Kategorien
Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aas-geiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stunden-lang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug da-von, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hun-grigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut ver-pflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwar-zen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlach-roten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpf-wörter im Kasernenhofstil, wie „Schweinehunde, ver-dammte“.

Kategorien
Wirtschaft und Verkehr

Zwar bekommt Bezirksamtschef Theodor Gunzert beim Besuch von Gouverneur Albrecht von Rechenberg und Kolonialminister Bernhard Dernburg 1907 in Muansa von Dernburg einen ernsthaften Verweis für seine Eigenmächtigkeiten, das ändert aber nichts an seinem weiteren Verhalten, zumal allein die Entfernung zur Hauptstadt Daressalam und die Besonderheiten des einheimischen traditionellen Häuptlingswesens und der einheimischen Wirtschaftsweise eine entsprechen-de Behandlung dieser Fragen braucht, unabhängig von Regelungen für die riesige Kolonie, deren Anwendung in seinem weit von der Hauptstadt entfernten Bezirk unsinnig wären. So ist Gunzert auch bei der Ansiedlung von Weißen in seinem Bezirk auf einem anderen Kurs als Rechenberg für die Kolonie. Er ist zwar wie Rechen-berg der Ansicht, daß weiße Landwirtschaftsunterneh-mungen wenig wirtschaftlichen Wert haben, setzt aber dennoch weiße Siedler mit ihren Kenntnissen europä-ischer Wirtschaftsweise an zur Unterstützung von wirt-schaftlichen Projekten in entfernten Gegenden seines Bezirks, wofür er die aus Daressalam vorgeschriebenen Pachtpreise für Land in seinem Bezirk doch auf einem verhältnismäßig niedrigem Niveau halten kann.

Gunzert kann Rechenberg auch dazu bringen, seinem Bezirk kommunale Selbstverwaltung zu geben. Er braucht weiße Siedler für den Aufbau und die Leitung seiner wirtschaftlichen Projekte und seiner Verwaltung.

Bezirksamtmann Gunzert baut Straßen, die auch Last-wagenverkehr aufnehmen können, auf Muansa zu, um die erzeugten landwirtschaftlichen Güter des Bezirks über den Hafen Muansa zur Ugandabahn zu transpor-tieren. Bis 1914 ist der Bezirk Muansa zum größten Exporteur von Reis, Erdnuß und Baumwolle in der ganzen Kolonie Deutsch Ostafrika geworden.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über Stadt und Bezirk Muansa:

Muansa, wichtigster Ort an der deutschen Südhälfte des Victoriasees in Deutsch-Ostafrika, zugleich Name des großen Bezirks, der Ost- und Südufer des Sees um-spannt.

1. Der große Muansagolf erstreckt sich vom See mit durchschnittlich 5 km Breite 40 km südwärts, um sich dann noch in die 15—20 km langen Zipfel des Smith-sundes (nach SW) und des Stuhlmannsundes (nach SO) zu verzweigen. In einer kleinen, noch durch Inseln ge-schützten, östlichen Seitenbucht des Muansagolfes liegt der Ort Muansa im gleichnamigen Gau von Ussukuma. Die Bucht hat noch 11 m Tiefe; auch die großen briti-schen Dampfer legen seit 1906 am Pier von Muansa an.

Der große Ort Muansa ist nur wenige m über dem 1134 m hohen Seespiegel gelegen. Hochragende Felshügel bil-den einen auffallenden Zug des Landschaftsbildes. Der rosafarbene Granit verwittert, zumal unter dem Einfluß der tropischen Sonne, in Formen, die oft gewaltigen Rundhöckern bepackt mit Wollsäcken gleichen. An anderen Stellen wirrt ein Durcheinander von Blöcken, über das einzelne gewaltige Felsnadeln, Menhirs äh-nelnd, emporragen. Das Klima ist äquatorial. Die Regen-menge beträgt 1001 mm (10jähriges Mittel). Dank eifri-ger Sanierungsarbeiten ist der Ort jetzt ziemlich gesund. Seit die Ugandabahn 1903 vollendet war, ist Muansa aus kleinen Anfängen 1913 eine Stadt von etwa 6000 Ein-wohnern geworden. Es ist das Tor des zentralen Hoch-landes nach dem Indischen Ozean.

1913 hatte Muansa etwa 85 weiße Einwohner, 15 Goa-nesen, 300 andere Inder, 70 Araber. Es gab 12 (4 größere) europäische, etwa 50 indische und 20 andere farbige Firmen, durchweg Handelsunternehmungen. Im Au-ßenhandel stand Muansa bis 1911 in Deutsch-Ostafrika nur unter Daressalam und Tanga: 1912 wurde es von Bukoba überholt. Der Wert der Einfuhr war 1910 3,273, der der Ausfuhr 2,959 Millionen Mark; die Zahlen für 1912 sind 2,434 und 2,941. Bedeutend ist die Ausfuhr von Häuten (etwa 1 Mill. M). Erdnüssen (etwa 3000 Tonnen im Wert von 600.000 M. Baumwolle (370 t im Werte von 370.000 M), Gold von Sekenke (etwa 350.000 M), Reis (fast 200.000 M), Samli (etwa 175.000 M), Wachs. Sesam. Bei der Einfuhr waren Textilwaren mit 1,582, Metallfabrikate mit 0,382 Mill. M. Der Verkehr von und nach Sekenke geht seit Vollendung der Eisenbahn Daressalam—Tabora (Mitte 1912) nicht mehr über Mu-ansa. Muansa ist Sitz eines Bezirksamts, Bezirksgerichts, Zollamts, Post, Telegraphen (Draht über Tabora), draht-losen Verkehr mit Bukoba und Daressalam, Heliogra-phenverkehr mit Schirati und Ikoma. Zwei der drei Züge der 14. Kompagnie der Schutztruppe liegen hier in ei-nem Fort auf beherrschendem Hügel. Ferner hat Mu-ansa 85 Mann Polizeitruppe.

2. Der Bezirk Muansa ist mit 63.800 qkm, wozu ungefähr 30.000 qkm Seefläche kommen, einer der großen Be-zirke von Deutsch-Ostafrika, er umschließt den größten Teil von Ussukuma, die größere, östliche Hälfte von Usindscha. Uschaschi, den deutschen südlichen Teil von Ugaia, ferner die ganz dünn bewohnten Landschaften der Hochländer im Osten bis zu einer Linie etwa 70 km westlich von der Ostafrikanischen Bruchstufe; dazu kommen viele Inseln des Victoriasees: die größten sind Ukerewe, Luwondo, Korne, Meissome und Ukara. Die Zahl der Eingeborenen erreichte Anfang 1914 nach sorg-fältigen Schätzungen 625.000. Zwei Drittel davon ent-fallen auf die Wassukuma. Weitere hier zahlreich ver-tretene Stämme sind die Wassindja, Wakerewe, Wa-schaschi, Waruri, Bakulia; dazu kommen noch kleinere Gruppen der hauptsächlich in Tabora beheimateten Stämme, schließlich die Wandorobbo im Osten des Bezirks. Muansa hatte Anfang 1913 783 nicht einhei-mische Farbige und 231 Weiße. 1908 waren in Muansa 17,4 qkm an Plantagen- und Farmland vergeben, 1909/12 wurden 2,9 qkm vom Gouvernement verkauft, 29,6 qkm verpachtet. Der Viehbestand wurde 1913 zu 1.080.900 Rindern ermittelt, wozu 1.171.970 Stück Kleinvieh, 1520 Esel kommen. Im Besitz der Europäer waren 3441 Rinder, 907 Schafe, 591 Ziegen und einiges andere Vieh. Die 6 Farmbetriebe (1913) beschäftigten sich mit Vieh-zucht, etwas Sisal- mehr Baumwollbau. Viel wichtiger waren die Eingeborenenkulturen der Baumwolle, die vom Bezirksamt seit langem planmäßig gefördert wur-den: bei weitem der größte Teil der 650 t = 2600 Ballen, die 1913 aus dem Bezirk ausgeführt wurden, rührt hier-her. Auch die 5700 t Erdnüsse, 458 t Sesam und 995 t geschälter Reis der Ausfuhr des Jahres 1913 wurden in Eingeborenenkulturen erzeugt — Bezirksnebenstellen in Muansa sind Ikoma und Musoma, in einer Hinsicht auch Schirati. — Die menschenarmen, hochgelegenen, gesunden Gebiete im ferneren Osten von Muansa, ebenso die benachbarten Teile des Bezirks Aruscha, würden sich ausgezeichnet zur Besiedelung durch Europäer eignen, wenn diese Gegenden erst durch Fortführung der Nordbahn (Usambarabahn) an den Verkehr angeschlossen wären. Einschließlich einiger Gebiete im Bezirk Kondoa-Irangi handelt es sich um etwa 40.000 qkm besiedelbaren Landes. Hier könnten vermutlich 10.000 Europäer leben. Die mittleren und südlichen Teile des Bezirks Muansa werden von der kommenden Ruandabahn so, wie sie bisher geplant ist, überhaupt nicht berührt werden. So erscheint die Verlängerung der Nordbahn zum Victoriasee doppelt wünschenswert. Ohne sie bleibt Muansa doch beim Wirtschaftsgebiet der Ugandabahn. — Neuerdings hat sich die Zahl der Goldfunde in Muansa sehr gemehrt. Vielleicht werden sie noch einmal größeren Einfluß auf die Entwicklung des Bezirks gewinnen.

Kategorien
Die Deutschen und ihre Verwaltung

Der Stationschef von Muansa, Oberleutnant Paul Baum-stark, fürchtet einen Aufstand der Häuptlinge und sei-ner eigenen einheimischen Truppen in seinem Militär-bezirk, insbesondere nachdem er im Juli 1905 vom Auf-stand im Südosten der Kolonie hört, und fordert Trup-pen an, die ihm von einem deutschen Kriegsschiff über die Ugandabahn geschickt werden. Als die Marineinfan-terie eintrifft geht Baumstark mit ihr und sicheren eige-nen einheimischen Truppen gegen einen vermeintli-chen Aufständler, den König Makiangoro, vor. Der kann aber der deutschen Marineinfanterie entkommen und er wird erst durch Rugaruga-Krieger des Königs Kahigi von Kijanga aus dem Nachbarbezirk Bukoba gefaßt. Baumstark läßt 1906 weitere zwölf Häuptlinge verhaf-ten, aber seine Aktionen sind offensichtlich weit über-zogen. Als Muansa im gleichen Jahr zum Zivilbezirk er-klärt wird und Regierungsrat Theodor Gunzert die Herr-schaftsgewalt übernimmt, entläßt er sofort die gefan-gengenommenen afrikanischen Herrscher, gegen die keine begründeten Anklagen vorliegen. Gunzert setzt ein Zeichen für den Anbruch einer neuen Ära.


1906 wird der kolonialerfahrene Theodor Gunzert Be-zirksamtmann im nun zivil verwalteten Bezirk Muansa. Wie schon im Küstenbezirk Pangani, dessen Bezirks-amtmann er zuvor war, reist er viel in seinem Verwal-tungsbezirk umher, um vor Ort selbst zu sehen, was in allen Bereichen von Wirtschaft, Verkehr, Soziales und Verwaltung zu tun ist. Bisher war in seinem neuen Be-zirk der Chef von Verwaltung und Militär immer beglei-tet von einer Kompanie Soldaten mit einem Maschi-nengewehr herumgereist, Gunzert schafft diese teuere, einschüchternde und die Geschwindigkeit und Beweg-lichkeit der Reise hemmende Begleitung ab.

Theodor Gunzert will von der vorherigen deutschen Militärherrschaft weg zu einem Einvernehmen mit den einheimischen Herrschern und der Bevölkerung kom-men und sucht als erstes die alten einheimischen Herrscher, die Batemi, für seine Politik der Entwicklung der Wirtschaft des Bezirks durch Zusammenarbeit mit ihnen zu gewinnen. Er reist viel durch seinen Bezirk und gewinnt so einen guten Überblick über sein Reich und sucht dabei den Kontakt zur Bevölkerung des Bezirks. Gleichzeitig stärkt er die Autorität der Batemi, um sie wiederum als Herrschaftsgewalt über das Volk für seine Wirtschaftspolitik einzusetzen. Er gewinnt das Vertrau-en der Batemi, läßt aber auch keinen Zweifel an seiner letztendlichen Oberherrschaft, und greift in die Belange der Batemi ein, wenn er es für notwendig hält. So nimmt Gunzert Batemi, die nicht in seinem Sinne kooperieren, Land und Dörfer ihres Herrschaftsbereiches weg und überträgt sie an Batemi, die sich durch ihre Zusam-menarbeit und gute Leistungen bewährt haben oder setzt Batemi ein, die nach Landessitte diese Stellung gar nicht beanspruchen könnten. Gunzert greift in die ein-heimische Herrschaftsstruktur nach seinem Willen ein und kann sich, ohne Widerstand zu bekommen, durch-setzen. Offensichtlich hat er eine gute Hand bei seinen Entscheidungen.

Da den Batemi Regierungsaufgaben übertragen werden, und sie nach der Zahl der Steuerzahler in ihrem Herr-schaftsbereich bezahlt werden, wird vom Bezirkschef einerseits ihr Ansehen in der Bevölkerung gehoben, zum anderen sind die Batemi an der wirtschaftlichen Entwicklung und Leistungssteigerung ihres Herr-schaftsbereiches interessiert, weil sich dadurch ihr Einkommen steigert. Die Batemi werden also zum festen Bestandteil der deutschen Herrschaft im Lande. Ihre Verwaltung wird von Gunzert mit ausgebildeten schwar-zen einfachen Beamten, landwirtschaftlichen Ausbil-dern zur Unterweisung der Einheimischen in neuen Anbaumethoden, Straßenbauaufsichtskräften und uni-formierter Polizei, den Balugaluga, unterstützt.

Eine weitere Einrichtung der Regierung in Muansa sind die Katikiros. Die Katikiros sind gebildet und des Kisua-heli mächtig. Sie sitzen an der Boma in Muansa, wo sie die Entscheidungen der deutschen Regierung mitgeteilt bekommen und dann zu den Batemi reisen und ihnen diese Gesetze, Verordnungen, Absichten, Ratschläge und sonstige wichtige Meldungen mitteilen. So ist die unmittelbare Verbindung zwischen der Boma in Muan-sa und den einheimischen Landesherren durch die Katikiros, den Botschaftern der Kleinkönigtümer bei Gunzert, gegeben.

Diese Zwischenstellung zwischen der deutschen Boma in Muansa und den Sitzen der Batemi verleiht den Katikiros einige Macht. Die Nähe zur deutschen Ver-waltung macht sie oft mächtiger als die einheimischen Herrscher selbst. So gelangen durch ihre besondere Stellung schließlich auch einige Katikiros in das Amt eines Ntemi (Ntemi = Einzahl von Batemi).

An der Boma in Muansa wird den Katikiros auch eine militärische Ausbildung an modernem Gerät gegeben. Die Rugaruga, die Krieger der Häuptlinge, bekommen nur Vorderladergewehre und ihre Uniformen, soweit man davon reden kann, werden von ihren Häuptlingen gestellt und auch ihre Ausbildung erfolgt durch die Häuptlinge. Im Gegensatz zur Militärverwaltungszeit nimmt Gunzert jetzt auch Wasukuma in die bewaffnete Polizeistreitmacht des Bezirkes auf.

Im Bezirk Muansa gibt es keine ausgeprägten Macht-strukturen wie in Bukoba, sodaß Gunzert die Verwal-tung stark in die Hände der deutschen Siedler legt, ein Grund warum er sie ins Land holt und weitgestreut ansiedelt. Hauptsächlich im Süden seines Amtsbereichs überläßt er einheimischen Territorialherren die Verwal-tung, aber dann deutschen Normen angepaßt.

Im Süden des Bezirks liegen Bereiche, die eigentlich zum Bezirk Tabora gehören, aber von Herrschern in Muansa regiert werden. So wird vorgeschlagen diese Be-reiche des Sukumalandes auch Muansa zuzuschlagen, aber schließlich wird dort in Shinyanga eine Untersta-tion der Verwaltung des Bezirks Tabora eingerichtet.

Die verstreuten Stammesfürstentümer der Sukuma zu größeren Einheiten neu zu organisieren, wenn nicht zu einer politischen Einheit zusammenzufassen, wird vom Bezirkschef Gunzert in Erwägung gezogen.


Für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin behält Gunzert die üblichen Körperstrafen bei. Er gibt aber den Batemi einen Teil der Gerichtsbarkeit zurück, die ihnen von der früheren deutschen Militärverwal-tung genommen worden war. Die Militärverwaltung hatte nur einen Gerichtshof für alle Streitfälle in Muansa. Nun wird an jedem Hof eines Ntemi wieder ein Gericht eingerichtet, während das deutsche Gericht in Muansa das Obergericht ist. Die Batemi-Gerichte kön-nen alle Eigentumsdelikte und alle andere Gerichtsfälle behandeln außer Mord, Landfriedensbruch und Zaube-rei. Als Strafe dürfen sie, wie es immer landesüblich war, Vieh vom Täter einziehen und als Gerichtsgebühren Kleinvieh nehmen.

Die Gerichtsgewalt der einheimischen Herrscher ist wesentlich beschränkter als im Nachbarbezirk Bukoba, aber weiter als in den normalen Bezirken. Gefängnis-strafen dürfen die einheimischen Gerichtsherren nicht aussprechen. Wie in Bukoba führen die einheimischen Gerichte Schauri-Bücher zur Kontrolle der Gerichts-urteile durch die deutsche Verwaltung. Für die deutsche Gerichtsbarkeit werden die Katikiros als Sachverstän-dige herangezogen und bei den Gerichtstagen des Bezirksamtmannes auf seinen Reisen durch den Bezirk werden auf Antrag der Gerichte der Häuptlinge Über-prüfungen von Urteilen vorgenommen.


Die heikele Angelegenheit der Besteuerung ist zur Zeit der deutschen Militärverwaltung ein Punkt der Unzu-friedenheit der Batemi und der Bevölkerung.

1905 wird die Besteuerung von Waren auf Geld umge-stellt.

1907 ordnet der Gouverneur von Deutsch Ostafrika eine Senkung der Steuer pro Haushalt von eineinhalb Rupien auf eine Rupie im Jahr an, auch für die Darstellung der Gerechtigkeit der deutschen Herrschaft und ihre An-nahme durch die Bevölkerung. Gunzert senkt darauf die Besteuerung nicht nur von 1½ Rupien auf eine Rupie pro Jahr, sondern auch statt pro Kopf pro Hütte und gestaltet die Besteuerung im ganzen sinnvoller und gerechter.

Nachdem die von den einheimischen Steuereinneh-mern erhobenen Steuern an das Bezirksamt abgeführt sind wird ein Viertel wieder an die Batemi zurücker-stattet, die die Hälfte davon für sich und für die Bezah-lung ihrer Angestellten verwenden und die andere Hälf-te bekommen die Banangwa, die die Dörfer verwalten. So haben auch die Batemi ein Interesse an der Erhebung von mehr Steuern, da sie dadurch auch mehr Geld ein-nehmen. 

Den Batemi sind Geldmittel für ihre Verwaltung und für Landwirtschaft, Straßen und Schulen aus dem Steuer-aufkommen gegeben. Entgegen von Einwendungen aus Daressalam ist beim Bezirksamt auch ein Etat eingestellt für besondere Angelegenheiten der Häuptlingsherr-schaften.

Durch die Abhaltung alljährlicher Versammlungen der Häuptlinge und Unterhäuptlinge in jeder Häuptlings-herrschaft des Bezirks kann die Verfahrensweise der Steuererhebung besprochen, an die örtlichen politi-schen Verhältnisse angepaßt, vereinheitlicht und ver-einfacht werden. Schließlich kann Gunzert Gouverneur Rechenberg davon überzeugen, die Steuer wieder auf eineinhalb Rupien anzuheben, ohne Schwierigkeiten mit der Bevölkerung heraufzubeschwören.

Über den Etat für die besonderen Angelegenheiten der Häuptlingsherrschaften gibt es die Überlegung diesen Etat ganz unter die Kontrolle der Afrikaner zu stellen und ihnen somit mehr Mitbestimmung zu gewähren.


Da die Ausbildung von Einheimischen für Verwaltungs-aufgaben im Nachbarbezirk Bukoba weiter vorange-schritten ist, kann Gunzert aus Bukoba ein halbes Dutzend von ihnen übernehmen.

Die Schulsituation ist in Muansa bei der Übernahme der Regierungsgewalt durch Gunzert miserabel. Die deut-sche Militärverwaltung wollte 1905 die einzige Schule, geführt für die Ausbildung von Häuptlingssöhnen, wegen der Entlassung des einzigen und unfähigen Lehrers schließen, doch Daressalam befahl die Offen-haltung der Schule. Gunzert holt einen islamischen Lehrer von der Küste nach Muansa für die Schule der Boma und bringt die Batemi und ihre Beamten dazu ihre Söhne auf diese 1907 eingerichtete Schule zu schicken.

Im Landesinneren eröffnen mit der Hilfe der deutschen Verwaltung einige Häuptlinge Schulen und auch in der deutschen Station Schirati am Viktoriasee wird 1909 eine Schule eröffnet, finanziert vom lokalen Verkauf der Produkte des dort angebauten Bogenhanfs.

Weitere Schulen im Bezirk werden von Missionsge-sellschaften eröffnet, wenn auch ihr Standard hinter dem der staatlich geförderten Schulen zurückbleibt. So eröffnet die Afrika Inland Mission amerikanischer Fun-damentalisten Schulen und eine deutsch-amerikani-sche Sieben-Tage-Adventistenmission verbreitet sich mit ihren Schulen im Süden des Bezirks.

Christliche Missionen sind sonst nur in Gestalt der Weißen Väter mit drei Stationen und die englische Church Mission Society mit einer Station vorhanden. 1910 übernimmt von Britisch Ostafrika kommend die amerikanische African Inland Mission die Station der Church Mission Society und breitet sich im Land aus, worauf die Weißen Väter dagegenhaltend 1911 eine weitere Station eröffnen. 1912 eröffnen die deutsch-amerikanischen Sieben-Tage-Adventisten noch eine Station im Bezirk. Die christlichen Missionen finden aber bei der Bevölkerung mit ihrer starken völlig andersgearteten Kultur der Vielweiberei, des Ahnen-kultes und der Bafumu, den Wahrsagern, keinen An-klang. Auch die Bemühungen der Missionen in ihren Schulen Lesen und Schreiben zu verbreiten gehen ge-gen Null.  

Kategorien
Die Deutschen und ihre Verwaltung

Eine besondere Stellung im Herrschaftsgefüge der Re-sidentur bekommt Francis X. Lwamgira. Er ist Mitglied der Familie der Herrscher über das kleine Haya-Reich Kiziba. Dank seine Vielsprachigkeit ist er seit 1901 Regie-rungsübersetzer und seit 1903 auch noch Ausbilder und Kommandant der Rugaruga, der einheimischen Krie-gerstreitmacht im Dienste der deutschen Verwaltung. 1904 begleitet er die Schaustellung des Bezirks Bukoba für die erste landwirtschaftliche Ausstellung der Kolo-nie in Daressalam.

Lwamgira wirkt als politischer Verbindungsmann zwi-schen der deutschen Verwaltung und den einheimi-schen Herrschern. Er ist aber auch aktiv an der Umge-staltung der einheimischen Herrschaften zu modernen Verwaltungen beteiligt und ist selbst ein Vorbild für die einheimischen Gewaltigen für modernes Verwaltungs-management. Er genießt das volle Vertrauen der deut-schen Regierung in Bukoba. Deshalb hat er auch die Rugaruga-Streitmacht unter seinem Kommando. Ge-stellt sind die Rugaruga-Krieger von den einheimischen Herrschern. Die Rugaruga werden von der deutschen Verwaltung mit Uniformen und Hinterladergewehren ausgerüstet und bekommen regelmäßig militärisches Training. Ansonsten sind sie ihren einheimischen Herr-schern unterstellt und für die Durchsetzung von Recht, Besteuerung und wirtschaftlicher Maßnahmen einge-setzt.

Wie schon 1904 begleitet Francis X. Lwamgira auch 1914 die Schaustellung der Residentur Bukoba für die II. Lan-desausstellung in Daressalam im August des Jahres. Im Jahr zuvor ist er von seiner Pflicht als Regierungsüber-setzer entbunden worden und ist nun neben seiner Tä-tigkeit als Ausbilder und Kommandeur der Rugaruga-Krieger Sekretär der Boma von Bukoba, also die rechte Hand des deutschen Residenten.


Die Sultane schicken ihre ältesten Söhne auf die deut-sche Regierungsschule in Bukoba. Da sie als Moslems mehrere, wenn nicht dutzende Frauen haben, haben sie auch entsprechend viele Söhne. Den Thronfolger wählt der Vater nicht nach dem Alter, sondern wenn er und seine Katikiros, seine Minister und Ortsvorsteher, für den Fähigsten halten. Das Einkommen der Sultane beruht auf den Einnahmen ihrer Kaffee-, Erdnuß und Bananenpflanzungen und dem ihrer Viehherden. Dazu kommt der Prozentsatz der Steuern, der ihnen von der Residentur in Bukoba bewilligt wird. Jeder Mann zahlt jährlich drei Rupie Steuern, wovon eine Rupie an den Sultan fällt. Die Eintreibung der Steuern und sonstiger Abgaben an den Sultan obliegt den Katikiros, die ihrer-seits einen Teil der Abgaben für sich beanspruchen dürfen.

Die Untertanen der Sultane dürfen stets nur in gebück-ter Haltung nahen und dürfen nur kniend mit einem Sultan verhandeln. Für die Europäer ist das ein wahrhaft ›hündischer‹ Anblick.

An Kaisers Geburtstag, dem 27. Januar, dem höchsten und fröhlichsten deutschen Feiertag, versammeln sich die Europäer und die Sultane mit ihrem Anhang auf dem großen Paradeplatz vor der Residentur in Bukoba. Zu-nächst wird die Truppenschau der Askaris vom Resi-denten abgenommen, sodann ziehen die Sultane in langer Reihe vorüber. Vor jedem Zug der Hofnarr des Herrschers, ein phantastisch aufgeputzter Neger mit möglichst furchterregenden Gesichtszügen. Er trägt ei-ne große Trommel, die er mit seinen Fäusten bearbeitet, wobei er die wahnsinnigsten Sprünge und Gliederver-renkungen zum besten gibt. Der Resident tauscht mit jedem Sultan beim Vorbeizug einen kräftigen Hände-druck.

Nach dem amtlichen Teil beginnen die Volksbelusti-gungen mit Sportwettkämpfen der Schüler. Besonderes Vergnügen bereitet den Zuschauern, wenn die Jungen mit ihrem Munde Hellerstücke aus einem Teller mit Mehl heraussuchen. Die schwarzen Gesichter erschei-nen dann immer ganz hanswurstmäßig in Weiß ge-taucht. Am Abend herrscht in den Dörfern unter den Eingeborenen ausgelassene Fröhlichkeit, hauptsächlich hervorgerufen durch die kreisenden Pombebecher, dem afrikanischen Hirsebier.

Kategorien
Die Menschen

Wenn an der Küste der Reis die Hauptnahrung der Eingeborenen bildet, so spielt am Viktoriasee die Bana-ne dieselbe Rolle. In verschiedenen Arten gedeiht sie prächtig in großen, schattigen Hainen. Die Eingebo-renen essen die Banane aber fast niemals als reife Frucht, sondern die grünen Bananen werden vielmehr mit einem scharfkantigen Hölzchen geschält und in einem irdenen Topf gekocht. Ausgereifte Früchte ver-wendet man nur zur Herstellung von Bananenwein. Außer der Banane werden noch Apfelsinen- und Zitro-nenbäume, Süßkartoffeln, Mais, verschiedene Hirse- und Bohnenarten, Erdnüsse und Tabak angebaut. Die Kokospalme gedeiht im Inneren von Ostafrika und in diesen Höhenlagen nicht. Man sagt, sie muß den salzigen Meereswind haben. Melonen und Tomaten wachsen wild und ohne Pflege. Für Kaffee ist der Boden besonders gut geeignet, doch müssen die Felder so an-gelegt werden, daß die Bäume nicht von starken Win-den getroffen werden, die ihrem Gedeihen hinderlich sind.

Von den Stämmen östlich des Viktoriasees werden die Kavirondo vom Regierungslehrer in Bukoba, Rudolf Sendke, beschrieben: »Selten habe ich Menschen von schönerem Wuchse gesehen. Ihren Leib schmücken beide Geschlechter mit erhabenen Narbenverzierun-gen. – Ihre Nachbarn im Süden sind die ebenfalls schönen Wakuyus.«

Von den Stämmen westlich des Sees schreibt Sendke: »Das Land Bukoba beherbergt die Wahaya, Waziba und einige Unterstämme … Die Kleidung besteht bei Männern und Frauen aus einem langfaserigen, butter-getränkten Grasschurz. Oft ist dieser mit blauen oder rosa Perlen durchflochten. Bei kühler Witterung tragen die Leute ein gegerbtes Kalbfell oder eine Rindenstoff-decke darüber. Diese Decken sind eine Eigentümlichkeit der Seebewohner. Sie werden aus der Rinde des wilden Feigenbaumes angefertigt. Die Meister dieser Kunst schlagen mit einem geriffelten Holzhammer die dicken, frischen Rindenstücke bis auf Papierdicke breit, wo-durch die Holzfaser zusammengearbeitet und fest und zäh wird. Die einzelnen Teile werden dann rechteckig geschnitten und so fein zusammengenäht, daß man die Naht kaum erkennen kann. Hierauf wird die braune Decke mit schwarzen Verzierungen bemalt.

Viele der Wahaya reiben ihren Körper mit Butter ein, was gleicherweise vor Hitze und Kälte schützen soll. Baden ist so gut wie unbekannt. Man reibt sich mit Bananenblättern ab, die allerdings ziemlich viel Wasser enthalten. Kleine Kinder gehen ganz nackt. Heute sieht man vielfach schon farbige Tücher und Hemden aus Baumwollstoff, die Indien in größter Auswahl herüber-schickt.

Die Wohnung der Wahaya ist eine Rundhütte aus Stangen, die mit Lehm verputzt und mit einer dicken Schicht Gras bedeckt wird. Unter diesen Hütten findet man oft wahre Kunstwerke der afrikanischen Bautech-nik. Ich habe Sultanshütten von sechs, acht Metern Höhe und dementsprechenden Umfang gefunden. Die starken Tragpfosten sind geschnitzt. Rindenstoffdecken teilen die Räume von einander ab. Fenster gibt es nicht. In der Mitte liegen die großen, glatten Herdsteine für das Feuer, das dauernd unterhalten wird. Den Fußboden deckt eine Schicht langen, feinen Grases. Es ist wunder-bar mollig in so einem Bau, und ich kann es wohl verstehen, daß der Neger unsere Steinhäuser kalt nennt.

Als Fischer und Schiffer sind die Wahaya Meister. Ihre Boote sind keine Einbäume, wie man sie an der Küste trifft, sondern sie bestehen aus einzelnen Brettern, die mit festen Bastfäden zusammengenäht sind. Die Fugen werden mit Baumwolle ausgestopft. Die Ruder sind me-terlange Paddelruder mit herzförmigen Blatt. Vielfach haben die Boote doppelseitige Ausleger, die das kiellose Fahrzeug im Gleichgewicht halten und auch teilweise als Wellenbrecher dienen. Segel habe ich bei unseren Wahaya nirgends gesehen. Die Sultane haben Staats-boote von 12-15 Meter Länge, die von 25-30 Leuten fortbewegt werden.

Als Jäger kennen und verwenden die Wahaya eine Men-ge scharf ausgesonnener Fallen, sowohl für Säugetiere als auch für Vögel. Hier konnte ich zum erstenmal in der Kolonie feststellen, daß der Mensch ein Tier zu Tode hetzen kann. Kleine struppige Hunde, denen man Glocken umbindet, sind die eifrigen Gehilfen des Jägers bei dieser Jagdart.« In einem der kleinen Haine, in der sonst baumlosen Weidefläche, ist ein Buschbock auf-gestöbert. »Sofort nehmen die Köter, die ich niemals bellen hörte, die Verfolgung auf; ihr Herr immer hin-terher. Der Klang der Hundeglocken weist ihm den Weg. Stunden-, ja tagelang dauert die Hatz. … Das Fleisch ist für den Europäer ungenießbar; infolge der langandauernden Flucht ist es fast schwarz geworden.

Nicht nur einen ganz vorzüglichen Bananenwein wissen sie [die Wahaya] zu bereiten, sondern auch ein stark berauschendes Hirsebier, und wenn nach einer guten Hirseernte das edle Naß in den langen Holztrögen schäumt, dann geht’s im Negerdorf hoch her, ähnlich wie bei uns auf der Kirmes.«

Kategorien
Einführung

Die beiden Verwaltungsgebiete am südlichen Viktoria-see, des größten afrikanischen Sees, bilden räumlich bis zum Jahre 1900 auch eine Verwaltungseinheit als Militärbezirk Muansa. 1900 wird dann der Westen des Bezirks zum eigenständigen Militärbezirk Bukoba, der schließlich 1906 in eine Residentur umgewandelt wird.

Nach Osten hin sind die beiden Bezirke durch die riesige Serengeti von den nächsten kultivierten Gegenden der Kolonie getrennt. Nach Süden kommt der Bezirk Tabora, nach Osten die Residenturen Ruanda und Urundi und nach Norden Britisch Ostafrika.

In beiden Verwaltungsgebieten wird den angestammten afrikanischen Herrschern erlaubt ihre althergebrachte politische Position weiterzuführen und sie bekommen von der deutschen Verwaltung zusätzliche Funktionen einer modernen Verwaltung zugewiesen, was die bishe-rige gesellschaftliche Lage vor Ort in ein Ungleichge-wicht bringt und Möglichkeiten des Mißbrauchs der in ihrer Macht erweiterten Herrscher einräumt. Nur die höchste deutsche Gewalt in Gestalt des Residenten oder Bezirksamtmannes kann dem entgegensteuern.

Wenn auch der Bezirk Muansa im Vergleich zu einem üblichen Bezirk in Deutsch Ostafrika einheimischen Größen wesentlich mehr herrschaftlichen Freiraum auf ihren Territorien einräumt, so ist dies in keiner Weise zu vergleichen mit der Herrschaft der einheimischen Geschlechter in der Residentur Bukoba in ihren König-reichen.