Alle alltäglichen Gebrauchsartikel müssen nun in der Kolonie selbst gefertigt werden. Ohne einen industriel-len Hintergrund wie im Heimatland wird mit allen Mit-teln improvisiert, um doch brauchbare Gegenstände für die Bedürfnisse der weißen Bevölkerung herzustellen. Nur Artikel wie Uhren und Augengläser, für deren Ferti-gung Spezialisten und eine hochentwickelte Industrie notwendig sind, können mit den bescheidenen techni-schen Mitteln der Kolonie nicht hergestellt werden.
An Stoffen für die Bekleidung der schwarzen Bevölke-rung waren durch die Vorbereitung auf die Landesaus-stellung 1914 große Mengen in der Kolonie eingetroffen, werden aber gleich nach Kriegsbeginn hauptsächlich von den indischen Händlern gehortet und im Laufe der Jahre überteuert wieder verkauft. Für die Bekleidung der Europäer werden bald nach Kriegsbeginn auf An-ordnung des Gouverneurs mit im Lande gesponnenen Garn und gewebten Stoffen Versuche gemacht, die wi-der Erwarten gut ausfallen. Mit Ausnahme weniger Handspinnräder und Webstühle bei Indern gibt es in der Kolonie keine maschinelle Textilherstellung. Nur ein deutscher Laienbruder der Berliner Mission, ein Tischler, ist einigermaßen vertraut mit der Weberei und nun werden unter seiner Leitung mühselige und lang-wierige Versuche mit der Herstellung von Spinnrädern und Webstühlen unternommen. Schließlich können Spinnräder und Webstühle nach alter Art in den Hand-werkerschulen hergestellt und unter der Leitung von Regierungsbeamten in Betrieb genommen werden. Hauptsächlich Inder werden für den Betrieb der Hand-webstühle eingestellt und Schwarze, vielfach Schulkin-der, für die Spinnräder. Die schwarzen Arbeiter zeigen sich bald sehr geschickt im Bedienen der Gerätschaften. Eine Reihe staatlicher Textilherstellungsbetriebe wer-den mit den selbstgebauten Handwerksgeräten einge-richtet und produzieren Stoffe für den Bedarf der Kolo-nie.
Die Handweberei der Eingeborenen, die durch den Im-port von fertigen Stoffen fast ausgestorben war, wird wiederbelebt und bald können starke und brauchbare Stoffe gewebt werden, die auch zu Uniformen für die Truppe verarbeitet werden. Auch das Färben von Stoffen mit aus Rinden und Wurzeln gewonnenen Farbstoffen gelingt und ist besonders wichtig für das Färben der weißen Stoffe für die Militäruniformen in braun. Selbst Steppdecken mit Baumwollfüllung für Frauen und Kin-der werden in Handarbeit hergestellt. Doch Decken für die Schutztruppe können in großen Mengen nicht her-gestellt werden und der Mangel an Decken insbeson-dere in den Regenzeiten und in kalten Gebirgsregionen führt zu Erkrankungen und den Tod von Trägern.
Die Versorgung der Bevölkerung mit Kleidung kann mit handwerklichen Methoden nicht erreicht werden und so wird die Bekleidungslage immer dürftiger. Die mit der Marie im März 1916 eingetroffenen 15.000 Askari-uniformen, Europäerbekleidung und Stoffe sind trotz ih-rer Menge für den Bedarf der Kolonie nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Verlust von Gebieten der Kolo-nie seit März 1916 an die Gegner, wodurch auch textil-herstellende Betriebe verloren gehen, wirkt sich eben-falls ungünstig auf die Bekleidungslage aus.
Die unter Leitung eines Ingenieurs der Firma Krupp stehende Herstellung mechanischer Webstühle und Spinntechniken, und die Einrichtung ebensolcher me-chanisch arbeitender Betriebe, wird durch den feindli-chen Vormarsch in die Kolonie hinein verhindert.
Die Eingeborenen müssen notgedrungen von den schö-nen leichten importierten Stoffen zu den alten Lenden-schürzen und den harten Holzstoffen aus Baumrinde zurückgreifen. Die Regierung und die Schutztruppe ver-wendet schließlich beim Knappwerden von Bargeld die noch vorhandenen Reserven an Baumwollstoffen als Bezahlung und Belohnung für Schwarze im Dienste der Kolonie. Selbst für die Truppe, die durch den Buschkrieg einen enormen Verschleiß an Uniformen hat, wird sein Frühjahr 1917 der Bekleidungszustand immer schlechter und verbrauchte Militärbekleidung muß bis zum Kriegsende im November 1918 durch Uniform-Beute vom Gegner ersetzt werden.
Beim Schuhwerk fängt man erst an sich um Ersatz zu kümmern, als Schuhe und Stiefel knapp werden. Im Frieden war das Schuhzeug aus der Heimat mitgebracht worden oder wurde bei den in der Kolonie ansässigen europäischen Handelshäusern bestellt. Genug Schuh-macher, hauptsächlich unter den Goanesen und In-dern, gibt es in der Kolonie, doch ihnen fehlt der Roh-stoff für ihr Handwerk: Leder. Häute und Gerbstoffe gibt es im Überfluß, aber vom Beginn der Herstellung von Leder bis zum fertigen Schuh vergeht ein Jahr. Haupt-sächlich der Prozeß des Gerbens ist langwierig. So wer-den Gerbereien aus dem Boden gestampft und bei der Unerfahrenheit in der Verarbeitung von Häuten zu Leder wird natürlich auch manches Lehrgeld bezahlt. So entsteht ein Mangel an Schuhen und Stiefeln selbst bei der Armee, die natürlich vorrangig beliefert wird. Bei der Ankunft der Marie im März 1916 kann für die Schutztruppe und die weiße Bevölkerung das Problem gelöst werden, denn das Schiff hat große Mengen her-vorragender Stiefel aller Größen mitgebracht.
Ein anderes Problem der Fußbekleidung wird von den deutschen Frauen der Kolonie gelöst: Strümpfe. Insbe-sondere beim Marschieren sind Strümpfe in den Stie-feln für die Truppe unerläßlich. Durch den großen Vor-rat an indischer Wolle in der Kolonie haben die Strümp-fe strickenden Mädchen und Damen keinen Mangel an Rohmaterial für ihre Werke. Da die Inder mit künstli-chen Farbstoffen gefärbte Wolle importierten, sehen die Strümpfe auch entsprechend aus und färben beim Tragen stark ab. Die gewaltigen Marschleistungen der deutschen Truppen im Buschkrieg, insbesondere im Bewegungskrieg seit 1916, wären wohl ohne die Strümp-fe nicht zu bewältigen.
Die deutschen Frauen in der Kolonie richten Komitees ein für die verschiedenen Aufgaben, die sie bewältigen können. So werden die Lazarette von ihnen eingerich-tet. Weitere Arbeitsbereiche der Komitees sind die Hinterbliebenenfürsorge, das Sammeln von allen mögli-chen Gebrauchsutensilien für die Soldaten an der Front, die sogenannten »Liebesgaben«, die Anfertigung von Khakihemden für die Truppe und eben das Stricken von Strümpfen für die Soldaten. Stricken hatten die meisten Damen längst aufgegeben und nun wird zuerst mit selbstgefertigten Holznadeln gestrickt und dann mit Stahlnadeln, die von den Eisenbahnwerkstätten gelie-fert werden. Die Damen sammeln auch bedeutende Summen etwa für die Hinterbliebenenfürsorge.
Petroleum als Leuchtmittel und Benzin für die wenigen Motorfahrzeuge der Kolonie wurde im Frieden einge-führt und so wird alles Benzin bei Kriegsbeginn für die Fahrzeuge der Schutztruppe beschlagnahmt. Mitte 1916 gelingt es in Morogoro eine Anlage in Betrieb zu neh-men, die einen Petroleum- und Benzinersatz herstellt, dessen Namen »Treböl« von der Regierung unter Mar-kenschutz gestellt wird. Um Erfindungen in der Kolonie in der Kriegszeit für die spätere Anmeldung als Patent beim Reichspatentamt in Berlin zu schützen werden vom Gouverneur eingereichte Patente durch Verord-nung unter Schutz gestellt.
Ersatzreifen für die Kraftfahrzeuge aus Kautschuk er-weisen sich als haltbarer als die ursprünglichen Pneus. Als Leuchtmittelersatz werden in großen Mengen Ker-zen hergestellt. Bienenwachs wurde im Frieden expor-tiert und steht nun für die Kerzenherstellung zur Ver-fügung. Die Einheimischen greifen als Leuchtmittel auf Palmöl und Kokosöl zurück. Auch Seife kann mit den Rohstoffen der Kolonie in genügender Menge herge-stellt werden. Als das importierte Ätznatron für die Sei-fenfabriken der Friedenszeit in Daressalam zu Ende geht wird in mühseligen langen Märschen vom Natronsee im Bezirk Aruscha Ersatz herbeigeschafft. Die Einheimi-schen müssen allerdings wieder auf Reinigungsmittel zurückgreifen die sie vor der Einführung der Seife be-nutzten. Zahnbürsten werden aus Knochen und Borsten von Schweinen und Maultieren fabriziert. Gewaltige Mengen von Körben und Säcken aus Rindenstoffen und Gräsern werden hergestellt, hauptsächlich für die Trag-lasten der Trägerkolonnen.
Da die Mühlsteine für das Mahlen von Korn sich abnut-zen, nicht durch neue aus Europa ersetzt werden kön-nen und nur umständlich einige mit eigenen Mittel her-gestellt werden können, wird auf das üblich Stampfen des Korns im Mörser durch die schwarzen Frauen zu-rückgegriffen. Eine nicht zu umgehende zusätzliche Ar-beitsbelastung für die Frauen.
Die Eisenbahnwerkstätten sind ein technisches Rückrat der Kolonie und die größte Werkstattanlage Deutsch Ostafrikas ist die Kriegsmarinewerft in Daressalam. Es gibt nur sehr wenig technisches Fachpersonal in der Kolonie für den Aufbau der notwendigen Industrien für die Selbstversorgung, sodaß der Einsatz von etwa 400 Mann technischem Personal der durch den Krieg in Deutsch Ostafrika festliegenden Kriegs- und Handels-schiffe in der Armee und in der Wirtschaft eine große Bedeutung zukommt. Dieses Maschinenpersonal der Schiffe bildet dann auch weitere schwarze Kräfte in ihren Fachgebieten aus.
Ein weiteres Problem ist der schwindende Bestand an Münzgeld. Die Münzgeldprägung für Ostafrika erfolgt in Deutschland und so geht durch natürlichen Verlust, und hauptsächlich durch Hortung, immer mehr Münzgeld dem Geldkreislauf verloren. Leider hat man auch ver-säumt, die noch in Deutschland lagernden Hartgeldbe-stände für Ostafrika dem Blockadebrecher Marie mitzu-geben. Um der Geldknappheit ein Ende zu machen wer-den seit Ende 1915 in der Kolonie Banknoten gedruckt, und besonders auch viele kleinwertige Banknoten, um das Münzgeld damit ersetzen zu können. Die Notenpres-se arbeitet auf Hochtouren, kommt aber mit der Nach-frage nach Geld kaum nach, und auch die Papierqualität der Banknoten nimmt nach dem Ende der Friedensbe-stände an Papier ab. Dazu drucken die Briten die Noten nach, schmuggeln sie mit Dhaus über Sansibar ins Land, um die deutsche Wirtschaft zu unterminieren, was das Vertrauen der Schwarzen in das Papiergeld schwächt und, sie wenn möglich, nur noch Münzgeld und Stoffe als Bezahlung annehmen. Der Prozeß führt zu einer Inflation an der Küste und zur Rückkehr zum Tausch-handel. Zur Sicherung des neugedruckten Papiergeldes gegen Fälschung greift man zu einer ungewöhnlichen Methode: Bei der von Daressalam nach Tabora verleg-ten Deutsch-Ostafrikanischen Bank wird jede einzelne Banknote von je zwei Bankbevollmächtigten mit Tinte unterzeichnet, bis man ein Druckverfahren findet, das fälschungssicher scheint und bei dem die Unterschrif-ten gleich mitgedruckt werden.
Ein weiteres Problem sind die Inlandstämme, die noch kaum vom Tauschhandel zum Geldverkehr gekommen sind, und selbst Silbermünzen nur ungern annehmen. Ihnen Papiergeld, das sie meist noch gar nicht kennen, von den Aufkäufern von Lebensmitteln und Vieh anzu-bieten ist schlechterdings unmöglich. Durch die Kopf- und Hüttensteuer kommt zwar viel Münzgeld in die staatlichen Kassen, aber der Münzgeldbestand an sich verringert sich durch besagte Gründe.
Um dem Problem abzuhelfen, wird seit 1916 in einer mit selbstgefertigten Maschinen ausgestatteten Münze im Gebäude der Eisenbahnwerkstatt von Tabora Hartgeld hergestellt. Aus Messing werden über 1,6 Millionen 20-Hellerstücke und etwa 300.000 5-Hellerstücke geprägt und aus dem im Lande gewonnenen Gold werden Mün-zen im Wert von 15 Rupien hergestellt. Für diese 15-Rupien-Goldmünzen fertigte ein singhalesischer Gold-arbeiter aus Sansibar, »der besonders sorgfältig arbei-tete, wenn er unter Alkohol stand«, die Stempel an. Die wohlgelungene Ziselierung der Goldmünze zeigt auf der Vorderseite den Reichsadler und auf der Rückseite ei-nen trompetenden Elefanten vor dem Kilimandscharo. Zum Prägen dient eine kleine hydraulische Handpresse. Als diese schließlich ihren Dienst versagt, wird die Prä-gung in dem 25 km entfernten Lulanguru auf einer we-sentlich stärkeren Ölpresse fortgesetzt. Im abschließen-den Arbeitsschritt polieren die Münzarbeiter die Gold-stücke mit Messingbürsten in einem aus Früchten des tropischen Seifenbaumes hergestellten Seifenwasser auf Hochglanz. Die Prägeleistung liegt bei 200 Münzen am Tag. Gold für die Prägung von einer Million Münzen ist vorhanden. Die Münzen haben den besten Ruf und werden von den Regierungskassen nur an Deutsche ver-ausgabt, damit die Inder sie nicht in die Hände bekom-men und sie sofort als goldene Reserve aus dem Ge-schäftsverkehr ziehen.