Die Verwaltung, die Gerichtsbarkeit und das Polizeiwe-sen bleiben auch im Krieg vollständig unter der zivilen Verwaltung des Gouvernements. Und so auch die Ver-waltung und Rechtssprechung der Eingeborenen. Im Unterschied für die Eingeborenenbevölkerung zur Frie-denszeit ist die Schutztruppe, deren eigentliche Aufgabe ja die Niederschlagung von Eingeborenenaufständen war, an die Front abgezogen und die Polizei durch Abga-be ihrer besten Einheiten an die Schutztruppe stark ver-mindert. Das eingeborene Verwaltungspersonal, die far-bigen Beamten, stellen jetzt die hauptsächliche Verwal-tung unter der durch Einziehung zur Truppe stark ver-minderten Zahl deutscher Beamter. Trotzdem kann die Kopfsteuer und die Hüttensteuer weiterhin ohne Schwierigkeiten eingezogen werden und im Kriegsjahr 1915 kann sogar ein Rekord an Steuereinnahmen ver-zeichnet werden, ohne daß die Steuern erhöht wurden. Das alles bei gleichzeitig erhöhten Anforderungen an die schwarze Bevölkerung durch die Gestellung von Trä-gern für die Kriegswirtschaft und für die Versorgung der Fronttruppen.
Eine fundamentale Änderung für die Askaris ist nun die Tatsache, daß sie jetzt auch gegen Weiße eingesetzt wer-den. Ist der Weiße an sich unantastbar, so ist er jetzt so-gar, sofern er zu den feindlichen Truppen gehört, zu er-schießen. Dies gilt für alle farbigen Truppen der krieg-führenden Mächte und untergräbt eindeutig die Stel-lung des weißen Mannes in Afrika im Krieg der Weißen gegen die Weißen.
Die Einheimische Bevölkerung nutzt nicht etwa den Krieg gegen Deutschland für einen Aufstand in der Ko-lonie. Selbst ein passiver Widerstand der schwarzen Be-völkerung würde das schnelle Ende der deutschen Herr-schaft bedeuten. Trotz des Abzuges der Truppen an die Fronten bleibt es völlig ruhig im Land. Selbst die Poli-zeitruppe wird zur Schutztruppe eingezogen und kann nun nicht mehr für die innere Sicherheit herangezogen werden. Schnell ausgehobene »Knüppel-Polizisten«, bloß mit einem Knüppel bewaffnete Polizisten, ersetzen die gut ausgebildeten und bewaffneten Polizei-Askaris. Und nicht nur die Truppen gehen an die Front und las-sen das Land ohne die übliche innere Sicherung, auch ein großer Teil der deutschen Verwaltungskräfte wird zur Truppe eingezogen und steht nun auch nicht mehr für die Aufrechterhaltung der Herrschaft im Lande zur Verfügung.
Gleichzeitig werden durch den Krieg an die schwarze Zivilbevölkerung große Lasten für den Straßenbau und den Transport gestellt, und doch gibt es nicht einmal kleine Revolten der Eingeborenen. Die einzige Unruhe-quelle im Krieg sind die Inder, die die einheimische afri-kanische Bevölkerung übervorteilen und sie so zum Haßobjekt der Schwarzen werden und Ausschreitungen gegen die Inder vorkommen.
Noch 1910-12 erwarteten der damalige Kommandeur der Schutztruppe von Ostafrika, Oberstleutnant Freiherr Kurt von Schleinitz, und Oberstleutnant Kurt Johannes, der im Stab der Schutztruppe seinen Dienst tat – beide langjährige Truppenangehörige, die noch bei der Nie-derschlagung von Aufständen in der Kolonie dabei wa-ren – mit großer Wahrscheinlichkeit im Kriegsfall den Ausbruch umfangreicher Eingeborenenaufstände. Das zeigt, wie sehr sich seit der Amtsübernahme von Gou-verneur Albrecht von Rechenberg 1906 mit seiner den Eingeborenen freundlich gesonnenen Politik die Ein-stellung der farbigen Bevölkerung zur deutschen Herr-schaft gewandelt hat. So wird aus der Residentur Bukoba Mitte August 1914 die 7. Kompanie der Schutztruppe abgezogen, weil man die Residentur gegenüber den Eng-ländern im benachbarten britischen Uganda für militä-risch unhaltbar hält, und so ist nun die Residentur mili-tärisch völlig schutzlos. Resident Willibald von Stuemer stellt aus bewaffneten Eingeborenen an der Grenze zu Uganda und an der Küste des Viktoriasees einen Beo-bachtungs- und Nachrichtendienst auf. Mitte September besetzen dann britische Truppen den äußersten Norden der Residentur und schicken eingeborene Hilfskrieger aus Uganda weiter ins Land, um Vieh und Lebensmittel zu stehlen. Die geplünderte einheimische Bevölkerung wendet sich an die Residentur um Hilfe. Daraufhin erbit-tet Stuemer vom Gouverneur in Daressalam 400 Ge-wehre und 40.000 Patronen zur Bewaffnung von Hilfs-kriegern. Aus dem Depot der Schutztruppe in Tabora wird ihm die erbetene Bewaffnung zugeschickt und der Resident rüstet eine improvisierte einheimische Truppe damit aus, die aber auch erst einmal ausgebildet werden muß. Als Führer für diese Truppe hat er nichts anderes aufzubieten als elf Deutsche, die bei Trassierungsarbei-ten für die Ruandabahn beschäftigt sind. Die Ruanda-bahn ist im Bau und verläuft von Tabora, an der Mittel-landbahn gelegen, nach Ruanda. Ihre Strecke führt auch durch den Süden von Bukoba. Dort arbeiten die elf Män-ner beim Bahnbau und werden in der zweiten Septem-berhälfte von Stuemer für seine Einheimischentruppe eingezogen.
Mitte Oktober 1914 dringen die Briten weiter in die Resi-dentur vor und Stuemer ruft am 18. Oktober den Land-sturm auf, noch wehrfähige ältere deutsche Männer. Britische Hilfskrieger vom Stamme der Waranga aus Uganda fallen über die von den Briten besetzte Zone hinaus noch weiter in Bukoba ein und können trotz Gegenwehr der einheimischen farbigen Bewohner der Residentur 7000 Rinder abtreiben. Mitte November kommen dann Verbände der Schutztruppe nach Bukoba zurück und können die bis Anfang November noch wei-ter vorgedrungenen Briten aus der Residentur hinaus-werfen. Hätte bei der prekären Lage die einheimische Bevölkerung und die Sultane gegen die deutsche Herr-schaft gestanden, die nach dem Abzug der Schutztruppe Mitte August sachlich nicht mehr vorhanden war, wäre die Residentur sofort gefallen. Im Gegenteil wurde die einheimische Bevölkerung von deutscher Seite bewaf-fnet und kämpft freiwillig auf deutscher Seite gegen den von Norden eindringenden Feind.
So hält der deutsche Oberkommandierende in Ostafri-ka, Paul von Lettow-Vorbeck, auch die beiden Residentu-ren im äußersten Nordwesten von Deutsch Ostafrika für militärisch unhaltbar und zieht bei Kriegsbeginn die Schutztruppenverbände aus Ruanda und Urundi ab. Der deutsche Befehlshaber in Ruanda, Hauptmann Max Wintgens, sieht die Lage anders und stellt aus der afri-kanischen Polizei in Ruanda eine Truppe von 80 Mann auf, mit der er sogar zum Angriff auf Belgisch Kongo ansetzt und die Insel Idschwi im Kiwu-See besetzt. Mit den dabei erbeuteten belgischen Waffen wird ein weite-rer Verband aus 100 Mann einheimischer Soldaten aus-gerüstet. Afrikanische Hilfskrieger werden rekrutiert und im Schnellverfahren zu Soldaten ausgebildet. Auch der König von Ruanda, Yuhi V. Musinga, zieht die Uni-form der deutschen Schutztruppe an und unterstützt die Verteidigung seiner Heimat gegen die Angriffe der Bri-ten und Belgier. Er stellt auch Krieger unter das Kom-mando des deutschen Befehlshabers. Zusätzlich melden sich Afrikaner freiwillig für den Dienst als Soldaten un-ter deutschem Kommando. Mit diesem zusammenge-würfelten Verband kann lange Zeit Ruanda und Urundi gehalten werden. Im Mai 1916 muß dann aber gegen die belgisch-britische Übermacht Ruanda geräumt werden. Auf einen militärischen Widerstand in Urundi ver-zichtet daraufhin die deutsche Führung und im Juni 1916 wird auch Urundi von den Belgiern besetzt. Die belgi-schen Kolonialtruppen machen sich in diesen und den noch darüber hinaus besetzten Gebieten Plünderungen, Vergewaltigungen und einer Vielzahl anderer Verbre-chen an der Zivilbevölkerung schuldig.
Es ist offensichtlich, daß die einheimische Bevölkerung in Deutsch Ostafrika mit der deutschen Herrschaft zu-frieden ist und sie durch ihre gewaltige Arbeitsleistung im Krieg unterstützt. Die über das Maß beanspruchten deutschen Truppen, die ja ihrerseits zu 90 % aus einhei-mischen Soldaten bestehen, hätten bei der tatsächli-chen Unterlegenheit von 10 : 1 gegen die Feindtruppen nicht jahrelang Krieg führen können, ohne die freiwil-lige Unterstützung der millionenstarken schwarzen Be-völkerung in Deutsch Ostafrika. Auch melden sich wäh-rend des Krieges immer genug Freiwillige für die Schutztruppe, um die personelle Kampfkraft der deut-schen Streitkräfte zu erhalten. Es könnten aus den Frei-willigen noch mehr Truppen aufgestellt werden, aber der Mangel an Waffen verhindert eine weitere Vergrö-ßerung der Askaritruppe. Selbst die Araber, die Feinde der Deutschen in den Kämpfen Ende der 1880er Jahre um die Vorherrschaft in Ostafrika, stellen ein mehrere hundert Mann starkes Freiwilligenkorps. Militärisch sind die Araber aber untauglich und der Verband wird nach einiger Zeit wieder aufgelöst, politisch aber hat der arabische Freiwilligenverband seine Wirkung bei der schwarzen Bevölkerung, deren alten Leute sich noch an den Haß der Araber auf die Deutschen erinnern können.
Im Gegensatz zur Loyalität der Bevölkerung zur deut-schen Herrschaft brechen in den Nachbarkolonien von Deutsch Ostafrika im Krieg Unruhen und Aufstände aus, die mit militärischer Gewalt niedergeschlagen werden. So 1915 im britischen Protektorat Njassaland. Ein auf-ständischer Häuptling in Njassaland bittet den Gouver-neur von Deutsch Ostafrika um Hilfe gegen die Englän-der, aber es kann keine Hilfe geschickt werden. Meh-rere Unruhen und Aufstände brechen in Belgisch Kongo und in Portugiesisch Ostafrika aus. Auch die Mawia bit-ten um deutsche Unterstützung bei ihrem Aufstand Mit-te 1917 in Portugiesisch Ostafrika und auch ihnen kann nicht geholfen werden.