Der österreichische Generalkonsul in Hongkong, Gus-tav Overbeck, aus der preußischen Provinz Westfalen stammend, hatte seit 1876 Nord-Borneo erworben, mit Sandakan, der einzigen europäischen Siedlung, die bald allerdings Kampung Jerman hieß, Siedlung der Deut-schen, weil verschiedene Deutsche dort ihre Handels-stützpunkte errichtet hatten. Sein 72.000 qkm großes Gebiet auf Borneo wollte Overbeck 1876 und 1879/80 in Europa an einen europäischen Staat verkaufen. Aber Italien, Österreich-Ungarn, England und Deutschland lehnten ab. Auch sein Angebot Nord-Borneo als Straf-kolonie zu nutzen verfing nicht.
1906 erscheint von Felix Friedrich Bruck, Professor der Rechte an der Universität Breslau, die Schrift Noch Einmal die Deportation und Deutsch-Südwestafrika. Einleitend steht dort: »I. Die Entwicklung der Deporta-tionsfrage im Deutschen Reich. Durch meine im Jahre 1894 veröffentlichte Schrift: „Fort mit den Zuchthäu-sern!“, in welcher ich das herrschende System der Freiheitsstrafen einer eingehenden Kritik unterzog und anstelle der langzeitigen Freiheitsstrafen die Deporta-tion unserer Sträflinge nach unseren Kolonien empfahl, ist die Deportationsfrage in Deutschland in Fluß gekommen, und sie wird hoffentlich nicht eher von der Tagesordnung verschwinden, als bis ein Versuch gewagt worden ist. In der darauf im Jahre 1896 ver-öffentlichten Schrift: „Neu-Deutschland und seine Pio-niere“ habe ich auf Deutsch-Südwestafrika als geeig-netes Deportationsland in ausführlicher Darstellung hingewiesen. Ferner habe ich im Anschluß an das deut-sche Strafgesetzbuch im Jahre 1897 einen Gesetzent-wurf, betreffend die Deportation unserer Sträflinge nach Deutsch-Südwestafrika, ausgearbeitet und mit die-sem Entwurf zugleich den Entwurf einer Ausführungs-verordnung veröffentlicht. Es sollte hier nur gezeigt werden, daß es sich bei meinem Eintreten für die Depor-tation nicht um eine bloße Utopie handelt, sondern um eine greifbare Institution, die sehr wohl praktisch durchführbar ist.«
Wenn auch der Professor Bruck und einige andere sich für eine deutsche Strafkolonie einsetzen, so hat doch die deutsche Regierung kein Interesse an einer Strafkolo-nie. Engländer und Franzosen betreiben Strafkolonien, aber das Ergebnis dieser Strafkolonien ist eine teuere Angelegenheit für den jeweiligen Staat. Von 1907 bis 1910 besucht Robert Heindl einige Strafkolonien auf der Welt, und auch die Strafkolonie der Andamanen der Briten und die Strafkolonie Neukaledonien der Franzo-sen. 1913 erscheint sein Buch Meine Reise nach den Strafkolonien. Darin finden sich die Ergebnisse seiner Erkundungsfahrt. Die französische Strafkolonie Neuka-ledonien, eine Inselgruppe südlich des deutschen Kolo-nialreiches im Pazifik, beherbergt zwischen 5000-7000 Häftlingen. Die französische Strafkolonie Guyana in Südamerika hat etwa 4000-5000 Häftlinge. Heindl schreibt:
»Strafkolonien, deren Boden und Klima spezifische Tro-penkrankheiten zur Folge haben (und solche Landstri-che kämen für uns Deutsche in Betracht, wenn wir nicht die wenigen Überseebesitzungen mit passablem Klima den freien Kolonisten versperren wollen), wirken mör-derisch auf die Gesundheit der Sträflinge. Man beachte nur die enorme Mortalität in Guyana. Todesstrafe ist humaner als solche Vivisektion!
Aber auch in dem idealen Klima Neukaledoniens ist die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer größer als in den Zuchthäusern oder zumindest gleich.«
Diese Strafkolonien haben verschiedene Stufen von Gefangenenhaltung, vom Zuchthaus über Lager und Dörfer bis zu den gänzlich Freigelassenen.
Gegen Brucks Vorschlag, in Deutsch Südwestafrika eine Sträflingskolonie einzurichten, führt Heindl ins Feld, daß von der weit im Pazifik liegenden Kolonie Neuka-ledonien von den bis 1904 insgesamt 22.000 Häftlingen 944 geflohen sind. Also würden bei den Bedingungen in Südwestafrika viel mehr Sträflingen von der Gesamtzahl die Flucht gelingen. Dem von Bruck behaupteten wirt-schaftlichen Nutzen einer Strafkolonie für das Reich hält Heindl die tatsächlichen Kosten einer Strafkolonie entgegen. Die Unterhaltungskosten für einen Häftling in einer Strafkolonie sind um 50 % höher als in einem Gefängnis oder Zuchthaus im Heimatland. Allein wegen der besonders hohen Kosten für weiße Sträflinge wer-den von den Engländern in Britisch Indien solche Gefan-gene auf dem indischen Festland behalten und nicht auf die Andamanen gebracht, wo nur farbige Gefangene festgehalten werden.
Über die Behauptung der Strafkolonie-Befürworter, Deutschland würde eine solche Kolonie besser und wirtschaftlicher betreiben, entgegnet Heindl in seinem Buch:
»Sicher wurden in Neukaledonien von einigen Beamten Mißgriffe begangen; aber gibt es Garantien, daß wir Deutschen, die wir doch an kolonialer Erfahrung die übrigen Nationen nicht übertreffen, nicht dieselben oder noch viel bösere Fehler machen würden?
Auf den Andamanen sitzen Beamte, die in der Kolonie geboren wurden, deren Vater und Großvater im engli-schen Kolonialdienst standen, und auch in Neukaledo-nien amtieren zum Teil Leute, die von Kindesbeinen auf koloniale Erfahrungen sammeln konnten. Jeder neuka-ledonische Funktionär ist durch den Schaden seiner Vorgänger klug geworden und hat während seiner eigenen Amtszeit unaufhörlich das gelernt und sich zunutze gemacht, was er seinen Kollegen glücken oder mißglücken sah.
Und doch war das Endresultat bei den meisten Beamten, die ich traf, die resignierende Erkenntnis: „Die Depor-tation ist der Ruin einer Kolonie“.
Unter allen Beamten, die ich in Neukaledonien kennen lernen durfte, war keiner, der mir gegenüber die Depor-tation verteidigte. Sie alle wissen, daß sie auf einen ver-lorenen Posten stehen. – Diese Beamten sind die ein-zigen Bewohner der Strafkolonie, die wirklich bestraft sind. – Opfer einer strafrechtlichen Marotte.«