager meint, daß die Insassen nach einer Überstellung in ein Lager auf dem Festland flüchten und sich wieder herumstreifenden marodierenden Banden anschließen könnten. Erst kürzlich wären sechs gefangene Hotten-totten auf einem Transport entkommen, hätten sich Gewehre verschafft und hätten dann eine Schutztrup-penpatrouille und zwei Farmer erschossen, darum müsse der Sicherheit der Weißen Vorrang eingeräumt werden, erklärt Hintrager Estorff. Wenigstens erfolgt im Februar 1907 die Verlegung der Frauen und Kinder von der Haifischinsel nach Burenkamp bei Lüderitz-bucht.
Missionare, Zivilisten und Ludwig von Estorff, am 1. April 1907 zum Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch Südwestafrika ernannt, beschweren sich wie-derholt über die Zustände im Lager und als Estorff im April 1907 das Lager selbst einer Inspektion unterzieht ist er entsetzt über die Zustände und löst das Lager auf. Nach Berlin berichtet er:
»Vom September 1906 sind von 1795 Eingeborenen 1032 auf Haifischinsel gestorben. Für solche Henkersdienste, mit welchen ich auch meine Offiziere nicht beauftragen kann, übernehme ich keine Verantwortung, besonders nicht, da Überführung und Festhaltung Hottentotten auf Haifisch-Insel Bruch Versprechens bedeutet, das ich mit Genehmigung Kommandeurs [Oberst Dame im Novem-ber 1906 an] Samuel Isaak und Leuten bei Übergabe gegeben habe [Widerrufen von Gouverneur Linde-quist].«
Nach Angaben der Kolonialverwaltung kamen insge-samt 1359 Menschen auf der Haifischinsel um.
In der »Abschrift der im Kommando der Schutztruppen gemachten Zusammenstellung über die Sterblichkeit in den deutschen Kriegsgefangenenlagern in Deutsch-Südwestafrika« des Reichskolonialamtes heißt es:
»Nach den eingegangenen, den Zeitraum von Oktober 1904 bis März 1907 umfassenden Berichten sind insge-samt von den etwa 15.000 Köpfe betragenden Herero und den etwa 2000 Köpfe starken Hottentotten 7682, also 45,2 Prozent der gesamten Gefangenen, gestorben.«
Das Hauptproblem der Lager ist nicht die Menge an Nahrungsmitteln, es gibt immer genug Lebensmittel, aber die falsche Ernährung. Die Lagerkost, geschälter Reis und Konservenessen, ist sehr vitaminarm. Den Lagerinsassen fehlt ihre Milch und die Feldkost, frische Pflanzennahrung – Beeren, Kräuter, Wurzeln, Zwiebeln – wovon sie sich normalerweise ernähren. Aber auch die weiße Bevölkerung leidet unter dem Mangel an Gemüse und Obst, einfach weil es solches im Lande fast nicht gibt. Selbst die deutschen Truppen bekommen kein frisches Gemüse zu sehen, sondern essen aus der Dose. Ihr Essen besteht aus Erbswurst-Konserven, Schmalz, Corned Beef, Schiffszwieback und dergleichen und so leiden die Soldaten ebenfalls an Mangelerscheinungen. Dieser schwerwiegende Ernährungsfehler bei den schon geschwächten Menschen, die in die Lager ver-bracht werden, kostet tausenden von ihnen das Leben, fordert aber auch unter der deutschen Bevölkerung seinen Tribut.
Über die gesamte Sterblichkeit an Krankheiten zur Kriegszeit in der Kolonie kann erst nach der Jahre dauernden Auswertung von medizinischen Daten das Amtliche Jahrbuch der Union von Südafrika Nummer 8 für die Zeit von 1910 bis 1925 für Deutsch Südwest-afrika Auskunft geben: Während der Herero- und Hottentottenkriege verursacht Dysenterie/Rote Ruhr erhebliche Verluste unter den deutschen Truppen, Kriegsgefangenen, Säuglingen und Kleinkindern. Ty-phus wird während des Hererokrieges im ganzen Land verbreitet und ist begleitet von einer hohen Sterblich-keit. Danach kommen jährliche Typhusausbrüche in städtischen Gebieten meist gegen Ende der Regenzeit vor. Skorbut kommt während des Hererokrieges unter der deutschen Truppe und den Kriegsgefangenen vor und ist für mehr als 50 % der hohen Sterblichkeit unter den Kriegsgefangenen verantwortlich. Einen Eindruck von der verheerenden Wirkung erhält man anhand der Tatsache, daß von 2000 Witbooi-Gefangenen, die im September 1906 auf die Haifischinsel verlegt wurden, in vier Monaten 840 an Skorbut starben. Skorbut kommt auch noch 1915 allgemein in Südwestafrika vor, stellt der amtliche südafrikanische Bericht fest.
Die Kriegszeit von 1904 bis 1907 sieht genau 20.867 deutsche Soldaten in Deutsch Südwestafrika. Die Ver-luste der Schutztruppe bei den Aufständen betragen offiziell 1676 Gefallene, 689 durch Krankheiten Ver-storbene und 76 Vermißte, gleich 2441. 555 Soldaten der Schutztruppe sind an Typhus gestorben, meist im Zu-sammenhang mit Skorbut. Die Diagnose und Bekämp-fung von Skorbut oder Seuchen wie Ruhr und Typhus bereiten selbst der deutschen Truppe große Schwierig-keiten. Für den Kampf gegen die Krankheiten der Trup-pe im Krieg wird eine umfassende medizinische Versor-gung aufgebaut. Feldlazarette, Lazarettdepots, Feldlaza-rette für die 5000 angeworbenen eingeborenen Arbeiter und auf deutscher Seite kämpfenden Eingeborenen, Sammelzentren und Aufnahmestellen für Kranke, Untersuchungszentren, medizinische Transportzentren, Depots des Roten Kreuzes, Einrichtungen für chirurgi-sche Eingriffe und Sanatorien.
1909 wird in Berlin der Sanitätsbericht über die deut-sche Truppe in Südwestafrika 1907/09 veröffentlicht. Der Sanitätsbericht gibt statt 2441 Mann Verluste 3000 im einzelnen nicht aufgelistete Abgänge von der Truppe an, was wohl den tatsächlichen Truppenverlusten ent-spricht, zu denen auch Verdurstete und Selbstmorde gehören. Neben den Kampfhandlungen sind die Haupt-todesursachen chronische Dysenterie, Typhus, Malaria, Gelbsucht und eben Verdursten und Selbstmord. Von den fast 21.000 Soldaten wurden über 10.000 verwundet oder krank nach Hause geschickt. Die durchschnittliche Krankenrate bei der Truppe liegt bei 57 %. Von den nicht als verwundet oder krank Entlassenen ist jeder im Laufe der Kriegszeit mindestens dreimal krank. Der regelmä-ßige Alkoholkonsum der Truppe verschlimmert die La-ge. Er fördert Skorbut, Herzschwäche, Herzerweite-rung, Atemnot, Verdauungsstörungen und Schwäche und verursacht weitere Verluste. Die Truppe erhält wöchentlich eine Ration scharfer Getränke zugeteilt, meist billigen Rum. Diese Unsitte wird erst 1907 durch Ludwig von Estorff in seinem »Ersten Tagesbefehl« am Tage seiner Übernahme des Kommandos über der Schutztruppe abgeschafft.
Eine besondere Schwierigkeit in der Bestimmung der Verluste der Herero- und Hottentottenbevölkerung im Krieg ergibt aus dem Fehlen an Zahlen über beide Völkerschaften vor dem Krieg. Für 1904 war eine Volks-zählung angesetzt, die aber wegen des eingetretenden Kriegszustandes ausfiel. Daher muß auf Schätzungen bei der Vorkriegsbevölkerung der Nama und Herero zu-rückgegriffen werden. Die Herero und Hottentotten wurden als Nomaden nicht, wie in den anderen deut-schen Kolonien, in denen hauptsächlich seßhafte Acker-bauern leben, als Steuerzahler erfaßt. Von den Schät-zungen sind diejenigen, welche von seit Jahrzehnten im Lande lebenden Missionaren gemacht wurden, als am besten zu bewerten. So schreibt Missionar Peter Frie-drich Bernsmann von der Rheinischen Mission, der seit 1874 in Südwestafrika lebt, in einer am 25. September 1906 erschienenen Missionszeitschrift:
»Missionar Irle [Johann Jakob Irle, 1870 bis 1903 Missio-nar der Rheinischen Mission in Südwestafrika.] nimmt in seiner Broschüre Was soll aus den Herero werden? an, und anderweitig kann man es auch lesen, daß vor dem Aufstand die Herero 80.000 Seelen stark gewesen seien. Das soll schon vor 30 Jahren der Fall gewesen sein, und so lange ich keine Gelegenheit und keinen Anhalt zu eigenem Schätzen hatte, habe ich das auch geglaubt. Seitdem ich aber ein wenig durchs Land gekommen bin, muß ich es sagen, daß die Schätzung oder auch Zählung von 80.000 Seelen viel zu hoch sei. Ich kam noch in den letzten Jahren des Friedens vor 1880 zu der Schätzung von höchstens 50.000 Herero. In den langen Kriegs-jahren 1880-1893 [Krieg Herero gegen Hottentotten] haben sich die Herero sicher nicht vermehrt und die Fieberseuche von 1898 hat wohl den vierten Teil von ihnen dahingerafft. So kann ich die Seelenzahl der Herero bei Ausbruch des Aufstandes nur auf 35.000 schätzen. Was man von den Gefechten bei Okahandja, Oviombo und Waterberg vernahm, wo sie alle zusam-menkamen, läßt durchaus nicht darauf schließen, daß ihre Zahl größer gewesen sei. Eine reine Unmöglichkeit bei ihren viehwirtschaftlichen Verhältnissen war es auch, mit ihrem Vieh in der Zahl von 80.000 zusammen zu sein. Man rechne, wie viele jetzt Kriegsgefangene sind und wie viele auf englischem Gebiet und im Ovam-boland leben. Es werden vielleicht 20.000 herauskom-men. Im Felde mögen noch einige Tausend herum-schwärmen. Ich nehme daher die Zahl der Herero, die jetzt leben, von etwa 23.000 an; vielleicht sind es auch ein paar Tausend mehr. Danach wären 10.000 bis 12.000 infolge des Aufstandes zugrunde gegangen, das ist ein Drittel des Volkes gemäß meiner Schätzung. Die Mehr-zahl von ihnen ist wohl in der Kriegsgefangenschaft gestorben. … Durch die Geschosse der Truppen mögen höchstens ein paar tausend getötet worden sein. Man hat zusammen nur mehrere Hundert Gefallene gefun-den. So wage ich nicht anzunehmen, daß vielmehr als 35.000 Herero bei Ausbruch des Aufstandes existierten und daß jetzt mehr als 23.000 bis 25.000 vorhanden sind.«
Eine gute Schätzung ergibt sich aus der Zahl der am Waterberg im August 1904 mit allen ihren Stammes-verbänden, und das zum Teil schon seit Wochen, ver-sammelten Herero. Dort können auf Grund der natür-lichen Gegebenheiten des Landes, der begrenzten Men-ge an Feldkost und Wasser für die Weidung und Trän-kung des Viehs, allerhöchstens 30.000 Herero gelagert haben und um die 5000 Herero waren in deutschem Gewahrsam, lebten frei in Südwest, im Betschuanaland oder Südafrika, woraus sich ebenfalls auf um die 35.000 Menschen für das Hererovolk schließen läßt.
Eine amtliche Meldung aus der Hauptstadt Windhuk vom 10. Februar 1906 gibt die Zahl der gefangenen Auf-ständischen mit 13.040 an. Darunter sind 10.677 Hereros und 2300 Hottentotten. Von den 10.677 gefangenen Hereros sind 2720 Männer. Von den 2300 Hottentotten sind 730 Männer. Die meisten Gefangenen sind Frauen und Kinder. Am 1. Mai 1906 beläuft sich laut dem deutschen Generalstab die Zahl allein der gefangenen Herero, wobei zwischen Kriegsgefangenen und den sich freiwillig stellenden Feldherero kein Unterschied ge-macht wird, auf 14.769. Diese Zahl wird aufgeschlüsselt in 3237 Männer, 5289 Frauen und 4023 Kinder. Dazu kommen die beim Bau der Otavibahn Tätigen, deren Zahl sich zum 1. April 1906 auf 900 Männer, 700 Frauen und 620 Kinder beläuft. Als die Lager Ende 1906 – Lüderitzbucht im April 1907 – endgültig aufgelöst wer-den liegt die Zahl der eingelieferten Herero bei 18.000. Da weit über 21.000 Menschen durch die Schutztruppe und die Missionare in deutsches Gewahrsam gekom-men sind müssen über 3000 Nama in deutsche Gefan-genschaft geraten sein.
Verschiebungen der betroffenen einheimischen Bevöl-kerung während der Kriegszeit machen Statistiken und Schätzungen nicht einfacher. So sind bei Aufstandsbe-ginn etwa 600 Hereroarbeiter an der gerade begon-nenen Otavibahn bei Swakopmund im Einsatz und werden auf einem Dampfer der Woermannlinie auf der Reede von Swakopmund interniert. Von diesen 600 werden wiederum 282 als Minenarbeiter in die engli-sche Kapkolonie abgeschoben. Die britische Regierung gibt am 18. Januar 1905 bekannt, daß sich mehrere Häuptlinge und 1800 Hottentottenkrieger sowie Here-ros nach Südafrika geflüchtet haben. Am 20. August 1905 besagt eine Meldung aus Kapstadt, daß Samuel Maharero mit seinen Söhnen, mehreren Unterhäupt-lingen und 730 Kriegern im Betschuanaland in Polizei-gewahrsam genommen worden sind. Offiziell werden neben Maharero noch 1275 seiner Anhänger in Betschu-analand registriert. Dazu kommen etwa 1000 Herero, die nach Walfischbucht geflüchtet sind, und von dort von den britischen Behörden nach Südafrika und Betschu-analand überstellt wurden. Wieviele Herero und Hot-tentotten sich tatsächlich in britischem Gebiet aufhal-ten weiß niemand.
Bei den in Kampf gefallenen Hereros kann man von etwa 2000 ausgehen. Bei den Toten in den Lagern ist die natürliche Todesrate durch Alter, Krankheit und Unfall von ein paar hundert Menschen abzuziehen. Über 5000 Herero sind in den Lagern durch das Ergebnis der falschen Ernährung gestorben und folglich müssen 3000 bis 5000 im Sandfeld umgekommen sein, woraus sich 10.000 bis 12.000 Tote ergeben, was auch der Schät-zung von Missionar Bensmann entspricht. Die Volks-zählung von 1909/10, veröffentlicht in Die deutschen Schutzgebiete in Afrika und in der Südsee 1909/10. Amtliche Jahresberichte des Reichs-Kolonialamtes. Berlin 1911, Statistischer Teil, Seite 24, kommt auf 19.962 Herero. Dazu zu zählen sind die Herero, die nach Amboland, nach Angola, nach Betschuanaland und nach Südafrika gegangen sind und die nicht gezählten frei lebenden Herero in Südwestafrika, die alle zusammen mit 5000 Menschen zu veranschlagen sind, sodaß man auf eine Nachkriegsbevölkerung von 25.000 Herero kommt, was letztendlich die Zahl der in der Kalahari umgekommenen Herero drücken würde.
In seinem 1971 erschienenen Buch History of South West Africa gibt I. Goldblatt, ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof in Südwestafrika, als Bevölke-rungszahlen für die Herero für 1921 31.100, für 1936 30.800 und für 1960 35.400 an. Diese Zahlen würde die Zahl der Herero-Toten in der Omaheke noch einmal stark verringern und erklären, warum grundsätzlich, und auch im Jahr 2003 bei gezielter Suche von einer Gruppe von Herero, keine Menschenknochen aus der Zeit von 1904 im Sandfeld gefunden wurden.
Bei den Hottentotten ergibt die Volkszählung von 1911 13.838 Menschen, wobei davon auszugehen ist, daß eine Anzahl in der Wildnis lebender Nama nicht erfaßt wurden und sich ja auch ebenso etwa 2000 Nama in Betschuanaland und Südafrika aufhalten, sodaß von einer Zahl von 16.000-17.000 Nama nach dem Krieg auszugehen ist. Die Zahl der Vorkriegs-Hottentotten-bevölkerung wird auf 15.000 bis 20.000 geschätzt. Etwa 1000 Nama sind im Krieg gefallen. Während die Herero den Großkampf bevorzugten, wobei sie jeweils um die 50 bis weit über 100 Tote zu verzeichnen hatten, führten die Nama kleine Gefechte mit wenigen Verlusten, dafür aber viele Gefechte. Die Zahl der toten Hottentotten auf der Haifischinsel und in anderen Lagern ist mit 2000 zu veranschlagen. Gefangene Witboois und Bethanier gab es im Juli 1906 1790, davon 625 Männer, die allesamt auf die Haifischinsel gebracht wurden. Weitere Gefangene wurden auf die Insel verbracht. Bei Estorffs Besuch auf der Haifischinsel im Frühjahr 1907 lebten noch 245 Männer auf der Insel, davon waren »nur periodisch 25 arbeitsfähig«.
Durch Rundverfügung vom 26. März 1908 wird die Kriegsgefangenschaft der Herero für beendet erklärt. Dagegen wird die Kriegsgefangenschaft der Hottentot-ten nicht offiziell aufgehoben. Noch in einem Schreiben vom 18. Januar 1915 des Eingeborenen-Kommissars an das Gouvernement in Windhuk werden Nama-Kriegs-gefangene erwähnt, wahrscheinlich Führer des Hotten-tottenaufstandes.
Der Aufstand der Hottentotten findet seine einzige Begründung im religiösen Wahn eines alten Mannes – Hendrik Witbooi. Auf Grund der besonderen Verhält-nisse eines Guerillakrieges dauert der Kampf über zwei Jahre und endet, abgesehen von den üblichen Toten eines jeden Krieges, mit dem Tod von 2000 Nama in den Lagern, hauptsächlich durch die unwissentliche Fehler-nährung und den daraus folgenden tödlichen Krank-heitsverläufen.
Auch der Aufstand der Herero ist von deutscher poli-tischer und militärischer Seite in keiner Weise vorher-gesehen worden. Von der Seite der Herero ist er ver-ständlich, wenn er auch militärisch für sie nicht zu gewinnen war. Das katastrophale Ereignis im Krieg für die Herero ist ihr schwerer Fehler mit dem größten Teil des Volkes und dem Vieh in die Omaheke zu gehen. Es sind viel zu viele Menschen und Tiere für das Steppen-land und so sterben tausende im Sandfeld und das Volk als Ganzes verliert seinen Reichtum und seine Ernährungsgrundlage – das Vieh. Das Ergebnis konnte nur der Hungertod der Masse des Volkes sein. Durch die Lager kann ein großer Teil des Volkes vor dem Hunger-tod gerettet werden, aber ausgerechnet ihre Rettung vor dem Hungertod kostet über 5000 Herero das Leben. Niemand ahnte etwas von der Fehlernährung in den La-gern und ihren Folgen in Form von tödlichen Krank-heiten. Ohne die Lager wären aber von den insgesamt etwa 18.000 Hererogefangenen wohl zwei Drittel, wenn nicht mehr, in der Wildnis, ohne ihr Vieh, verhungert, sodaß die Lager immer noch 5000 bis 10.000 Herero-leben gerettet haben, die sonst auch noch zugrunde gegangen wären.