Die Stammesgebiete der Hottentottenstämme finden sich fast überall in Südwest, nur nicht in den Wüsten-gegenden die Küste entlang und im Nordosten und ganz im Norden. Die Hottentotten sind aus Südafrika nach Südwest eingewandert, woher sie auch von den Hollän-dern ihren Namen haben, der sich wohl auf ihre sonder-bare Sprache bezieht. Im Deutschen Kolonial-Lexikon von 1914 findet sich über die Hottentotten:
»Wohl von niemandem mehr wird die geistige Höhe der Hottentotten bestritten, die ihnen einen weit über dem Herero befindlichen ethnologischen Rang gewährleis-tet. Schon die höchst eigenartige, durch den Besitz von vier merkwürdigen Schnalzlauten ausgezeichnete Spra-che beweist in ihrer Entwicklung die außerordentliche Begabung dieser Rasse. – Neuerdings versteht man un-ter Naman (Pluralform der Stammesbezeichnung Nama) die sämtlichen hottentottischen Bewohner des Groß-Namalandes einschließlich der später zugewanderten Orlam-Stämme.«
Die Hottentotten sind durch die Verbindung mit den Kapholländern zu Christen geworden. Sie haben Pferde und das Gewehr ist ihre Waffe. Sie nennen ihre Häupt-linge Kapitäne oder Kaptein, nach den Schiffskapitänen der Holländer. Ihre Lebensweise ist weitgehend gleich mit den Herero, aber sie können wegen der Dürre des südlichen Südwestafrika kein Großvieh halten. Mit den von Norden her nach Südwest eingewanderten Herero lagen sie bis zu ihrem Frieden vom November 1892 fast ständig im Krieg. Auch beim Hereroaufstand vom Januar 1904 leisten die Witbooi-Hottentotten mit einem gut hundert Mann starken Aufgebot der Schutztruppe Unterstützung. Die Witbooi-Hottentotten gehören zu den Orlam, welche aus der Verbindung vom am Kap ansässigen Holländern und Hottentotten-Frauen her-vorgegangen sind, im Gegensatz zu anderen rein schwarzafrikanisch gebliebenen Nama-Stämmen wie den Swartbooi (Witbooi = Weiße Männer, Swartbooi = Schwarze Männer). Die Witbooi haben durch ihren Umgang mit den Holländern auch Lesen und Schreiben gelernt.
Hendrik Witbooi ist der Kapitän der Hottentotten. Nach letztlich erfolglosem Aufbegehren gegen die deutsche Kolonialherrschaft schloß Hendrik Witbooi 1894 einen Friedens- und Schutzvertrag mit der deutschen Kolo-nialmacht. In einer Zusatzklause zum Vertrag verpflich-tet er sich 1895 auch mit seinen Truppen den Deutschen »Heeresfolge zu leisten«, womit der Namakapitän Truppenunterstützung gegen »unbotmäßige« Stämme stellt. Seit dem Friedensvertrag von 1894 ist Hendrik Witbooi also ein enger Verbündeter der Deutschen mit einem ihm jährlich gezahlten Salär von 2000 Reichs-mark.
Im Gegensatz zum fruchtbaren Hereroland im nörd-lichen Südwestafrika ist das Land der Nama im Süden der Kolonie wesentlich wüstenhafter, teilweise eine wild zerrissene Gebirgslandschaft und für Rinderhaltung un-geeignet. Die Hottentotten leben von der Jagd und der Kleinviehhaltung. Die Wildtierbestände sind aber durch die rücksichtslose Bejagung, vor allem durch die aus Südafrika zugewanderten Buren (Die Buren sind die im Inland wohnenden Holländer im Gegensatz zu den an der Küste wohnenden Kapholländern), stark zurück-gegangen und um diesem Verlust an Wildtieren Einhalt zu gebieten, hat die Kolonialregierung strenge Wild-schutzbestimmungen erlassen, die nun genauso auch die Hottentotten treffen. Auch ihre nomadische Lebens-weise mit Kleinvieh von Weide zu Weide zu ziehen ist bedroht, durch die immer mehr um sich greifenden weißen Farmen.
Die Hottentotten sind auch vom Schuldenmachen bei weißen Händlern betroffen, aber nicht in dem Ausmaß wie die Herero.
Als im Januar 1904 der Hereroaufstand ausbricht stellt Kapitän Hendrik Witbooi den Deutschen eine gut hun-dert Mann starke Witbooi-Einheit für den Kampf gegen die Herero. Mitte August 1904 desertieren 19 Krieger dieser Hottentottentruppe mit Waffen und Munition. Diese Truppe stand auch am Waterberg im Hauptkampf in der von den Herero eingeschlossenen Abteilung Trothas. Darauf schickt Hendrik Witbooi am 25. August an Gouverneur Leutwein die Nachricht:
»Höre mit Bedauern, daß einige Witboois flüchtig ge-worden sind. Ich befürchte, daß viele falsche Stories [Storie = wilde/erfundene Geschichte] die Schuld tragen. Ich erwarte, daß die Namas, die noch im Felde stehen, treu ihre Pflicht tun werden. Ein Brief von hier geht heute an die Namas ab.«
Allen Deserteuren gelingt es sich bis Mitte September unbemerkt in ihre Heimat im Süden der Kolonie durch-zuschlagen. Von diesen Deserteuren hört Hendrik Wit-booi, daß sie von den deutschen Soldaten schlecht be-handelt worden seien und ihnen gegenüber die Dro-hung ausgesprochen wurde, daß nach den Herero auch mit den Nama „aufgeräumt“ würde. Die Witbooi-Hilfs-truppe ist bei den aus Deutschland neu angekommenen Truppen eingesetzt und diese deutschen Soldaten haben keinerlei Verständnis von Land und Leuten und verste-hen auch den Unterschied zwischen angeworbenen afri-kanischen Arbeitern und den freiwilligen Bundesge-nossen nicht. Hendrik Witbooi kann nicht erfreut über die Aussagen der Deserteure sein, aber andererseits desertiert auch kein Nama mehr vom Verband bei der deutschen Truppe.
Unruhe gibt es unter den Hottentotten auch als Ergeb-nis des Hereroaufstandes, weil von verschiedener deut-scher Seite die Entwaffnung und auch die Beseitigung der Kapitäne der Namastämme als Führer der Hotten-totten verlangt wird. Bezeichnend ist ein Ereignis Ende September 1904 als Christian Goliath, Kapitän von Berseba, beim Bezirksamtmann in Keetmanshoop, Karl Schmidt, erscheint, eine Zeitung in der Hand hält und Schmidt fragt:
„In der Zeitung steht, wir Kapitäne sollen abgesetzt werden und unsere Leute entwaffnet werden, ist das richtig?“
Sowohl die Amtmänner als auch der Gouverneur ver-suchen mäßigend auf Deutsche und Hottentotten ein-zuwirken, zumal die Absicht einer Entwaffnung der Nama und Absetzung ihrer Kapitäne von der zivilen Verwaltung aus nicht besteht.
Jetzt erscheint ein Wanderprediger bei Hendrik Wit-booi, der auf den frommen Mann einen starken Einfluß ausübt. Klaas Sheppart Stürmann aus Südafrika von einem den Nama verwandten Stamm zieht durchs Land. Er gehört der »Äthiopischen Bewegung« an, einer christlichen Glaubensbewegung aus Südafrika, die alle Schwarzafrikaner in einer eigenen christlichen Kirche sammeln will und die Forderung erhebt: »Afrika den Afrikanern«, wofür alle Europäer aus Schwarzafrika vertrieben werden sollen. Stürmann zieht predigend von einem Namastamm zum nächsten Namastamm und nun ist er beim tief christlichreligiösen Hendrik Witbooi angelangt.
Stürmanns Wirken läßt sich an einem Brief des nun etwa 75jährigen Hendrik Witbooi ablesen:
»Rietmond, 1.10.04
An meine lieben Söhne und Mitbrüder und Kapitäne Christian Goliath in Berseba und Paul Fredericks in Bethanien.« Im Brief schreibt Hendrik Witbooi, »ich habe gesehen und erkannt, daß die Zeit nun voll ge-worden ist, daß Gott der Vater die Welt erlösen wird.«
Ebenfalls am 1. Oktober 1904 schreibt Hendrik Witbooi an Hermanus van Wyk, den Kapitän der Rehobother Baster:
»… Ich habe mich jetzt seit langer Zeit gebeugt unter dem Gesetz und das Gesetz befolgt, wie wir alle es taten, in Gehorsam – aber auch in der Hoffnung und dem Glauben, daß Gott unser Vater uns in der Fülle der Zeit von der Verderbtheit dieser Welt erlösen wird … Meine Arme und Schultern sind jetzt müde geworden, und ich sehe und glaube, daß jetzt die Zeit gekommen ist, da Gott Vater die Welt durch seine Gnade erlösen wird … Ich sage dir, daß ich meine Stellung aufgegeben habe. Das ist der Hauptpunkt: ich bin ans Ende gekommen…«
Van Wyk, der Gründer des Baster-Staates in Rehoboth, hatte in der Vergangenheit zwischen Witbooi, den He-rero und den Deutschen vermittelt. Er schließt sich mit seinem Halb-Weiß/Halb-Hottentott-Stamm dem Auf-stand nicht an.
Haben die Hereroführer monatelang beraten und schließlich die Kriegspartei die Oberhand gewonnen, gibt es bei den Hottentotten keine Kriegspartei, sondern einzig und allein ihr oberster Kapitän entscheidet selbstherrlich über Krieg und Frieden. Als der kriegs-gewohnte Hendrik Witbooi seine Entscheidung trifft ist das Herero-Stammland von den Deutschen besetzt und aus der Kalahari heraus ist keine erfolgreiche Krieg-führung der Herero mehr zu erwarten. Dazu hat sich die deutsche Truppenstärke im Schutzgebiet seit Januar 1904 verzehnfacht. Doch Hendrik Witbooi, der Führer der Hottentotten, ist ein bibelfester Christ und fürchtet um sein Seelenheil. Die Aussichtslosigkeit eines Auf-standes aus militärischer Sicht muß dem alten Krieger bekannt sein. Er vertraut einzig und allein auf Gott bei seinem Aufstand. So tritt im Oktober 1904 für die Deutschen eine völlig neue Lage ein. Die ewigen Feinde der Herero, und bisherigen Mitkämpfer gegen die Herero, die Hottentotten, gehen selbst in den Aufstand gegen die Deutschen.
Am Nachmittag des 3. Oktober 1904 bekommt der Amtmann des Bezirks Gibeon, im Süden der Kolonie gelegen, Hauptmann Henning von Burgsdorff, einen Brief von Hendrik Witbooi an Gouverneur Leutwein überreicht, in dem steht:
»Ich bin zehn Jahre in deinem Gesetz, hinter deinem Gesetz und unter deinem Gesetz gestanden. Die Rechen-schaft, die ich vor Gott zu geben habe, ist sehr groß. Ich warte auf ihn und flehe zu ihm, daß er unsere Tränen trocknet und uns erlöst zu seiner Zeit. So hat jetzt Gott aus dem Himmel selber den Vertrag gebrochen, und darum will ich aufhören, der Deutschen Regierung zu folgen.«
Die beiden Boten Witboois, ein Unterkapitän und der Kirchenälteste der Witbooi-Gemeinde, zeigen Burgs-dorff auch einen Brief Witboois in Kapholländisch, in dem zu Ende steht:
»Der Herr hat mir gezeigt, daß es Zeit ist, mein Volk zu erlösen. Ich rufe daher sämtliche Kapitäne des Nama-landes auf gegen die deutsche Regierung. Hendrik Witbooi, Kapitän.«
Die Boten beschwören Hauptmann Burgsdorff Hendrik noch umzustimmen. Bei seinem langen Ritt über nacht zu Hendrik Witbooi nach Rietmond wird Burgsdorff von Salomon Sahl, einem Anhänger der vom Prediger Shep-part Stürmann gebildeten »Heiligen Schar gesalbter Gotteskrieger«, am Mittag des 4. Oktober erschossen. Der Aufstand hat begonnen.
Der Unterkapitän Samuel Isaak sagt später aus:
»Als ich nach Rietmond zu Hendrik kam, saß Salomon Sahl bei ihm. Zu ihm sagte Hendrik: „Ich danke dir, daß du den Hauptmann erschossen hast. Ich hätte es nicht tun können und hätte auch nicht den Befehl dazu geben können. Und was hätte ich sagen sollen, wenn der Hauptmann hierher gekommen wäre und mich gefragt hätte, weshalb ich den Orlog wollte?“«
Bei späteren Verhören von Namagroßleuten kommt die gleichlautende Antwort:
„Der Kapitän hat den Orlog befohlen, also wurde er ge-macht. Seine Gründe hat er uns nicht gesagt.“
Major G. Maercker, der die Befragungen durchführte:
»Aber aus vielen Andeutungen und Redewendungen habe ich doch die Überzeugung gewonnen, daß es letzten Endes religiöse Gründe waren, die den alten Fuchs [Hendrik Witbooi] dazu brachten, gegen uns aufzustehen.«
Doch nicht alle Hottentottenführer schließen sich dem Aufstand von Hendrik Witbooi an. Kapitän Johann Christian Goliath unterstützt sogar die Deutschen.
Hendriks Entschluß zum Krieg muß sehr spontan ge-fallen sein, denn nicht einmal seine jetzt etwa 80 Mann starke Truppe bei den deutschen Verbänden gegen die Herero informiert er über seine Entscheidung und so können diese Witbooi-Krieger mühelos entwaffnet und gefangengenommen werden. Hendrik hätte sonst auch nicht vor Aufstandsbeginn noch eine große Summe Geld bei der deutschen Sparkasse in Gibeon eingezahlt.
In den ersten Tagen des Aufstandes werden 40 Weiße getötet. Der nun begonnene Krieg ist ein reiner Gueril-lakrieg. Die Nama sind gut bewaffnet und beritten, grei-fen die deutschen Truppen blitzschnell aus dem Hinter-halt an und ziehen sich dann wieder ins unwegsame Gelände zurück. Die Hottentotten sind für die deutschen Truppen noch schwerer zu fassen als die Herero, weil sie keine größeren Viehherden besitzen und mitführen und eben beritten sind. Somit sind sie viel beweglicher als die Herero und kämpfen in ihrem ihnen bestens vertrauten Gelände, einer kargen, zum Teil gebirgigen, wüstenartigen Landschaft.
Etwa 2500 Krieger, fast alle mit Hinterladergewehren bewaffnet, können die Hottentotten gegen die Deut-schen aufbieten und sie kämpfen traditionell in klein-sten Verbänden, im Gegensatz zu den Herero, die den großen Kampf bevorzugen. Diese kleinen hochbeweg-lichen Trupps der Nama sind für die deutschen Truppen äußerst schwer auszumachen und zu bekämpfen, wes-halb sich die Niederschlagung des Hottentottenauf-standes in die Länge zieht. Zudem kämpfen auch einige hundert Herero auf Seiten der Nama. Zu ihrem Vorteil können sich die Namakrieger auch jederzeit auf briti-sches Gebiet zurückziehen. Eine Überwachung der Grenze findet aus der Unmöglichkeit Personal dafür frei zu haben, weder von deutscher noch von britischer Seite statt und die Hottentotten nutzen die Möglichkeit sich über englische und jüdische Händler mit Munition und Waffen gegen Beutevieh und Beutepferde zu versorgen.
Die Deutschen werfen sofort den größeren Teil ihrer Truppen in Südwest gegen die Hottentotten, aber es sind hauptsächlich in den letzten Monaten für den Hererokrieg aus Deutschland herangeführte Kräfte, die für den afrikanischen Kriegsschauplatz ungenügend geeignet sind. Dazu kommt, daß nicht etwa im Laufe der Zeit die neuen Soldaten aus Deutschland an Erfahrung auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz gewinnen und sich anpassen, sondern sie durch Krankheit bald aus-fallen, nach Hause geschickt werden und durch neue unerfahrene Soldaten ersetzt werden.
Als am 5. Dezember 1904 ein deutscher Verband auf Rietmond, dem Sitz von Hendrik Witbooi, zumarschiert, in der Hoffnung den Namakapitän dort zum Kampf zu stellen, flieht dieser mit seinen Leuten. 15.000 Stück Vieh lassen die Hottentotten zurück und auch Waffen, Munition und Schießbedarf, Ochsenwagen und vielerlei Gerätschaft.
Hendrik wohnte in einem der fünf Backsteinhäuser des Ortes, der sonst nur aus Pontoks besteht. Oberst Bert-hold Deimling:
»Dicht am Eingang stand noch sein Lehnstuhl mit Dek-ken und Fellen, wie er gerade benutzt worden war. Auf dem großen Tisch lagen seine Briefschaften, Patronen, Taschenuhr und seine Bibel. Auch mehrere Gewehre sowie erbeutete deutsche Offiziersdegen hatte er zu-rückgelassen. Selbst sein Sparkassenbuch war liegen-geblieben. Wie ich daraus ersah, hatte er noch im September in die Sparkasse Gibeon 1600 Mark einge-zahlt. Über seinem Bett hingen Bilder vom Kaiser und dem Gouverneur Leutwein…«
Mitte März 1905 erhält Thilo von Trotha den Auftrag, Cornelius Fredericks, seinen ehemaligen Kampfgefähr-ten, militärisch niederzuringen. Leutnant Thilo von Trotha ist der Neffe des im Mai 1904 zum Oberbe-fehlshaber der Schutztruppe in Südwestafrika ernann-ten Lothar von Trotha. Im Gegensatz zu seinem Onkel ist Thilo von Trotha mit den Menschen in Südafrika gut vertraut. Er hat schon beim Burenkrieg wenige Jahre zuvor auf Seiten der Buren gegen die Briten gekämpft und er kennt auch die Hottentotten, deren Burenplatt, auch Hottentottenplatt genannt, er spricht, eine nieder-deutsche Mundart der Buren und Hottentotten. Leut-nant Thilo von Trotha führte seit Mitte 1904 im Here-roaufstand das Kommando über Reiter der Bethanier-hottentotten unter ihrem Unterkapitän Cornelius Fre-dericks. Diese Reiterabteilung diente für Aufklärungs-ritte und Handstreiche gegen die Herero. Cornelius Fredericks meldet sich schließlich krank, geht zurück nach Hause und schließt sich dem Aufstand Hendrik Witboois an.
Trotha durchstreift mit einer Patrouille, einer Aufklä-rungsabteilung aus Buren und Bastards, der eine regu-läre Reiterkompanie folgt, wochenlang das unwegsame Gelände, von dem aus Cornelius Guerillakrieg führt. Trotha führt Gefechte gegen die Leute von Cornelius und nimmt ihnen Vieh ab, welches zum Überleben für sie dringend notwendig ist. Schließlich bekommt Thilo von Trotha von seinem Onkel Lothar von Trotha die Erlaubnis Friedensverhandlungen mit Cornelius einzu-leiten. Mitte Juni 1905 schickt Thilo von Trotha mit Boten Cornelius einen Brief in Hottentottenplatt, daß er unbewaffnet und alleine käme und in der Zeit keine Truppen gegen ihn und seine Leute eingesetzt werden und reitet dann am 14. Juni in die dutzende Kilometer lange Schlucht, in der Cornelius sich mit seinen Leuten verbirgt, in der sich aber auch andere Hottentotten-Kapitäne und ihre Leute versteckt halten. Trotha wird freundlich von Cornelius begrüßt und die Verhandlun-gen beginnen. Nach einer Weile wird Vieh der Bondel-swart-Hottentotten des Kapitäns Abraham Morris eilig durchs Lager von Cornelius getrieben und Gewehrfeuer ist zu hören. Die Morris-Leute hatten Vieh gestohlen und werden von deutschen Reitern verfolgt. Trotha schickt den Deutschen einen Zettel, das Feuer einzu-stellen, da er zu Verhandlungen in der Schlucht sei, und der Zettel erreicht auch erstaunlicherweise den deut-schen Truppenkommandeur, aber da ist es schon zu spät, ein Hottentotte erschießt Trotha, weil er meint der deutsche Offizier habe das Lager in Sicherheit wiegen wollen für einen Überfall der deutschen Truppen auf das Lager.
Unter diesen Umständen kann sich Cornelius natürlich nicht ergeben. Er weiß, daß Trotha in nicht verraten wollte und gibt ihm in der Schlucht eine würdige Be-stattung. Seine Leute trauen aber den Deutschen nun nicht mehr und der Guerillakrieg geht weiter. Die Schlucht, in der das tragische Ereignis der unglücklich mißlungenen Friedensverhandlung stattfand, heißt seit-dem Trothaschlucht.
Nachdem Hendrik Witbooi Ende Oktober 1905 im Kampf gefallen ist ergeben sich viele Hottentotten, doch einige Unterkapitäne, darunter auch Cornelius Frede-ricks, setzen den Kampf fort. Ein Teil der nach Hendrik Witboois Tod weiter kämpfenden Nama zieht sich in die Kalahari und auch auf das britische Gebiet der Kalahari zurück. In der in der Trockenzeit fast wasserlosen tiefen Kalaharisteppe leben sie hauptsächlich von Tschamas-früchten, eine in dieser Landschaft oft vorkommende melonenartige viel Flüssigkeit enthaltende Frucht. Von den in der Kalahari befindlichen Nama kann ein Teil im Dezember 1905 zur Übergabe bewegt werden. Einige hundert ergeben sich, doch sind es hauptsächlich Frauen und Kinder. Im Dezember 1905/Januar 1906 werden von der Schutztruppe zwei Erkundungsvorstöße in die Kalahari unternommen und es können einige Dutzend versprengte Hottentotten aufgegriffen werden.
Am 3. März 1906 unterwirft sich der Bethanierkapitän Cornelius Fredericks, der die Kämpfe im Süden der Ko-lonie geführt hat, und in den Wochen danach ergeben sich auch die meisten seiner noch im Felde stehenden Unterführer.
Im April ergeben Kundschaftermeldungen, daß sich Nama in Betschuanaland aufhalten. Im Juli 1906 reitet eine Patrouille der Schutztruppe auf Kamelen in die Kalahari bis zur britischen Grenze, wo Verhandlungen mit einem Franzmannkapitän über eine Unterwerfung ergebnislos verlaufen. Auch die Bondelswart-Hotten-totten kämpfen weiter. Erst der am 21. Mai 1906 neu ernannte Kommandeur der Schutztruppe für Südwest-afrika, der nun geadelte Oberst Berthold von Deimling, der im Juni in der Kolonie eintrifft und am 23. Juni das Kommando übernimmt, wird den sich hinziehenden Kleinkrieg endgültig beenden. Deimling ändert das Kon-zept der Kriegführung vom Versuch den Gegner ein-zukreisen, welches mißlingt, weil der leichtbewegliche Gegner den schwerfälligen deutschen Verbänden im unübersichtlichen Gelände leicht entweichen kann, zu einer unausgesetzten Verfolgung des Gegners mit klei-nen beweglichen Einheiten, die bei Erschöpfung sofort durch frische Truppen ersetzt werden. Dazu wird das Nachrichtenwesen ausgebaut und der Nachschub neu organisiert. Außerdem läßt Deimling sämtliches Vieh aus dem Aufstandsgebiet abtreiben, um den Hotten-totten Nahrung und Viehhandel für Waffen und Munition zu entziehen. So sind bis zum November 1906 fast sämtliche noch im Felde verbliebenen Namatrupps zur Strecke gebracht. Seit Oktober laufen auch Ver-handlungen mit Bondelswartkapitänen und Deimling läßt deshalb alle Kriegshandlungen in Gegenden, die Verhandlungsbereitschaft zeigen, einstellen. Am 23. Dezember 1906 wird der Friedensvertrag mit den Bondelswart unterzeichnet. Laut Vertrag geben die Bondelswart sämtliche Gewehre und Munition ab und von der Regierung erhalten sie Siedlungsland und Ziegen und Schafe. Der Vertrag besagt auch, daß die Abmachung auf alle Bondelswart, welche sich noch stellen wollen, ausgedehnt wird, aber auch diese müssen ihre Gewehre abgeben. So kommen auch aus den englischen Gebieten Bondelswart zurück, nehmen die Friedensbedingungen an und bekommen Land und Kleinvieh zugewiesen. Mit der Unterwerfung der Bondelswart gilt der Krieg in Südwestafrika als beendet.
Auf »Allerhöchste Ordre« des Kaisers wird am 31. März 1907 der Kriegszustandes aufgehoben. Der Große Gene-ralstab in Berlin meldet vom 25. Oktober 1903 bis zum 8. Februar 1907 295 Gefechte. Davon 88 gegen Herero und 207 gegen Hottentotten. Es verbleiben noch Franzmann-Hottentotten unter Simon Kopper in den Einöden der britischen Seite der Kalaharisteppe, die Überfälle auf deutschem Gebiet verüben. Um auch diesen letzten Gegner zur Strecke zu bringen wird ein besonderer deutscher Truppenverband aufgestellt. Am 1. April 1907 hat der im Jahr zuvor zum Oberstleutnant beförderte Ludwig von Estorff das Kommando über die Schutz-truppe in Südwestafrika übernommen und läßt als eine seiner ersten Amtshandlungen über den Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck 600 Kamele im Sudan kaufen. 1000 Kamele sind bereits als Transporttiere vom Hafen Lüderitzbucht durch die Namibwüste im Einsatz, bis mit dem Vortrieb der Eisenbahn von Lüderitz ins Inland nach vor nach die Bahn diesen Verkehr über-nimmt und auch Kamele an die Truppe abgegeben werden können. Aus der Lieferung von Hagenbeck, die fast ausschließlich aus Lastkamelen besteht, werden die für einen Reiteinsatz am besten geeigneten Tiere ausge-sucht und ausgebildet. Auch gewöhnt man sie an das Fressen von Tschamas, den in der Kalahari vorkommen-den melonenartigen Früchten. Hauptmann Friedrich von Erckert bereitet seine aus ausgewählten Leuten zusammengestellte Wüstentruppe acht Monate lang auf ihren Einsatz vor. Die wenigen schon vorhandenen Reitkamele und eine Anzahl Reitochsen für den Einsatz im dichten Busch werden auf Erkundungsunternehmen geschickt und die ganze über 500 Mann starke Truppe auf größtmögliche Eigeninitiative von Unteroffizieren und Offizieren ausgebildet.
Besonderes Augenmerk wird auch auf die Wasserver-sorgung dieser für Steppen- und Wüstenverhältnisse verhältnismäßig großen Truppe gelegt. Die von den Hottentotten zugeschütteten Wasserstellen – zur Ver-hinderung ihrer Verfolgung durch deutsche Truppen in der Kalahari – werden wieder aufgemacht und erweitert. Bohrkolonnen, die neue Wasserquellen erschließen sol-len, finden aber auch in über 50 Metern Tiefe kein Wasser, sodaß Stauanlagen und Wasserbecken für Regenwasser angelegt werden und 45 fahrbare Wasser-behälter mit je 400 Liter Fassungsvermögen werden bereitgestellt. Auch die Nachrichtenverbindungen wer-den ausgebaut. Das Fernmeldenetz wird mit neuen Kabeltelegraphenlinien erweitert und hölzerne Signal-türme für den Heliographenverkehr mit Sonnenlicht-morseapparaten errichtet.
Anfang März 1908 ist das deutsche Kamelreiterkorps einsatzbereit. Es besteht aus 27 Offizieren, 373 Reitern, 129 Farbigen, darunter Buschmann-Späher mit Reitoch-sen, 710 Kamelen und vier Maschinengewehren als schweren Waffen. Der März ist als Beginn der Militär-operation festgelegt, weil dann die Regenzeit vorüber ist und ausgerechnet jetzt der Feind sich bei der Wasser-versorgung in einer schwierigen Lage befindet und deshalb nicht bewegungsfähig ist, weil er noch an die Wasserstellen in der Kalahari gebunden ist, bis die wieder wachsenden Tschamasfrüchte in vier bis sechs Wochen gereift sind und genug Wasser und Nahrung für ein erneutes Streifen durch die gesamte Kalahari bieten. Auch nimmt der Mond ab Mitte März wieder zu und Mondschein ist wichtig, um bei Nacht marschieren zu können, statt in der glühenden Tageshitze, wobei die Marschkolonnen auch noch weithin sichtbare Staub-wolken aufwirbeln und so gut vom Feind auszumachen wären. Von deutscher Seite sind die Vorbereitungen auf das gründlichste betrieben und auch die geringsten Kleinigkeiten bedacht. Welch ein Unterschied zu den Patrouillen, die im August/September/Oktober 1904 auch nur in die Randbereiche des Sandfeldes vordran-gen und mit dem Verlust von Pferden und dem Tod von Soldaten bezahlten, die beim Trinken von verseuchtem Wasser durch Typhus umkamen.
Am 12. März 1908 bricht das Expeditionskorps auf. Simon Kopper liegt mit seinen 200 bis 300 Kriegern einhundert Kilometer weit in Britisch Betschuanaland in einem buschüberzogenen Dünengelände in vorzüg-licher Deckung mit Schützengräben und Verhauen aus Büschen und Bäumen. Kopper rechnet mit einem An-griff, aber mit einer solch vorzüglich vorbereiteten deutschen Truppe rechnet er nicht. Am 16. März wird sein befestigtes Lager gestürmt. Die Hottentotten ver-lieren 58 Mann an Toten, darunter auch Isaak Kopper, der Bruder von Simon. Auf deutscher Seite fallen 15 Soldaten. Einer der deutschen Gefallenen ist Haupt-mann von Erckert.
Hatten deutsche Truppen bei der Verfolgung der Hottentotten immer wieder die Grenze zur britischen Kapkolonie überschritten so handelt es sich diesmal um einen Einbruch eines großen deutschen Militärver-bandes tief in englisches Kolonialgebiet hinein. Doch die englische Regierung toleriert dieses deutsche Vorge-hen, weil sie selbst als größte Kolonialmacht natürlich kein Interesse an erfolgreichen Aufständen gegen die weiße Herrschaft hat, zumal sie selbst 1906/07 einen Aufstand der Zulu in Südafrika niederzuschlagen hatte. Im September 1907 haben die Briten auch einen Hottentottenverband aus Deutsch Südwestafrika unter dem berühmten Jakob Morenga in der Kalahari nieder-gekämpft und Morenga getötet. Einer der deutschen Verbindungsoffiziere zur englischen Kampftruppe, Hauptmann Eberhardt von dem Hagen, schreibt:
»Die Haltung der englischen Truppen während der Verfolgung und des Gefechts war gut… Den Schwarzen ist der Hauptheld Morenga genommen, auf den sie ihre Hoffnungen setzten.«
Die Gedenkmünze mit der Gefechtsspange KALAHARI 1907 wird vom deutschen Kaiser 92 mal nur an britische Soldaten der Cape Police und der Cape Mounted Rifles verliehen, welche an den Unternehmungen gegen Jakob Morenga teilnahmen.
Die überlebenden Kopper-Hottentotten fliehen nach dem Gefecht vom 16. März 1908 und Simon Kopper stellt sich mit seinem Stamm den englischen Behörden. Die Engländer weisen ihnen ein Reservat zu und Simon Kopper verpflichtet sich keine Kriegshandlungen gegen Deutsch Südwestafrika mehr zu begehen. Kopper erhält eine Leibrente und auch für alle sonstigen Kosten der britischen Regierung kommt die deutsche Regierung auf. Simon Kopper hält sich gewissenhaft an alle Vertragsbedingungen und stirbt am 31. Januar 1913.