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Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aas-geiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stunden-lang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug da-von, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hun-grigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut ver-pflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwar-zen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlach-roten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpf-wörter im Kasernenhofstil, wie „Schweinehunde, ver-dammte“.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung

Eine besondere Stellung im Herrschaftsgefüge der Re-sidentur bekommt Francis X. Lwamgira. Er ist Mitglied der Familie der Herrscher über das kleine Haya-Reich Kiziba. Dank seine Vielsprachigkeit ist er seit 1901 Regie-rungsübersetzer und seit 1903 auch noch Ausbilder und Kommandant der Rugaruga, der einheimischen Krie-gerstreitmacht im Dienste der deutschen Verwaltung. 1904 begleitet er die Schaustellung des Bezirks Bukoba für die erste landwirtschaftliche Ausstellung der Kolo-nie in Daressalam.

Lwamgira wirkt als politischer Verbindungsmann zwi-schen der deutschen Verwaltung und den einheimi-schen Herrschern. Er ist aber auch aktiv an der Umge-staltung der einheimischen Herrschaften zu modernen Verwaltungen beteiligt und ist selbst ein Vorbild für die einheimischen Gewaltigen für modernes Verwaltungs-management. Er genießt das volle Vertrauen der deut-schen Regierung in Bukoba. Deshalb hat er auch die Rugaruga-Streitmacht unter seinem Kommando. Ge-stellt sind die Rugaruga-Krieger von den einheimischen Herrschern. Die Rugaruga werden von der deutschen Verwaltung mit Uniformen und Hinterladergewehren ausgerüstet und bekommen regelmäßig militärisches Training. Ansonsten sind sie ihren einheimischen Herr-schern unterstellt und für die Durchsetzung von Recht, Besteuerung und wirtschaftlicher Maßnahmen einge-setzt.

Wie schon 1904 begleitet Francis X. Lwamgira auch 1914 die Schaustellung der Residentur Bukoba für die II. Lan-desausstellung in Daressalam im August des Jahres. Im Jahr zuvor ist er von seiner Pflicht als Regierungsüber-setzer entbunden worden und ist nun neben seiner Tä-tigkeit als Ausbilder und Kommandeur der Rugaruga-Krieger Sekretär der Boma von Bukoba, also die rechte Hand des deutschen Residenten.


Die Sultane schicken ihre ältesten Söhne auf die deut-sche Regierungsschule in Bukoba. Da sie als Moslems mehrere, wenn nicht dutzende Frauen haben, haben sie auch entsprechend viele Söhne. Den Thronfolger wählt der Vater nicht nach dem Alter, sondern wenn er und seine Katikiros, seine Minister und Ortsvorsteher, für den Fähigsten halten. Das Einkommen der Sultane beruht auf den Einnahmen ihrer Kaffee-, Erdnuß und Bananenpflanzungen und dem ihrer Viehherden. Dazu kommt der Prozentsatz der Steuern, der ihnen von der Residentur in Bukoba bewilligt wird. Jeder Mann zahlt jährlich drei Rupie Steuern, wovon eine Rupie an den Sultan fällt. Die Eintreibung der Steuern und sonstiger Abgaben an den Sultan obliegt den Katikiros, die ihrer-seits einen Teil der Abgaben für sich beanspruchen dürfen.

Die Untertanen der Sultane dürfen stets nur in gebück-ter Haltung nahen und dürfen nur kniend mit einem Sultan verhandeln. Für die Europäer ist das ein wahrhaft ›hündischer‹ Anblick.

An Kaisers Geburtstag, dem 27. Januar, dem höchsten und fröhlichsten deutschen Feiertag, versammeln sich die Europäer und die Sultane mit ihrem Anhang auf dem großen Paradeplatz vor der Residentur in Bukoba. Zu-nächst wird die Truppenschau der Askaris vom Resi-denten abgenommen, sodann ziehen die Sultane in langer Reihe vorüber. Vor jedem Zug der Hofnarr des Herrschers, ein phantastisch aufgeputzter Neger mit möglichst furchterregenden Gesichtszügen. Er trägt ei-ne große Trommel, die er mit seinen Fäusten bearbeitet, wobei er die wahnsinnigsten Sprünge und Gliederver-renkungen zum besten gibt. Der Resident tauscht mit jedem Sultan beim Vorbeizug einen kräftigen Hände-druck.

Nach dem amtlichen Teil beginnen die Volksbelusti-gungen mit Sportwettkämpfen der Schüler. Besonderes Vergnügen bereitet den Zuschauern, wenn die Jungen mit ihrem Munde Hellerstücke aus einem Teller mit Mehl heraussuchen. Die schwarzen Gesichter erschei-nen dann immer ganz hanswurstmäßig in Weiß ge-taucht. Am Abend herrscht in den Dörfern unter den Eingeborenen ausgelassene Fröhlichkeit, hauptsächlich hervorgerufen durch die kreisenden Pombebecher, dem afrikanischen Hirsebier.

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Die Menschen

Wenn an der Küste der Reis die Hauptnahrung der Eingeborenen bildet, so spielt am Viktoriasee die Bana-ne dieselbe Rolle. In verschiedenen Arten gedeiht sie prächtig in großen, schattigen Hainen. Die Eingebo-renen essen die Banane aber fast niemals als reife Frucht, sondern die grünen Bananen werden vielmehr mit einem scharfkantigen Hölzchen geschält und in einem irdenen Topf gekocht. Ausgereifte Früchte ver-wendet man nur zur Herstellung von Bananenwein. Außer der Banane werden noch Apfelsinen- und Zitro-nenbäume, Süßkartoffeln, Mais, verschiedene Hirse- und Bohnenarten, Erdnüsse und Tabak angebaut. Die Kokospalme gedeiht im Inneren von Ostafrika und in diesen Höhenlagen nicht. Man sagt, sie muß den salzigen Meereswind haben. Melonen und Tomaten wachsen wild und ohne Pflege. Für Kaffee ist der Boden besonders gut geeignet, doch müssen die Felder so an-gelegt werden, daß die Bäume nicht von starken Win-den getroffen werden, die ihrem Gedeihen hinderlich sind.

Von den Stämmen östlich des Viktoriasees werden die Kavirondo vom Regierungslehrer in Bukoba, Rudolf Sendke, beschrieben: »Selten habe ich Menschen von schönerem Wuchse gesehen. Ihren Leib schmücken beide Geschlechter mit erhabenen Narbenverzierun-gen. – Ihre Nachbarn im Süden sind die ebenfalls schönen Wakuyus.«

Von den Stämmen westlich des Sees schreibt Sendke: »Das Land Bukoba beherbergt die Wahaya, Waziba und einige Unterstämme … Die Kleidung besteht bei Männern und Frauen aus einem langfaserigen, butter-getränkten Grasschurz. Oft ist dieser mit blauen oder rosa Perlen durchflochten. Bei kühler Witterung tragen die Leute ein gegerbtes Kalbfell oder eine Rindenstoff-decke darüber. Diese Decken sind eine Eigentümlichkeit der Seebewohner. Sie werden aus der Rinde des wilden Feigenbaumes angefertigt. Die Meister dieser Kunst schlagen mit einem geriffelten Holzhammer die dicken, frischen Rindenstücke bis auf Papierdicke breit, wo-durch die Holzfaser zusammengearbeitet und fest und zäh wird. Die einzelnen Teile werden dann rechteckig geschnitten und so fein zusammengenäht, daß man die Naht kaum erkennen kann. Hierauf wird die braune Decke mit schwarzen Verzierungen bemalt.

Viele der Wahaya reiben ihren Körper mit Butter ein, was gleicherweise vor Hitze und Kälte schützen soll. Baden ist so gut wie unbekannt. Man reibt sich mit Bananenblättern ab, die allerdings ziemlich viel Wasser enthalten. Kleine Kinder gehen ganz nackt. Heute sieht man vielfach schon farbige Tücher und Hemden aus Baumwollstoff, die Indien in größter Auswahl herüber-schickt.

Die Wohnung der Wahaya ist eine Rundhütte aus Stangen, die mit Lehm verputzt und mit einer dicken Schicht Gras bedeckt wird. Unter diesen Hütten findet man oft wahre Kunstwerke der afrikanischen Bautech-nik. Ich habe Sultanshütten von sechs, acht Metern Höhe und dementsprechenden Umfang gefunden. Die starken Tragpfosten sind geschnitzt. Rindenstoffdecken teilen die Räume von einander ab. Fenster gibt es nicht. In der Mitte liegen die großen, glatten Herdsteine für das Feuer, das dauernd unterhalten wird. Den Fußboden deckt eine Schicht langen, feinen Grases. Es ist wunder-bar mollig in so einem Bau, und ich kann es wohl verstehen, daß der Neger unsere Steinhäuser kalt nennt.

Als Fischer und Schiffer sind die Wahaya Meister. Ihre Boote sind keine Einbäume, wie man sie an der Küste trifft, sondern sie bestehen aus einzelnen Brettern, die mit festen Bastfäden zusammengenäht sind. Die Fugen werden mit Baumwolle ausgestopft. Die Ruder sind me-terlange Paddelruder mit herzförmigen Blatt. Vielfach haben die Boote doppelseitige Ausleger, die das kiellose Fahrzeug im Gleichgewicht halten und auch teilweise als Wellenbrecher dienen. Segel habe ich bei unseren Wahaya nirgends gesehen. Die Sultane haben Staats-boote von 12-15 Meter Länge, die von 25-30 Leuten fortbewegt werden.

Als Jäger kennen und verwenden die Wahaya eine Men-ge scharf ausgesonnener Fallen, sowohl für Säugetiere als auch für Vögel. Hier konnte ich zum erstenmal in der Kolonie feststellen, daß der Mensch ein Tier zu Tode hetzen kann. Kleine struppige Hunde, denen man Glocken umbindet, sind die eifrigen Gehilfen des Jägers bei dieser Jagdart.« In einem der kleinen Haine, in der sonst baumlosen Weidefläche, ist ein Buschbock auf-gestöbert. »Sofort nehmen die Köter, die ich niemals bellen hörte, die Verfolgung auf; ihr Herr immer hin-terher. Der Klang der Hundeglocken weist ihm den Weg. Stunden-, ja tagelang dauert die Hatz. … Das Fleisch ist für den Europäer ungenießbar; infolge der langandauernden Flucht ist es fast schwarz geworden.

Nicht nur einen ganz vorzüglichen Bananenwein wissen sie [die Wahaya] zu bereiten, sondern auch ein stark berauschendes Hirsebier, und wenn nach einer guten Hirseernte das edle Naß in den langen Holztrögen schäumt, dann geht’s im Negerdorf hoch her, ähnlich wie bei uns auf der Kirmes.«