Hatte die siebte Phase im zeitlichen Ablauf des deut-schen Kolonialreiches eingesetzt, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Kolonien vom Mutterland Deutsch-land, und damit als achte Phase, die beginnende Über-nahme der politischen Macht von der Reichsverwaltung in die Hände der deutschen Bevölkerung in den Schutz-gebieten, so hat auch schon die neunte und letzte Phase, das Ende der Kolonialzeit, mit der Ausbildung von Ein-heimischen im Staatsdienst, begonnen.
Diese farbige westlich ausgebildete Beamtenschaft wird zusammen mit erfolgreichen, nationalistisch gestimm-ten einheimischen Geschäftsleuten die geistige Bewe-gung für die Unabhängigkeit ihres jeweiligen kolonialen Staatswesens von Deutschland bilden. Sie werden so-wohl die intellektuelle Protestbewegung gegen die Kolo-nialherrschaft führen und – nachdem das Wahlrecht auch für die einheimische Bevölkerung in den Kolonien vom Reich gewährt ist als letztem Schritt der Entkolo-nisation – auch die Führer der unabhängig gewordenen Staaten sein.
Ein weiterer Gesichtspunkt ist unbedingt zu erwähnen, über den uns das Deutsche Kolonial-Lexikon 1914 be-lehrt:
»Zeitungen in Eingeborenensprachen erscheinen in sämtlichen deutschen Schutzgebieten und zwar, soweit bekannt geworden ist, in Deutsch-Ostafrika 5, Kamerun 2, Togo 2, Deutsch-Südwestafrika 2, Deutsch-Neuguinea 2, Samoa 6 und Kiautschou 7. Sie werden zum größten Teile von Missionsgesellschaften herausgegeben.«
Eine lese- und schreibkundige Bevölkerungsschicht ist also in allen deutschen Kolonien entstanden und sicher wird das Medium Zeitung auch eine Grundlage zur Ver-breitung von freiheitlichen Vorstellungen der farbigen Führungsschicht bieten, auch wenn von deutscher Seite in den Kolonien versucht werden wird, diese Art der Meinungsäußerung unter den Farbigen zu bekämpfen, so wird doch der Reichstag in Berlin die freie Meinungs-äußerung wie sie auch in Deutschland besteht ebenso für die »Schutzbefohlenen« in den Kolonien durchset-zen.
Der einsetzende wachsende Wohlstand der Eingebo-renen bringt auch wachsendes Selbstbewußtsein und wachsende Ansprüche auf politische Mitsprache. Sicht-bar ist der wachsende Wohlstand der Einheimischen in den erstaunlich ansteigenden Zahlen der farbigen Eisenbahnnfahrer in den deutschen Kolonien in Afrika, wo bereits nicht nur die dritte Klasse genutzt wird, sondern schon die Hälfte der Fahrgäste der zweiten Klasse Farbige sind. Die Benutzung der Ersten Klasse ist ihnen einstweilen noch verboten, aber schätzungsweise in den 20er Jahren wird dieses Verbot wohl kippen.
Als am 7. Juni 1893 ein Inder im britischen Südafrika die Erste Klasse in einem Zug benutzen will wird er raus-geworfen. Später sagt dieser Inder:
„My active non-violence began from that date.“
Der Inder hieß übrigens Mahatma Gandhi.
Nach dem Recht der Benutzung der Ersten Klasse in Zü-gen wird sicher – nach vielen Auseinandersetzungen – das Wahlrecht für die Einheimischen stufenweise (Stadt, Bezirk, Kolonie) in ihrem jeweiligen Schutzge-biet folgen – mit dem natürlich die Erlaubnis der Bil-dung von Parteien einhergeht – und eine von der Masse der Einheimischen gewählte einheimische Regierung wird ans Ruder kommen. Ein friedlicher Übergang von der Kolonialherrschaft in die Selbständigkeit. Der Zeit-rahmen für den Übergang der deutschen Kolonien in ihre Unabhängigkeit ist bei einer normalen, friedlichen Entwicklung der Welt zwischen 1940 und 1950 zu er-warten.
Bekanntlich war die Dekolonialisierung im 20. Jahrhun-dert meistenteils eine blutige Angelegenheit, die zum Teil schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte wie etwa in Südafrika, in den 20er und 30er Jahren Fahrt aufnahm und nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit aller Waf-fengewalt von den Kolonialmächten nicht mehr zu stop-pen war. Es war ein Befreiungskampf der Völker in den Kolonien der europäischen Mächte gegen ihre Unter-drücker und Ausbeuter, massiv unterstützt durch die Sowjetunion und die DDR. So hatte auf merkwürdige Weise ein Teil Deutschlands seinen Anteil an der Befrei-ung der Kolonien.
So ist es auch interessant zu sehen wie sich im Gegen-satz zum britischen, französischen, portugiesischen, spanischen, niederländischen und belgischen Kolonial-reich sich das deutsche Kolonialreich weiterentwickelt und schließlich entkolonisiert hätte. Durchaus wäre es nicht zu den gleichen gewaltsamen Befreiungskriegen der Völker unter deutscher Herrschaft gekommen als es in den Kolonien der anderen Kolonialmächte ge-schah, da in den zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine Kolonialpolitik einsetzte, die eine völlig andere Entwicklungslinie aufzeigt.