Kategorien
Bildung

England ist in Schulwesen und Wissenschaft bereits hoffnungslos gegenüber Deutschland abgeschlagen, was langfristig seinen industriellen Niedergang besie-gelt. Nicht zufällig heimst Deutschland bei weitem die meisten wissenschaftlichen Nobelpreise ein und über-haupt fast doppelt so viele Nobelpreise wie jedes andere Volk.

Schon 1828 sagte Goethe: „Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hun-dert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenstän-den aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da…“

Das sagte Goethe noch zum Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland und seitdem wurden und werden neue Universitäten gegründet und technische Fachschulen für alle Bereiche der Industrie geschaffen, was nun Deutschland die weltweite Führung in Wissen-schaft und Technik eingebracht hat und dadurch auch die deutsche Wirtschaft nach ganz vorne gebracht hat, zum Wohle des deutschen Volkes.

Im März 1911 finden Beratung des Kulturetats im Preußischen Abgeordnetenhaus statt. Preußen, das als Bundesland des Deutschen Reiches zwei Drittel des Deutschen Reiches ausmacht, gibt von allen Ländern der Welt am meisten für Schule und Kultur aus: 11,80 Mark pro Kopf. In Frankreich sind es 9,20 Mark und in Großbritannien 7,30 Mark.

Das französische Schulsystem ist mangelhaft und ba-siert auf sinnlosem Auswendiglernen. Auch deshalb fällt Frankreich wissenschaftlich und wirtschaftlich immer weiter hinter Deutschland zurück.

Gustave Le Bon schreibt in seinem berühmten Werk Psychologie der Massen von 1895: »Die erste Gefahr dieser Erziehung [der französischen], die treffend als lateinisch gekennzeichnet wird, beruht auf einem psy-chologischen Grundirrtum, sich einzubilden, die Intelli-genz entwickele sich durch Auswendiglernen von Lehr-büchern. Ferner bemüht man sich, soviel als möglich zu lehren, und von der Volksschule bis zur Doktor- oder Staatsprüfung hat der junge Mann sich nur mit dem In-halt von Büchern vollzustopfen, ohne jemals sein Urteil oder seine Entschlußkraft zu üben. – Ein Kaufmann fin-det schwer einen Stellvertreter in den Kolonien, aber es gibt Tausende von Kandidaten, die sich um die beschei-densten öffentlichen Stellungen bemühen. – Die Erfah-rung allein, die letzte Lehrmeisterin der Völker, wird es übernehmen, uns unseren Irrtum zu zeigen. Sie allein wird mächtig genug sein, uns die Notwendigkeit des Er-satzes unserer abscheulichen Lehrbücher, unserer kläg-lichen Prüfungen durch einen berufsmäßigen Unter-richt zu beweisen, der die Jugend befähigt, zu den Fel-dern, zu den Werkstätten, zu den kolonialen Unterneh-mungen zurückzukehren, die heute verlassen sind. – Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter sind die Bedin-gungen des Erfolges im Leben, sie sind nicht aus Bü-chern zu lernen.«

So ist es kein Wunder, daß die französischen Kolonien verwaltet werden von Bürokaten ohne jede Kenntnis der Wirklichkeit des Lebens. Auch ist das zivilisierte Leben in Frankreich dem Leben in Wüsten und Dschungeln fern jeder Zivilisation nicht gerade erstrebenswert für einen französischen Beamten, sodaß zweit- und dritt-klassige Beamte in die Kolonien gehen/gegangen wer-den.

Kategorien
Wohlfahrt

Vergleicht man die sozialen Einrichtungen für das Volk in den wirtschaftlich und politisch mächtigsten Staaten um die Jahrhundertwende – England, Frankreich die Vereinigten Staaten und Deutschland – die auch gleich-zeitig alle vier Kolonialmächte sind, und England, Frank-reich und Deutschland die drei größten überhaupt, so hat von diesen vier großen, mächtigen Staaten über-haupt nur Deutschland eine wirkliche Sozialfürsorge für sein Volk. So seit 1883 eine Krankenversicherung, seit 1884 eine Unfallversicherung und seit 1889 eine Invali-ditätsversicherung. Reichskanzler Bismarck hatte diese Sozialversicherungen für das deutsche Volk geschaffen.

Doch mit Bismarcks Sozialgesetzgebungen in den 1880er Jahren endet die Entwicklung des Sozialstaates in Deutschland nicht. 1897 wird Arthur Graf von Posa-dowsky Staatssekretär des Reichsamts des Innern und Vizekanzler und die »Ära Posadowsky« beginnt. So wer-den um die Jahrhundertwende sowohl die Renten- wie auch die Unfallversicherung umfassend novelliert. 1903 wird das »Kinderschutzgesetz« geschaffen. Die Weiter-entwicklung des Sozialstaates in Deutschland läuft un-ablässig und wird auch von der oppositionellen SPD im Reichstag unterstützt. Als 1907 Querelen der Parteien im Reichstag aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in der Kolonialpolitik Posadowsky die notwendige Mehr-heit für seine Sozialpolitik entziehen, tritt er zurück. Doch Bismarck und Posadowsky haben einen Sozialstaat geschaffen wie er einmalig auf der Welt ist. Abzulesen ist ihr Werk an den jährlichen Sozialausgaben der gro-ßen Staaten. Die Sozialausgaben aus dem Staatshaushalt für 1908 sind in Deutschland 1,69 Mark je Einwohner, in Frankreich 0,27 Mark, in England 0,07 Mark und in den USA gibt es überhaupt keine Sozialausgaben des Staates für das Volk, das doch die Steuern für den Staat und seine Machthaber aufbringt.

Während in Deutschland die Armut beseitigt ist gibt es in England fürchterliche Slums und unsoziale Verhält-nisse. Im Jahre 1900 muß die Mindestgröße von Rekru-ten in England auf fünf Fuß herabgesetzt werden, weil die mangelhafte Ernährung auch das Größenwachstum des Volkes verringert.

Bei den Wahlen von 1906 in England kann erstmals die Labour Party, die Arbeiterpartei, ins englische Parla-ment einziehen und eine Sozialgesetzgebung wird nun begonnen. 1908 erklärt Winston Churchill, Unterstaats-sekretär im Kolonialministerium, dem neuen britischen PremierministerHerbert Henry Asquith: „I say – thrust a big slice of Bismarckianism over the whole underside of our industrial system, and await the consequences, whatever they may be, with a good conscience.” / „Ich sage, werfen Sie ein ordentliches Stück bismarckscher Sozialpolitik unter unsere ganze Industrie und erwarten Sie die Ergebnisse, welche auch immer sie sein mögen, mit gutem Gewissen.“ 

Asquiths Minister David Lloyd George hatte sich schon selbst das deutsche Gesundheitssystem angesehen und schickt Fachleute nach Deutschland, für ein genaues Studium des deutschen Gesundheitswesen, als er zu-sammen mit seinem Premierminister ab 1908, nach deutschem Vorbild, in England, der Weltmacht, soziale Absicherungen für das Volk anfängt einzuführen. 25 Jahre nachdem Deutschland eine Sozialgesetzgebung für seine Bevölkerung geschaffen hat.

Bismarck sagte einmal zu einem US-Amerikaner: „Das Hauptziel der Staatsführung besteht darin, oder sollte darin bestehen, das Volk glücklich und wohlhabend zu machen und ihm Frieden und Reichtum zu geben. Mö-gen die verschiedenen Regierungsformen miteinander wetteifern, um dieses große Ziel zu erreichen. Wir fürchten uns nicht vor Vergleichen.“

In den USA gibt es überhaupt keine soziale Absicherung der Bevölkerung. Bei der Weltausstellung in den Verei-nigten Staaten in Sankt Louis 1904 wird eine Sonder-ausstellung über die Arbeiterversicherungen in Deutschland gezeigt, mit fast 1000 Fotos zu den neue-sten Unfallverhütungseinrichtungen in Deutschland. Deutschland will auf der Weltausstellung auch seine staatlichen Versicherungen und Arbeiterschutzbestim-mungen vorstellen. Von den USA wird dagegen den deutschen Vertretern gegenüber die Auffassung ver-treten, daß die finanzielle Unterstützung von Kranken, Krüppeln, Siechen und Schwachen den natürlichen Ausleseprozeß hindere und nur durch Ausscheidung alles Minderwertigen könne eine Nation groß und stark werden. Diese Ansicht wird von der deutschen Vertre-tung als verfehlt zurückgewiesen.

Die Fotosammlung zu den Unfallverhütungseinrichtun-gen in Deutschland wird der Harvard-Universität über-lassen.

In Frankreich tritt schließlich 1911 das Gesetz über die Altersversorgung in Kraft. Es gibt noch nach den Ge-setzen von 1893 und 1905 eine Fürsorge für ganz Arme, aber in allen anderen Bereichen ist die arbeitsfähige Be-völkerung Frankreichs indes weiterhin zur Absicherung von Risiken auf Selbsthilfe angewiesen.

Arbeitslosigkeit ist ein weiteres Feld der Sozialpolitik, spielt aber in Deutschland kaum eine Rolle und wird deshalb auch nicht als gesetzgeberisch zu behandelndes Thema betrachtet, da die jährliche Arbeitslosigkeit zwi-schen 1895 und 1913 lediglich in den Jahren 1901 und 1902 die Grenze von 3 % übersteigt und liegt in den übri-gen Jahren bei etwa 1 %. Von erheblich höherer Arbeits-losigkeit sind England und Frankreich betroffen wo die Arbeitslosenrate ständig bei 5 bis 10 % liegt und auch keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit existiert.

Auch die Organisation der Arbeiterschaft ist in Deutsch-land am höchsten. Mit der Zahl von rund 3½ Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern steht Deutschland 1910 an der Spitze aller Länder, in Groß-britannien sind es 3 Millionen und in den USA 2¼ Millionen. Von den über 14 Millionen deutschen Arbei-tern ist somit rund ein Viertel in Gewerkschaften zusammengefaßt. Mit der Drohung von Streiks oder Streiks selbst kann die deutsche Arbeiterschaft also ei-nen starken Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Streiks sind in Deutschland aber wesentlich seltener und längst nicht so gewalttätig wie in England und Frankreich, wo Unruhen aufgebrachter Arbeiter von der Staatsgewalt unterdrückt werden.

Dazu kommt die vorbildliche deutsche Kolonialarbeit. Mit Schulen, Krankenhäusern, der Seuchenbekämp-fung und tropische Medizin für die farbige Bevölkerung in den deutschen Kolonien steht Deutschland von allen Kolonialmächten an erster Stelle.

Kategorien
Wirtschaft VII

In den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende stellt die deutsche Industrie immer neue Höchstleistungen in al-len Bereichen der Wirtschaft auf. Stahlindustrie, Ma-schinenbau und Schiffbau, Elektroindustrie und Chemi-sche Industrie boomen und kein Land stellt mehr Nobelpreisträger als Deutschland. So kann Deutschland von 1880 bis 1913 seinen Anteil an der Weltproduktion von 8,5 auf 14,8 Prozent erhöhen. 1913 hat der deutsche Außenhandel ein Volumen von 22,5 Milliarden Mark und der von England 28,6 Milliarden Mark. Wegen seiner verhältnismäßig geringen Landwirtschaft, auch bedingt durch die Mißwirtschaft der preußischen Jun-ker auf ihren Landgütern, muß Deutschland ein Drittel seiner Lebensmittel einführen, kann diese Importe aber mit Leichtigkeit aus seinen Exporterlösen aus dem Ver-kauf von industriellen Waren bezahlen.

Schon 1910 wird 70 % des deutschen Außenhandels über See abgewickelt. 1914 besitzt Großbritannien mit allen angeschlossenen Staaten (Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland) und den Kolonien seines Weltreiches 18,9 Millionen Bruttoregistertonnen (BRT) an Handels-schiffen, an zweiter Stelle der Rangliste der Weltschif-fahrt steht Deutschland mit 5,4 Millionen BRT und an dritter Stelle die USA mit 2,1 Millionen BRT.

Deutschland hatte seine ersten Maschinen in England, dem Mutterland der Industriellen Revolution, gekauft. 1913 ist ein Selbstversorgungsgrad in der Maschinen-herstellung von 95 % erreicht, während der Englands nur mehr 88 % beträgt.

Die wachsende Wirtschaftskraft Deutschlands ermög-licht ein ständiges Steigen der Einkommen der Massen und eine immer bessere soziale Versorgung der Bevöl-kerung. Deutschland ist weltweit führend in Wohlfahrt und Wohlstand des Volkes. Dabei ist die Zahl der Beam-ten gering und die Kosten des Bürgers für den Staat leicht tragbar. Die Steuern sind niedrig und das Reich nimmt einen großen Teil seiner Einnahmen durch Zölle ein.

Der Jahreslohn von Industriearbeitern und Handwer-kern im Deutschen Reich beträgt 1890 711 Mark, 1900 843 Mark und 1910 1063 Mark und ohne daß es eine Inflation gegeben hätte.

Die Steuerlast liegt 1913 in Deutschland mit 54,62 Mark auf jedem Bürger, in Frankreich mit 72,10 Mark und in England mit 89,92 Mark. Die Staatsschulden belaufen sich 1912 in Deutschland auf 20,5 Milliarden Goldmark gleich 310 Mark Verschuldung je Einwohner. In Frank-reich sind es 658 Mark je Einwohner und in England 324 Mark auf den einzelnen Bewohner an Staatsschulden. Die Schulden der deutschen Bahnen sind im deutschen Gesamthaushalt mit eingerechnet. In England ist die Bahn nicht Bestandteil des Staatshaushaltes. Ohne die Bahnschulden beträgt die deutsche Pro-Kopf-Verschul-dung 167 Mark.

Kategorien
Demokratie

Als im preußisch-österreichischen Krieg mit dem Sieg Preußens im Juli 1866, und durch seine Verträge mit deutschen Staaten im August des Jahres, das Deutsche Reich wiederersteht – zunächst unter der Bezeichnung Norddeutscher Bund – gilt von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht für den vom Volk gewählten Reichstag.

Als am 10. Dezember 1870 der Reichstag beschließt den Namen des Staates in Deutsches Reich umzubenennen, bleibt das Wahlrecht für den Reichstag unverändert bestehen. Im deutschen Kaiserreich – mit der Erhebung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser im Ja-nuar 1871 – , eine demokratische Monarchie wie das englische Königreich, gilt also von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht. Die Gleichheit der Wahlberechtigung gibt es in England, das tatsäch-lich vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gilt in Deutschland seit der ersten Reichstagswahl im Jahr 1867, in England sind dagegen nur Männer wahlberech-tigt, die ein eigenes Haus besitzen oder eine jährliche Mindestsumme an Miete zahlen. In Frankreich gilt das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht schon seit 1848, aber mit schweren Wahlmanipulationen. Wahl-berechtigte der Gesamtbevölkerung sind in Deutsch-land 1871 19,4 %, 1905 22,2 %. In England 1883 8,2 %, 1914 16,4 %. In Frankreich sind es immer um die 27-28 % der Bevölkerung.

Allerdings gibt es in allen drei Ländern kein Frauen-wahlrecht. Das erste Land mit Frauenwahlrecht ist Neu-seeland 1893, dann folgt 1902 Australien und Finnland 1906. Der vierte Staat der Welt, der das Frauenwahlrecht einführt ist 1913 Norwegen.

Während der Anteil der Wahlberechtigten in Frank-reich wegen des niedrigeren Wahlalters von 21 Jahren größer ist als in Deutschland mit 25 Jahren, liegen die entsprechenden Zahlen in England mit ebenfalls Wahl-recht ab 25 Jahren stets unter den deutschen. Die Gleich-heit der Wahlberechtigung gibt es in England, das vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Die Anpassung der Wahlkreise an die Bevölkerungs-entwicklung erfolgt in allen Staaten nicht ohne Partei-interessen. Doch das Ausmaß der Wahlbeeinflussung nimmt in England einen erschreckend hohen Umfang an (gerrymandering). Frankreichs Wahlen sind eben-falls aus Gründen der Machterhaltung und der Partei-interessen von erheblichen Manipulationen unter-schiedlichster Art gekennzeichnet. Die Wahlen in Deutschland werden dagegen äußerst korrekt abgehal-ten.

Ein weiterer entscheidender Unterschied zwischen den vorgeblich demokratischen Staaten England und Frank-reich und Deutschland sind die Diäten. In Deutschland bekommen die vom Volk gewählten Abgeordneten eben Diäten, ein Gehalt vom Staat für ihre Tätigkeit für das Gemeinwohl, während in England und Frankreich über-haupt nur reiche Leute Abgeordnete werden können, weil die Abgeordneten sich selbst finanzieren müssen. Damit ist in England und Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, gewährleistet, daß die Reichen grundsätz-lich die Armen regieren, egal welcher der Parteien im Parlament das Volk seine Stimme gibt. 

Die Abgeordneten in Frankreich erhalten seit 1906 ausreichend Diäten, so daß nicht mehr nur die adelige Oberschicht das Volk regiert. In England wird am 18. August 1911 das Vetorechts des Oberhauses, der Adli-genvertretung Großbritanniens, abgeschafft, die Parla-mentsdauer von sieben auf fünf Jahre verringert und die Unterhaus-Abgeordneten erhalten Diäten. So können zum ersten Mal von ihrer Arbeit abhängige Menschen in das englische Parlament gewählt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammensetzung der Regierung. Die deutschen Minister, Staatssekretäre genannt – die englischen Minister heißen Secretaries – , sind überwiegend Beamte vom Fach und keine Partei-größen, die sich im innerparteilichen und innenpoliti-schen Machtkämpfen schließlich zum Ministeramt durchgeboxt haben, ohne die geringste Kompetenz für das Sachgebiet wie oft in England und Frankreich, von anderen Ländern ganz zu schweigen. Zudem erfolgt an der Regierungs- und Gesetzesarbeit in Deutschland eine intensive Mitwirkung von Verbänden, Wissenschafts-vereinigungen und den Vereinen.

Daß in Deutschland die Minister Staatssekretäre ge-nannt werden und die Ministerien Ämter, hängt mit der Gründung des Reiches zusammen. Zu der Zeit war Preu-ßen der Antrieb für die Bildung des Reiches. In Preußen, nun Bundesland Preußen des Deutschen Reiches, das zwei Drittel des Reiches ausmacht, gibt es Minister und Ministerien in seiner Hauptstadt Berlin. Um die preu-ßischen Ministerien von den Ministerien des Reiches, die nun auch in Berlin sitzen, welches jetzt auch Reichs-hauptstadt ist, zu unterscheiden, werden die Reichs-minister und Reichsministerien Staatssekretäre und Ämter genannt. Aber schon Bismarck nannte die Staats-sekretäre auch Minister.

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Mitwirkung des Volkes auch in den unteren Organen des Staates ist die Städte- und Gemeindeordnung. Die Städte- und Ge-meindeordnung erlaubt etwa im Vergleich zu England mehr Mitwirkung der Bevölkerung, daher mehr Demo-kratie.

Alles zusammengenommen ist das die angewendete, wirkliche Demokratie im Deutschen Kaiserreich von der die anderen Großmächte noch ein ganzes Stück ent-fernt sind.

So ist Deutschland von den Großmächten das demokra-tischste Land. Verwaltung und Gerichte sind unbestech-lich und niemand würde auch nur wagen einen Beam-ten zu bestechen. Auch die Gemeindeverwaltungen sind sauber, ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die Korruption schon auf der Ebene der Stadtverwaltungen blüht. Die Gerichte sind unabhängig und nicht der Re-gierung hörig. Auch der deutsche Kaiser verliert Ge-richtsprozesse. So am 1. März 1913 einen Prozeß gegen den Pächter einer seiner Ländereien vor der Zivilkam-mer des westpreußischen Elbing.

Deutschland ist ein vorzüglich verwaltetes Land, dessen geistiges und wirtschaftliches Leben in reicher Blüte steht. Das Deutsche Reich ist ein Rechtsstaat mit dem freiheitlichsten Wahlrecht in Europa. Und Deutschland ist der erste Sozialstaat, der erste Staat auf der Welt, dessen Fürsorge nicht den Reichen und Mächtigen, sondern dem Volke gilt.

Goethes Worte von 1813 über die »Bestimmung« des deutschen Volkes, »welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römi-schen Reiches und der Gestaltung des Mittel-Alters…«, in den Dichterworten von Emanuel Geibel von 1861 Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen, bewahrheiten sich. Deutschland mit seiner Demokratie, seiner Volksbildung, seinen wirtschaft-lichen und wissenschaftlichen Leistungen und seiner Wohlfahrt für das Volk ist ein Vorbild für die Welt.

Kategorien
Deutsche Geschichte

Das 1806 aufgelöste Reich mit einem kurzen Wieder-erstehen und erneutem Untergehen 1848/49 entsteht schließlich 1866 neu.

Als Arnulf von Kärnten am 11. November 887 in Tribur bei Frankfurt am Main zum König des Ostfränkischen Reiches gekrönt wird, ist mit dieser Krönung das Reich der deutschen Könige und Kaiser aus der Taufe geho-ben. Waren bisher fränkische Teilreiche, wie auch das zuvor schon einmal bestehende Ostfränkische Reich, grundsätzlich nur Erbteile des Fränkischen Reiches, und folglich Verfügungsmasse für andere fränkische Reichsbildungen, so bleibt ab dem Jahre 887 dieses Reich der Ostfranken als Einheit beständig bis zu seiner Auflösung 1806 durch Napoleon.

Über dieses schon längst überlebte Reich, das 887 ohne eigentliche Gründung ins Leben trat und schließlich spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 vor sich hin siechte, schreibt Goethe 1807 in einem Brief:

»Wenn aber die Menschen über ein Ganzes jammern, das verloren seyn soll, das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Lebtag gesehen, noch viel weniger sich darum bekümmert hat; so muß ich meine Ungeduld verbergen, um nicht unhöflich zu werden…«

Für Goethe existiert das nun politisch vorläufig ver-schwundene Reich weiter, »das verloren seyn soll«, weil er noch große Aufgaben für das deutsche Volk sieht, das nicht nur zur Zertrümmerung des Römischen Reiches seinen Dienst geleistet und das Mittelalter gestaltet, sondern noch Aufgaben in der Zukunft habe wie er 1813 meint:

»Hätten sie [die Deutschen] keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüch-tigkeit, so müssen sie, nach meinem Glauben, noch eine große Bestimmung haben, eine Bestimmung, welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestal-tung des Mittel-Alters…«

1866 schlägt die Stunde des neuen Deutschen Reiches.

Kategorien
Wirtschaftliche Übernahmevorbereitungen

Das Auswärtige Amt sammelt seit März 1912 Unterlagen über wirtschaftliche Unternehmungen in Mosambik. Das Reichskolonialamt läßt sich Anfang 1912 vom Grenz-bezirk von Deutsch Ostafrika zu Mosambik über die Verhältnisse auf der mosambikanischen Seite einen Bericht erstellen und fordert vom Auswärtigen Amt Konsularberichte über Nordmosambik an. Die Analysen des Reichskolonialamtes über Nordmosambik zeigen die Rückständigkeit des Landes.

Von besonderem deutschen Interesse ist die Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa) in Nordmosambik als Konzessionär der Hälfte der ganzen Landfläche von Nordmosambik. Das Gebiet der Nyassa Compagnie reicht vom Grenzfluß Ruwuma zu Deutsch Ostafrika bis zum Lurio und umfaßt rund 150.000 qkm. Anfang Dezember 1913 treffen die von den beiden deutschen Konsuln in Port Amelia und Lorenço Marques in Mosambik erstellten Berichte beim Reichskanzler Beth-mann Hollweg ein. In den Berichten der Konsular-beamten findet sich, daß es der Compagnie, im Zusam-menwirken mit der portugiesischen Kolonialverwal-tung, erst Anfang November 1912 gelungen ist, die letzten aufständischen Stämme in ihrem Territorium zu besiegen. Dadurch kann die Gesellschaft erstmals in ihrem gesamten Gebiet die Hüttensteuer eintreiben, was offensichtlich mit kaum zu überbietender Brutalität und Unmenschlichkeit geschieht. Auch bei der Zwangs-rekrutierung von Arbeitskräften für die Farmen von Angestellten der Gesellschaft läßt die Verwaltung der Nyassa Compagnie äußerste Grausamkeit walten. Die Schreiber der Berichte betonen, daß die Nyassa Com-pagnie aufgrund ihres Kapitalmangels nur auf Personen sehr geringen Bildungsniveaus zurückgreifen kann. Der Konsul in Porto Amelia beschreibt das von den Beamten und Unteroffizieren, die von der Nyassa Compagnie angestellt worden sind, praktizierte Verfahren:

»Das Land wird also durch ein System beherrscht, das durchaus geeignet ist, zumal bei solchen, jeder mora-lischen Verantwortung baren Beamten, die unteren Organe zu Erpressungen zu verführen und die oberen Organe der Beamten zum ‚Gehenlassen’ solcher Art Verwaltung zu veranlassen.«

Die Eingeborenen führten auch Beschwerde, daß sie die Hüttensteuer nicht nur einmal pro Jahr, sondern zum Teil zwei- und dreimal pro Jahr zu entrichten hätten.

Nach deutschen Maßstäben sind auch viele der portu-giesischen Verwaltungsposten und ihre Anlagen ver-wahrlost.

Die Nyassa Compagnie hat in den Jahren ihres Beste-hens seit 1891 praktisch keine wirtschaftliche Erschlie-ßung ihres Besitzes betrieben, sondern, wie andere Gesellschaften in Mosambik auch, sich auf das Vermit-teln von Arbeitskräften aus ihrem Bereich in die Berg-werke nach Südafrika verlegt. Um die 5000 Arbeitskrä-fte aus dem Konzessionsgebiet der Compagnie gehen so jährlich nach Südafrika. Nach Berechnungen im süd-afrikanischen Johannesburg liegt die Todesrate jährlich bei 7 % bis 8 % der Arbeiter, die von der Companhia do Nyassa kommen, auch verursacht durch den Wechsel der Arbeiter vom tropischen Nordmosambik ins gemä-ßigte Klima von Südafrika mit seinen Wintern. Aber allein in den sogenannten compounds, geschlossenen Lagern in und um Johannisburg, in denen die Arbeiter zur Akklimatisierung und Verteilung auf die Minen ge-bracht werden und dort etwa drei Wochen bleiben, liegt die Sterblichkeit im März 1913 auf das Jahr berechnet bei 30 % und im April bei 21,5 %. Diese hohen Todesraten unter den Arbeitern aus Mosambik führt zu Protesten in England und in Südafrika, sodaß 1913 ein Anwerbestopp für Arbeiter aus dem nördlichen Mosambik erfolgt. Mit dem Anwerbestopp entfällt für die portugiesische Kolo-nialverwaltung von Mosambik und für die ansonsten wirtschaftlich völlig untätige Nyassa Compagnie eine sehr lukrative Einnah-mequelle.

Im Konzessionsgebiet der Nyassa Compagnie betreibt die Hamburger Handelsgesellschaft Philippi & Co Nie-derlassungen und Ende 1913 laufen von der Kolonialver-waltung von Deutsch Ostafrika Verhandlungen mit der Nyassa Compagnie über die Anwerbung von Arbeits-kräften für die Farmen in der deutschen Kolonie, aber tatsächlich dienen diese Verhandlungen der Ausfor-schung der Gesellschaft für ihre Übernahme und die deutschen Konsulate in Mosambik sind angewiesen das Ihrige in diesem Zusammenhang zu tun. So enden diese Gespräche in Ibo in Nordmosambik auch ergebnislos.

1914 beschließen die Reedereien Deutsche Ost-Afrika Linie, Woermann-Linie und Hamburg-Bremer Afrika-Linie das gemeinsame befahren der Afrika-Linien mit je zwei monatlichen Abfahrten für die westliche Rundfahrt um Afrika und je zwei monatlichen Abfahrten für die östliche Rundfahrt um Afrika mit regelmäßiger Ver-bindung zwischen den Häfen Deutsch Ostafrikas und Portugiesisch Ostafrikas im Anschluß an die Haupt-dampfer.


Konsul Carl Singelmann, dem Interna der Verhandlun-gen zwischen Deutschland und England über die Teilung der portugiesischen Kolonien bekannt sind, hält am 9. Dezember 1913 in Straßburg einen Vortrag, in dem er un-ter anderem ausführt: Für Deutschland ist besonders der Süden von Angola wichtig. Hat Deutsch Südwestaf-rika von Swakopmund in der Mitte der Küstenlinie der deutschen Kolonie bis zur angolanischen Grenze kei-nerlei Hafenplatz, der auch nur als Reede bezeichnet werden könnte, hat der Süden von Angola in der Nähe der deutschen Grenze gleich drei vorzügliche Häfen auf-zuweisen: Mossamedes, Alexanderhafen und Tigerbai, wobei die mächtige Tigerbai nur 60 km von der deut-schen Grenze entfernt liegt. Von diesen vorzüglichen Ankerplätzen kann nicht nur der Süden der portugiesi-schen Kolonie, sondern auch der ganze bisher noch un-entwickelt daliegende Norden von Deutsch Südwest-afrika wirtschaftlich ausgenutzt werden. Ferner ist für Deutsch Südwest sehr wichtig, daß, während das mitt-lere Angola für São Tomé und Principe die Arbeiter liefert, das südlichste Angola, namentlich der Ovambo-stamm der Kuanjamas, Arbeiter nach Deutsch Südwest abgibt, wodurch einem großen Arbeitermangel abgehol-fen wird. Wichtig für die fernere Entwicklung Angolas ist, daß drei Eisenbahnen begonnen haben, das Innere zu erschließen, in Norden die Loandabahn, jetzt 500 km lang, in der Mitte die Lobito-Benguella-Katangabahn, jetzt ebenfalls 500 km lang, und im Süden die Mossa-medesbahn, jetzt 170 km lang. Ferner ist wichtig, daß im Innern Angolas ausgedehnte Hochflächen zwischen 1300 m und 2000 m Höhe in Verbindung mit diesen Bahnen vorhanden sind, wo der Europäer nicht bloß, wie sonst in den Tropen, als aufsichtsführender Beamter tätig zu sein vermag, sondern auch selbst mitarbeiten kann. Diese Hochländer in einer Ausdehnung von über 70.000 Quadratkilometern eigen sich daher vorzüglich zu einer großzügigen Kolonisation, für die für den Anbau besonders Getreide und Gemüse in Betracht kommen.

Angolas Ein- und Ausfuhr beträgt je 25 Millionen Mark. Angola hat gute Produktionsmöglichkeiten, außer für den bisher vorzugsweise genutzten Wurzelkautschuk, auch für Plantagenkautschuk, Zuckerrohr (in diesem Jahre [1913] 9000 t Rohrzucker), Baumwolle, Ölfrüchte, Eisen und Petroleum.

Soweit Konsul Singelmann in seinem Vortrag.

Über die Bahnen in Angola weiß man, daß die beiden Bahnen von Lobito (Benguella-Bahn) und Mossamedes an der Schwelle zum Hochland festhängen. Ihr Wei-terbau steht dort praktisch still. Die Lobito-Bahn soll weitere 700 km durch Angola führen und dann nochmals 500 Kilometer hinein nach Belgisch Kongo, zu den Bergbaugebieten in Katanga.

Im Januar 1914 fügt die Deutsche Ost-Afrika Linie die beiden angolanischen Hafenstädte Lobito und Mossa-medes in ihren Fahrdienst um Afrika ein.

Ein Problem nach der Übernahme der Kolonie in deut-sche Hände ist die Gleichstellung der 20.000 Mulatten mit den 10.000 Weißen nach portugiesischem Recht. Dies wird ein deutsches Rechtsproblem werden.


Gegen Ende des Jahres 1913 sind die Pläne für die wirtschaftliche Übernahme Angolas so weit gediehen, daß am 9. Februar 1914 von deutschen Großbanken das Übersee Studiensyndikat gegründet wird, in dem auch das Auswärtige Amt und das Reichskolonialamt Mit-glieder sind, um die wirtschaftliche Übernahme der por-tugiesischen Kolonie praktisch in Angriff zu nehmen. Kurz darauf ist auch der portugiesische Zweig des Stu-diensyndikats gegründet und unter dem Namen Com-panhia do Sul d’Angola treibt das deutsche Syndikat vor Ort in Lissabon seine wirtschaftlichen und politischen Interessen voran. Die Mitglieder der Companhia do Sul d’Angola sind natürlich besonders ausgewählt und ver-fügen über erstklassige Verbindungen zur portugiesi-schen Regierung.

1912 kommt eine schon vor 1900 geplante Eisenbahn-linie vom Kupferminendistrikt Otavi in Südwestafrika nach Südangola wieder in die deutsche Planung. Durch diese Eisenbahnlinie würde sich eine wesentlich bes-sere Verschiffung des Kupfers aus Südwest ergeben und als Nebeneffekt eine Entwicklung der Gegenden, die die Bahnlinie passiert. Von der 800 Kilometer langen Strek-ke läge etwa die Hälfte in Südwest und die andere Hälfte in Angola. Diese Entfernung bezieht sich allerdings auf eine Trasse von Otavi über den Ort Humbe in Angola nach Port Alexander. Die günstigere Verbindung nach Tiger Bai dürfte 100 km kürzer sein, aber sie führt durch bautechnisch viel problematischeres Gebiet. Als erste ihrer Tätigkeiten kann nun die Companhia do Sul d’An-gola den Zuschlag für die Konzession für die Südango-labahn über Humbe nach Deutsch Südwestafrika sicher-stellen.

Vom Übersee Studiensyndikat wird Angola in Interes-senssphären der deutschen Wirtschaft aufgeteilt. So be-kommt die Diskonto-Gesellschaft die Südangolabahn und die Mossamedés Compagnie zugewiesen. Die Deut-sche Bank bekommt die Benguella-Bahn im mittleren Angola von Lobito ins Inland als Arbeitsfeld. Der Weiter-bau dieser Bahn war 1908 eingestellt worden. Die Bahn-baufirma Orenstein & Koppel wird der Weiterbau der Ambaca-Bahn in Norden von Angola von der Hauptstadt Loanda ins Hochland von Ambaca zugeteilt, die bis Malanje, auch Melange genannt, fertiggestellt ist. Im April 1914 ist Angola wirtschaftlich unter den deutschen Großunternehmen aufgeteilt.

Schon im April kann man auch in der deutschen Presse über die geplanten Aktivitäten des Studiensyndikats in Angola lesen und auch die deutsch-englischen Geheim-verhandlungen über die portugiesischen Kolonien sind seit längerem in der Presse zu finden.

Im April 1914 reist dann auch eine deutsche Wirt-schafts- und Regierungskommission nach Angola, aus-gesandt vom Übersee Studiensyndikat, zur Erfassung der Verhältnisse in der Kolonie. Vom Mai bis August wird von diesen Fachleuten vor Ort jeweils auf ihren Fachgebieten das Land untersucht und aus ihren Er-kenntnissen erstellen sie Geheimberichte. Ihr Aufent-halt in der portugiesischen Kolonie soll natürlich keinen Verdacht erregen. Es sind so aber bereits deutsche Fach-leute in Angola, die für die Übernahme des Landes in deutsche Herrschaft vorbereitende Arbeiten durchfüh-ren.

Während die in Angola weilende Studienkommission des Übersee Studiensyndikats die wirtschaftlichen Mög-lichkeiten in der Kolonie erkundet, werden auf Seiten des Syndikats Gedanken über Kapitalbeschaffung und Arbeitsteilung angestellt. Die Zukunftsaussichten für eine Erschließung der Kolonie durch die deutsche Wirt-schaft werden im Juni 1914 als gut eingeschätzt.


Einer der Fachleute für die Erkundung von Angola ist der landwirtschaftliche Sachverständige Paul Vageler, der Anfang 1914 in Daressalam ist und dort die »Ordre« erhält, sofort nach Berlin zur Durchführung eines Sonderauftrages zu kommen. In Berlin erfährt er vom Auswärtigen Amt von seinem Auftrag und geht mit dem Schiff nach Angola. Er soll auch nur an das Auswärtige Amt berichten und unabhängig von den Mitgliedern der Studienkommission des Übersee Studiensyndikats in Angola soll er seine Untersuchungen anstellen.

Vagelers Einschätzung der Lage in Angola sieht eine Mißwirtschaft im Lande. Auch stehen die Portugiesen in Angola einer Übernahme durch England und Deutsch-land ablehnend gegenüber. Ihr Nationalstolz sei betrof-fen und die ihnen bekannte eigene Verwaltung ist ihnen lieber als ein strenges Regiment von Fremden.

Vageler besichtigt auch zwei der drei Bahnlinien in der Kolonie. Dabei stellt er fest, daß das durch Flachland ge-hende Anfangsstück der Melange-Bahn, die vom Hafen Lobito an der mittelangolanischen Küste nach Melange im Landesinneren führt, sich in Schleifen durchs Land zieht. Laut Vertrag wurde die Bahn unter Kilometerga-rantie erbaut und so war jeder Kilometer im Flachland billig erstellt, aber wirtschaftlich sinnlos. Die zweite Bahn, die er besichtigt, im Süden Angolas gelegen, von Mossamedes ins Inland, die Benguella-Bahn, geht zu-nächst durch die Küstenwüste bis nach Villa Arriaga, wo der Aufstieg zum Hochland beginnt und deshalb der Bahnbau hier 1912 vorläufig wegen der Bauschwierigkei-ten endete. Paul Vageler sieht hier regelmäßig Trans-porte von Strafgefangenen beiderlei Geschlechts. Wäh-rend der westliche Teil des Hochlandes als befriedet gelten kann, sind weiter im Osten und im Ovamboland, welches an das Ovamboland von Deutsch Südwestafrika grenzt, portugiesische Truppen wenig erfolgreich zur Niederwerfung der Eingeborenen im Einsatz. Aber auch im westlichen Hochland verschwindet beim Auftauchen von Weißen die Dorfbevölkerung samt Vieh im Busch, bis die Absichten der Weißen geklärt sind und bei einem freundlichen Besuch versammelt sich das Volk wieder im Dorf.

Vagelers Einschätzung von Südangola in seinem Ge-heimbericht nach Berlin sieht keine Möglichkeit einer weißen Ansiedlung, auch weil alles wertvolle Land im Hochland schon von den Schwarzen besetzt ist und sich sonst nur dürftiges Weideland findet, das gerade für die kleinen Herden der Eingeborenen genügt. Das wasser-reiche und fruchtbare Hochplateau von Humpata ist bereits von einigen hundert Buren besetzt. Weiter im Osten finden sich wieder reichere Gegenden, die aber dicht besiedelt sind und verkehrstechnisch nicht er-schlossen, abgesehen davon, daß die Portugiesen diesen Teil der Kolonie auch nicht ihrer Herrschaft unterwer-fen konnten, und ebensowenig das noch weiter im Os-ten liegende Dünengebiet des Okavango.

Den Wildbestand von Elefanten, Nashörnern, Giraffen, Zebras und Antilopen am Fluß Kunene, der das südliche Angola durchzieht, sieht er durch die Jagd der dort im Winter von Humpata aus herumziehenden Buren als gefährdet an.

Über den Kumene, der im letzten Teil seines Laufes zum Atlantik Grenzfluß zwischen Angola und Deutsch Süd-westafrika ist, bemerkt er einen schwunghaften Handel der Einheimischen mit Elfenbein, Nashorn- und Nil-pferdhäuten, Schnaps, Patronen und Gewehren. Über die verbotenen Schmuggelgeschäfte versorgen sich die Aufständischen in Südangola auch mit Munition und Waffen für den Kampf gegen die Portugiesen.

Paul Vageler selbst sieht Anfang August 1914 das Ergeb-nis einer gerade durchgeführten portugiesischen Straf-expedition, »deren Spuren ich kopfschüttelnd passiert hatte«.

Weder die deutsche noch die portugiesische Seite kön-nen mit ihren Grenzpatrouillen den Schmuggel ernst-haft beeinträchtigen. Und die deutsche Seite ist sehr wohl auch an der Unruhe in Angola interessiert, sie gibt laut dem deutsch-englischen Vertrag über die portugie-sischen Kolonien einen guten Grund für die Übernahme der Kolonie ab, und so verschmerzen die Deutschen da-für gerne die Einbuße an Zollgebühren bei dem illegalen Handel.   

Den wirtschaftlichen Wert des südlichen Angola er-scheint Paul Vageler in seinem Bericht nach Berlin recht bescheiden.

1898 war ja schon ein Vertrag zwischen Deutschland und England geschlossen worden, der die Möglichkeit einer Aufteilung der portugiesischen Kolonien vorsah, und in dem auch große Teile Angolas an Deutschland gefallen wären. So führte 1899 das Kolonialwirtschaftliche Ko-mitee zusammen mit der in Paris ansässigen Companhia de Mossamedes, die zwar große Konzessionsrechte in Südangola hatte, aber kaum wirtschaftliche Aktivitäten dort zeigte, und der Londoner South West-Africa-Company, die eine Bahnlinie vom britischen Nord-rhodesien an die Küste von Südangola zur Tigerbai zu bauen plante, eine Expedition im Süden Angolas durch. Auch diese Expedition stellte den geringen wirtschaft-lichen Wert von Südangola fest.

Mitte August 1914 geht Vageler auf Weisung des Aus-wärtigen Amtes erneut auf Expedition in Südangola, für die weitere Erkundung des Landes. Acht Wochen ist er für diesen Erkundungszug »zum Kumene und in die Wildnisse des südlichen Schella« unterwegs, wie er schreibt.


Außer den Erkundungen durch das Übersee Studien-syndikat und das Auswärtige Amt ist bereits seit Mai 1913 die Expedition von Alfred Schachtzabel vom Berli-ner Museum für Völkerkunde in Angola. Schachtzabels Expedition arbeitet hauptsächlich im zentralen Süden Angolas und auch im August 1914 ist die Expedition noch in der großen westafrikanischen Kolonie Portugals un-terwegs.


Für den Ankauf der Nyassa Consolidated Ltd, die die Konzession über halb Nordmosambik hält, stellt das Auswärtige Amt kurzfristig 2,5 Millionen Mark aus seinem Geheimfond bereit, da das Reichskolonialamt augenblicklich noch nicht über das Geld verfügt, son-dern erst nachdem der Reichstag das Budget des Amtes für 1914 genehmigt hat, in dem ein großer Geheimfond für koloniale Unternehmungen eingestellt ist. Der Reichstag genehmigt schließlich ohne Nachfrage über den Zweck des Geheimfonds den Haushalt des Reichs-kolonialamtes, aber mit dem Geld des Auswärtigen Amtes kann nun sofort für Banken für den Ankauf der Aktien der Nyassa Consolidated Ltd für das Reich Garan-tie gestellt werden und die Banken stehen dabei nicht im unmittelbaren Verdacht für das Deutsche Reich zu handeln. So bildet sich im Januar 1914 ein deutsches Bankenkonsortium für diese Unternehmung und in dem Bankenkonsortium sind auch das Reichskolonial-amt und das Auswärtige Amt Mitglieder. Am 18. April 1914 wird der Vertrag zwischen den Banken und dem Reich abgeschlossen mit dem das Nyassa Konsortium gegründet ist, welches für die Verhandlungen, Käufe und die Verwaltung des erworbenen Eigentums zu-ständig ist.

Am 28. Mai 1914 kauft im Auftrag des Reiches das Nyassa Konsortium für 150.000 Pfund Sterling die englische Ge-sellschaft Nyassa Consolidated Ltd. Der Nyassa Consoli-dated Ltd gehört die portugiesische Gesellschaft Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa), deren Besitz von gut 160.000 Quadratkilometern halb Nordmosambik umfaßt. Im Juni beginnt das deutsche Konsortium mit der Vorbereitung der Übernahme des Vorsitzes im Auf-sichtsrat der nun deutschen Firma und der vorgese-henen Verlegung des Firmensitzes von London nach Hamburg.

Um die Kontrolle einfach zu halten, und um im Falle einer Annexion des Landbesitzes der Gesellschaft als deutsche Kolonie mit möglichst wenigen Anteilseignern zu tun zu haben, steuert das Auswärtige Amt dahin, möglichst wenige Mitglieder in das Syndikat für die Nyassa Consolidated Ltd aufzunehmen.

Im Juni/Juli 1914 ist Wilhelm Regendanz, ein kolonialpo-litisch aktiver Bankier, in Lissabon für die Bearbeitung von Fragen der portugiesischen Staatsanleihe für Ango-la, welche durch deutsche Banken finanziert wird. Regendanz informiert auch den portugiesischen Direk-tor der Nyassa Compagnie in Lissabon über die Über-nahme seiner Gesellschaft in deutsche Hände.

Im Juli 1914 legt Portugal eine Anleihe von 160 Millionen Mark auf, für die Entwicklung von Angola, die im Laufe eines Jahres aufgebracht werden soll. Ein von deutschen Banken geführtes Konsortium hat die erste große Teil-anleihe von 32 Millionen Mitte Juli sicher. Auch die wei-teren Anleiheteile wird Portugal an die deutschgeführte Gruppe vergeben müssen, da England bereits einer eng-lischen Gruppe eine Unterstützung bei der Anleihever-gabe verweigert hat, im Sinne des deutsch-englischen Vertrages vom August 1913. Als Sicherheit für die An-leihe werden portugiesische Zölle der Kolonie Angola an das Bankenkonsortium verpfändet. Die deutsche Regie-rung und die Banken sehen darauf, daß die Anleihegel-der möglichst an Aufträge für deutsche Unternehmen gehen, insbesondere für die Eisenbahnbauten.

Diese portugiesische Staatsanleihe mit der Sicherung durch Zolleinnahmen von Angola ist auch das entschei-dende Element in dem Vertrag von 1913 zwischen Eng-land und Deutschland für die Übernahme der portugie-sischen Kolonien.

Kategorien
Angola

Die portugiesische Kolonie Angola hat eine Landfläche von 1.246.700 km², eine Küstenlänge am Atlantik von 1625 km und 4,2 Millionen Einwohner. Angola ist haupt-sächlich ein Hochland von über tausend Metern Höhe. Bedingt durch seine Hochlage und dem kalten Bengu-ellastrom an der Küste ist Angola etwas kühler als seine tropische Lage erwarten läßt.

Von der gesamten Fläche Angolas fallen nach dem Ver-trag von 1913 zwischen Berlin und London die Masse an Deutschland und um die zehn Prozent – der südöstliche Landesteil östlich des 20. Längengrades bis zur Höhe der Grenze Belgisch Kongo-Nord-Rhodesien – an das briti-sche Nord-Rhodesien.

Etwa 9000 Portugiesen leben im Land, wovon aber etwa 2000 deportierte Verbrecher sind, die sich als Strafer-leichterung als erhoffte Kolonisten, hauptsächlich im Gewerbe, ziemlich frei bewegen dürfen und nach ihrer Strafverbüßung meistens in der Kolonie bleiben. Dazu kommen einige hundert Buren. Die portugiesische amt-liche Zahl der Weißen wird mit 30.000 angeben, wovon aber wiederum 20.000 Mischlinge sind.

Durch massive Eintreibung der Hüttensteuer von der einheimischen Bevölkerung hat die portugiesische Kolonialverwaltung die Einnahmen in Angola  von 1910 bis 1912 von 9,3 Millionen Mark auf 18,4 Millionen Mark verdoppeln können, dem steht aber in keiner Weise ein entsprechendes Wachstum der Wirtschaft entgegen, sodaß es sich weitgehend nur um eine Auspressung der Bevölkerung handelt. Trotzdem beträgt das Defizit der Kolonie 1912 immer noch 6,4 Millionen Mark.

Angebaut werden die typischen Tropenpflanzen wie Kaffee, Baumwolle, Zucker, Kautschuk, wegen der Hochlage aber auch Tabak, Reis, Mais und Getreide. Von den verschiedenen landwirtschaftlichen Versuchssta-tionen, die vom portugiesischen Staat gegründet wur-den, funktioniert nur eine einzige, die vom deutschen Botaniker Gosweiler geführte in Cazengo im Norden Angolas.

Drei Eisenbahnlinien sind in Betrieb und ihr Weiterbau ins Landesinnere ist geplant. Im Norden die Loanda-bahn, in der Mitte die Benguellabahn und im Süden die Mossamedesbahn. Die Bahnen sind nach ihren Aus-gangsstädten an der Küste benannt. Die Stadt Benguella hat 4000 Einwohner, Mossamedes 3500 und die Haupt-stadt Loanda 8000 Einwohner.

Ein Hauptproblem im Land ist der Arbeitskräftemangel und die Bevölkerung versucht sich mit allen Mittel, und wenn es die Flucht in Nachbarländer ist, den portu-giesischen Zwangsarbeitsmaßnahmen zu entziehen.   

Der Schiffsverkehr Angolas hat im Jahr etwa 500 Damp-fer mit einer Million Tonnen Fracht. Der Schiffsverkehr liegt zu 2/3 in den Händen der privilegierten privaten portugiesischen Linie Empreza nacional de navigaçao. Infolge der Zollpolitik zum Schutz der eigenen Schif-fahrtslinie verkehren sonst nur noch die deutsche ver-einigte Woermann- und HAPAG-Linie und die eng-lische Union-Castle-Linie, die beide ihr Hauptfracht-geschäft nach den deutschen und britischen Kolonien Westafrikas haben und Portugiesisch Westafrika nur nebenbei, wenn auch regelmäßig, anlaufen. Das deut-sche Frachtgeschäft mit Angola ist etwas größer als das englische und beträgt etwa 1/7 des ganzen angolani-schen Seeverkehrs.

Wegen seiner protektionistischen Zölle ist Portugal am Handel mit Angola mit 60 % beteiligt, England mit 16 % und Deutschland mit 14 %, andere Länder mit 10 %. Deutschland liefert vor allem Eisenwaren, Konfektions-waren, Wollwaren, Bier, Zucker und Möbel. Die Ausfuhr von Angola beläuft sich zu 70 % aus wildwachsendem Wurzelkautschuk (1912 gut 15 Millionen Mark). Danach folgen Wachs (2½ Mill. Mark) und Kaffee (2 Mill. Mark). In geringen Mengen werden noch Zucker, Baumwolle, Erze, getrocknete Fische, Häute und Palmkerne expor-tiert (Zusammen eine Mill. Mark). 


Im Süden Angolas befinden sich auch zwei Dörfer von 1905 während des Hererokrieges in Deutsch Südwest-afrika nach Angola geflüchteten Herero. Als 1914 Wil-helm Mattenklodt, der bei Grootfontein in Deutsch Süd-westafrika die 5000 Hektar große Farm Leipzig besitzt, auf Jagdexpedition im Süden Angolas ist, trifft er auch auf diese Gruppe Onguatjindu-Herero, die am Water-berg saß und im August 1904 beim Abzug der Herero vom Waterberg dabei war. Die Portugiesen gaben diesen Herero unter ihrem Führer Salatiel Kambazembi Land bei der burischen Kleinstadt Humpata und dafür muß Salatiel junge Männer seines Stammes für die portugie-sische Polizeitruppe stellen.

Mattenklodt wird von den Herero freundlich empfan-gen und für seine Jagdsafari mit Hilfskräften unterstützt. Wie die zukünftige deutsche Kolonialverwaltung auf ihre alten und neuen Untertanen reagieren wird bleibt abzuwarten. Salatiel will sicher wieder an den Water-berg zurück, wo schon sein Vater, der mächtige Herero-Häuptling Kambazembi sein Leben verbrachte und 1903 uralt gestorben ist. Salatiel hatte nicht am Aufstand der Herero im Januar 1904 teilgenommen und im Juli 1904 sich zu Verhandlungen zwischen den aufständischen Herero unter Samuel Maharero und den Deutschen be-reit erklärt. Der Führer der deutschen Truppen, General Lothar von Trotha, hatte aber Verhandlungen abgelehnt und so zog auch Salatiel mit seinen Herero vom Water-berg ab.


Eine wissenschaftliche Aufgabe steht im Süden Angolas an. So wie 1913 eine deutsche Expedition in Neukamerun auf Spuren des Mokele-Mbembe, einem Saurier, der bis in unsere Zeit überlebt habe soll, gestoßen ist, so berich-tet der Großwildjäger Hans Schomburgk, der 1906 selbst monatelang in Südangola unterwegs war: »Aus Angola bekam ich den glaubwürdigen Bericht einer deutschen Dame, die mit ihrem Mann in den Sumpfgebieten im Süden häufig auf Jagd war. Es soll sich hier um ein Tier namens Coje ya menia handeln, einen Wasserlöwen, wie ihn die Eingeborenen nennen. Das Tier soll am Tage im Wasser leben und nur nachts an Land kommen. Dadurch ist es zu erklären, daß man es noch nie gesehen hat. Daß in den großen Sumpfgebieten in Süd-Angola noch unbekannte Tiere vorkommen, davon bin ich voll-kommen überzeugt.«

Kategorien
Der Vertrag

1913 sagt der portugiesische Kolonialpolitiker João Fer-reira: „Treu dem portugiesischem System, die Dinge auf die lange Bank zu schieben, gestatten wir den anderen nicht, ordentlich zu arbeiten; arbeiten aber selbst auch nicht ordentlich. Es kann uns daher passieren, daß wir eines schönen Tages aus unseren Träumen erwachen, um in unseren Kolonien andere Herren, die kompeten-ter als wir, vorzufinden.“

Schon 1898 hatten Deutschland und England ein Ab-kommen über die Aufteilung der portugiesischen Kolo-nien getroffen, aber diese Vereinbarung wurde nicht umgesetzt, weil 1899 ein Windsor-Vertrag genannter geheimer Vertrag zwischen England und Portugal, der der deutschen Seite erst zufällig im Oktober 1913 be-kannt wird, den Vertrag von 1898 praktisch für ungültig erklärt. Weil England 1899 das portugiesische Mosam-bik für Truppen- und Nachschubtransporte für seinen Krieg gegen die Buren braucht, setzt Portugal – dem die deutsch-englischen Pläne in Bezug auf seine Kolonien bekannt sind – England unter Druck, nur dann diese Durchzugsgenehmigung zu erteilen, wenn London seinen kolonialen Besitz vertraglich bestätigen würde. London tut das wegen seiner militärischen Notlage in Südafrika, aber 1910 findet in Portugal ein Umsturz statt und aus dem Königreich Portugal – mit dem England den Windsor-Vertrag geschlossen hat – wird eine Republik. Nun sieht England den Windsor-Vertrag für erledigt an und tritt 1911 in erneute Verhandlungen mit Berlin ein, für eine verbesserte Version des Vertrages von 1898, bei dem die Verteilung der Kolonien an England und Deutschland neu geregelt wird. So ver-zichtet Berlin auf den portugiesischen Teil von Timor, einer Insel nördlich von Australien, und für Deutsch-land auch kaum von Interesse, worauf auch die Nie-derlande noch ein Vorkaufsrecht haben, und bekommt dafür die beiden wertvollen portugiesischen Kakao-inseln São Thomé und Principe vor Westafrika zuge-schlagen. Für den Verzicht auf den südlichen Teil von Nordmosambik erhält Deutschland nun anstatt von großen Teilen von Angola nun fast ganz Angola und England erhält von Angola die Landesteile östlich des 20. Längengrades bis zur Höhe der Grenze Belgisch Kongo-Nordrhodesien, welche an das britische Nordrhodesien fallen, dazu Portugiesisch Timor und den vergrößerten Teil von Südmosambik. Am 13. August 1913 wird der neue Geheimvertrag über die Aufteilung des portu-giesischen Kolonialreichs zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien paraphiert.

Als Begründung für die Wegnahme der Kolonien von Portugal werden Finanzschwierigkeiten Portugals mit seinen Kolonien und die »Mißwirtschaft« der Portugie-sen in ihren Kolonien gegeben. Am 20. Oktober 1913 wird eine verbesserte Version des Vertrages paraphiert.

Portugal befindet sich in einer innenpolitischen Dauer-krise und seine viele tausend Kilometer entfernten Ko-lonien sind weitgehend sich selbst überlassen. Die Miß-wirtschaft in den Kolonien blüht und ist nicht etwa eine Erfindung im deutsch-englischen Vertragswerk über die Wegnahme der portugiesischen Kolonien.

In der deutschen Öffentlichkeit weiß man um diese Ver-handlungen über die portugiesischen Kolonien, kennt aber keine Inhalte. So sagt etwa Konsul Carl Singel-mann, der in die Verhandlungen eingeweiht ist, in ei-nem Vortrag in Straßburg am 9. Dezember 1913, daß über diese Verhandlungen in der Presse schon vieles Unrich-tige verbreitet worden sei, da aber die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sind, müssen die Eingeweih-ten die Sache diskret behandeln, und es bleibt dem wissensdurstigen Publikum nichts übrig, als in Geduld abzuwarten, bis die beteiligten Regierungen es für an-gemessen erachten, das Resultat der Verhandlungen zu veröffentlichen.

Ebenfalls am 9. Dezember 1913 erklärt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vor dem Reichstag, daß die deutsch-englischen Verständigungsverhandlun-gen weit fortgeschritten seien. Wenn Bethmann Holl-weg dabei auch die portugiesischen Kolonien nicht aus-drücklich erwähnt, ist jedem klar worum es geht.

Da das arme Portugal keine wirtschaftliche Entwicklung seiner Kolonien leisten kann – es ist selbst unterent-wickelt und seine eigene Bevölkerung ist noch zu weit über zwei Dritteln lese- und schreibunkundig – , ist es durch diese Abmachung zwischen Deutschland und England seines Kolonialbesitzes beraubt, nur der Zeit-punkt der tatsächlichen Übernahme seiner Kolonien von den Briten und Deutschen steht noch nicht fest, ein Anlaß dafür ist aber jederzeit zu finden. Die Briten pro-testieren bei Portugal gegen die unhaltbaren Zustände in Südmosambik und die Deutschen verweisen in ihren Verhandlungen mit Portugal auf die Unfähigkeit der Portugiesen in Südangola die Verwaltung des Landes zu gewährleisten und erwähnen einen möglichen Aufstand der dort ansässigen Ovambo, die auch auf der deutschen Seite leben, und folglich könnte ein Aufstand der Ovam-bo in Angola auch auf Deutsch Südwestafrika übergrei-fen. Portugal ist also vollkommen den Großmächten Deutschland und England ausgeliefert und durch ihre Versuche, das Unabwendbare abzuwenden, verstricken sich die Portugiesen noch mehr in den Verlust ihrer Kolonien. Lissabon versucht in den offensichtlich an Deutschland fallenden Kolonialgebieten nichtdeutsche Firmen zu etablieren, aber die Portugiesen wissen nicht, daß England und Deutschland eben auch diesen Fall ein-kalkuliert haben, und die beiden Mächte verzichten auf die Unterstützung solcher Unternehmungen in jeweils dem anderen Vertragspartner zufallenden Gebieten.

Auch ohne die Unterzeichnung und die Veröffentli-chung des neuen Vertrages anerkennen Deutsche und Engländer die neue territoriale Verteilung und handeln danach.   

Am 30. März 1914 telegraphiert der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Gottlieb von Jagow, an den deut-schen Botschafter in London: »Wir wünschen baldigste Unterzeichnung des Vertrages, halten aber Publikation g l e i c h z e i t i g mit Windsor-Vertrag für untunlich. Sollte Sir E. Grey [britischer Außenminister] zum einst-weiligen Verzicht auf Publikation des letzteren zu bewe-gen sein, so wäre gegen Publikation Kolonialvertrages in absehbarer Zeit nichts einzuwenden. Bemerke vertrau-lich, daß deutsche Expedition nach Angola unterwegs ist, die Projekt für Bahnkonzession ausarbeiten soll. Wird Konzession im Laufe des Sommers erlangt, so würde Publikation eventuell im Herbst schon erfolgen können. Daß Publikation Windsor-Vertrages f ü r  a l l e  Z e i t e n  u n t e r b l e i b t, wird hier nicht verlangt.«

Am 23. Mai 1914 meldet der deutsche Botschafter in Lon-don, Karl Max Fürst von Lichnowsky, an den Reichs-kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, daß ihm am Vortag der britische Kolonialminister Lewis Harcourt auf des Botschafters Nachfrage nach dem Kolonialver-trag hin sagte, daß er lebhaft bedauere, daß Deutschland wegen seiner Bedenken der Veröffentlichung des Wind-sor-Vertrages wegen die Angelegenheit verzögere und daß Deutschland nun bald der Unterzeichnung und Ver-öffentlichung der Verträge über die portugiesischen Kolonien zustimmt, um der englischen Wirtschaft freie Bahn in den dann vertraglich sicher an England gefal-lenen portugiesischen Besitzungen zu geben.

Deutscherseits befürchtet man, daß die Absicht für eine Konzession für eine Bahn von den Kupferminen in Nor-den von Deutsch Südwestafrika zu einem Hafen im Sü-den von Angola von der portugiesischen Regierung blockiert werden wird, wenn der deutsch-englische Ver-trag vom August 1913 veröffentlicht würde. Und man hat den Vertrag nicht veröffentlichen wollen, weil England dann gleichzeitig auch den geheimen Aufteilungsver-trag der portugiesischen Kolonien zwischen Deutsch-land und England von 1898 und den diesen wieder auf-hebenden geheimen Windsor-Vertrag genannten Ver-trag von 1899 zwischen England und Portugal veröffent-lichen will und die Reichsregierung befürchtet unange-nehme Auswirkungen der deutschen Öffentlichkeit ge-gen die Regierung durch die Veröffentlichung insbe-sondere des Windsor-Vertrages, der ja den Vertrag von 1898 praktisch für ungültig erklärte und so das ansehen der Reichsregierung schmälert als Vertragspartner der Weltmacht England. Der neue Vertrag ersetzt den Ver-trag von 1898 und ist im ganzen günstiger für Deutsch-land und hebelt gleichzeitig den Windsor-Vertrag aus.

Durch die Erfolge vom April und Mai 1914 mit der Ab-sendung einer deutschen Wirtschaftskommission nach Angola und dem Vertrag über den Kauf der Nyassa Kompanie in Mosambik sieht Reichskanzler Bethmann Hollweg seit Juni die Veröffentlichung des noch gehei-men Vertrages nun als gegeben. Im engen politischen Kreise des Reichskanzlers wird die Veröffentlichung im Juni 1914 kontrovers diskutiert, aber am 2. Juli gibt der Kanzler dem deutschen Botschafter in London schon mündlich die Zusage für die Veröffentlichung aller drei Verträge, der aber noch die schriftliche Bestätigung fol-gen muß.

Am 14. Juli schreibt Lichnowsky an Bethmann Hollweg: »Euere Exzellenz hatten mich bei meiner letzten Anwe-senheit in Berlin [2. Juli] ermächtigt, Sir Edward Grey zu erklären, daß wir nunmehr bereit seien, das Abkommen mit Großbritannien über die portugiesischen Kolonien zu unterzeichen und in die Veröffentlichung des neuen sowie der beiden alten Verträge, des deutsch-britischen vom Jahre 1898 sowie des britisch-portugiesischen vom Jahre 1899, zu willigen. Mit der Veröffentlichung sollte aber bis zum Spätherbst gewartet werden, um unserer in Südangola befindlichen Abordnung die nötige Zeit zu gewähren zur Beendigung ihrer den Bahnbau betreffen-den dortigen Studien.«

Den Brief beendigt Lichnowsky mit den Sätzen: »Da ich annehmen darf, daß Euere Exzellenz nicht beabsichti-gen, auf Rücksicht auf leicht zu widerlegende Einwen-dungen das zur Vollendung gediehene patriotische Werk scheitern zu lassen, so erlaube ich mir um Wei-sung zu bitten, ob ich nunmehr in Gemäßheit mit den mir erteilten und eingangs erwähnten Befehlen an Sir Edward Grey herantreten darf.

Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung dürfte alsdann eine Einigung zu erzielen sein. Eile scheint mir aber in-sofern geboten, als Sir Edward Grey im August nach Schluß des Parlaments London verlassen wird und ich auch vor Antritt meines Urlaubs die Angelegenheit er-ledigen möchte.«

Neben dieser politischen Arbeit zur Übernahme der portugiesischen Kolonien in Afrika wird die Durchdrin-gung der portugiesischen Kolonien durch die deutsche Wirtschaft betrieben. Den Briten gehören bereits alle wichtigen wirtschaftlichen Betriebe in Südmosambik und die Deutschen sind dabei in ihrem Teil der portu-giesischen Kolonialterritorien die bedeutenden Wirt-schaftsunternehmen aufzukaufen.

Um aus dieser hoffnungslosen Lage doch noch einen Ausweg zu finden, beschließt die portugiesische Regie-rung zur Finanzierung der Entwicklung ihrer größten Kolonie, Angola, eine Staatsanleihe aufzulegen. Da das arme Portugal selbst über keinerlei Sicherheiten ver-fügt, soll Angola selbst durch Verpfändung von Zollein-nahmen für die Anleihe geradestehen. Eben damit läuft Portugal in die von Deutschland und England in ihrem Vertragswerk gestellte Falle, und somit beschleunigt Portugal auch noch den Verlust seiner Kolonien.

Als die portugiesische Staatsanleihe zur Entwicklung der Kolonie Angola mit der Verpfändung von Zöllen der Kolonie als Sicherheit durch ein portugiesisches Gesetz vom 29. Juni 1914 aufgelegt wird hat Portugal den ent-scheidenden Punkt für die Aufteilung seiner Kolonien zwischen Deutschland und England vom August 1913 erfüllt. Im Juli wird dann die Finanzierung der Anleihe von einem deutschen Bankenkonsortium eingeleitet und die erste Teilanleihe von acht Millionen der 160-Millionen-Mark-Anleihe ist Mitte Juli gesichert. Mit der Bindung Portugals an eine deutsche oder englische Finanzierung einer kolonialen Staatsanleihe ist der ent-scheidende Vertragspunkt im deutsch-englischen Kolo-nialvertrag erfüllt.

Am 27. Juli 1914 geht das Ermächtigungsschreiben des deutschen Kanzlers an Botschafter Lichnowsky ab Sir Edward Grey mitzuteilen, daß die Unterzeichnung des Teilungsvertrages erfolgen kann. Was die Veröffent-lichung angeht, so soll der englischen Seite die lau-fenden Arbeiten für die Konzession einer Bahn vom deutschen Kupfergrubengebiet in Deutsch Südwest-afrika zur Küste von Südangola dargestellt werden, deren Konzession wahrscheinlich erst gegen Ende des Jahres erteilt wird, weshalb eine vorherige Veröffent-lichung der Verträge die Konzessionserteilung beein-trächtigt. Bethmann Hollweg hofft wegen der Erteilung der Konzession auch, die englische Regierung werde der »Veröffentlichung des Abkommens innerhalb einer bestimmten Frist – etwa spätestens in sechs Monaten – nach erfolgter Unterzeichnung« zustimmen.

Bethmann Hollweg verzichtet aber in der Fristfrage auf eine schriftliche oder mündliche Zusicherung der eng-lischen Regierung, zumal bei einer Weigerung der por-tugiesischen Regierung zur Vergabe der Konzession Bethmann Hollweg der englischen Regierung empfoh-len wissen will: »deren Weigerung als Vertragsfall im Sinne des Artikels VIII unserer Abmachungen ansehen [zu] wollen, wenn bis dahin die Konzession noch nicht erteilt worden sei.« Dafür muß aber erst einmal der Vertrag unterzeichnet und veröffentlicht sein, damit Portugal mit dem Artikel VIII gedroht werden kann und England seinen ganzen Einfluß im Sinne des Artikels VIII gegenüber Lissabon gelten machen kann.

Bethmann Hollweg beschließt sein Ermächtigungs-schreiben an Lichnowsky mit dem Satz: »Einem gefäl-ligen Bericht über das Veranlaßte werde ich mit Inte-resse entgegensehen.« Der Reichskanzler will also das »Veranlaßte«, also die Vertragsunterzeichnung.  

Am 28. Juli schickt der deutsche Außenminister Gottlieb von Jagow einen privaten Brief an Lichnowsky in dem steht: »Sie haben wiederholt geäußert, Sie wüßten nicht, ob Grey noch lange auf die Unterzeichnung des Ver-trages warten werde. Es ist danach die Befürchtung nicht abzuweisen, daß er das Wiederanschneiden der Frage dazu benutzt, um uns vor die Alternative zu stel-len: bedingungslose sofortige Zeichnung und Veröffent-lichung oder Verzicht auf den ganzen Vertrag. Wir würden uns dann für das letztere entscheiden müssen.« Jagow schließt seinen privaten Brief mit: »Wir haben ihrem Wunsche nachgegeben, aber sie tragen nun da-für auch einen besonderen Anteil an der Verantwor-tung.«     

Da Lichnowsky den Vertrag endlich unterzeichnet ha-ben will, wie offensichtlich auch die englische Regie-rung, wobei Lichnowsky die verdrechselten Ausführun-gen Bethmann Hollwegs im Ermächtigungsschreiben zu seinen Gunsten nutzen kann, und des Außenministers Ansicht zum Vertrag für ihn nicht zwingend ist, sondern die des Kanzlers, hält der Botschafter nun die Zügel über den Vertrag in der Hand, trägt die »Verantwortung«, ist in der ersten Augusthälfte mit der Unterzeichnung des Vertrages zu rechnen. Lichnowsky hatte schon das Abkommen vom 13. August 1913 unterschrieben und kann nun auch das bisher nur paraphierte Teilungs-abkommen unterzeichnen. Die Veröffentlichung wird sicher gleich mit der Unterzeichnung des Vertrages erfolgen, weil London durch den Vertrag eben endlich seiner eigenen Wirtschaft eindeutige Verhältnisse in den England zufallenden Gebieten zusichern kann und auch ohne Schwierigkeiten durch diplomatischen Druck, und wenn es der Hinweis auf den Artikel VIII des gemeinsamen Vertrages ist, für die Konzessionsertei-lung für die Südangolabahn im Sinne der deutschen Regierung handeln kann.

Die durch den deutsch-englischen Vertrag zu Deutsch-land kommenden portugiesischen Kolonien machen zusammen 1,5 Millionen qkm aus mit etwa 6 Millionen Menschen. Damit vergrößert sich das deutsche Kolo-nialreich an Fläche um rund 50 % und an Menschen um etwa 40 %.

Kategorien
Strafkolonien

Der österreichische Generalkonsul in Hongkong, Gus-tav Overbeck, aus der preußischen Provinz Westfalen stammend, hatte  seit 1876 Nord-Borneo erworben, mit Sandakan, der einzigen europäischen Siedlung, die bald allerdings Kampung Jerman hieß, Siedlung der Deut-schen, weil verschiedene Deutsche dort ihre Handels-stützpunkte errichtet hatten. Sein 72.000 qkm großes Gebiet auf Borneo wollte Overbeck 1876 und 1879/80 in Europa an einen europäischen Staat verkaufen. Aber Italien, Österreich-Ungarn, England und Deutschland lehnten ab. Auch sein Angebot Nord-Borneo als Straf-kolonie zu nutzen verfing nicht.

1906 erscheint von Felix Friedrich Bruck, Professor der Rechte an der Universität Breslau, die Schrift Noch Einmal die Deportation und Deutsch-Südwestafrika. Einleitend steht dort: »I. Die Entwicklung der Deporta-tionsfrage im Deutschen Reich. Durch meine im Jahre 1894 veröffentlichte Schrift: „Fort mit den Zuchthäu-sern!“, in welcher ich das herrschende System der Freiheitsstrafen einer eingehenden Kritik unterzog und anstelle der langzeitigen Freiheitsstrafen die Deporta-tion unserer Sträflinge nach unseren Kolonien empfahl, ist die Deportationsfrage in Deutschland in Fluß gekommen, und sie wird hoffentlich nicht eher von der Tagesordnung verschwinden, als bis ein Versuch gewagt worden ist. In der darauf im Jahre 1896 ver-öffentlichten Schrift: „Neu-Deutschland und seine Pio-niere“ habe ich auf Deutsch-Südwestafrika als geeig-netes Deportationsland in ausführlicher Darstellung hingewiesen. Ferner habe ich im Anschluß an das deut-sche Strafgesetzbuch im Jahre 1897 einen Gesetzent-wurf, betreffend die Deportation unserer Sträflinge nach Deutsch-Südwestafrika, ausgearbeitet und mit die-sem Entwurf zugleich den Entwurf einer Ausführungs-verordnung veröffentlicht. Es sollte hier nur gezeigt werden, daß es sich bei meinem Eintreten für die Depor-tation nicht um eine bloße Utopie handelt, sondern um eine greifbare Institution, die sehr wohl praktisch durchführbar ist.« 

Wenn auch der Professor Bruck und einige andere sich für eine deutsche Strafkolonie einsetzen, so hat doch die deutsche Regierung kein Interesse an einer Strafkolo-nie. Engländer und Franzosen betreiben Strafkolonien, aber das Ergebnis dieser Strafkolonien ist eine teuere Angelegenheit für den jeweiligen Staat. Von 1907 bis 1910 besucht Robert Heindl einige Strafkolonien auf der Welt, und auch die Strafkolonie der Andamanen der Briten und die Strafkolonie Neukaledonien der Franzo-sen. 1913 erscheint sein Buch Meine Reise nach den Strafkolonien. Darin finden sich die Ergebnisse seiner Erkundungsfahrt. Die französische Strafkolonie Neuka-ledonien, eine Inselgruppe südlich des deutschen Kolo-nialreiches im Pazifik, beherbergt zwischen 5000-7000 Häftlingen. Die französische Strafkolonie Guyana in Südamerika hat etwa 4000-5000 Häftlinge. Heindl schreibt:

»Strafkolonien, deren Boden und Klima spezifische Tro-penkrankheiten zur Folge haben (und solche Landstri-che kämen für uns Deutsche in Betracht, wenn wir nicht die wenigen Überseebesitzungen mit passablem Klima den freien Kolonisten versperren wollen), wirken mör-derisch auf die Gesundheit der Sträflinge. Man beachte nur die enorme Mortalität in Guyana. Todesstrafe ist humaner als solche Vivisektion!

Aber auch in dem idealen Klima Neukaledoniens ist die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer größer als in den Zuchthäusern oder zumindest gleich.«

Diese Strafkolonien haben verschiedene Stufen von Gefangenenhaltung, vom Zuchthaus über Lager und Dörfer bis zu den gänzlich Freigelassenen.

Gegen Brucks Vorschlag, in Deutsch Südwestafrika eine Sträflingskolonie einzurichten, führt Heindl ins Feld, daß von der weit im Pazifik liegenden Kolonie Neuka-ledonien von den bis 1904 insgesamt 22.000 Häftlingen 944 geflohen sind. Also würden bei den Bedingungen in Südwestafrika viel mehr Sträflingen von der Gesamtzahl die Flucht gelingen. Dem von Bruck behaupteten wirt-schaftlichen Nutzen einer Strafkolonie für das Reich hält Heindl die tatsächlichen Kosten einer Strafkolonie entgegen. Die Unterhaltungskosten für einen Häftling in einer Strafkolonie sind um 50 % höher als in einem Gefängnis oder Zuchthaus im Heimatland. Allein wegen der besonders hohen Kosten für weiße Sträflinge wer-den von den Engländern in Britisch Indien solche Gefan-gene auf dem indischen Festland behalten und nicht auf die Andamanen gebracht, wo nur farbige Gefangene festgehalten werden.

Über die Behauptung der Strafkolonie-Befürworter, Deutschland würde eine solche Kolonie besser und wirtschaftlicher betreiben, entgegnet Heindl in seinem Buch:

»Sicher wurden in Neukaledonien von einigen Beamten Mißgriffe begangen; aber gibt es Garantien, daß wir Deutschen, die wir doch an kolonialer Erfahrung die übrigen Nationen nicht übertreffen, nicht dieselben oder noch viel bösere Fehler machen würden?

Auf den Andamanen sitzen Beamte, die in der Kolonie geboren wurden, deren Vater und Großvater im engli-schen Kolonialdienst standen, und auch in Neukaledo-nien amtieren zum Teil Leute, die von Kindesbeinen auf koloniale Erfahrungen sammeln konnten. Jeder neuka-ledonische Funktionär ist durch den Schaden seiner Vorgänger klug geworden und hat während seiner eigenen Amtszeit unaufhörlich das gelernt und sich zunutze gemacht, was er seinen Kollegen glücken oder mißglücken sah.

Und doch war das Endresultat bei den meisten Beamten, die ich traf, die resignierende Erkenntnis: „Die Depor-tation ist der Ruin einer Kolonie“.

Unter allen Beamten, die ich in Neukaledonien kennen lernen durfte, war keiner, der mir gegenüber die Depor-tation verteidigte. Sie alle wissen, daß sie auf einen ver-lorenen Posten stehen. – Diese Beamten sind die ein-zigen Bewohner der Strafkolonie, die wirklich bestraft sind. – Opfer einer strafrechtlichen Marotte.«

Kategorien
Fliegerei

Durch die starke Förderung der Luftschiffe in Deutsch-land ist das Flugzeug in seiner Entwicklung zurückge-blieben. Erst im Oktober 1908 gründet August Euler bei Darmstadt die erste deutsche »Luftfahrzeug-Bauanstalt« und im November 1908 gründet dann Edmund Rumpler in Berlin die zweite deutsche Firma für den Flugzeug-bau. Im September 1909 eröffnet der erste deutsche Flugplatz in Berlin-Johannisthal. Es ist der weltweit zwei-te Flugplatz nach dem wenige Wochen vorher eröffne-ten Flugplatz Rheims in Frankreich.

Der Leiter der Sternwarte in Berlin-Treptow, Professor Friedrich Archenhold, ist 1910 oft auf dem neuen Flug-platz Berlin-Johannisthal anzutreffen, wo er hofft einen Flugzeugführer für die geplante Sternenbeobachtungs-station auf dem mit fast 6000 m hohen höchsten deut-schen Berg, dem Kilimandscharo, zu finden. Offen-sichtlich will Archenhold mit dem Flugzeug schnell Personal und Material von der Ebene auf den Berg fliegen und Personal und Meßergebnisse zurück in die Ebene. Daß die Fliegerei noch weit entfernt von solchen Möglichkeiten ist, muß der Professor erst noch lernen.

Erst durch die von August Euler angeregte National-Flugspende von 1912 kann der Rückstand in der Fliege-rei gegenüber dem Ausland bis 1914 eingeholt und in Vielem bereits die Führung erreicht werden.

In kolonialen Kreisen wird dem Flugzeug schon länger starke Aufmerksamkeit entgegengebracht. Der Fliege-rei in den Kolonien ist aber durch die begrenzten tech-nischen Möglichkeiten der Flugzeuge zunächst unmög-lich und als die Flugzeugtechnik soweit entwickelt ist, ist die Finanzierung eines Flugwesens in den Kolonien die Hauptschwierigkeit.

Ein Vorschlag vom Februar 1911, Flugzeuge in Deutsch Ostafrika im Postdienst einzusetzen, wird vom Reichs-postamt noch abgelehnt. Zu Recht bemängelt die Reichspost die technischen Fähigkeiten der Flugzeuge. Zuverlässigkeit und Sicherheit seien nicht erwiesen.

Die Kolonial-Technische Kommission des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees beschäftigt sich in einer Sitzung am 25. April 1911 in Anwesenheit von Vertretern der beteiligten Reichsämter, der Industrie und kolonia-ler Verbände mit vorbereitenden technischen Fragen für das Kolonialflugwesen. Dabei hält Major a. D. Georg von Tschudi, Direktor des Flugplatzes Berlin-Johannis-thal, einen Vortrag, indem er den Einsatz von Flugzeu-gen in den Kolonien für aussichtsvoll ansieht. Daraufhin wird vom Reichskolonialamt ein Stipendium von 4000 Mark zur Ausbildung von zwei geeigneten Offizieren der Schutztruppe als Flugzeugführer zur Verfügung gestellt. Deutsch Ostafrika sieht man als am geeignetsten für Flugversuche an.

Die Deutsche Kolonialgesellschaft will eine Geldsamm-lung für das koloniale Flugwesen in die Wege leiten, aber da im April 1912 die National-Flugspende für das deutsche Flugwesen beginnt, verzichtet die Kolonialge-sellschaft auf eine eigene Spendensammlung und hofft auf einen Anteil an der National-Flugspende. Von den 7.234.500 Mark, die die Spende im deutschen Volk für die international ins Hintertreffen geratene deutsche Fliegerei erbring, erhält die Kolonialfliegerei im Juli 1913 aber nur 100.000 Mark.

Bereits im Juli 1912 schreibt der im Mai des Jahres gegründete Deutsch-Südwestafrikanische Luftfahrer-verein an das Reichskolonialamt in Berlin: »Der Verein beabsichtigt, das Interesse am Flugwesen in den deut-schen Schutzgebieten, insbesondere in Deutsch Süd-west Afrika, zu wecken und zu foerdern.«

Im Januar 1913 hält der Afrikaforscher Leo Frobenius vor dem Reichstag einen Vortrag über die Möglichkeit der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erschließung von Nordkamerun durch Luftschiffe und Flugzeuge von Garua aus und betont, wie sehr das großzügige und plan-mäßige Vorgehen der Franzosen im Flugwesen in Nord- und Westafrika zur Stärkung ihrer militärischen Stel-lung und ihres Ansehens bei den Eingeborenen beige-tragen habe. Der Reichstag und das Reichsschatzamt sind aber nicht für die Finanzierung eines kolonialen Flugwesens zu gewinnen.

Frobenius veröffentlicht 1913 zum Thema eines Flug-platzes in Kamerun auch eine Schrift mit dem Titel Die Möglichkeit einer Deutsch-Innerafrikanischen Luft-flotten-Station. Darin spricht er sich für die Einrichtung eines Netzes von Luftschiffstützpunkten in den deut-schen Afrika-Kolonien aus.

Auf der Hauptversammlung der Deutschen Kolonialge-sellschaft im Juni 1913 hält der Publizist Kapitän zur See a. D. Eduard von Pustau einen Vortrag über den kolonia-len Flugzeugeinsatz. Bis dahin hat sowohl das Komman-do der Schutztruppen als auch der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Dr. Wilhelm Solf, den Flugzeug-einsatz in den Kolonien befürwortet, aber weder das Reichsschatzamt, noch der Reichstag sind bereit dafür finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen und so liegt Deutschland immer weiter zurück im Kolonialflug-wesen im Verhältnis zu den anderen Kolonialmächten, worauf Pustau hinweist bei seinem Vortrag. Weiter führt er aus: „Das Flugwesen stärkt das Ansehen und die Macht der Europäer gegenüber den Eingeborenen in hohem Maße. Insbesondere läßt sich durch Flugzeuge rascher das Auftreten von Eingeborenenbanden in abge-legenen Gebieten feststellen und drohenden Unruhen vorbeugen als durch irgendein anderes Mittel. Wenn trotzdem ein Aufstand ausbricht und ebenso bei der Verteidigung gegen äußere Feinde sind die militäri-schen Leistungen der Flugapparate in den Kolonien re-lativ noch höher einzuschätzen als auf anderen Kriegs-theatern, bei denen es ohnehin bessere Verbindungs-mittel gibt. Die Flugzeuge gestatten es auch, ärztliche Hilfe in kürzester Zeit nach den entlegendsten Plätzen zu bringen. Die Verwendung von Flugzeugen bedeute end-lich eine wesentliche Förderung geographischer und anderer wissenschaftlicher Erkundung…“

Im August 1913 weist Solf die Gouverneure der Kolonien an, die Vorbereitungen für Flugversuche, soweit das ohne finanzielle Mittel möglich ist, zu unterstützen. Für den Etat 1914 gelingt es ihm dann doch 50.000 Mark für das Flugwesen in den Kolonialhaushalt einzustellen.

Das Reichskolonialamt schafft schließlich von Reichs-seite die Voraussetzungen für die Fliegerei in den Kolo-nien, indem es das militärische Flugwesen für die Schutztruppen fördert und Südwestafrika für die ersten Flugversuche auswählt. Aber auch das Reichskolonial-amt will die Etatmittel für die Errichtung einer Flieger-truppe in Südwestafrika um ein Jahr zurückstellen. Um den Zeitverlust zu umgehen, hat man die Idee, statt-dessen Flugzeugbaufirmen für Flugversuche in Südwest zu bezuschussen. Die Luft-Fahrzeug-Gesellschaft in Ber-lin und die Automobil- und Aviatik A. G. in Mülhausen im Elsaß erklären sich bei einer entsprechenden staat-lichen finanziellen Unterstützung bereit je ein Flugzeug für Versuche in der südafrikanischen Kolonie des Rei-ches zu stellen. Vom Aviatik-Doppeldecker hat das deutsche Heer 1913 bereits 96 Stück bestellt und beide Luftfahrtfirmen versprechen sich Militäraufträge von erfolgreichen Flügen in den Kolonien. Beide Flugzeuge werden für die Tropenverwendung entsprechend ausge-rüstet. Für die Versuche werden die Monate Mai bis Juli 1914 in Aussicht genommen und als Flugplätze Karibib und Keetmanshoop bestimmt, wo die Werkstätten der beiden Verkehrszüge der Schutztruppe in Südwest ge-nutzt werden können. Darauf entsendet das Reichskolo-nialamt 1914 den Fliegeroffizier Leutnant Alexander von Scheele zu einer Expedition mit den beiden Flugzeugen nach Südwestafrika. Zur Unterstützung der Flugversu-che stellt Staatssekretär Dr. Solf in den Etat der Schutz-truppe für Südwestafrika für das Rechnungsjahr 1914 einmalig die schon erwähnten 50.000 Mark ein. Die Flü-ge der Maschinen in Südwest sind erfolgreich. Scheele zu den Versuchsflügen: »Wir bedurften stärkerer Moto-re und vor allem Maschinen mit größerer Tragfähig-keit.«

In Ostafrika, das zunächst als erste Kolonie für den Auf-bau eines Flugwesens angedacht war, hat die Schutz-truppe 1912 den Einsatz von Wasserflugzeugen im Fluß-gebiet des Rufiji, 200 Kilometer südlich von Daressa-lam, als sinnvoll angesehen. Doch fehlende Geldmittel lassen das Vorhaben nicht zu und das Reichskolonial-amt will Landflugzeugen zunächst den Vorrang bei der Entwicklung des kolonialen Flugwesens geben.

Im Januar 1914 stimmt das Reichskolonialamt dem Vor-schlag des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees zu, mit Hilfe der National-Flugspende in Daressalam Vorfüh-rungen von Wasserflugzeugen zu veranstalten. Aber auch dieses Vorhaben scheitert an finanziellen Schwie-rigkeiten. Hingegen kann das Reichskolonialamt ein Abkommen mit der Firma Rumpler-Luftfahrzeugbau in Berlin-Johannisthal über Flugversuche in Ostafrika ab-schließen. Doch das erste Flugzeug in Deutsch Ostafrika ist die Maschine von Bruno Büchner. Büchner kommt am 4. August 1914 mit seinem von Privatfirmen finan-zierten Doppeldecker aus Südwestafrika mit einem Schiff in Daressalam an.  

Auch in Kamerun hat frühzeitig eine Bewegung zum Aufbau eines Flugwesens eingesetzt. Nordkamerun wird aufgrund seiner Landschaftsgegebenheiten für den Flugzeugeinsatz als geeignet angesehen. Die Jeannin Flugzeugbau in Berlin-Johannisthal bietet sich an mit Unterstützung aus dem Fonds der National-Flugspende für koloniale Flugzwecke in Kamerun Flugversuche zu veranstalten. Als Versuchsfeld ist Garua am Benue ausersehen, etwa 800 Kilometer Luftlinie von der Küste entfernt, wie Leo Frobenius 1913 vorgeschlagen hat. Expeditionsleiter wird Hauptmann von Oertzen, ein er-fahrener Flieger und ausgezeichneter Landeskenner. Ein Teil der Expedition, bei der der Hauptmann von Oertzen noch nicht dabei ist, hat sich mit zwei Jeannin-Eindecker-Flugzeugen und begleitet von zwei als Hilfs-monteuren ausgebildeten Unteroffizieren der Schutz-truppe für Kamerun im Juli 1914 eingeschifft und landet am 5. August in Duala. Von der Schutztruppe in Kame-run sind schon Vorbereitungen für den Flugzeugeinsatz getroffen und es ist Befehl gegeben Flugplätze anzule-gen. Außerdem gibt es zwei Offiziere mit Flugzeugfüh-rerscheinen in der Kolonie, sodaß der Transport der in Kisten verpackten Maschinen nach Garua beginnt.

Für Kiautschou beabsichtigt das Reichsmarineamt 1913 Flugzeuge zu beschaffen. Eine Sammlung der Deutschen Ostasiens hat das Geld für den Kauf von zwei Flugzeugen aufgebracht. Nachdem Gunther Plüschow seine Aus-bildung zum Flieger bei den Rumpler-Werken, bei denen auch die beiden Flugzeuge bestellt wurden, auf dem Flugplatz Berlin-Johannisthal beendet hat, trifft er im Juni 1914 in Tsingtau ein, wo er nun der neuen Marinefliegerstation vorsteht. Mitte Juli 1914 kommen dann die beiden Rumpler-Taube-Maschinen in Tsingtau an. Als Flugfeld steht nur ein 600 m langer Platz mit einem Flugzeugschuppen zur Verfügung, umgeben von Hügeln und Felsen, und am Ende der Piste das Meer. Gunther Plüschow macht noch im Juli von diesem schwierigen Flugplatz die ersten Flüge über Kiautschou.

Der Flugzeugführer Leutnant Friedrich Müllerskowski stürzt gleich bei seinem ersten Start am 31. Juli mit sei-ner Maschine in die zum Meer hin abfallenden Felsen hinter dem Flugplatzrand und wird schwerer verletzt, das Flugzeug zertrümmert. Mit dem noch brauchbaren Motor der Trümmermaschine wird ein Doppeldecker-Wasserflugzeug entworfen und am 26. Oktober fertig-gestellt. Gunther Plüschow: »Durch mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des österreichischen Fliegerleut-nants Clobucar und der Werft [Gouvernementswerft] einen wundervollen, großen Wasserdoppeldecker ge-baut.«