Als die militärische Lage für die deutschen Kolonial-truppen in Kamerun Anfang 1916 unhaltbar wird geht das Gros der Schutztruppe mit etwa 550 deutschen und etwa fünfeinhalbtausend afrikanischen Soldaten und derem Anhang aus Frauen und Soldatenjungen von 12.000 Menschen in das spanische Muni über, dem Festlandbereich der Kolonie Spanisch Guinea. Der Troß aus Frauen und Jungen ist fürs Kochen und alle Ar-beiten der allgemeinen Versorgung der Truppe zustän-dig, vom Nähen bis zum Tragen von Ausrüstung. Im ganzen sind es aber 60.000 kameruner Zivilisten, die den Übertritt der Truppe von Kamerun ins spanische Muni mitmachen, darunter eine große Zahl Jaunde.
Die Jaunde im Grasland von Kamerun hatten für die Versorgung der kämpfenden Truppen mit Verpflegung, Ausrüstung, wie etwa Uniformen, und der Gestellung von Trägern eine entscheidende Rolle für die Verteidi-gung des Landes gespielt. Die Stadt Jaunde war während des Krieges die Hauptstadt für die Landesverwaltung von Kamerun und der Sitz des Oberkommandos der Streitkräfte gewesen.
Januar 1916. Erich Robert Petersen, ein Zugführer der »Etappenkompanie Dume«, der im Frieden das Gummi-sucherdorf Neu-Mbang im Urwald des deutschen Kongo von Kamerun aufgebaut und geführt hat: »Bevor Leut-nant Bretthauer [Kommandeur der Etappenkompanie Dume] den Befehl [zum Übergang in das spanische Muni-Gebiet] bekannt gibt, läßt er auch alle Träger und die Häuptlinge aus dem vom Gegner besetzten Gebiet, die sich dem Troß angeschlossen haben, kommen und dann sagt er: “Wir haben ein und ein halbes Jahr lang mit den Franzosen gekämpft und immer gedacht, daß der Krieg bald aufhören müßte. Nun aber geht nicht der Krieg zu Ende, sondern unsere Munition. Jeder Soldat hat nur noch zwanzig oder dreissig Patronen. Noch ein Gefecht, und wir stehen mit leeren Patronentaschen da. Was dann? Sollen wir Diener der Franzosen und Engländer werden? Wollt ihr, daß sie über uns lachen und uns zwingen, für sie zu arbeiten? Wollt ihr? — Wir Weißen wollen es nicht, denn wir wissen, daß der Krieg in diesem Lande nicht entscheidend ist. Der große Gouverneur [von Kamerun] und der große Komman-deur [der Schutztruppe von Kamerun] lassen euch sagen, daß weit, weit da unten am großen Wasser Freunde von uns wohnen, die Spanier. Dahin wollen wir gehen und so lange dort bleiben, bis der Krieg zu Ende ist, und wir wieder in unser Land zurückkehren können. Wer von euch mit will, kann uns folgen; wer lieber hier im Lande bleiben will, soll es ruhig sagen. Er bekommt sein Geld und seine Papiere und kann versuchen, seine Heimat zu erreichen.“
Bretthauer hat geendet. Wir wenigen Europäer stehen erwartungsvoll vor unseren Schwarzen, wir sind sechs und drüben zählt die Schar unserer Freunde mit dem ganzen Troß von Häuptlingen, Trägern, Weibern und Kindern an die 1500 Köpfe. Blicke fliegen hinüber und herüber. Da ruft eine helle Stimme, — es ist die meines einstigen Jägers und jetzigen Gefreiten Asika: “Wir gehen mit euch, Massa Leutnant! Wir lassen euch nicht im Stiche.”
Und wie ein Brausen geht es durch das ganze bunte Durcheinander von Soldaten und Jungen, Königen und Dienern, Weibern und Kindern, Händlern und Mis-sionsschülern: “Mit euch, mit euch!” Keiner von all diesen Schwarzen weiß, wohin es geht, niemand hat von dem fernen Lande der Spanier gehört, ganz einerlei, sie wollen mit uns, keiner will uns verlassen. So wenden wir denn dem Feinde den Rücken und marschieren, — marschieren Tag um Tag, hungern des Abends und frieren im Regen der Nacht, aber wir marschieren. Und wie bei uns, geht es auf allen Frontabschnitten. Das ist wie eine große Völkerwanderung, wie der Auszug eines vielstämmigen Volkes, das sein Land verläßt und in die Verbannung zieht.
Bei Akonolinga überschreiten wir den Njong auf einer Pontonbrücke, die der alte Liebert mit Hilfe der vielen Njongkanus gebaut hat. Hinter dem letzten Manne wird die Brücke zerstört. … Sie alle [Die eingeborenen Soldaten des Zuges von Petersen, die schon vor dem Krieg Arbeiter bei Petersen waren.] stehen hier in ihrem Heimatlande. Warum ziehen sie nicht den zerfetzten Soldatenrock aus und gehen in ihre Dörfer? Wir können sie nicht mehr besolden, kleiden und verpflegen. Was hält sie bei uns? Einmal bringe ich die Rede darauf, und bekomme die sehr enrgisch gehaltene Antwort: “Du bist unser Vater! Wie kannst du denken, daß wir dich jetzt allein lassen? Mag kommen, was will, wir bringen dich in das Land der Freunde.” —
Der Gegner hat natürlich unsere Absicht, nach dem neutralen Gebiet durchzubrechen, bald erkannt und macht verzweifelte Anstrengungen, uns den Weg zu verlegen. Er will unter allen Umständen den Triumph auskosten, uns inmitten unserer Schwarzen zu demü-tigen. Aber noch einmal zeigen sich die deutsche Führung und die Schutztruppe überlegen. Der Durch-bruch gelingt, und auch alle Angriffe aus den Flanken werden zurückgeschlagen. Stolz und aufrecht in dem Bewußtsein, ihre Pflicht bis zur letzten Möglichkeit erfüllt zu haben, überschreitet die Truppe mit ihrem Anhang Anfang Februar 1916 die Grenze der spanischen Kolonie Muni.
Das ganze Land wird von den Pangwe bewohnt, die an Wildheit und grausamen Sitten nicht hinter den Ntumm zurückstehen. Die Spanier liegen im ewigen Kriege mit ihnen, auch uns haben sie viel zu schaffen gemacht. Jetzt allerdings, wo wir mit der ganzen Schutztruppe anrücken, halten sie sich zurück. Nur wenn einer unserer Träger sich seitwärts im Busch verirrt, fallen sie wie Hyänen über das Opfer her. Wir haben uns gedacht, hier auf neutralem Gebiet mit der Truppe große Farmen anzulegen, den Spaniern Straßen nach der Küste zu bauen und in Ruhe das Kriegsende abzuwarten. Aber die Feinde dulden es nicht; sie ver-langen von den Spaniern, daß sie uns vom afrikanischen Festlande fortschaffen. Wir dürfen uns dem nicht widersetzen, können es auch nicht, denn unsere Truppe mit ihrem Anhange ist am Verhungern. Das Land kann uns nicht ernähren. Schon aus Mangel an Verpflegung müssen wir danach streben, so schnell wie möglich die Küste zu erreichen, wo Reis lagern soll.
So beginnen wir den Leidensweg durch die unwegsame spanische Kolonie Muni. Kompagnie folgt auf Kom-pagnie, Abteilung auf Abteilung, immer ein Mann hinter dem anderen, eine endlose Marschkolonne. Der Pfad ist schlecht, das Gelände gebirgig, die Niederungen sind von Sümpfen erfüllt. Grauenvoll sind die Szenen, die sich in den grundlos werdenden Morästen abspielen. Die Pferde, die kein Korn und Gras mehr bekommen, klappen zusammen, bleiben in den Sümpfen stecken und kommen elend um. Dann wird auch den Menschen die Hungersnot zum Hungertod. Bei den Kindern fängt es an. Die zarten Dinger sind den Anstrengungen und Entbehrungen der monatelangen Wanderung nicht ge-wachsen. Häufig und häufiger höre ich den gellenden Schrei einer Mutter, die ihr Kleines am Wege ein-scharren muß. Jammern und Klage läuft durch die lange Reihe der Marschkolonne und eines Tages, da es wieder nichts zu beißen gibt, und immer nur der anpeitschende Befehl kommt: “Vorwärts, — vorwärts!” — da pflanzt sich ein Wort von Kompagnie zu Kompagnie fort, das alles zum Halten bringt, das fatalistische Wort der Schwar-zen: “Es geht nicht mehr!”
Petersen spricht zu seinen Soldaten:
“Soldaten, Freunde! Ihr wolltet uns folgen, nun haltet auch durch! Das Wort “Es geht nicht mehr” gilt hier nicht, hier gilt nur eins: Marschieren, marschieren! Wir müssen hinaus aus diesem Busch, wir müssen das große Wasser erreichen; dort sind wir gerettet, aber hier im toten Busch gehen wir alle zu Grunde. Und wir wollen doch leben, wollen die deutsche Fahne wieder in unser Land tragen!”
So wie ich, sprechen alle Deutschen zu ihren Soldaten, und überall springt die Energie des Weißen auf die Schwarzen über. Die hungerdürren Gestalten richten sich auf, straffen sich, schultern das Gewehr und mar-schieren. Auch in dieser letzten, höchsten Not siegt ihre Treue. Vorwärts Soldaten, vorwärts ihr Träger, vorwärts ihr Weiber und Kinder. Wer zusammenbricht, bleibt liegen. Ein paar grüne Zweige decken ihn zu, dieser und jener aus der Kolonne sendet ihm einen letzten Gruß, dann aber weiter, weiter. Eine große Sehnsucht nach dem Meere hat alle ergriffen. Jeder fühlt den Tod hinter sich und stellt sich die Frage, ob nicht die Toten-gräberabteilung, die dem Wanderzuge folgt, gerade ihn morgen tot am Wege finden werde. Hört denn der Busch gar nicht auf? Ans Meer, ans Meer!
Von dieser Sehnsucht getragen, schleppen wir uns vor-wärts; nichts im ganzen Kriege ist diesem Leidenszuge vergleichbar, Und dann kommt die Stunde, wo der Ur-wald sich lichtet, und aus der Ferne im gleichmäßigen Rhythmus eine gewaltige Stimme herüberdonnert. Die Schwarzen wissen noch nicht, was dieser Donner be-deutet, — aber jetzt, aber jetzt erkennen sie es. Der grüne Vorhang fällt, — und der weite Ozean erglänzt vor uns in schimmernder Bläue.
“Das Meer! Das große Wasser, von dem unsere Weißen uns erzählt haben!” Wie ein Jubelruf fliegt die Botschaft zurück, und all die zu Tode erschöpften Verbannten, die aus dem letzten Mangrovensumpfe hochsteigen, erle-ben aufjauchzend das Wunder: “Wir sind am Meer, wir sind am großen Wasser, — wir sind gerettet!” — — «
Das kleine Spanisch Muni kann unmöglich eine Masse von 60.000 Menschen versorgen und muß deshalb über 40.000 wieder nach Kamerun zurückschicken. Über ein-hundert Häuptlinge mit ihrem Anhang von 1500 Men-schen dürfen unter der Führung des Bezirksleiters von Jaunde bleiben, dazu einige hundert Nachzügler und natürlich die gut 16.000 in Internierung gehenden Sol-daten und der Familienanhang der deutschen Schutz-truppe.
Spanisch Muni ist auch in keiner Weise darauf vorbe-reitet plötzlich 18.000 Menschen zusätzlich zu versor-gen, aus einem Land, dessen Bevölkerung von Fischfang und Ackerbau nur sich selbst ernährt. So ist anfangs Hunger unvermeidlich bei den Neuankömmlingen und kostet durch die zunächst völlig ungesunden Wohnver-hältnisse und durch von Krankheiten zusätzlich ge-schwächte Menschen, besonders unter Frauen und Kin-dern, Todesopfer. Aber auch später wächst die Zahl der Kreuze von eingeborenen Soldaten der Schutztruppe auf den Friedhöfen und schließlich werden hunderte von ihnen, und auch eine Reihe Deutsche, in der spanischen Kolonie ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Die Truppe und ihre Angehörigen werden schon bald nach ihrem Übertritt im Februar 1916 nach Muni auf die Insel Fernando Poo verlegt. Fernando Poo liegt etwa 300 Kilometer von Muni entfernt aber nur 40 Kilometer vor Kamerun, vor dem Kamerunberg. Die Ernährungslage ist zunächst schwierig, denn Frachter aus Spanien kom-men nur unregelmäßig und bringen nur bescheidene Mengen an Nahrungsmitteln. Von überallher, vom afri-kanischen Festland und von näheren und entfernteren Inseln werden Lebensmittel zu jedem Preis eingekauft und mit Küstendampfern angefahren, bis die Eigenver-sorgung durch angelegte Felder und eine regelmäßige Versorgung aus Europa erreicht ist. Schließlich kann zur Sicherung der Lebensmittelversorgung bei der Stadt Santa Isabel, der größten Stadt auf Fernando Poo, ein Proviantlager eingerichtet werden, das für mehrere Mo-nate bei ausfallenden Transporten aus Europa oder Ern-teausfällen für die Internierten die Versorgung sichern kann.
Die Schutztruppe kann einige am Meer gelegene Far-men pachten und sich darauf ansiedeln. Die größte die-ser Farmen ist die Kakaoplantage der deutschen Firma Moritz, die ihr Gelände unentgeltlich der deutschen Truppe zur Verfügung stellt und auf der auch über die Hälfte der Truppe untergebracht werden kann. Mög-lichst entsprechend ihrer Formierung als Kampfverbän-de während des Krieges wird die Truppe in gleichen Verbandsformationen in jeweils eigenen Barackenla-gern und anliegenden Dörfern für die Frauen und Solda-tenjungen untergebracht. Diese Lager müssen natürlich erst von der Truppe erbaut werden. Die deutsche Kolo-nialtruppe auf Fernando Poo besteht aus zwölf Kompa-nien zu je 500 Mann. Je vier Kompanien belegen ein Lager. Von den drei Lagern liegen zwei auf dem Gelände der Moritzfarm und eins auf den anderen Farmgelän-den. Jede Kompanie hat 700-800 Frauen und Soldaten-jungen im Troß und so ergibt sich für jede Kompanie eine Gesamtzahl von 1200-1300 Köpfen.
Der Stab der Truppe ist in der zwischen den beiden Lagerkomplexen liegenden Stadt Santa Isabel unterge-bracht. Er ist mit deutschen Verwaltungsbeamten und kaufmännisch geschulten Unteroffizieren für die Ver-waltung und den Einkauf von Verpflegung, Werkzeu-gen, Geräten und Saatgut besetzt. Der Stab schlichtet auch weiterhin die Rechtsstreitigkeiten der Soldaten untereinander.
Jedes der drei Lager hat eine eigene Sanitätsdienststelle mit deutschen Ärzten und deutschen Hilfskräften. Dazu gibt es ein Europäer- und ein Eingeborenenhospital in denen deutsche Ärzte mit deutschem und farbigem Hilfspersonal arbeiten. Im Eingeborenenhospital, des-sen Hauptgebäude unter der Leitung des deutschen Zimmermeisters in Santa Isabel errichtet wird, werden auch alle größeren Operationen für beide Kranken-häuser durchgeführt.
Katholische und evangelische Missionare widmen sich neben ihrer seelsorgerischen Tätigkeit der Kranken-behandlung und anderen gemeinnützigen Arbeiten im Dienst der Truppe.
Die sinnvollen Anordnungen des spanischen General-gouverneurs ermöglichen ein freies und selbständiges Entfalten der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Trup-pe und der zivilen Internierten auf Fernando Poo zum Nutzen der Internierten und für das Allgemeinwohl der eigentlichen Bewohner der Insel, die seit dem Einzug der Internierten nur noch ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Insel ausmachen.
Der Aufbau der Lager und Dörfer für die Truppe und die Zivilisten findet sowohl im Gelände der Kakaoanbau-flächen wie in den mit ursprünglicher Wildnis, dichtem Busch und Urwald bestandenen nicht bebauten Flächen der Farmen statt. Rund ein Jahr dauert der Aufbau der Dörfer, der Soldatenbaracken, der Europäerhäuser, Dienstgebäude, Offiziersmessen, Waschhäuser, Schup-pen, Abortanlagen, Müllplätze, Werkstätten, Pferdestäl-le, Wege, Brücken, Dämme, Brunnen, Gärten, die An-lage der Anbauflächen für die Lebensmittelversorgung und die Umwandlung des Geländes in eine große Gar-ten- und Parklandschaft. Sumpfgelände und Bodenun-ebenheiten werden mit Sand und Steinen vom Strand verfüllt. Geschotterte Wege mit Wasserabflußrinnen werden angelegt und Holzbrücken führen über Bäche und Geländeeinschnitte. Die schwersten Arbeiten sind nach einem halben Jahr beendet. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbauflächen geht natürlich lau-fend weiter.
Hauptsächlich die langgestreckten Soldatenbaracken werden nach ihrer ersten Fertigstellung als brauchbarer Unterkunft im zweiten Jahr laufend verbessert mit Kü-chen, der Vergrößerung des Wohnraums und einer künstlerischen Gestaltung. Selbstverständlich werden auch alle Möbel von den Soldaten selbst hergestellt.
Zwei Kompanien haben das Glück aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Landflächen statt Baracken Einzelhäuser für ihre Soldaten errichten zu können, die an regelmäßigen Straßenzügen liegen.
Für die Bauarbeiten wird von der ganzen Insel Material beschafft wie Hölzer, Rinden und Palmblätter, die oft in tagelangen Märschen herangebracht werden müssen. Von enormen Vorteil für die Baumaßnahmen ist natür-lich, daß die Truppe in Friedenszeiten ständig alle mög-lichen Bauarbeiten für die Kolonie ausgeführt hat, um die Truppe neben ihrem Drill auf dem Exerzierplatz und den Feldübungen sinnvoll einzusetzen, anstatt sie in den Kasernen sinnlos die Zeit totschlagen zu lassen.
Hat anfänglich ein deutscher Zimmermeister aus Santa Isabel für den Bau der Häuser für die Deutschen Grün-dungspfähle und Fußböden geliefert, so können bald von der Truppe selbst Balken und Bretter hergestellt werden. Aus den stärksten Bäumen aus dem Urwaldge-lände der Farmen stellen im Bootsbau erfahrene einge-borene Soldaten seefähige Kanus für den Küstenver-kehr her, besonders für den Baumaterialtransport. Eini-ge dieser Boote können zwölf Tonnen und mehr Last tra-gen. Mit den selbstgebauten Booten kann auch eine eigene Küstenfischerei zur Versorgung mit frischem Fisch eingerichtet werden. Wichtig sind auch die Schneider und Schuster unter den Soldaten, die sämt-liche Kleidung und Schuhzeug, Sättel und Lederzeug für die Truppe herstellen und auch an private Abnehmer verkaufen.
Auf den für den Anbau von Feldfrüchten hergerichteten Flächen werden hauptsächlich Mais und Kassawa ge-zogen. Von den Deutschen wird Geflügelzucht betrieben und auch einige afrikanische Soldaten übernehmen die-se Art der Fleischversorgung. Dazu wird in den Lagern eine bescheidene Schweinezucht betrieben, von der Verwaltung zuweilen einzelne Rinder zur Schlachtung angekauft und den Deutschen ist die Jagd auf Antilopen auf der Insel erlaubt.
Als nach den ersten Monaten die Hauptarbeiten been-det sind, ergibt sich das Problem der weiteren Beschäf-tigung der Soldaten und natürlich der Aufrechterhal-tung von Disziplin und Kampfkraft der Truppe. Die Schutztruppe mußte selbstverständlich nach dem Über-tritt in spanisches Gebiet alle Waffen abgeben. Die spanische Regierung erlaubt aber das Exerzieren der Truppe auf den Exerzierplätzen, von denen je einer in der Mitte der drei Lager angelegt ist, soweit das ohne Gewehre eben möglich ist. Nach eineinhalb Jahren Kampf hat die Truppe natürlich durch die eingetrete-nen Verluste und die neu in die Truppe aufgenom-menen jungen Soldaten nicht mehr das Bild der Friedenstruppe und insbesondere die zahlreichen nur notdürftig ausgebildeten jungen Soldaten müssen in der militärischen Routine gehalten werden, wozu das Exer-zieren eine Möglichkeit bietet.
Aus ehemaligen Musiksoldaten und neu ausgebildeten Spielleuten wird eine Kapelle gebildet, deren Leistun-gen mit der Zeit immer besser werden.
Am 27. Januar 1917, am Tag des Geburtstages des Kaiser, nach einem Jahr in der spanischen Kolonie Muni und elf Monaten auf Fernando Poo, wird unter dem Kom-mando ihrer deutschen Führung die gesamte Truppe dem spanischen Generalgouverneur und den spani-schen Unteroffizieren und Offizieren, die nun die Füh-rung der deutschen Schutztruppe übernehmen werden, präsentiert, da nun der größte Teil des deutschen Füh-rungspersonals nach Spanien abgeht.
Während des ersten Jahres in der spanischen Kolonie wurde die Truppe ausschließlich von deutschen Unter-offizieren und Offizieren geführt, bis die Gegnermächte durchsetzen, daß das deutsche Führungspersonal nach Spanien in Internierung gebracht wird, um der Truppe ihre Kampffähigkeit zu nehmen. Es bleibt darauf nur noch ein geringer deutscher Stamm für Verwaltungs-aufgaben und medizinische Betreuung auf der Insel.
Zu der Gruppe der Häuptlinge, die mit ihrem Anhang Ende Januar 1916 nach Muni gewechselt sind, kommen in den Wochen nach dem Übertritt der Hauptgruppe noch einige hundert ehemalige Diener von Europäern, farbige Beamte und Träger, die auch in Muni bleiben dürfen. Von diesen insgesamt 2000 Menschen sind 1600 Jaunde.
Die Kameruner Häuptlinge und ihr Anhang sind zu-nächst unter völlig ungenügenden Umständen und schlechter Lebensmittelversorgung an der Küste von Muni angesiedelt. Trotz der miserabelen Umstände keh-ren die Kameruner aber nicht in ihre feindbesetzte Hei-mat zurück. Im April 1916 beschließen die Spanier des-halb die Zivilinternierten zum dauerhaften Aufenthalt auch nach Fernando Poo zu überführen, was bis Juli 1916 geschieht. Durch weitere Nachzügler wächst die Zahl dieser Zivilistengruppe schließlich noch auf 3000.
Auf Fernando Poo werden die zivilen Internierten zu-nächst in Klein Bokoko und bei Groß Bokoko angesie-delt. Die beiden Orte sind einige Wegstunden voneinan-der entfernt. Groß Bokoko ist für die Mohammedaner bestimmt und alle anderen sind in Klein Bokoko ver-sammelt. Klein Bokoko ist eine alte verwachsene Kakaofarm und besteht aus nichts weiter als einem Wellblechschuppen. Nachdem das Land mit Beilen und Haumessern vom dichten Gestrüpp befreit ist, proviso-rische Unterkünfte für alle hergerichtet sind, ein Kran-kenhaus vorhanden und erste Pflanzungen angelegt, verpflichtet die spanische Regierung die neuen Bewoh-ner der Insel eine Straße entlang der Küste zwischen Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bauen. In drei Mona-ten wird eine 16 km lange fünf Meter breite Straße ent-lang der Küstenlinie zwischen den beiden Orten ange-legt. Die zahlreichen Schluchten des Geländes werden durch gute Brücken von oft fünf Metern Höhe aus Buschholz überbrückt. Sonstige Unebenheiten werden durch Treppenstufen und Knüppeldämme ausgegli-chen. Die Straße ist bei jeder Witterung für Fußgänger, Reiter, Radfahrer und leichte Wagen gangbar und be-fahrbar. Nach Fertigstellung der Straße werden den Zivil-internierten von Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bei-den Seiten entlang der Straße das dichte Urwaldgelände zum Bau ihrer Dörfer und zur Anlegung von Farmen zur Verfügung gestellt. Für die Lebensmittelversorgung und das Heranholen von Baumaterial dient die in der Nähe liegende Hafenstadt San Carlos. Alles Baumaterial, das nicht aus dem zur Verfügung gestellten Land gewonnen werden kann, wie die Blätter und Stangen der im Sied-lungsgebiet nicht vorkommenden Raphiapalme, dem unentbehrlichen Baustoff der Kameruner Neger, wer-den per Kanu herangeschafft, die auf Veranlassung des Siedlungsleiters gebaut werden. Die Bereitstellung von einer großen Zahl von Trägern ist nicht möglich, da fast alle arbeitsfähigen Menschen beim Wegebau, Hausbau und in der Feldwirtschaft gebraucht werden und so kön-nen mit den Kanus große Lastenmengen schnell und einfach befördert werden. Für die Kanuflotte wird eine kleine Bucht als Hafen ausgewählt und am Strand wer-den Bootshäuser, Lagerschuppen, Werkstätten und Wohnhütten für die Bootsmannschaften errichtet. So kann San Carlos und die entlang der Küstenstraße am Meer gelegenen Gehöfte und Siedlungen einfach auf dem Wasserweg erreicht werden für die Lastentrans-porte. Auch eine kleine Fischerei entsteht mit dem Bootsbetrieb und einige Häuptlinge haben ihre eigenen Kanus zur Verfügung.
Die mit ihren Häuptlingen nach Stämmen angesiedelten Menschen verwandeln die Flächen links und rechts der Straße bis Ende 1917 in ein zusammenhängendes Farm-land mit hunderten von gut gebauten Hütten. Von der Hauptstraße gehen saubere Wege ab, die das ganze Siedlungsgebiet durchziehen und jedes Dorf und jedes Gehöft erreichen. An jedem Dorf zeigt eine Tafel den Na-men des Stammes und seines Häuptlings an. Die Bane, die Bambelle, die Ekaba, die Jaunde haben ihre Dörfer. Jeder Stamm baut natürlich in der ihm eigenen Bauwei-se. Die Häuptlinge allerdings bevorzugen schon oft Bau-ten nach europäischem Tropenhausstil. Der erstklassi-ge Wegebau der Kameruner auf Fernando Poo ist natürlich übernommen von dem von der deutschen Verwaltung in Kamerun als Pflicht auferlegten Wege-bau, dessen Vorteile für Marsch und Transport die Einheimischen zu schätzen gelernt haben.
Die mohammedanischen Stämme, die Fulbe, Haussah, Kanuri und Laka aus dem Grasland des nördlichen Kamerun, die von Groß Bokoko aus entlang der neuen Straße siedeln, unterstehen alle dem Adja Lifida von Ngaundere, während alle anderen Stämme dem Ober-häuptling Atangana von Jaunde unterstehen. Alle zu-sammen, rund 3000 Menschen, unterstehen sie zwei Deutschen, dem Bezirksleiter von Jaunde und seinem Gehilfen.
Das Anwesen der deutschen Verwaltung liegt nahe beim Kanuhafen. Neben den beiden Wohngebäuden für die zwei deutschen Leiter der gesamten Siedlung stehen dort Verwaltungsgebäude, Werkstätten, Ställe für die Reittiere und alle sonstigen für den Betrieb notwendi-gen Anlagen. Das ganze Gehöft der Verwaltung ist schließlich in eine Gartenanlage eingebettet.
Vom Trommelturm der Verwaltung werden in der in Kamerun üblichen Trommelsprache die Häuptlinge zum Empfang von Geld für die Zwecke ihres Stammes oder zu Weisungen des Leiters gerufen. Der Verwal-tungssitz ist aber auch Wochenmarkt und die Schuster-, Schneider-, Tischler- und Korbflechterwerkstätten im Gehöft der Verwaltung bieten ihre Dienste und Waren an. Eine Verkaufsstelle im Hof der Verwaltung bietet Le-bensmittel und alle in Buschfaktoreien üblichen Gegen-stände zu geringst möglichen Preisen an. Der Viehhof der Verwaltungssiedlung liefert Schweine zu Zucht-zwecken.
Die im Schreibstuben- und Wirtschaftsdienst tätigen farbigen Arbeiter und Angestellten haben ihr eigenes Dorf mit Farmland zwischen dem Verwaltungshof und dem Kanuhafen.
Am Strand ist ein Hospital eingerichtet, dessen einziger Arzt der deutsche Siedlungsleiter selbst ist. Sauberkeit und Ordnung ist natürlich Pflicht im Regierungshof, a-ber auch im ganzen Ansiedlungsgebiet, einerseits na-türlich um Krankheiten zu vermeiden, andererseits we-gen der deutschen Ordnungsliebe, die nun auch schon von den mit in die Internierung gegangenen Kameru-nern in Jahrzehnten deutscher Herrschaft übernommen wurde.
Das nur zwei Deutsche als Internierte in einer fremden Kolonie 3000 Menschen führen können beim Aufbau eines solchen Siedlungswerkes ist nur möglich durch ei-ne enge Zusammenarbeit mit den Häuptlingen und den einfachen Menschen, die aus der Erfahrung mit der deutschen Verwaltung in Kamerun gerne mit der deut-schen Führung zusammenarbeiten. Der Jaunde Häupt-ling Karl Atangana, der zum Oberhäuptling der nicht mohammedanischen Häuptlingsschaft ernannt ist, ist auch Vorsitzender des Eingeborenen-Schiedsgerichts der nicht mohammedanischen Stämme. Bei seinem An-wesen befindet sich auch die Schule der Siedlung.
Atangana und 116 weitere Führer von Kameruner Volks-gruppen senden an den König von Spanien, Alfonso XIII, von der spanischen Insel Fernando Poo aus der Internie-rung eine Bittschrift in der steht:
»In Kamerun haben wir unsere Familien und unsere Güter zurückgelassen, in dem Vertrauen, daß wir eines Tages in unsere Heimat unter der Herrschaft der deut-schen Regierung zurückkehren werden, der wir treu bleiben und mit der uns Bande der Dankbarkeit ver-knüpfen. Wir alle, Stammeshäuptlinge sowohl wie ande-re Flüchtlinge, haben nur das eine Bestreben, nach Ka-merun unter der deutschen Herrschaft zurückzukeh-ren.«
Während der Versailler Konferenz 1919 wird Atangana nach Madrid gebracht, um zugunsten der deutschen Kolonialmacht auszusagen. Von den verlogenen Sieger-mächten, die bereits im Krieg die deutschen Kolonien unter sich aufgeteilt haben, wird ihm aber selbstver-ständlich nicht erlaubt auf ihrer Konferenz aufzutreten.
Erst nach Beendigung der Versailler Konferenz Ende Juni 1919, als im Vertrag von Versailles Kamerun als Mandatsgebiet des Völkerbundes Frankreich und Groß-britannien zugesprochen wird, ist das Exil auf Fernando Poo für die Kameruner und die restlichen verbliebenen Deutschen zu Ende. Die Kameruner kehren in ihre Hei-mat Kamerun zurück und die Deutschen haben Verbot wieder nach Kamerun zu gehen und müssen nach Deutschland zurückkehren.