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Die Menschen IV

Die eingeborenen Hauptstämme in den Tschadsee-gebieten sind die mohammedanischen Haussah, ein Handelsvolk, und die viehzüchtenden Fullah (Fulbe). Südwärts folgen die unter Fullahherrschaft stehenden Graslandstämme von Adamaua, von denen die Bata, Tikar, Beia und Wute die bekanntesten sind.

Die islamischen Fulbe teilen sich in die Bororo, die auf dem Land leben und Viehzüchter sind, und die Stadt-fulbe, Händler und Handwerker die eben in den Städten leben und gebildet sind durch ihre Schulen. Die Stadt-fulbe benutzen auch eine eigene Schrift mit arabischen Schriftzeichen. Bororo und Stadtfulbe verachten sich gegenseitig, aber sehen sich trotzdem als ein Volk an. Während die Stadtfulbe voll islamisiert sind, sind die Bororo viel lässiger im Umgang mit dem Islam oder häufig noch Heiden.

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Safaris

Ein deutscher Missionar schreibt über die Hauptschwie-rigkeit jeder Safari, die Lebensmittelversorgung der Reisenden: »Leicht war es gewiß auch nicht immer, denn wenn plötzlich 50, 100 oder gar noch mehr Fremde auftauchten, die versorgt werden mußten, so gab das in bestimmten Jahreszeiten und unter diesen und jenen Verhältnissen oft große Schwierigkeiten. Das waren die allerunangenehmsten Aufgaben einer Safari, wenn etwa die Bevölkerung zum passiven Widerstand griff, sei es aus Scheu vor denen ihnen unbekannten Weißen, die sie für Geister hielten, für wiedererstandene Tote – sie halten auch die Gespenster für weiß wie hier in Europa und neigen deshalb dazu, einen Europäer als Geist-wesen zu betrachten – oder sei es aus dem bewußten Willen heraus, dem landfremden Eindringling Schwie-rigkeiten zu machen. Dann konnte es vorkommen, daß man bis in die Nacht hinein wartete, ob nicht von den Einheimischen Lebensmittel zu erhalten wären. Die Träger murrten ob ihres knurrenden Magens willen, sie neigten schon dazu, sich mit Gewalt von den Feldern oder auch aus den Hütten zu holen, was sie für die Stillung ihres Hungers brauchten. Wenn man für solche Fälle nicht Lebensmittel für die ganze Karawane mit sich führte – und wer konnte das für eine längere Reise? – so mußte man alles aufbieten, um die Speise zu be-schaffen. Das ging leider nicht jedesmal ohne Zwang ab. Viele böse Zwischenfälle im Verkehr der Weißen mit den Einheimischen sind auf solche Gründe zurückzu-führen.«

Im August 1907 ist der Schutztruppenoffizier Heinrich Fonck im mittleren Tansania auf Expedition am Fluß Ruaha. An den Wasserfällen von Gomaïtale, »dessen Brausen und Donnern jeden Laut verschlang, und der im Verein mit den gigantischen, wie von Zyklopen-händen durcheinandergewirbelten Felsblöcken einen unvergeßlichen Eindruck hinterließ«, und den Fonck als erster Weißer zu Gesicht bekommt, wohnen die Wavin-sa. Die Wavinsa berichten Fonck und seinen schwarzen Trägern, daß jeder, der nicht das Wohlwollen der mäch-tigen Geister des Wasserfalls durch ein Opfer erwirbt, des Todes ist »und die sonst immer lachenden Träger lauschten ernst und still geworden mit leisem Schauer ihren Worten. Und nun erlebte ich ein merkwürdiges Vorkommnis, welches in meiner Erinnerung stets auf-taucht, wenn ich an die Gomaïtalefälle zurückdenke. Ich hatte den Fluß schon oberhalb des Hauptfalles über die Felsen kletternd durchwatet und suchte gerade einen Lagerplatz aus, als der Trägerführer zu mir kam und mich bat, den Gebrauch der Eingeborenen zu folgen und dem Geiste zu opfern. Und zwar müßte ich ein Stück Stoff opfern, da ich – wie jeder Europäer – reich sei, für die mittellosen Träger genüge ein geringeres Zeichen ihrer Opferwilligkeit. Da ich die Eingeborenen nun doch nicht in ihrem Gespensterglauben bestärken konnte, wandte ich ein, daß es keine Geister gäbe und ich nichts opfern würde. Der Führer erklärte, daß dann der Geist des Flusses einen Mann der Karawane töten würde. Bald darauf sah ich sämtliche bereits eingetroffenen Träger und Askaris als Opfer Grasbüschel unter einen mächti-gen, geneigten Felsblock, dem Sitze des Geistes, nieder-legen. Ich beteiligte mich natürlich nicht, sah aber noch, wie der ganze Raum unter dem Felsen bereits voller solcher und ähnlicher ›Opfer‹ war. Eine halbe Stunde später trug man die Leiche eines meiner Träger an mein Zelt! Der vorher ganz gesunde Mann war bis an die Fälle gekommen, hatte seine Last zur Erde gleiten lassen, sich daneben gelegt und war wenige Augenblicke später tot.

Gegen das Ansehen des Geistes von Gomaïtale konnte ich nun nichts vorbringen, und man wird mir im Stillen die Schuld gegeben haben. Die Todesursache des Man-nes blieb fraglich, da nichts Auffälliges zu bemerken war. Er war anscheinend einem Herzschlag erlegen, und ein eigenartiger Zufall hatte Zeit und Ort seines Endes in Übereinstimmung mit dem Glauben der Schwarzen und den Worten des Trägerführers gebracht.«

Um die Jahreswende von 1907 auf 1908 ist Heinrich Fonck auf der Jagd nach Flußpferd und Krokodil am Rufiji südlich von Daressalam. »Diesmal wollte ich nur beobachten und überhaupt nicht schießen.« Er fand eine Flußstelle »wo eine Ansammlung von Krokodilen zu erkennen war. Hier lag irgendeine Beute tief am Grunde des Flußarmes ganz unter Wasser. – Alle paar Minuten kam ein Krokodil langsam, den Kopf fast senkrecht aus dem Wasser streckend, hoch. Unter lautem Schmatzen löste es die zwischen den Zähnen eingeklemmten Fleischstücke und Hautfetzen ab, die dann verschluckt wurden. Alles dies vollzog sich, ohne besondere Gefrä-ßigkeit erkennen zu lassen, ganz ruhig und sozusagen gemütlich. Mit welcher Spannung ich, wie selbst die seelenruhigen Neger, diesem nie geschauten Frühstük-ke folgten, kann sich der Leser wohl ausmalen. Ebenso auch, was es zu bedeuten hat, wenn das Unglück einen Menschen in einer solcherweise belebten Gegend ins Wasser fallen läßt.

Die Sonne stand schon hoch, als wir uns ungern von diesem packenden Naturschauspiel trennten.

Aber ich hatte auf einmal ein ›Telegramm‹ in der Hand!

Zwei von Daressalam aus beschleunigt durch den Busch in Marsch gesetzte schwarze Eilboten hatten mich in ihrer staunenswerten Findigkeit beklagenswerterweise grade aufgestöbert, als ich beschlossen hatte, in dieser vergnüglichen Filmgegend zwei weitere, von mir bei mir beantragte und umgehend mir von mir genehmigte Ruhetage im höchster Gemütsruhe auszukosten. Sie waren großartig gelaufen und überreichten mir – in der Annahme, eine seltene Freudenbotschaft gebracht zu haben – strahlend den üblichen gespaltenen Baumast, in dessen Schlitz schön wasserdicht verpackt in schwar-zem Wachstuch ein verdächtiger barua (Brief) für mich enthalten war, den ich, durch Erfahrung gewitzigt, mit Mißtrauen entnahm und unter starkem Mißvergnügen las.

Ein sofortige Rückkehr heischender Drahtspruch war der traurige Inhalt, der mir nicht zusagen wollte. Daß man beim Gouvernement einer eventuellen Ausrede, das Telegramm nicht erhalten zu haben, da ›vermutlich‹ die Boten vom Krokodil gefressen worden seien, Glau-ben schenken würde, darauf konnte ich mich nicht verlassen. Zehn Jahre früher wäre das noch gegangen und ist damals auch einmal behauptet und – geglaubt worden. Damit war es also nichts, und es mußte geschie-den sein vom köstlichen Busen der Natur am Rufiji, wo ich himmlisch allein mit meinen vierzig schwarzen Biederseelen sozusagen ohne Stehkragen so restlos glücklich war, wie man das eben nur in Afrika sein kann.«

Am Ruaha hat der Großwildjäger Hans Schomburgk Mitte 1908 einen jungen Elefanten gefangen. Dafür hat er die Mutter des Kleinen erschossen. Am 16. August 1908 beginnt Schomburgk die Reise vom Ruahu-Fluß im südlichen Teil des mittleren Deutsch Ostafrika nach Daressalam mit dem von ihm gefangenen ganz jungen Elefanten, der Jumbo getauft wird. Um schneller voran-zukommen zieht die Karawane mit dem gefangenen Elefanten auf einer Barabara, eine von der deutschen Kolonialregierung angelegten Landstraße, bis Iringa, der ersten Marschstation. In Iringa muß eine Pause eingelegt werden, weil sich der Elefant auf der harten Straßenoberfläche die Füße wund gelaufen hat. Deshalb werden ihm Schuhe aus mehreren Lagen mit Paraffin getränkter Sackleinwand unter die Fußsohlen gelegt und mit Säcken an den Beinen befestigt.

Größtenteils in Nachtmärschen geht es dann nach Kilossa und weiter zur derzeitigen Endstation der Bahn im Landesinneren in Morogoro. Von Morogoro geht es mit der Bahn nach Daressalam. In Daressalam muß auf das Schiff nach Europa gewartet werden. In der Haupt-stadt von Deutsch Ostafrika ist der kleine Elefant eine Attraktion und bald der Liebling der Bevölkerung bei seinen täglichen Streifzügen durch die Stadt. Wegen einer nebensächlichen Schuldangelegenheit wird Schomburgk aber der Elefant gepfändet. Zur Sicherung des Pfands wird auf ein Pappschild der Kuckuck des Gerichtsvollziehers geklebt und dieses Pappschild dem Elefanten mit einer großen Schleife an den Schwanz gebunden.

Mit seinen beiden schwarzen Wärtern geht das Tier tagtäglich durch die Stadt und bildet für alle Einwohner, namentlich für die Kinder, eine Quelle der Freude und Belustigung und wird auch fotographiert. Er dient auch als Werbeträger etwa mit Papptafeln an seinen Seiten mit der Aufschrift: Heute frische Wurst und Well-fleisch.

Oft bilden sich Menschengruppen um das junge Tier und es werden ihm Leckerbissen zugesteckt. Kommen dem Elefanten bei solchen Gelegenheiten seine Wärter, die manchmal absichtlich weitergehen, aus der Sicht, so läßt er plötzlich ein ängstliches Trompeten hören, trabt ihnen nach und reibt sich dann kameradschaftlich an den glücklichen Eingeborenen.

Schließlich geht Jumbo als erster ostafrikanischer Ele-fant mit einem Tiertransport von Hagenbeck mit vielen anderen Tieren mit dem Schiff nach Europa und kommt in den von Hagenbeck angelegten Zoologischen Garten von Rom, wohin er den Elefanten verkauft hat.

Als in Deutsch Ostafrika Ende August 1908 der Groß-wildjäger Hans Schomburgk von einer monatelangen Safari zurückkommend sich mit seiner Karawane für den Einzug in Morogoro besonders vorbereitet hat, die Schwarzen mit bunten Tüchern geschmückt, einem gefangenen jungen Elefanten und Elfenbeinträgern mit etwa zwanzig Elefantenstoßzähnen voran, die Stadt er-reicht steht am Eingang der Stadt ein Mann mit einem Kasten auf drei Beinen und dreht an einer Kurbel am Kasten. „Gucken sie nicht ins Objektiv, sagen sie ihren Begleitern, sie sollen ruhig weitergehen!“

So bekommt Schomburgk, der ein begeisterter Fotograf ist, zum erstenmal eine Filmkamera zu Gesicht. Der Kameramann ist der deutsche Filmpionier Schumann.

Schumann hatte sich für das Entwickeln seiner Filme an der Küste in einem alten Araberkeller mit dicken Mau-ern eine kleine Kopieranstalt eingerichtet. Dort trifft Schomburgk Schumann wieder um sich anzuschauen, wie so ein Kinofilm entwickelt wird. Schomburgk war bis jetzt noch nie in einem Kino gewesen, denn er lebt seit 1898 in Afrika. Der Film wird in dem Kellerraum gewässert und dann auf die Trockentrommel gespannt. Ruhig und sachlich beginnen zwei gut eingearbeitete Neger die Trommel zu drehen und dann geschieht vor Schomburgks Augen das Unglück. Die Schichten des Filmmaterials lösen sich voneinander und fliegen an die Wand. Das gedrehte Filmmaterial ist verloren. Unter einfachsten tropischen Verhältnissen Film zu entwik-keln ist undurchführbar. Schomburgk: »Das, was ich da erlebte, hätte eigentlich genügen müssen, mich für alle Zeiten von dem Ehrgeiz zu befreien, Filmaufnahmen im afrikanischen Busch zu machen.«

Mitte 1909 ist der Großwildjäger Hans Schomburgk wieder auf Elefantenjagd in Deutsch Ostafrika. Von Mahenge aus zieht die Karawane auf einer Barabara, einer von der deutschen Kolonialverwaltung angelegten Straße, zum Ulanga. In Mahenge hat Schomburgk Euro-päer bei der Arbeit beobachtet und gesehen, wie sie durch ihre Arbeit Werte schaffen, und ist zu der nieder-schmetternden Überzeugung gekommen, daß er als Großwildjäger nur Werte zerstört. Am 1. Oktober 1909 schießt Schomburgk am Ulanga nachts um 0 Uhr 40 im hellen Mondlicht auf freiem Feld seinen 63. und letzten Elefanten. Er hat seine neue Bestimmung gefunden und will Filme in Afrika drehen.

Zurück in Europa sieht Schomburgk zum erstenmal Kinofilme und auch in Afrika gedrehte englische und französische Filme, sogar einen handkolorierten franzö-sischen Farbfilm. Filmen in Afrika ist aber in keiner Weise mit dem Filmen in Europa vergleichbar. Die Film-pioniere in Afrika müssen deshalb teures Lehrgeld bezahlen. Die Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg hat zwar 1910/11 die besten Aufnahme-geräte dabei, aber keinen ausgebildeten Kameramann, und die oberflächlich im Filmen ausgebildeten Mitglie-der der Expedition scheitern an dieser Aufgabe in der afrikanischen Wildnis. Paul Graetz hat zwar 1911 bei seiner Afrikadurchquerung mit einem Motorboot einen Kameramann dabei, der wird aber von einem Büffel getötet. 

Die Jagd auf den Elefanten braucht Zeit, viel Zeit, wie der Schutztruppenoffizier und Großwildjäger Heinrich Fonck feststellt. Er schreibt: »So viel Zeit fand sogar während des Aufstandes 1905/06 ein am Rufiji tätiger Herr, daß er 17 Elefanten erlegte, die ich später an Ort und Stelle nachweisen konnte. Wieviele er außerdem krank schoß, weiß man nicht. Derselbe begründete diesen Betrieb mit der gemütvollen Erklärung: „Wenn ich sie nicht schieße, dann schießt sie ja ein anderer.“

1907 schoß ebenfalls am Rufiji ein »sogenannter Bur« 30 Elefanten in wenigen Monaten.

Im Bezirk Mahenge wurden von Europäern ebenfalls eine ganze Reihe von Elefanten erbeutet, die dem Hauptjäger, der immer unterwegs war und sich von guten Schützen helfen ließ, viele Goldmark eingebracht haben müssen. – Am Kilimandjaro war einige Jahre lang der Beschuß von Elefanten verboten. Wegen des Scha-dens, den sie dann in den Pflanzungen anrichteten, wurde die Jagd wieder gestattet, bis 1909 das neue Jagd-gesetz erfreulicherweise diese großartigen Geschöpfe Gottes wieder in Schutz nahm; einmal durch die hohe Jagdscheingebühr und dann durch die Beschränkung der Zahl der zum Abschuß freigegebenen Tiere auf zwei pro Jahr und Jagdschein. Aber wenn dieses Gesetz auch noch so gute Wirkungen zeitigt, der Elefant wird in Deutsch-Ostafrika langsam und sicher ausgerottet wer-den, denn die Bestände sind doch nicht groß genug, um auch den eingeschränkten Abschuß zu ergänzen, ge-schweige durch Mehrnachwuchs zu übertreffen.

Das immer im Preise steigende Elfenbein ist ein zu kost-barer Stoff, als daß nicht doch darauf gewildert werden kann und wird, in einem Lande, in welchem die Kontrol-le schwer ist. Als Wechselwild wird der Elefant an den Grenzen der ganz gesperrten Jagdreservate ebenfalls immer leicht abgeschossen werden können.«

Diese düstere Einschätzung Heinrich Foncks über die Zukunft des Elefanten in Deutsch Ostafrika wird zu der Zeit auch von anderen deutschen Fachleuten geteilt.

Über die nun Jahrzehnte zurückliegende Herrschaft der Araber in Ostafrika schreibt Fonck aus den von ihm in seiner Zeit als Schutztruppenoffizier in der Kolonie ge-hörten Geschichten von alten Arabern:

»Wurden, so lange die Welt besteht, um an Gold, Edel-steine oder sonstige Kostbarkeiten reiche Länder blu-tige Kriege geführt, so veranlaßte die Gier nach Elfen-bein in Innerafrika zahllose Kämpfe, Greuel, Mord und Brand. Nicht nur der Elefant wurde vernichtet, wo man ihn mit Pulver und Blei erreichen konnte; nein, um des Besitzes seiner Zähne willen wurden friedliche Dörfer überfallen und ausgeraubt, die sich zur Wehr setzenden Menschen umgebracht, soweit sie nicht gefesselt den Raub selbst erst forttragen mußten und später als Skla-ven verkauft wurden.

Hiervon gibt keine Chronik Kunde. Keine Aufzeich-nung, keine Urkunde wird jemals Zeugnis ablegen kön-nen, in welchem Verhältnis die Zahl der des Elfenbeins wegen geopferten Menschenleben zu der der getöteten Elefanten steht. Wie grausige Märchen hören sich heu-te die Erzählungen alter Araber an, welche jene Zeiten miterlebten.«

Im Januar 1914 landet Paul von Lettow-Vorbeck in Dares-salam, der neue Kommandeur der Schutztruppe von Deutsch Ostafrika. Er hatte als Offizier im Herero- und Hottentottenaufstand von 1904-1906 in Südwestafrika Erfahrung im Buschkrieg gesammelt. Als Militär hat er selbstverständlich die Möglichkeit kriegerischer Ver-wicklungen der Kolonie zu Bedenken und vorsorgliche Maßnahmen zu ergreifen. Die einzige ernsthafte Bedro-hung für das Schutzgebiet wäre ein Krieg gegen England mit seiner Kolonie Britisch Ostafrika, die nördlich an Deutsch Ostafrika anschließt. So geht Lettow-Vorbeck noch im Januar auf Besichtigungsreise in den Nordosten der Kolonie »nach Usambara, in das reiche Gebiet der deutschen Planzungen und weiter in die Gegenden des Kilimandjaro und des Meruberges«. Er findet »in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-berge freiwillige Schützenkorps in Bildung«. Alle »be-reit, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstel-len«.

Weiter beschreibt Lettow-Vorbeck: »Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, bestieg ich den Kilimandjaro. – An dem oberen Rand des Urwaldes, bei dem 3000 m hochgelegenen Bismarckhaus, trafen wir das Malerehepaar Ruckteschell und ihren Schweizer Freund, die, vor großen Leinwänden mit dem Malen des Kilimandjaro beschäftigt, uns dort einen kleinen Imbiß gaben. Von diesem Bismarckhügel aus hatten wir einen herrlichen Überblick über die Steppe, sahen die Grenze des deutschen Gebietes, sahen weit ins Englische hinein und sahen auch die fernen Berge an der Ugandabahn. – Meine guten Träger, die nicht so schnell unseren Maul-tieren folgen konnten, sondern mit schweren Lasten müh-sam den Berg heraufkeuchten, ließen wir dann zurück und ritten mit dem Schlüssel für die Petershütte durch die kurze, grasbewachsene Steppe hinauf zum Plateau bis über 4000 m. Große Elenherden weideten dort ganz unbefangen und ohne Scheu vor Europäern, die ihnen in dieser Gegend mit der Jagd nichts anhaben durften. Auf dem Plateau herrschte gewaltige Kälte, und in der kleinen unbeheizten Petershütte, in der wir über-nachteten, war am Morgen das Waschwasser gefroren. Wir waren hoch über den Wolken und sahen unter uns das Nebelmeer wie eine leicht gewellte Schneedecke… – Ruckteschells erzählten mir von ihrem interessanten Aufstieg auf den Gipfel des Kilimandjaro, dessen Krater 2 km im Durchmesser hat, voll von Schnee und der merkwürdigsten Eisgebilde ist, und dessen Gipfel, die Kaiser-Wilhelm-Spitze, bisher nur vier Menschen er-stiegen haben. Die Schwierigkeit liegt in der dünnen Luft. Aber die Mühe hatte sich gelohnt, auch wenn sie vierzehn Tage lang hinterher an den Folgen ihrer son-nenverbrannten Gesichter schwer zu leiden hatten, nur Flüssiges, und diese auch nur durch Makaroniröhren zu sich nehmen konnten. Sie meldeten mir voll Stolz, sie hätten auf der Kaiser-Wilhelm-Spitze zum Zeichen ihres Aufstiegs eine Steinpyramide errichtet mit einem Gipfelbuch und auf diesem Steinhaufen die deutsche Flagge befestigt, die dort von nun an ›höchster Stelle‹ auf deutschem Boden wehen soll.«

Bereits bei der Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer und Ludwig Purtscheller wurde am 6. Oktober 1889 die deutsche Flagge »auf den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde« gesetzt, wie Meyer schrieb, die aber im Laufe der vielen Jahre ver-schwunden ist.

Lettow-Vorbeck: »Nach meinem Abstieg reiste ich nach Aruscha, das am Meruberge liegt, einem Krater von der Höhe des Montblanc. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während meines Mar-sches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß alle dortigen deutschen Ansiedler im Kriegsfalle wertvolle Mithilfe leisten würden. – Die Gefechtsübun-gen im Eingeborenenkrieg lieferte ein Bild, welches von dem unserer europäischen Besichtigungen stark ab-wich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne überfielen. – Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vieler-lei vorzubereiten war, wenn wir für den Kriegsfall gegen England gerüstet sein wollten. Aber es herrschte die Mei-nung, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. – In Boma la Ngombe, einem Ort zwi-schen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes ange-siedelt worden. Sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. – Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des ostafrikanischen Viehbestands, dort verhältnismäßig selten ist. Die Tsetsefliege überträgt durch Stich Para-siten in das Blut der Tiere, die daran eingehen oder siech werden. Der Viehbestand in diesem einen Bezirk Aruscha ist weit größer als derjenige von ganz Südwest-afrika. – Auf dem Zuge durch das ›Pori‹ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spur-loses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir Post aus Europa. Die Eingeborenen geben einander Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht.«

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Die Auffanglager

Am 8. Dezember 1904 erhält Lothar von Trotha als Oberbefehlshaber der deutschen Truppen in Südwest-afrika vom Generalstab in Berlin den Befehl über die Aufhebung seiner Proklamation vom Oktober und am 11. Dezember telegraphiert ihm Reichskanzler Bernhard von Bülow Lager für »die Unterbringung und Erhaltung« der Herero einzurichten. In Windhuk und Okahandja bestehen bereits Kriegsgefangenenlager.

In seinem Bericht vom 10. August 1904 an die Kolo-nialabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin hatte der Ansiedlungskommissar Paul Rohrbach empfohlen »man solle sich vor allen Dingen der Mission bedienen, um die Eingeborenen, nachdem die militärische Entscheidung gefallen ist, zu sammeln und fürs erste zu verpflegen«. Trotha wird im Telegramm aus Berlin nun empfohlen für die Umsetzung der jetzt vorgegebenen Herero-Politik »sich der Dienste der Ansiedlungskommission zu bedienen«.

Für die Bewachung der Lager sind Truppen notwendig und die kritische Nachschublage wird weiter ange-spannt. Trotha fordert deshalb vier Kompanien für den Etappendienst an und einen Zivilgouverneur aus Deutschland, da der bisherige Gouverneur Theodor von Leutwein am 30. November Südwestafrika verließ und seinen Dienst beendet hat.

Auf Anordnung von Reichskanzler Bülow werden im Januar weitere Lager in Karibib, Omaruru, Swakopmund und Lüderitzbucht eingerichtet. Da praktisch kein Mate-rial für die Errichtung der Lager vorhanden ist werden Dornenverhaue als Zäune verwendet und die Herero können sich in der Umzäunung ihre gewohnten bienen-korbartigen Hütten errichten. Im Januar beginnen dann auch Herero sich freiwillig den Deutschen zu stellen. Über diese ersten hunderte Männer, Frauen und Kinder wird geschrieben: »entkräftet und zum Entsetzen abge-magerte Leute«.

Es wird bei der Verbringung in die Lager nicht zwischen Kriegsgefangenen und zivilinternierten Frauen, Män-nern und Kindern unterschieden. Bei dieser Maßnahme sind zunächst zum Teil noch keine Vorbereitungen für die Versorgung der sich ergebenden Herero vor Ort getroffen, bis sie in den Lagern sind, und so kommt es zu solchen traurigen Vorfällen wie dem im Folgenden beschriebenen. Ende Januar 1905 bekommt ein deut-sches Transportkommando, welches Proviant für die Truppe nach dem schwer versorgbaren Otjimbinde brachte, Befehl auf dem Rückweg zwölf deutsche typhusrekonvaleszente Soldaten von Otjimbinde ins hunderte Kilometer entfernte Okahandja zu geleiten. Gefreiter Paul Harrland:

»Nachmittags platzte ein Regen los, der während des ganzen Marsches anhielt. Zu allem Überfluß haben wir auch noch zwölf Typhusrekonvaleszenten zum Rück-transport erhalten, außerdem zirka 150 Gefangene, welche vor Hunger und Ermattung fast nicht mehr können…« Sicherheitshalber sind in der Gegend deut-sche Patrouillen unterwegs. »Trotzdem ist es allemale eine Pein für uns, hoch zu Roß, mit dem Schambock (Peitsche) in der Hand, diese halbverhungerten Ge-schöpfe nachtreiben zu müssen. Hunger und abermals Hunger. Bedauert haben wir die Kinder, die für alles nichts können… Unter allen erregte ein junges, bis zum Skelett abgemagertes Weib das Mitleid aller Kamera-den. Mit kindlicher Liebe führte sie ihre alte, erblindete Mutter an einem Ochsenriemen nach… Am 12. Februar 1905 kamen wir wieder in Okahandja an, nachdem wir den Swakop glücklich durchkreuzt hatten. Allerdings hatten wir von 150 Gefangenen nur 90 mitgebracht, da die übrigen vor Ermattung elendig umgekommen wa-ren…«

Bei der Aussendung von Boten zu den Herero kon-zentriert man sich auf das Hereroland, wohin die Masse der im August 1904 am Waterberg gewesenen Herero schließlich wieder gezogen ist, wo sie aber meistens ohne ihr Vieh Hunger leiden und wegen Viehdieb-stählen bei deutschen Farmen von Patrouillen verfolgt werden.

Innerhalb weniger Monate werden tausende unstet im Lande stehlend umherschweifende oder sich verstek-kende mittellose Herero als Gefangene in die neuen Lager eingebracht. Trotha meldet am 10. März 1905 an den Generalstab in Berlin 4093 Gefangene, wovon 938 Männer, 1419 Frauen und 1576 Kinder sind. Von diesen Gefangenen sind 45 Männer, 57 Frauen und 64 Kinder an Entkräftung gestorben.

Überrascht sind die Behörden von der hohen Zahl der sich ergebenden Herero. Die meisten davon sind durch die »eiserne Absperrung« gegangen. Ende Mai haben sich trotz des andauernden Kriegszustandes bereits 8040 Herero ergeben, davon 1853 Männer.

Durch den Verlust ihrer Viehherden im Sandfeld muß-ten sie sich von dem Ernähren, was das Land hergibt. Oft zum Hungertode verurteilt überleben viele Herero nur durch die »zur einstweiligen Unterbringung und Versor-gung« der Herero eingerichteten Lager der deutschen Kolonialmacht.

Im März erlaubt Trotha der Rheinischen Mission in ei-ner Bekanntmachung arbeitsunfähige Männer, Frauen und Kinder unter ihre Obhut zu nehmen. Das führt zur Einrichtung eines Waisenhauses in Otjimbingwe und die Einrichtung weiterer umzäunter und bewachter La-ger wird betrieben, deren Gefangenen zur Arbeit heran-gezogen werden. Die hohe Zahl der sich Ergebenden führt auch zu vielen kleinen Lagern – Werften, Kräle oder Kamps genannt – , sodaß bei fast allen deutschen Ortschaften im Land ein solches kleines Lager eröffnet wird, wo die gesammelten Herero meist als freie Leute leben.

Im März 1905 hebt Trotha auch die sinnlose Absperrung des Sandfeldes auf und die Truppen werden zum Kriegsschauplatz im Süden gegen die Hottentotten ab-gezogen oder ins Hereroland, um dort die Wiederauf-nahme eines geregelten Farmbetriebes zu gewährleis-ten.

Das Eingeborenenlazarett in Windhuk unter Oberstabs-arzt Dr. Dansauer schwillt bei der ständigen Zunahme der gefangenen oder freiwillig einkehrenden Männer, Frauen und Kinder zu einem Riesenbetrieb an. In Wind-huk, Okahandja, Swakopmund und Lüderitzbucht arbei-ten »Fach-Hygieniker« in bakteriologischen Laborato-rien. Pockenimpfungen verhindern die Verbreitung ei-nes Pockenausbruchs.

Nun beginnt aber eine von niemandem vorhergesehene Entwicklung. Es gibt  ausreichend Essen in den Lagern, Reis, Mehl und Konserven, aber diese Lebensmittel sind für die Ernährung der Herero nicht zuträglich. Auch sind die Lager von Swakopmund und Lüderitzbucht zwar versorgungstechnisch an den Hafenstädten gut gelegen, wo die Gefangenen dort im Hafen- und Bahn-bau eingesetzt werden, aber diese Lager liegen an der feuchtkalten, windigen Küste, eine Witterung, wie sie die Herero nicht gewohnt sind, und man nicht für ausreichend Kleidung und Unterbringung gesorgt hat, zumal die gefangenen Feldherero allgemein schon kaum Kleidung besitzen. Im Lager Swakopmund befin-den sich im August 1905 2000 Herero. Laut Missionar Irle sterben »trotz aller Verpflegung« innerhalb von sechs Monaten 792 der 2000 Herero in Swakopmund, wovon viele an Lungenentzündung gestorben seien.   

Durch die Ernährungsbedingungen gibt es aber auch in den Inlandlagern zahlreiche Todesfälle. Da den Herero aber ohne ihr Vieh ihre Existenzgrundlage genommen ist bleibt nach Lage der Dinge nur die Ernährung, die augenblicklich möglich ist. Der schwere Fehler der La-ger ist die einseitige Ernährung der Menschen haupt-sächlich mit geschältem Reis und Konserven, weil man einfach diese falsche Ernährung nicht als Ursache für die unverhältnismäßig hohen Todesraten unter den Herero versteht. Die weiße Bevölkerung und die deut-sche Truppe haben mit dem selben Problem zu kämpfen und auch ohne wirksame Gegenmaßnahmen gegen Krankheit und Tod durch die durch die falsche Ernäh-rung entstehenden Mangelerscheinungen. Nur leiden die körperlich geschwächten Herero durch die plötz-liche Umstellung ihrer Ernährung auf völlig unge-wohnte und mangelhafte Lebensmittel viel mehr.

Der mit der Gefangenenbetreuung beauftragte Missi-onar Dr. Heinrich Vedder berichtet aus dem Jahr 1905 in seinen Kurzen Geschichten aus einem langen Leben:

»In Swakopmund schenkte uns Gottes Güte ein Söhn-chen, Johannes, das aber schon nach drei Monaten starb. In diesem Jahr starben von 15 Säuglingen 12 an einer unbekannten Krankheit. Als man zehn Jahre spä-ter die Bedeutung der Vitamine in der menschlichen Nahrung entdeckte, wurde es deutlich, daß wohl alle diese Kinder dem Vitaminmangel erlegen waren. Denn in Swakopmund gab es kein frisches Gemüse, keine frische Milch, keine frische Butter. Alles wurde Blech-dosen entnommen, die aber waren sterilisiert worden, wobei die Vitamine verlorengegangen waren.«

Die Rheinische Mission, die Amtsärzte der Kolonie und Reichstagsabgeordnete protestieren gegen die Verhält-nisse in den Lagern. Sie verlangen die Auflösung der beiden Küstenlager, die den Herero gewohnte Milch-kost und bessere Kleidung und Unterkunft. Aber noch immer hat Trotha die vollziehende Gewalt im Schutz-gebiet und der stellvertretende Gouverneur von Teck-lenburg schreibt am 3. Juli 1905 an die Kolonialabteilung in Berlin:

»Je mehr das Hererovolk am eigenen Leibe nunmehr erst die Folgen des Aufstands empfindet, desto weniger wird ihm auf Generationen hinaus nach einer Wieder-holung des Aufstands gelüsten. Unsere eigentlichen kriegerischen Erfolge haben geringen Einfluß auf sie gemacht. Nachhaltigere Wirkung verspreche ich mir von der Leidenszeit, die sie jetzt durchmachen. Wirt-schaftlich bedeutet der Tod so vieler Eingeborener aller-dings einen Verlust. Die lebenskräftige Natur des Here-rovolkes wird jedoch die Lücken bald wieder auffül-len…«

Als Friedrich von Lindequist im November 1905 von der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt zum Gouver-neur von Deutsch Südwestafrika ernannt wird nimmt er nur unter der Bedingung an, daß Trotha auch den Posten des Befehlshabers der Schutztruppe verliert und dieser Posten ebenfalls an ihn übertragen wird. Trotha hatte aber schon am 23. September beim Generalstab in Berlin beantragt, ihn von seinem Posten als Komman-deur der Schutztruppe und Kommissarischen Gouver-neur für Südwestafrika zu entbinden und die Heimreise antreten zu dürfen. Am 2. November wird Trothas An-trag stattgegeben und Lindequist ist von Trotha befreit, aber wie in den anderen großen deutschen afrikani-schen Kolonien auch – Kamerun und Ostafrika – wird jetzt auf Gewaltenteilung wert gelegt, die Trennung zwischen Zivilverwaltung und Schutztruppe vollzogen und auch ein neuer Schutztruppenkommandeur soll ernannt werden. Lindequist ist nun der erste zivile Gouverneur von Deutsch Südwestafrika. Am 18. Novem-ber verläßt Trotha die Kolonie. Oberst Dame nimmt vertretungsweise die Stellung des Oberkommandieren-den der Schutztruppe ein, bis der neue Kommandeur Oberst Berthold von Deimling im Juni 1906 in Südwest-afrika eintrifft.

Der neue Gouverneur Friedrich von Lindequist trifft am 22. November 1905 im Schutzgebiet ein und besucht noch am Tage seiner Ankunft das Lager in Swakop-mund. Am 1. Dezember erläßt er eine Amnestie für die Herero und es ergeht eine Proklamation an die Herero zur freiwilligen Aufgabe.

Aufruf an die Herero von Gouverneur Lindequist:

»Bekanntmachung, Windhuk, den 1. Dezember 1905.

Hereros!

Seine Majestät, der Kaiser von Deutschland, der hohe Schutzherr dieses Landes, hat die Gnade gehabt, mich zum Nachfolger des Gouverneurs Leutwein zu ernen-nen und als Gouverneur über dieses Land zu setzen, nachdem General von Trotha vor einigen Tagen nach Deutschland zurückgekehrt ist, der die deutschen Trup-pen gegen euch geführt hat. Seine Abreise bedeutet, daß der Krieg jetzt aufhören soll.

Hereros! Ihr kennt mich! Fünf Jahre bin ich früher in diesem Lande gewesen als Kaiserlicher Richter und Stellvertreter des Gouverneurs Leutwein – als Assessor und Regierungsrat – zur Zeit, da Manasse von Omaruru und Kambazembi von Waterberg noch lebten, die mir stets treu gesinnt und ergeben waren. Es ist jetzt mein Wunsch, daß der Aufstand, den Eure Häuptlinge und die Großleute und die Kinder, die ihnen gefolgt sind, in frevelhafter Weise begonnen haben und der das Land verwüstet hat, nunmehr sein Ende erreicht, auf daß wieder Ruhe und Ordnung herrscht. Ich rufe daher alle Hereros, die sich jetzt noch im Felde und in den Bergen herumtreiben und sich von ärmlicher Feldkost und Diebstählen nähren. Kommt und legt die Waffen nieder! Hereros! Tausende Eurer Stammesgenossen haben sich bereits ergeben und werden von der Regierung ernährt und gekleidet. Es ist jede Vorsorge getroffen, daß sie gerecht behandelt werden. Dasselbe sichere ich Euch zu!

Kommt nach Omburo und Otjihaenena! Dort werden Eure Missionare von mir hingeschickt werden. Sie wer-den auch Proviant mitnehmen, damit ihr Euren ersten und großen Hunger stillen könnt.

Wenn Euch Omburo oder Otjihaenena zu weit ist, der kann seine Waffen auch bei irgendeiner Militärstation abgeben und sich dort stellen.«

Die Proklamation wird in die Hererosprache übersetzt und von eingeborenen Boten der Missionare überallhin verbreitet. Außerdem werden auf Anordnung von Gou-verneur Lindequist ab 20. Dezember 1905 alle militäri-schen Operationen der Schutztruppe eingestellt. Er sorgt auch für gute Verpflegung und durch Kleider-sammlungen in Deutschland für eine bessere Beklei-dung der Herero.

Oberst F.J.A. Trench, ein englischer Offizier, der auf deut-sche Einladung als Attaché dem Oberkommando der deutschen Schutztruppe in Südwestafrika zugeteilt ist, schreibt ausführliche Berichte nach London und er schreibt im Dezember 1905 auch über die Lager. Trench war zweimal in Swakopmund und schreibt in seinem Bericht vom 26. Dezember 1905 an das Kriegsministe-rium in London über Swakopmund, das Eingangs- und Ausgangshafen für die deutschen Truppen ist:

»Zurzeit gibt es weniger Typhus und die hospitalisierten Fälle kamen fast alle aus dem Inland. Durchfall kommt aber sehr häufig vor und befällt alle Neuankömmlinge.« Über die beiden Hospitäler der Stadt schreibt Trench: »Es gibt 2 Hospitäler, jedes mit etwas 100 Patienten und Platz für in etwa das Doppelte bei Überfüllung. Das Orts-hospital hat einen guten Gemüsegarten und recht gute Offiziersquartiere; die Gebäude sind provisorisch errich-tet. Das Hospital für Durchgangspatienten aus Kranken-transporten gegenüber des Bahnhofs der Staatsbahn be-steht aus ’Docker’-Hütten aus Preßholzplatten oder Holz mit einem Segeltuchdach, das breit nach jeder Seite übersteht. Etwa 10 % der Fälle haben Typhus; ein großer Prozentsatz hat Syphilis.«

Über das Gefangenenlager schreibt Trench:

»Das Eingeborenen-Gefangenenlager liegt nördlich der Stadt und besteht aus Wellblechschuppen und Eingebo-renenhütten umgeben von Stacheldraht und Baumver-hau-Einzäunung. Es gibt 920 Gefangene (die Hälfte Män-ner), von denen die meisten tagsüber in der Stadt zur Arbeit eingeteilt werden und erst bei Sonnenuntergang ins Lager zurückkehren. Vier sind vor einigen Monaten entflohen, einer wurde aber erschossen und seitdem gab es keine Versuche zu entweichen. Beide, Männer und Frauen, sind stark und gesund – sehr zum Unter-schied von den jämmerlichen Menschen in Lüderitz-bucht. Man sagt, daß sie eine Menge Nahrung von den Leuten bekommen, für die und bei denen sie arbeiten – denn sie könnten die Arbeit, die sie leisten, bei ihrer regulären Ration nicht schaffen. Sie bekommen keiner-lei Bezahlung, obgleich der Gouverneur erwägt, zukünf-tig den besten Arbeitern ein paar Schillinge, oder so, im Monat zu geben. Sowohl in Swakopmund wie in Wind-huk – vor allem dem letzteren – sind die hübschen Here-ro-Gefangenenfrauen sehr gut angezogen, während die schlichten in Sackleinen und Lumpen gehen.«

In seinem Bericht vom 24. November 1905 nach London schrieb Trench, daß auf der Haifischinsel in Lüderitz-bucht die Herero-Gefangenen – 150 Männer, ebenso-viele Frauen und 50 Kinder – schlecht untergebracht sind, schwach seien und frören. Dysenterie und Lungen-entzündung seien die Folge. Trench: »Dante hätte eine Inschrift für das Tor schreiben können.« Der italienische Dichter Dante hatte um 1300 in einem seiner Werke die Hölle beschrieben. Bei seinem nächsten Besuch im Februar 1906 in Lüderitzbucht hält Trench fest, daß sich die Zustände erheblich gebessert haben.

Bis Anfang 1906 sind von der Schutztruppe 8889 Herero Männer, Frauen und Kinder eingebracht worden. Nun sind in den beiden von Missionaren geführten Lagern im Hereroland schon bis zum 9. Januar in Omburo 546 Herero eingetroffen und bis zum 13. Januar 630 in Otjihaenena. Bis April werden etwa 6500 Herero in Omburo und Otjihaenena gesammelt und bis Mitte 1906 insgesamt 8500. Nicht selten geschieht es, daß Herero, die sich den Boten der Mission gestellt haben, und mit diesen auf dem Wege zur Sammelstation sind, von anderen Herero angegriffen und geschlagen werden, ja manchmal sogar mit Waffengewalt am Weitermarsch gehindert werden. Hunderte weitere Herero werden durch Razzien der Truppe gefaßt und in die Lager ver-bracht. Als die Zahl der sich in diesen beiden Lagern stellenden Herero abnimmt werden zwei neue Lager unter Missionarsführung am Rande der Omaheke ein-gerichtet, am 29. Juni öffnet Otjosongombe und am 14. September Okomitombe. Im September werden die bei-den ersten Lager geschlossen, da nun die beiden neuen Lager ihre Aufgabe übernommen haben. Doch die im Sandfeld lebenden Herero sind nicht so leicht zur Aufgabe zu überreden. Missionar Olp schickt von Otjo-songombe mit Gewehren ausgerüstete Botengruppen von je 20 Mann in die Omaheke. Die von ihnen einge-sammelten Gefangenen machen einen verwahrlosten Eindruck. Der Korrespondent des Berliner Tageblattes, Hauptmann a.D. Hutten, beschreibt sie als »nur mit Haut überspannte Gerippe«.

Bis zum 7. Oktober 1906 werden in Otjosongombe 1824 Herero eingebracht. In Okomitombe werden bis zum 7. Februar 1907 von den Botengruppen des Missionars Willy Diehl, die die Gegend bis zur Grenze vom Betschu-analand absuchen, 924 Herero eingebracht. Bis zum 31. März 1907 sind von den Missionaren der Rheinischen Mission insgesamt 12.500 Herero aufgenommen wor-den. Nachdem die abgemagerten Menschen nach eini-gen Wochen wieder zu Kräften gekommen sind zieht man sie zur Arbeit heran. So werden aber schon Anfang 1906 2500 Lagerinsassen zur Arbeit an der Eisenbahn in Lüderitzbucht gezwungen. Diese Zwangsarbeit der ge-sundheitlich noch angeschlagenen Menschen wird von Gouverneur Lindequist Mitte März 1906 verboten.

Da der Reichstag endlich die Rücksendung von kost-spieligen Truppen aus Südwest fordert läßt der seit Juni 1906 den Posten des Oberkommandierenden der Schutztruppe innehabende Oberst Berthold von Deim-ling Kriegsgefangene aus verschiedenen Lagern auf die Haifischinsel in der Lüderitzbucht verlegen. Dadurch spart Deimling das Bewachungspersonal dieser Lager ein und die Haifischinsel braucht fast keine Soldaten als Wachmannschaft, da die Brücke zur Insel von einem einzigen Maschinengewehr auf der Brücke wirkungs-voll gesichert ist.

In den Lagerverwaltungen werden die Militärs durch Beamte ersetzt. Während des Aufstandes der Hotten-totten bleibt aber das Lager auf der Haifischinsel unter Aufsicht und Versorgung der Truppe – mit katastro-phalen Folgen.

Deimling besucht nach der Überführung der Gefange-nen Mitte 1906 das Lager auf der Insel. Er schreibt in seinen Erinnerungen:

»Ich besuchte das Gefangenenlager auf der Haifisch-insel, wo etwa 3000 Gefangene, ihre Familien einge-schlossen, untergebracht waren. Die Leute erhielten Zelte, wollene Decken. Holz zum Feuer machen. Sie erhielten pro Tag und Person 400 gr. Reis, wöchentlich ½ Pfund Fleisch, Fett und Kaffee nach belieben und etwas Plattentabak. Gewiß, die Haifischinsel war kein Paradies. Das soll ein Gefangenenlager ja auch nicht sein. Aber es war für die Gefangenen ausreichend gesorgt…«

Die Insel hat feuchtkühles, nebliges Meeresklima, wäh-rend die Nama das trockenwarme Wetter des Inlandes gewohnt sind. Schon bei ihrer Gefangennahme nach der Verfolgungsjagd durch die deutschen Truppen sind sie körperlich entkräftet und also ihrer Widerstandskraft gegen Krankheiten weitgehend beraubt. Sie sterben schon zu hunderten in den Aufnahmelagern auf dem Festland. Wer nun noch das Pech hat auf die Haifisch-insel verbracht zu werden ist dem Tode ein großes Stück näher. Die völlig ungewohnte und vitaminarme Verpfle-gung und das sonnenarme feuchtkalte Küstenklima setzen den Nama schwer zu. Auf der Haifischinsel liegt aber die Hauptsterblichkeit bei den 1700 im Mai 1906 internierten Nama, Bethaniern und Witboois nicht im naßkalten Winter, sondern erst im Sommer 1906/07 auf der Südhalbkugel der Erde, in den warmen Monaten. Skorbut ist die Haupttodesursache.

Am 5. Oktober 1906 schreibt Missionar Laaf der Rheinischen Mission:

»Seit einigen Wochen sind fast sämtliche gefangenen Hottentotten hier, ca. 1700 Seelen … Eine große Anzahl der Leute ist krank, meist an Skorbut, und es sterben wöchentlich 15-20. Samuel Izaak [ein Unterkapitän der Witbooi-Nama], der mein Dolmetscher ist, sagte mir unlängst, daß seit dem 4. März, an welchem Tage er sich den Deutschen gestellt hatte, 517 von seinen Leuten gestorben seien. Heute ist diese Zahl noch größer…«

In einem zweiten Bericht vom 20. Dezember 1906 schreibt der Missionar:

»Das Sterben unter den Namas ist noch erschreckend groß. Es kommen öfter Tage vor, an denen 18 Personen sterben.«

Ein weiterer Missionars-Bericht über das Kriegsgefangenenlager Haifischinsel:

»Vor allem waren es Skorbut und Darmkatarrhe, die die Leute aufs Krankenlager warfen. Vor allen Dingen aber erhielten sie keine den Verhältnissen entsprechende Kost. Es kamen an manchen Tagen bis 27 Sterbefälle vor. Karrenweise wurden die Toten zum Friedhofe ge-bracht.«

Das Lager auf der Haifischinsel untersteht der Truppe und nicht dem Gouvernement. Bürokraten in Windhuk und Berlin, weit weg vom Geschehen, entscheiden über das Lager. Dazu kommen schwerwiegende Mißverständ-nisse zwischen den zuständigen Behörden in Lüderitz-bucht, Windhuk und Berlin wie eine Untersuchung für den Reichstag über die Kriegsgefangenen auf der Hai-fischinsel belegt. So kommt der stellvertretende Gou-verneur Otto Hintrager – Gouverneur Lindequist hält sich in Berlin auf  – zu dem Schluß, ohne das Lager je selbst besichtigt zu haben, das Lager mit seinen unhalt-baren Zuständen bestehen zu lassen, obwohl Schutz-truppenoffizier Ludwig von Estorff ihn schriftlich und persönlich über die Zustände im Lager informiert. Hin-trager meint, daß die Insassen nach einer Überstellung in ein Lager auf dem Festland flüchten und sich wieder herumstreifenden marodierenden Banden anschließen könnten. Erst kürzlich wären sechs gefangene Hotten-totten auf einem Transport entkommen, hätten sich Gewehre verschafft und hätten dann eine Schutztrup-penpatrouille und zwei Farmer erschossen, darum müsse der Sicherheit der Weißen Vorrang eingeräumt werden, erklärt Hintrager Estorff. Wenigstens erfolgt im Februar 1907 die Verlegung der Frauen und Kinder von der Haifischinsel nach Burenkamp bei Lüderitz-bucht.

Missionare, Zivilisten und Ludwig von Estorff, am 1. April 1907 zum Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch Südwestafrika ernannt, beschweren sich wie-derholt über die Zustände im Lager und als Estorff im April 1907 das Lager selbst einer Inspektion unterzieht ist er entsetzt über die Zustände und löst das Lager auf. Nach Berlin berichtet er:

»Vom September 1906 sind von 1795 Eingeborenen 1032 auf Haifischinsel gestorben. Für solche Henkersdienste, mit welchen ich auch meine Offiziere nicht beauftragen kann, übernehme ich keine Verantwortung, besonders nicht, da Überführung und Festhaltung Hottentotten auf Haifisch-Insel Bruch Versprechens bedeutet, das ich mit Genehmigung Kommandeurs [Oberst Dame im Novem-ber 1906 an] Samuel Isaak und Leuten bei Übergabe gegeben habe [Widerrufen von Gouverneur Linde-quist].«

Nach Angaben der Kolonialverwaltung kamen insge-samt 1359 Menschen auf der Haifischinsel um.

In der »Abschrift der im Kommando der Schutztruppen gemachten Zusammenstellung über die Sterblichkeit in den deutschen Kriegsgefangenenlagern in Deutsch-Südwestafrika« des Reichskolonialamtes heißt es:

»Nach den eingegangenen, den Zeitraum von Oktober 1904 bis März 1907 umfassenden Berichten sind insge-samt von den etwa 15.000 Köpfe betragenden Herero und den etwa 2000 Köpfe starken Hottentotten 7682, also 45,2 Prozent der gesamten Gefangenen, gestorben.«


Das Hauptproblem der Lager ist nicht die Menge an Nahrungsmitteln, es gibt immer genug Lebensmittel, aber die falsche Ernährung. Die Lagerkost, geschälter Reis und Konservenessen, ist sehr vitaminarm. Den Lagerinsassen fehlt ihre Milch und die Feldkost, frische Pflanzennahrung – Beeren, Kräuter, Wurzeln, Zwiebeln – wovon sie sich normalerweise ernähren. Aber auch die weiße Bevölkerung leidet unter dem Mangel an Gemüse und Obst, einfach weil es solches im Lande fast nicht gibt. Selbst die deutschen Truppen bekommen kein frisches Gemüse zu sehen, sondern essen aus der Dose. Ihr Essen besteht aus Erbswurst-Konserven, Schmalz, Corned Beef, Schiffszwieback und dergleichen und so leiden die Soldaten ebenfalls an Mangelerscheinungen. Dieser schwerwiegende Ernährungsfehler bei den schon geschwächten Menschen, die in die Lager ver-bracht werden, kostet tausenden von ihnen das Leben, fordert aber auch unter der deutschen Bevölkerung seinen Tribut. 

Über die gesamte Sterblichkeit an Krankheiten zur Kriegszeit in der Kolonie kann erst nach der Jahre dauernden Auswertung von medizinischen Daten das Amtliche Jahrbuch der Union von Südafrika Nummer 8 für die Zeit von 1910 bis 1925 für Deutsch Südwest-afrika Auskunft geben: Während der Herero- und Hottentottenkriege verursacht Dysenterie/Rote Ruhr erhebliche Verluste unter den deutschen Truppen, Kriegsgefangenen, Säuglingen und Kleinkindern. Ty-phus wird während des Hererokrieges im ganzen Land verbreitet und ist begleitet von einer hohen Sterblich-keit. Danach kommen jährliche Typhusausbrüche in städtischen Gebieten meist gegen Ende der Regenzeit vor. Skorbut kommt während des Hererokrieges unter der deutschen Truppe und den Kriegsgefangenen vor und ist für mehr als 50 % der hohen Sterblichkeit unter den Kriegsgefangenen verantwortlich. Einen Eindruck von der verheerenden Wirkung erhält man anhand der Tatsache, daß von 2000 Witbooi-Gefangenen, die im September 1906 auf die Haifischinsel verlegt wurden, in vier Monaten 840 an Skorbut starben. Skorbut kommt auch noch 1915 allgemein in Südwestafrika vor, stellt der amtliche südafrikanische Bericht fest.

Die Kriegszeit von 1904 bis 1907 sieht genau 20.867 deutsche Soldaten in Deutsch Südwestafrika. Die Ver-luste der Schutztruppe bei den Aufständen betragen offiziell 1676 Gefallene, 689 durch Krankheiten Ver-storbene und 76 Vermißte, gleich 2441. 555 Soldaten der Schutztruppe sind an Typhus gestorben, meist im Zu-sammenhang mit Skorbut. Die Diagnose und Bekämp-fung von Skorbut oder Seuchen wie Ruhr und Typhus bereiten selbst der deutschen Truppe große Schwierig-keiten. Für den Kampf gegen die Krankheiten der Trup-pe im Krieg wird eine umfassende medizinische Versor-gung aufgebaut. Feldlazarette, Lazarettdepots, Feldlaza-rette für die 5000 angeworbenen eingeborenen Arbeiter und auf deutscher Seite kämpfenden Eingeborenen, Sammelzentren und Aufnahmestellen für Kranke, Untersuchungszentren, medizinische Transportzentren, Depots des Roten Kreuzes, Einrichtungen für chirurgi-sche Eingriffe und Sanatorien.

1909 wird in Berlin der Sanitätsbericht über die deut-sche Truppe in Südwestafrika 1907/09 veröffentlicht. Der Sanitätsbericht gibt statt 2441 Mann Verluste 3000 im einzelnen nicht aufgelistete Abgänge von der Truppe an, was wohl den tatsächlichen Truppenverlusten ent-spricht, zu denen auch Verdurstete und Selbstmorde gehören. Neben den Kampfhandlungen sind die Haupt-todesursachen chronische Dysenterie, Typhus, Malaria, Gelbsucht und eben Verdursten und Selbstmord. Von den fast 21.000 Soldaten wurden über 10.000 verwundet oder krank nach Hause geschickt. Die durchschnittliche Krankenrate bei der Truppe liegt bei 57 %. Von den nicht als verwundet oder krank Entlassenen ist jeder im Laufe der Kriegszeit mindestens dreimal krank. Der regelmä-ßige Alkoholkonsum der Truppe verschlimmert die La-ge. Er fördert Skorbut, Herzschwäche, Herzerweite-rung, Atemnot, Verdauungsstörungen und Schwäche und verursacht weitere Verluste. Die Truppe erhält wöchentlich eine Ration scharfer Getränke zugeteilt, meist billigen Rum. Diese Unsitte wird erst 1907 durch Ludwig von Estorff in seinem »Ersten Tagesbefehl« am Tage seiner Übernahme des Kommandos über der Schutztruppe abgeschafft.


Eine besondere Schwierigkeit in der Bestimmung der Verluste der Herero- und Hottentottenbevölkerung im Krieg ergibt aus dem Fehlen an Zahlen über beide Völkerschaften vor dem Krieg. Für 1904 war eine Volks-zählung angesetzt, die aber wegen des eingetretenden Kriegszustandes ausfiel. Daher muß auf Schätzungen bei der Vorkriegsbevölkerung der Nama und Herero zu-rückgegriffen werden. Die Herero und Hottentotten wurden als Nomaden nicht, wie in den anderen deut-schen Kolonien, in denen hauptsächlich seßhafte Acker-bauern leben, als Steuerzahler erfaßt. Von den Schät-zungen sind diejenigen, welche von seit Jahrzehnten im Lande lebenden Missionaren gemacht wurden, als am besten zu bewerten. So schreibt Missionar Peter Frie-drich Bernsmann von der Rheinischen Mission, der seit 1874 in Südwestafrika lebt, in einer am 25. September 1906 erschienenen Missionszeitschrift:

»Missionar Irle [Johann Jakob Irle, 1870 bis 1903 Missio-nar der Rheinischen Mission in Südwestafrika.] nimmt in seiner Broschüre Was soll aus den Herero werden? an, und anderweitig kann man es auch lesen, daß vor dem Aufstand die Herero 80.000 Seelen stark gewesen seien. Das soll schon vor 30 Jahren der Fall gewesen sein, und so lange ich keine Gelegenheit und keinen Anhalt zu eigenem Schätzen hatte, habe ich das auch geglaubt. Seitdem ich aber ein wenig durchs Land gekommen bin, muß ich es sagen, daß die Schätzung oder auch Zählung von 80.000 Seelen viel zu hoch sei. Ich kam noch in den letzten Jahren des Friedens vor 1880 zu der Schätzung von höchstens 50.000 Herero. In den langen Kriegs-jahren 1880-1893 [Krieg Herero gegen Hottentotten] haben sich die Herero sicher nicht vermehrt und die Fieberseuche von 1898 hat wohl den vierten Teil von ihnen dahingerafft. So kann ich die Seelenzahl der Herero bei Ausbruch des Aufstandes nur auf 35.000 schätzen. Was man von den Gefechten bei Okahandja, Oviombo und Waterberg vernahm, wo sie alle zusam-menkamen, läßt durchaus nicht darauf schließen, daß ihre Zahl größer gewesen sei. Eine reine Unmöglichkeit bei ihren viehwirtschaftlichen Verhältnissen war es auch, mit ihrem Vieh in der Zahl von 80.000 zusammen zu sein. Man rechne, wie viele jetzt Kriegsgefangene sind und wie viele auf englischem Gebiet und im Ovam-boland leben. Es werden vielleicht 20.000 herauskom-men. Im Felde mögen noch einige Tausend herum-schwärmen. Ich nehme daher die Zahl der Herero, die jetzt leben, von etwa 23.000 an; vielleicht sind es auch ein paar Tausend mehr. Danach wären 10.000 bis 12.000 infolge des Aufstandes zugrunde gegangen, das ist ein Drittel des Volkes gemäß meiner Schätzung. Die Mehr-zahl von ihnen ist wohl in der Kriegsgefangenschaft gestorben. … Durch die Geschosse der Truppen mögen höchstens ein paar tausend getötet worden sein. Man hat zusammen nur mehrere Hundert Gefallene gefun-den. So wage ich nicht anzunehmen, daß vielmehr als 35.000 Herero bei Ausbruch des Aufstandes existierten und daß jetzt mehr als 23.000 bis 25.000 vorhanden sind.«

Eine gute Schätzung ergibt sich aus der Zahl der am Waterberg im August 1904 mit allen ihren Stammes-verbänden, und das zum Teil schon seit Wochen, ver-sammelten Herero. Dort können auf Grund der natür-lichen Gegebenheiten des Landes, der begrenzten Men-ge an Feldkost und Wasser für die Weidung und Trän-kung des Viehs, allerhöchstens 30.000 Herero gelagert haben und um die 5000 Herero waren in deutschem Gewahrsam, lebten frei in Südwest, im Betschuanaland oder Südafrika, woraus sich ebenfalls auf um die 35.000 Menschen für das Hererovolk schließen läßt.  

Eine amtliche Meldung aus der Hauptstadt Windhuk vom 10. Februar 1906 gibt die Zahl der gefangenen Auf-ständischen mit 13.040 an. Darunter sind 10.677 Hereros und 2300 Hottentotten. Von den 10.677 gefangenen Hereros sind 2720 Männer. Von den 2300 Hottentotten sind 730 Männer. Die meisten Gefangenen sind Frauen und Kinder. Am 1. Mai 1906 beläuft sich laut dem deutschen Generalstab die Zahl allein der gefangenen Herero, wobei zwischen Kriegsgefangenen und den sich freiwillig stellenden Feldherero kein Unterschied ge-macht wird, auf 14.769. Diese Zahl wird aufgeschlüsselt in 3237 Männer, 5289 Frauen und 4023 Kinder. Dazu kommen die beim Bau der Otavibahn Tätigen, deren Zahl sich zum 1. April 1906 auf 900 Männer, 700 Frauen und 620 Kinder beläuft. Als die Lager Ende 1906 – Lüderitzbucht im April 1907 – endgültig aufgelöst wer-den liegt die Zahl der eingelieferten Herero bei 18.000. Da weit über 21.000 Menschen durch die Schutztruppe und die Missionare in deutsches Gewahrsam gekom-men sind müssen über 3000 Nama in deutsche Gefan-genschaft geraten sein. 

Verschiebungen der betroffenen einheimischen Bevöl-kerung während der Kriegszeit machen Statistiken und Schätzungen nicht einfacher. So sind bei Aufstandsbe-ginn etwa 600 Hereroarbeiter an der gerade begon-nenen Otavibahn bei Swakopmund im Einsatz und werden auf einem Dampfer der Woermannlinie auf der Reede von Swakopmund interniert. Von diesen 600 werden wiederum 282 als Minenarbeiter in die engli-sche Kapkolonie abgeschoben. Die britische Regierung gibt am 18. Januar 1905 bekannt, daß sich mehrere Häuptlinge und 1800 Hottentottenkrieger sowie Here-ros nach Südafrika geflüchtet haben. Am 20. August 1905 besagt eine Meldung aus Kapstadt, daß Samuel Maharero mit seinen Söhnen, mehreren Unterhäupt-lingen und 730 Kriegern im Betschuanaland in Polizei-gewahrsam genommen worden sind. Offiziell werden neben Maharero noch 1275 seiner Anhänger in Betschu-analand registriert. Dazu kommen etwa 1000 Herero, die nach Walfischbucht geflüchtet sind, und von dort von den britischen Behörden nach Südafrika und Betschu-analand überstellt wurden. Wieviele Herero und Hot-tentotten sich tatsächlich in britischem Gebiet aufhal-ten weiß niemand.

Bei den in Kampf gefallenen Hereros kann man von etwa 2000 ausgehen. Bei den Toten in den Lagern ist die natürliche Todesrate durch Alter, Krankheit und Unfall von ein paar hundert Menschen abzuziehen. Über 5000 Herero sind in den Lagern durch das Ergebnis der falschen Ernährung gestorben und folglich müssen 3000 bis 5000 im Sandfeld umgekommen sein, woraus sich 10.000 bis 12.000 Tote ergeben, was auch der Schät-zung von Missionar Bensmann entspricht. Die Volks-zählung von 1909/10, veröffentlicht in Die deutschen Schutzgebiete in Afrika und in der Südsee 1909/10. Amtliche Jahresberichte des Reichs-Kolonialamtes. Berlin 1911, Statistischer Teil, Seite 24, kommt auf 19.962 Herero. Dazu zu zählen sind die Herero, die nach Amboland, nach Angola, nach Betschuanaland und nach Südafrika gegangen sind und die nicht gezählten frei lebenden Herero in Südwestafrika, die alle zusammen mit 5000 Menschen zu veranschlagen sind, sodaß man auf eine Nachkriegsbevölkerung von 25.000 Herero kommt, was letztendlich die Zahl der in der Kalahari umgekommenen Herero drücken würde.

In seinem 1971 erschienenen Buch History of South West Africa gibt I. Goldblatt, ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof in Südwestafrika, als Bevölke-rungszahlen für die Herero für 1921 31.100, für 1936 30.800 und für 1960 35.400 an. Diese Zahlen würde die Zahl der Herero-Toten in der Omaheke noch einmal stark verringern und erklären, warum grundsätzlich, und auch im Jahr 2003 bei gezielter Suche von einer Gruppe von Herero, keine Menschenknochen aus der Zeit von 1904 im Sandfeld gefunden wurden.

Bei den Hottentotten ergibt die Volkszählung von 1911 13.838 Menschen, wobei davon auszugehen ist, daß eine Anzahl in der Wildnis lebender Nama nicht erfaßt wurden und sich ja auch ebenso etwa 2000 Nama in Betschuanaland und Südafrika aufhalten, sodaß von einer Zahl von 16.000-17.000 Nama nach dem Krieg auszugehen ist. Die Zahl der Vorkriegs-Hottentotten-bevölkerung wird auf 15.000 bis 20.000 geschätzt. Etwa 1000 Nama sind im Krieg gefallen. Während die Herero den Großkampf bevorzugten, wobei sie jeweils um die 50 bis weit über 100 Tote zu verzeichnen hatten, führten die Nama kleine Gefechte mit wenigen Verlusten, dafür aber viele Gefechte. Die Zahl der toten Hottentotten auf der Haifischinsel und in anderen Lagern ist mit 2000 zu veranschlagen. Gefangene Witboois und Bethanier gab es im Juli 1906 1790, davon 625 Männer, die allesamt auf die Haifischinsel gebracht wurden. Weitere Gefangene wurden auf die Insel verbracht. Bei Estorffs Besuch auf der Haifischinsel im Frühjahr 1907 lebten noch 245 Männer auf der Insel, davon waren »nur periodisch 25 arbeitsfähig«.

Durch Rundverfügung vom 26. März 1908 wird die Kriegsgefangenschaft der Herero für beendet erklärt. Dagegen wird die Kriegsgefangenschaft der Hottentot-ten nicht offiziell aufgehoben. Noch in einem Schreiben vom 18. Januar 1915 des Eingeborenen-Kommissars an das Gouvernement in Windhuk werden Nama-Kriegs-gefangene erwähnt, wahrscheinlich Führer des Hotten-tottenaufstandes.


Der Aufstand der Hottentotten findet seine einzige Begründung im religiösen Wahn eines alten Mannes – Hendrik Witbooi. Auf Grund der besonderen Verhält-nisse eines Guerillakrieges dauert der Kampf über zwei Jahre und endet, abgesehen von den üblichen Toten eines jeden Krieges, mit dem Tod von 2000 Nama in den Lagern, hauptsächlich durch die unwissentliche Fehler-nährung und den daraus folgenden tödlichen Krank-heitsverläufen.

Auch der Aufstand der Herero ist von deutscher poli-tischer und militärischer Seite in keiner Weise vorher-gesehen worden. Von der Seite der Herero ist er ver-ständlich, wenn er auch militärisch für sie nicht zu gewinnen war. Das katastrophale Ereignis im Krieg für die Herero ist ihr schwerer Fehler mit dem größten Teil des Volkes und dem Vieh in die Omaheke zu gehen. Es sind viel zu viele Menschen und Tiere für das Steppen-land und so sterben tausende im Sandfeld und das Volk als Ganzes verliert seinen Reichtum und seine Ernährungsgrundlage – das Vieh. Das Ergebnis konnte nur der Hungertod der Masse des Volkes sein. Durch die Lager kann ein großer Teil des Volkes vor dem Hunger-tod gerettet werden, aber ausgerechnet ihre Rettung vor dem Hungertod kostet über 5000 Herero das Leben. Niemand ahnte etwas von der Fehlernährung in den La-gern und ihren Folgen in Form von tödlichen Krank-heiten. Ohne die Lager wären aber von den insgesamt etwa 18.000 Hererogefangenen wohl zwei Drittel, wenn nicht mehr, in der Wildnis, ohne ihr Vieh, verhungert, sodaß die Lager immer noch 5000 bis 10.000 Herero-leben gerettet haben, die sonst auch noch zugrunde gegangen wären.

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Der Hottentotten-Aufstand

Die Stammesgebiete der Hottentottenstämme finden sich fast überall in Südwest, nur nicht in den Wüsten-gegenden die Küste entlang und im Nordosten und ganz im Norden. Die Hottentotten sind aus Südafrika nach Südwest eingewandert, woher sie auch von den Hollän-dern ihren Namen haben, der sich wohl auf ihre sonder-bare Sprache bezieht. Im Deutschen Kolonial-Lexikon von 1914 findet sich über die Hottentotten:

»Wohl von niemandem mehr wird die geistige Höhe der Hottentotten bestritten, die ihnen einen weit über dem Herero befindlichen ethnologischen Rang gewährleis-tet. Schon die höchst eigenartige, durch den Besitz von vier merkwürdigen Schnalzlauten ausgezeichnete Spra-che beweist in ihrer Entwicklung die außerordentliche Begabung dieser Rasse. – Neuerdings versteht man un-ter Naman (Pluralform der Stammesbezeichnung Nama) die sämtlichen hottentottischen Bewohner des Groß-Namalandes einschließlich der später zugewanderten Orlam-Stämme.«

Die Hottentotten sind durch die Verbindung mit den Kapholländern zu Christen geworden. Sie haben Pferde und das Gewehr ist ihre Waffe. Sie nennen ihre Häupt-linge Kapitäne oder Kaptein, nach den Schiffskapitänen der Holländer. Ihre Lebensweise ist weitgehend gleich mit den Herero, aber sie können wegen der Dürre des südlichen Südwestafrika kein Großvieh halten. Mit den von Norden her nach Südwest eingewanderten Herero lagen sie bis zu ihrem Frieden vom November 1892 fast ständig im Krieg. Auch beim Hereroaufstand vom Januar 1904 leisten die Witbooi-Hottentotten mit einem gut hundert Mann starken Aufgebot der Schutztruppe Unterstützung. Die Witbooi-Hottentotten gehören zu den Orlam, welche aus der Verbindung vom am Kap ansässigen Holländern und Hottentotten-Frauen her-vorgegangen sind, im Gegensatz zu anderen rein schwarzafrikanisch gebliebenen Nama-Stämmen wie den Swartbooi (Witbooi = Weiße Männer, Swartbooi = Schwarze Männer). Die Witbooi haben durch ihren Umgang mit den Holländern auch Lesen und Schreiben gelernt.

Hendrik Witbooi ist der Kapitän der Hottentotten. Nach letztlich erfolglosem Aufbegehren gegen die deutsche Kolonialherrschaft schloß Hendrik Witbooi 1894 einen Friedens- und Schutzvertrag mit der deutschen Kolo-nialmacht. In einer Zusatzklause zum Vertrag verpflich-tet er sich 1895 auch mit seinen Truppen den Deutschen »Heeresfolge zu leisten«, womit der Namakapitän Truppenunterstützung gegen »unbotmäßige« Stämme stellt. Seit dem Friedensvertrag von 1894 ist Hendrik Witbooi also ein enger Verbündeter der Deutschen mit einem ihm jährlich gezahlten Salär von 2000 Reichs-mark. 

Im Gegensatz zum fruchtbaren Hereroland im nörd-lichen Südwestafrika ist das Land der Nama im Süden der Kolonie wesentlich wüstenhafter, teilweise eine wild zerrissene Gebirgslandschaft und für Rinderhaltung un-geeignet. Die Hottentotten leben von der Jagd und der Kleinviehhaltung. Die Wildtierbestände sind aber durch die rücksichtslose Bejagung, vor allem durch die aus Südafrika zugewanderten Buren (Die Buren sind die im Inland wohnenden Holländer im Gegensatz zu den an der Küste wohnenden Kapholländern), stark zurück-gegangen und um diesem Verlust an Wildtieren Einhalt zu gebieten, hat die Kolonialregierung strenge Wild-schutzbestimmungen erlassen, die nun genauso auch die Hottentotten treffen. Auch ihre nomadische Lebens-weise mit Kleinvieh von Weide zu Weide zu ziehen ist bedroht, durch die immer mehr um sich greifenden weißen Farmen.

Die Hottentotten sind auch vom Schuldenmachen bei weißen Händlern betroffen, aber nicht in dem Ausmaß wie die Herero.

Als im Januar 1904 der Hereroaufstand ausbricht stellt Kapitän Hendrik Witbooi den Deutschen eine gut hun-dert Mann starke Witbooi-Einheit für den Kampf gegen die Herero. Mitte August 1904 desertieren 19 Krieger dieser Hottentottentruppe mit Waffen und Munition. Diese Truppe stand auch am Waterberg im Hauptkampf in der von den Herero eingeschlossenen Abteilung Trothas. Darauf schickt Hendrik Witbooi am 25. August an Gouverneur Leutwein die Nachricht:

»Höre mit Bedauern, daß einige Witboois flüchtig ge-worden sind. Ich befürchte, daß viele falsche Stories [Storie = wilde/erfundene Geschichte] die Schuld tragen. Ich erwarte, daß die Namas, die noch im Felde stehen, treu ihre Pflicht tun werden. Ein Brief von hier geht heute an die Namas ab.«

Allen Deserteuren gelingt es sich bis Mitte September unbemerkt in ihre Heimat im Süden der Kolonie durch-zuschlagen. Von diesen Deserteuren hört Hendrik Wit-booi, daß sie von den deutschen Soldaten schlecht be-handelt worden seien und ihnen gegenüber die Dro-hung ausgesprochen wurde, daß nach den Herero auch mit den Nama „aufgeräumt“ würde. Die Witbooi-Hilfs-truppe ist bei den aus Deutschland neu angekommenen Truppen eingesetzt und diese deutschen Soldaten haben keinerlei Verständnis von Land und Leuten und verste-hen auch den Unterschied zwischen angeworbenen afri-kanischen Arbeitern und den freiwilligen Bundesge-nossen nicht. Hendrik Witbooi kann nicht erfreut über die Aussagen der Deserteure sein, aber andererseits desertiert auch kein Nama mehr vom Verband bei der deutschen Truppe.

Unruhe gibt es unter den Hottentotten auch als Ergeb-nis des Hereroaufstandes, weil von verschiedener deut-scher Seite die Entwaffnung und auch die Beseitigung der Kapitäne der Namastämme als Führer der Hotten-totten verlangt wird. Bezeichnend ist ein Ereignis Ende September 1904 als Christian Goliath, Kapitän von Berseba, beim Bezirksamtmann in Keetmanshoop, Karl Schmidt, erscheint, eine Zeitung in der Hand hält und Schmidt fragt:

„In der Zeitung steht, wir Kapitäne sollen abgesetzt werden und unsere Leute entwaffnet werden, ist das richtig?“  

Sowohl die Amtmänner als auch der Gouverneur ver-suchen mäßigend auf Deutsche und Hottentotten ein-zuwirken, zumal die Absicht einer Entwaffnung der Nama und Absetzung ihrer Kapitäne von der zivilen Verwaltung aus nicht besteht. 

Jetzt erscheint ein Wanderprediger bei Hendrik Wit-booi, der auf den frommen Mann einen starken Einfluß ausübt. Klaas Sheppart Stürmann aus Südafrika von einem den Nama verwandten Stamm zieht durchs Land. Er gehört der »Äthiopischen Bewegung« an, einer christlichen Glaubensbewegung aus Südafrika, die alle Schwarzafrikaner in einer eigenen christlichen Kirche sammeln will und die Forderung erhebt: »Afrika den Afrikanern«, wofür alle Europäer aus Schwarzafrika vertrieben werden sollen. Stürmann zieht predigend von einem Namastamm zum nächsten Namastamm und nun ist er beim tief christlichreligiösen Hendrik Witbooi angelangt.  

Stürmanns Wirken läßt sich an einem Brief des nun etwa 75jährigen Hendrik Witbooi ablesen:

»Rietmond, 1.10.04

An meine lieben Söhne und Mitbrüder und Kapitäne Christian Goliath in Berseba und Paul Fredericks in Bethanien.« Im Brief schreibt Hendrik Witbooi, »ich habe gesehen und erkannt, daß die Zeit nun voll ge-worden ist, daß Gott der Vater die Welt erlösen wird.«

Ebenfalls am 1. Oktober 1904 schreibt Hendrik Witbooi an Hermanus van Wyk, den Kapitän der Rehobother Baster:

»… Ich habe mich jetzt seit langer Zeit gebeugt unter dem Gesetz und das Gesetz befolgt, wie wir alle es taten, in Gehorsam – aber auch in der Hoffnung und dem Glauben, daß Gott unser Vater uns in der Fülle der Zeit von der Verderbtheit dieser Welt erlösen wird … Meine Arme und Schultern sind jetzt müde geworden, und ich sehe und glaube, daß jetzt die Zeit gekommen ist, da Gott Vater die Welt durch seine Gnade erlösen wird … Ich sage dir, daß ich meine Stellung aufgegeben habe. Das ist der Hauptpunkt: ich bin ans Ende gekommen…«

Van Wyk, der Gründer des Baster-Staates in Rehoboth, hatte in der Vergangenheit zwischen Witbooi, den He-rero und den Deutschen vermittelt. Er schließt sich mit seinem Halb-Weiß/Halb-Hottentott-Stamm dem Auf-stand nicht an.

Haben die Hereroführer monatelang beraten und schließlich die Kriegspartei die Oberhand gewonnen, gibt es bei den Hottentotten keine Kriegspartei, sondern einzig und allein ihr oberster Kapitän entscheidet selbstherrlich über Krieg und Frieden. Als der kriegs-gewohnte Hendrik Witbooi seine Entscheidung trifft ist das Herero-Stammland von den Deutschen besetzt und aus der Kalahari heraus ist keine erfolgreiche Krieg-führung der Herero mehr zu erwarten. Dazu hat sich die deutsche Truppenstärke im Schutzgebiet seit Januar 1904 verzehnfacht. Doch Hendrik Witbooi, der Führer der Hottentotten, ist ein bibelfester Christ und fürchtet um sein Seelenheil. Die Aussichtslosigkeit eines Auf-standes aus militärischer Sicht muß dem alten Krieger bekannt sein. Er vertraut einzig und allein auf Gott bei seinem Aufstand. So tritt im Oktober 1904 für die Deutschen eine völlig neue Lage ein. Die ewigen Feinde der Herero, und bisherigen Mitkämpfer gegen die Herero, die Hottentotten, gehen selbst in den Aufstand gegen die Deutschen.

Am Nachmittag des 3. Oktober 1904 bekommt der Amtmann des Bezirks Gibeon, im Süden der Kolonie gelegen, Hauptmann Henning von Burgsdorff, einen Brief von Hendrik Witbooi an Gouverneur Leutwein überreicht, in dem steht:

»Ich bin zehn Jahre in deinem Gesetz, hinter deinem Gesetz und unter deinem Gesetz gestanden. Die Rechen-schaft, die ich vor Gott zu geben habe, ist sehr groß. Ich warte auf ihn und flehe zu ihm, daß er unsere Tränen trocknet und uns erlöst zu seiner Zeit. So hat jetzt Gott aus dem Himmel selber den Vertrag gebrochen, und darum will ich aufhören, der Deutschen Regierung zu folgen.«

Die beiden Boten Witboois, ein Unterkapitän und der Kirchenälteste der Witbooi-Gemeinde, zeigen Burgs-dorff auch einen Brief Witboois in Kapholländisch, in dem zu Ende steht:

»Der Herr hat mir gezeigt, daß es Zeit ist, mein Volk zu erlösen. Ich rufe daher sämtliche Kapitäne des Nama-landes auf gegen die deutsche Regierung. Hendrik Witbooi, Kapitän.«

Die Boten beschwören Hauptmann Burgsdorff Hendrik noch umzustimmen. Bei seinem langen Ritt über nacht zu Hendrik Witbooi nach Rietmond wird Burgsdorff von Salomon Sahl, einem Anhänger der vom Prediger Shep-part Stürmann gebildeten »Heiligen Schar gesalbter Gotteskrieger«, am Mittag des 4. Oktober erschossen. Der Aufstand hat begonnen.

Der Unterkapitän Samuel Isaak sagt später aus:

»Als ich nach Rietmond zu Hendrik kam, saß Salomon Sahl bei ihm. Zu ihm sagte Hendrik: „Ich danke dir, daß du den Hauptmann erschossen hast. Ich hätte es nicht tun können und hätte auch nicht den Befehl dazu geben können. Und was hätte ich sagen sollen, wenn der Hauptmann hierher gekommen wäre und mich gefragt hätte, weshalb ich den Orlog wollte?“«

Bei späteren Verhören von Namagroßleuten kommt die gleichlautende Antwort:

„Der Kapitän hat den Orlog befohlen, also wurde er ge-macht. Seine Gründe hat er uns nicht gesagt.“

Major G. Maercker, der die Befragungen durchführte:

»Aber aus vielen Andeutungen und Redewendungen habe ich doch die Überzeugung gewonnen, daß es letzten Endes religiöse Gründe waren, die den alten Fuchs [Hendrik Witbooi] dazu brachten, gegen uns aufzustehen.«

Doch nicht alle Hottentottenführer schließen sich dem Aufstand von Hendrik Witbooi an. Kapitän Johann Christian Goliath unterstützt sogar die Deutschen.

Hendriks Entschluß zum Krieg muß sehr spontan ge-fallen sein, denn nicht einmal seine jetzt etwa 80 Mann starke Truppe bei den deutschen Verbänden gegen die Herero informiert er über seine Entscheidung und so können diese Witbooi-Krieger mühelos entwaffnet und gefangengenommen werden. Hendrik hätte sonst auch nicht vor Aufstandsbeginn noch eine große Summe Geld bei der deutschen Sparkasse in Gibeon eingezahlt.

In den ersten Tagen des Aufstandes werden 40 Weiße getötet. Der nun begonnene Krieg ist ein reiner Gueril-lakrieg. Die Nama sind gut bewaffnet und beritten, grei-fen die deutschen Truppen blitzschnell aus dem Hinter-halt an und ziehen sich dann wieder ins unwegsame Gelände zurück. Die Hottentotten sind für die deutschen Truppen noch schwerer zu fassen als die Herero, weil sie keine größeren Viehherden besitzen und mitführen und eben beritten sind. Somit sind sie viel beweglicher als die Herero und kämpfen in ihrem ihnen bestens vertrauten Gelände, einer kargen, zum Teil gebirgigen, wüstenartigen Landschaft.

Etwa 2500 Krieger, fast alle mit Hinterladergewehren bewaffnet, können die Hottentotten gegen die Deut-schen aufbieten und sie kämpfen traditionell in klein-sten Verbänden, im Gegensatz zu den Herero, die den großen Kampf bevorzugen. Diese kleinen hochbeweg-lichen Trupps der Nama sind für die deutschen Truppen äußerst schwer auszumachen und zu bekämpfen, wes-halb sich die Niederschlagung des Hottentottenauf-standes in die Länge zieht. Zudem kämpfen auch einige hundert Herero auf Seiten der Nama. Zu ihrem Vorteil können sich die Namakrieger auch jederzeit auf briti-sches Gebiet zurückziehen. Eine Überwachung der Grenze findet aus der Unmöglichkeit Personal dafür frei zu haben, weder von deutscher noch von britischer Seite statt und die Hottentotten nutzen die Möglichkeit sich über englische und jüdische Händler mit Munition und Waffen gegen Beutevieh und Beutepferde zu versorgen.

Die Deutschen werfen sofort den größeren Teil ihrer Truppen in Südwest gegen die Hottentotten, aber es sind hauptsächlich in den letzten Monaten für den Hererokrieg aus Deutschland herangeführte Kräfte, die für den afrikanischen Kriegsschauplatz ungenügend geeignet sind. Dazu kommt, daß nicht etwa im Laufe der Zeit die neuen Soldaten aus Deutschland an Erfahrung auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz gewinnen und sich anpassen, sondern sie durch Krankheit bald aus-fallen, nach Hause geschickt werden und durch neue unerfahrene Soldaten ersetzt werden.

Als am 5. Dezember 1904 ein deutscher Verband auf Rietmond, dem Sitz von Hendrik Witbooi, zumarschiert, in der Hoffnung den Namakapitän dort zum Kampf zu stellen, flieht dieser mit seinen Leuten. 15.000 Stück Vieh lassen die Hottentotten zurück und auch Waffen, Munition und Schießbedarf, Ochsenwagen und vielerlei Gerätschaft.

Hendrik wohnte in einem der fünf Backsteinhäuser des Ortes, der sonst nur aus Pontoks besteht. Oberst Bert-hold Deimling:

»Dicht am Eingang stand noch sein Lehnstuhl mit Dek-ken und Fellen, wie er gerade benutzt worden war. Auf dem großen Tisch lagen seine Briefschaften, Patronen, Taschenuhr und seine Bibel. Auch mehrere Gewehre sowie erbeutete deutsche Offiziersdegen hatte er zu-rückgelassen. Selbst sein Sparkassenbuch war liegen-geblieben. Wie ich daraus ersah, hatte er noch im September in die Sparkasse Gibeon 1600 Mark einge-zahlt. Über seinem Bett hingen Bilder vom Kaiser und dem Gouverneur Leutwein…«

Mitte März 1905 erhält Thilo von Trotha den Auftrag, Cornelius Fredericks, seinen ehemaligen Kampfgefähr-ten, militärisch niederzuringen. Leutnant Thilo von Trotha ist der Neffe des im Mai 1904 zum Oberbe-fehlshaber der Schutztruppe in Südwestafrika ernann-ten Lothar von Trotha. Im Gegensatz zu seinem Onkel ist Thilo von Trotha mit den Menschen in Südafrika gut vertraut. Er hat schon beim Burenkrieg wenige Jahre zuvor auf Seiten der Buren gegen die Briten gekämpft und er kennt auch die Hottentotten, deren Burenplatt, auch Hottentottenplatt genannt, er spricht, eine nieder-deutsche Mundart der Buren und Hottentotten. Leut-nant Thilo von Trotha führte seit Mitte 1904 im Here-roaufstand das Kommando über Reiter der Bethanier-hottentotten unter ihrem Unterkapitän Cornelius Fre-dericks. Diese Reiterabteilung diente für Aufklärungs-ritte und Handstreiche gegen die Herero. Cornelius Fredericks meldet sich schließlich krank, geht zurück nach Hause und schließt sich dem Aufstand Hendrik Witboois an.

Trotha durchstreift mit einer Patrouille, einer Aufklä-rungsabteilung aus Buren und Bastards, der eine regu-läre Reiterkompanie folgt, wochenlang das unwegsame Gelände, von dem aus Cornelius Guerillakrieg führt. Trotha führt Gefechte gegen die Leute von Cornelius und nimmt ihnen Vieh ab, welches zum Überleben für sie dringend notwendig ist. Schließlich bekommt Thilo von Trotha von seinem Onkel Lothar von Trotha die Erlaubnis Friedensverhandlungen mit Cornelius einzu-leiten. Mitte Juni 1905 schickt Thilo von Trotha mit Boten Cornelius einen Brief in Hottentottenplatt, daß er unbewaffnet und alleine käme und in der Zeit keine Truppen gegen ihn und seine Leute eingesetzt werden und reitet dann am 14. Juni in die dutzende Kilometer lange Schlucht, in der Cornelius sich mit seinen Leuten verbirgt, in der sich aber auch andere Hottentotten-Kapitäne und ihre Leute versteckt halten. Trotha wird freundlich von Cornelius begrüßt und die Verhandlun-gen beginnen. Nach einer Weile wird Vieh der Bondel-swart-Hottentotten des Kapitäns Abraham Morris eilig durchs Lager von Cornelius getrieben und Gewehrfeuer ist zu hören. Die Morris-Leute hatten Vieh gestohlen und werden von deutschen Reitern verfolgt. Trotha schickt den Deutschen einen Zettel, das Feuer einzu-stellen, da er zu Verhandlungen in der Schlucht sei, und der Zettel erreicht auch erstaunlicherweise den deut-schen Truppenkommandeur, aber da ist es schon zu spät, ein Hottentotte erschießt Trotha, weil er meint der deutsche Offizier habe das Lager in Sicherheit wiegen wollen für einen Überfall der deutschen Truppen auf das Lager.

Unter diesen Umständen kann sich Cornelius natürlich nicht ergeben. Er weiß, daß Trotha in nicht verraten wollte und gibt ihm in der Schlucht eine würdige Be-stattung. Seine Leute trauen aber den Deutschen nun nicht mehr und der Guerillakrieg geht weiter. Die Schlucht, in der das tragische Ereignis der unglücklich mißlungenen Friedensverhandlung stattfand, heißt seit-dem Trothaschlucht.

Nachdem Hendrik Witbooi Ende Oktober 1905 im Kampf gefallen ist ergeben sich viele Hottentotten, doch einige Unterkapitäne, darunter auch Cornelius Frede-ricks, setzen den Kampf fort. Ein Teil der nach Hendrik Witboois Tod weiter kämpfenden Nama zieht sich in die Kalahari und auch auf das britische Gebiet der Kalahari zurück. In der in der Trockenzeit fast wasserlosen tiefen Kalaharisteppe leben sie hauptsächlich von Tschamas-früchten, eine in dieser Landschaft oft vorkommende melonenartige viel Flüssigkeit enthaltende Frucht. Von den in der Kalahari befindlichen Nama kann ein Teil im Dezember 1905 zur Übergabe bewegt werden. Einige hundert ergeben sich, doch sind es hauptsächlich Frauen und Kinder. Im Dezember 1905/Januar 1906 werden von der Schutztruppe zwei Erkundungsvorstöße in die Kalahari unternommen und es können einige Dutzend versprengte Hottentotten aufgegriffen werden.

Am 3. März 1906 unterwirft sich der Bethanierkapitän Cornelius Fredericks, der die Kämpfe im Süden der Ko-lonie geführt hat, und in den Wochen danach ergeben sich auch die meisten seiner noch im Felde stehenden Unterführer.

Im April ergeben Kundschaftermeldungen, daß sich Nama in Betschuanaland aufhalten. Im Juli 1906 reitet eine Patrouille der Schutztruppe auf Kamelen in die Kalahari bis zur britischen Grenze, wo Verhandlungen mit einem Franzmannkapitän über eine Unterwerfung ergebnislos verlaufen. Auch die Bondelswart-Hotten-totten kämpfen weiter. Erst der am 21. Mai 1906 neu ernannte Kommandeur der Schutztruppe für Südwest-afrika, der nun geadelte Oberst Berthold von Deimling, der im Juni in der Kolonie eintrifft und am 23. Juni das Kommando übernimmt, wird den sich hinziehenden Kleinkrieg endgültig beenden. Deimling ändert das Kon-zept der Kriegführung vom Versuch den Gegner ein-zukreisen, welches mißlingt, weil der leichtbewegliche Gegner den schwerfälligen deutschen Verbänden im unübersichtlichen Gelände leicht entweichen kann, zu einer unausgesetzten Verfolgung des Gegners mit klei-nen beweglichen Einheiten, die bei Erschöpfung sofort durch frische Truppen ersetzt werden. Dazu wird das Nachrichtenwesen ausgebaut und der Nachschub neu organisiert. Außerdem läßt Deimling sämtliches Vieh aus dem Aufstandsgebiet abtreiben, um den Hotten-totten Nahrung und Viehhandel für Waffen und Munition zu entziehen. So sind bis zum November 1906 fast sämtliche noch im Felde verbliebenen Namatrupps zur Strecke gebracht. Seit Oktober laufen auch Ver-handlungen mit Bondelswartkapitänen und Deimling läßt deshalb alle Kriegshandlungen in Gegenden, die Verhandlungsbereitschaft zeigen, einstellen. Am 23. Dezember 1906 wird der Friedensvertrag mit den Bondelswart unterzeichnet. Laut Vertrag geben die Bondelswart sämtliche Gewehre und Munition ab und von der Regierung erhalten sie Siedlungsland und Ziegen und Schafe. Der Vertrag besagt auch, daß die Abmachung auf alle Bondelswart, welche sich noch stellen wollen, ausgedehnt wird, aber auch diese müssen ihre Gewehre abgeben. So kommen auch aus den englischen Gebieten Bondelswart zurück, nehmen die Friedensbedingungen an und bekommen Land und Kleinvieh zugewiesen. Mit der Unterwerfung der Bondelswart gilt der Krieg in Südwestafrika als beendet.

Auf »Allerhöchste Ordre« des Kaisers wird am 31. März 1907 der Kriegszustandes aufgehoben. Der Große Gene-ralstab in Berlin meldet vom 25. Oktober 1903 bis zum 8. Februar 1907 295 Gefechte. Davon 88 gegen Herero und 207 gegen Hottentotten. Es verbleiben noch Franzmann-Hottentotten unter Simon Kopper in den Einöden der britischen Seite der Kalaharisteppe, die Überfälle auf deutschem Gebiet verüben. Um auch diesen letzten Gegner zur Strecke zu bringen wird ein besonderer deutscher Truppenverband aufgestellt. Am 1. April 1907 hat der im Jahr zuvor zum Oberstleutnant beförderte Ludwig von Estorff das Kommando über die Schutz-truppe in Südwestafrika übernommen und läßt als eine seiner ersten Amtshandlungen über den Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck 600 Kamele im Sudan kaufen. 1000 Kamele sind bereits als Transporttiere vom Hafen Lüderitzbucht durch die Namibwüste im Einsatz, bis mit dem Vortrieb der Eisenbahn von Lüderitz ins Inland nach vor nach die Bahn diesen Verkehr über-nimmt und auch Kamele an die Truppe abgegeben werden können. Aus der Lieferung von Hagenbeck, die fast ausschließlich aus Lastkamelen besteht, werden die für einen Reiteinsatz am besten geeigneten Tiere ausge-sucht und ausgebildet. Auch gewöhnt man sie an das Fressen von Tschamas, den in der Kalahari vorkommen-den melonenartigen Früchten. Hauptmann Friedrich von Erckert bereitet seine aus ausgewählten Leuten zusammengestellte  Wüstentruppe acht Monate lang auf ihren Einsatz vor. Die wenigen schon vorhandenen Reitkamele und eine Anzahl Reitochsen für den Einsatz im dichten Busch werden auf Erkundungsunternehmen geschickt und die ganze über 500 Mann starke Truppe auf größtmögliche Eigeninitiative von Unteroffizieren und Offizieren ausgebildet.

Besonderes Augenmerk wird auch auf die Wasserver-sorgung dieser für Steppen- und Wüstenverhältnisse verhältnismäßig großen Truppe gelegt. Die von den Hottentotten zugeschütteten Wasserstellen – zur Ver-hinderung ihrer Verfolgung durch deutsche Truppen in der Kalahari – werden wieder aufgemacht und erweitert. Bohrkolonnen, die neue Wasserquellen erschließen sol-len, finden aber auch in über 50 Metern Tiefe kein Wasser, sodaß Stauanlagen und Wasserbecken für Regenwasser angelegt werden und 45 fahrbare Wasser-behälter mit je 400 Liter Fassungsvermögen werden bereitgestellt. Auch die Nachrichtenverbindungen wer-den ausgebaut. Das Fernmeldenetz wird mit neuen Kabeltelegraphenlinien erweitert und hölzerne Signal-türme für den Heliographenverkehr mit Sonnenlicht-morseapparaten errichtet.

Anfang März 1908 ist das deutsche Kamelreiterkorps einsatzbereit. Es besteht aus 27 Offizieren, 373 Reitern, 129 Farbigen, darunter Buschmann-Späher mit Reitoch-sen, 710 Kamelen und vier Maschinengewehren als schweren Waffen. Der März ist als Beginn der Militär-operation festgelegt, weil dann die Regenzeit vorüber ist und ausgerechnet jetzt der Feind sich bei der Wasser-versorgung in einer schwierigen Lage befindet und deshalb nicht bewegungsfähig ist, weil er noch an die Wasserstellen in der Kalahari gebunden ist, bis die wieder wachsenden Tschamasfrüchte in vier bis sechs Wochen gereift sind und genug Wasser und Nahrung für ein erneutes Streifen durch die gesamte Kalahari bieten. Auch nimmt der Mond ab Mitte März wieder zu und Mondschein ist wichtig, um bei Nacht marschieren zu können, statt in der glühenden Tageshitze, wobei die Marschkolonnen auch noch weithin sichtbare Staub-wolken aufwirbeln und so gut vom Feind auszumachen wären. Von deutscher Seite sind die Vorbereitungen auf das gründlichste betrieben und auch die geringsten Kleinigkeiten bedacht. Welch ein Unterschied zu den Patrouillen, die im August/September/Oktober 1904 auch nur in die Randbereiche des Sandfeldes vordran-gen und mit dem Verlust von Pferden und dem Tod von Soldaten bezahlten, die beim Trinken von verseuchtem Wasser durch Typhus umkamen.

Am 12. März 1908 bricht das Expeditionskorps auf. Simon Kopper liegt mit seinen 200 bis 300 Kriegern einhundert Kilometer weit in Britisch Betschuanaland in einem buschüberzogenen Dünengelände in vorzüg-licher Deckung mit Schützengräben und  Verhauen aus Büschen und Bäumen. Kopper rechnet mit einem An-griff, aber mit einer solch vorzüglich vorbereiteten deutschen Truppe rechnet er nicht. Am 16. März wird sein befestigtes Lager gestürmt. Die Hottentotten ver-lieren 58 Mann an Toten, darunter auch Isaak Kopper, der Bruder von Simon. Auf deutscher Seite fallen 15 Soldaten. Einer der deutschen Gefallenen ist Haupt-mann von Erckert.

Hatten deutsche Truppen bei der Verfolgung der Hottentotten immer wieder die Grenze zur britischen Kapkolonie überschritten so handelt es sich diesmal um einen Einbruch eines großen deutschen Militärver-bandes tief in englisches Kolonialgebiet hinein. Doch die englische Regierung toleriert dieses deutsche Vorge-hen, weil sie selbst als größte Kolonialmacht natürlich kein Interesse an erfolgreichen Aufständen gegen die weiße Herrschaft hat, zumal sie selbst 1906/07 einen Aufstand der Zulu in Südafrika niederzuschlagen hatte. Im September 1907 haben die Briten auch einen Hottentottenverband aus Deutsch Südwestafrika unter dem berühmten Jakob Morenga in der Kalahari nieder-gekämpft und Morenga getötet. Einer der deutschen Verbindungsoffiziere zur englischen Kampftruppe, Hauptmann Eberhardt von dem Hagen, schreibt:

»Die Haltung der englischen Truppen während der Verfolgung und des Gefechts war gut… Den Schwarzen ist der Hauptheld Morenga genommen, auf den sie ihre Hoffnungen setzten.«

Die Gedenkmünze mit der Gefechtsspange KALAHARI 1907 wird vom deutschen Kaiser 92 mal nur an britische Soldaten der Cape Police und der Cape Mounted Rifles verliehen, welche an den Unternehmungen gegen Jakob Morenga teilnahmen.

Die überlebenden Kopper-Hottentotten fliehen nach dem Gefecht vom 16. März 1908 und Simon Kopper stellt sich mit seinem Stamm den englischen Behörden. Die Engländer weisen ihnen ein Reservat zu und Simon Kopper verpflichtet sich keine Kriegshandlungen gegen Deutsch Südwestafrika mehr zu begehen. Kopper erhält eine Leibrente und auch für alle sonstigen Kosten der britischen Regierung kommt die deutsche Regierung auf. Simon Kopper hält sich gewissenhaft an alle Vertragsbedingungen und stirbt am 31. Januar 1913.

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Der Herero-Aufstand

Die Herero haben ihr Stammesgebiet im südlichen Norden von Deutsch Südwestafrika. Herero sind aber auch in anderen Teilen der Kolonie zu finden, so etwa beim Hafenbau in Swakopmund und am Bau der Eisen-bahn. Die meisten Herero sind Großviehzüchter. Das heißt, den Mächtigen gehört das Vieh und das Volk hütet das Vieh und ernährt sich von den Rinderherden.

Die Mächtigen der Herero sind die Kapitäne und Groß-männer. Die Kapitäne sind die Häuptlinge und die Groß-männer sind die weiteren Reichen und Mächtigen bei den Herero, wobei beide Begriffe – Kapitän und Groß-mann – auch zusammenfallen können.

Es gibt aber auch verarmte Herero, die Feldherero, die bei der Rinderseuche von 1897 alles Großvieh verloren haben und nicht wieder neue Herden anschaffen konn-ten oder sowieso schon zu den Feldherero gehörten, die im Hereroland als Jäger, Sammler und Kleinviehzüch-ter leben.

Die Herero leben hauptsächlich von der Milch ihres Viehs, selten schlachten sie ihre Rinder, die ja in ihrer Zahl dem Prestige des Eigentümers dienen und zum Handeln gebraucht werden, um Waren aller Art mit ihnen einzutauschen. Dazu halten die Herero Kleinvieh wie Ziegen und Hühner und sammeln Feldkost, was sich an eßbarer Pflanzenkost im Land finden läßt, wie Bee-ren, Zwiebeln, Wurzeln und Kräuter. Sie können auch Fallen stellen und Jagen.

Die Herero wurden 1897 durch die Rinderpest schwer getroffen, die über die Hälfte ihres Viehbestandes tötete. Der folgenden Typhusepidemie von 1898 fielen um die 10.000 Herero zum Opfer, die ihre Ursache im Massen-sterben ihres Viehs im Jahr zuvor und den dadurch verseuchten Wasserstellen hatte. Dazu kamen eine Malariaepidemie, ein Heuschreckeneinfall und auch noch eine Dürreperiode, was viele der stolzen Herero zur Arbeit bei Weißen zwang.

Die Bevorteilung von Deutschen in der deutschen Kolo-nie gegenüber Hereros vor Gericht ist unbestreitbar. Mit dem Ansteigen der Siedlerzahl im Land – Siedler, die oft aus schon bedenklichen Gründen nach Südwest gekommen sind – nehmen auch die Straftaten gegen Einheimische zu, ohne daß die deutsche Gerichtsbar-keit angemessen gegen die Straftaten der Weißen gegen die Eingeborenen vorgeht, was verständlicherweise die Erregung der Herero noch steigert. Samuel Maharero, der Oberhäuptling der Herero, beschwert sich schrift-lich beim Gouverneur Theodor Leutwein über die wach-sende Rechtsunsicherheit: »Du weißt, wieviele Herero durch die weißen Leute, besonders durch Händler, mit Gewehren und in Gefängnissen getötet sind. Und im-mer, wenn ich diese Sache nach Windhuk [Hauptstadt von Deutsch Südwestafrika] brachte, immer kostete das Blut meiner Leute nicht viel mehr als einige Stück Kleinvieh.«

Der Missionar Elger der Rheinischen Missionsgesell-schaft schreibt im Februar 1904:

»Die eigentliche Ursache der Erbitterung der Hereros gegen die Deutschen ist ohne Frage die, daß der Durchschnitt der Deutschen hier den Eingeborenen ansieht und behandelt als ein Wesen, welches mit dem Pavian (Lieblingsname für Eingeborene) so ziemlich auf einer Stufe steht und nur soweit Daseinsberechtigung hat, als es für den weißen Menschen von Nutzen ist. Daher gilt dem Weißen sein Pferd und sein Ochse mehr als der Eingeborene. Aus dieser Gesinnung gehen dann nur zu oft Härte, Betrügereien, Ausbeutung, Unge-rechtigkeit und Vergewaltigung, nicht selten Totschlag hervor.«

So machen sich auch insbesondere die aus Südafrika nach Südwest zugewanderten Buren mit körperlichen Straftaten an Hereros schuldig.     

Die Landfrage ist aus deutscher Sicht das Hauptproblem in Bezug auf die Eingeborenen und seit 1901 drängen die Missionsgesellschaften auf die Schaffung von Reserva-ten, deren Land unveräußerlich ist. Bisher ist nur ein Reservat eingerichtet, dasjenige für den Hottentotten-stamm der Witbooi im Jahre 1897. Trotz bescheidener Lebensführung konnte Hendrik Witbooi, der Kapitän der Witboois, nicht verhindern, daß er für seinen Stamm Schulden machen und Land verkaufen mußte. Die Witboois stellen nichts her und besitzen nur etwas Kleinvieh. Garten- und Ackerbau kennen sie nicht. Frü-her hatte der Stamm von Raubzügen gegen seine Nach-barn gelebt. Durch das 1200 Quadratkilometer große Reservat ist ihnen ihr Land nun gesichert.

Durch Beschlagnahme von Ländereien im Schutzgebiet durch die deutsche Kolonialverwaltung und den Ver-kauf von Land durch die Hererohäuptlinge ist schon viel Land der Herero verlorengegangen. Besonders Herero-häuptling Samuel Maharero, der schon jährlich ein Salär von 2000 Reichsmark aus der Kasse des Gouver-nements erhält, wie auch Hendrik Witbooi, ist über die Maßen genußsüchtig und verschwenderisch und ver-schleudert dafür viel Stammesland, welches in den Be-sitz von weißen Siedlern übergeht.

Mit der 1902 fertiggestellten Eisenbahnlinie von Swa-kopmund nach Windhuk wird das südliche Hereroland von der Bahn durchzogen und diese günstige Bahnver-bindung fördert die Ansiedlung von weißen Farmern entlang der Bahn. Mit der 1903 begonnenen Bahn von Swakopmund nach Otavi im Norden der Kolonie wird noch eine Bahnlinie durch das Hereroland führen, mit weiterem Landverlust, und weitere weiße Siedler wer-den ins Land kommen, befürchten die Herero zurecht. Trotzdem verkaufen Hererogroßleute weiter bedenken-los Stammesland, um von ihren Schulden herunter-zukommen und ihrer Genußsucht zu frönen. Dabei bie-ten sie Land an Siedler zu Preisen unter dem Angebot des Gouvernements für Land an, um an Geld zu kom-men.

Für die Herero ist nicht Land an sich wichtig, sondern Wasserstellen. Land gibt es mehr als genug, aber Was-ser ist entscheidend. Auch die ersten Erfolge der von Gouverneur Leutwein eingeführten Tiefbrunnen-Bohr-maschinen bei der Wassererschließung seit 1901 kann für einen Nomaden eine Seßhaftigkeit mit dem unver-meidlichen Rückgang der Weide durch das dauernd grasende Vieh an einer permanenten Wasserstelle nicht annehmbar machen.

1902 schaltet sich die Reichsregierung in Berlin ein und Vorschläge für die Grenzen der Reservate sollen von den unteren Behörden an das Gouvernement in Windhuk eingereicht werden. Am 30. September 1903 werden vom Gouvernement die Grenzen der zukünftigen Reser-vate bekanntgegeben und am 8. Dezember wird im Raum am Waterberggebirge nach Absprachen mit den dortigen Kapitänen und Großleuten das erste Herero-reservat eingerichtet. Über die vorläufigen Grenzen der geplanten Reservate im Gebiet von Okahandja und Gobabis sind die Herero entsetzt. Sie sollen auf ihre besten Weidegründe und Wasserstellen verzichten und den Ort Okahandja, Sitz von Oberhäuptling Samuel Maharero, aufgeben. Und die als Weideland wenig ergiebige Omaheke – was auf Herero Sandfeld heißt – soll ihnen mit einigen weiteren Gebieten im Nordosten der Kolonie als größtes Reservat zugewiesen werden. Die Herero sind nur selten im Sandfeld und wenn dann meistens in der Regenzeit. Die endlosen Flächen und Dünen der Omaheke mit ihren hellroten und weißen Sanden sind zwar mit Gras bedeckt und Wasserstellen sind auch zu finden, aber eben das Gras führt zu einer Vieherkrankung, weshalb die Herero das Sandfeld sel-ten zum Weiden und ansonsten nur zum Durchzug zwischen ihrem Stammland in Südwest und dem eng-lischen Betschuanaland benutzen. Ein weiterer Grund für die Herero das Sandfeld zu meiden sind feindliche Stämme in dem Steppenland wie die Buschleute und die Tawana.

Die deutsche Verwaltung hingegen weiß nur vom Gras-reichtum des Sandfeldes, von der für die Tiere tödlichen Lahmkrankheit weiß sie nichts, und für das offensicht-liche Problem der Wasserversorgung in der Trockenzeit und bei ausbleibender Regenzeit hat man ja scheinbar eine Abhilfe: die Tiefbrunnen-Bohrmaschinen. Diese Technik ist erfolgreich in der Kolonie im Einsatz und so könnte wohl auch im Sandfeld immer Wasser an die Oberfläche gepumpt werden.

Die deutsche Kolonialverwaltung sucht die Erregung der Herero über die Grenzziehung der Reservate zu beschwichtigen. Immerhin 25 % des Stammlandes wür-de zu Reservaten erklärt werden und damit auch den Häuptlingen entzogen, die für ihren eigenen Vorteil in der Vergangenheit viel Land verkauft haben. Außerdem soll alles Stammland außerhalb der Reservate, das den Herero gehört, auch weiterhin in ihrem Besitz bleiben.

Sicherlich fehlt es auch an Öffentlichkeitsarbeit des Gouvernements bei den Herero für die durchaus nicht unangemessenen Landrechte für sie wie die Reservate, die auch mit ihren Großleuten verhandelt werden, doch viele Herero fürchten in die Reservate verbannt zu werden, was nicht der Fall ist. Nicht zu bestreiten ist, daß das Leben der Herero durch die Deutschen immer mehr eingeschränkt wurde. Ein freies Umherschweifen im Land auf der Suche nach Wasserstellen und Weide-gründen wird ihnen immer mehr unmöglich gemacht und die älteren und politisch entscheidenden Herero-Großleute sehnen sich nach der Zeit vor den Deutschen zurück.

Auch ist die Verschuldung der Herero bei weißen Händ-lern ein großes Problem. Gouverneur Leutwein und die Missionare betrachten die Entwicklung mit Sorge. Leutwein ist bestrebt sinnvolle Lösungen zu finden. So will er Kredit an Herero verbieten und beim Verkauf von Waren an Eingeborene nur noch Barkäufe zulassen. So kommt es zu der weniger guten als von Leutwein vorgeschlagenen Kreditverordnung der Reichsregie-rung vom 23. Juli 1903. Diese Verordnung verbietet binnen Jahresfrist alle alten und noch dazukommende Kredite und erklärt sie für ungültig. Die Händler sind nun aber unter Zeitdruck und lassen alle Rücksicht-nahmen beim Eintreiben ihrer Kredite fallen. Sie neh-men, pfänden, beschlagnahmen – meist ohne Rechtsti-tel – was sie von den Herero kriegen können: Vieh und Land. Die Farmersfrau Helene von Falkenhausen schreibt: »Ein gewaltiger Schreck bemächtigte sich der Herero, sie mußten aus diesem Verhalten der Händler den Eindruck gewinnen, man wollte auf einen Schlag ihren gesamten noch vorhandenen Besitzstand konfis-zieren.«

Im November 1903 schreibt der Ansiedlungskommissar Paul Rohrbach in sein Tagebuch: »Was bisher tatsäch-lich vorgekommen, auf welche schamlose Weise mit-unter Landabtretung im größtem Maßstabe, Viehher-gabe, Schuldenanerkennung usw. von den Hereros er-preßt worden ist, kann der Sache nach in den meisten Fällen nur als krasse Auswucherung, nicht selten als kaum verschleierter brutaler Raub bezeichnet werden.«

Die Kölnische Zeitung schreibt am 24. Januar 1904: »Die im Lande sehr zahlreichen fahrenden Händler, deren Vorleben in Europa oft die Ursache ihres Hierseins ist, wie denn überhaupt das Schutzgebiet namentlich bei unseren Mitbürgern des preußischen Ostens als ein geeignetes Verschickungsland für ungeratene oder un-bequeme Söhne gilt, sind nicht sehr rücksichtsvoll in der Wahl ihrer Mittel und suchten sich für die den Herero dargeliehenen oder dargewucherten Waren be-zahlt zu machen, damit nur die verhängnisvolle Frist [22. Juli 1904] nicht verstreiche.«

Es gärt unter den Herero und sie bereiten sich durch Käufe von Strümpfen, Hemden, Stiefeln, Zaumzeug, Sätteln, jeder Menge warmer Decken, Pferden und auch Viehdiebstählen von weißen Farmen auf einen Aufstand vor. Bei den Deutschen läuft über die Kaufwut der Herero ohne Rücksicht auf Schulden das Gerücht um, sie wollten ins benachbarte britische Betschuanaland auswandern und dann seien sie natürlich auch gleich ihre Schulden los.


Ende Oktober 1903 kommt es zu einem Aufstand der Bondelswart-Hottentotten ganz im Süden von Deutsch Südwestafrika. Begonnen hat alles wegen des Streites um einen Hammel zwischen Herero und Hottentotten, der durch die Zahlung von 20 Mark vom Bondel-swartkapitän Abraham Christian an den geschädigten Herero erledigt war. Doch nun mischt sich der dafür auch gar nicht zuständige und noch landesunkundige Distriktchef in Warmbad, Leutnant der Schutztruppe Walther Jobst, in den Bagatellfall ein, der laut Vertrag eine Stammesangelegenheit ist und das Reich nichts angeht, und zitiert den Kapitän der Bondelswart zu sich, um ihn wegen des völlig bedeutungslosen Falles zur Rechenschaft zu ziehen. Abraham Christian schickt seine Großleute nach Warmbad, um den Fall zu klären. Jobst hört sich die Großleute erst gar nicht an, sondern läßt sie verhaften und als Geiseln nehmen. Noch am gleichen Tag, dem 25. Oktober, zieht Jobst mit fünf als Polizisten fungierenden Deutschen los, um Christian auf seinem Anwesen, seiner Werft, zu verhaften, wo dut-zende mit Gewehren bewaffnete Hottentotten sitzen. Als Christian sich gegen seine Verhaftung wehrt, kommt es unter ungeklärten Umständen – wahrscheinlich schießt ein deutscher Polizist zuerst auf Christian – zu einem Schußwechsel, bei dem der Kaptein tödlich getroffen wird und auf deutscher Seite sterben der Distriktchef Walther Jobst und zwei der Polizisten.

Es kommt zum Aufstand eines Teils der Bondelswart mit verschiedenen Überfällen und Gefechten. Der Gouver-neur von Deutsch Südwestafrika, Theodor Leutwein, be-fiehlt fast die gesamte Schutztruppe in den tiefen Süden der Kolonie, um den Aufstand schnell niederzuschla-gen. Im Hereroland bleiben durch den Truppenabzug nur drei Offiziere und 140 Mann zurück. Am 27. Dezem-ber 1903 kommt es zur Vereinbarung eines befristeten Waffenstillstandes, um durch Verhandlungen wieder zum Frieden zu kommen.

Die Traditionalisten der Kriegspartei der Herero sind in ihrer jahrhundertealten kriegerischen Überlieferung gefangen. Die Reservatsfrage, die Schuldenkrise, die Rechtsungleichheit tragen zum Entschluß für den Auf-stand bei. Bei einem ungünstigen Ausgang des Krieges ist die Flucht ins benachbarte Britisch Betschuanaland über altbekannte Routen möglich. Dazu kommt eine äußerst günstige und frühe Regenzeit, die im Kriegsfall dem gesamten Volk und seinen Viehherden mit aus-reichenden Wasserstellen Beweglichkeit sichern wird.

Anfang Januar 1904 sieht die militärische Lage für die Herero sehr gut aus. Durch den deutschen Truppenab-zug nach Süden wegen des Bondelswart-Aufstandes ist nun der ideale Zeitpunkt zum Aufstand. Die Herero-führer sehen nur die paar hundert Mann deutscher Soldaten in der ganzen Kolonie, die weitgehend auch noch mit der Niederschlagung des Bondelswart-Auf-standes beschäftigt sind, und diese wenigen deutschen Soldaten kann man bezwingen. Bei ihrem Aufstand ist den Hererohäuptlingen in keiner Weise bewußt, welche Militärmacht die Deutschen nach Südwestafrika werfen können. Das tausende Soldaten mit praktisch unbe-grenztem Nachschub an Waffen und Munition im Lan-de eintreffen werden ist vollkommen außerhalb ihrer Wahrnehmung.

Am 12. Januar 1904 beginnt der Aufstand der Herero. Etwa 150 Deutsche – Farmer, Händler, Reisende, Beamte, Soldaten – werden zu Beginn der Erhebung getötet, deutsche Farmen und Läden werden geplündert und große Mengen Vieh geraubt.

Der kaiserliche Ansiedlungskommissar für Deutsch Südwestafrika, Dr. Paul Rohrbach, zum Hereroaufstand: »Tatsächlich hatten die Hereros doch nichts anderes unternommen, als einen nationalen Befreiungskampf gegen die deutsche Herrschaft, die sich, vom Stand-punkt der Eingeborenen aus gesehen, nach Form und Wesen immer mehr von den ursprünglichen Abma-chungen in den Schutzverträgen entfernte und auf das Ziel, das die Hereros fürchteten, ihre allmähliche Expro-priation, mit Unabwendbarkeit lossteuerte … Wenn man überhaupt derartige Erwägungen anstellen will, so wird man auch sagen müssen, daß die Hereros im Gefühl ihres guten Rechts losgeschlagen haben, und wenn sie dabei statt mit einer regelrechten Kriegser-klärung mit der Ermordung aller Weißen anfingen, de-rer sie habhaft wurden, so kann das nur den in Erstau-nen setzen, der die natürlichen Blutinstinkte des afrika-nischen Negers und den innerlichen Haß der bisher freien Stämme gegen den Weißen, der sich zu ihrem Herrn machte, nicht kannte…«


Die Herero sind eine »Gewehrgesellschaft« und das Gewehr ist seit langen für die Ober- und Mittelschicht der kriegerischen Herero die Standardwaffe. Von den traditionellen Waffen, Speer, Pfeil und Bogen und der Kirri, einer mit Steinen oder Eisen beschwerten Keule, werden fast nur noch der Kirri von den ärmeren Herero getragen. Die Gewehre der Herero sind Vorderlader der verschiedensten Herkunft und Alters und den deut-schen Waffen unterlegen. Doch mehr und mehr engli-sche Martini-Henri-Gewehre, einschüssige Hinterla-der von Friedrich von Martini entworfen, kommen bei den Herero in Umlauf. Nun werden noch über englische und jüdische Händler in Schmuggelgeschäften zusätz-liche Waffen und Munition besorgt. Zu Beginn des Aufstandes können die Herero bei ihren Überfällen auch noch eine Reihe von Gewehren und Munition von den Deutschen erbeuten. Dazu machen ihre Gewandt-heit, Schnelligkeit und Ausdauer im Gelände die zu Fuß kämpfenden Herero für die deutschen Soldaten zu einem gefährlichen Gegner.

Ein besonderer Vorteil der Herero in den ersten Mona-ten der Kämpfe sind auch die prächtigen Uniformen und Rangabzeichen der deutschen Offiziere. So sind die Offiziere leicht auszumachen und werden als feindliche Truppenführer gezielt von den Herero abgeschossen.

Eine Besonderheit der Herero-Kriegführung ist der Einsatz ihrer Frauen. Bei Gefechten stehen die Frauen hinter der Kampflinie und feuern ihre Männer an. Häuptlingsgattin Menesia Maharero: »Das hatte auch zur Folge, daß die Männer nicht den Rückzug antreten konnten, dadurch stabilisierten die Frauen die Front.«

Der Versuch des Aufstandsführers der Herero, Samuel Maharero, auch andere afrikanische Stämme wie die Baster, Hottentotten und Ovambo ebenfalls zum Auf-stand zu bewegen schlägt allerdings fehl.

Durch den Ausbruch des Hereroaufstandes werden die Verhandlungen zwischen Deutschen und Bondelswart beschleunigt. Nun muß die Schutztruppe schnellstmög-lich wieder nach Norden, was am 27. Januar 1904 zum Abschluß eines verhältnismäßig milden Friedensvertra-ges für die Bondelswart führt, in dem sie sich ver-pflichten, den Deutschen ihre Waffen auszuliefern und einen Teil ihres Landes in den Karasbergen als Kronland an das Reich abzutreten.


Seit bald 50 Jahren sind nun deutsche Kriegsschiffe und Truppen im Übersee- und Kolonialeinsatz, angefangen 1856 vom Angriff auf Piraten an der Küste von Marokko vom preußischen Kriegsschiff SMS Danzig mit einer Truppenlandung und Landbeschuß vom Schiff aus. Diese Kampfeinsätze wurden weitgehend mit den vor Ort verfügbaren deutschen Schiffen und Kolonialtrup-pen geführt. Nun müssen zum erstenmal für einen Ein-satz in einer deutschen Kolonie starke Truppenkontin-gente aus Deutschland entsandt werden, um mit einem Aufstand Einheimischer fertig zu werden.

Die Schutztruppe in Südwest besteht ausschließlich aus Deutschen mit Ausnahme von einigen burischen Troß-leuten und afrikanischen Kundschaftern und Spurenle-sern. Von diesen etwa 800 Soldaten sind 300 im Polizeidienst, können aber natürlich sofort wieder als Soldaten eingesetzt werden. Dieser deutschen Truppe stehen mehrere tausend bewaffnete Kämpfer der Here-ro gegenüber. Durch Einziehung von Reservisten kann aber die deutsche Truppenzahl schnell verdoppelt wer-den. Dazu kommt die Anlandung des Landekorps von 85 Mann des Kanonenbootes SMS Habicht in Swakop-mund Mitte Januar. Am 21. Januar 1904 verläßt ein Dampfer mit 500 Mann Marineinfanterie als Verstär-kung der Schutztruppe in Südwest und einer Ablöse-mannschaft für die Habicht Wilhelmshaven. Am 31. Januar trifft bereits die Lieferung sämtlicher entbehr-licher Waffen- und Munitionsvorräte einschließlich von Feldgeschützen aus der deutschen Kolonie Kamerun mit dem Dampfer Emilie Woermann in Swakopmund ein. Zufällig war noch vor Aufstandsbeginn der routine-mäßige Ablösetransport für die Schutztruppe von 226 Mann in Deutschland abgegangen und landet am 3. Februar in Swakopmund, wo am 9. Februar dann auch das Marine-Expeditionskorps landet. 500 Freiwillige des Heeres gehen am 30. Januar und am 6. Februar von Hamburg ab und um die Truppe beweglich zu machen werden Pferde aus Argentinien nach Südwestafrika ge-schafft. Freiwillige Buren verstärken die deutsche Trup-pe und Buren sind auch die Fahrer der Ochsengespanne für die Versorgung der Truppe. Der Strom an militäri-schen Nachschubtransporten nach Südwest kommt ins rollen, wird aber durch die äußerst begrenzten Hafen-verhältnisse von Swakopmund und die sehr geringen Möglichkeiten des Weitertransportes der gelandeten Güter ins Inland sehr erschwert. Teilweise liegen Frach-ter 40 Tage auf der Reede von Swakopmund bevor sie entladen werden können.

Die Kriegführung der Herero ist planlos. Es fehlt die strategische Führung des Krieges durch die Herero-Häuptlinge, was der deutschen Truppenführung die Entwicklung ihrer eigenen militärischen Kräfte erleich-tert. Die Kämpfe ziehen sich hin, aber es beginnt das Abdrängen der Herero nach Norden. Man befürchtet deutscherseits aber auch ein Auswandern der Herero nach Betschuanaland, wodurch die gewaltigen Viehher-den der Herero der Wirtschaft der Kolonie verloren-gehen würden. So versucht man mit militärischen Mit-teln ein Ausweichen der Herero ins britische Nachbar-land zu verhindern. Seit Februar gehen kleine Here-rogruppen nach Betschuanaland und seit Anfang April finden über den Engländer Alec Hewitt Sondierungen der Hereroführung über ein Ansiedlungsrecht der Herero im britischen Gebiet statt, insbesondere für die Gegend am Ngamisee in Betschuanaland. Hewitt ist in Südwest ansässig und hat lange als Händler unter den Herero gelebt. Er hielt sich beim Aufstandsbeginn in Swakopmund auf, um Herero für die Goldminen Süd-afrikas anzuwerben und wurde kurzzeitig von den deutschen Behörden gefangengehalten, weil man ihn des Waffenhandels mit den Herero verdächtigte.

Anfang Juni 1904 fragt Samuel Maharero über einen Engländer beim Residenten der südlich von Swakop-mund gelegenen britischen Walfischbucht an, ob die englische Regierung bereit sei, auf britisches Gebiet übergetretenen Herero Asyl zu gewähren. Deutscher-seits wird von den britischen Behörden die Auslieferung der ins Betschuanaland gegangenen Herero verlangt, aber diesem Ansinnen wird von den Briten in keinem Fall nachgegeben. Die Briten sind natürlich an den Viehherden und der Arbeitskraft der Herero interes-siert und geben ihnen schließlich Asyl in ihrem Protektorat Betschuanaland. Im Mai 1905 sind es an die 2000. Weitere Herero gehen in der Folgezeit nach Betschuanaland.

Gouverneur Leutwein setzt grundsätzlich auf eine Ver-handlungslösung des Konfliktes, denn, obwohl es zu vielen Kampfhandlungen und auch zu größeren Gefech-ten kommt, besteht tatsächlich kein Kriegszustand in der Kolonie. Am 14. April, nach einem schweren Gefecht am Vortag, schreibt Gouverneur Leutwein:

»Die öffentliche Meinung in Deutschland einschließlich zahlreicher Afrikakenner hat die Herero weit unter-schätzt. Auch wir hatten einen solchen Widerstand nicht erwartet. Die Hereros sagen sich anscheinend, daß sie doch keine Gnade zu erwarten hätten und sind zum äußersten entschlossen. Sie lassen sich mit Gleichmut totschießen. Der Krieg wird daher erst aufhören, wenn der Feind seine letzte Patrone verschossen hat.« 

Bei dem Vordringen der deutschen Truppen von Süden nach Norden ist der Raum vor dem Waterberg für die Viehherden der Herero der letzte Weidegrund in ihrem normalen Wanderungsgebiet. Der Gebirgszug bildet den nördlichen Abschluß des Gebietes der Herero und zieht sich etwa 40 Kilometer lang in West-Ost-Aus-richtung. Der Waterberg ist ein Plateau, welches wegen seiner steilen Abbruchkante für Viehherden unpassier-bar ist.

So ist es der Plan vom Gouverneur Oberst Theodor Leutwein sie am Waterberg zu stellen. In Deutschland ist man aber unzufrieden über die sich hinziehenden Kampfhandlungen ohne einen durchschlagenden Erfolg und so ernennt der Kaiser Anfang Mai einen neuen Oberbefehlshaber der Truppen in Südwestafrika, Gene-ralleutnant Lothar von Trotha, und es werden weitere massive Truppenverstärkungen von Deutschland aus in Marsch gesetzt. Erst mit dem Eintreffen Trothas in Swakopmund am 10. Juni 1904 und seiner Proklamation vom gleichen Tage wird der Kriegszustand von ihm für das Schutzgebiet erklärt und am 13. Juni übernimmt Trotha den Oberbefehl über die Schutztruppe.

Trotha war 1894-97 Offizier der Schutztruppe in Ostaf-rika gewesen und war auch beim Boxeraufstand in China dabei. Er ist wissenschaftlich interessiert und hat schon während seiner Zeit in Ostafrika lange an den zentralafrikanischen Seen und im Norden Deutsch Ost-afrikas zoologische und botanische Studien betrieben und war dort auch geographisch und kartographisch tätig. Auch nach Südwestafrika nimmt er einen Foto-apparat und sein wissenschaftliches Instrumentarium mit. Exemplare und Proben seiner Sammlertätigkeit schickt er wieder an entsprechende Institute nach Berlin.

Trothas menschliche Eigenschaften sind umstritten. Dem Kaiser wurde geraten Trotha nicht zum Ober-kommandierenden der Truppen in Südwest zu ernen-nen, doch sein schneidiges Auftreten imponiert Wil-helm mehr als Anfechtungen von Trothas zweifelhaften Umgang mit Menschen. Er war Offizier im Boxerauf-stand gewesen und hatte des Kaisers Rede im Juli 1900 vor der Abfahrt des Ostasiatischen Expeditionskorps nach China gehört, in der der Kaiser auch sagte: „Gefangene werden nicht gemacht“. Nun ist Trotha vom Kaiser beauftragt den Hereroaufstand niederzuwerfen.  

Als der neue Oberkommandierende der Schutztruppe von Südwestafrika im Juni 1904 in Südwest eintrifft übernimmt er den Plan von Leutwein, die Herero am Waterberg zu schlagen. Trotha ist nur an einer völligen Unterwerfung der Herero interessiert. Mit Gouverneur Leutwein hat er von Anfang an Auseinandersetzungen. Unter anderem will Trotha verhindern, daß »nach Gene-ral Lieberts Vorschlägen«, wie Trotha in sein Tagebuch schreibt, ein Waffenstillstand gesucht werden könnte. Eduard von Liebert war von 1897 bis 1901 Gouverneur von Deutsch Ostafrika gewesen und ist ein Freund von Leutwein. Offensichtlich hatte Liebert, der wieder in Deutschland lebt, Leutwein entsprechend geraten.

Mitte Juli 1904 ergibt sich die Möglichkeit von Ver-handlungen mit den Herero, weil sich Herero-Häupt-ling Salatiel bereitfindet zwischen den kriegführenden Herero und den Deutschen einen Frieden zu vermitteln. Trotha verbietet daraufhin am 16. Juli Verhandlungen. Er will die militärische Entscheidung gegen die Herero und des Sieges gewiß schreibt er über die zu erwar-tenden Menschenverluste in sein Tagebuch, er wolle »das vergossene schwarze Blut auf seinem Sterbebette verantworten«.

Die Kriegführung Trothas stößt bei Beamten in der Kolonie, und auch bei Offizieren der ansässigen Schutz-truppe, auf Widerwillen, da sie ausschließlich nach rein militärischen Gesichtspunkten geschieht. Von Wirt-schaft versteht Trotha nichts, deshalb auch seine völlige Ignoranz in Bezug auf Einwände seiner Offiziere in Be-zug auf Erhalt von Vieh und Menschen; und Mensch-lichkeit hat ihm nie jemand nachgesagt. Der Schutz-truppenoffizier Victor Franke schreibt über Trotha: »Meine Verachtung für diesen edlen General steigt von Tag zu Tag.« Der für die Kolonie wirtschaftlich wichtige geistige und materielle Besitz der Herero an Wissen, Können und Vieh zum Nutzen des Schutzgebietes wird von Trotha vollkommen mißachtet.

Aus Deutschland trifft als weitere Verstärkung ein Regiment aus freiwilligen Soldaten in Swakopmund ein und wird als 2. Feldregiment im Juli an die Front in Marsch gesetzt, während die bereits im Lande stehen-den Truppen zum 1. Feldregiment zusammengefaßt wer-den. Hinter den zum Waterberg abziehenden Herero sind die deutschen Truppen auf dem Vormarsch. Auf deutscher Seite stehen schließlich im Raum vor dem Waterberg 1600 Mann und die Zahl der Herero-Kämpfer wird von der deutschen Truppenführung auf 6000 Gewehrträger geschätzt, die Zahl aller Krieger der Herero liegt aber nur bei 3500-4000. Die Bewaffnung der Deutschen ist allerdings wesentlich besser. Sie ha-ben etwa 1500 Gewehre und auch zwölf Maschinen-gewehre und 30 Kanonen, Waffen, über die die Herero nicht Verfügung. Aber von einem Gefecht am Water-berg berichtet ein deutscher Unteroffizier über »soge-nannte Paviansbüchsen« der Herero: »Es waren Vorder-lader und wurden mit zerschlagenen Kochtopfteilen, Steinen usw. geladen. Diese Geschoßmassen wirkten moralisch viel schlimmer als jedes andere Geschoß.«

Waren bereits zu Kriegsanfang mehrere Gruppen von Herero in die freiwillige Gefangennahme gegangen, so ist im Mai/Juni ein riesiges Gefangenenlager für 8000 Kriegsgefangene auf Anordnung von Trotha in Oka-handja errichtet worden, für die Aufnahme der bei der am Waterberg erwarteten Schlacht geschlagenen Here-ro. In dieses Lager werden auch die bereits gefangen-genommenen Herero eingeliefert.

Ein großer Teil des Hererovolkes ist nun am Waterberg versammelt. Im Großraum am Waterberg gibt es am 11. August mehrere Gefechte zwischen Herero-Kriegern und der Schutztruppe. Das schwerste Gefecht wird um die Wasserlöcher von Hamakari geführt, die 15 Kilome-ter südlich vom Waterberg liegen. Morgens um 8 Uhr 45 beginnt im unübersichtlichen Buschgelände das Gefecht zwischen der über Nacht auf die Wasserstellen von Hamakari herangerückte Hauptabteilung der Schutztruppe, bei der sich auch Trotha und sein Stab befindet, und der Hauptmacht der Herero.

Die Lage ähnelt der am Little Big Horn 1876 zwischen den Indianern und General Custers 7. Kavallerie. Am Little Big Horn hatten sich um die 10.000 Indianer in einem riesigen Zeltlager kilometerweit entlang des Flus-ses versammelt, davon etwa 2000 Krieger. Am Water-berg sind 25.000 bis 30.000 Herero versammelt, davon einige tausend Krieger. Leben die Herero von ihrem Vieh, so leben auch die Prärie-Indianer von ihrem Vieh, den freilebenden Büffelherden, derem Zug auf der Suche nach Weideland sie folgen. Eine Krieger- und Menschenkonzentration wie am Little Big Horn läßt sich allenfalls über ein paar Tage durchhalten. Dann sind die Vorräte aufgebraucht, das in der näheren Umgebung lebende Wild weggeschossen und die Prärie von den Ponyherden der Indianer abgegrast. Dann müssen sie weiter ziehen, müssen sich auffächern und andere Jagd- und Weidegründe suchen. So ist auch die Lage der Herero am Waterberg. Sie können nur begrenzt lange die Weideflächen vor dem Gebirge nutzen, bis sie abgegrast sind und sie mit ihren Rinderherden weiter ziehen müssen.  

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß sich US-Militärs bei der deutschen Schutztruppe befinden und wohl auch ihr Wissen über die Indianerkämpfe an die deutschen Offiziere weitergeben. Bei den deutschen Truppen am Water-berg sind aber keine Amerikaner dabei. Doch wie Custer indianische Scouts in seiner Truppe hatte, so hat auch Trotha Eingeborene als Fährtenleser und Späher bei seiner Truppe. Trotha, ein ähnlich unangenehmer Charakter wie Custer, ist jetzt wie Custer 28 Jahre vorher von einer zahlenmäßig überwältigenden Übermacht eingeschlossen und kämpft nur noch ums nackte Überleben. Jeder Verwundete, jeder Arzt und Trotha selbst kämpft mit der Waffe in der Hand gegen den anstürmenden Gegner. Trotha hat 230 Mann und die Hilfstruppe aus Eingeborenen. Als Custer von den Indianern überrannt wurde lagen am Ende der General und über 270 seiner Soldaten tot auf dem Schlachtfeld. Trotha kann sich bis zum Sonnenuntergang halten, die Nacht beendet alle Kämpfe. Er erwartet für den näch-sten Tag das letzte Gefecht. Das deutsche Lager von Hamakari wird in der Nacht behelfsmäßig verschanzt und die Soldaten erwarten das Gewehr im Arm den nächsten Angriff der Herero. Hauptmann Victor Franke, der am Morgen des 12. August ins verschanzte Lager von Hamakari geritten kommt, schreibt in sein Tagebuch: »Schmach über Schmach!«

Die Herero bewerten die Kämpfe vom 11. August nicht zu Unrecht als Erfolg. Eine deutsche Aufklärungspatrouille meldet Siegestänze der Herero. Doch schon am Morgen des 11. August begannen die ersten Herero auch mit dem Abzug vom Waterberg. Dieser Abzug wird teilweise zur Flucht, wobei viel Vieh am Waterberg zurückge-lassen wird.

Erstaunt, keinem vernichtenden letzten Angriff der Herero ausgesetzt zu sein, wird von den Deutschen von Hamakari aus Erkundung betrieben. Als sich die Lage geklärt hat und man sieht, daß die Herero abgezogen sind, besichtigt der Chef des Generalstabs der Schutz-truppe, Oberstleutnant Martin Chales de Beaulieu, die Gegend:

»Mehrere Kilometer weit längs des Hamakari-Rivier befindet sich Werft an Werft, die vielen Tausenden von Menschen und zahllosem Vieh als Wohnstätte gedient hatten. Soweit unsere Geschosse gereicht hatten, waren sie in eine Trümmerstätte verwandelt und überall an-scheinend in wilder, kopfloser Flucht verlassen worden. In den Pontocks hockten alte Weiber, Männer und kleine Kinder, die man nicht hatte mitnehmen können. Verwundete, Kranke und Sterbende erwarteten irgend-wo in einer Ecke eines Kraals ihr Schicksal, überall stand zahlreiches in der Eile zurückgelassenes Vieh, das Heiligtum der Herero, als Wahrzeichen dafür, mit welch wahnsinniger, kopfloser Eile der Feind geflohen war. Ganze Ochsenwagen, gefüllt mit Stoffen, Pelzen und Hausrat, zur Flucht anscheinend schon vorbereitet, wa-ren in der Not stehengelassen, zahlreiche Felle, Decken, Weiberschmuck, ganze Kisten voll Straußenfedern sah ich herumliegen. Einen eigenen Anblick in dieser Wüstenei gewährte ein umhergestreuter Vorrat von Schreibheften, Schiefertafeln und Griffeln, wohl das Eigentum eines schwarzen Schulmeisters.«

Trotha hatte geplant, die Herero am 11. und 12. August mit seinen vier heranrückenden Abteilungen zu schla-gen, aber militärische Führungsfehler, auch durch die schlechten Nachrichtenverbindungen verursacht, läßt die Herero ohne Schwierigkeiten vom Waterberg ab-ziehen. Genau diesen Abzug vom Waterberg wollte Trotha unbedingt verhindern und hatte dafür eine Truppenverteilung um den Gebirgszug vorgesehen, die den Herero eben diesen Abzug unmöglich machen sollte. Nun ziehen die Herero seit dem Morgen des 11. August, und insbesondere in der Nacht vom 11. auf dem 12. August, mitsamt einem großen Teil ihrer Viehherden vom Waterberg ab, ohne daß die deutschen Truppen in dem weiten Land auch nur ihren Abzug in dem die Sicht schwer behindernden Buschland bemerkt haben.

Die geplante Operation zum entscheidenden Schlag gegen die Herero hatte am Morgen des 11. August begonnen. Um Punkt 6 Uhr morgens des 11. beginnt das Artilleriefeuer der Abteilung Deimling, mit 500 Mann die stärkste der vier deutschen Abteilungen am Water-berg. Oberst Berthold Deimling steht am Westrand des Waterberges am Eingang in die Omuwerume Pforte, durch die er angreift. Die Pforte trennt den Westrand des Waterberges, den Großen Waterberg, von dem südlich gelegenen Kleinen Waterberg, der sich südlich der Pforte in einer Länge von fünfzehn Kilometern hin-zieht. 

Mit dem Artillerieangriff beginnt dort in der Omu-werume Pforte mit dem Abtreiben des Viehs, gedeckt von Nachhuten gegen die vorrückenden Deutschen, der Abzug der Herero vom Waterberg. Über das Vordringen der deutschen Soldaten in der gut zehn Kilometer langen Omuwerume Pforte schreibt ein Unteroffizier:

»Bald stießen wir auf große Werften, die augenschein-lich in wilder Flucht verlassen worden waren. An den Bäumen hing noch frischgeschlachtetes Vieh. Hausge-rät, Sattelzeuge und aller möglicher Kram lag wild durcheinander. Da und dort saßen teilnahmslos alte Männer und Frauen in den Pontocks. Sie konnten nicht mehr mit und sahen mit Ruhe ihrem Schicksal entge-gen.«

Als aber die Abteilung Deimling durch die Omuwerume Pforte durch ist und nach Osten vormarschiert, bleibt die Pforte einen Tag lang unbesetzt und eine der Herero-Gruppen kann durch die Pforte nach Westen abziehen.

Die Zahl der am Waterberg befindlichen Herero kann nur geschätzt werden. Im August ist in der Trockenzeit das Weideland trocken und die Milchleistung der Kühe entsprechend gering. Die Möglichkeiten Feldkost zu sammeln sind ebenfalls begrenzt. Aus den Ernährungs-möglichkeiten ergibt sich eine Höchstzahl von 30.000 Herero am Waterberg. Durch das Abgrasen der Weide-flächen vor dem Gebirgszug ist ihr Aufenthalt im Gebiet eben begrenzt und der Abzug der Herero wird be-schleunigt durch die Besetzung wichtiger Wasserstellen am Waterberg durch die deutschen Truppen am 11. August. Daß der Abzug der Herero vom Waterberg sowieso unmittelbar bevorstand sieht man nicht nur aus Beaulieus Beschreibung, daß Ochsenwagen anschei-nend schon vorbereitet waren, sondern viel aussage-kräftiger aus der Beobachtung des Hauptmanns Maximilian Bayer, der ebenfalls zu dem in Hamakari liegenden Stab der Schutztruppe gehört:

»Im weiten Umkreis war jeder Grashalm abgefressen, hier hatten die Rinder des Feindes lange geweidet…  Das hungrige Vieh hatte sogar die dürftigen Blättchen und Zweigspitzen der stacheligen Hackiesbüsche sowie die trockene, spröde Rinde von den verkrüppelten Bäumen genagt. Unsere Pferde und Maultiere fanden nichts – buchstäblich nichts mehr vor.«

Ein Soldat, dessen Kriegserlebnisse Gustav Frenssen in seinem Buch Peter Moors Fahrt nach Südwest festhält: »So kam allmählich der Morgen. Da stießen einige Pa-trouillen vorsichtig vor. Und da erfuhren wir zu unserer großen Verwunderung, daß der Feind abgezogen war, und zwar in wilder Flucht. … Unsere Toten lagen im Schatten eines Baumes mitten unter uns.

Wir hatten viel Arbeit mit den Tieren, daß sie uns nicht umkamen. Wir konnten sie lange nicht satt tränken, und Weide konnten wir ihnen gar nicht geben; denn die ganze Gegend war vom Vieh der Feinde so kahl gefres-sen, als wenn Ratten und Mäuse alles rein abgenagt hätten. Noch in die Erde hinein hatten Mensch und Vieh nach Wurzeln gewühlt und gesucht.«

Im weiteren ist auch den Abzug der Herero beschrieben:

»Gegen Abend begruben wir unsere Toten unter dem Baum. Am andern Morgen wagten wir es, den Feind zu verfolgen. Wir ließen alle unsere Unberittenen bei un-sern Verwundeten und Kranken im Lager und machten uns ostwärts auf. Wir waren zweihundert Reiter. Aber unsere Pferde waren schlapp, ausgehungert oder krank; und die Gegend, in die wir vorstießen, war eine Durst-strecke und wenig erforscht.

In einer Breite von ungefähr hundert Metern war die Erde zur Diele zertreten. In solch breiter und solch dich-ter Schar war der Feind und seine Viehherden dahin gestürmt. Auf diesem Fluchtweg lagen Decken, Tier-felle, Straußenfedern, Geschirre, Weiberschmuck, ster-bendes und totes Vieh, vor sich hin stierende, sterbende und tote Menschen. Ein entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte drückend die heiße, stille Luft.

Je weiter wir in der brennenden Sonne zogen, desto jammervoller wurde der Weg. Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in seiner Todesangst ernie-drigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde, Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise, Weiber und Kinder. Ein Haufe kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herab-hingen; andre lagen allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. Irgend jemand schickte un-sere schwarzen Treiber; ich denke, die haben ihnen zum Tode verholfen. So wie alles da lag, all dies Leben, so wunderlich verstreut, Tier und Mensch, wie ihm die Knie gebrochen waren, hilflos, schwer, sich noch quä-lend, oder schon unbeweglich, sah es aus, als wenn es aus der Luft herabgestürzt wäre.

Mittags machten wir an Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll von Kadavern waren. Wir zogen sie mit den Gespannen der Geschütze heraus; aber es war nur ein wenig blutiges und stinkendes Wasser in der Tiefe. Wir versuchten die Löcher tiefer zu graben; aber es kam kein Wasser. Weide war auch nicht. Die Sonne glühte so heiß auf den Sand, daß wir uns nicht einmal hinlegen konnten. Auf durstenden und hungernden Pferden rit-ten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden. In einiger Entfernung hockten Haufen alter Weiber, die stumpfsinnig vor sich hinstarrten. Hier und da standen Ochsen und brüllten.

 …

Wir ritten vorwärts. Unsere Reihe lockerte sich. Wir ritten, so wie jeder vorwärts konnte. Vom Feinde war nichts zu sehen. Aber Wittboys, die voraus geritten waren, kamen zurück und meldeten, daß er nicht fern wäre.

Der heiße Tag senkte sich. Unsere Pferde wurden sehr müde. Wir hatten Mühe, die stolpernden Tiere wieder hoch zu kriegen; einige Reiter stiegen ab; gegen Abend führten schon viele ihre Pferde. Bald darauf stürzten einige. Die Reiter warfen die Sättel auf die Wagen und zogen zu Fuß weiter. Es wurde dunkel. Vom Feinde war nichts zu sehen. Da kamen wir endlich zu den heiß ersehnten Wasserlöchern.

Da waren sie bis an den Rand voll von toten Ochsen; und Wasser war nicht da. Und von Weide keine Spur.

Da bissen wir die Zähne zusammen und starrten vor uns hin; denn nun wußten wir, daß wir zurück mußten und daß viele Pferde zugrunde gehen würden. Wir mußten wohl froh sein, wenn wir alle Menschen lebendig zum Lager zurückbrachten.«

Die Abteilung Fiedler, die zuvor zur Abteilung Deimling gehört hatte und nun an der Owumerume Pforte lagert, sucht am 12. und 13. August die Gegend am Waterberg nach Herero ab und findet außer Verwundeten und Kranken etwa 18.000 vor Hunger und Durst brüllende Rinder und riesige Mengen Kleinvieh. Für das Vieh werden Wasserlöcher gegraben, um die Viehherden zu erhalten. Die anderen deutschen Abteilungen fangen in diesen Tagen über 3000 Rinder und zahlloses Kleinvieh.

Es gibt ein paar Schußwechsel mit kleinen Gruppen zurückgebliebener Herero, die dann die Flucht ergrei-fen, und auf dem Plateau des Waterbergs ein Gefecht mit mehreren hundert Herero, von denen sich etwa hundert ergeben. Am Abend des 15. August trifft die Abteilung Fiedler mit ihren Viehherden an der deut-schen Station Waterberg unmittelbar am Waterberg selbst ein, wo sich noch Weiden und Wasser finden. Die Station Waterberg war im Januar von den Herero geplündert und alle deutschen Männer mit dem Kirri erschlagen worden, bis auf den Missionar.

Eine Verfolgung der Herero wird versucht – wie in Frenssens Buch beschrieben – , ist aber im völlig unbe-kannten Gelände wegen Wassermangel und fehlendem Nachschub für die Truppe unmöglich und wird am 14. August aufgegeben.

Um die abziehenden Herero zur Aufgabe aufzufordern schickt Trotha ihnen Gefangene und Buschleute nach. Diese sollen an Wasserlöchern, die von den Herero auf ihrem Weg benutzt werden, Plakate mit der Auffor-derung zur Übergabe aufstellen. Dieser Versuch, die Herero zur Kapitulation zu bewegen, bleibt völlig wir-kungslos.

An den Kaiser schickt Trotha einen verschleiernden Bericht, der wie eine Siegesnachricht aussieht:

»Der Feind, der mit außerordentlicher Zähigkeit kämpf-te, erlitt, trotz sehr gewandter Aufstellung im dichtesten Dornbusch, schwere Verluste. Tausende Stück Vieh er-beutet. Zersprengt und im Rückmarsch nach allen Sei-ten begriffen, bewegt sich die Hauptmacht des Feindes nach Osten.«

Aus Gefangenenaussagen und Totenzählungen ergibt sich aber, daß die Verluste an Kämpfern der Herero mit 120 bis 150 Gefallenen verhältnismäßig gering sind.

Der Bericht Trothas an Generaloberst von Schlieffen nach Berlin vom 27. August endet mit: »Der große Erfolg, so wie ich ihn erhoffte, war ausgeblieben. … Es kann noch zu einer langatmigen Einzelkriegführung kom-men.« Dem schließt Trotha noch ein paar Punkte an. So auch: »3. Sie [Die Herero] sind ausgerissen ohne Vieh, wenigstens ohne einen großen Teil desselben und haben sich nicht davor totschlagen lassen. 4. Sie gehen in die Omaheke, wohin nach Aussage alter Afrikaner [Schon lange in Afrika lebende Deutsche] vor sechs Wochen ein Entweichen des Wassers wegen unmöglich ist. Nun ist plötzlich überall Wasser.«

Auch Major Ludwig von Estorff, der Truppen am Water-berg führt, schreibt: »Es war ein schwerer Fehlschlag, daß der Masse der Herero dieser Durchbruch gelang, wenn auch in der Flucht. Denn nun zog sich der Feldzug noch lange hin, und das große sichtbare Ergebnis, auf das alle gewartet hatten, blieb aus.«

Trotha schreibt in sein Tagebuch über den mißlungenen Schlachtplan am Waterberg: »Nun müssen wir von vor-ne anfangen, respektive es ist vorbei!«

Die Herero sind weder militärisch geschlagen noch sind sie übergabebereit. Die deutschen Truppen dagegen sind Mitte August völlig erschöpft und ihre Reit- und Zugtiere sterben in großer Zahl. Von Estorff schreibt über die »des Landes ungewohnten neuen Truppen. Diese hatten ihre äußersten Kräfte angespannt, aber die Natur des Landes stellt den Unerfahrenen zu schwere Aufgaben«. Und Estorff stellt fest: »Hunderte von guten edlen Truppenpferden sind zu Grunde gegangen, und mancher Truppenteil ward unbeweglich.«

Die Herero ziehen in verschiedene Richtungen ab. Es gibt keinen Befehl Samuel Mahareros, des Oberhäupt-lings, was zu tun sei. Jeder Häuptling entscheidet für sich selbst wohin. Eine Gruppe ist über die Owumerume Pforte nach Süden gegangen. Die Masse der Herero zieht mit dem Vieh vom Waterberg einen Tagestreck nach Süden zur Wasserstelle Erindi Endeka – die zu dieser Zeit der deutschen Militärführung unbekannt ist – zum Tränken des Viehs und teilt sich hinter Erindi Endeka in verschiedene Richtungen auf. Ein kleiner Teil der Herero bricht ins Amboland zu den Ovambos auf und geht schließlich in das noch weiter nördlich liegende portugiesische Angola, von wo sich die Herero auch mit Ochsenwagen mit Waffen- und Munitions-nachschub versorgt hatten. Ein anderer Teil der Herero will nach Betschuanaland und zieht auf verschiedenen Wegen durch die Kalahari in das britische Protektorat. Wege durch das Sandfeld nach Betschuanaland sind den Herero aufgrund ihres Viehhandels mit den Betschuanen (Tawana) im Norden des Betschuanalandes bekannt. Dahin führt ein Weg nordöstlich vom Water-berg und eine kleine Gruppe Herero nimmt diesen Weg durchs Sandfeld und das folgende wasserreiche Kau-kaufeld über die Grenze ins nördliche Betschuanaland. Im Kaukaufeld fallen allerdings viele den Giftpfeilen der Buschleute zum Opfer. Wieder andere ziehen vom Waterberg in ihre vorherigen Weidegründe weit süd-lich des Plateaugebirges.

Die Landschaft östlich des Waterberges, in welche die Masse der Herero mit ihren Viehherden abzieht, ist die Omaheke. Die Omaheke ist der westliche Ausläufer der Kalahari, die eine Dornstrauchsavanne ist. Das Sandfeld zieht sich vom Waterberg in Richtung Britisch Betschu-analand hin und ist weitgehend nur von den steinzeit-lichen Buschleuten besiedelt. Es gibt Gras und Wasser-stellen im Sandfeld und wie anderswo auch graben die Herero bei Aufenthalten in der Omaheke Wasserlöcher für ihre eigene Wasserversorgung und zur Tränkung des Viehs mit Eimern. Jedoch ist das Gras im Sandfeld außer-ordentlich mineralarm und enthält auch in der grünen und günstigen Regenzeit zu wenig Phosphate, um ein normales Wachstum und Milchleistung bei Rin-dern zu ermöglichen. Der Mineralmangel der Pflanzen führt auch zu einem unnatürlichen Freßverhalten der Tiere, welche dann selbst Giftpflanzen und Knochen fressen und sich dadurch eine tödliche Fleischver-giftung holen können, die Lahmkrankheit, die durch fortschreitende Lähmung binnen weniger Tage zum Tode der Rinder führt. Diese Vieherkrankung ist den Herero als ombindu aus Erfahrung bekannt, weshalb sie die Omaheke nur vorübergehend in der Regenzeit als Weidegrund nutzen, um dann in mineralreichere Wei-degründe zu wechseln.

Das Fressen von Giftpflanzen durch die Rinder ist ein Grund für das Verenden von Vieh im Sandfeld, was sie tun, um in ihrer Not den Mangel an Mineralien in den Gräsern der Omaheke auszugleichen. Hochgiftig für Mensch und Tier ist das im Sandfeld wachsende Gift-blatt, eine der giftigsten Pflanzen der Welt. Das Giftblatt ist ein bis zu 20 Meter tief in die Erde wachsender Baum, von dem an der Oberfläche nur gerade ein paar Blätter herausragen. Neue Blätter mit besonders hohem Gift-gehalt sprießen vor der Regenzeit, während der trocken-sten Jahreszeit im Land im Frühlingsmonat September. Ihre frischen Blätter enthalten hohe Mengen eines Herz- und Nervengiftes, welches ein ausgewachsenes Rind schnell verenden lassen kann.

Sind den Herero zwar die grundsätzlichen Verhältnisse im Sandfeld bekannt und ein Durchzug durch das Sandfeld möglich, begehen sie aber den folgenreichen Fehler mit einer riesigen Masse an Mensch und Vieh in die Omaheke zu ziehen. Das Sandfeld ist nur zeitweise in der Regenzeit für die Durchquerung von Viehherden geeignet. Offenes Wasser – unbedingt notwendig zum Tränken des Viehs – gibt es im August/September wenig. Dazu ist die gute Regensaison 1903/04 ausge-rechnet in der Omaheke schlecht ausgefallen und die den Herero bekannten Wasserstellen sind fast alle trocken. Die Herero sind als Nomaden in trockenem Land gute Wassersucher und geschickte Brunnengrä-ber, aber für das Graben von Wasserlöchern in den Trockenflüssen, die nur zur Regenzeit Wasser führen, aus denen das Wasser mit Gefäßen auf Trinkhöhe der Rinder gehoben werden muß, reicht für die riesigen Rinderherden die Zeit nicht. Ein Rind braucht das zehnfache an Wasser wie ein Mensch. Und während ein gegrabenes Wasserloch zehn Menschen versorgen kann, reicht es dann nicht mal mehr für eine einzige Kuh. Die ersten mit ihrem Vieh im Sandfeld ein-treffenden Herero finden noch genug Wasser, die nächsten nicht, weil das Nachsickern von Wasser in die Löcher in der Trockenzeit Wochen dauert. Solche Massen an Mensch und Vieh kann die Kalahari weder mit Wasser noch mit Nahrungsmitteln versorgen.

Die Herero splittern sich in immer kleinere Trupps auf, um noch Wasser und Pflanzennahrung im Sandfeld zu finden. Das Vieh verdurstet und verdurstendes Vieh liefert keine Milch mehr. Auch die Feldkost wird immer spärlicher, je weiter sie in Richtung Betschuanaland immer tiefer in die Kalahari kommen. Deshalb bleiben die Herero am Westrand und Südrand der Kalahari im deutschen Gebiet und sind damit auch in der Nähe zu ihrem Stammland. Das Verenden ihrer Viehherden in der Omaheke ist das entscheidende Ereignis des Krieges für die Herero. Ihr Vieh verdurstet in Massen und die Herero im Sandfeld müssen sich nun von den wenigen Feldfrüchten ernähren und sterben schließlich selbst zu tausenden an Hunger und Durst.

Und die Herero werden führerlos. Ihre Großleute ziehen ins Ovamboland und nach Betschuanaland ab und zwischen den zersplitterten Trupps in der Kalahari gibt es praktisch keine Verbindung und Nachrichtenver-breitung mehr. Samuel Maharero, der Anführer der Herero, hatte schon am Morgen des 11. August seinen Lagerplatz am Waterberg verlassen und ist mit seinem Sohn Friedrich im September in Britisch Betschuana-land. Bereits Wochen und Monate vorher haben sich Herero im Betschuanaland eingefunden. Boten berich-ten, daß bei dem Zug nach Betschuanaland im Au-gust/September „hunderte Herero, vor allem Frauen und Kinder auf dem Weg dahin verhungert und ver-durstet waren“.

Auch der Kapitän Michael von Omaruru ist im Septem-ber 1904 in Britisch Betschuanaland angekommen, kehrt aber wieder um und zieht mit seinen Leuten durch die deutsche Kolonie.

Nach dem Abzug der Herero vom Waterberg kann die Schutztruppe aufgrund ihrer Erschöpfung, Krankheiten und dem Verlust eines großen Teils ihrer Pferde die Herero weder verfolgen noch überhaupt finden oder gar zu einem Entscheidungskampf stellen. Die Verfolgungs-aktionen im August und September führen noch nicht einmal in das Sandfeld hinein. Abteilungen der Schutztruppe durchstreifen bis etwa 200 Kilometer weit das Gebiet südlich und südöstlich des Waterberges auf der Suche nach den Herero, aber ohne großen Erfolg. Am 19. September fragt sich Trotha in seinem Tagebuch: »Wo sind die Herero geblieben?«

Am 21. September erhält Trotha Nachrichten von Here-ros am Eiseb, einem Trockenfluß am südlichen Rand des Sandfeldes, und gibt Befehl an seine Truppen dort-hin vorzurücken. Ende September versucht er nun etwa 200 Kilometer südöstlich vom Waterberg die Herero im breiten Tal des Eiseb zu fassen, aber die dort befind-lichen Herero ziehen rechtzeitig mit ihrem Vieh nach Nordosten weiter ins Sandfeld ab. Wassermangel, Nach-schubprobleme und Krankheiten wie Typhus und Ruhr verbieten den weiteren Versuch einer Verfolgung der Herero. Auch steigt die Zahl der Todesfälle in Folge der Krankheiten bei der Truppe.

Ein deutscher Soldat erzählt von den Zuständen in ei-nem Feldlazarett zu der Zeit:

»Nun lagen da schon neben siebzehn Verwundeten vier-zehn Kranke. Die Kranken lagen teilnahmslos da, wie von einem Schlag vor den Kopf betäubt. Wenn man sie fragte, sagten sie, sie fühlten keinen Schmerz, sie wären aber so matt und so heiß.

In den folgenden Tagen wurden weitere zwölf krank. So ging es Tag für Tag.

Dann sagten sie es offen, daß es Typhus wäre. Es war durch die geringe und schlechte Nahrung und durch das verdorbene Wasser und den Schmutz und das Frieren in den dünnen, verlumpten Kleidern gekommen.

Die drückende Hitze des Tages und die schneidende Kälte der Nacht, die jämmerliche Nahrung, das erbärm-liche Wasser machten immer mehr Kameraden schlaff, träge und gleichgültig. … Wir wurden immer hungriger, schmutziger, kränker. Gleichmütig und still sahen wir an jeden Abend einen oder zwei von uns in ihre abge-rissenen, schmutzigen Lumpen und in ihre grauen Wolldecken gewickelt in der fremden, grauen Erde liegen, schwer und müde hoben die Befohlenen die Arme in die Luft zum Feuern, den Toten zur Ehre; müde und stumpfsinnig schaufelten sie Erde auf sie und legten Dornen darauf. Nachts erwachte ich von den müden, wirren Reden der Kranken und von dem Heulen der Schakale, welche die Gräber witterten.«

Ein anderer deutscher Soldat schreibt:

»Gegen 0400 Uhr erreichten wir endlich eine große Pfanne mit Wasser, Erindi-Endeka. Beim ersten hin-sehen dachten wir, daß die Termiten hier sogar im Wasser ihre Hügel gebaut hätten, es stellte sich aber heraus, daß es lauter aufgedunsenes Vieh war. Wir stürzten auf das Wasser zu, warfen uns auf den Bauch, bliesen ins Wasser, damit der Fettschaum, mit Haaren vermischt, einen kleinen Raum freigab, und tranken unaufhörlich. Der Magen nahm das Wasser gar nicht erst an, sondern stieß es in hohem Bogen wieder heraus, aber es war wenigstens eine Erfrischung. Die Offiziere waren machtlos bei dem Versuch, uns vom Trinken abzuhalten, sie hätten wohl die ganze Abteilung über den Haufen schießen müssen. Ihr Ruf, doch besser Filterlöcher zu graben, wurde nicht mehr beachtet – wir hatten den Typhus in uns aufgenommen. Täglich mel-deten sich jetzt fünf bis sechs Leute krank, sodaß die Ärzte zu ihrem Schrecken feststellen mußten, daß der Typhus in ganz erschreckender Weise um sich griff.«

Am 29. September wird Amanda Zeraua, die Tochter von Häuptling Zacharias Zeraua, gefangengenommen. Laut einem Bericht, den Hauptmann Maximilian Bayer erstellt, der dem Stabe Trothas zugeteilt ist, erzählte sie:

»Sie seien bettelarm geworden, Krankheiten, Hungers-not und Durst forderten zahlreiche Opfer. Verzweiflung habe die meisten gepackt, die Häuptlinge versuchten, sich allein zu retten, nur einzelne, wie ihr Vater, seien bei dem Rest des Stammes geblieben. Die Krieger könnten nicht mehr kämpfen, es fehle an jeder Leitung und keiner habe dazu noch den Mut. Jeder sei nur noch bestrebt, das nackte Leben zu retten. Das Volk sei in Auflösung begriffen und ginge nun dem Dursttod im Sandfeld entgegen. Der Krieg sei zuende.«

Der Zug der Herero immer weiter ins Sandfeld hinein kostet immer mehr Vieh. Der Durst treibt die Herero von einer Wasserstelle zur nächsten Wasserstelle. Die Schwachen bleiben zurück und sterben am Wegesrand. Wenige der Zurückbleibenden werden von deutschen Soldaten aufgesammelt. Doch trotz der Katastrophe in der Omaheke ergeben sich die Herero nicht.

Trotha zieht Ende September mit seinem Stab nach Osombo Windimbe 220 km südöstlich vom Waterberg. Am 30. September schreibt er in sein Tagebuch:

»Verfolgen tue ich nicht mehr. Basta! … Alle unsere Vorräte sind am Ende.«

Zudem werden mit Beginn der heißen Jahreszeit große militärische Aktionen befehlsmäßig im Oktober ein-gestellt. Erst mit dem Einsetzen der Regenzeit im Januar 1905 sind militärische Operationen wieder möglich.

Der ersehnte militärische Sieg über die Herero ist end-gültig ausgeträumt. Die Herero sind nicht zu fassen und die eigene Truppe ist am Ende ihrer Kräfte. Der Feldzug ist erfolglos beendet. Trotha ist im Begriff mit seinem Stab vom Sandfeldrand in die etwa 280 Kilometer entfernte Hauptstadt Windhuk abzurücken. Seine letzte Tat ist die Abfassung einer Proklamation am 1. Oktober mit Hilfe zweier Einheimischer an die Herero. Am 2. Oktober wird sie auf Deutsch den anwesenden deut-schen Truppen verlesen:

Ich der große General der deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr [Kanone] dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers

Ergänzt wird diese Proklamation durch den nur der eigenen Truppe zu verlesenden Zusatz:

Dieser Erlaß ist bei den Appells den Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, daß auch der Truppe, die einen der Kapitäne fängt, die entsprechende Belohnung zuteil wird und daß Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird keine männlichen Gefangenen zu machen, aber nicht zu Grausamkeit gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des Deut-schen Soldaten bewußt bleiben.

Verstümmelungen deutscher Soldaten sind leider tat-sächlich vorgekommen. Gefangene, hauptsächlich ver-wundete deutsche Soldaten, werden von den Herero nicht gemacht, sondern sie werden entkleidet, ver-stümmelt und erschlagen. ›Mord und Diebstahl‹ bezie-hen sich hauptsächlich auf den Anfang des Aufstandes. Trothas Behauptung der »Feigheit« beweist seine Unfä-higkeit, die Herero zu stellen. Ansonsten bleibt ihm nur noch sie durch diese Proklamation nach Betschuana-land zu zwingen.

Am 3. Oktober morgens werden 30 Herero mit der Proklamation aus dem Lager entlassen und Trotha verläßt selbst mit seinem Stab das Lager auf dem Weg nach Windhuk. Der Herero-Feldzug des Generals Trotha hat sein ruhmloses Ende gefunden. Die den Boten ausgehändigte Version der Proklamation ist in schlechtem Herero geschrieben und hat auch noch Boten, die kein Herero-Kämpfer oder Häuptling ernst nehmen kann. 30 elende Gestalten – Kinder, Frauen und alte Männer – als Boten schon wegen ihrer geringen Bewegungsfähigkeit nicht zu gebrauchen, werden an diesem Morgen des 3. Oktober mit der Proklamation losgeschickt. Ihre eigene Mission ist aber nicht das Stück Papier der Deutschen zu ihren dutzenden und hunderten Kilometer entfernten Landsleuten zu brin-gen, sondern in der Wildnis zu überleben. Die Omaheke erstreckt sich über hunderte Kilometer. Das Papier ist für die 30 Boten beim Überlebenskampf nicht brauchbar und wohl bald weggeworfen. Ihr Ziel muß sein nicht in der Wildnis umzukommen. Neben der Wasser- und Nahrungssuche sind sie obendrein den tödlichen Gefah-ren durch Raubtiere – Löwen, Hyänen, Leoparden – und feindlichen Buschmännern ausgesetzt. Von den 30 Boten hat man nie wieder etwas gehört. Auch sprach nie je ein Herero-Zeitzeuge von der Proklamation, weil sie ihnen unbekannt geblieben ist: Die Proklamation, die sie nach Britisch Betschuanaland zwingen soll. Trotha hatte schon am 29. August in sein Tagebuch geschrieben:

»Ich bleibe bei meiner Idee, sie immer zu verfolgen und zu schlagen, wo ich kann, oder sie in englisches Gebiet zu drängen und dann dort eine starke Grenzbesetzung zu lassen.«

Schon die Proklamation von 30. Mai 1904 von Gouver-neur Leutwein an die Herero, in 100 Exemplaren mittels Boten an die Aufständischen weitergeleitet, und sie zur Aufgabe auffordernd, zu einer Zeit, als noch gute Ver-breitungsmöglichkeiten für solch eine Nachricht gege-ben waren, hatte keine nachweisbaren Leser bei den Herero gefunden.

Nicht einmal ein so entschiedener Gegner Trothas wie Ludwig von Estorff, Offizier vor Ort im Geschehen, erwähnt auch nur je in seiner Kritik an Trotha die Proklamation des Generals an die Herero.

Anfang Oktober 1904 telegraphiert Trotha nach Berlin:

»Alle Zusammenstöße mit dem Feinde seit dem Gefecht am Waterberg haben gezeigt, daß den Herero jede Einheit der Führung und der letzte Rest von Wider-standsfähigkeit abhanden gekommen ist. Diese halbver-hungerten und verdursteten Banden, die ich noch bei Osombo-Windimbe im Sandfelde traf und mit denen Oberst Deimling östlich Ganas zu tun hatte, sind die letzten Trümmer einer Nation, die aufgehört hat, auf eine Rettung und Wiederherstellung zu hoffen.«

Am 4. Oktober schickt Trotha ein Exemplar seiner Proklamation an Alfred von Schlieffen ab, dem Chef des Großen Generalstabes in Berlin, mit einem erläutern-den Bericht dazu. In diesem Bericht schreibt er:

»Es fragt sich nun für mich nur, wie ist der Krieg mit den Herero zu beendigen. Die Ansichten darüber bei dem Gouverneur und einigen ›alten Afrikanern‹ einerseits und mir andererseits gehen gänzlich auseinander. Erstere wollten schon lange verhandeln und bezeichnen die Nation der Herero als notwendiges Arbeitsmaterial für die zukünftige Verwendung des Landes. Ich bin gänzlich anderer Ansicht. … In das Sandfeld hinein die Hauptabteilungen der Nation mit den Kapitänen zu verfolgen, zu fassen und zu vernichten, ist im Augen-blick nicht möglich. … Inwieweit es der in Osomo-Ovondimbe zurückgebliebenen Abteilung von Estorff möglich sein wird, sie von immer wieder eventl. dort vorgefundenen Wasserstellen zu verjagen und in das Betschuanaland zu drängen muß die Zeit lehren. … Da ich mit den Leuten weder paktieren kann noch ohne ausdrückliche Weisung Seiner Majestät des Kaisers und Königs will, so ist eine gewisse rigorose Behandlung aller Teile der Nation unbedingt notwendig, eine Be-handlung, die ich zunächst auf meine eigene Verant-wortung übernommen und durchgeführt habe, von der ich auch, solange ich das Kommando habe, ohne direkte Weisung nicht abgehe. … Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen oder über die Betschuanagrenze zu gehen trachten.«

Trotha befiehlt zudem eine »eiserne Absperrung der Omaheke«. Mit seiner »eisernen Absperrung« will Trotha die Rückkehr der Herero in ihr Stammesland in Deutsch Südwestafrika verhindern und ihren Abzug nach Britisch Betschuanaland erzwingen. Eine Absper-rung über hunderte von Kilometern Länge mit den wenigen im Norden verbliebenen mit Krankheiten kämpfenden Soldaten, denn das 2. Feldregiment wird für die Niederschlagung des Hottentotten-Aufstandes in den Süden verlegt, ist völlig unmöglich. Schon der Abzug von vielen, vielen tausenden von Herero mit riesigen Rinderherden vom Waterberg war von der dort versammelten im Feld stehenden Schutztruppe nicht einmal bemerkt worden. So meldet Gouverneur Leut-wein Trotha auch »zahlreiche Durchbrüche nach Wes-ten« durch die »eiserne Absperrung«. Die meisten Herero kehren in ihr altes Siedlungsgebiet in den Weiten südlich des Waterberg-Gebirges zurück, aller-dings oft ohne Vieh und so eben völlig verarmt von Feldkost lebend.

Die bereits in deutscher Hand befindlichen Herero bleiben von Trothas Proklamation unberührt. Des Wei-teren protestieren Offiziere und Gouverneur Leutwein gegen Trothas eigenmächtige Entscheidung. Am 27. Oktober schreibt Trotha an Leutwein:

»Die Absperrung der Ostgrenze der Kolonie und die Ausübung des Terrorismus gegen jeden sich zeigenden Herero bleibt, solange ich im Lande bin, bestehen. Die Nation muß untergehen. Wenn es mir nicht gelang, sie durch die Geschütze zu vernichten, so muß es auf diese Weise geschehen.«

Am 28. Oktober telegraphiert Leutwein nach Berlin:

»Nach sicheren Nachrichten haben Hereros Unterwer-fungsanträge gemacht. Hierüber ist ohne Mitwirkung des Gouverneurs entschieden. Bitte daher um Feststel-lung, wieviel politische Macht und Verantwortlichkeit dem Gouverneur noch zusteht.«

Noch am 28. Oktober telegraphiert Trotha über Leut-weins Kabelnachricht an den Generalstab in Berlin:

»Leutwein kabelt an Auswärtiges: ›Nach sicheren Nach-richten haben Hereros Unterwerfungsanträge gemacht. Hierüber ist ohne Mitwirkung des Gouverneurs ent-schieden. Bitte daher um Feststellung, wieviel politi-sche Macht und Verantwortlichkeit dem Gouverneur noch zusteht.‹ Leutwein weicht meinem Befehl, die Quellen über Unterwerfungsanträge zu nennen, aus. Ich melde, daß außer einer Gefangenenaussage über Unter-werfungsabsichten Salatiels keinerlei Anträge zu irgendeiner Zeit an mich gekommen. Die Meldung Leutweins an Auswärtiges beruht auf unwahrer Basis. Ich halte ein Zusammenarbeiten mit Leutwein nicht mehr für möglich, bin aber bereit, wenn politische Lage und Personenfrage dies wünschenswert erscheinen lassen, selbst das Kommando abzugeben.«

Am 5. November telegraphiert Trotha nach Berlin:

»Ich kann unmöglich mit militärischen Mitteln eine Politik unterstützen, die ich perrhoresziere [verab-scheue], und ich kann auch keine Nebenregierung anerkennen, die über den Rahmen der reinen Verwal-tung hinausgeht. In solchen Situationen wie den jetzigen gibt es kein Parlamentieren [Verhandeln]. Ich will mich gern ihres Rates bedienen, aber eine Selbständigkeit in politischen Beschlüssen kann ich Ihnen, sofern mich seine Majestät der Kaiser und König in meiner Stellung beläßt, bei der grundsätzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten nicht lassen.«

Die Militärbehörden in Deutschland stehen hinter Trotha und üben Druck auf das Auswärtige Amt aus, das Leutwein auf Heimaturlaub schickt. Am 30. November verläßt Gouverneur Leutwein das Land.

Die Proklamation Trothas an die Herero erreicht wegen der schlechten und langen Postbeförderungswege erst Wochen später Berlin. Der Postweg von der Omaheke nach Berlin dauert normalerweise sechs Wochen. Der für Trotha in Berlin zuständige Chef des Generalstabs, Alfred von Schlieffen, schreibt am 23. November an den Reichskanzler über die Proklamation und Trothas Ab-sichten:

»Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen. Es wird daher kaum etwas anderes übrig bleiben, als zu ver-suchen, die Herero zur Übergabe zu veranlassen. Das wird erschwert durch die Proklamation des Generals von Trotha, der jeden Herero erschießen lassen will.«

Nach Absprache zwischen dem im Harz weilenden Kaiser und dem Reichskanzler in Berlin wird am 8. Dezember 1904 von Berlin ein Gegenbefehl vom Gene-ralstab nach Südwest telegraphiert und Trotha wird befohlen mit Hilfe der Mission Lager zur »einstweiligen Unterbringung und Versorgung« der Herero einzurich-ten. Gleichzeitig soll er aber die militärischen Opera-tionen gegen die Herero fortsetzen. Bei der nun sofort von Trotha eingeleiteten Benachrichtigung der Truppe fügt er aus gutem Grund hinzu: »aber nicht wie bei Ombakaha!«.

Ende Oktober, bald vier Wochen nachdem die erbärm-lichen Herero-Boten mit der Proklamation in die Wild-nis getrieben wurden, ist sie den Herero nicht einmal im nur 45 Kilometer südöstlich von Ozombo Windimbe gelegenen Ombakaha bekannt, wo eine größere Gruppe Herero-Großleute und Krieger sitzen und sich ahnungs-los mit einem deutschen Patrouillenführer auf Überga-beverhandlungen einlassen. Die deutsche Patrouille teilt den Herero mit, sie sollten einen ihrer Führer zum Oberleutnant von Beesten für Friedensverhandlungen schicken. Die Herero-Kapitäne schicken vorsichtshalber erst einmal den Schulmeister Traugott Tjongarero zu dem deutschen Offizier, um sicher zugehen. Von Bees-ten plant die Herero-Kapitäne lebend zu fangen, um dann die von Trotha versprochene Belohnung zu kas-sieren, und verspricht freies Geleit für die Herero für die Verhandlungen. Die Herero kommen mit neun Kapitänen und Großleuten und etwa 50 Kriegern. Als die Herero bemerken, daß sie in eine Falle geraten sind, schwärmen sie aus, um Gefechtsformation aufzuneh-men, worauf Beesten Feuerbefehl gibt. Alle neun Kapitänen und Großleuten kommen im Granaten- und Gewehrfeuer um, während den Kriegern die Flucht gelingt. Dieser hinterhältige Treuebruch wird Teil der mündlichen Überlieferung der Herero, während die Proklamation von Trotha nicht Eingang in das Gedäch-nis der Herero findet, weil sie nie von ihr hörten. Die dutzenden geflüchteten Krieger bei dem widerwärtigen Ereignis sind selbstverständlich, wohin sie kommen, Verbreiter der Hinterhältigkeit der Schutztruppe und bringen diese Botschaft auch zu den Hottentotten, denen sich eine Reihe von Herero-Kriegern anschlie-ßen bei derem Aufstand im Oktober 1904.   

Der in Südwestafrika tätige Beamte Paul Rohrbach zum Treuebruch:

»Dieser Vorfall… hat die allerunglücklichsten und schwerwiegendsten Folgen für alle späteren Friedens-verhandlungen auch im Gebiet des Namaaufstands gehabt, denn jedesmal, wenn es sich um die Frage, ob die Aufständischen der Zusicherung, daß sie ihr Leben behalten würden, trauen dürften, kam von ihrer Seite der mißtrauische Einwand: ja aber Ombakaha!«

So hat die Trotha-Proklamation vom Oktober 1904 selbst keine Auswirkung, aber ihre mittelbare Wirkung durch den Verrat an den Herero durch den Oberleutnant von Beesten hat seine traurigen Wirkungen auch noch auf den Aufstand der Hottentotten, und der Schuldige daran ist eindeutig Trotha mit seiner Kopfgeldprämie, welche seinen militärischen Mißerfolg noch bestätigt, doch kein Herero-Kapitän wurde für die Prämie an die Deut-schen ausgeliefert, eben auch, weil sie, wie die ganze Proklamation, den Herero nie bekannt wurde.

Alle Versuche, Herero zur Aufgabe zu veranlassen, sind bei diesem stolzen Volk bisher gescheitert. In seinem Brief vom 23. November an Reichskanzler Bülow schreibt Generalstabschef Schlieffen:

»Gefangene, welche der Major von Estorff gemacht hatte und nach guter Behandlung mit dem Auftrag entließ, Landsleute zum Übertritt unter deutschen Schutz zu gewinnen, sind nicht zurückgekehrt. Wenn die Hereros nicht freiwillig kommen, so müssen sie zur Übergabe aufgefordert und ermutigt werden.«

Nach den Anweisungen aus Berlin über die neue Here-ropolitik beginnt man im Dezember 1904 Verbindung mit den frei lebenden Herero aufzunehmen. Ab Januar 1905 beginnen sich dann Herero zu ergeben.

Missionar Johann Jakob Irle schreibt:

»Ende des Jahres 1904 und in den ersten Monaten 1905 tauchten zahlreiche Herero mit einigem Vieh hinter dem Rücken der Truppe im Westen des Landes auf, teils Räuberbanden, die aus der Not eine Tugend machten, um ihren Hunger zu stillen, teils auch nur kleinere Werften von wehrlosen Frauen und Kindern, die von Milch und Feldfrüchten lebten. Es waren kriegsmüde Haufen, die von fast allem entblößt waren.«

Die meisten Herero kehren in ihr Siedlungsgebiet süd-lich des Waterberges zurück und/oder ergeben sich. Auch die deutschen Farmer kehren in das Hereroland zurück und sind mit Viehdiebstählen durch die Herero konfrontiert. Patrouillen der Schutztruppe durchstrei-fen deshalb das Hereroland, doch meistenteils ohne Erfolg. Schließlich wird im Sommer 1905 eine Groß-razzia durchgeführt, wegen der ständig steigenden Zahl an Viehdiebstählen. 40 Werften werden angegriffen, 260 Herero fallen und 860 werden gefangengenommen.

Der November und Dezember 1904 waren so trocken, daß keine Patrouillen der Schutztruppe in die Omaheke entsandt werden konnten. Im Januar 1905, mit dem Be-ginn der Regenzeit, lebt die Patrouillentätigkeit wieder auf, aber erst Ende Februar ist ausreichend Regen ge-fallen, daß man sich tiefer in das Sandfeld hinein wagen kann. So können deutsche Erkundungstrupps erst im März 1905 tiefer in die Omaheke vordringen.

Anfang März 1905 in der Regenzeit, in der Tränken und Grasen der Pferde wieder möglich ist, zieht eine be-rittene Patrouille der Schutztruppe einem Weg der Herero vom Waterberg nach Osten entlang. Über diese Patrouille des Grafen von Schweinitz wird im Militär-wochenblatt berichtet:

»Von der Wasserstelle Ondowuo (20 km nordöstlich Otjosondjou) an fand er auf der etwa 150 km langen Strecke, die er dem Otjosondjou-Omuramba [Omu-ramba = Trockenfluß] folgte, einem ausgetretenen Fußpfad, der offenbar den Weg bezeichnete, den große Scharen flüchtender Herero im August oder September vorigen Jahres genommen hatten. Tausende gefallenen Viehs, namentlich Großvieh, zahlreiche Gerippe von Menschen und Pferden bleichten an der Sonne und bezeichneten mit entsetzlicher Deutlichkeit, daß der Zug des Todes diesen Weg gegangen war.« 

Im März 1905 hebt Trotha auch die wirkungslose Absperrung des Sandfeldes auf, aber der Kriegszustand bleibt bestehen, während der Krieg de facto mit dem Abzug der Herero vom Waterberg bereits endete. Dafür hat im Süden des Landes ein neuer Krieg begonnen.

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Siedlungen und Städte III

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Verkehr IX

Die Warentransporte in Ruanda erfolgen über den Kara-wanenverkehr. Auch für den Karawanenverkehr legt die Kolonialverwaltung, soweit es ihr möglich ist, Wege und später schließlich erste Erdstrassen an.

Mit der Fertigstellung der Ugandabahn 1902 bis zum Viktoriasee, und dem gleichzeitigen Beginn des Einsat-zes von Dampfschiffen auf dem riesigen See durch die Briten, werden die Anlegestellen am See die Verbindung zur Ugandabahn und damit zum Anschluß an den Welt-handel. Bereits mit dem Anschluß der Ugandabahn an den Viktoriasee bringen lange Überlandtransporte aus Ruanda und Urundi Häute und Felle an die Westgestade des Sees und über den See gehen diese Waren nach Port Florence, den für die Ugandabahn an der britischen Seite des Viktoriasees angelegten Hafen. Europäische Handelsartikel wandern auf den Köpfen der Träger von der deutschen Seeseite zurück in die Residenturen.

Einen besonderen Aufschwung erwartet man sich in Ru-anda von einer eigenen Eisenbahnlinie. Um Ruanda bes-ser an den Handel über den Viktoriasee anzuschließen, und für den Gütertransport aus und nach dem Kongo, wird ein Eisenbahnbau vom Westufer des Sees südlich von Bukoba bis zum Kagera angedacht. 1907 steht die Planung: Die Ruandabahn soll in Kimoani südlich von Bukoba am Viktoriasee beginnen und am Zusammen-fluß der Flüsse Ruvubu aus Urundi und dem Kagera-Nil aus Ruanda enden. Dieser Zusammenfluß wird ›Kagera-knie‹ genannt.

1909 betreibt die ruandische Residentur auch die Erkun-dung des Nyabarongoflusses auf seine Schiffbarkeit hin aus der Nähe des Residentursitzes Kigali bis zum Kage-raknie. Die Erkundung wird von Eberhard Gudowius im Auftrag des Residenten Richard Kandt am 18. Juli 1909 begonnen. Die Untersuchungen betreffen Messungen der Breite und Tiefe sowie die Geschwindigkeit des Flus-ses. Gudowius beginnt die Messungen an der Fähre im Ort Muverumba nordwestlich von Kigali und nimmt die südöstliche Richtung nach dem Kageraknie. Die Erkun-dungsfahrt endet am 27. Juli 1909. Gudowius hat dabei von Kigali bis zu den Fällen von Rusumo insgesamt 209 Kilometer zurückgelegt. Aus den Messungen ergibt sich, daß der Nyabarongo auch ohne vorherige Regu-lierung »mit Fahrzeugen von etwa 15 Meter Länge, 3 bis 4 Meter Breite und 1m Tiefgang befahren werden kann, und daß sich überall in der größten Trockenheit aus-reichende Stromtiefen finden.«

Ist aus der Sicht der Residentur ein Bahnanschluß zum Viktoriasee das Beste für die wirtschaftliche Entwick-lung von Ruanda, so wird in Daressalam und Berlin auch aus politischen Gründen die Sache anders gesehen. Man will keine Anbindung von Ruanda an das britische Ver-kehrssystem, sondern, wenn schon, an das deutsche.

1911 wird das Eisenbahnprojekt nochmals erörtert. In seiner Denkschrift vom 20. Juli 1911 an das Reichskolo-nialamt schreibt Gouverneur Albrecht von Rechenberg, daß die Ruandabahn wahrscheinlich unrentabel sein wird. Der Bau würde auf Grund der ungünstigen land-schaftlichen Verhältnisse teuer. Er schätzt die Gesamt-kosten des Baus der Bahnlinie auf 40 bis 45 Millionen Mark, die Steuereinnahmen aus Ruanda und Urundi betragen im Jahr aber nur etwa 2,4 Millionen Mark. Der Gouverneur schlägt in seiner Denkschrift dem Reichs-kolonialamt vor auf Pläne zur Entwicklung von Ruanda und auf das Eisenbahnprojekt für die nächsten Jahre zu verzichten.

Eine Studie von 1912 weist nach, daß über den Kagera-Nil eine Schiffahrt von nahe der Hauptstadt Kigali bis zum Viktoriasee möglich ist. 1913 führt die Technische Kom-mission eine Erkundung auf dem Nyabarongofluß durch und hält die wirtschaftliche Erschließung durch eine Bahn von Tabora, gelegen an der Zentralbahn von Dares-salam zum Tanganjikasee, nach Ruanda mit anschlie-ßender Flußschiffahrt für möglich.

Am 19. März 1913 genehmigt der Reichstag schließlich die Mittel für den Bau der Eisenbahn nach Ruanda von Tabora aus.

Am 15. März 1914 kann die Zentralbahn in ihrer Gesamt-strecke von Daressalam nach Kigoma am Tanganjikasee dem beschränkten öffentlichen Verkehr übergeben werden, zwei Wochen früher als im Bauvertrag bedun-gen.

Kigoma liegt gleich südlich von Urundi, was die Reise nach Urundi, und auch nach Ruanda, beträchtlich ver-kürzt und die Reise selbst bequem macht. Die fahrplan-mäßige Reisezeit über die Gesamtstrecke beträgt knapp 58 Stunden. Für 1916 wird für den durchgehenden Zug eine Fahrzeit von eineinhalb bis zwei Tagen in Aussicht genommen.

Nach der Mittelbewilligung des Reichstags beginnt 1914 der Bau der Ruandabahn von Tabora aus. Während der Bau begonnen hat werden die erforderlichen Vermes-sungen der vorgesehenen Trasse im Bereich südlich des Viktoriasees bis nach Ruanda für den Bahnbau durch-geführt. Zunächst wird die Bahn von Tabora in Richtung Viktoriasee vorgetrieben, um die Bezirke am See an die Bahn anzuschließen, um dann die Bahnlinie abbiegend auf Ruanda zu bis zum Kageraknie weiterzubauen. Außerdem ist ein Staudamm am Kagera vorgesehen, um die Bahnstrecke von zunächst 529 km auf 490 km zu verkürzen.

1915 wird eine Telefonverbindung von Ruanda nach Daressalam eingerichtet, zwischen dem Hauptquartier der deutschen Streitkräfte in Ruanda in Rubengera im Westen Ruandas und der Hauptstadt der Kolonie Deutsch Ostafrika. Hauptsächlich wird die Telefonver-bindung natürlich geschaffen, um den militärischen Gegebenheiten im laufenden Weltkrieg gerecht zu werden.


Der Kiwusee liegt im Nordwesten von Ruanda und bildet dort auch gleichzeitig das Grenzgewässer zum belgi-schen Kongo. Der See liegt 1460 m über dem Meeres-spiegel, ist rund 100 km lang, rund 50 km breit und hat eine Fläche von 2400 qkm. Trotz der hohen Lage des Sees ist er doch noch von allen Sei­ten mit hohen Berg-ufern eingefaßt. Der Seeweg ist der beste Weg für die am Ufer lebende Bevölkerung und auch für die ansäs-sige Bethel-Mission, um die Uferbevölkerung zu errei-chen und die einzige Möglichkeit auf die große Insel Idschwi zu kommen. Auf Idschwi, der größten Seeinsel, lebt eine so zahlreiche Bevölkerung, daß von der Bethel-Mission dort die Sta­tion Giteme angelegt wurde.

Das Verkehrsmittel auf dem Kiwusee sind die Kanus der Einheimischen, welche auch von den Missionsangehöri-gen benutzt werden.

Ein Erlebnis des Missionars Karl Roehl gibt denn den Anlaß zum Bau eines Motorbootes für den Betrieb auf dem See. In der Weihnachtszeit 1910 wird der Missionar mit einem Einbaum auf dem Kiwusee von einem hefti-gen Sturm überrascht. Die afrikanischen Ruderer holen abergläubisch Pfeifen aus Möwenknochen hervor, um damit den Wind zu beschwichtigen und legen dann fata-listisch die Hände in den Schoß und er­warten ihr Schik-ksal. Aber Missionar Roehl spannt seinen Regenschirm als Segel auf, der Einbaum wird ans Ufer getrieben und alle Insassen gerettet. Roehl schreibt unter dem Ein-druck dieses Erlebnisses:

»Wie schön wäre es unter diesen Verhältnissen, wenn wir auf dem Kiwu ein Boot haben könnten, das durch eine mechanische Kraft getrieben wird, so daß man von den Ru­derern unabhängig wäre.«

Ein weiteres Ereignis unterstützt den Plan ein Motor-boot auf den See zu bringen. Der Missionskaufmann Weiss wird von einen Unwetter auf dem See überrascht und seine ganze Han­delsware und Ausrüstung geht ver-loren. Er selbst kann sich nur halbnackt an Land retten.

Auf der Schiffswerft von Holst in Harburg bei Hamburg wird das Motorboot gebaut. Bruder Schmitz der Bethel-Mission hat beim Bau und beim Abmontieren des Boo-tes mehrere Wochen auf der Werft mitgearbeitet, um für den Wiederzusammenbau und den Betrieb des Boo-tes das nötige Wissen zu erlangen. Auch der Missions-angehörige Gustav Neumann, der schon einmal in Ru-anda war, verbringt noch eine kurze Zeit in Harburg bevor die Abreise im Herbst 1913 nach Afrika beginnt. Das »Bodelschwingh-Boot« – benannt nach Friedrich von Bodelschwingh, dem Begründer der Bethel-Anstalt und Mission in Westfalen – wird in Einzelteilen mit dem Schiff nach Afrika verfrachtet. Die Teile des Missions-bootes werden in Mombasa in Britisch Ostafrika ange-landet und mit der Ugandabahn nach Port Florence am Ostufer des Viktoriasees gefahren. Über den See geht das Boot ins deutsche Bukoba an der Westseite des Viktoriasees.  

Da das Motorboot von Bukoba bis zum Kiwusee etwa 200 km auf den Köpfen der Träger durch das ganze Bergland Karagwe und Ruanda befördert werden muß, ist es not-wendig, es wieder so zu zerlegen, daß leichte Trägerlas-ten von etwa 60 Pfund daraus entstehen, die vielleicht schwierigste Aufgabe mit dem ganzen Boot. Einzelne Teile vom Motor und vom Kiel können nur von mehre-ren Leuten getragen werden.

Bruder Schmitz und Gustav Naumann sind in Sorge, ob wohl auch alle Teile den See erreichen werden, als sie die endlosen Berge auf dem Wege zum Kiwusee über-klettern. Fehlt auch nur ein Teil des Bootes, so müßte Monate lang gewartet werden, bis es aus Deutschland nachgeliefert werden kann. Und wie leicht kann beim Verladen etwas verlorengehen oder beim Übergang über den Kagera etwas ins Wasser fallen. Doch nicht das geringste geht auf dem Transport verloren. Bald nach der Ankunft vom Boot und seinen beiden Monteuren am Kiwusee, bei der Missionsstation Rubengera der Bethel-Mission, kann die Arbeit des Wiederaufbaus beginnen. Zuerst wird ein großer Schuppen gebaut, der, wie alle Bauarbeiten in Ruanda, allein schon reich­lich Arbeit macht. Unter diesem Schuppen wird das Boot auf Stapel gelegt. Kiel und Spanten werden verschraubt und mit der Haut umgeben. Diese vorberei­tende Arbeit ist gar nicht so einfach, denn durch den langen Transport haben doch manche Teile ihre notwendige Form stark eingebüßt.

Die einheimischen Wanyanruanda sind schon von dem Au­genblick an, wo die ersten Eisenteile ankommen, der Sache mit offenem Spott und Mißtrauen begegnet, und vor allem darum, weil das Boot aus Eisen gebaut wird und viele der Einheimischen raten den beiden Deut-schen vom Bau ab. Schon die Tat­sache, daß die Weißen offenbar nicht wissen, daß Eisen nie und nimmer schwimmt, auch das aus Europa nicht, hat das ganze Land in große Aufregung versetzt.

So haben die beiden Bootsbauer Tag für Tag ganze Wall-fahrtszüge Neugieriger um sich und ihre Arbeit sitzen. Soviel Unterhaltungsstoff hat es bestimmt schon lange nicht mehr in der Seegegend gege­ben. Mancherlei im-poniert den Leuten aber auch sehr, besonders, was sie beurteilen und ver­stehen können, wie die Werkzeuge: Feldschmiede, Bohrmaschine und Amboß.

Endlich sind alle Teile des Motorbootes zusammenge-schraubt. Fertig zusammengesetzt ist das Schiff – aber Loch an Loch! Selbst, wenn es ein Holzboot wäre, so könnte es sich doch keinen Augenblick über Wasser halten! Für die Einheimischen ist dieses löcherne Boot ein Witz. Als die beiden Deutschen sich nun aber unver-drossen daranmachen, ein Loch nach dem anderen zu-zunieten, zuerst die großen und dann die kleinen, wer-den sie immer kleinlauter. Leider wird Bruder Schmitz dann bald recht krank, so daß er wochenlang auf der Station zu Bett bleiben muß, und Naumann genötigt ist, allein mit den Eingeborenen weiterzuhämmern. Sind die tausenden von Nieten endlich eingezogen, folgt das ebenso langweilige Ver­stemmen der Nähte; eine Arbeit, bei der man sich von den Eingeborenen nicht helfen las-sen kann, denn davon hängt ja die Dichte und Seetüch-tigkeit des Bootes zum größten Teil ab.

Es ist inzwischen Mai 1914 und nachdem Naumann die jetzt fertige Bootshaut noch wiederholt mit Ölfarbe an-gestrichen hat und Bruder Schmitz wiederhergestellt ist, muß Gustav Naumann die Arbeit am Boot verlassen, um seine aus Europa nachfolgende Frau in Bukoba am Viktoriasee abzuholen. Das Ehepaar Naumann zieht dann nach Ostruanda, um dort eine neue Missionssta-tion in der Landschaft Kisaka am Kageraknie zu grün-den. Bei Naumanns Abreise fehlt dem Boot nur noch der Motor und der innere Ausbau. Im Juli ist dann das Boot fertig.  

Für die Eingeborenen, die zu Tausenden für den Stapel-lauf herbeige­strömt sind, ist es eine Überraschung, als allen vermutlichen Naturgesetzen zum Trotz das eiserne Schiff doch wirklich schwimmt. Das »Bodelschwingh-Boot« ist das einzige Motorboot auf dem Kiwusee als es im Juli 1914 in der Musaho-Bucht bei der Missionssta-tion Rubengera zum zweiten Mal vom Stapel läuft. Das Boot ist 10,50 Meter lang, zwei Meter breit und hat eine sehr schöne, geräumige und wasserdichte Kabine. Au-ßer dem Bodelschwingh-Motorboot gibt es auf dem Kiwusee nur zwei Stahlsegelboote der Belgier und ein Stahlsegelboot hat der deutsche Militär- und Verwal-tungsposten in Kissenji gleichzeitig mit dem Boot der Bethel-Mission gebaut.

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Wirtschaft VIII

Die einheimische Wirtschaft von Ruanda besteht haupt-sächlich aus Rinderzucht und Ackerbau. Die Watussi besitzen etwa eine Million Langhornrinder. Das Klein-vieh wird auf die gleiche Zahl geschätzt. Die Wahutu, über 95 Prozent der Bevölkerung, betreiben den Acker-bau. Auch die wenigen zwergwüchsigen Batwa betreiben Ackerbau und dazu Töpferei.

Nach der Gründung von Kigali als Hauptstadt von Ru-anda durch den Residenten Richard Kandt siedeln sich in der entstehenden Stadt schnell indische, arabische und griechische Kaufleute an und eröffnen ihre Ge-schäfte. Auch europäische Handelsfirmen siedeln sich an.

Werden 1910 von der deutschen Residentur 873 kleine Karawanen mit 13.519 Trägern in Kigali gezählt, so sind es 1912 bereits 1784 Karawanen mit 23.971 Trägern. 1912 gibt es bereits um die 40 selbständige Kaufleute und Firmen in Kigali mit 24 Filialen in Ruanda. Sechs der Firmen sind europäische Unternehmen. Außerdem be-suchen ruandische Händler der Hutu den Markt von Kigali mit Fellen und Häuten, die sie gegen Stoffe und Perlen für deren erneuten Eintausch gegen Felle und Häute der Landbewohner erwerben.

1912 errichten die europäischen Handelsgesellschaften East African Trading Company und Internationale Handelsgesellschaft gemeinsam eine Wäscherei für Felle in Kigali.

Im Land verbreiten sich Wanderhändler und der Wege- und Hausbau lebt auf. Tierfelle, Rinder und Ziegen sind die Hauptausfuhrgüter. Ferner gibt es die Organisation von Handelskarawanen.

Die Einführung von ‚cash crops’, landwirtschaftlichen Pflanzungen für den Export, wird angegangen. Versuche mit Baumwolle, Tabak, Erdnüssen und Reis sind von zweifelhaftem Erfolg, wohl auch wegen der Hochlage von Ruanda. Kandt erhofft sich vom Kaffee mehr Erfolg. Seit 1913 hat man in der deutschen Verwaltung in Kigali Interesse am Kaffeeanbau, denn Kaffee paßt als Kultur hervorragend in das dafür bestens geeignete Ruanda.

Schon 1905 begannen die Missionare der Weißen Väter in Mibirizi Kaffee bei der Bevölkerung als Anbaukultur einzuführen. Jetzt wird der Kaffeeanbau als sehr zu-kunftsweisend angesehen. Kaffee braucht viel weniger Anbaufläche als andere Kulturen wie Erdnüsse und Baumwolle und kann auf ungenutzte Bananenhaine ge-setzt werden. In seiner Denkschrift vom 8. September 1913 an das Kaiserliche Gouvernement in Daressalam schreibt Resident Kandt:

»Das einzuführende Produkt muss auf dem Weltmarkt stets Aufnahme finden. Eine Kultur, die allen diesen Anforderungen entspricht, ist vorhanden: wir müssen Ruanda und Urundi zu Kaffeeländern machen.«

Am 7. Juli 1914 bittet die Residentur in Kigali die Resi-dentur von Urundi um einen Zentner Kaffeesaat. Es sol-len Millionen von Setzlingen an die Bevölkerung verteilt werden. Die erste Kaffeeernte wird vom Residenten Kandt für 1917 erwartet. Die Afrikaner sollen als Anreiz für den Kaffeeanbau einen Garantiepreis von fünf Hel-lern pro Pfund Kaffee erhalten und von den exportie-renden Firmen soll eine Abgabe von zehn Hellern pro Pfund Kaffee gefordert werden. Die gerade im Lande beginnende Einziehung der Kopfsteuer soll wieder abge-schafft werden, deren Einziehung auch viele Beamte erfordert, und die Steuer soll vollständig über den Kaf-fee eingezogen werden. Die Kosten für die Steuerer-hebung würden gesenkt und Unruhe bei der Bevölke-rung durch die Steuererhebung vermieden.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung V

Am 20. Juni 1906 erfolgt die Verordnung für die Ein-führung der Residenturen Ruanda, Urundi und Bukoba. Die Abtrennung der Residentur Ruanda von Usumbura erfolgt offiziell am 15. November 1907 und der Arzt und Forschungsreisende Richard Kandt wird zum ersten Residenten Ruandas ernannt. Durch die Schaffung der ruandischen Residentur mit einem zivilen Residenten endet auch in Ruanda die militärische Verwaltung.

In seiner Rede nach seinem Ostafrika-Besuch von 1907 vor der Reichshaushaltskommission für die Entwick-lung seiner Kolonialpolitik erwähnt Kolonialstaatsse-kretär Dernburg auch die Residentur von Ruanda, er betont aber, daß sie noch im Versuchsstadium sei:

„In Ruanda wird jetzt der Versuch einer Residentur ge-macht, lediglich der Versuch. Wir glauben, einen sehr geeigneten Mann [Richard Kandt] gefunden zu haben, der diesen Versuch machen kann.“

Kandt trifft im August 1907 aus Europa kommend in Ru-anda ein und läßt in der Mitte des Landes auf einem vom Wald gerodeten Hügel seinen Regierungssitz Kigali er-bauen. Im April 1908 werden die aus Ziegeln erstellten Dienstgebäude der Residentur eingeweiht.

Für die Verwaltung der Residentur werden von Schulen in der Residentur Bukoba ausgebildete Einheimische beschäftigt.

Seit 1900 sind die Weißen Väter in Ruanda, eine katho-lische Mission aus Frankreich, aber im deutschen Ruan-da von ihrem Missionshaus in Trier geführt, und ab 1907 die in Westfalen angesiedelte evangelische Bethel-Mission. Beide Missionen führen Schulen und Resident Kandt führt Regierungsschulen in Kigali für die herr-schende Tutsi-Bevölkerung ein. Kandt begünstigt die traditionelle Tutsi-Herrschaft über die Hutu-Bevölke-rung.


Die hohe Bodenfruchtbarkeit und ein gesundes, die Aus-breitung der Malaria bremsendes Höhenklima mit küh-len Nächten ist eigentlich für weiße Siedler in Ruanda günstig, aber das Land ist schon dicht besiedelt und Resident Richard Kandt und Kolonialstaatssekretär Bernhard Dernburg wollen keine weiße Besiedlung. Auch um nicht weitere Unruhen in den Kolonien zu provozieren, wie die Herero- und Maji-Maji-Rebellionen 1904/05 in Südwestafrika und Ostafrika, die zum Teil durch Landenteignungen verursacht worden sind.


1910 muß die Residentur Ruanda aufgrund eines Ab-kommens zwischen Deutschland und Belgien vom 11. August 1910 die 340 qkm große Insel Idschwi im Kiwu-see an Belgisch Kongo abtreten. Eine deutsche Verwal-tung hat auf der Insel nicht bestanden, aber eine Bethel-Mission.

Nach der Übergabe an Belgien bleibt die Bethel-Mission auf Idschwi und wacht über die vertraglich verbliebenen deutschen Rechte auf der Insel wie etwa Holzeinschlags-rechte und die Kalkgewinnung. Die deutsche Mission berichtet über die Verhältnisse auf der Insel an die deutsche Kolonialverwaltung in Ruanda.


Die deutsche Kolonialverwaltung in Ruanda, wie auch in anderen Residenturen und Bezirken Deutsch Ostafrikas, ist von einem akuten Mangel an europäischem Personal gekennzeichnet. Der Resident selbst muß sich mit der Kasse beschäftigen und ist deswegen gezwungen, einen großen Teil seiner Zeit in der Station zu verbringen, was die notwendigen Bezirksreisen beschränkt. Richard Kandt schreibt in seinem Jahresbericht 1910, daß das Fehlen eines Sekretärs den Residenten daran hindere, sich um die wirtschaftliche Entwicklung und die Errich-tung von Märkten zu kümmern.

Ende 1911 besteht das deutsche Residenturpersonal in Ruanda aus dem Residenten, dem stellvertretenden Residenten, einem Sekretär, einem Polizeiwachtmeister, einem Kanzlisten und einem Sanitätsunteroffizier. Seit Juli 1911 gibt es auch keine Militärposten in Ruanda mehr. Am 22. Juli 1911 werden die bisherigen Militär-posten Ischangi, Kissenji und Mruhengeri aufgehoben und in Zivilverwaltungsposten umgewandelt. Aus Kos-tenersparnisgründen bleibt die Verwaltung der drei Pos-ten in den Händen der dort stationierten Schutztruppe.

Die deutsche Kolonialverwaltung ist wahrlich kein Ap-parat, um überflüssigen Beamten aus dem Heimatland gute Posten auf Kosten der Kolonialbevölkerung zu ver-schaffen, wie es bei anderen Kolonialmächten der Fall ist.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon schreibt:

An nichteingeborenen Farbigen gab es Anfang 1913: 97, an Europäern in Ruanda 78, 11 Missionsstationen liegen im Land. Europäische Händler werden nur in ganz be-schränktem Maß, europäische Ansiedler gar nicht zuge-lassen, da man Schwierigkeiten mit der zwar recht fried-lichen, aber noch sehr wenig an Europäer gewöhnten Bevölkerung fürchtet. Der Bau der Ruandabahn wird auch in dieser Hinsicht vieles gründlich verändern. Der eingeborene Herrscher von Ruanda, Msinga Juhi [Musinga], wohnt in Njansa in der Provinz Nduga Ober-Ruandas, der kaiserliche Resident in Kigali genau in der Landesmitte; er hat 100 farbige Polizisten zur Verfü-gung. Die 11. Kompagnie der Schutztruppe steht in Kissenji, 1½ km von der Grenze gegen die belgische Kongokolonie, am Kiwu, ein Zug im Offiziersposten Mruhengeri am Fuß der Virunga, 1876 m ü. d. M.


Im Frühjahr 1913 bereist der Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Heinrich Schnee, die nordwestlichen Bezirke Muansa, Bukoba, Ruanda und Urundi. Zuerst besucht der Kaiserliche Gouverneur die deutschen Häfen am Viktoriasee. Am 16. Februar erreicht Schnee die ruan-dische Grenze und wird vom Residenten Richard Kandt und dem Großhäuptling und Gesandten König Musin-gas, Rwubusisi, mit zahlreichem Gefolge empfangen. Am 12. März reist der Gouverneur weiter nach Urundi.


Die deutsche Bethel-Mission berichtet über die Verhält-nisse auf der 1910 an Belgisch Kongo abgetretenen Insel Idschwi im Kiwusee – auf der weiterhin deutsche wirt-schaftliche Rechte bestehen – an die deutsche Kolonial-verwaltung in Ruanda. So im Oktober 1913 über die Miß-bräuche der belgischen Kolonialverwaltung auf der In-sel: Schwere Abgabenlasten, unbezahlte und schwere Dienstleistungen, Zerstörung der Hütten und Bananen-haine der Eingeborenen als Strafmaßnahmen.

Hatte die deutsche Verwaltung überhaupt keine Verwal-tung auf der Insel gehabt, so ist jetzt auf Idschwi eine belgische Kolonialverwaltung eingerichtet, die, wie im ganzen Belgisch Kongo, rücksichtslos die einheimische Bevölkerung ausbeutet.

Ende September 1914 besetzen deutsche Kolonialtrup-pen die Insel. Der Angriff erfolgt am 24. September im Morgengrauen und überrascht die Inselbewohner, die zunächst glauben, es handele sich um einen gewöhn-lichen Viehraub der belgischen Soldaten.


In einem Brief vom 21. Mai 1914 schreibt der Stellver-treter des seit Ende 1913 auf Heimaturlaub in Deutsch-land weilenden Residenten Richard Kandt, Hauptmann Max Wintgens, an das Kaiserliche Gouvernement in Daressalam:

»Eine tiefe Erbitterung der Wahutus [Hutus] gegen die Watussiherrschaft [Tutsis] ist überall im Lande zu spü-ren, und nur hierin liegt nach meiner Auffassung eine Gefahr für uns, der wir aber nicht dadurch begegnen können, daß wir lediglich den Watussi unsere Gewehre zur Verfügung stellen, sondern dadurch, daß wir allmäh-lich die Watussi-Willkürherrschaft in Rechtsformen überführen. … Ich möchte hierbei nochmals gehor-samst betonen, daß ich also keinen Bruch mit dem Resi-dentursystem und der Watussiherrschaft vorschlage, sondern nur, das Herrschaftssystem allmählich in For-men zu bringen, die auch unsere Interessen berücksich-tigen, und nicht wie jetzt 97 Prozent der Bevölkerung völlig rechtlos machen zu unseren Ungunsten für einen herrschenden Stamm, der sich für unseren Schutz noch nicht einmal zu irgend welchen Gegenleistungen für verpflichtet hält.«


1914 beginnt die Besteuerung in Ruanda. Das Hauptpro-blem dabei ist der Mangel an Bargeld in der Bevölke-rung. Hauptsächlich wird getauscht oder Perlen und Tu-che als Geldersatz – besser gesagt als Geld – verwendet. So muß Geld eingeführt werden, um eine Besteuerung durch Geld zu ermöglichen.

Im Juli 1914 beginnt die Steuererhebung in den Han-delszentren Kigali, Kissenji und Schangugu, die beiden letzteren sind Grenzübergänge in den Kongo nördlich und südlich de Kiwusees. Die Steuererhebung verläuft erstaunlich reibungslos und wird von der Bevölkerung wohl auch deshalb bereitwillig gezahlt, weil die Vorteile vor der Naturalabgabe von Vieh und Lebensmitteln doch auf der Hand liegen.

Die Steuererhebung wird durch die gut aufgebaute ein-heimische Verwaltung und ihre afrikanischen Häuptlin-ge durchgeführt und die Besteuerung ist verhältnismä-ßig niedrig. Das Geldsteuersystem wird mühelos auf das Land erweitert und auch dadurch erleichtert, daß die Verwaltung für einen reibungslosen Übergang auch weiterhin Naturalien annimmt. So wird im Februar 1916 im Gebiet Gahoro neben Geld noch Kleinvieh, Butter, Bohnen, Maniokmehl und Sorghum an die deutsche Verwaltung abgeliefert.


Die nördlichen Gegenden von Ruanda wollen sich der Tutsiherrschaft und der des Königs Musinga nicht un-terwerfen und sie werden sowohl von Musingas Straf-aktionen als auch durch Unterwerfungszüge der deut-schen Militärmacht getroffen. So wird im Mai 1912 eine solche deutsche Strafexpedition in die nördlichen Regi-onen, in Begleitung von 3000 ruandischen Hilfskrie-gern, die raubend und plündernd durchs Land ziehen, durchgeführt. So wächst auch der Haß der Bevölkerung im Norden von Ruanda gegen die Tutsi und die Deut-schen.

Eine weitere deutsche Strafexpedition im Nordruanda findet im Februar 1914 statt und die nächste im April. Die Strafexpedition im April wird vom stellvertretenden Residenten Hauptmann Max Wintgens selbst geleitet und richtet sich gegen die Bakiga und ihren Hutuhäupt-ling Nzaramba. Nzaramba und die Bakiga flüchten mit ihren Rindern und Ziegen ins britische Uganda, werden aber auch dort von Wintgens Truppe verfolgt und bei einem Gefecht wird Nzambara verhaftet. Der Hutu-häuptling muß bis zum 4. November 1914 seine Strafe im Gefängnis von Kigali absitzen. Er soll dann außer Landes in einen anderen Teil von Deutsch Ostafrika deportiert werden, aber Nzaramba bittet ihn nicht in ein anderes Land zu bringen, sondern ihn lieber aufzuhängen. Er wird an den Hof von König Musinga geschickt unter die Aufsicht des Königs und sein weiteres Verhalten soll über seine Rehabilitierung oder seine Deportierung ent-scheiden. Am 22. Dezember 1914 schreibt die Verwaltung von Ruanda an das Gouvernement in Daressalam:

»Falls dieser [Musinga] nach einem oder mehreren Jahren sich von der Loyalität des Mannes überzeugt hat, kann er ihn wieder als Unterhäuptling einsetzen. Eine nochmalige Auflehnung gegen die Regierung oder den König würde natürlich die sofortige Deportation nach sich ziehen.«


Im westlichen Ruanda, in der Region Itabire, kommt es im Laufe des Jahres 1914 wiederholt zu Überfällen auf Karawanen und Boten. Auf Wunsch vom stellvertre-tenden Residenten Max Wintgens schickt König Musin-ga im September eine Strafexpedition in das Gebiet. Die Krieger des Königshofs töten 226 Männer. Wintgens schreibt:

»Ich hoffe, daß dies an und für sich bedauerliche Blut-vergießen den gewünschten Eindruck auch auf andere Gegenden machen wird, wo ähnliche Zustände herr-schen, und weitere Aufstandsgelüste unterdrücken wird. Mit einer größeren Erhebung in Ruanda rechne ich nach wie vor nicht, halte aber kleinere Aufstände, namentlich in den Bakiga-Ländern für möglich.«

Das eigentliche Instrument deutscher Macht in Ruanda, die 11. Kompanie der deutschen Schutztruppe in Ost-afrika, wird im August 1914, nach Beginn des Welt-krieges, aus Ruanda abgezogen und doch bleibt es in der Residentur ruhig, trotz der durch den Krieg der Bevöl-kerung zugemuteten Mehrleistungen an Abgaben und Arbeiten für die Verteidigungsbereitschaft des Landes. wie den Bau von Befestigungen. Im Gegenteil stellen jetzt neuaufgestellte einheimische Truppen die militäri-sche Macht in Ruanda und sichern das Land gegen die Truppen der Gegnermächte Belgien und Großbritan-nien.


Merkwürdigerweise melden sich bei Kriegsbeginn im August 1914 Hutus freiwillig für den deutschen Militär-dienst. Eigentlich sollte man denken, daß die Hutu am wenigsten ein Interesse daran haben könnten. Doch Kriegsdienst ist als ehrenvoll nur den Tutsis und hoch-rangigen Hutu vorbehaltenen. Die Masse der Hutu wa-ren nur unehrenhafte Träger bei Kriegszügen. Nun kön-nen sie sich freiwillig als Krieger melden.

Die in Ruanda tätigen Araber stellen den Antrag ein Freikorps aufstellen zu dürfen wie die Araber an der Mittellandbahn in Deutsch Ostafrika. Den wenigen Ara-bern in Ruanda wird ihr eigenes Korps gewährt.

Der stellvertretende Resident Max Wintgens, Resident Richard Kandt weilt noch auf Urlaub in Deutschland, verteilt einen Aufruf an die Deutschen in Ruanda:

»Der Feind scheint in unsere Kolonie eindringen zu wollen. Es ist unsere Ehrenpflicht diesen Teil unseres Vaterlandes, das uns zur Heimat geworden ist, bis auf das Äußerste zu verteidigen.«

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Ereignisse im Bezirk Usumbura

Von 1900 bis 1902 findet eine Expedition zur Vermes-sung des Grenzgebietes zwischen Deutsch Ostafrika und dem Kongostaat statt. Am Nordende des Tanganjikasees, am Russissi, muß von den deutschen Teilnehmern Oberleutnant Heinrich Fonck mit Begleitern von Ost nach West über den Fluß übersetzen:

»Ein Boot war nicht aufzutreiben, und die Eingeborenen des deutschen Ufers, denen wir im mannshohen Schilf nicht sichtbar waren, und die uns für eine Abteilung Sol-daten des Kongostaates hielten, weigerten sich infolge übler Erfahrungen, die sie durch Übergriffe kongolesi-scher Söldner gemacht hatten, uns überzusetzen.«


Im Oktober 1902 ist der Chef des Bezirkes Ruanda-Urundi, Hauptmann Robert von Beringe, auf Expedition in den Virunga-Bergen in Norden von Ruanda unter-wegs. Virunga heißt in der Einheimischensprache Feuerberge und so sind die Virungaberge auch tat-sächlich Vulkane, wovon noch etwa die Hälfte aktiv ist.

Am 17. Oktober 1902 setzt der Hauptmann und Dr. Engeland zusammen mit fünf Askaris und den nötigen Trägern zum Gipfelsturm auf den Sabinjo an, einem der Vulkane der Virungaberge. Sie haben ein Zelt und acht Wasserbehälter dabei. In 3100 m Höhe schlagen sie ihr Zelt wegen Platzmangels an einen Abhang auf. Die Askaris und Träger suchen in Felshöhlen Schutz und wärmen sich durch Feuer gegen die empfindliche Kälte.

Beringe schildert im Deutschen Kolonialblatt die wei-teren Ereignisse:

»Von unserem Lager aus erblickten wir eine Herde schwarzer, großer Affen, welche versuchten, den höchs-ten Gipfel des Vulkans zu erklettern. Von diesen Affen gelang es uns, zwei große Tiere zur Strecke zu liefern, welche mit großem Gepolter in eine nach Nordosten sich öffnende Kraterschlucht abstürzten. Nach fünfstün-diger, anstrengender Arbeit gelang es uns, ein Tier an-geseilt heraufzuholen.«

Es handelt sich um einen männlichen, großen, men-schenähnlichen Affen mit einer Körperlänge von 1,5 m und einem Gewicht von mehr als 100 Kilo. Er hat keine Brustbehaarung, aber riesige Hände und Füße.

»Es war mir leider nicht möglich, die Gattung des Affen zu bestimmen«, bedauert Beringe. Wegen der Größe des Tieres kann es nach seiner Ansicht kein Schimpanse sein, und das Vorkommen von – aus dem Flachland bekannten – Gorillas im Gebiet um die ostafrikanischen Seen war bis dahin »nicht festgestellt worden«.

Robert von Beringe beschließt deshalb, seinen Fund zur Untersuchung an das Zoologische Museum in Berlin zu schicken. Zwar werden die Haut und eine Hand des Af-fen auf der Rückreise nach Usumbura, dem Amtssitz des Bezirks, von einer Hyäne gefressen, doch anhand des Schädel und eines Teils des Skelettes, Tierteile, die unversehrt in Berlin ankommen, klassifiziert der am Museum tätige Professor Paul Matschie das Tier als neue Gorilla-Art, die er nach ihrem Entdecker Gorilla beringei benennt – den Berggorilla.