Das Auswärtige Amt sammelt seit März 1912 Unterlagen über wirtschaftliche Unternehmungen in Mosambik. Das Reichskolonialamt läßt sich Anfang 1912 vom Grenz-bezirk von Deutsch Ostafrika zu Mosambik über die Verhältnisse auf der mosambikanischen Seite einen Bericht erstellen und fordert vom Auswärtigen Amt Konsularberichte über Nordmosambik an. Die Analysen des Reichskolonialamtes über Nordmosambik zeigen die Rückständigkeit des Landes.
Von besonderem deutschen Interesse ist die Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa) in Nordmosambik als Konzessionär der Hälfte der ganzen Landfläche von Nordmosambik. Das Gebiet der Nyassa Compagnie reicht vom Grenzfluß Ruwuma zu Deutsch Ostafrika bis zum Lurio und umfaßt rund 150.000 qkm. Anfang Dezember 1913 treffen die von den beiden deutschen Konsuln in Port Amelia und Lorenço Marques in Mosambik erstellten Berichte beim Reichskanzler Beth-mann Hollweg ein. In den Berichten der Konsular-beamten findet sich, daß es der Compagnie, im Zusam-menwirken mit der portugiesischen Kolonialverwal-tung, erst Anfang November 1912 gelungen ist, die letzten aufständischen Stämme in ihrem Territorium zu besiegen. Dadurch kann die Gesellschaft erstmals in ihrem gesamten Gebiet die Hüttensteuer eintreiben, was offensichtlich mit kaum zu überbietender Brutalität und Unmenschlichkeit geschieht. Auch bei der Zwangs-rekrutierung von Arbeitskräften für die Farmen von Angestellten der Gesellschaft läßt die Verwaltung der Nyassa Compagnie äußerste Grausamkeit walten. Die Schreiber der Berichte betonen, daß die Nyassa Com-pagnie aufgrund ihres Kapitalmangels nur auf Personen sehr geringen Bildungsniveaus zurückgreifen kann. Der Konsul in Porto Amelia beschreibt das von den Beamten und Unteroffizieren, die von der Nyassa Compagnie angestellt worden sind, praktizierte Verfahren:
»Das Land wird also durch ein System beherrscht, das durchaus geeignet ist, zumal bei solchen, jeder mora-lischen Verantwortung baren Beamten, die unteren Organe zu Erpressungen zu verführen und die oberen Organe der Beamten zum ‚Gehenlassen’ solcher Art Verwaltung zu veranlassen.«
Die Eingeborenen führten auch Beschwerde, daß sie die Hüttensteuer nicht nur einmal pro Jahr, sondern zum Teil zwei- und dreimal pro Jahr zu entrichten hätten.
Nach deutschen Maßstäben sind auch viele der portu-giesischen Verwaltungsposten und ihre Anlagen ver-wahrlost.
Die Nyassa Compagnie hat in den Jahren ihres Beste-hens seit 1891 praktisch keine wirtschaftliche Erschlie-ßung ihres Besitzes betrieben, sondern, wie andere Gesellschaften in Mosambik auch, sich auf das Vermit-teln von Arbeitskräften aus ihrem Bereich in die Berg-werke nach Südafrika verlegt. Um die 5000 Arbeitskrä-fte aus dem Konzessionsgebiet der Compagnie gehen so jährlich nach Südafrika. Nach Berechnungen im süd-afrikanischen Johannesburg liegt die Todesrate jährlich bei 7 % bis 8 % der Arbeiter, die von der Companhia do Nyassa kommen, auch verursacht durch den Wechsel der Arbeiter vom tropischen Nordmosambik ins gemä-ßigte Klima von Südafrika mit seinen Wintern. Aber allein in den sogenannten compounds, geschlossenen Lagern in und um Johannisburg, in denen die Arbeiter zur Akklimatisierung und Verteilung auf die Minen ge-bracht werden und dort etwa drei Wochen bleiben, liegt die Sterblichkeit im März 1913 auf das Jahr berechnet bei 30 % und im April bei 21,5 %. Diese hohen Todesraten unter den Arbeitern aus Mosambik führt zu Protesten in England und in Südafrika, sodaß 1913 ein Anwerbestopp für Arbeiter aus dem nördlichen Mosambik erfolgt. Mit dem Anwerbestopp entfällt für die portugiesische Kolo-nialverwaltung von Mosambik und für die ansonsten wirtschaftlich völlig untätige Nyassa Compagnie eine sehr lukrative Einnah-mequelle.
Im Konzessionsgebiet der Nyassa Compagnie betreibt die Hamburger Handelsgesellschaft Philippi & Co Nie-derlassungen und Ende 1913 laufen von der Kolonialver-waltung von Deutsch Ostafrika Verhandlungen mit der Nyassa Compagnie über die Anwerbung von Arbeits-kräften für die Farmen in der deutschen Kolonie, aber tatsächlich dienen diese Verhandlungen der Ausfor-schung der Gesellschaft für ihre Übernahme und die deutschen Konsulate in Mosambik sind angewiesen das Ihrige in diesem Zusammenhang zu tun. So enden diese Gespräche in Ibo in Nordmosambik auch ergebnislos.
1914 beschließen die Reedereien Deutsche Ost-Afrika Linie, Woermann-Linie und Hamburg-Bremer Afrika-Linie das gemeinsame befahren der Afrika-Linien mit je zwei monatlichen Abfahrten für die westliche Rundfahrt um Afrika und je zwei monatlichen Abfahrten für die östliche Rundfahrt um Afrika mit regelmäßiger Ver-bindung zwischen den Häfen Deutsch Ostafrikas und Portugiesisch Ostafrikas im Anschluß an die Haupt-dampfer.
Konsul Carl Singelmann, dem Interna der Verhandlun-gen zwischen Deutschland und England über die Teilung der portugiesischen Kolonien bekannt sind, hält am 9. Dezember 1913 in Straßburg einen Vortrag, in dem er un-ter anderem ausführt: Für Deutschland ist besonders der Süden von Angola wichtig. Hat Deutsch Südwestaf-rika von Swakopmund in der Mitte der Küstenlinie der deutschen Kolonie bis zur angolanischen Grenze kei-nerlei Hafenplatz, der auch nur als Reede bezeichnet werden könnte, hat der Süden von Angola in der Nähe der deutschen Grenze gleich drei vorzügliche Häfen auf-zuweisen: Mossamedes, Alexanderhafen und Tigerbai, wobei die mächtige Tigerbai nur 60 km von der deut-schen Grenze entfernt liegt. Von diesen vorzüglichen Ankerplätzen kann nicht nur der Süden der portugiesi-schen Kolonie, sondern auch der ganze bisher noch un-entwickelt daliegende Norden von Deutsch Südwest-afrika wirtschaftlich ausgenutzt werden. Ferner ist für Deutsch Südwest sehr wichtig, daß, während das mitt-lere Angola für São Tomé und Principe die Arbeiter liefert, das südlichste Angola, namentlich der Ovambo-stamm der Kuanjamas, Arbeiter nach Deutsch Südwest abgibt, wodurch einem großen Arbeitermangel abgehol-fen wird. Wichtig für die fernere Entwicklung Angolas ist, daß drei Eisenbahnen begonnen haben, das Innere zu erschließen, in Norden die Loandabahn, jetzt 500 km lang, in der Mitte die Lobito-Benguella-Katangabahn, jetzt ebenfalls 500 km lang, und im Süden die Mossa-medesbahn, jetzt 170 km lang. Ferner ist wichtig, daß im Innern Angolas ausgedehnte Hochflächen zwischen 1300 m und 2000 m Höhe in Verbindung mit diesen Bahnen vorhanden sind, wo der Europäer nicht bloß, wie sonst in den Tropen, als aufsichtsführender Beamter tätig zu sein vermag, sondern auch selbst mitarbeiten kann. Diese Hochländer in einer Ausdehnung von über 70.000 Quadratkilometern eigen sich daher vorzüglich zu einer großzügigen Kolonisation, für die für den Anbau besonders Getreide und Gemüse in Betracht kommen.
Angolas Ein- und Ausfuhr beträgt je 25 Millionen Mark. Angola hat gute Produktionsmöglichkeiten, außer für den bisher vorzugsweise genutzten Wurzelkautschuk, auch für Plantagenkautschuk, Zuckerrohr (in diesem Jahre [1913] 9000 t Rohrzucker), Baumwolle, Ölfrüchte, Eisen und Petroleum.
Soweit Konsul Singelmann in seinem Vortrag.
Über die Bahnen in Angola weiß man, daß die beiden Bahnen von Lobito (Benguella-Bahn) und Mossamedes an der Schwelle zum Hochland festhängen. Ihr Wei-terbau steht dort praktisch still. Die Lobito-Bahn soll weitere 700 km durch Angola führen und dann nochmals 500 Kilometer hinein nach Belgisch Kongo, zu den Bergbaugebieten in Katanga.
Der Initiator und Konzessionsinhaber für die Benguella-Bahn, der Brite Robert Williams, mußte 1908 den Weiterbau seiner Bahn wegen Geldmangels einstellen. Als er 1912 den englischen Außenminister Edward Grey um Rat bietet, antwortet dieser, „daß die Frage der Heranziehung fremden Kapitals eine solche sei, in der die Gesellschaft die Freiheit der Entscheidung habe; aber falls sie sich zur Heranziehung fremden Kapitals entscheiden sollte, dann gebe er den Rat, daß sie sich an deutsches Kapital wenden möchte.“ Die englische Regierung unterstützt also die deutsche Übernahme auch der Benguella-Bahn. Die Verhandlungen über die deutsche Mehrheitsbeteiligung an der Bahn ziehen sich hin, aber am schließlichen Ergebnis im deutschen Sinne besteht kein Zweifel. Im Sommer 1913 hatte die deutsche Regierung den Ankauf der Bahn beschlossen.
Im Dezember 1913 wird der deutsche Gesandte in Lissa-bon, Friedrich Rosen, vom Auswärtigen Amt angewie-sen, der portugiesischen Regierung klarzustellen, daß die Konzessionsvergabe für die Mossamedes-Bahn nur an eine deutsche Unternehmung gehen könne.
Im Januar 1914 fügt die Deutsche Ost-Afrika Linie die beiden angolanischen Hafenstädte Lobito und Mossa-medes in ihren Fahrdienst um Afrika ein.
Ein Problem nach der Übernahme der Kolonie in deut-sche Hände ist die Gleichstellung der 20.000 Mulatten mit den 10.000 Weißen nach portugiesischem Recht. Dies wird ein deutsches Rechtsproblem werden.
Gegen Ende des Jahres 1913 sind die Pläne für die wirtschaftliche Übernahme Angolas so weit gediehen, daß am 9. Februar 1914 von deutschen Großbanken das Übersee Studiensyndikat gegründet wird, in dem auch das Auswärtige Amt und das Reichskolonialamt Mit-glieder sind, um die wirtschaftliche Übernahme der por-tugiesischen Kolonie praktisch in Angriff zu nehmen. Kurz darauf ist auch der portugiesische Zweig des Stu-diensyndikats gegründet und unter dem Namen Com-panhia do Sul d’Angola treibt das deutsche Syndikat vor Ort in Lissabon seine wirtschaftlichen und politischen Interessen voran. Die Mitglieder der Companhia do Sul d’Angola sind natürlich besonders ausgewählt und ver-fügen über erstklassige Verbindungen zur portugiesi-schen Regierung.
1912 kommt eine schon vor 1900 geplante Eisenbahn-linie vom Kupferminendistrikt Otavi in Südwestafrika nach Südangola wieder in die deutsche Planung. Durch diese Eisenbahnlinie würde sich eine wesentlich bes-sere Verschiffung des Kupfers aus Südwest ergeben und als Nebeneffekt eine Entwicklung der Gegenden, die die Bahnlinie passiert. Von der 800 Kilometer langen Strek-ke läge etwa die Hälfte in Südwest und die andere Hälfte in Angola. Diese Entfernung bezieht sich allerdings auf eine Trasse von Otavi über den Ort Humbe in Angola nach Port Alexander. Die günstigere Verbindung nach Tiger Bai dürfte 100 km kürzer sein, aber sie führt durch bautechnisch viel problematischeres Gebiet. Als erste ihrer Tätigkeiten kann nun die Companhia do Sul d’An-gola den Zuschlag für die Konzession für die Südango-labahn über Humbe nach Deutsch Südwestafrika sicher-stellen.
Vom Übersee Studiensyndikat wird Angola in Interes-senssphären der deutschen Wirtschaft aufgeteilt. So be-kommt die Diskonto-Gesellschaft die Südangolabahn und die Mossamedés Compagnie zugewiesen. Die Deut-sche Bank bekommt die Benguella-Bahn im mittleren Angola von Lobito ins Inland als Arbeitsfeld. Der Weiter-bau dieser Bahn war 1908 eingestellt worden. Die Bahn-baufirma Orenstein & Koppel wird der Weiterbau der Ambaca-Bahn in Norden von Angola von der Hauptstadt Loanda ins Hochland von Ambaca zugeteilt, die bis Malanje, auch Melange genannt, fertiggestellt ist. Im April 1914 ist Angola wirtschaftlich unter den deutschen Großunternehmen aufgeteilt.
Schon im April kann man auch in der deutschen Presse über die geplanten Aktivitäten des Studiensyndikats in Angola lesen und auch die deutsch-englischen Geheim-verhandlungen über die portugiesischen Kolonien sind seit längerem in der Presse zu finden.
Im April 1914 reist dann auch eine deutsche Wirt-schafts- und Regierungskommission nach Angola, aus-gesandt vom Übersee Studiensyndikat, zur Erfassung der Verhältnisse in der Kolonie. Vom Mai bis August wird von diesen Fachleuten vor Ort jeweils auf ihren Fachgebieten das Land untersucht und aus ihren Er-kenntnissen erstellen sie Geheimberichte. Ihr Aufent-halt in der portugiesischen Kolonie soll natürlich keinen Verdacht erregen. Es sind so aber bereits deutsche Fach-leute in Angola, die für die Übernahme des Landes in deutsche Herrschaft vorbereitende Arbeiten durchfüh-ren.
Während die in Angola weilende Studienkommission des Übersee Studiensyndikats die wirtschaftlichen Mög-lichkeiten in der Kolonie erkundet, werden auf Seiten des Syndikats Gedanken über Kapitalbeschaffung und Arbeitsteilung angestellt. Die Zukunftsaussichten für eine Erschließung der Kolonie durch die deutsche Wirt-schaft werden im Juni 1914 als gut eingeschätzt.
Einer der Fachleute für die Erkundung von Angola ist der landwirtschaftliche Sachverständige Paul Vageler, der Anfang 1914 in Daressalam ist und dort die »Ordre« erhält, sofort nach Berlin zur Durchführung eines Sonderauftrages zu kommen. In Berlin erfährt er vom Auswärtigen Amt von seinem Auftrag und geht mit dem Schiff nach Angola. Er soll auch nur an das Auswärtige Amt berichten und unabhängig von den Mitgliedern der Studienkommission des Übersee Studiensyndikats in Angola soll er seine Untersuchungen anstellen.
Vagelers Einschätzung der Lage in Angola sieht eine Mißwirtschaft im Lande. Auch stehen die Portugiesen in Angola einer Übernahme durch England und Deutsch-land ablehnend gegenüber. Ihr Nationalstolz sei betrof-fen und die ihnen bekannte eigene Verwaltung ist ihnen lieber als ein strenges Regiment von Fremden.
Vageler besichtigt auch zwei der drei Bahnlinien in der Kolonie. Dabei stellt er fest, daß das durch Flachland ge-hende Anfangsstück der Melange-Bahn, die vom Hafen Lobito an der mittelangolanischen Küste nach Melange im Landesinneren führt, sich in Schleifen durchs Land zieht. Laut Vertrag wurde die Bahn unter Kilometerga-rantie erbaut und so war jeder Kilometer im Flachland billig erstellt, aber wirtschaftlich sinnlos. Die zweite Bahn, die er besichtigt, im Süden Angolas gelegen, von Mossamedes ins Inland, die Benguella-Bahn, geht zu-nächst durch die Küstenwüste bis nach Villa Arriaga, wo der Aufstieg zum Hochland beginnt und deshalb der Bahnbau hier 1912 vorläufig wegen der Bauschwierigkei-ten endete. Paul Vageler sieht hier regelmäßig Trans-porte von Strafgefangenen beiderlei Geschlechts. Wäh-rend der westliche Teil des Hochlandes als befriedet gelten kann, sind weiter im Osten und im Ovamboland, welches an das Ovamboland von Deutsch Südwestafrika grenzt, portugiesische Truppen wenig erfolgreich zur Niederwerfung der Eingeborenen im Einsatz. Aber auch im westlichen Hochland verschwindet beim Auftauchen von Weißen die Dorfbevölkerung samt Vieh im Busch, bis die Absichten der Weißen geklärt sind und bei einem freundlichen Besuch versammelt sich das Volk wieder im Dorf.
Vagelers Einschätzung von Südangola in seinem Ge-heimbericht nach Berlin sieht keine Möglichkeit einer weißen Ansiedlung, auch weil alles wertvolle Land im Hochland schon von den Schwarzen besetzt ist und sich sonst nur dürftiges Weideland findet, das gerade für die kleinen Herden der Eingeborenen genügt. Das wasser-reiche und fruchtbare Hochplateau von Humpata ist bereits von einigen hundert Buren besetzt. Weiter im Osten finden sich wieder reichere Gegenden, die aber dicht besiedelt sind und verkehrstechnisch nicht er-schlossen, abgesehen davon, daß die Portugiesen diesen Teil der Kolonie auch nicht ihrer Herrschaft unterwer-fen konnten, und ebensowenig das noch weiter im Os-ten liegende Dünengebiet des Okavango.
Den Wildbestand von Elefanten, Nashörnern, Giraffen, Zebras und Antilopen am Fluß Kunene, der das südliche Angola durchzieht, sieht er durch die Jagd der dort im Winter von Humpata aus herumziehenden Buren als gefährdet an.
Über den Kumene, der im letzten Teil seines Laufes zum Atlantik Grenzfluß zwischen Angola und Deutsch Süd-westafrika ist, bemerkt er einen schwunghaften Handel der Einheimischen mit Elfenbein, Nashorn- und Nil-pferdhäuten, Schnaps, Patronen und Gewehren. Über die verbotenen Schmuggelgeschäfte versorgen sich die Aufständischen in Südangola auch mit Munition und Waffen für den Kampf gegen die Portugiesen.
Paul Vageler selbst sieht Anfang August 1914 das Ergeb-nis einer gerade durchgeführten portugiesischen Straf-expedition, »deren Spuren ich kopfschüttelnd passiert hatte«.
Weder die deutsche noch die portugiesische Seite kön-nen mit ihren Grenzpatrouillen den Schmuggel ernst-haft beeinträchtigen. Und die deutsche Seite ist sehr wohl auch an der Unruhe in Angola interessiert, sie gibt laut dem deutsch-englischen Vertrag über die portugie-sischen Kolonien einen guten Grund für die Übernahme der Kolonie ab, und so verschmerzen die Deutschen da-für gerne die Einbuße an Zollgebühren bei dem illegalen Handel.
Den wirtschaftlichen Wert des südlichen Angola er-scheint Paul Vageler in seinem Bericht nach Berlin recht bescheiden.
1898 war ja schon ein Vertrag zwischen Deutschland und England geschlossen worden, der die Möglichkeit einer Aufteilung der portugiesischen Kolonien vorsah, und in dem auch große Teile Angolas an Deutschland gefallen wären. So führte 1899 das Kolonialwirtschaftliche Ko-mitee zusammen mit der in Paris ansässigen Companhia de Mossamedes, die zwar große Konzessionsrechte in Südangola hatte, aber kaum wirtschaftliche Aktivitäten dort zeigte, und der Londoner South West-Africa-Company, die eine Bahnlinie vom britischen Nord-rhodesien an die Küste von Südangola zur Tigerbai zu bauen plante, eine Expedition im Süden Angolas durch. Auch diese Expedition stellte den geringen wirtschaft-lichen Wert von Südangola fest.
Mitte August 1914 geht Vageler auf Weisung des Aus-wärtigen Amtes erneut auf Expedition in Südangola, für die weitere Erkundung des Landes. Acht Wochen ist er für diesen Erkundungszug »zum Kumene und in die Wildnisse des südlichen Schella« unterwegs, wie er schreibt.
Außer den Erkundungen durch das Übersee Studien-syndikat und das Auswärtige Amt ist bereits seit Mai 1913 die Expedition von Alfred Schachtzabel vom Berli-ner Museum für Völkerkunde in Angola. Schachtzabels Expedition arbeitet hauptsächlich im zentralen Süden Angolas und auch im August 1914 ist die Expedition noch in der großen westafrikanischen Kolonie Portugals un-terwegs.
Für den Ankauf der Nyassa Consolidated Ltd, die die Konzession über halb Nordmosambik hält, stellt das Auswärtige Amt kurzfristig 2,5 Millionen Mark aus seinem Geheimfond bereit, da das Reichskolonialamt augenblicklich noch nicht über das Geld verfügt, son-dern erst nachdem der Reichstag das Budget des Amtes für 1914 genehmigt hat, in dem ein großer Geheimfond für koloniale Unternehmungen eingestellt ist. Der Reichstag genehmigt schließlich ohne Nachfrage über den Zweck des Geheimfonds den Haushalt des Reichs-kolonialamtes, aber mit dem Geld des Auswärtigen Amtes kann nun sofort für Banken für den Ankauf der Aktien der Nyassa Consolidated Ltd für das Reich Garan-tie gestellt werden und die Banken stehen dabei nicht im unmittelbaren Verdacht für das Deutsche Reich zu handeln. So bildet sich im Januar 1914 ein deutsches Bankenkonsortium für diese Unternehmung und in dem Bankenkonsortium sind auch das Reichskolonial-amt und das Auswärtige Amt Mitglieder. Am 18. April 1914 wird der Vertrag zwischen den Banken und dem Reich abgeschlossen mit dem das Nyassa Konsortium gegründet ist, welches für die Verhandlungen, Käufe und die Verwaltung des erworbenen Eigentums zu-ständig ist.
Am 28. Mai 1914 kauft im Auftrag des Reiches das Nyassa Konsortium für 150.000 Pfund Sterling die englische Ge-sellschaft Nyassa Consolidated Ltd. Der Nyassa Consoli-dated Ltd gehört die portugiesische Gesellschaft Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa), deren Besitz von gut 160.000 Quadratkilometern halb Nordmosambik umfaßt. Im Juni beginnt das deutsche Konsortium mit der Vorbereitung der Übernahme des Vorsitzes im Auf-sichtsrat der nun deutschen Firma und der vorgese-henen Verlegung des Firmensitzes von London nach Hamburg.
Um die Kontrolle einfach zu halten, und um im Falle einer Annexion des Landbesitzes der Gesellschaft als deutsche Kolonie mit möglichst wenigen Anteilseignern zu tun zu haben, steuert das Auswärtige Amt dahin, möglichst wenige Mitglieder in das Syndikat für die Nyassa Consolidated Ltd aufzunehmen.
Im Juni/Juli 1914 ist Wilhelm Regendanz, ein kolonialpo-litisch aktiver Bankier, in Lissabon für die Bearbeitung von Fragen der portugiesischen Staatsanleihe für Ango-la, welche durch deutsche Banken finanziert wird. Regendanz informiert auch den portugiesischen Direk-tor der Nyassa Compagnie in Lissabon über die Über-nahme seiner Gesellschaft in deutsche Hände.
Im Juli 1914 legt Portugal eine Anleihe von 160 Millionen Mark auf, für die Entwicklung von Angola, die im Laufe eines Jahres aufgebracht werden soll. Ein von deutschen Banken geführtes Konsortium hat die erste große Teil-anleihe von 32 Millionen Mitte Juli sicher. Auch die wei-teren Anleiheteile wird Portugal an die deutschgeführte Gruppe vergeben müssen, da England bereits einer eng-lischen Gruppe eine Unterstützung bei der Anleihever-gabe verweigert hat, im Sinne des deutsch-englischen Vertrages vom August 1913. Als Sicherheit für die An-leihe werden portugiesische Zölle der Kolonie Angola an das Bankenkonsortium verpfändet. Die deutsche Regie-rung und die Banken sehen darauf, daß die Anleihegel-der möglichst an Aufträge für deutsche Unternehmen gehen, insbesondere für die Eisenbahnbauten.
Diese portugiesische Staatsanleihe mit der Sicherung durch Zolleinnahmen von Angola ist auch das entschei-dende Element in dem Vertrag von 1913 zwischen Eng-land und Deutschland für die Übernahme der portugie-sischen Kolonien.