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Die Strategie

Rudolf Augstein, jahrzehntelang Herausgeber des Nach-richtenmagazins DER SPIEGEL, führte in einem Artikel in der SPIEGEL-Ausgabe 51 von 1998 Passagen einer eng-lischen Zeitung auf, die hier wiedergegeben seien. Aug-stein schreibt:

»Wie sehr die Briten nach Napoleon und den Zaren das neue Deutsche Reich als ärgstes Feindbild ausmachten, zeigen die mir bisher nicht bekannten Artikel der Satur-day Review. Im August 1895 war zu lesen: „Wir Englän-der haben bisher stets gegen unsere Wettbewerber bei Handel und Verkehr Krieg geführt. Unser Hauptwett-bewerber ist heute nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland.“

Am 1. Februar 1896 folgt ein weiterer Artikel: „Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, so gäbe es kein engli-sches Geschäft noch irgendein englisches Unterneh-men, das nicht zuwüchse. Verschwände jeder Engländer morgen, so hätten die Deutschen im gleichen Verhältnis ihren Gewinn. Einer von beiden muß das Feld räumen. Macht euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germania est delenda“, frei nach Cato also: Deutschland muß zerstört werden.

Am 11. September 1897 erschienen folgende Kernsätze: „Überall, wo die englische Flagge der Bibel und der Han-del der Flagge gefolgt ist, bekämpft der deutsche Han-delsmann den englischen. Aus einer Million von Strei-tereien um Kleinigkeiten fügt sich die größte Kriegsur-sache zusammen, von der die Welt jemals gehört haben wird. Würde Deutschland morgen ausgelöscht, so gäbe es übermorgen weltein, weltaus keinen Engländer, der nicht seinen Gewinn davon hätte. Staaten haben jahre-lang um eine Stadt oder ein Thronfolgerecht Krieg ge-führt; und da sollten wir nicht Krieg führen, wenn ein jährlicher Handel von fünf Milliarden auf dem Spiel steht?“ Auch dieser Artikel kommt zum Ergebnis des vorangegangenen: Germania est delenda.

Vermutlich trafen diese Einschätzungen die Stimmung vieler Leser; keiner der in der Zeitschrift üblichen zahl-reichen Leserbriefe kritisierte sie oder wenigstens die Schlußfolgerung, Deutschland müsse zerstört werden.«

Soweit Rudolf Augstein und die Passagen aus der engli-schen Zeitschrift Saturday Review.


Der amerikanische Historiker Eustace Mullins schrieb: »The bankers had been waiting since 1887 for the United States to enact a central bank plan so that they could finance a European war among the nations whom they had already bankrupted with armament and „defense“ programs.« / »Die Bankiers warteten seit 1887 darauf, daß die Vereinigten Staaten einen Zentralbankplan schaffen, sodaß sie einen Krieg zwischen den Völkern in Europa finanzieren könnten, welche sie schon durch Rüstungs- und „Verteidigungs“-Programme bankrott gemacht hatten.«

1913 schaffen es Banker der Wall Street den Federal Reserve Act als US-Gesetz durchzudrücken, wonach ihnen nun der Dollar als Privateigentum gehört. Über die von ihnen eingerichtete Federal Reserve Bank mit ihren zwölf Gebietsbanken in den USA, eine private Aktiengesellschaft im Besitz einiger Familien des Geld-adels, können sie jetzt Geld erfinden soviel sie wollen, einfach indem sie es aus dem Nichts auf eines der Konten der FED gutschreiben. Dieses erfundene Geld können sie dann an die USA gegen Zinsen verborgen. Deshalb ist die USA heute unendlich verschuldet – bei den Eigentümern der FED.

Der amerikanische Kongreßabgeordnete Charles Au-gustus Lindbergh, der Vater des berühmten Atlantikflie-gers, nennt das Gesetz „das schlimmste Gesetzesver-brechen aller Zeiten. Das Finanzsystem ist einer Gruppe übergeben worden, die nur auf Profit aus ist. Das System ist privat und wird nur zu dem Zweck benutzt, aus dem Gebrauch des Geldes anderer Leute den größtmögli-chen Profit zu erzielen.“

Der US-Kongreßabgeordnete Louis McFadden: „Einige Menschen denken, daß die Federal Reserve-Banken Institutionen der US-Regierung sind. Es sind aber pri-vate Monopole, die das Volk dieser Vereinigten Staaten ausbeuten; in ihrem eigenen Interesse und dem von Spekulanten im In- und Ausland und im Interesse von reichen und räuberischen Geldverleihern.“


Spätestens 1904 beginnen die Vorbereitungen Englands für den Angriffskrieg auf Deutschland. In diesem Jahr wird die Entente Cordiale (Herzliches Einverständnis) zwischen England und Frankreich geschlossen, auf der Grundlage des Ausgleichs der beiden Länder in Kolo-nialfragen. Großbritannien erhält Ägypten als alleinige Einflußsphäre und Frankreich Marokko und Madagas-kar. Dabei ist aber Marokkos weitgehende Unabhängig-keit durch das Madrider Abkommen, das 1880 zwölf Staaten, darunter die USA, England, Frankreich und Deutschland, und auch Marokko selbst, unterzeichnet haben, offensichtlich im Wege und seine Beseitigung von den neuen Verbündeten England und Frankreich, die seit tausend Jahren in Gegnerschaft und Krieg unter-einander gelebt haben, einkalkuliert.

Der englische Politiker David Lloyd George: „Im Jahre 1904 kam ich zu einem kurzen Besuch zu Lord Rose-berry, der 1894 Nachfolger von Gladstone als Premier-minister geworden war. Er sagte zu mir, daß dieser Ver-trag von 1904 nicht Sicherheit bedeutet, sondern letzt-endlich den Krieg mit Deutschland.“

Nun beginnen die militärischen Vorbereitungen. Die russische Niederlage im russisch-japanischen Krieg 1904/05 und der britisch-japanische Vertrag in seinem Gefolge erleichtern den Abzug der fünf englischen Schlachtschiffe, die in Hongkong stationiert sind. Die Entente mit Frankreich gestattet auch den Abzug aller britischen Großkampfschiffe aus dem Mittelmeer, aus-genommen drei Schlachtkreuzer. 1914 stehen nur zwei alte Schlachtschiffe im Ausland, Triumph und Swiftsure und der Schlachtkreuzer Australia, alle anderen engli-schen Großkampfschiffe stehen in der Nordsee gegen Deutschland.

Am 10. Januar 1906 genehmigt der englische Außenmi-nister Edward Grey die Aufnahme von Besprechungen zwischen dem britischen und dem französischen Gene-ralstab.

Schon 1906 beteiligt sich auch der britische Generalstab unter voller logistischer und geheimer Zusammenarbeit der belgischen Heeresführung an simulierten Manö-vern in ganz Belgien, bei denen der Einsatz eines briti-schen Expeditionsheeres auf dem Kontinent geprobt wird. Die Öffentlichkeit wird über diese Pläne nicht un-terrichtet.

1906 gelangt auch durch einen Verräter für 60.000 Franc der Schlieffenplan in den Besitz der französischen Armee. Der Schlieffenplan ist der deutsche Operations-plan gegen Frankreich im Falle eines Krieges mit Frank-reich.

Seit 1906 läuft denn auch die antideutsche Propaganda in den englischen Zeitungen. So 1908 in der Daily Mail ein Fortsetzungsroman: Die Invasion von 1910. In diesem Roman wird eine deutsche Invasion Englands eben im Jahre 1910 geschildert. Hunderte von Plakatklebern be-kommen für die Werbung dafür preußische Uniformen angezogen und preußische Pickelhauben aufgesetzt und arbeiten in dieser Aufmachung in London. Das Volk wird durch die Propaganda der Presse antideutsch einge-stimmt für den geplanten Krieg gegen Deutschland.

Im Juni 1906 kommt das Committee of Imperial Defense Großbritanniens zu dem Schluß, daß zu Beginn eines Krieges gegen Deutschland eine Landung von engli-schen Truppen an der Nordwestküste Frankreichs auf jeden Fall von Vorteil sei. 1909 wird diese Strategie be-stätigt.

Ignaz Trebitsch, ein ungarischer Jude, der nach einem evangelischen Theologiestudium in Hamburg als Luthe-raner getauft wurde und eine Hamburger Kapitänstoch-ter heiratete geht 1906 im Auftrag des Geheimdienstes der britischen Regierung nach Belgien und eröffnet ein Büro mit 70 Mitarbeitern, welches getarnt ist als For-schungsbüro der Lage der Arbeiter in Belgien. Von 1906 bis 1910 wird Belgien von diesem kostspieligen Büro in 3½ Jahren für militärische Zwecke vollständig erfaßt. Eine Anlandung britischer Truppen wird unterstützt durch die Einrichtung von Lagern der englischen Armee in Belgien. Ein schwerer Verstoß der Neutralität des sich selbst als angeblich neutral gebenden Belgien.

Ignaz Trebitsch flieht im Februar 1915 von England in die USA. In seiner Autobiographie schreibt er:

»Als die Freiheitsstatue, dieses Wahrzeichen Amerikas, sichtbar wurde, wußte ich, daß die USA ihren jüngsten Journalisten empfingen. Es gibt eine einzige Möglichkeit für einen Journalisten, bekannt und reich zu werden: durch Sensation. Und die hatte ich vorbereitet: eine ententefeindliche Artikelserie, die mir meine Wut auf England diktiert hatte. Ich wies nach, daß England die-sen Krieg provoziert hätte, ganz und gar aus materiellen, selbstsüchtigen Motiven. Die Behauptung einer Kriegs-schuld Deutschlands sei die größte Fälschung und zu-gleich die größte Infamie der Weltgeschichte!«

Der Artikel erscheint in der New York American. In diesem Zeitungsartikel schreibt Trebitsch: »In meinem demnächst erscheinenden Buch entlarve ich die wahre Geschichte des Kriegsausbruchs und daß die Verant-wortung dafür unbestreitbar bei Großbritannien liegt. Der britische Geheimdienst weiß das alles, und er kennt meine Vergangenheit.« Sein Buch erscheint kurz darauf mit dem Titel Geständnisse eines internationalen Spions.

1907 erweitert sich die Entente Cordiale durch den Bei-tritt Rußlands zur Triple Entente. Das englisch-französi-sche Bündnis von 1904 und das englisch-russische Bündnis von 1907 schließen den Ring um das Deutsche Reich.

Während der Zweiten Marokkokrise von 1911 rücken die beiden Ententepartner England und Frankreich noch enger zusammen. In der Krise verabreden die bei-den Generalstäbe einen gemeinsamen Operationsplan für den Fall eines Krieges gegen Deutschland. Am 20. Juli 1911 unterzeichnen der Chef des Generalstabs der französischen Armee und der Chef der Operationsabtei-lung im britischen Kriegsministerium eine Militärkon-vention mit detaillierten Bestimmungen über die Teil-nahme von Großbritannien an einem Krieg gegen Deutschland. Festgelegt werden die drei Häfen, in denen das britische Expeditionskorps anlanden soll: Rouen, Le Havre und Boulogne. Vereinbart wird eine britische Kampfstärke von 123.000 Mann, 52.000 Pferden und 492 Geschützen. Auch die Bahnlinien, über die die briti-schen Truppen mit 42 Zügen täglich in den Aufmarsch-raum vorrücken sollen, sind aufgeführt. Alles muß so beendet sein, heißt es in dem Papier, daß die britische Armee am 16. Mobilmachungstag in die Operationen eingreifen kann.

1912 unterschreibt Frankreich ein geheimes Flottenab-kommen mit Rußland und England. So wird 1912 eine Ar-beitsteilung in der englischen und französischen Ma-rinepolitik vorgenommen. Frankreich zieht seine Kanal-flotte ins Mittelmeer, England den größten Teil seiner Mittelmeerflotte in die Heimatgewässer. Diese Abma-chungen der General- und Admiralstäbe wird auf poli-tischer Ebene ergänzt durch den Briefwechsel zwischen dem englischen Außenminister Edward Grey und dem französischen Botschafter in London, Paul Cambon, vom 22. und 23. November 1912, der zwar keine Verpflichtung zu unbedingter Hilfeleistung im Falle eines Krieges mit Deutschland bedeutet, sondern nur zur Beratung, aber eine starke moralische Bindung Englands an Frankreich darstellt. Es handelt sich um geheime Vereinbarungen, in die weder die Parlamente noch die meisten Minister Englands und Frankreichs eingeweiht sind. Gewisse Kreise in England und Frankreich agieren auf höchster Ebene, um ihre Völker in einen Krieg gegen Deutsch-land zu treiben.

Nach dem Stand von 1914 belaufen sich die ausländi-schen Investitionen Frankreichs auf umgerechnet neun Milliarden Dollar. Nur die englischen Auslandsinves-titionen sind höher. Daß Italien mit französischem Geld aus dem Dreibund mit Österreich und Deutschland ab-geworben werden kann, liegt im italienischen Kapital-mangel begründet. Das gleiche gilt für Rußland. Das ka-pitalstarke Frankreich hat Rußland mit seinen chroni-schen Zahlungsbilanzschwierigkeiten aus dem Bündnis mit Deutschland herausgekauft. Hinter der Kapitalstär-ke Frankreichs finden sich die Pariser Rothschilds, die natürlich eng verbunden sind mit ihren nächsten Ver-wandten, den Londoner Rothschilds, die den englischen Finanzmarkt beherrschen.

Unter der Last eines aufgeblähten Militäretats schiebt Rußland die größte Auslandsverschuldung der Welt vor sich her und muß dafür überdurchschnittlich hohe Zin-sen zahlen. Vor allen Dingen stecken die Franzosen viel Geld in die Modernisierung ihres russischen Alliierten – angefangen mit der Ausgabe des ersten Kredits von Pa-ris im Oktober 1888 bis zu dem entscheidenden Angebot von 1913, Rußland unter der Bedingung 500 Millionen Francs zu leihen, daß das russische strategische Eisen-bahnsystem in den polnischen Provinzen stark erweitert wird, damit die »russische Dampfwalze« schneller mobi-lisiert werden kann, um Deutschland zu erdrücken. Dies ist die deutlichste Demonstration der französischen Fähigkeit, finanzielle Stärke einzusetzen, um die eigene strategische Lage zu verbessern. Es liegt darin allerdings eine merkwürdige Rückwirkung, denn je effizienter das russische Militär wird, desto besser müssen die Deut-schen vorbereitet sein, Frankreich schnell zu schlagen, um sich dann mit all ihren Kräften gegen Rußland wenden zu können.

In Rußland wird die Regierung von einer prodeutschen, gegen einen Krieg eingestellten Regierung, in eine Kriegspartei gegen Deutschland verwandelt. Wladimir Suchomlinow übernimmt im März 1909 den Posten des Kriegsministers. Die russischen Kriegspläne werden in seiner Amtszeit als Kriegsminister auf eine Auseinan-dersetzung mit Deutschland als Hauptgegner umge-stellt, zuvor sah man noch England als Hauptgegner an. 1913 wird dann das russische Militärprogramm aufge-legt bis 1917 die russische Armee dreimal größer als das deutsche Heer zu machen. Ebenfalls 1913 verlängert Frankreich die Militärpflicht von zwei auf drei Jahre, wo-mit mit einem Schlag das stehende französische Heer um 50 % vergrößert wird. Im Bündnis Frankreichs mit Rußland kommt das auf eine absichtliche, tödliche Be-drohung Deutschlands heraus.

Der russische Außenminister Sergej Sasonow:

„Die Friedensliebe des deutschen Kaisers bürgt uns da-für, daß wir den Zeitpunkt des Krieges selbst zu bestim-men haben.“

Im Februar 1914 wird der gemäßigte, auf Ausgleich mit Deutschland bedachte russische Ministerpräsident Wladimir Kokowzow gestürzt und durch den rechts-konservativen Iwan Goremykin ersetzt, einem Vertreter politischer Interessen nationalistischer Gruppen.

Vom 2. bis zum 15. April 1914 findet im europäischen Teil Rußlands eine Probemobilmachung von 510.000 Mann Landwehrtruppen für zwei bis vierwöchige Manöver statt.

Nach einem Besuch in London meldet der russische Außenminister Sasonow dem Zaren:

„Grey erklärte mir ohne zu schwanken, wenn die frag-lichen Umstände eingetreten seien, werde England alles daran setzen, um der deutschen Machtstellung den fühlbarsten Schlag zuzufügen … Der König drückte sich noch viel entschiedener aus.“

Zum Neujahr 1914 veröffentlicht die Zeitschrift Raswet-schik, ein Sprachrohr des russischen Generalstabs, ei-nen Leitartikel, in dem zu lesen ist:

»Doch nicht nur die Truppe, das ganze russische Volk muß daran gewöhnt werden, daß wir uns zum Vernich-tungskampf gegen die Deutschen rüsten und daß die deutschen Reiche [Damit sind Deutschland und Öster-reich gemeint] vernichtet werden müssen, auch wenn wir dabei Hunderttausende von Leben verlieren müs-sen.«

Im Januar 1914 läuft eine fünfteilige Serie in der Pariser Zeitung Le Matin über Rußlands Kriegsziele. Autor ist ihr Chefredakteur, der sich in Petersburg mit Außen-minister Sergej Sasonow und hohen Offizieren getroffen hat. In der Artikelserie findet sich eine Landkarte mit der Überschrift »Der Kriegsplan Rußlands«. Sie zeigt die mit französischen Krediten gebauten, auf Deutschland und Österreich zulaufenden Bahnlinien und die »außer-gewöhnliche Ansammlung von Streitkräften an der russisch-preußischen Grenze« sowie die Stellungen der russischen Armeekorps.

Ab dem Frühjahr 1914 ist die Entente zum Überfall auf Deutschland bereit. Am 29. Mai 1914 berichtet Edward House, US-Präsident Woodrow Wilsons Hauptberater und Amerikas graue Eminenz, von seiner Europareise:

«Wann immer England sein Einverständnis geben wird, werden Frankreich und Rußland gegen Deutschland und Österreich vorgehen.«

Am 13. Juni 1914 beschreibt die russische Tageszeitung Birschewija Wedomosti (Börsennachrichten) die gewal-tige Streitmacht, die im Kriegsfall Deutschland überrol-len werde. In Berlin weiß man, daß Kriegsminister Wla-dimir Suchomlinow den Artikel veranlaßt hat. Kaiser Wilhelm kommentiert: „Na! Endlich haben die Russen die Karten aufgedeckt.“

Anfang 1914 wird Admiral Albert Huguet zum Komman-deur des französischen Geschwaders im Fernen Osten ernannt und trifft sich mit dem englischen Admiral Martyn Jerram, dem Befehlshaber der China Station der Royal Navy, in Hongkong mit Vorschlägen der französi-schen Regierung für ein gemeinsames Vorgehen gegen das deutsche Ostasiengeschwader im Kriegsfall. Im Juni 1914 wird von Huguet für das französische Fernostge-schwader Kriegsbereitschaft befohlen, in der Vorberei-tung auf den Krieg mit Deutschland.

Die weltweite Vorbereitung auf den Krieg gegen Deutschland ist abgeschlossen. Es fehlt nur noch ein Grund für den Krieg, den man dem französischen, eng-lischen und russischen Volk vorspiegeln kann. Diese Völker haben bereits die gewaltigen Lasten der Aufrüs-tung ihrer Staaten tragen müssen, für den Angriffskrieg gegen Deutschland.

Ein Vergleich der Staatsausgaben der größten Länder Europas von 1900 bis 1914 zeigt folgendes Bild:

                           Deutschland England Frankreich Rußland

Rüstung                      36 %          49 %            37 %         36 %

Kolonien                       1 %             2 %               3 %           0 %

Soziale Ausgaben    3 %             0 %              0 %           0 %

Schuldendienst       17 %           25 %           30 %        36 %

Militärausgaben und Zinsen machen in Deutschland 53 % des Staatshaushaltes aus, in Frankreich 67 %, in Ruß-land 72 % und in England 74 %. Wie reich hätten die Völker Europas ohne die Flotten, Armeen und die Tributzahlungen, genannt Zins und Zinseszins, an die Eigentümer der Banken sein können? An der Spitze der Bankenpyramide der Welt steht die Familie Rothschild.

Es gibt vordergründige Gründe für den Angriffskrieg auf Deutschland und hintergründige für diesen Krieg, in dem der Hauptkriegstreiber England ist, ohne den sich weder Frankreich noch Rußland noch beide zusammen in einen Krieg gegen Deutschland einlassen würden. Selbstverständlich sind nicht die Völker die Planer und Macher von Kriegen, sondern ihre Regierungen und die mächtigen Kräfte, die diese Regierungen beeinflussen, dem Volk völlig unbekannte Geheimgesellschaften und Bankiers mit ihren selbstsüchtigen Zielen auf Kosten der Völker. Vordergründig für England ist die ständig wachsende Wirtschaftsmacht Deutschlands, im Gegen-satz zum bereits im Niedergang befindlichen britischen Weltreich. Auch die deutsche Flotte wird angeführt, aber ein Vergleich der Flottenstärken zeigt sofort, daß die deutsche Flotte gegen die Verbündeten England, Frankreich und Rußland hoffnungslos unterlegen ist. England muß sich nie durch die deutsche Flotte bedroht fühlen. Die deutsche Kriegsflotte hat sich zwar seit 1900 von 285.000 auf 1.305.000 Tonnen vergrößert, die briti-sche aber auch von 1.065.000 auf 2.714.000. Gleichzeitig hat sich die Flottenstärke Rußlands auf 679.000 erhöht und die Frankreichs auf 900.000. Ein Verhältnis von 1,3 zu 4,3 an Kriegsschifftonnage – mehr als das Dreifache gegen Deutschland. Große Flottenbauprogramme lau-fen in England, Frankreich und Rußland, die das deut-sche bei weitem übertreffen.

Frankreich will Elsaß-Lothringen, das seit weit über tau-send Jahren deutsch ist, seit dem Anbeginn der Tren-nung deutscher und französischer Kulturwelt, und das Frankreich durch Kriege an sich gerissen hat, aber seit 1870 wieder zum Deutschen Reich gehört, ohne jedes Recht wieder an sich reißen. Als 1872 eine Volksabstim-mung in Elsaß-Lothringen stattfindet, stimmen nur 10,4 % für Frankreich. Von diesen 10,4 % entscheiden sich 3,2 %, 50.000 Menschen, nach Frankreich zu gehen unter Mitnahme oder freier Veräußerung ihres Hab und Gu-tes. Bei den Wahlen in Elsaß-Lothringen von 1911 gehen von den 61 Mandaten 60 an deutsche Kandidaten und nur eins an einen französischen Nationalisten.

Der nächste Grund für die französische Regierung gegen Deutschland Krieg zu führen ist natürlich die Brechung der deutschen Wirtschaftsmacht, die sich Deutschland aber selbst aufgebaut hat, ohne irgend-jemanden dabei zu schädigen.

Die Regierung von Rußland hat überhaupt keinen Grund, außer ihr finanzielles Desaster, das sie sich durch ihre sinnlose Überrüstung selbst aufgehalst hat, für einen Krieg gegen Deutschland, ist aber noch kriegs-fanatischer eingestellt als selbst die französische Regie-rung. Hätte England nicht dem zaristischen Rußland massive Unterstützung im Kriegsfall gegen Deutschland zugesagt – noch im Juni 1914 gibt es militärische Geheimgespräche zwischen England und Rußland – das Zarenreich hätte nicht den geringsten Grund für einen Krieg, in dem es dann auch ausgelöscht wird.

Daß England die Ursache für den kommenden Welt-krieg ist bestätigt Winston Churchill 1930 in seinem Buch My Early Life. Über die beiden großen Parteien in Großbritannien schreibt er:

»Die Konservativen herrschten nun [seit 1895] über das Land für die nächsten zehn Jahre, während denen sie eine Reihe von Kriegen ausfochten. – Und dann kamen die Liberalen und machten den größten aller Kriege.«

Doch nicht diese offensichtlichen Erscheinungen sind der tatsächliche Grund für das kommende Verderben der Welt, sondern die Mächte dahinter, reiche und mächtige Geheimgesellschaften wie der am 1. Mai 1776 von Adam Weishaupt im Rothschild-Auftrag gegrün-dete Illuminaten-Orden, der seitdem in allen hohen Führungsebenen in Europa seine Leute positioniert hat. Was ist das Ziel der Rothschilds? Kriege kosten enorm viel Geld. Und ein Weltkrieg erst recht. Von wem müs-sen die kriegführenden Staaten das Geld für den Welt-krieg borgen? Von den Rothschilds. Wenn alle kriegfüh-renden Staaten, alle kriegführenden Staaten, nach dem Weltkrieg hoch verschuldet sind, an wen müssen sie Zins und Zinseszins zahlen? Von einem Abtrag der Schulden kann gar keine Rede mehr sein. Bei wem müs-sen alle kriegführenden Staaten nach dem Weltkrieg, wie ja auch schon vor dem Weltkrieg, um neue Kredite bitten und unter welchen Bedingungen? Wer stellt die Bedingungen? Damit ist klar, wer und was der wirkliche Grund für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und die nachfolgenden Ereignisse und Kriege ist, darunter noch ein Weltkrieg.

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Vorworte

Aufgrund der oft noch bescheidenen Nachrichtenver-bindungen in den Kolonien erfahren einige der weißen Bewohner erst nach Wochen oder teilweise sogar erst nach Monaten vom Ausbruch des Weltkrieges. Für die-se Glücklichen geht solange ihr friedlicher Alltag weiter. Einwohner von abgelegenen Südseeinseln und Teilneh-mer von Expeditionen in entfernten Gegenden der Kolo-nien sind dabei besonders begünstigt.

In Sphinxhafen am Nyassasee, im Süden Deutsch Ostaf-rikas, weiß niemand von der englischen Kriegserklä-rung vom 4. August 1914 an Deutschland. Dort liegt der kleine Dampfer Hermann von Wissmann für die jähr-lichen Wartungsarbeiten auf der Helling. Am 13. August 1914 fährt der britische Dampfer Gwendolen in den Naturhafen ein. Die Kapitäne der Guen und der Wiss-mann kennen sich gut, sie sind Saufkumpane. Der englische Kapitän erklärt dem deutschen Kapitän, daß zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien der Krieg ausgebrochen sei. Der Engländer hat den Befehl erhalten den deutschen Dampfer wie auch immer zu vernichten. Britische Soldaten montieren das kleine 3,7cm-Geschütz vom deutschen Dampfer ab und bauen Teile der Maschinenanlage aus. Zusammen mit der Munition des Geschützes wird alles an Bord des bri-tischen Dampfers gebracht.

Anstatt das deutsche Schiff zu versenken, zu verbrennen oder auf eine andere Art zu vernichten, wie ihm befoh-len wurde, hat der Engländer es nur unbrauchbar ge-macht. Der deutsche Kapitän und sein Maschinist wer-den von den Briten gefangengenommen und auch auf der Gwendolen mitgenommen. Bei der Rückfahrt der Guen gibt es ein mächtiges Besäufnis von Engländern und Deutschen an Bord.

Der nächste Besuch der Briten in Sphinxhafen am 30. Mai 1915, für die wirkliche Zerstörung der Hermann von Wissmann, wird nicht so friedlich sein.

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VORWORTE

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe der Neuzeit, verursacht von internationalen Bankiers für ihre selbst-süchtigen Ziele. Ihr Hauptziel war und ist die totale Ver-sklavung der Menschheit unter ihre Herrschaft. Ihr Machtinstrument ist ihre Geldherrschaft. Sie verborgen ihr Geld – die Währungen der Welt sind ihr Eigentum – gegen Zins und Zinseszins und bringen so Menschen und Staaten in ihre Schuldknechtschaft.

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In den Jahren vor dem ersten der beiden Weltkriege der khazarischen Bankiers war die Bevölkerung der west-lichen Welt auf dem Weg in eine goldene Zukunft und protestierte seit Jahren auf vielen Veranstaltungen ge-gen einen Krieg. Aber wenige im Hintergrund hielten die Macht in Händen und für die Bekämpfung des aufkommenden Bewußtseins der Massen und für die Ausweitung ihrer Macht wurde der Erste Weltkrieg von ihnen gegen die Menschheit geführt.

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Der spätere Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer zu Anfang des Ersten Weltkrieges: »Daß viele Einge-borene die Frage in sich bewegen, wie es möglich sei, daß die Weißen, die ihnen das Evangelium der Liebe bringen, sich jetzt gegenseitig morden und sich damit über die Gebote des Herrn Jesu hinwegsetzen, fühlen wir alle. Wenn sie uns die Frage stellen, sind wir hilflos. – In meinem Hause achte ich darauf, daß die Schwarzen möglichst wenig von den Greueln des Krieges erfahren. Was wir an illustrierten Blättern bekommen, darf nicht herumliegen, damit die Boys, die lesen können, sich nicht in den Text und in die Bilder vertiefen und davon erzählen.«

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Beispiel Ostindien

Der Norddeutschen Lloyd (NDL) kauft im Jahre 1900 die Scottish Oriental Steamship Company und die East Indian Steamship Company; zusammen 27 Dampfer mit etwa 36.000 BRT.  Dazu werden 1900 und 1901 neun weitere Schiffe für den ostindischen Küstendienst an-gekauft oder in Auftrag gegeben für den ostindischen Küstendienst. Der sowieso schon große deutsche Han-delseinfluß in Südostasien und Südchina wird durch diese Übernahme der beiden britischen Reedereien und den Einschub neuer Schiffe in den hinterindischen Raum nochmals beträchtlich erweitert. Dazu kommt durch die Ausweitung des deutschen Küstendienstes in Ostindien und Ostasien die starke Verbesserung des Zulieferdienstes der Reichspostdampferlinie nach Ost-asien, die alle vierzehn Tage unterwegs ist, und stärkt auch die Reichspostdampferlinie nach Australien.

Mit dieser südostasiatischen Küstenflotte des NDL, die ohne staatliche Beihilfe des Reiches betrieben wird, wer-den in den folgenden Jahren eine Reihe von Zubringer-linien zu den Reichspostlinien aufgebaut oder erweitert. Dazu gehören unter anderem folgende Zweiglinien:

Bangkok-Bombay-Karachi, Singapur und Penang zur Ostküste Sumatras, Singapur-Bangkok, Singapur-Briti-sch Nordborneo, Singapur nach Sulawesi und zu den Molukken, Singapur-Manila, eine Zweiglinie auf dem Jangtsekiang zwischen Schanghai und Hankau, meh-rere verschieden laufende Linien zwischen Hongkong und Bangkok, die Verlängerung der Linie Australien-Hongkong nach Japan, der Lokalverkehr von Rabaul in Deutsch Neuguinea aus und die Aufnahme der neu ent-stehenden deutschen Handelsstadt Tsingtau auf dem chinesischen Festland in den Fahrplan.

1905 betreibt der NDL in diesem ostindischen und chi-nesischen Raum 17 verschiedene Küstenlinien mit 1906 51 deutschen Dampfern. 1905 gibt der Norddeutsche Lloyd für die Linie Singapur-Britisch Nordborneo bei der Werft Henry Koch in Lübeck zwei neue Fracht- und Passagierdampfer in Auftrag. Im Juli 1906 schreiben die Lloyd Nachrichten über diese Schiffe:

»Bei der Errichtung dieser Dampfer werden für die Pas-sagierräume alle neuesten Erfahrungen verwertet wer-den, so daß die modernsten, für die Tropenfahrt beson-ders geeigneten Akkomodationen geschaffen werden. Die Räumlichkeiten für 20 Passagiere erster und 9 Pas-sagiere zweiter Klasse, die jeder der beiden Dampfer erhalten soll, werden sämtlich auf dem Promenaden-deck untergebracht werden, damit sie eine möglichst luftige Lage bekommen. Die Dampfer werden 1500 Brut-to Registertonnen und eine Tragfähigkeit von 1750 Tons erhalten. Die stündliche Geschwindigkeit wird 11 Meilen betragen. Neben einer Reihe von Sicherheitseinrichtun-gen werden die Dampfer auch Schlingerkiele erhalten, die eine möglichst ruhige Fahrt gewährleisten.«

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Die Landesausstellung 1914

In Daressalam laufen die Vorbereitungen für die »II. Allgemeine Deutsch-Ostafrikanische Landes-Ausstel-lung« im August, für die auch viele hochrangige und prominente Besucher aus Deutschland erwartet werden. Die Ausstellung soll die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutsch Ostafrikas im besten Licht dar-stellen. In Daressalam und anderen Orten der Kolonie sind Veranstaltungen im Rahmen der II. Landesaus-stellung vorgesehen. Die Vorbereitungen für die Aus-stellung laufen bereits seit 1913. Dazu gehört natürlich auch die Ankunft des modernen Kreuzers Königsberg mit seiner über 300 Mann starken Besatzung in Daressalam. Dafür hatte der Kaiser am 17. März 1914 eine entsprechende Order erlassen:

»Mein Kleiner Kreuzer Königsberg soll nach Herstel-lung der Seebereitschaft die Ausreise auf die afrikani-sche Station durch den Suezkanal antreten.«

Bisher waren nur kleine und veraltete Kolonialkreuzer an der ostafrikanischen Station zu sehen gewesen und schon seit längerem hatte das Reichskolonialamt, Sied-ler, Kommandanten von Stationskreuzern und zuletzt das Organisationskomitee der Landesausstellung um Entsendung eines ansehnlichen Schiffes gebeten. Auf Anordnung des Kaisers wird nun dieser moderne Kreuzer zum Repräsentieren nach Ostafrika geschickt.

Im Morgengrauen des 6. Juni weist der Leuchtturm von Makatumbe der Königsberg den Weg in die Einfahrt nach Daressalam. Um 8 Uhr morgens rundet das Kriegs-schiff die scharf gekrümmte enge Hafeneinfahrt von Daressalam und macht an der bereitgehaltenen Boje am Eingang zum Creek fest. Donnernd hallt der Gouver-neurssalut des Kreuzers, vielfach zurückgeworfen vom Strand der inneren Bucht, von Kirchen und Gebäuden über den Hafen. Hunderte von Europäern und tausende von Eingeborenen versammeln sich am Strand. In weni-gen Minuten ist das Schiff von zahllosen Booten umge-ben.

Die Königsberg kann sich sehen lassen, sie hat mehr Schornsteine als die meisten fremden Kriegsschiffe an der ostafrikanischen Küste. Der deutsche Kaiser hat ein „Manowari ya bomba tuta“, ein Kriegsschiff mit drei großen Feuerrohren, entsandt. Die Zahl und Größe der Schornsteine gilt als Symbol für die Stärke eines Kriegs-schiffes.

Nun läuft das offizielle Empfangsprogramm ab. Gouver-neur, Behördenvertreter, Marine- und Schutztruppenof-fiziere begrüßen das Schiff. Für die bevorstehende Feier des 25jährigen Bestehens der Schutztruppe, die wäh-rend der Landesausstellung stattfindet, hat die Königs-berg ein Ehrengeschenk der Marine mitgebracht, große Schiffsmodelle, die auch auf der Landesausstellung ge-zeigt werden sollen. Vom Kommandanten des Stations-schiffs Geier übernimmt Fregattenkapitän Max Looff die Geschäfte des Ältesten Offiziers der Ostafrikani-schen Station und Looff stattet auch allen Landbehör-den entsprechende Antrittsbesuche ab.

Am Nachmittag des 12. Juni läuft das bisherige Stations-schiff Geier aus Daressalam aus und wird dabei von der Königsberg und der Schutztruppe verabschiedet. Dazu ist die Daressalamer Kompanie der Schutztruppe mit ihrer Musikkappelle an der Ausfahrt angetreten. Mit ihr, wie mit der Königs-berg, wechselt der alte Kreuzer drei Hurras. Die Geier ist 1894 in Dienst gestellt worden und trotz Modernisierung 1908/09 nun doch veraltet, wes-halb sie im Mai 1914 vom Kleinen Kreuzer zum Kano-nenboot umklassifiziert wurde. Für eine Stationierung in der Südsee reicht sie aber noch allemale aus und so geht sie nach Deutsch Neuguinea. Nach verschiedenen Besuchsaufenthalten auf der Fahrt soll sie am 1. Okto-ber 1914 in Rabaul eintreffen.

Die Königsberg wird noch Übungsfahrten an der Küste, zur bisher aus Zeitmangel vernachlässigten Ausbildung der Besatzung, unternehmen und dabei auch Küsten-städte der Kolonie anlaufen, um schließlich im August während der Eröffnungsfeierlichkeiten für die Landes-ausstellung in Daressalam zu liegen, zusammen mit dem zweiten Schiff auf der Ostafrikanischen Station, dem modernen Vermessungsschiff Möwe mit seiner gut hundert Mann starken Besatzung. Die Möwe führt Vermessungsarbeiten in den Küstengewässern von Deutsch Ostafrika durch und wird auch rechtzeitig zur Eröffnung der Landesausstellung in Daressalam sein.


Die Hauptveranstaltungen der Landesausstellung wer-den natürlich in der Hauptstadt der Kolonie mit ihrer großzügigen Architektur in tropischer Kulisse stattfin-den. Der Brite Charles Miller beschreibt den Anblick von Daressalam bei der Einfahrt von See in die Stadt: »Als ihre Dampfschiffe die enge Hafeneinfahrt durch-querten, sahen die Touristen entlang dem breiten mit Palmen bestandenen Strand ein Panorama moderner Bürogebäude und Kirchtürme. An Land erblickten sie den Gouverneurspalast mit seiner beeindruckenden weißen Säulengalerie und den orientalischen Rund-bögen.«

Der Fertigstellung der Mittellandbahn, deren Bau 1905 begonnen hatte, auf ihrer ganzen Länge von Daressa-lam bis Kigoma am Tanganjikasee soll nun die offizielle Einweihung der Bahn bis Kigoma erfolgen, wofür die II. Landesausstellung den feierlichen Rahmen abgibt. Be-fahren wird aber auch das letzte Teilstück Tabora-Kigoma der Bahn schon seit Februar 1914. Insbesondere werden über die Mittellandbahn kommend zahlreich schwarze Besucher der Ausstellung erwartet. Sehr schnell hat die Bahn seit der Inbetriebnahme des ersten großen Streckenabschnitts 1907 mit den 200 Kilometern von Daressalam nach Morogoro die Schwarzen als Fahr-gäste gewonnen, die gewohnt waren mit ihren Lasten zu Fuß unterwegs zu sein. Nun können die Bewohner ent-lang der 1252 Kilometer langen Bahnlinie mit ihren marktfähigen Waren schnell auch entfernte Plätze für ihren Verkauf erreichen und die einheimische Bevöl-kerung an der Mittellandbahn nutzt das revolutionäre Verkehrsmittel ausgiebig.

Durch die Bahneröffnung bis zum Tanganjikasee, dem zweitgrößten See Afrikas, und die anschließenden Schiffsverbindungen über den See, hat das gesellschaft-liche Leben der Weißen in Daressalam schon eine er-hebliche Anregung und Steigerung erfahren und durch die Vorbereitungen für die Landesausstellung noch zu-sätzlich. Zudem tagt vor der Eröffnung der Ausstellung noch der Gouvernementsrat der Kolonie in Daressalam, ein Gremium von Sachverständigen aus allen Wirt-schaftskreisen des Schutzgebietes, das die Regierung von Deutsch Ostafrika in allen Wirtschaftsfragen berät.

Auch der Gouverneur Heinrich Schnee und seine Frau Ada haben nun vor der Ausstellung in ihrem gastfreien Haus um so mehr Besuch aus allen Kreisen der Euro-päer bei Tee und Tanz und sonstigen Veranstaltungen. Wenn die Königsberg zwischen ihren Ausfahrten zur Ausbildung der Mannschaft und zum Besuch von Orten entlang der Küste der Kolonie wieder in Daressalam liegt ist sie ebenfalls für die staunenden Besucher zu besichtigen und auch Ort für Veranstaltungen des Kommandanten des Kriegsschiffes für geladene Gäste aus der Kolonie.

Die Landesausstellung soll auch für die europäischen Besucher aus den Nachbarkolonien, den Besuchern aus Deutschland und selbstverständlich für Schwarz und Weiß aus der Kolonie selbst eine Schau der wirtschaft-lichen Leistung an Exportprodukten der weißen und einheimischen Wirtschaft des Landes sein. Die Aus-stellung soll ja überhaupt den Handel der Kolonie för-dern. Für die Besucher aus der Kolonie ist eine Ausstel-lung von deutschen Gütern in Vorbereitung, die für die Wirtschaft des Schutzgebietes besonders interessant sind. Viele dieser Ausstellungsstücke sind schon in Da-ressalam angekommen, während andere noch auf der Seereise in die riesige ostafrikanische Kolonie Deutsch-lands sind. Der Regierungskommissar für die Ausstel-lung, Gouvernementssekretär Bleich, hat gute Arbeit geleistet für das Gelingen der großen Ausstellung und der erfolgreichen Darstellung der größten Kolonie des Deutschen Reiches.

Auf dem fertig abgegrenzten und in seine Ausstellungs-bereiche gegliederten Gelände ist der Aufbau der Aus-stellung im Gange. Die Firma Krupp hat einen großen Pavillon erbauen lassen, in dem landwirtschaftliche Maschinen gezeigt werden. Auch andere Ausstellungs-hallen gehen ihrer Fertigstellung entgegen. Die beiden Pavillons der Kolonie Belgisch Kongo und der Engländer aus Kenia und Sansibar mit den Produkten ihrer Kolo-nialgebiete sind bereits fertiggestellt.

Eine besondere Attraktion bietet ein Eingeborenendorf auf dem Ausstellungsgelände, das mit Hilfe der Schutz-truppenabteilung in Daressalam von den in die Haupt-stadt gereisten Mitgliedern der verschiedenen Stämme, die auch gleich im Dorf leben, aufgebaut wurde und die Hüttentypen – runde und viereckige Hütten, Temben und Kraale – der Ackerbau treibenden und nomadisie-renden Stämme im weiten Bereich der Kolonie zeigt. Die Temben sind eine ostafrikanische Besonderheit, es sind viereckige Hütten mit einem Flachdach, das mit Erde bedeckt ist, und mit Wänden, die mit Lehm verputzt sind. Für das Dorf sind schon Familien mit ihrem Vieh, ihren Geräten und Werkzeugen aus den entferntesten Gegenden der Kolonie in Daressalam eingetroffen oder sie sind auf Weg in die Hauptstadt. Die weit entfernt im Landesinneren Viehzucht und Ackerbau treibenden Stämme werden normalerweise nur nach monatelan-gen Märschen und Safaris von wenigen Angehörigen der Schutztruppe auf Erkundung, von Wissenschaftlern und Großwildjägern besucht und so sollen nun einige dieser in fernen Gegenden der Kolonie lebenden Einhei-mischen auf dem Ausstellungsgelände sich selbst und ihre Lebensweise vorführen. Die Masse der weißen Be-wohner der Kolonie lebt in den Städten und auf Planta-gen und bekommt diese Menschen und ihr Leben nie zu Gesicht.

Während in Daressalam geschäftiges Leben in Vorberei-tung der Ausstellung herrscht, sind schon Gäste aus der Kolonie und aus Deutschland für die Feierlichkeiten in der Stadt eingetroffen. So Vertreter vom Reichskolonial-amt und Abgeordnete von kolonialfreundlichen Partei-en des Reichstages und des preußischen Landtages. En-de Juli/Anfang August sind weitere Gäste aus Deutsch-land mit Schiffen unterwegs. So befindet sich die Gene-ral der Deutsch-Ost-Afrika-Linie, ein Fracht- und Passa-gierschiff, das 300 Fahrgäste befördern kann, nach der Abfahrt aus Hamburg noch im Mittelmeer für die Durchfahrt durch den Suezkanal auf dem Weg nach Daressalam, wo das Schiff laut Fahrplan am 17. August eintreffen soll. Die General hat auch wesentliche Teile der für Deutsch Ostafrika bestimmten Großfunkanlage an Bord, die eine ständige Funkverbindung mit Deutsch-land schaffen soll.

Auch ausländische Gäste, etwa aus Belgisch Kongo, sind bereits in Daressalam eingetroffen. Andere prominente Gäste befinden sich unabhängig von der Landesaus-stellung in der Kolonie, aber werden sicher auch die Ausstellung besuchen, so Dr. Richard Hindorf, der den Sisal in Deutsch Ostafrika eingeführt hat und jetzt Zwecks Verbesserung der Sisalkultur im Lande weilt, und General Kurt Wahle, der seinen als Pflanzer in der Kolonie lebenden Sohn besucht.

Auch ein Flugzeug aus Deutschland ist für die Landes-ausstellung angekommen. Es soll für Schauflüge wäh-rend der Ausstellung eingesetzt werden. Das Flugzeug, ein Doppeldecker, war zunächst bei der alljährlich Ende Mai stattfindenden Südwestafrikanischen Landesaus-stellung in Windhuk geflogen und sollte nach weiteren Flügen in Südwestafrika über das britische Südafrika nach Deutsch Ostafrika fliegen. Da die Briten aber Luft-spionage mit dem Flugzeug befürchteten bekam der Pi-lot Bruno Büchner keine Überfluggenehmigung und mußte sein Flugzeug auseinandergebaut von Lüderitz-bucht aus nach Daressalam verschiffen. In Deutsch Ost-afrika ist angedacht, den Doppeldecker nach der Aus-stellung für Forschungsflüge über der Kolonie zu ver-wenden.

Die II. Landesausstellung von Deutsch Ostafrika wird am 17. August beginnen, mit offizieller Eröffnung am 18. August, und innerhalb der Wirtschafts- und Kulturaus-stellung in Daressalam wird auch das Fest für das 25jährige Bestehen der 1889 gegründeten Schutztruppe für Deutsch Ostafrika vom 17. bis 21. August stattfinden mit Gala-Essen, Militärkonzert und Feuerwerk am 19. August, einem Großen Bierabend am 20. August und der Abschlußparade der Schutztruppe am 21. August.

Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II wird erwartet und für ihn ist in Kigoma, der Endhaltestelle der Mittelland-bahn am Tanganjikasee, ein Jagdschloß erbaut worden.

              

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Funk

1914 kann die Großfunkstelle Nauen bei Berlin bereits alle deutschen Kolonien in Afrika erreichen, aber für den Empfang in Afrika und den Funkverkehr Afrika-Deutschland sind die Großfunkstellen in Afrika erst im Aufbau. Im Juni 1914 bringt der Kreuzer Königsberg aus Deutschland Lieben-Röhren für die Verstärker der Funkanlage in Daressalam mit, die mit dieser neuesten Technik das 6700 Kilometer entfernte Nauen empfan-gen kann. Von der nächsten deutschen Funkstation, von Windhuk in Deutsch Südwestafrika, 2600 Kilometer entfernt, kann Daressalam nun auch Funksprüche auf-nehmen. Senden nach Deutschland oder Südwest kann Daressalam allerdings nicht. Auch mit der 3750 Kilome-ter entfernten Großfunkstation Kamina in Togo kommt kein Funkverkehr zustande.

In Deutsch Ostafrika wird in Tabora die Großfunkstelle für die Kolonie aufgebaut. Anfang August 1914 sind die Maschinenteile der Funkanlage für Tabora auf dem Weg nach Afrika. Sie befinden sich auf dem Dampfer General, der gerade das Mittelmeer durchfährt.

Die Funkstation in Tabora sollte schon früher errichtet werden, das Projekt wurde aber für die Herstellung der Funkstation in Windhuk in Südwestafrika aufgescho-ben.

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Allgemeines Leben III


Ist die Tierwelt und die Landschaft Ostafrikas für die Stadtbewohner etwas unbekanntes und eine Safari außerhalb ihrer Möglichkeiten, ist eine Safari für die Farmbesitzer im Landesinnern oft Teil ihrer Freizeit oder gar ihrer Tätigkeit. So ist Werner Schönfeld, wie einige Pflanzer in Deutsch Ostafrika ein ehemaliger Marineoffizier, im Juli 1914 auf Safari in der Steppe zwischen dem Kilimandscharo und dem Meru und Anfang August reitet er von der Farm Krantz zur Farm Weber, um dort von ihm eingestelltes Vieh zu besich-tigen. Ein Ritt durch die Hitze der Buschsteppe ist wiederum auch nicht der Traum vieler Büroangestellter in Daressalam. Dafür bezahlen aber einige vermögende Deutsche und Ausländer viel Geld für die Anreise und die Safari in Afrika. So kommt auch der frühere lang-jährige Bezirksamtmann des Bezirks Kilwa, Hauptmann a. D. Richter, im Juli 1914 für die Jagd zurück nach Deutsch Ostafrika.


Der 5. August 1914 ist ein typischer Tag während der Ernte auf einer Baumwollplantage im Lukuledital im Südosten der Kolonie. Am frühen Morgen, noch im Dunkeln, werden wie üblich durch die Ngoma, die große Wecktrommel, die Leute aus den Hütten zur Arbeit gerufen und auch Otto Pentzel, der Plantagenbesitzer, wird von der Trommel geweckt. Als Pentzel auf den Hofplatz hinaustritt beginnt die aufgehende Sonne die Spitzen der Palmen zu bescheinen und nach dem Abzäh-len der in langen Reihen angetretenen Arbeiter ist es heller Tag, wie eben in den Tropen sich der Übergang von der Nacht zum Tag schnell vollzieht. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich nun zu den Feldern. Vo-ran die Arbeiter von der Küste in vielfachen Schattie-rungen von hellem Braun zu tiefem Schwarz und dahin-ter der Zug der stämmigen Wangoni aus dem tiefen Hinterland, die Kerntruppe der Arbeiter. Die aus dem entlegenen Südwesten des Schutzgebietes angeworbe-nen Wangoni sind rauhe Gesellen, die sich gerne mit dem einheimischen Hirsebier betrinken und dann be-geistert Schlägereien mit den Leuten anderer Stämme suchen, wobei sie auch ihre dünnen, aber am Ende mit einem rund geschnitzten Keulenkopf geschmückten Stöcke einsetzen. Schlägereien, die Pentzel genug Gele-genheit bieten, sich als Sanitäter zu betätigen. Jetzt zie-hen die Wangoni mit umgehängten Säcken an die fried-liche Tätigkeit des Baumwollpflückens, die zu den bä-renstarken Gestalten wenig zu passen scheint. Sie sind beim Buschroden besser am Platz, wenn es gilt, mit Axt und Haumesser unter taktmäßigen, sehr melodischen Gesängen auf zähe Baumstämme einzuschlagen. Jetzt lösen sie aus den vertrockneten Kapseln jede Flocke sorgfältig aus. Auch darin sind sie die Zuverlässigsten. Die von ihnen gezupfte Wolle ist die sauberste, während man bei den Küstenleuten scharf aufpassen muß, daß sie nicht von Mäusefraß verdorbene Flocken und dürre Blätter unter das Erntegut mischen.

Die Felder sehen von der aufgegangenen Wolle wie beschneit aus. Teilweise schaukeln die Flocken schon bedenklich lang im steifen Südwind. Es ist höchste Zeit, sie einzubringen, und Otto Pentzel ist froh, dieses Jahr so viele Pflücker zusammenbekommen zu haben. Nicht Mangel an Arbeit, sondern Knappheit an Arbeitern macht den Pflanzern zu schaffen.

In langer Kette ziehen die Sammler die Staudenreihen entlang und legen die vollgestopften Säcke am Feldrand ab, von wo ein besonderer Trägertrupp sie aufnimmt und an große, aus Bambusstangen gebundene Trocken-tische bringt. Hier breitet man die Wolle aus und gibt sie der prallen Sonne preis, um Rotwanzen und andere lästige Insekten zu vertreiben. Sack um Sack wird dann wiederum gefüllt und im Speicher aufgestapelt. Bis an die Decke häuft sich der Erntesegen. Wohlgefällig be-trachtet Pentzel die Ernte und wagt schon heimlich zu überschlagen, welchen Gewinn diese Fülle einbringen wird. Der Baumwollpreis steht 1914 erfreulich hoch.

Während des Arbeitsgetriebes holt Cheramanda, der Boy von Pentzel, ihn aus dem Betrieb heraus. Zu Chera-mandas Pflichten gehört neben dem Wäsche waschen, putzen und dergleichen häuslichen Verrichtungen auch die allmorgendliche Kontrolle der Raubtierfalle. Chera-manda hat auch gleich das Jagdgewehr dabei. Die Falle ist am Ende des Kulturlandes an einem schmalen Pfad ins Schilf des Lukulediflusses aufgestellt. Mindestens einmal die Woche hält das schwere Bogeneisen einen unfreiwilligen Insassen fest, meist nur ein harmloses Stachelschwein oder eine ruppig aussehende Hyäne. Zweimal hat Pentzel mit dem Fangeisen auch schon prächtige Leopardenfelle auf diese Weise erbeutet, aber Löwen sind bisher der Falle immer aus dem Weg gegangen. Diesmal ist ein ungewöhnlicher Fang im Eisen: Ein Krokodil. An Land flieht ein Krokodil ins Wasser, aber im Wasser hat man keine Chance gegen die Echse, da ist sie in ihrem Element. Aber auch am Ufer ist es sehr gefährlich, wenn man sich dort achtlos aufhält. Viele Frauen werden beim Wasserholen von den aus dem Wasser schnellenden Panzerechsen ge-packt und gefressen.

Pentzel und sein Boy nähern sich dem Fangeisen. Pent-zel berichtet: »Ich konnte noch nicht erkennen, ob sich im dichten Schilf ein Krokodilleib vom Boden abhob, sind doch auch die freiliegenden, oft riesenhaften Ech-sen kaum von angeschwemmten Baumstämmen zu unterscheiden, wenn sie zu Dutzenden nebeneinander hingereiht auf einer Sandbank Mittagsruh halten.

Cheramanda wurde mutiger und warf einen Lehm-brocken ins Gebüsch, und da bewegte sich etwas, was ich eben noch für eine Schlammaufhäufung gehalten hatte. Es war ein ganz achtbares Krokodil von vielleicht vier Meter Länge, aber völlig verängstigt suchte es sich im Grase zu verstecken, die linke Hintertatze saß im Eisen. Ich sagte Cheramanda, er solle das Tier zurück-treiben, damit ich einen guten Schuß anbringen könne. Cheramanda holte wieder mit Lehmbrocken aus, um es zum Wenden zu veranlassen. Da schwoll der Echsenleib auf, noch mehr und noch riesiger, und das Krokodil hob an zu brüllen, hob ein tiefes, rollendes Löwenbrüllen an. Das wirkte so seltsam, daß ich ein zweites Mal ansetzen mußte, ehe dieses drachenhafte Fabeltieres Ende ge-kommen war.

Krokodile haben also eine Stimme! Das hatte ich nun heute gelernt. Es verging doch kein Tag in diesem Affen-land, wo man nicht Gelegenheit hatte, irgend etwas Unbekanntes zu entdecken, sei es aus der Pflanzen- oder Tierwelt, auf völkerkundlichem oder sprachlichem Ge-biet. Nach Hause mochte ich diese kleine Neuheit nicht mitteilen, denn da lachte man mich vielleicht aus, so wie es auch die Daressalamer Städter zu tun pflegten, die wohl in Afrika wohnten, aber von Afrikas Leben nicht allzuviel zu sehen bekamen. Vor ihnen hielten wir Pflan-zer und andere Hinterwäldler uns mit unseren Erfah-rungen, namentlich wenn sie Raubzeug betrafen, lieber zurück. Löwen sollten in der Kolonie jährlich Hunderte von Schwarzen aus den Hütten holen? Lächerlich! In der unter elektrischem Licht strahlenden Wißmann-straße in der Haupt- und Gouverneurstadt war derglei-chen nie passiert!

Ich beauftragte Cheramanda, einige Wangoni zu holen und der Jagdbeute den Kopf abschneiden und im Sand vergraben zu lassen, damit ich ihn in einigen Wochen als einen von Insekten blitzblank gefressenen und damit tadellos hergerichteten Schädel herausholen könne. Diesen mit einem unheimlichen Durcheinander von großen und kleinen Zähnen bewaffneten Rachen aufzu-bewahren, lohnte sich. Mit der Haut war nichts anzu-fangen, weil die so wehrhaft aussehende Panzerrüstung nur aus dünnen, zu Buckeln übereinandergeschichteten Plättchen besteht, die beim Trocknen zu losen Horn-splittern zerblättern.

Ich ging zur Erntearbeit zurück und fand mich dabei vollauf beschäftigt, bis nachmittags nach drei Uhr die Ngoma wieder schlug und Feierabend verkündete. Ent-gegen der in Europa herrschenden Ansicht, als ob um die Mittagszeit ganz Afrika in gliederlösenden Schlaf versunken sei, wurde nämlich von morgens ab ununter-brochen durchgearbeitet, die ›desturi‹, die allgewaltige Sitte wollte es so, weil die Neger gewöhnt sind, meist nur einmal des tags zu essen, was gegen Abend, dann aber ausgiebig geschieht. Für mich war die Arbeit noch nicht zu Ende, von den heimkehrenden Leuten sammelte sich wie üblich auch heute wieder ein Trupp vor meiner Veranda zum Shauri.

›Shauri‹ ist das große Wort im Lande und bedeutet die bei den Negern so beliebte ›Unterhaltung‹ und ›Ver-handlung‹. Sie verstehen, alles Erdenkliche zum Gegen-stand eines Shauris zu machen, für sie eine Liebhaberei, für den Bwana oft eine Plage. Aber der Europäer muß mithalten, will er nicht die Fühlung mit den Leuten verlieren, und er lernt auch bald, daß diese tägliche Beanspruchung doch den Gewinn einer Vervollkomm-nung in der Landessprache bietet. Erst der in Kiswaheli wirklich Fortgeschrittene merkt, wieviel weiter er mit den Eingeborenen kommt als ein Sprachfauler, der zwar auch verstanden, aber sehr zu seinem Schaden ausge-nutzt wird. Was die Shauribedürftigen diesmal vor-brachten, war das Übliche. Die meisten wollten Vor-schuß erlisten, teils mit Grund, teils ohne Grund. Den allzeit verläßlichen Wangoni konnte ich das Verlangte geben, bei ihnen war ich sicher, daß sich kein Mann vor Ablauf seiner Verpflichtung mit Hinterlassung von Schulden davonmachen würde, sie waren eben Rasse, diese rauf- und sauflustigen Kerle. Das gemischte Küs-tenvolk wollte mit mehr Vorsicht genossen sein, und dessen Vertreter wußten auch zur Genüge, daß ich nicht mehr auf jeden gestorbenen Großvater hereinfiel, dem zu Ehren die ›Sadaka‹, die Leichenschmauskosten ge-pumpt werden sollten. Wenn alle als plötzlich tot ge-meldeten Großväter, Großmütter, Brüder, Weiber und Kinder, wie angegeben wirklich zu begraben waren, so hätte das Land in Jahresfrist eine Wüste sein müssen. Aber ohne Shauri konnte ich auch die klarste Ableh-nung nicht durchführen und mußte diese Fälle ebenso gewissenhaft durchschwatzen, wie ich die anderen dörf-lichen Schwierigkeiten unter den schwarzen Mitmen-schen zu bereinigen suchte. Da klagte Abderachman bin Hamis, der Omari bin Mohamadi sei ihm schon lange eine Viertelrupie (dreiunddreißig Pfennig) schuldig, und ich möge doch dem bösen Zahler aufs Gewissen drük-ken. Der Toapembe bin Salim behauptete, der Saidi Nungu, zu deutsch: das ›Stachelschwein‹, habe ihm ein Huhn gestohlen (Barwert in unserm Geld zwanzig Pfen-nig), und der Mpalapalingwa vom Stamm der Wayao wies einen handlichen Riß unterm wolligen Kraushaar mit der nicht unwahrscheinlichen Klage vor, da habe ihm der Wangonimann Kwamkope mit dem Keulen-stock eins übergezogen.«

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Kamerun II

Max Kirsch arbeitet an Barre-Dampfern, die wegen ihrem geringen Tiefgang die nur wenig unterwasser liegenden Sandbarrieren vor der Küste von Westafrika überfahren können. Kirsch, der für seinen Auslands-einsatz einen ›Auslandsschein‹ bekommen hat ist mit der Bescheinigung bis 1916 vom Militärdienst befreit und arbeitet zur Zeit in Duala an der Marina, einem 600-t-Barre-Dampfer. Der Dampfer ist wie eine Reihe weiterer deutscher Barre-Dampfer in Lagos in der bri-tischen Kolonie Nigeria tätig. Seine Besatzung besteht aus dem Kapitän Freiherr von Geyer, dem Ersten Offi-zier und zwei Maschinisten. Die übrige Besatzung be-steht aus Negern, Leute, zu denen man großes Ver-trauen hat und die im Dienst schon viel geleistet haben. Ihre Kenntnisse als Matrosen und Heizer sind erstaun-lich gut. Max Kirsch, der einen schwarzen Diener na-mens Freitag hat, beschreibt das Leben im Hafen von Duala Anfang August 1914:

»Auf dem breiten Strome des Kamerunflusses schwimmt unterhalb der Joßplatte das große Dock der Wörmannlinie. Die Landungsbrücken am Ufer von Duala sind voller Menschen. Freundliche Häuser liegen versteckt in dem dunklen Grün der Mangobäume. Auf der andern Seite des Stromes leuchten aus dem Ufer-walde die Häuser von Bonaberi hervor. Weiter nach dem Meere hin ragt der Rücken des Kamerunberges empor. Weiße Nebelstreifen bedecken seinen Fuß.

Auf dem Strome liegen zwei große Dampfer. Ihre Rie-sengestalten und das Dock sind auffallende Erschei-nungen in der weiten, wilden Natur.

Das Dock trägt einen Dampfer, an dem bis heute lebhaft gearbeitet wurde. Schwarz Hände nieteten an den Kiel-platten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Heute aber hat der Lärm der Arbeit aufgehört, und nur von Land her, aus der Regierungswerkstätte, tönt ein geschäftiges Klopfen, Schlagen und Hämmern, wie das, seit die Europäer ins Land kamen, an so vielen Stellen der afrikanischen Küste zu hören ist, wo früher nur das tiefe Brüllen der Flußpferde und der Schrei der Ufer-vögel die Ruhe unterbrachen.

Auf dem Dock ist reges Leben. Neger stehen an den Ventilen, der Dockmeister pfeift, die Neger drehen die Gestänge und langsam sinken die Kasten in das Wasser, bis der Körper des gedockten Schiffes selbst zum Tragen kommt und die Balken aufschwimmen, die die Bord-wand gegen die Wände des Docks gestützt hatten. Der Kapitän des Schiffes steht auf der Kommandobrücke und wartet auf den Augenblick, wo er den Maschinen-telegraphen nach langen Tagen zum erstenmal wieder bewegen kann.

Endlich schwimmt die Marina. Der Telegraph schnarrt und klingelt, die Maschine springt an, das Schiff steuert im großen Bogen flußaufwärts und fährt sicher durch die Fischerboote der Eingeborenen hindurch, bis auf einen Ankerplatz gegenüber dem Wörmannhause und dem Strandhotel. Der Anker fällt. Der Dampf wird abge-stellt.

Jetzt konnte auch ich an Deck kommen und mich mit meinen Kameraden freuen, daß die Arbeit beendet war. Das Schiff war wieder wie neu. Der Kapitän war froh über das gute Manöver des Schiffes, das so lange ruhig hatte im Dock liegen müssen, und spendete seinen weißen Mitarbeitern einen gemeinsamen Trunk.

Meine Tätigkeit an Bord der Marina war heute beendet. Ich mußte den nächsten Barr-Dampfer erwarten, der hier gedockt werden sollte, und freute mich auf einige Tage der Erholung. Mein eigentlicher Wohnsitz war Lagos. Da war ich bei der Werft angestellt, auf der die Barr-Dampfer ausgebessert werden, wenn sie bei ihrem schweren Dienst zu Schaden kommen. In Lagos selbst aber können nur kleine Arbeiten ausgeführt werden; alle Arbeiten, zu denen ein Dock notwendig ist, müssen in Kamerun gemacht werden. Zu solchen Arbeiten war ich im Mai 1914 nach Kamerun gesandt worden.

Der Kapitän gab auch unseren schwarzen Arbeitern, die uns bei der Arbeit treu unterstützt hatten, Urlaub, damit sie zu ihren Landsleuten gehen und sich einige Tage ausruhen konnten. Er versprach außerdem, daß der Lohn auch für die Tage der Ruhe gezahlt werde, zur Belohnung für die gute Arbeit. Die Neger verließen das Schiff in froher Stimmung, und nun herrschte an Bord eine Stille, die nach dem Lärm der letzten Wochen sehr wohltuend war.

Der Kapitän ließ sich ein Beiboot klarmachen und fuhr an Land, um die Geschäftsstelle der Dampferlinie aufzu-suchen. Wir anderen, die Maschinisten und ich, lagen in den Korbstühlen an Deck, gedachten zu baden und uns auszuschlafen und durchblätterten die letzten Zei-tungen, die schon ziemlich alt waren.«


Im November 1914 ergibt eine englische Einschätzung von Duala: »Der Wert der … Maschinen, Gebäude, Vor-räte und Hafenanlagen ist sehr hoch zu veranschlagen. Viele der Eingeborenen sprechen Englisch und sind den Franzosen feindlich gesonnen.«

Der gegebene Ausgangspunkt für die Erschließung Kameruns durch die Eisenbahnen ist der sehr gute, natürliche Hafen Duala, im Innern der geräumigen gleichnamigen Bucht gelegen. Nach Durchbaggerung der sogenannten Innenbarre werden künftig die großen Seedampfer nach Duala heraufgehen und an den dort geplanten Kais anlegen können, so daß sich dann der Umschlag zwischen Schiff und Bahn – anstatt des gegenwärtigen Leichterverkehrs – auf einfachste Weise vollziehen wird. Die Erschließung des Hinterlandes von Kamerun ist durch ein Netz von Duala ausgehenden Bahnlinien als eine Notwendigkeit gegeben.

Eine ursprünglich vorgesehene Verlängerung der Manenguba- oder Kameruner Nordeisenbahn bis zum Tschadsee muß 1914 vorläufig als undurchführbar gel-ten, wegen der Baukosten durch die hohen Gebirge auf der geplanten Strecke. Die Möglichkeit dieser Bahnver-längerung wird von der wirtschaftlichen Entwicklung von Kamerun abhängen. Die Verlängerung in nordöst-licher Richtung in die Landschaft Bamum bis Fumban wird erwogen und erscheint aussichtsreich.

Die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong ist bis zum Kilometer 153 für den Verkehr freigegeben als man am 17. Juni 1914 die Bahnstrecke bis nach Eseka am Bahn-kilometer 173 für den Verkehr öffnen kann. Am 1. Au-gust 1914 kann dann die Linie mit einer Gesamtlänge von insgesamt 181 km bis zur Bahnstation Njock fertig-gestellt und freigegeben werden. Bis zum 24. Juli 1916 soll Mbalmajo am Njong, km 293, erreicht und damit die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong vollendet sein.

Erkundungen für die Verlängerung der Bahn von Mbal-majo aus sind schon durchgeführt. Von Mbalmajo ist die Weiterführung der Strecke nach Batua im mittleren Kamerun geplant. In Batua würde eine Strecke durch Adamaua in die Deutschen Tschadseeländer führen und von dieser Linie sind Zweigstrecken ins Land hinein vorgesehen. Eine andere Strecke soll vom Njong zum schiffbaren Sanga in Neukamerun führen. Der Sanga fließt zum deutschen Teil des Kongoflusses und ver-bindet so das südliche Neukamerun mit dem Atlantik. Wenn diese Bahn ausgebaut wird, wird bis zur Fertig-stellung mindestens das Jahr 1922 herankommen. Der Bahnbau in Kamerun – besonders im Urwaldgebiet – ist eben schwieriger als der Bahnbau in Deutsch Ostafrika.


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Mittelafrika

Seit 1911 ist eine Bewegung in der Reichsregierung im Gange ein mittelafrikanisches deutsches Reich zu schaf-fen, das die bisherigen afrikanischen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch Südwestafrika und Deutsch Ostafrika und die noch zu erwerbenden Kolonien Portugals in Afrika mit Belgisch Kongo als Herzstück umfassen soll. In Zusammenarbeit mit Großbritannien soll das große Ziel erreicht werden.

Am 21. Juli 1911 sagt der englische Außenminister Edward Grey zum deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, daß er bei einem Besitzwechsel im Kongobecken nicht das geringste dagegen einzuwenden haben würde, wenn Deutschland es erwirbt, desgleichen heißt er das deutsch-englische Abkommen von 1898 über die Aufteilung der portugiesischen Kolonien zwi-schen Deutschland und England gut.

Der Erste Sekretär bei der deutschen Botschaft in Paris, Freiherr von der Lancken, schreibt am 3. Oktober 1911, während der Verhandlungen um das Marokkoabkom-men, an das Auswärtige Amt nach Berlin:

»Spitzer [französischer Beamter] erwähnte ferner noch als französische Konzession geheime Zusicherungen betreffend Belgisch-Kongo. Zu einer geheimen Teilung schon jetzt wollten es die Engländer ja leider nicht kom-men lassen.«

Im deutsch-französischen Marokkovertrag vom 4. No-vember 1911 wird für den Fall, daß territoriale Verände-rungen im belgischen Kongo eintreten, ein deutsches Mitspracherecht zugesichert. Frankreich hat das Vor-kaufsrecht auf den belgischen Kongo und nun verpflich-tet sich Paris, von seinem Vorkaufsrecht nicht ohne vor-herige Verhandlungen mit Berlin über die Neuauftei-lung des gesamten Kongobeckens Gebrauch zu machen.

Der Marokkovertrag ist auch der erste praktische Schritt zur Verwirklichung eines Deutsch Mittelafrika. Durch den Erwerb von Neu-Kamerun dehnt sich Kame-run nach Osten aus und grenzt jetzt an Belgisch Kongo, welches wiederum in seinem Osten an Deutsch Ost-afrika angrenzt.

Am 27. November 1911 setzt sich auch der englische Außenminister Edward Grey vor dem Unterhaus, dem englischen Parlament, für eine Unterstützung der deut-schen Pläne in Mittelafrika ein und einen Tag später er-klärt er gegenüber dem deutschen Botschafter in Lon-don, Graf Metternich, das britische Desinteresse am bel-gischen Kongo und bietet seine Hilfsdienste für einen Erwerb großer Teile des portugiesischen Kolonialbesit-zes an. Mit diesem britischen Freibrief für den Erwerb des belgischen Kongo und der portugiesischen Kolonien geht die weitere Kolonialpolitik Deutschlands in Afrika ans Werk.

Am 9. Dezember 1911 schlägt Metternich in einem Schreiben an Reichskanzler Bethmann Hollweg vor:

»Und zwar sollten wir zwei Verträge schließen. Den ei-nen über den belgischen Kongo und einen anderen revi-dierten Vertrag über die portugiesischen Kolonien.«

Für die Revision des Vertrages von 1898 empfiehlt Metternich in seinem Schreiben den Tausch von Portu-giesisch Timor mit der England zugewiesenen Enklave Loanda im Norden Angolas, wie es im revidierten Vertrag von 1913 dann auch geschieht.

Der Angola-Vertrag vom August 1913 zwischen England und Deutschland ist auch ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum deutschen Mittelafrika. Angola grenzt im Norden an Belgisch Kongo und im Süden an Deutsch Südwestafrika. Nach der Übernahme von Angola ist somit auch Südwestafrika, die zweitgrößte deutsche Kolonie nach Deutsch Ostafrika, mit Deutsch Mittel-afrika verbunden, wenn Belgisch Kongo an Deutschland fällt.

In einem Schreiben des Geschäftsträgers in London, Botschaftsrat Richard von Kühlmann, an den Reichs-kanzler vom 8. Januar 1912 schreibt Kühlmann für die Zeit nach einer Übernahme der portugiesischen Kolo-nien von Deutschland und England:

»Es bedarf nur eines Blickes auf die Karte, um zu sehen, daß dann nur ein unentbehrlicher Schlußstein im Gewölbe fehlt, um das große deutsche Kolonialreich in Zentralafrika zu realisieren, und das ist die Erwerbung des Kongobeckens.«

Kaiser Wilhelm, dem das Schreiben auch zugeht, no-tiert neben diesen Satz Kühlmanns: »Wer soll denn das verwalten und aufschließen woher kommt das Geld!« In einer vorherigen Bemerkung hatte Wilhelm schon an den Briefrand geschrieben: »Colonien haben wir ge-nug!«

In einer eigenhändigen Erörterung des Kaisers zum Schreiben Kühlmanns vom 11. Januar 1912, welche Kühl-mann zur streng vertraulichen, ausschließlich persön-lichen Kenntnis mitgeteilt wird, steht: »Wenn Herr von Kühlmann von dem großen Deutschen Afrikanischen Colonialreich träumt, vergißt er das W i e des Zustande-kommens, das W o m i t unsrer finanziellen Unzuläng-lichkeit, und das W e r der völlig für solche Verhältniße unerzogenen und mangelnden Beamten.«

Der Kaiser ist also im Gegensatz zur Gruppe der ›Mittelafrikapolitik‹-treibenden Diplomaten in London und Lissabon und Regierungsbeamten in Berlin gar nicht begeistert von neuen Kolonien.

Die deutsche Politik nimmt in der afrikanischen Kolo-nialpolitik den Weg erst die portugiesischen Kolonien zu erwerben und in einem zweiten Schritt Belgisch Kon-go. Für die Frage des Kaisers über das »Zustandekom-men« sind entsprechende Verträge geplant, welche im Falle der portugiesischen Kolonien bis 1914 erfolgreich abgeschlossen werden können.

Die »finanzielle Unzulänglichkeit« ist zwar eine Tat-sache, kann aber auch nicht zu groß sein, denn Ende November 1912 betont Ludwig Gwinner von der Deut-schen Bank gegenüber dem deutschen Gesandten in Lissabon, Friedrich Rosen, grundsätzlich das Interesse der Banken an einer Ausdehnung des Kolonialreiches in Afrika und sagt Rosen: „Was die portugiesische Koloni-alfrage im einzelnen betrifft, so kann ich Ihnen mittei-len, daß alle Großbanken sich für sie lebhaft interes-sieren und die Mittel für ihre Lösung bereitzustellen entschlossen sind. Ich werde in den nächsten Tagen mit Ihnen und Helfferich [Karl Helfferich, Direktor der Deutschen Bank] alle Einzelheiten durchsprechen.« So können schließlich die notwendigen Investitionen in die Erwerbung des deutschen Teils an den portugiesischen Kolonien getätigt werden.

Die »unerzogenen und mangelnden Beamten« sind al-lerdings ein massives Problem. Schon die Übernahme der portugiesischen Kolonien wird die deutsche Koloni-alverwaltung auf das Äußerste anspannen. Es besteht kein Zweifel, daß die korrupte portugiesische – und eben auch portugiesischsprachige – Verwaltung vollständig durch deutsche Beamte ersetzt werden muß. Für den deutsch werdenden Teil von Belgisch Kongo muß dann weitgehend auf flämisches Verwaltungspersonal aus der gesamten Kolonie Belgisch Kongo übernommen wer-den. Anders ist eine Übernahme überhaupt nicht denk-bar. Gerade den Gouverneur und ein paar oberste Beam-te kann man selber stellen. Nach einer Probezeit für die übernommenen belgischen Beamten, kann ein dauern-des Vertragsverhältnis entstehen, wenn diese vorläufi-gen Beamten die deutsche Staatsbürgerschaft anneh-men. Für diese flämischen Beamten wäre bei einer deut-schen Übernahme ihre berufliche Zukunft gesichert und die völkische Nähe der Flamen macht eine Über-nahme von Deutsch als Verwaltungssprache verhältnis-mäßig einfach, wie auch die Eindeutschung der Beam-ten selbst.

Eine Besonderheit der Verwaltung des Kongo ist aller-dings, daß König Leopold II die Verwaltung seiner Kolo-nie zum großen Teil auf Ausländer stützte und die belgische Verwaltung diese Kräfte 1908 natürlich über-nahm, um die Verwaltung aufrechtzuerhalten. Dabei waren bezeichnenderweise Engländer, Franzosen und Deutsche als Beamte ausgeschlossen. Unter den Beam-ten sind aber viele Skandinavier – Schweden, Dänen, Norweger – , Schweizer und Holländer, die oft Deutsch sprechen und problemlos in die deutsche Verwaltung übernommen werden können; unter den gleichen Voraussetzungen wie für die Übernahme der flämischen Beamten.

Der Generalgouverneur von Belgisch Kongo ist seit 1912 Felix Fuchs. Seine Eltern sind Deutsche, geboren ist er in Brüssel. Seit 1888 ist er als Rechtsberater im Kongo und in der Regierung der Kolonie tätig. Er könnte auch als deutscher Gouverneur den deutschen Teil vom Kongo weiterführen.   


Der belgische Botschafter in Berlin, Baron Eugène Beyens, schreibt am 2. April 1914, daß Belgien für die Annäherung von England und Deutschland wahrschein-lich mit der Teilung des Kongo zu bezahlen habe.

Am 20. April 1914 regt Kolonialstaatssekretär Wilhelm Solf an, die 1912 zunächst gestoppten Kolonialverhand-lungen über die Teilung des belgischen Kongo wieder-aufzunehmen oder vorerst die »bloße Beschneidung des belgischen Kolonialbesitzes« anstelle der völligen Auf-teilung unter Deutschland, England und Frankreich, welche er für den gangbareren Weg bei der Aufteilung der belgischen Kolonie unter den beteiligten Groß-mächten hält. Solf weist Gottlieb von Jagow, den Staats-sekretär des Auswärtigen Amtes, dabei auf die von Bel-gien geplante Zollerhöhung von 10 % der konventionel-len Kongozölle auf 30 % hin:

»In der gemeinschaftlichen Versagung unserer Zustim-mung zu dieser Zollerhöhung mit England zusammen haben wir ein ausgezeichnetes Mittel, unsere innerafri-kanischen Expansionsabsichten beschleunigt durchzu-setzen.«

Auf einer beigefügten Karte hat Solf die mögliche Tei-lung der Kongo-Kolonie skizziert: Der Südzipfel von Belgisch Kongo an das britische Rhodesien und die Grenzregion zu Uganda ebenfalls an England. Die Fläche vom Norden Angolas bis zum Osten Deutsch Ostafrikas an Deutschland und das Land nördlich davon bleibt halb belgisch und kommt halb zu Frankreich.

Der Kolonialstaatssekretär sieht die »Möglichkeit eines baldigen Zusammenbruchs der belgischen Kolonialwirt-schaft« angesichts der belgischen Defizite im Kolonial-budget für nicht ausgeschlossen an. Solf bezieht sich ausdrücklich auf die Verhandlungen des deutschen Bot-schafters in England, Paul Graf von Metternich, mit dem englischen Außenminister Edward Grey am 9. Dezem-ber 1911 und am 11. März 1912 und will auf dieser Basis die Gespräche weiterführen: Zuschlag Katangas, des tiefen Südens Belgisch Kongos, und »eventuell« eines Gebietes im Nordosten des belgischen Kongos an England und die Region nördlich des Kongoflusses an Frankreich. Für Deutschland nimmt Solf eine »breite Verbindung von Deutsch-Ostafrika nach dem in unsere Interessen-sphäre fallenden Teil von Angola« in Aussicht und für die Zukunft die Erwerbung des großen Kongobogens. Am besten wäre es dabei, die Ansprüche Englands auf »Ober-Katanga« zu beschränken und »weitere englische Forderungen auf das wertvolle belgische Gebiet westlich von Uganda« abzulenken, weil dort wertvolle Kupfer-, Diamant- und Goldvorkommen lägen, so daß England durchaus zufrieden sein könnte. Der Staatssekretär des Reichskolonialamtes hält auch hier ein »Handinhand-gehen mit England« für geboten, das er auch auf die Wahrnehmung deutscher Verkehrsprojekte in Afrika ausgedehnt wissen will. Am 23. April 1914 antwortet Richard von Kühlmann, seit 1908 Botschaftsrat in Lon-don, auf die Solfschen Vorschläge; er beruft sich auf schriftliche Zusicherungen, daß England als Grenze sei-ner Ansprüche von Süden gesehen bis zum 10. Breiten-grad angegeben habe.

Der englische Außenminister Grey hatte im März 1912 betont, daß falls der Kongo „auf den Markt kommen sollte“, das englische Interesse nur an Katanga läge, über das übrige Gebiet müßten sich Deutschland und Frankreich verständigen, sehe doch der deutsch-franzö-sische Marokkovertrag ein französisches Vorkaufsrecht auf den Kongo und ein deutsches Mitspracherecht vor.  

Der deutsche Kolonialminister Wilhelm Solf sieht die Teilung der portugiesischen Kolonien zwischen Deutschland und England als erledigt an, welcher der erste Verhandlungspunkt bei den Kolonialgesprächen zwischen Deutschland und England seit 1911 war, und will nun zum zweiten Punkt schreiten, den belgischen Kongo.

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Portugiesisch Guinea

Obwohl Portugiesisch Guinea seine Ausfuhr von haupt-sächlich Zucker, Kautschuk, Häuten, Wachs, Palmker-nen und Erdnüssen meistenteils nach Deutschland liefert, die meisten die Kolonie anlaufenden Dampfer deutsche sind und ein großer Anteil der Hauptein-nahmequelle der staatlichen Einnahmen dieser portu-giesischen Kolonie die hohe Besteuerung auf Alkohol ist, der zu einem bedeutenden Anteil aus Hamburg eingeführt wird, steht Portugiesisch Guinea nicht auf der Liste der erwünschten deutschen Kolonien. Die mit 34.000 qkm nicht einmal halb so große Kolonie wie das mit 87.000 qkm schon kleine deutsche Togo ist auf Grund seiner Lage ganz in Westen von Westafrika, und vollständig von französischen Kolonien umgeben, für den Plan eines deutschen Mittelafrika nicht interessant. Ökonomisch ist Portugiesisch Guinea sowieso Teil der deutschen Kolonialwirtschaft.

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Nordmosambik

Die gesamte Fläche von Mosambik beträgt 801.590 qkm, davon fallen Deutschland 387.940 qkm zu, also etwa die Hälfte der ostafrikanischen Kolonie Portugals, während die andere Hälfte England zufällt. Nordmosambik hat etwa zwei Millionen Einwohner. Außer der Bantuvölker, also Negern, gibt es an der Küste auch Araber und Inder. Im Süden von Deutsch Ostafrika wohnen teilweise die selben Stämme wie im Norden von Portugiesisch Ost-afrika etwa wie die Wamakua.

Die Ausfuhr des Nordens von Mosambik betrifft wenige typische Tropenprodukte. Seitdem die Deutschen in Deutsch Ostafrika den Sisalanbau eingeführt haben wird auch in Portugiesisch Ostafrika etwas Sisal angebaut und Zuckerrohr, wie es eben die tropische Lage ermög-licht.

Der ganze Norden Mosambiks ist drei gewaltigen Kon-zessionsgesellschaften übergeben, welche hauptsäch-lich mit englischem und französischem Kapital arbeiten. Das wirtschaftliche Zentrum Mosambiks liegt im Süden und wird englische Kolonie. Der nördliche, deutsche Teil von Mosambik, das zukünftige Deutsch Mosambik, ist wirtschaftlich wesentlich schlechter entwickelt als der Süden und besitzt auch keine Bahnlinie.

Nordmosambik ist landschaftlich vergleichbar mit Deutsch Ostafrika. Viele Trockenwälder überziehen das Land, aber mehr Flüsse als in Deutsch Ostafrika durch-ziehen die Landschaft. Wegen der Tsetsefliege ist je-doch kein Viehbestand vorhanden. Im ganzen gibt es aber weniger Tsetsefliegenbefall als in einigen Gegen-den von Deutsch Ostafrika. In einigen Gebieten von Nordmosambik findet sich die schlimmste Form der Schlafkrankheit.

Die Portugiesen beherrschen das Land durch ihre auf Hügeln errichteten Bomas. Ihre Siedlungen sind aber nichts als Ansammlungen von Baracken. Sie führen eine Gewaltherrschaft gegenüber den Einheimischen. Portu-giesische Beamte, Militärs, farbige Regierungsangestell-te und Askaris nehmen ohne Bezahlung von den Ein-heimischen was sie wollen und verlangen unbezahlte Arbeitsdienste. Besonders die Askaris plündern und ihre portugiesischen Herren lassen sie gewähren. Das die schwarze Bevölkerung nur ausgebeutet wird ist er-sichtlich am fast völligen Fehlen von Baumwolltüchern und Stoffen, die bei den Schwarzen so beliebt sind, die sie aber nur gegen Geld erwerben können, welches sie bei den Ausbeutungsmethoden der Portugiesen nicht in die Hand bekommen. Zum Teil gibt es äußerst brutale Strafmethoden und so sind die Portugiesen verhaßt bei der Bevölkerung in Mosambik.

Das Gouvernement in Daressalam beurteilt die wirt-schaftlichen Möglichkeiten von Nordmosambik als un-günstig. Die miserabele portugiesische Verwaltung hat keine Entwicklung vorangetrieben, sondern ausschließ-lich aus dem Land gelebt, ohne etwas für das Land zu tun.