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Kolonien

Bei der Reichstagsdebatte zum Kolonialhaushalt 1914 werden weitreichende Reformen verabschiedet, die sich besonders zugunsten der Kolonialbevölkerung auswir-ken sollen. Die dabei im Februar 1914 vom Reichstag eingebrachten Resolutionen sind die umfassendste Erklärung durch eine Kolonialmacht seiner selbstauf-erlegten Verantwortung gegenüber den Kolonialvöl-kern und der Begrenzung der Ausübung der Kolonial-macht. Die Vorkehrungen der Resolutionen für die ein-heimische Bevölkerung in den Kolonien gehen weiter als alle anderen Bestrebungen von Kolonialmächten für die Völker in ihren Kolonien.

Die Resolutionen 3 bis 7 des Reichstags:

»3. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, eine erhebliche Verstärkung der ärztlichen Versorgung unserer Schutzgebiete, besonders im tropischen Afrika, in die Wege zu leiten, und die wissenschaftliche Weiterbildung der Schutzgebietsärzte zu fördern;

4. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, durch eine alsbald zu erlassene Kaiserliche  Verordnung Leben, Freiheit und Eigentum der Eingeborenen der Schutzgebiete sicherzustellen;

5. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen die Kronlandverordnungen der Kolonien  dahin abzuändern, daß die Anbauverpflichtungen der weißen Erwerber eingeschränkt und für jede Plantage Land für Arbeiterdörfer reserviert wird;

6. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Interesse der Erhaltung der Eingeborenenbevölkerung in den Arbeiter-Anwerbungsverordnungen für die Schutzgebiete Bestimmungen zu treffen, wonach

a) der staatliche Arbeitszwang in jeder Form ausgeschlossen ist,

b) die Arbeiter angesiedelt werden bei Schaffung ausreichender Eingeborenen-Reservate für diese, und insbesondere auf Europäerplantagen die daselbst beschäftigten Arbeiter in Dörfern seßhaft gemacht werden unter Zuweisung von ausreichendem Land als freies Eigentum zur Selbstbewirtschaftung,

c) die Frauen von den eingeborenen Arbeitern nicht getrennt werden,

d) die Abgabe von Regierungsländereien zur Anlegung von Plantagen von der Errichtung eigener Bauerndörfer für die Arbeiterfamilien abhängig gemacht wird;

7. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen,

a) über die Sterblichkeit der eingeborenen Arbeiter auf kolonialen Wirtschaftsunternehmungen regelmäßig Erhebungen dem Reichstag zugängig zu machen;

b) bei der Versorgung der wirtschaftlichen Unternehmungen mit eingeborenen Arbeitskräften darauf hinzuwirken, daß die Sterblichkeit der Eingeborenen gemindert und ihr Familienleben gefördert werde, insbesondere eingeborene Arbeitskräfte nicht aus Gegenden mit anderen klimatischen Voraussetzungen beschafft werden dürfen und die dauernde Ansiedlung der Familien auf oder nahe den wirtschaftlichen Unternehmungen gefördert werde, auch über das Fortschreiten dieser Eingeborenenkolonisation dem Reichstag regelmäßig Mitteilung gemacht werde;

c) Eingeborene nicht in solchem Umfange zu Arbeitsleistungen auf wirtschaftlichen Unternehmungen heranzuziehen, daß darüber ihre eigene Wirtschaft und ihr Familienleben zugrunde geht;

d) Plantagen nach Zahl und Größe demgemäß nur in richtigem Verhältnis zu der tatsächlich vorhanden Bevölkerung zuzulassen;

e) den Arbeiterschutz für weiße wie für farbige Arbeiter in den landwirtschaftlichen und den gewerblichen Unternehmungen ohne Verzug auszubauen;

f) Regelung der Arbeiterverhältnisse insbesondere hinsichtlich der Arbeitszeit und Minimalsätze der Löhne durch eine von der Regierung zu erlassende und zu kontrollierende Arbeiterordnung auf Grundlage des freien Arbeitsvertrages.«

Im selben Bericht der »Kommission für den Reichshaus-haltsetat« vom 20. Februar 1914, indem die Resolutionen aufgeführt sind, ist unter »Petitionen« vermerkt:

»d) die Petition der Deutschen Gesellschaft für Einge-borenenschutz in Berlin überreicht Vorschläge für den Schutz der Eingeborenenbevölkerung in den deutschen Schutzgebieten

– Journ. II. Nr. 10459 – [Interne Verzeichnisnummer]

dem Herrn Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.« 

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Bildung

England ist in Schulwesen und Wissenschaft bereits hoffnungslos gegenüber Deutschland abgeschlagen, was langfristig seinen industriellen Niedergang besie-gelt. Nicht zufällig heimst Deutschland bei weitem die meisten wissenschaftlichen Nobelpreise ein und über-haupt fast doppelt so viele Nobelpreise wie jedes andere Volk.

Schon 1828 sagte Goethe: „Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hun-dert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenstän-den aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da…“

Das sagte Goethe noch zum Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland und seitdem wurden und werden neue Universitäten gegründet und technische Fachschulen für alle Bereiche der Industrie geschaffen, was nun Deutschland die weltweite Führung in Wissen-schaft und Technik eingebracht hat und dadurch auch die deutsche Wirtschaft nach ganz vorne gebracht hat, zum Wohle des deutschen Volkes.

Im März 1911 finden Beratung des Kulturetats im Preußischen Abgeordnetenhaus statt. Preußen, das als Bundesland des Deutschen Reiches zwei Drittel des Deutschen Reiches ausmacht, gibt von allen Ländern der Welt am meisten für Schule und Kultur aus: 11,80 Mark pro Kopf. In Frankreich sind es 9,20 Mark und in Großbritannien 7,30 Mark.

Das französische Schulsystem ist mangelhaft und ba-siert auf sinnlosem Auswendiglernen. Auch deshalb fällt Frankreich wissenschaftlich und wirtschaftlich immer weiter hinter Deutschland zurück.

Gustave Le Bon schreibt in seinem berühmten Werk Psychologie der Massen von 1895: »Die erste Gefahr dieser Erziehung [der französischen], die treffend als lateinisch gekennzeichnet wird, beruht auf einem psy-chologischen Grundirrtum, sich einzubilden, die Intelli-genz entwickele sich durch Auswendiglernen von Lehr-büchern. Ferner bemüht man sich, soviel als möglich zu lehren, und von der Volksschule bis zur Doktor- oder Staatsprüfung hat der junge Mann sich nur mit dem In-halt von Büchern vollzustopfen, ohne jemals sein Urteil oder seine Entschlußkraft zu üben. – Ein Kaufmann fin-det schwer einen Stellvertreter in den Kolonien, aber es gibt Tausende von Kandidaten, die sich um die beschei-densten öffentlichen Stellungen bemühen. – Die Erfah-rung allein, die letzte Lehrmeisterin der Völker, wird es übernehmen, uns unseren Irrtum zu zeigen. Sie allein wird mächtig genug sein, uns die Notwendigkeit des Er-satzes unserer abscheulichen Lehrbücher, unserer kläg-lichen Prüfungen durch einen berufsmäßigen Unter-richt zu beweisen, der die Jugend befähigt, zu den Fel-dern, zu den Werkstätten, zu den kolonialen Unterneh-mungen zurückzukehren, die heute verlassen sind. – Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter sind die Bedin-gungen des Erfolges im Leben, sie sind nicht aus Bü-chern zu lernen.«

So ist es kein Wunder, daß die französischen Kolonien verwaltet werden von Bürokaten ohne jede Kenntnis der Wirklichkeit des Lebens. Auch ist das zivilisierte Leben in Frankreich dem Leben in Wüsten und Dschungeln fern jeder Zivilisation nicht gerade erstrebenswert für einen französischen Beamten, sodaß zweit- und dritt-klassige Beamte in die Kolonien gehen/gegangen wer-den.

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Wohlfahrt

Vergleicht man die sozialen Einrichtungen für das Volk in den wirtschaftlich und politisch mächtigsten Staaten um die Jahrhundertwende – England, Frankreich die Vereinigten Staaten und Deutschland – die auch gleich-zeitig alle vier Kolonialmächte sind, und England, Frank-reich und Deutschland die drei größten überhaupt, so hat von diesen vier großen, mächtigen Staaten über-haupt nur Deutschland eine wirkliche Sozialfürsorge für sein Volk. So seit 1883 eine Krankenversicherung, seit 1884 eine Unfallversicherung und seit 1889 eine Invali-ditätsversicherung. Reichskanzler Bismarck hatte diese Sozialversicherungen für das deutsche Volk geschaffen.

Doch mit Bismarcks Sozialgesetzgebungen in den 1880er Jahren endet die Entwicklung des Sozialstaates in Deutschland nicht. 1897 wird Arthur Graf von Posa-dowsky Staatssekretär des Reichsamts des Innern und Vizekanzler und die »Ära Posadowsky« beginnt. So wer-den um die Jahrhundertwende sowohl die Renten- wie auch die Unfallversicherung umfassend novelliert. 1903 wird das »Kinderschutzgesetz« geschaffen. Die Weiter-entwicklung des Sozialstaates in Deutschland läuft un-ablässig und wird auch von der oppositionellen SPD im Reichstag unterstützt. Als 1907 Querelen der Parteien im Reichstag aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in der Kolonialpolitik Posadowsky die notwendige Mehr-heit für seine Sozialpolitik entziehen, tritt er zurück. Doch Bismarck und Posadowsky haben einen Sozialstaat geschaffen wie er einmalig auf der Welt ist. Abzulesen ist ihr Werk an den jährlichen Sozialausgaben der gro-ßen Staaten. Die Sozialausgaben aus dem Staatshaushalt für 1908 sind in Deutschland 1,69 Mark je Einwohner, in Frankreich 0,27 Mark, in England 0,07 Mark und in den USA gibt es überhaupt keine Sozialausgaben des Staates für das Volk, das doch die Steuern für den Staat und seine Machthaber aufbringt.

Während in Deutschland die Armut beseitigt ist gibt es in England fürchterliche Slums und unsoziale Verhält-nisse. Im Jahre 1900 muß die Mindestgröße von Rekru-ten in England auf fünf Fuß herabgesetzt werden, weil die mangelhafte Ernährung auch das Größenwachstum des Volkes verringert.

Bei den Wahlen von 1906 in England kann erstmals die Labour Party, die Arbeiterpartei, ins englische Parla-ment einziehen und eine Sozialgesetzgebung wird nun begonnen. 1908 erklärt Winston Churchill, Unterstaats-sekretär im Kolonialministerium, dem neuen britischen PremierministerHerbert Henry Asquith: „I say – thrust a big slice of Bismarckianism over the whole underside of our industrial system, and await the consequences, whatever they may be, with a good conscience.” / „Ich sage, werfen Sie ein ordentliches Stück bismarckscher Sozialpolitik unter unsere ganze Industrie und erwarten Sie die Ergebnisse, welche auch immer sie sein mögen, mit gutem Gewissen.“ 

Asquiths Minister David Lloyd George hatte sich schon selbst das deutsche Gesundheitssystem angesehen und schickt Fachleute nach Deutschland, für ein genaues Studium des deutschen Gesundheitswesen, als er zu-sammen mit seinem Premierminister ab 1908, nach deutschem Vorbild, in England, der Weltmacht, soziale Absicherungen für das Volk anfängt einzuführen. 25 Jahre nachdem Deutschland eine Sozialgesetzgebung für seine Bevölkerung geschaffen hat.

Bismarck sagte einmal zu einem US-Amerikaner: „Das Hauptziel der Staatsführung besteht darin, oder sollte darin bestehen, das Volk glücklich und wohlhabend zu machen und ihm Frieden und Reichtum zu geben. Mö-gen die verschiedenen Regierungsformen miteinander wetteifern, um dieses große Ziel zu erreichen. Wir fürchten uns nicht vor Vergleichen.“

In den USA gibt es überhaupt keine soziale Absicherung der Bevölkerung. Bei der Weltausstellung in den Verei-nigten Staaten in Sankt Louis 1904 wird eine Sonder-ausstellung über die Arbeiterversicherungen in Deutschland gezeigt, mit fast 1000 Fotos zu den neue-sten Unfallverhütungseinrichtungen in Deutschland. Deutschland will auf der Weltausstellung auch seine staatlichen Versicherungen und Arbeiterschutzbestim-mungen vorstellen. Von den USA wird dagegen den deutschen Vertretern gegenüber die Auffassung ver-treten, daß die finanzielle Unterstützung von Kranken, Krüppeln, Siechen und Schwachen den natürlichen Ausleseprozeß hindere und nur durch Ausscheidung alles Minderwertigen könne eine Nation groß und stark werden. Diese Ansicht wird von der deutschen Vertre-tung als verfehlt zurückgewiesen.

Die Fotosammlung zu den Unfallverhütungseinrichtun-gen in Deutschland wird der Harvard-Universität über-lassen.

In Frankreich tritt schließlich 1911 das Gesetz über die Altersversorgung in Kraft. Es gibt noch nach den Ge-setzen von 1893 und 1905 eine Fürsorge für ganz Arme, aber in allen anderen Bereichen ist die arbeitsfähige Be-völkerung Frankreichs indes weiterhin zur Absicherung von Risiken auf Selbsthilfe angewiesen.

Arbeitslosigkeit ist ein weiteres Feld der Sozialpolitik, spielt aber in Deutschland kaum eine Rolle und wird deshalb auch nicht als gesetzgeberisch zu behandelndes Thema betrachtet, da die jährliche Arbeitslosigkeit zwi-schen 1895 und 1913 lediglich in den Jahren 1901 und 1902 die Grenze von 3 % übersteigt und liegt in den übri-gen Jahren bei etwa 1 %. Von erheblich höherer Arbeits-losigkeit sind England und Frankreich betroffen wo die Arbeitslosenrate ständig bei 5 bis 10 % liegt und auch keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit existiert.

Auch die Organisation der Arbeiterschaft ist in Deutsch-land am höchsten. Mit der Zahl von rund 3½ Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern steht Deutschland 1910 an der Spitze aller Länder, in Groß-britannien sind es 3 Millionen und in den USA 2¼ Millionen. Von den über 14 Millionen deutschen Arbei-tern ist somit rund ein Viertel in Gewerkschaften zusammengefaßt. Mit der Drohung von Streiks oder Streiks selbst kann die deutsche Arbeiterschaft also ei-nen starken Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Streiks sind in Deutschland aber wesentlich seltener und längst nicht so gewalttätig wie in England und Frankreich, wo Unruhen aufgebrachter Arbeiter von der Staatsgewalt unterdrückt werden.

Dazu kommt die vorbildliche deutsche Kolonialarbeit. Mit Schulen, Krankenhäusern, der Seuchenbekämp-fung und tropische Medizin für die farbige Bevölkerung in den deutschen Kolonien steht Deutschland von allen Kolonialmächten an erster Stelle.

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Wirtschaft VII

In den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende stellt die deutsche Industrie immer neue Höchstleistungen in al-len Bereichen der Wirtschaft auf. Stahlindustrie, Ma-schinenbau und Schiffbau, Elektroindustrie und Chemi-sche Industrie boomen und kein Land stellt mehr Nobelpreisträger als Deutschland. So kann Deutschland von 1880 bis 1913 seinen Anteil an der Weltproduktion von 8,5 auf 14,8 Prozent erhöhen. 1913 hat der deutsche Außenhandel ein Volumen von 22,5 Milliarden Mark und der von England 28,6 Milliarden Mark. Wegen seiner verhältnismäßig geringen Landwirtschaft, auch bedingt durch die Mißwirtschaft der preußischen Jun-ker auf ihren Landgütern, muß Deutschland ein Drittel seiner Lebensmittel einführen, kann diese Importe aber mit Leichtigkeit aus seinen Exporterlösen aus dem Ver-kauf von industriellen Waren bezahlen.

Schon 1910 wird 70 % des deutschen Außenhandels über See abgewickelt. 1914 besitzt Großbritannien mit allen angeschlossenen Staaten (Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland) und den Kolonien seines Weltreiches 18,9 Millionen Bruttoregistertonnen (BRT) an Handels-schiffen, an zweiter Stelle der Rangliste der Weltschif-fahrt steht Deutschland mit 5,4 Millionen BRT und an dritter Stelle die USA mit 2,1 Millionen BRT.

Deutschland hatte seine ersten Maschinen in England, dem Mutterland der Industriellen Revolution, gekauft. 1913 ist ein Selbstversorgungsgrad in der Maschinen-herstellung von 95 % erreicht, während der Englands nur mehr 88 % beträgt.

Die wachsende Wirtschaftskraft Deutschlands ermög-licht ein ständiges Steigen der Einkommen der Massen und eine immer bessere soziale Versorgung der Bevöl-kerung. Deutschland ist weltweit führend in Wohlfahrt und Wohlstand des Volkes. Dabei ist die Zahl der Beam-ten gering und die Kosten des Bürgers für den Staat leicht tragbar. Die Steuern sind niedrig und das Reich nimmt einen großen Teil seiner Einnahmen durch Zölle ein.

Der Jahreslohn von Industriearbeitern und Handwer-kern im Deutschen Reich beträgt 1890 711 Mark, 1900 843 Mark und 1910 1063 Mark und ohne daß es eine Inflation gegeben hätte.

Die Steuerlast liegt 1913 in Deutschland mit 54,62 Mark auf jedem Bürger, in Frankreich mit 72,10 Mark und in England mit 89,92 Mark. Die Staatsschulden belaufen sich 1912 in Deutschland auf 20,5 Milliarden Goldmark gleich 310 Mark Verschuldung je Einwohner. In Frank-reich sind es 658 Mark je Einwohner und in England 324 Mark auf den einzelnen Bewohner an Staatsschulden. Die Schulden der deutschen Bahnen sind im deutschen Gesamthaushalt mit eingerechnet. In England ist die Bahn nicht Bestandteil des Staatshaushaltes. Ohne die Bahnschulden beträgt die deutsche Pro-Kopf-Verschul-dung 167 Mark.

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Demokratie

Als im preußisch-österreichischen Krieg mit dem Sieg Preußens im Juli 1866, und durch seine Verträge mit deutschen Staaten im August des Jahres, das Deutsche Reich wiederersteht – zunächst unter der Bezeichnung Norddeutscher Bund – gilt von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht für den vom Volk gewählten Reichstag.

Als am 10. Dezember 1870 der Reichstag beschließt den Namen des Staates in Deutsches Reich umzubenennen, bleibt das Wahlrecht für den Reichstag unverändert bestehen. Im deutschen Kaiserreich – mit der Erhebung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser im Ja-nuar 1871 – , eine demokratische Monarchie wie das englische Königreich, gilt also von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht. Die Gleichheit der Wahlberechtigung gibt es in England, das tatsäch-lich vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gilt in Deutschland seit der ersten Reichstagswahl im Jahr 1867, in England sind dagegen nur Männer wahlberech-tigt, die ein eigenes Haus besitzen oder eine jährliche Mindestsumme an Miete zahlen. In Frankreich gilt das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht schon seit 1848, aber mit schweren Wahlmanipulationen. Wahl-berechtigte der Gesamtbevölkerung sind in Deutsch-land 1871 19,4 %, 1905 22,2 %. In England 1883 8,2 %, 1914 16,4 %. In Frankreich sind es immer um die 27-28 % der Bevölkerung.

Allerdings gibt es in allen drei Ländern kein Frauen-wahlrecht. Das erste Land mit Frauenwahlrecht ist Neu-seeland 1893, dann folgt 1902 Australien und Finnland 1906. Der vierte Staat der Welt, der das Frauenwahlrecht einführt ist 1913 Norwegen.

Während der Anteil der Wahlberechtigten in Frank-reich wegen des niedrigeren Wahlalters von 21 Jahren größer ist als in Deutschland mit 25 Jahren, liegen die entsprechenden Zahlen in England mit ebenfalls Wahl-recht ab 25 Jahren stets unter den deutschen. Die Gleich-heit der Wahlberechtigung gibt es in England, das vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Die Anpassung der Wahlkreise an die Bevölkerungs-entwicklung erfolgt in allen Staaten nicht ohne Partei-interessen. Doch das Ausmaß der Wahlbeeinflussung nimmt in England einen erschreckend hohen Umfang an (gerrymandering). Frankreichs Wahlen sind eben-falls aus Gründen der Machterhaltung und der Partei-interessen von erheblichen Manipulationen unter-schiedlichster Art gekennzeichnet. Die Wahlen in Deutschland werden dagegen äußerst korrekt abgehal-ten.

Ein weiterer entscheidender Unterschied zwischen den vorgeblich demokratischen Staaten England und Frank-reich und Deutschland sind die Diäten. In Deutschland bekommen die vom Volk gewählten Abgeordneten eben Diäten, ein Gehalt vom Staat für ihre Tätigkeit für das Gemeinwohl, während in England und Frankreich über-haupt nur reiche Leute Abgeordnete werden können, weil die Abgeordneten sich selbst finanzieren müssen. Damit ist in England und Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, gewährleistet, daß die Reichen grundsätz-lich die Armen regieren, egal welcher der Parteien im Parlament das Volk seine Stimme gibt. 

Die Abgeordneten in Frankreich erhalten seit 1906 ausreichend Diäten, so daß nicht mehr nur die adelige Oberschicht das Volk regiert. In England wird am 18. August 1911 das Vetorechts des Oberhauses, der Adli-genvertretung Großbritanniens, abgeschafft, die Parla-mentsdauer von sieben auf fünf Jahre verringert und die Unterhaus-Abgeordneten erhalten Diäten. So können zum ersten Mal von ihrer Arbeit abhängige Menschen in das englische Parlament gewählt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammensetzung der Regierung. Die deutschen Minister, Staatssekretäre genannt – die englischen Minister heißen Secretaries – , sind überwiegend Beamte vom Fach und keine Partei-größen, die sich im innerparteilichen und innenpoliti-schen Machtkämpfen schließlich zum Ministeramt durchgeboxt haben, ohne die geringste Kompetenz für das Sachgebiet wie oft in England und Frankreich, von anderen Ländern ganz zu schweigen. Zudem erfolgt an der Regierungs- und Gesetzesarbeit in Deutschland eine intensive Mitwirkung von Verbänden, Wissenschafts-vereinigungen und den Vereinen.

Daß in Deutschland die Minister Staatssekretäre ge-nannt werden und die Ministerien Ämter, hängt mit der Gründung des Reiches zusammen. Zu der Zeit war Preu-ßen der Antrieb für die Bildung des Reiches. In Preußen, nun Bundesland Preußen des Deutschen Reiches, das zwei Drittel des Reiches ausmacht, gibt es Minister und Ministerien in seiner Hauptstadt Berlin. Um die preu-ßischen Ministerien von den Ministerien des Reiches, die nun auch in Berlin sitzen, welches jetzt auch Reichs-hauptstadt ist, zu unterscheiden, werden die Reichs-minister und Reichsministerien Staatssekretäre und Ämter genannt. Aber schon Bismarck nannte die Staats-sekretäre auch Minister.

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Mitwirkung des Volkes auch in den unteren Organen des Staates ist die Städte- und Gemeindeordnung. Die Städte- und Ge-meindeordnung erlaubt etwa im Vergleich zu England mehr Mitwirkung der Bevölkerung, daher mehr Demo-kratie.

Alles zusammengenommen ist das die angewendete, wirkliche Demokratie im Deutschen Kaiserreich von der die anderen Großmächte noch ein ganzes Stück ent-fernt sind.

So ist Deutschland von den Großmächten das demokra-tischste Land. Verwaltung und Gerichte sind unbestech-lich und niemand würde auch nur wagen einen Beam-ten zu bestechen. Auch die Gemeindeverwaltungen sind sauber, ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die Korruption schon auf der Ebene der Stadtverwaltungen blüht. Die Gerichte sind unabhängig und nicht der Re-gierung hörig. Auch der deutsche Kaiser verliert Ge-richtsprozesse. So am 1. März 1913 einen Prozeß gegen den Pächter einer seiner Ländereien vor der Zivilkam-mer des westpreußischen Elbing.

Deutschland ist ein vorzüglich verwaltetes Land, dessen geistiges und wirtschaftliches Leben in reicher Blüte steht. Das Deutsche Reich ist ein Rechtsstaat mit dem freiheitlichsten Wahlrecht in Europa. Und Deutschland ist der erste Sozialstaat, der erste Staat auf der Welt, dessen Fürsorge nicht den Reichen und Mächtigen, sondern dem Volke gilt.

Goethes Worte von 1813 über die »Bestimmung« des deutschen Volkes, »welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römi-schen Reiches und der Gestaltung des Mittel-Alters…«, in den Dichterworten von Emanuel Geibel von 1861 Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen, bewahrheiten sich. Deutschland mit seiner Demokratie, seiner Volksbildung, seinen wirtschaft-lichen und wissenschaftlichen Leistungen und seiner Wohlfahrt für das Volk ist ein Vorbild für die Welt.

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Deutsche Geschichte

Das 1806 aufgelöste Reich mit einem kurzen Wieder-erstehen und erneutem Untergehen 1848/49 entsteht schließlich 1866 neu.

Als Arnulf von Kärnten am 11. November 887 in Tribur bei Frankfurt am Main zum König des Ostfränkischen Reiches gekrönt wird, ist mit dieser Krönung das Reich der deutschen Könige und Kaiser aus der Taufe geho-ben. Waren bisher fränkische Teilreiche, wie auch das zuvor schon einmal bestehende Ostfränkische Reich, grundsätzlich nur Erbteile des Fränkischen Reiches, und folglich Verfügungsmasse für andere fränkische Reichsbildungen, so bleibt ab dem Jahre 887 dieses Reich der Ostfranken als Einheit beständig bis zu seiner Auflösung 1806 durch Napoleon.

Über dieses schon längst überlebte Reich, das 887 ohne eigentliche Gründung ins Leben trat und schließlich spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 vor sich hin siechte, schreibt Goethe 1807 in einem Brief:

»Wenn aber die Menschen über ein Ganzes jammern, das verloren seyn soll, das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Lebtag gesehen, noch viel weniger sich darum bekümmert hat; so muß ich meine Ungeduld verbergen, um nicht unhöflich zu werden…«

Für Goethe existiert das nun politisch vorläufig ver-schwundene Reich weiter, »das verloren seyn soll«, weil er noch große Aufgaben für das deutsche Volk sieht, das nicht nur zur Zertrümmerung des Römischen Reiches seinen Dienst geleistet und das Mittelalter gestaltet, sondern noch Aufgaben in der Zukunft habe wie er 1813 meint:

»Hätten sie [die Deutschen] keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüch-tigkeit, so müssen sie, nach meinem Glauben, noch eine große Bestimmung haben, eine Bestimmung, welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestal-tung des Mittel-Alters…«

1866 schlägt die Stunde des neuen Deutschen Reiches.

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Strafkolonien

Der österreichische Generalkonsul in Hongkong, Gus-tav Overbeck, aus der preußischen Provinz Westfalen stammend, hatte  seit 1876 Nord-Borneo erworben, mit Sandakan, der einzigen europäischen Siedlung, die bald allerdings Kampung Jerman hieß, Siedlung der Deut-schen, weil verschiedene Deutsche dort ihre Handels-stützpunkte errichtet hatten. Sein 72.000 qkm großes Gebiet auf Borneo wollte Overbeck 1876 und 1879/80 in Europa an einen europäischen Staat verkaufen. Aber Italien, Österreich-Ungarn, England und Deutschland lehnten ab. Auch sein Angebot Nord-Borneo als Straf-kolonie zu nutzen verfing nicht.

1906 erscheint von Felix Friedrich Bruck, Professor der Rechte an der Universität Breslau, die Schrift Noch Einmal die Deportation und Deutsch-Südwestafrika. Einleitend steht dort: »I. Die Entwicklung der Deporta-tionsfrage im Deutschen Reich. Durch meine im Jahre 1894 veröffentlichte Schrift: „Fort mit den Zuchthäu-sern!“, in welcher ich das herrschende System der Freiheitsstrafen einer eingehenden Kritik unterzog und anstelle der langzeitigen Freiheitsstrafen die Deporta-tion unserer Sträflinge nach unseren Kolonien empfahl, ist die Deportationsfrage in Deutschland in Fluß gekommen, und sie wird hoffentlich nicht eher von der Tagesordnung verschwinden, als bis ein Versuch gewagt worden ist. In der darauf im Jahre 1896 ver-öffentlichten Schrift: „Neu-Deutschland und seine Pio-niere“ habe ich auf Deutsch-Südwestafrika als geeig-netes Deportationsland in ausführlicher Darstellung hingewiesen. Ferner habe ich im Anschluß an das deut-sche Strafgesetzbuch im Jahre 1897 einen Gesetzent-wurf, betreffend die Deportation unserer Sträflinge nach Deutsch-Südwestafrika, ausgearbeitet und mit die-sem Entwurf zugleich den Entwurf einer Ausführungs-verordnung veröffentlicht. Es sollte hier nur gezeigt werden, daß es sich bei meinem Eintreten für die Depor-tation nicht um eine bloße Utopie handelt, sondern um eine greifbare Institution, die sehr wohl praktisch durchführbar ist.« 

Wenn auch der Professor Bruck und einige andere sich für eine deutsche Strafkolonie einsetzen, so hat doch die deutsche Regierung kein Interesse an einer Strafkolo-nie. Engländer und Franzosen betreiben Strafkolonien, aber das Ergebnis dieser Strafkolonien ist eine teuere Angelegenheit für den jeweiligen Staat. Von 1907 bis 1910 besucht Robert Heindl einige Strafkolonien auf der Welt, und auch die Strafkolonie der Andamanen der Briten und die Strafkolonie Neukaledonien der Franzo-sen. 1913 erscheint sein Buch Meine Reise nach den Strafkolonien. Darin finden sich die Ergebnisse seiner Erkundungsfahrt. Die französische Strafkolonie Neuka-ledonien, eine Inselgruppe südlich des deutschen Kolo-nialreiches im Pazifik, beherbergt zwischen 5000-7000 Häftlingen. Die französische Strafkolonie Guyana in Südamerika hat etwa 4000-5000 Häftlinge. Heindl schreibt:

»Strafkolonien, deren Boden und Klima spezifische Tro-penkrankheiten zur Folge haben (und solche Landstri-che kämen für uns Deutsche in Betracht, wenn wir nicht die wenigen Überseebesitzungen mit passablem Klima den freien Kolonisten versperren wollen), wirken mör-derisch auf die Gesundheit der Sträflinge. Man beachte nur die enorme Mortalität in Guyana. Todesstrafe ist humaner als solche Vivisektion!

Aber auch in dem idealen Klima Neukaledoniens ist die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer größer als in den Zuchthäusern oder zumindest gleich.«

Diese Strafkolonien haben verschiedene Stufen von Gefangenenhaltung, vom Zuchthaus über Lager und Dörfer bis zu den gänzlich Freigelassenen.

Gegen Brucks Vorschlag, in Deutsch Südwestafrika eine Sträflingskolonie einzurichten, führt Heindl ins Feld, daß von der weit im Pazifik liegenden Kolonie Neuka-ledonien von den bis 1904 insgesamt 22.000 Häftlingen 944 geflohen sind. Also würden bei den Bedingungen in Südwestafrika viel mehr Sträflingen von der Gesamtzahl die Flucht gelingen. Dem von Bruck behaupteten wirt-schaftlichen Nutzen einer Strafkolonie für das Reich hält Heindl die tatsächlichen Kosten einer Strafkolonie entgegen. Die Unterhaltungskosten für einen Häftling in einer Strafkolonie sind um 50 % höher als in einem Gefängnis oder Zuchthaus im Heimatland. Allein wegen der besonders hohen Kosten für weiße Sträflinge wer-den von den Engländern in Britisch Indien solche Gefan-gene auf dem indischen Festland behalten und nicht auf die Andamanen gebracht, wo nur farbige Gefangene festgehalten werden.

Über die Behauptung der Strafkolonie-Befürworter, Deutschland würde eine solche Kolonie besser und wirtschaftlicher betreiben, entgegnet Heindl in seinem Buch:

»Sicher wurden in Neukaledonien von einigen Beamten Mißgriffe begangen; aber gibt es Garantien, daß wir Deutschen, die wir doch an kolonialer Erfahrung die übrigen Nationen nicht übertreffen, nicht dieselben oder noch viel bösere Fehler machen würden?

Auf den Andamanen sitzen Beamte, die in der Kolonie geboren wurden, deren Vater und Großvater im engli-schen Kolonialdienst standen, und auch in Neukaledo-nien amtieren zum Teil Leute, die von Kindesbeinen auf koloniale Erfahrungen sammeln konnten. Jeder neuka-ledonische Funktionär ist durch den Schaden seiner Vorgänger klug geworden und hat während seiner eigenen Amtszeit unaufhörlich das gelernt und sich zunutze gemacht, was er seinen Kollegen glücken oder mißglücken sah.

Und doch war das Endresultat bei den meisten Beamten, die ich traf, die resignierende Erkenntnis: „Die Depor-tation ist der Ruin einer Kolonie“.

Unter allen Beamten, die ich in Neukaledonien kennen lernen durfte, war keiner, der mir gegenüber die Depor-tation verteidigte. Sie alle wissen, daß sie auf einen ver-lorenen Posten stehen. – Diese Beamten sind die ein-zigen Bewohner der Strafkolonie, die wirklich bestraft sind. – Opfer einer strafrechtlichen Marotte.«