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Nordmosambik

Die gesamte Fläche von Mosambik beträgt 801.590 qkm, davon fallen Deutschland 387.940 qkm zu, also etwa die Hälfte der ostafrikanischen Kolonie Portugals, während die andere Hälfte England zufällt. Nordmosambik hat etwa zwei Millionen Einwohner. Außer der Bantuvölker, also Negern, gibt es an der Küste auch Araber und Inder. Im Süden von Deutsch Ostafrika wohnen teilweise die selben Stämme wie im Norden von Portugiesisch Ost-afrika etwa wie die Wamakua.

Die Ausfuhr des Nordens von Mosambik betrifft wenige typische Tropenprodukte. Seitdem die Deutschen in Deutsch Ostafrika den Sisalanbau eingeführt haben wird auch in Portugiesisch Ostafrika etwas Sisal angebaut und Zuckerrohr, wie es eben die tropische Lage ermög-licht.

Der ganze Norden Mosambiks ist drei gewaltigen Kon-zessionsgesellschaften übergeben, welche hauptsäch-lich mit englischem und französischem Kapital arbeiten. Das wirtschaftliche Zentrum Mosambiks liegt im Süden und wird englische Kolonie. Der nördliche, deutsche Teil von Mosambik, das zukünftige Deutsch Mosambik, ist wirtschaftlich wesentlich schlechter entwickelt als der Süden und besitzt auch keine Bahnlinie.

Nordmosambik ist landschaftlich vergleichbar mit Deutsch Ostafrika. Viele Trockenwälder überziehen das Land, aber mehr Flüsse als in Deutsch Ostafrika durch-ziehen die Landschaft. Wegen der Tsetsefliege ist je-doch kein Viehbestand vorhanden. Im ganzen gibt es aber weniger Tsetsefliegenbefall als in einigen Gegen-den von Deutsch Ostafrika. In einigen Gebieten von Nordmosambik findet sich die schlimmste Form der Schlafkrankheit.

Die Portugiesen beherrschen das Land durch ihre auf Hügeln errichteten Bomas. Ihre Siedlungen sind aber nichts als Ansammlungen von Baracken. Sie führen eine Gewaltherrschaft gegenüber den Einheimischen. Portu-giesische Beamte, Militärs, farbige Regierungsangestell-te und Askaris nehmen ohne Bezahlung von den Ein-heimischen was sie wollen und verlangen unbezahlte Arbeitsdienste. Besonders die Askaris plündern und ihre portugiesischen Herren lassen sie gewähren. Das die schwarze Bevölkerung nur ausgebeutet wird ist er-sichtlich am fast völligen Fehlen von Baumwolltüchern und Stoffen, die bei den Schwarzen so beliebt sind, die sie aber nur gegen Geld erwerben können, welches sie bei den Ausbeutungsmethoden der Portugiesen nicht in die Hand bekommen. Zum Teil gibt es äußerst brutale Strafmethoden und so sind die Portugiesen verhaßt bei der Bevölkerung in Mosambik.

Das Gouvernement in Daressalam beurteilt die wirt-schaftlichen Möglichkeiten von Nordmosambik als un-günstig. Die miserabele portugiesische Verwaltung hat keine Entwicklung vorangetrieben, sondern ausschließ-lich aus dem Land gelebt, ohne etwas für das Land zu tun.

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Wirtschaftliche Übernahmevorbereitungen

Das Auswärtige Amt sammelt seit März 1912 Unterlagen über wirtschaftliche Unternehmungen in Mosambik. Das Reichskolonialamt läßt sich Anfang 1912 vom Grenz-bezirk von Deutsch Ostafrika zu Mosambik über die Verhältnisse auf der mosambikanischen Seite einen Bericht erstellen und fordert vom Auswärtigen Amt Konsularberichte über Nordmosambik an. Die Analysen des Reichskolonialamtes über Nordmosambik zeigen die Rückständigkeit des Landes.

Von besonderem deutschen Interesse ist die Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa) in Nordmosambik als Konzessionär der Hälfte der ganzen Landfläche von Nordmosambik. Das Gebiet der Nyassa Compagnie reicht vom Grenzfluß Ruwuma zu Deutsch Ostafrika bis zum Lurio und umfaßt rund 150.000 qkm. Anfang Dezember 1913 treffen die von den beiden deutschen Konsuln in Port Amelia und Lorenço Marques in Mosambik erstellten Berichte beim Reichskanzler Beth-mann Hollweg ein. In den Berichten der Konsular-beamten findet sich, daß es der Compagnie, im Zusam-menwirken mit der portugiesischen Kolonialverwal-tung, erst Anfang November 1912 gelungen ist, die letzten aufständischen Stämme in ihrem Territorium zu besiegen. Dadurch kann die Gesellschaft erstmals in ihrem gesamten Gebiet die Hüttensteuer eintreiben, was offensichtlich mit kaum zu überbietender Brutalität und Unmenschlichkeit geschieht. Auch bei der Zwangs-rekrutierung von Arbeitskräften für die Farmen von Angestellten der Gesellschaft läßt die Verwaltung der Nyassa Compagnie äußerste Grausamkeit walten. Die Schreiber der Berichte betonen, daß die Nyassa Com-pagnie aufgrund ihres Kapitalmangels nur auf Personen sehr geringen Bildungsniveaus zurückgreifen kann. Der Konsul in Porto Amelia beschreibt das von den Beamten und Unteroffizieren, die von der Nyassa Compagnie angestellt worden sind, praktizierte Verfahren:

»Das Land wird also durch ein System beherrscht, das durchaus geeignet ist, zumal bei solchen, jeder mora-lischen Verantwortung baren Beamten, die unteren Organe zu Erpressungen zu verführen und die oberen Organe der Beamten zum ‚Gehenlassen’ solcher Art Verwaltung zu veranlassen.«

Die Eingeborenen führten auch Beschwerde, daß sie die Hüttensteuer nicht nur einmal pro Jahr, sondern zum Teil zwei- und dreimal pro Jahr zu entrichten hätten.

Nach deutschen Maßstäben sind auch viele der portu-giesischen Verwaltungsposten und ihre Anlagen ver-wahrlost.

Die Nyassa Compagnie hat in den Jahren ihres Beste-hens seit 1891 praktisch keine wirtschaftliche Erschlie-ßung ihres Besitzes betrieben, sondern, wie andere Gesellschaften in Mosambik auch, sich auf das Vermit-teln von Arbeitskräften aus ihrem Bereich in die Berg-werke nach Südafrika verlegt. Um die 5000 Arbeitskrä-fte aus dem Konzessionsgebiet der Compagnie gehen so jährlich nach Südafrika. Nach Berechnungen im süd-afrikanischen Johannesburg liegt die Todesrate jährlich bei 7 % bis 8 % der Arbeiter, die von der Companhia do Nyassa kommen, auch verursacht durch den Wechsel der Arbeiter vom tropischen Nordmosambik ins gemä-ßigte Klima von Südafrika mit seinen Wintern. Aber allein in den sogenannten compounds, geschlossenen Lagern in und um Johannisburg, in denen die Arbeiter zur Akklimatisierung und Verteilung auf die Minen ge-bracht werden und dort etwa drei Wochen bleiben, liegt die Sterblichkeit im März 1913 auf das Jahr berechnet bei 30 % und im April bei 21,5 %. Diese hohen Todesraten unter den Arbeitern aus Mosambik führt zu Protesten in England und in Südafrika, sodaß 1913 ein Anwerbestopp für Arbeiter aus dem nördlichen Mosambik erfolgt. Mit dem Anwerbestopp entfällt für die portugiesische Kolo-nialverwaltung von Mosambik und für die ansonsten wirtschaftlich völlig untätige Nyassa Compagnie eine sehr lukrative Einnah-mequelle.

Im Konzessionsgebiet der Nyassa Compagnie betreibt die Hamburger Handelsgesellschaft Philippi & Co Nie-derlassungen und Ende 1913 laufen von der Kolonialver-waltung von Deutsch Ostafrika Verhandlungen mit der Nyassa Compagnie über die Anwerbung von Arbeits-kräften für die Farmen in der deutschen Kolonie, aber tatsächlich dienen diese Verhandlungen der Ausfor-schung der Gesellschaft für ihre Übernahme und die deutschen Konsulate in Mosambik sind angewiesen das Ihrige in diesem Zusammenhang zu tun. So enden diese Gespräche in Ibo in Nordmosambik auch ergebnislos.

1914 beschließen die Reedereien Deutsche Ost-Afrika Linie, Woermann-Linie und Hamburg-Bremer Afrika-Linie das gemeinsame befahren der Afrika-Linien mit je zwei monatlichen Abfahrten für die westliche Rundfahrt um Afrika und je zwei monatlichen Abfahrten für die östliche Rundfahrt um Afrika mit regelmäßiger Ver-bindung zwischen den Häfen Deutsch Ostafrikas und Portugiesisch Ostafrikas im Anschluß an die Haupt-dampfer.


Konsul Carl Singelmann, dem Interna der Verhandlun-gen zwischen Deutschland und England über die Teilung der portugiesischen Kolonien bekannt sind, hält am 9. Dezember 1913 in Straßburg einen Vortrag, in dem er un-ter anderem ausführt: Für Deutschland ist besonders der Süden von Angola wichtig. Hat Deutsch Südwestaf-rika von Swakopmund in der Mitte der Küstenlinie der deutschen Kolonie bis zur angolanischen Grenze kei-nerlei Hafenplatz, der auch nur als Reede bezeichnet werden könnte, hat der Süden von Angola in der Nähe der deutschen Grenze gleich drei vorzügliche Häfen auf-zuweisen: Mossamedes, Alexanderhafen und Tigerbai, wobei die mächtige Tigerbai nur 60 km von der deut-schen Grenze entfernt liegt. Von diesen vorzüglichen Ankerplätzen kann nicht nur der Süden der portugiesi-schen Kolonie, sondern auch der ganze bisher noch un-entwickelt daliegende Norden von Deutsch Südwest-afrika wirtschaftlich ausgenutzt werden. Ferner ist für Deutsch Südwest sehr wichtig, daß, während das mitt-lere Angola für São Tomé und Principe die Arbeiter liefert, das südlichste Angola, namentlich der Ovambo-stamm der Kuanjamas, Arbeiter nach Deutsch Südwest abgibt, wodurch einem großen Arbeitermangel abgehol-fen wird. Wichtig für die fernere Entwicklung Angolas ist, daß drei Eisenbahnen begonnen haben, das Innere zu erschließen, in Norden die Loandabahn, jetzt 500 km lang, in der Mitte die Lobito-Benguella-Katangabahn, jetzt ebenfalls 500 km lang, und im Süden die Mossa-medesbahn, jetzt 170 km lang. Ferner ist wichtig, daß im Innern Angolas ausgedehnte Hochflächen zwischen 1300 m und 2000 m Höhe in Verbindung mit diesen Bahnen vorhanden sind, wo der Europäer nicht bloß, wie sonst in den Tropen, als aufsichtsführender Beamter tätig zu sein vermag, sondern auch selbst mitarbeiten kann. Diese Hochländer in einer Ausdehnung von über 70.000 Quadratkilometern eigen sich daher vorzüglich zu einer großzügigen Kolonisation, für die für den Anbau besonders Getreide und Gemüse in Betracht kommen.

Angolas Ein- und Ausfuhr beträgt je 25 Millionen Mark. Angola hat gute Produktionsmöglichkeiten, außer für den bisher vorzugsweise genutzten Wurzelkautschuk, auch für Plantagenkautschuk, Zuckerrohr (in diesem Jahre [1913] 9000 t Rohrzucker), Baumwolle, Ölfrüchte, Eisen und Petroleum.

Soweit Konsul Singelmann in seinem Vortrag.

Über die Bahnen in Angola weiß man, daß die beiden Bahnen von Lobito (Benguella-Bahn) und Mossamedes an der Schwelle zum Hochland festhängen. Ihr Wei-terbau steht dort praktisch still. Die Lobito-Bahn soll weitere 700 km durch Angola führen und dann nochmals 500 Kilometer hinein nach Belgisch Kongo, zu den Bergbaugebieten in Katanga.

Im Januar 1914 fügt die Deutsche Ost-Afrika Linie die beiden angolanischen Hafenstädte Lobito und Mossa-medes in ihren Fahrdienst um Afrika ein.

Ein Problem nach der Übernahme der Kolonie in deut-sche Hände ist die Gleichstellung der 20.000 Mulatten mit den 10.000 Weißen nach portugiesischem Recht. Dies wird ein deutsches Rechtsproblem werden.


Gegen Ende des Jahres 1913 sind die Pläne für die wirtschaftliche Übernahme Angolas so weit gediehen, daß am 9. Februar 1914 von deutschen Großbanken das Übersee Studiensyndikat gegründet wird, in dem auch das Auswärtige Amt und das Reichskolonialamt Mit-glieder sind, um die wirtschaftliche Übernahme der por-tugiesischen Kolonie praktisch in Angriff zu nehmen. Kurz darauf ist auch der portugiesische Zweig des Stu-diensyndikats gegründet und unter dem Namen Com-panhia do Sul d’Angola treibt das deutsche Syndikat vor Ort in Lissabon seine wirtschaftlichen und politischen Interessen voran. Die Mitglieder der Companhia do Sul d’Angola sind natürlich besonders ausgewählt und ver-fügen über erstklassige Verbindungen zur portugiesi-schen Regierung.

1912 kommt eine schon vor 1900 geplante Eisenbahn-linie vom Kupferminendistrikt Otavi in Südwestafrika nach Südangola wieder in die deutsche Planung. Durch diese Eisenbahnlinie würde sich eine wesentlich bes-sere Verschiffung des Kupfers aus Südwest ergeben und als Nebeneffekt eine Entwicklung der Gegenden, die die Bahnlinie passiert. Von der 800 Kilometer langen Strek-ke läge etwa die Hälfte in Südwest und die andere Hälfte in Angola. Diese Entfernung bezieht sich allerdings auf eine Trasse von Otavi über den Ort Humbe in Angola nach Port Alexander. Die günstigere Verbindung nach Tiger Bai dürfte 100 km kürzer sein, aber sie führt durch bautechnisch viel problematischeres Gebiet. Als erste ihrer Tätigkeiten kann nun die Companhia do Sul d’An-gola den Zuschlag für die Konzession für die Südango-labahn über Humbe nach Deutsch Südwestafrika sicher-stellen.

Vom Übersee Studiensyndikat wird Angola in Interes-senssphären der deutschen Wirtschaft aufgeteilt. So be-kommt die Diskonto-Gesellschaft die Südangolabahn und die Mossamedés Compagnie zugewiesen. Die Deut-sche Bank bekommt die Benguella-Bahn im mittleren Angola von Lobito ins Inland als Arbeitsfeld. Der Weiter-bau dieser Bahn war 1908 eingestellt worden. Die Bahn-baufirma Orenstein & Koppel wird der Weiterbau der Ambaca-Bahn in Norden von Angola von der Hauptstadt Loanda ins Hochland von Ambaca zugeteilt, die bis Malanje, auch Melange genannt, fertiggestellt ist. Im April 1914 ist Angola wirtschaftlich unter den deutschen Großunternehmen aufgeteilt.

Schon im April kann man auch in der deutschen Presse über die geplanten Aktivitäten des Studiensyndikats in Angola lesen und auch die deutsch-englischen Geheim-verhandlungen über die portugiesischen Kolonien sind seit längerem in der Presse zu finden.

Im April 1914 reist dann auch eine deutsche Wirt-schafts- und Regierungskommission nach Angola, aus-gesandt vom Übersee Studiensyndikat, zur Erfassung der Verhältnisse in der Kolonie. Vom Mai bis August wird von diesen Fachleuten vor Ort jeweils auf ihren Fachgebieten das Land untersucht und aus ihren Er-kenntnissen erstellen sie Geheimberichte. Ihr Aufent-halt in der portugiesischen Kolonie soll natürlich keinen Verdacht erregen. Es sind so aber bereits deutsche Fach-leute in Angola, die für die Übernahme des Landes in deutsche Herrschaft vorbereitende Arbeiten durchfüh-ren.

Während die in Angola weilende Studienkommission des Übersee Studiensyndikats die wirtschaftlichen Mög-lichkeiten in der Kolonie erkundet, werden auf Seiten des Syndikats Gedanken über Kapitalbeschaffung und Arbeitsteilung angestellt. Die Zukunftsaussichten für eine Erschließung der Kolonie durch die deutsche Wirt-schaft werden im Juni 1914 als gut eingeschätzt.


Einer der Fachleute für die Erkundung von Angola ist der landwirtschaftliche Sachverständige Paul Vageler, der Anfang 1914 in Daressalam ist und dort die »Ordre« erhält, sofort nach Berlin zur Durchführung eines Sonderauftrages zu kommen. In Berlin erfährt er vom Auswärtigen Amt von seinem Auftrag und geht mit dem Schiff nach Angola. Er soll auch nur an das Auswärtige Amt berichten und unabhängig von den Mitgliedern der Studienkommission des Übersee Studiensyndikats in Angola soll er seine Untersuchungen anstellen.

Vagelers Einschätzung der Lage in Angola sieht eine Mißwirtschaft im Lande. Auch stehen die Portugiesen in Angola einer Übernahme durch England und Deutsch-land ablehnend gegenüber. Ihr Nationalstolz sei betrof-fen und die ihnen bekannte eigene Verwaltung ist ihnen lieber als ein strenges Regiment von Fremden.

Vageler besichtigt auch zwei der drei Bahnlinien in der Kolonie. Dabei stellt er fest, daß das durch Flachland ge-hende Anfangsstück der Melange-Bahn, die vom Hafen Lobito an der mittelangolanischen Küste nach Melange im Landesinneren führt, sich in Schleifen durchs Land zieht. Laut Vertrag wurde die Bahn unter Kilometerga-rantie erbaut und so war jeder Kilometer im Flachland billig erstellt, aber wirtschaftlich sinnlos. Die zweite Bahn, die er besichtigt, im Süden Angolas gelegen, von Mossamedes ins Inland, die Benguella-Bahn, geht zu-nächst durch die Küstenwüste bis nach Villa Arriaga, wo der Aufstieg zum Hochland beginnt und deshalb der Bahnbau hier 1912 vorläufig wegen der Bauschwierigkei-ten endete. Paul Vageler sieht hier regelmäßig Trans-porte von Strafgefangenen beiderlei Geschlechts. Wäh-rend der westliche Teil des Hochlandes als befriedet gelten kann, sind weiter im Osten und im Ovamboland, welches an das Ovamboland von Deutsch Südwestafrika grenzt, portugiesische Truppen wenig erfolgreich zur Niederwerfung der Eingeborenen im Einsatz. Aber auch im westlichen Hochland verschwindet beim Auftauchen von Weißen die Dorfbevölkerung samt Vieh im Busch, bis die Absichten der Weißen geklärt sind und bei einem freundlichen Besuch versammelt sich das Volk wieder im Dorf.

Vagelers Einschätzung von Südangola in seinem Ge-heimbericht nach Berlin sieht keine Möglichkeit einer weißen Ansiedlung, auch weil alles wertvolle Land im Hochland schon von den Schwarzen besetzt ist und sich sonst nur dürftiges Weideland findet, das gerade für die kleinen Herden der Eingeborenen genügt. Das wasser-reiche und fruchtbare Hochplateau von Humpata ist bereits von einigen hundert Buren besetzt. Weiter im Osten finden sich wieder reichere Gegenden, die aber dicht besiedelt sind und verkehrstechnisch nicht er-schlossen, abgesehen davon, daß die Portugiesen diesen Teil der Kolonie auch nicht ihrer Herrschaft unterwer-fen konnten, und ebensowenig das noch weiter im Os-ten liegende Dünengebiet des Okavango.

Den Wildbestand von Elefanten, Nashörnern, Giraffen, Zebras und Antilopen am Fluß Kunene, der das südliche Angola durchzieht, sieht er durch die Jagd der dort im Winter von Humpata aus herumziehenden Buren als gefährdet an.

Über den Kumene, der im letzten Teil seines Laufes zum Atlantik Grenzfluß zwischen Angola und Deutsch Süd-westafrika ist, bemerkt er einen schwunghaften Handel der Einheimischen mit Elfenbein, Nashorn- und Nil-pferdhäuten, Schnaps, Patronen und Gewehren. Über die verbotenen Schmuggelgeschäfte versorgen sich die Aufständischen in Südangola auch mit Munition und Waffen für den Kampf gegen die Portugiesen.

Paul Vageler selbst sieht Anfang August 1914 das Ergeb-nis einer gerade durchgeführten portugiesischen Straf-expedition, »deren Spuren ich kopfschüttelnd passiert hatte«.

Weder die deutsche noch die portugiesische Seite kön-nen mit ihren Grenzpatrouillen den Schmuggel ernst-haft beeinträchtigen. Und die deutsche Seite ist sehr wohl auch an der Unruhe in Angola interessiert, sie gibt laut dem deutsch-englischen Vertrag über die portugie-sischen Kolonien einen guten Grund für die Übernahme der Kolonie ab, und so verschmerzen die Deutschen da-für gerne die Einbuße an Zollgebühren bei dem illegalen Handel.   

Den wirtschaftlichen Wert des südlichen Angola er-scheint Paul Vageler in seinem Bericht nach Berlin recht bescheiden.

1898 war ja schon ein Vertrag zwischen Deutschland und England geschlossen worden, der die Möglichkeit einer Aufteilung der portugiesischen Kolonien vorsah, und in dem auch große Teile Angolas an Deutschland gefallen wären. So führte 1899 das Kolonialwirtschaftliche Ko-mitee zusammen mit der in Paris ansässigen Companhia de Mossamedes, die zwar große Konzessionsrechte in Südangola hatte, aber kaum wirtschaftliche Aktivitäten dort zeigte, und der Londoner South West-Africa-Company, die eine Bahnlinie vom britischen Nord-rhodesien an die Küste von Südangola zur Tigerbai zu bauen plante, eine Expedition im Süden Angolas durch. Auch diese Expedition stellte den geringen wirtschaft-lichen Wert von Südangola fest.

Mitte August 1914 geht Vageler auf Weisung des Aus-wärtigen Amtes erneut auf Expedition in Südangola, für die weitere Erkundung des Landes. Acht Wochen ist er für diesen Erkundungszug »zum Kumene und in die Wildnisse des südlichen Schella« unterwegs, wie er schreibt.


Außer den Erkundungen durch das Übersee Studien-syndikat und das Auswärtige Amt ist bereits seit Mai 1913 die Expedition von Alfred Schachtzabel vom Berli-ner Museum für Völkerkunde in Angola. Schachtzabels Expedition arbeitet hauptsächlich im zentralen Süden Angolas und auch im August 1914 ist die Expedition noch in der großen westafrikanischen Kolonie Portugals un-terwegs.


Für den Ankauf der Nyassa Consolidated Ltd, die die Konzession über halb Nordmosambik hält, stellt das Auswärtige Amt kurzfristig 2,5 Millionen Mark aus seinem Geheimfond bereit, da das Reichskolonialamt augenblicklich noch nicht über das Geld verfügt, son-dern erst nachdem der Reichstag das Budget des Amtes für 1914 genehmigt hat, in dem ein großer Geheimfond für koloniale Unternehmungen eingestellt ist. Der Reichstag genehmigt schließlich ohne Nachfrage über den Zweck des Geheimfonds den Haushalt des Reichs-kolonialamtes, aber mit dem Geld des Auswärtigen Amtes kann nun sofort für Banken für den Ankauf der Aktien der Nyassa Consolidated Ltd für das Reich Garan-tie gestellt werden und die Banken stehen dabei nicht im unmittelbaren Verdacht für das Deutsche Reich zu handeln. So bildet sich im Januar 1914 ein deutsches Bankenkonsortium für diese Unternehmung und in dem Bankenkonsortium sind auch das Reichskolonial-amt und das Auswärtige Amt Mitglieder. Am 18. April 1914 wird der Vertrag zwischen den Banken und dem Reich abgeschlossen mit dem das Nyassa Konsortium gegründet ist, welches für die Verhandlungen, Käufe und die Verwaltung des erworbenen Eigentums zu-ständig ist.

Am 28. Mai 1914 kauft im Auftrag des Reiches das Nyassa Konsortium für 150.000 Pfund Sterling die englische Ge-sellschaft Nyassa Consolidated Ltd. Der Nyassa Consoli-dated Ltd gehört die portugiesische Gesellschaft Nyassa Compagnie (Companhia do Nyassa), deren Besitz von gut 160.000 Quadratkilometern halb Nordmosambik umfaßt. Im Juni beginnt das deutsche Konsortium mit der Vorbereitung der Übernahme des Vorsitzes im Auf-sichtsrat der nun deutschen Firma und der vorgese-henen Verlegung des Firmensitzes von London nach Hamburg.

Um die Kontrolle einfach zu halten, und um im Falle einer Annexion des Landbesitzes der Gesellschaft als deutsche Kolonie mit möglichst wenigen Anteilseignern zu tun zu haben, steuert das Auswärtige Amt dahin, möglichst wenige Mitglieder in das Syndikat für die Nyassa Consolidated Ltd aufzunehmen.

Im Juni/Juli 1914 ist Wilhelm Regendanz, ein kolonialpo-litisch aktiver Bankier, in Lissabon für die Bearbeitung von Fragen der portugiesischen Staatsanleihe für Ango-la, welche durch deutsche Banken finanziert wird. Regendanz informiert auch den portugiesischen Direk-tor der Nyassa Compagnie in Lissabon über die Über-nahme seiner Gesellschaft in deutsche Hände.

Im Juli 1914 legt Portugal eine Anleihe von 160 Millionen Mark auf, für die Entwicklung von Angola, die im Laufe eines Jahres aufgebracht werden soll. Ein von deutschen Banken geführtes Konsortium hat die erste große Teil-anleihe von 32 Millionen Mitte Juli sicher. Auch die wei-teren Anleiheteile wird Portugal an die deutschgeführte Gruppe vergeben müssen, da England bereits einer eng-lischen Gruppe eine Unterstützung bei der Anleihever-gabe verweigert hat, im Sinne des deutsch-englischen Vertrages vom August 1913. Als Sicherheit für die An-leihe werden portugiesische Zölle der Kolonie Angola an das Bankenkonsortium verpfändet. Die deutsche Regie-rung und die Banken sehen darauf, daß die Anleihegel-der möglichst an Aufträge für deutsche Unternehmen gehen, insbesondere für die Eisenbahnbauten.

Diese portugiesische Staatsanleihe mit der Sicherung durch Zolleinnahmen von Angola ist auch das entschei-dende Element in dem Vertrag von 1913 zwischen Eng-land und Deutschland für die Übernahme der portugie-sischen Kolonien.

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Angola

Die portugiesische Kolonie Angola hat eine Landfläche von 1.246.700 km², eine Küstenlänge am Atlantik von 1625 km und 4,2 Millionen Einwohner. Angola ist haupt-sächlich ein Hochland von über tausend Metern Höhe. Bedingt durch seine Hochlage und dem kalten Bengu-ellastrom an der Küste ist Angola etwas kühler als seine tropische Lage erwarten läßt.

Von der gesamten Fläche Angolas fallen nach dem Ver-trag von 1913 zwischen Berlin und London die Masse an Deutschland und um die zehn Prozent – der südöstliche Landesteil östlich des 20. Längengrades bis zur Höhe der Grenze Belgisch Kongo-Nord-Rhodesien – an das briti-sche Nord-Rhodesien.

Etwa 9000 Portugiesen leben im Land, wovon aber etwa 2000 deportierte Verbrecher sind, die sich als Strafer-leichterung als erhoffte Kolonisten, hauptsächlich im Gewerbe, ziemlich frei bewegen dürfen und nach ihrer Strafverbüßung meistens in der Kolonie bleiben. Dazu kommen einige hundert Buren. Die portugiesische amt-liche Zahl der Weißen wird mit 30.000 angeben, wovon aber wiederum 20.000 Mischlinge sind.

Durch massive Eintreibung der Hüttensteuer von der einheimischen Bevölkerung hat die portugiesische Kolonialverwaltung die Einnahmen in Angola  von 1910 bis 1912 von 9,3 Millionen Mark auf 18,4 Millionen Mark verdoppeln können, dem steht aber in keiner Weise ein entsprechendes Wachstum der Wirtschaft entgegen, sodaß es sich weitgehend nur um eine Auspressung der Bevölkerung handelt. Trotzdem beträgt das Defizit der Kolonie 1912 immer noch 6,4 Millionen Mark.

Angebaut werden die typischen Tropenpflanzen wie Kaffee, Baumwolle, Zucker, Kautschuk, wegen der Hochlage aber auch Tabak, Reis, Mais und Getreide. Von den verschiedenen landwirtschaftlichen Versuchssta-tionen, die vom portugiesischen Staat gegründet wur-den, funktioniert nur eine einzige, die vom deutschen Botaniker Gosweiler geführte in Cazengo im Norden Angolas.

Drei Eisenbahnlinien sind in Betrieb und ihr Weiterbau ins Landesinnere ist geplant. Im Norden die Loanda-bahn, in der Mitte die Benguellabahn und im Süden die Mossamedesbahn. Die Bahnen sind nach ihren Aus-gangsstädten an der Küste benannt. Die Stadt Benguella hat 4000 Einwohner, Mossamedes 3500 und die Haupt-stadt Loanda 8000 Einwohner.

Ein Hauptproblem im Land ist der Arbeitskräftemangel und die Bevölkerung versucht sich mit allen Mittel, und wenn es die Flucht in Nachbarländer ist, den portu-giesischen Zwangsarbeitsmaßnahmen zu entziehen.   

Der Schiffsverkehr Angolas hat im Jahr etwa 500 Damp-fer mit einer Million Tonnen Fracht. Der Schiffsverkehr liegt zu 2/3 in den Händen der privilegierten privaten portugiesischen Linie Empreza nacional de navigaçao. Infolge der Zollpolitik zum Schutz der eigenen Schif-fahrtslinie verkehren sonst nur noch die deutsche ver-einigte Woermann- und HAPAG-Linie und die eng-lische Union-Castle-Linie, die beide ihr Hauptfracht-geschäft nach den deutschen und britischen Kolonien Westafrikas haben und Portugiesisch Westafrika nur nebenbei, wenn auch regelmäßig, anlaufen. Das deut-sche Frachtgeschäft mit Angola ist etwas größer als das englische und beträgt etwa 1/7 des ganzen angolani-schen Seeverkehrs.

Wegen seiner protektionistischen Zölle ist Portugal am Handel mit Angola mit 60 % beteiligt, England mit 16 % und Deutschland mit 14 %, andere Länder mit 10 %. Deutschland liefert vor allem Eisenwaren, Konfektions-waren, Wollwaren, Bier, Zucker und Möbel. Die Ausfuhr von Angola beläuft sich zu 70 % aus wildwachsendem Wurzelkautschuk (1912 gut 15 Millionen Mark). Danach folgen Wachs (2½ Mill. Mark) und Kaffee (2 Mill. Mark). In geringen Mengen werden noch Zucker, Baumwolle, Erze, getrocknete Fische, Häute und Palmkerne expor-tiert (Zusammen eine Mill. Mark). 


Im Süden Angolas befinden sich auch zwei Dörfer von 1905 während des Hererokrieges in Deutsch Südwest-afrika nach Angola geflüchteten Herero. Als 1914 Wil-helm Mattenklodt, der bei Grootfontein in Deutsch Süd-westafrika die 5000 Hektar große Farm Leipzig besitzt, auf Jagdexpedition im Süden Angolas ist, trifft er auch auf diese Gruppe Onguatjindu-Herero, die am Water-berg saß und im August 1904 beim Abzug der Herero vom Waterberg dabei war. Die Portugiesen gaben diesen Herero unter ihrem Führer Salatiel Kambazembi Land bei der burischen Kleinstadt Humpata und dafür muß Salatiel junge Männer seines Stammes für die portugie-sische Polizeitruppe stellen.

Mattenklodt wird von den Herero freundlich empfan-gen und für seine Jagdsafari mit Hilfskräften unterstützt. Wie die zukünftige deutsche Kolonialverwaltung auf ihre alten und neuen Untertanen reagieren wird bleibt abzuwarten. Salatiel will sicher wieder an den Water-berg zurück, wo schon sein Vater, der mächtige Herero-Häuptling Kambazembi sein Leben verbrachte und 1903 uralt gestorben ist. Salatiel hatte nicht am Aufstand der Herero im Januar 1904 teilgenommen und im Juli 1904 sich zu Verhandlungen zwischen den aufständischen Herero unter Samuel Maharero und den Deutschen be-reit erklärt. Der Führer der deutschen Truppen, General Lothar von Trotha, hatte aber Verhandlungen abgelehnt und so zog auch Salatiel mit seinen Herero vom Water-berg ab.


Eine wissenschaftliche Aufgabe steht im Süden Angolas an. So wie 1913 eine deutsche Expedition in Neukamerun auf Spuren des Mokele-Mbembe, einem Saurier, der bis in unsere Zeit überlebt habe soll, gestoßen ist, so berich-tet der Großwildjäger Hans Schomburgk, der 1906 selbst monatelang in Südangola unterwegs war: »Aus Angola bekam ich den glaubwürdigen Bericht einer deutschen Dame, die mit ihrem Mann in den Sumpfgebieten im Süden häufig auf Jagd war. Es soll sich hier um ein Tier namens Coje ya menia handeln, einen Wasserlöwen, wie ihn die Eingeborenen nennen. Das Tier soll am Tage im Wasser leben und nur nachts an Land kommen. Dadurch ist es zu erklären, daß man es noch nie gesehen hat. Daß in den großen Sumpfgebieten in Süd-Angola noch unbekannte Tiere vorkommen, davon bin ich voll-kommen überzeugt.«

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Der Vertrag

1913 sagt der portugiesische Kolonialpolitiker João Fer-reira: „Treu dem portugiesischem System, die Dinge auf die lange Bank zu schieben, gestatten wir den anderen nicht, ordentlich zu arbeiten; arbeiten aber selbst auch nicht ordentlich. Es kann uns daher passieren, daß wir eines schönen Tages aus unseren Träumen erwachen, um in unseren Kolonien andere Herren, die kompeten-ter als wir, vorzufinden.“

Schon 1898 hatten Deutschland und England ein Ab-kommen über die Aufteilung der portugiesischen Kolo-nien getroffen, aber diese Vereinbarung wurde nicht umgesetzt, weil 1899 ein Windsor-Vertrag genannter geheimer Vertrag zwischen England und Portugal, der der deutschen Seite erst zufällig im Oktober 1913 be-kannt wird, den Vertrag von 1898 praktisch für ungültig erklärt. Weil England 1899 das portugiesische Mosam-bik für Truppen- und Nachschubtransporte für seinen Krieg gegen die Buren braucht, setzt Portugal – dem die deutsch-englischen Pläne in Bezug auf seine Kolonien bekannt sind – England unter Druck, nur dann diese Durchzugsgenehmigung zu erteilen, wenn London seinen kolonialen Besitz vertraglich bestätigen würde. London tut das wegen seiner militärischen Notlage in Südafrika, aber 1910 findet in Portugal ein Umsturz statt und aus dem Königreich Portugal – mit dem England den Windsor-Vertrag geschlossen hat – wird eine Republik. Nun sieht England den Windsor-Vertrag für erledigt an und tritt 1911 in erneute Verhandlungen mit Berlin ein, für eine verbesserte Version des Vertrages von 1898, bei dem die Verteilung der Kolonien an England und Deutschland neu geregelt wird. So ver-zichtet Berlin auf den portugiesischen Teil von Timor, einer Insel nördlich von Australien, und für Deutsch-land auch kaum von Interesse, worauf auch die Nie-derlande noch ein Vorkaufsrecht haben, und bekommt dafür die beiden wertvollen portugiesischen Kakao-inseln São Thomé und Principe vor Westafrika zuge-schlagen. Für den Verzicht auf den südlichen Teil von Nordmosambik erhält Deutschland nun anstatt von großen Teilen von Angola nun fast ganz Angola und England erhält von Angola die Landesteile östlich des 20. Längengrades bis zur Höhe der Grenze Belgisch Kongo-Nordrhodesien, welche an das britische Nordrhodesien fallen, dazu Portugiesisch Timor und den vergrößerten Teil von Südmosambik. Am 13. August 1913 wird der neue Geheimvertrag über die Aufteilung des portu-giesischen Kolonialreichs zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien paraphiert.

Als Begründung für die Wegnahme der Kolonien von Portugal werden Finanzschwierigkeiten Portugals mit seinen Kolonien und die »Mißwirtschaft« der Portugie-sen in ihren Kolonien gegeben. Am 20. Oktober 1913 wird eine verbesserte Version des Vertrages paraphiert.

Portugal befindet sich in einer innenpolitischen Dauer-krise und seine viele tausend Kilometer entfernten Ko-lonien sind weitgehend sich selbst überlassen. Die Miß-wirtschaft in den Kolonien blüht und ist nicht etwa eine Erfindung im deutsch-englischen Vertragswerk über die Wegnahme der portugiesischen Kolonien.

In der deutschen Öffentlichkeit weiß man um diese Ver-handlungen über die portugiesischen Kolonien, kennt aber keine Inhalte. So sagt etwa Konsul Carl Singel-mann, der in die Verhandlungen eingeweiht ist, in ei-nem Vortrag in Straßburg am 9. Dezember 1913, daß über diese Verhandlungen in der Presse schon vieles Unrich-tige verbreitet worden sei, da aber die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sind, müssen die Eingeweih-ten die Sache diskret behandeln, und es bleibt dem wissensdurstigen Publikum nichts übrig, als in Geduld abzuwarten, bis die beteiligten Regierungen es für an-gemessen erachten, das Resultat der Verhandlungen zu veröffentlichen.

Ebenfalls am 9. Dezember 1913 erklärt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vor dem Reichstag, daß die deutsch-englischen Verständigungsverhandlun-gen weit fortgeschritten seien. Wenn Bethmann Holl-weg dabei auch die portugiesischen Kolonien nicht aus-drücklich erwähnt, ist jedem klar worum es geht.

Da das arme Portugal keine wirtschaftliche Entwicklung seiner Kolonien leisten kann – es ist selbst unterent-wickelt und seine eigene Bevölkerung ist noch zu weit über zwei Dritteln lese- und schreibunkundig – , ist es durch diese Abmachung zwischen Deutschland und England seines Kolonialbesitzes beraubt, nur der Zeit-punkt der tatsächlichen Übernahme seiner Kolonien von den Briten und Deutschen steht noch nicht fest, ein Anlaß dafür ist aber jederzeit zu finden. Die Briten pro-testieren bei Portugal gegen die unhaltbaren Zustände in Südmosambik und die Deutschen verweisen in ihren Verhandlungen mit Portugal auf die Unfähigkeit der Portugiesen in Südangola die Verwaltung des Landes zu gewährleisten und erwähnen einen möglichen Aufstand der dort ansässigen Ovambo, die auch auf der deutschen Seite leben, und folglich könnte ein Aufstand der Ovam-bo in Angola auch auf Deutsch Südwestafrika übergrei-fen. Portugal ist also vollkommen den Großmächten Deutschland und England ausgeliefert und durch ihre Versuche, das Unabwendbare abzuwenden, verstricken sich die Portugiesen noch mehr in den Verlust ihrer Kolonien. Lissabon versucht in den offensichtlich an Deutschland fallenden Kolonialgebieten nichtdeutsche Firmen zu etablieren, aber die Portugiesen wissen nicht, daß England und Deutschland eben auch diesen Fall ein-kalkuliert haben, und die beiden Mächte verzichten auf die Unterstützung solcher Unternehmungen in jeweils dem anderen Vertragspartner zufallenden Gebieten.

Auch ohne die Unterzeichnung und die Veröffentli-chung des neuen Vertrages anerkennen Deutsche und Engländer die neue territoriale Verteilung und handeln danach.   

Am 30. März 1914 telegraphiert der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Gottlieb von Jagow, an den deut-schen Botschafter in London: »Wir wünschen baldigste Unterzeichnung des Vertrages, halten aber Publikation g l e i c h z e i t i g mit Windsor-Vertrag für untunlich. Sollte Sir E. Grey [britischer Außenminister] zum einst-weiligen Verzicht auf Publikation des letzteren zu bewe-gen sein, so wäre gegen Publikation Kolonialvertrages in absehbarer Zeit nichts einzuwenden. Bemerke vertrau-lich, daß deutsche Expedition nach Angola unterwegs ist, die Projekt für Bahnkonzession ausarbeiten soll. Wird Konzession im Laufe des Sommers erlangt, so würde Publikation eventuell im Herbst schon erfolgen können. Daß Publikation Windsor-Vertrages f ü r  a l l e  Z e i t e n  u n t e r b l e i b t, wird hier nicht verlangt.«

Am 23. Mai 1914 meldet der deutsche Botschafter in Lon-don, Karl Max Fürst von Lichnowsky, an den Reichs-kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, daß ihm am Vortag der britische Kolonialminister Lewis Harcourt auf des Botschafters Nachfrage nach dem Kolonialver-trag hin sagte, daß er lebhaft bedauere, daß Deutschland wegen seiner Bedenken der Veröffentlichung des Wind-sor-Vertrages wegen die Angelegenheit verzögere und daß Deutschland nun bald der Unterzeichnung und Ver-öffentlichung der Verträge über die portugiesischen Kolonien zustimmt, um der englischen Wirtschaft freie Bahn in den dann vertraglich sicher an England gefal-lenen portugiesischen Besitzungen zu geben.

Deutscherseits befürchtet man, daß die Absicht für eine Konzession für eine Bahn von den Kupferminen in Nor-den von Deutsch Südwestafrika zu einem Hafen im Sü-den von Angola von der portugiesischen Regierung blockiert werden wird, wenn der deutsch-englische Ver-trag vom August 1913 veröffentlicht würde. Und man hat den Vertrag nicht veröffentlichen wollen, weil England dann gleichzeitig auch den geheimen Aufteilungsver-trag der portugiesischen Kolonien zwischen Deutsch-land und England von 1898 und den diesen wieder auf-hebenden geheimen Windsor-Vertrag genannten Ver-trag von 1899 zwischen England und Portugal veröffent-lichen will und die Reichsregierung befürchtet unange-nehme Auswirkungen der deutschen Öffentlichkeit ge-gen die Regierung durch die Veröffentlichung insbe-sondere des Windsor-Vertrages, der ja den Vertrag von 1898 praktisch für ungültig erklärte und so das ansehen der Reichsregierung schmälert als Vertragspartner der Weltmacht England. Der neue Vertrag ersetzt den Ver-trag von 1898 und ist im ganzen günstiger für Deutsch-land und hebelt gleichzeitig den Windsor-Vertrag aus.

Durch die Erfolge vom April und Mai 1914 mit der Ab-sendung einer deutschen Wirtschaftskommission nach Angola und dem Vertrag über den Kauf der Nyassa Kompanie in Mosambik sieht Reichskanzler Bethmann Hollweg seit Juni die Veröffentlichung des noch gehei-men Vertrages nun als gegeben. Im engen politischen Kreise des Reichskanzlers wird die Veröffentlichung im Juni 1914 kontrovers diskutiert, aber am 2. Juli gibt der Kanzler dem deutschen Botschafter in London schon mündlich die Zusage für die Veröffentlichung aller drei Verträge, der aber noch die schriftliche Bestätigung fol-gen muß.

Am 14. Juli schreibt Lichnowsky an Bethmann Hollweg: »Euere Exzellenz hatten mich bei meiner letzten Anwe-senheit in Berlin [2. Juli] ermächtigt, Sir Edward Grey zu erklären, daß wir nunmehr bereit seien, das Abkommen mit Großbritannien über die portugiesischen Kolonien zu unterzeichen und in die Veröffentlichung des neuen sowie der beiden alten Verträge, des deutsch-britischen vom Jahre 1898 sowie des britisch-portugiesischen vom Jahre 1899, zu willigen. Mit der Veröffentlichung sollte aber bis zum Spätherbst gewartet werden, um unserer in Südangola befindlichen Abordnung die nötige Zeit zu gewähren zur Beendigung ihrer den Bahnbau betreffen-den dortigen Studien.«

Den Brief beendigt Lichnowsky mit den Sätzen: »Da ich annehmen darf, daß Euere Exzellenz nicht beabsichti-gen, auf Rücksicht auf leicht zu widerlegende Einwen-dungen das zur Vollendung gediehene patriotische Werk scheitern zu lassen, so erlaube ich mir um Wei-sung zu bitten, ob ich nunmehr in Gemäßheit mit den mir erteilten und eingangs erwähnten Befehlen an Sir Edward Grey herantreten darf.

Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung dürfte alsdann eine Einigung zu erzielen sein. Eile scheint mir aber in-sofern geboten, als Sir Edward Grey im August nach Schluß des Parlaments London verlassen wird und ich auch vor Antritt meines Urlaubs die Angelegenheit er-ledigen möchte.«

Neben dieser politischen Arbeit zur Übernahme der portugiesischen Kolonien in Afrika wird die Durchdrin-gung der portugiesischen Kolonien durch die deutsche Wirtschaft betrieben. Den Briten gehören bereits alle wichtigen wirtschaftlichen Betriebe in Südmosambik und die Deutschen sind dabei in ihrem Teil der portu-giesischen Kolonialterritorien die bedeutenden Wirt-schaftsunternehmen aufzukaufen.

Um aus dieser hoffnungslosen Lage doch noch einen Ausweg zu finden, beschließt die portugiesische Regie-rung zur Finanzierung der Entwicklung ihrer größten Kolonie, Angola, eine Staatsanleihe aufzulegen. Da das arme Portugal selbst über keinerlei Sicherheiten ver-fügt, soll Angola selbst durch Verpfändung von Zollein-nahmen für die Anleihe geradestehen. Eben damit läuft Portugal in die von Deutschland und England in ihrem Vertragswerk gestellte Falle, und somit beschleunigt Portugal auch noch den Verlust seiner Kolonien.

Als die portugiesische Staatsanleihe zur Entwicklung der Kolonie Angola mit der Verpfändung von Zöllen der Kolonie als Sicherheit durch ein portugiesisches Gesetz vom 29. Juni 1914 aufgelegt wird hat Portugal den ent-scheidenden Punkt für die Aufteilung seiner Kolonien zwischen Deutschland und England vom August 1913 erfüllt. Im Juli wird dann die Finanzierung der Anleihe von einem deutschen Bankenkonsortium eingeleitet und die erste Teilanleihe von acht Millionen der 160-Millionen-Mark-Anleihe ist Mitte Juli gesichert. Mit der Bindung Portugals an eine deutsche oder englische Finanzierung einer kolonialen Staatsanleihe ist der ent-scheidende Vertragspunkt im deutsch-englischen Kolo-nialvertrag erfüllt.

Am 27. Juli 1914 geht das Ermächtigungsschreiben des deutschen Kanzlers an Botschafter Lichnowsky ab Sir Edward Grey mitzuteilen, daß die Unterzeichnung des Teilungsvertrages erfolgen kann. Was die Veröffent-lichung angeht, so soll der englischen Seite die lau-fenden Arbeiten für die Konzession einer Bahn vom deutschen Kupfergrubengebiet in Deutsch Südwest-afrika zur Küste von Südangola dargestellt werden, deren Konzession wahrscheinlich erst gegen Ende des Jahres erteilt wird, weshalb eine vorherige Veröffent-lichung der Verträge die Konzessionserteilung beein-trächtigt. Bethmann Hollweg hofft wegen der Erteilung der Konzession auch, die englische Regierung werde der »Veröffentlichung des Abkommens innerhalb einer bestimmten Frist – etwa spätestens in sechs Monaten – nach erfolgter Unterzeichnung« zustimmen.

Bethmann Hollweg verzichtet aber in der Fristfrage auf eine schriftliche oder mündliche Zusicherung der eng-lischen Regierung, zumal bei einer Weigerung der por-tugiesischen Regierung zur Vergabe der Konzession Bethmann Hollweg der englischen Regierung empfoh-len wissen will: »deren Weigerung als Vertragsfall im Sinne des Artikels VIII unserer Abmachungen ansehen [zu] wollen, wenn bis dahin die Konzession noch nicht erteilt worden sei.« Dafür muß aber erst einmal der Vertrag unterzeichnet und veröffentlicht sein, damit Portugal mit dem Artikel VIII gedroht werden kann und England seinen ganzen Einfluß im Sinne des Artikels VIII gegenüber Lissabon gelten machen kann.

Bethmann Hollweg beschließt sein Ermächtigungs-schreiben an Lichnowsky mit dem Satz: »Einem gefäl-ligen Bericht über das Veranlaßte werde ich mit Inte-resse entgegensehen.« Der Reichskanzler will also das »Veranlaßte«, also die Vertragsunterzeichnung.  

Am 28. Juli schickt der deutsche Außenminister Gottlieb von Jagow einen privaten Brief an Lichnowsky in dem steht: »Sie haben wiederholt geäußert, Sie wüßten nicht, ob Grey noch lange auf die Unterzeichnung des Ver-trages warten werde. Es ist danach die Befürchtung nicht abzuweisen, daß er das Wiederanschneiden der Frage dazu benutzt, um uns vor die Alternative zu stel-len: bedingungslose sofortige Zeichnung und Veröffent-lichung oder Verzicht auf den ganzen Vertrag. Wir würden uns dann für das letztere entscheiden müssen.« Jagow schließt seinen privaten Brief mit: »Wir haben ihrem Wunsche nachgegeben, aber sie tragen nun da-für auch einen besonderen Anteil an der Verantwor-tung.«     

Da Lichnowsky den Vertrag endlich unterzeichnet ha-ben will, wie offensichtlich auch die englische Regie-rung, wobei Lichnowsky die verdrechselten Ausführun-gen Bethmann Hollwegs im Ermächtigungsschreiben zu seinen Gunsten nutzen kann, und des Außenministers Ansicht zum Vertrag für ihn nicht zwingend ist, sondern die des Kanzlers, hält der Botschafter nun die Zügel über den Vertrag in der Hand, trägt die »Verantwortung«, ist in der ersten Augusthälfte mit der Unterzeichnung des Vertrages zu rechnen. Lichnowsky hatte schon das Abkommen vom 13. August 1913 unterschrieben und kann nun auch das bisher nur paraphierte Teilungs-abkommen unterzeichnen. Die Veröffentlichung wird sicher gleich mit der Unterzeichnung des Vertrages erfolgen, weil London durch den Vertrag eben endlich seiner eigenen Wirtschaft eindeutige Verhältnisse in den England zufallenden Gebieten zusichern kann und auch ohne Schwierigkeiten durch diplomatischen Druck, und wenn es der Hinweis auf den Artikel VIII des gemeinsamen Vertrages ist, für die Konzessionsertei-lung für die Südangolabahn im Sinne der deutschen Regierung handeln kann.

Die durch den deutsch-englischen Vertrag zu Deutsch-land kommenden portugiesischen Kolonien machen zusammen 1,5 Millionen qkm aus mit etwa 6 Millionen Menschen. Damit vergrößert sich das deutsche Kolo-nialreich an Fläche um rund 50 % und an Menschen um etwa 40 %.