Deutsch Ostafrika hat trotz des Maji-Maji-Aufstandes von 1905 1914 im Verhältnis zur Zahl der farbigen Bevöl-kerung weit weniger Soldaten als die Nachbarkolonien der Engländer, Belgier und Portugiesen. Die Deutschen können sich rühmen eine sicherere Kolonie zu besitzen und mehr Vertrauen in die einheimische Bevölkerung zu haben als die anderen Kolonialnationen in Raum von Ost- und Zentralafrika. Bestätigt wird dies nach Kriegs-ausbruch als die deutsche militärische Präsenz in der Kolonie noch stark vermindert wird, durch den Abzug der Truppen an die Fronten, ohne daß es auch nur im geringsten zu Unruhen kommt, während in den Nach-barkolonien im Laufe des Krieges Aufstände ausbre-chen. Beträgt die Stärke der Schutztruppe in Deutsch Ostafrika 1914 2750 Mann bei etwa 9 Millionen Einwoh-nern stehen in Belgisch Kongo bei 8 bis 9 Millionen Ein-wohnern 15.000 Mann Truppen.
Auf einem Inspektionsmarsch von der Heliographen-station Kidodi nach Kilossa an der Zentralbahn erreicht den Schutztruppenkommandeur Paul von Lettow-Vor-beck am 1. August 1914 ein Eilbote mit einem Telegramm des Gouverneurs sofort nach Daressalam zu kommen. Von Kilossa ab reist Lettow auf einem Güterzug in die Hauptstadt. Am Abend des 3. August trifft er Daressalam ein, wo er von den Mobilmachungen in Europa und in der Kolonie erfährt. Gouverneur Schnee hatte am Mor-gen des 2. August aus Nauen die Funknachricht erhal-ten: »2. August, erster Mobilmachungstag.« und hatte sogleich auch die Mobilmachung in der Kolonie verfügt. Lettow-Vorbeck kommt in einen aufgescheuchten Bie-nenschwarm von Siedlern, Geschäftsleuten und Besu-chern der Landesausstellung – für deren Eröffnung die letzten Vorbereitungsarbeiten laufen – , die allesamt die Behörden belagern, was zu tun sei und was weiter ge-schehen wird. Am 5. August morgens um 6 Uhr 15 wird in Daressalam von der Großfunkstelle Windhuk in Südwestafrika der Funkspruch aufgenommen: »England erklärte am 4. August an Deutschland den Krieg«.
Deutsch Ostafrika ist überhaupt nicht auf einen Krieg gegen äußere Feinde vorbereitet, da von der politischen Führung niemand ernsthaft eine solche Möglichkeit eingerechnet hat. In der 1912 erstellten Denkschrift über einen Krieg der Kolonie mit England wird von einer so-fortigen Aufgabe der als unhaltbar angesehenen Küste und ihren Städten ausgegangen und hinhaltender Widerstand im Landesinneren vorgesehen. Diese Denk-schrift war noch vom vormaligen Schutztruppenkom-mandeur Oberstleutnant Freiherr von Schleinitz ent-worfen und vom damaligen Gouverneur Freiherr von Rechenberg und dem Reichskolonialamt gebilligt wor-den. Dazu kommt, daß die weit im Land verstreuten Kompanien der Schutztruppe nie in größeren Verbän-den von mehreren Kompanien Manöver abgehalten ha-ben, um gegen Gegner europäischen Formats antreten zu können, dafür sind sie eben nicht ausgebildet. Wie in allen anderen deutschen Kolonien, bis auf den Marine-stützpunkt Tsingtau, gibt es keinerlei Befestigungen an den Küsten zum militärischen Schutz von Seeseite und die Forts im Inland sind – wie in allen anderen Schutz-gebieten – ausschließlich zur Sicherung gegen Auf-stände konzipiert.
Als im Januar 1914 der neue Kommandeur der ostafri-kanischen Schutztruppe, Oberstleutnant Paul von Let-tow-Vorbeck, ein erfahrener Kolonialsoldat, in Deutsch Ostafrika eintrifft geht er auf Reisen ins Land, um sein neues Betätigungsfeld kennenzulernen. In den Bergen im Norden der Kolonie, der am dichtesten mit deut-schen Siedlern besetzten Gegend, findet er von ehema-ligen Offizieren, nun Farmer, ein 1913 aufgestelltes frei-williges Schützenkorps, dem alle wehrfähigen Männer angehören und sieht sehr wohl die Möglichkeit gleich zu Beginn eines Krieges sofort offensiv mit der Schutz-truppe gegen einen Gegner vorzugehen, in der alten Weisheit: Angriff ist die beste Verteidigung. Lettow-Vorbeck macht dem Gouvernement entsprechende Vor-schläge, der Verwaltungsbeamte Heinrich Schnee aber bleibt bei der mit dem Reichskolonialamt abgestim-mten Denkschrift von 1912, was bei Kriegsbeginn zu schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten zwi-schen Gouverneur Schnee und dem Kommandeur der Schutztruppe führt, bis sich Lettow-Vorbeck mit seiner Kriegsstrategie durchsetzt. Besonders der große Sieg in der Schlacht von Tanga im November 1914, in der die gelandeten britischen Truppen vernichtend geschlagen werden, hebt die Moral in der Kolonie gewaltig und sichert Lettow-Vorbecks militärische Führungsrolle, der verwaltungstechnisch dem Gouverneur untersteht, aber seine Erfolge machen ihn unabhängig, wenn auch bis zum Kriegsende die Mißhelligkeiten zwischen Let-tow und Schnee andauern.
Lettow-Vorbeck: »Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen und 2540 Askari. Dazu kam später die Besatzung der Königsberg mit 322 Mann und der Möwe mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Laufe des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 12.000 Askari.
In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz-, Sanitätspersonal, Maga-zinbeamte, Besatzung der Etappenlinien, Verpflegungs-posten, Rekrutendepots, Küstenschutz, Relais usw. Eine große Zahl muß also in Abzug gebracht werden, wenn man auf die tatsächliche Gefechtsstärke kommen will.«
Aus militärischer Notwendigkeit schafft Lettow-Vorbeck als der Kommandeur der Schutztruppe in Ostafrika die erste rassisch integrierte Armee der Welt. Auch da-durch kann er seine zu über 90% afrikanische Truppe zu seinen Erfolgen gegen eine zehnfache Übermacht füh-ren und den ganzen Ersten Weltkrieg über mit seinem deutsch-afrikanischen Truppenverband ungeschlagen bleiben. Und die Masse der Afrikaner in dieser deut-schen Kolonialarmee kann in den Wirren und Strapa-zen des jahrelangen Krieges desertieren, aber sie bleibt bei der Truppe.
Die einheimischen Truppen der deutschen Militär-macht stehen ganz eindeutig auf deutscher Seite, was an einfachen Kriegsregeln für Söldnertruppen ablesbar ist. Mit unsicheren Söldnertruppen wird nicht nachts mar-schiert und auch nicht in Wäldern kampiert, wegen der Gefahr der Desertion der Söldner. Mit ihren Askaris ist die deutsche Truppenführung durch die Kriegsereignis-se seit Mitte 1916 gezwungen ständig auf Nachtmär-schen zu sein und im Busch zu kampieren, ohne daß ungewöhnliche Zahlen an Desertionen vorkommen. Das zeigt die hohe Moral der farbigen Truppen unter deut-schem Kommando. Es wäre der Eingeborenentruppen, die natürlich auch Ziel feindlicher Propaganda sind und oft fern ihrer Heimat kämpfen müssen, ein leichtes unter den Kriegsverhältnissen zu desertieren oder ihre Waffen gegen ihre Kommandeure zu wenden.
Ebenso sind die Trägerkolonnen im Land nur unter ein-heimischer Führung und Aufsicht unterwegs und könn-ten leicht flüchten, wenn sie wollten. Die deutsche Trup-penführung hätte keine Soldaten zur Verfügung die Trägerkolonnen zu bewachen. Nur in den Kampfzonen werden schließlich Träger auch von deutscher Seite zwangsweise ausgehoben und zum Teil an Ketten zum Trägerdienst gezwungen.
Träger ist aber auf deutscher Seite nicht gleich Träger. Die Kompanieträger, die schon zu Friedenszeiten Be-standteil der Schutztruppenkompanien waren, sind in die militärische Organisation eingebunden, überneh-men Wachen und Aufklärungen und können im Verlauf des Krieges Askari werden. Sie erhalten Sold und eine medizinische Grundversorgung.
Im Steppengebiet im Nordosten der Kolonie kommt es bei Kriegsbeginn zu Einfällen von Massai aus Britisch Ostafrika ins deutsche Gebiet zum Viehraub. Die einhei-mischen Wassukuma bekämpfen ihre Feinde und legen vor einer deutschen Polizeistation 96 abgeschnittene Massaiköpfe nieder.
An allen Fronten kann die deutsche Schutztruppe er-folgreich die Front halten und steht selbst im Süden von Britisch Ostafrika, von wo aus beständig die Ugandabahn geschädigt wird durch Stoßtruppunternehmen durch die weite Steppenlandschaft bis zur Bahnlinie mit Spren-gungen der Gleise und von Zügen.
Mit Beginn der alliierten Großoffensive gegen Deutsch Ostafrika im März 1916 dringen feindliche Truppen mit überwältigenden Kräften in den Norden der Kolonie ein. Im April 1916, bei der Bedrohung der Mittellandbahn durch den Gegner, geht Gouverneur Schnee von Tabora, welches im Krieg zur Hauptstadt der Kolonie geworden ist, nach Morogoro und im August von Morogoro zur Truppe. Tabora wird am 18. September 1916 von den Belgiern besetzt. Die schwarzen Truppen der Belgier haben auf ihrem Durchzug durch den Osten Deutsch Ostafrikas bereits mit rauben, plündern, vergewaltigen und morden die schwarze Bevölkerung der deutschen Kolonie überfallen und tun das nun auch ausgiebig in Tabora, ohne von ihren belgischen weißen Offizieren daran gehindert zu werden.
Bis zum Ende der Offensive im September 1916 erobern die beiden gegnerischen Kolonialmächte Belgien und England im Laufe der Monate etwa 80 % der Fläche der deutschen Kolonie mit 90 % der farbigen Einwohner-schaft. Trotzdem kann die deutsche Truppe weiter kriegsbereit gehalten werden. Der unter deutscher Ver-waltung verbliebene Teil ist dünn besiedelt und wegen der Verbreitung der Tsetsefliege ohne Viehbestand. Die-se Gegenden sind arm an Nahrungsmitteln, stark bewal-det und von Sümpfen durchzogen. Dazu sind sie weit we-niger von Weißen besiedelt als der Norden und ent-sprechend fehlen Werkstätten und sonstige technische Hilfsmittel wie sie im Norden, bei der dortigen teilweise dichten deutschen Besiedlung, vorhanden sind. Da-durch geht auch die im Krieg hauptsächlich im Norden aufgebaute wirtschaftliche Produktion verloren und kann im Süden nur sehr beschränkt wiederhergestellt werden.
Die von den Truppen nach Süden mitgeführten 20.000 Stück Vieh sind nach zwei Monaten geschlachtet oder an der von der Tsetse übertragenen Krankheit einge-gangen. Für die Fleischbeschaffung hat der Gouver-neur die Tierschutzgesetze der Kolonie aufgehoben, auf daß die Truppe die zum Teil reichen Wildtierbestände zur Fleischgewinnung jagen und als Trockenfleisch in tierarme Gegenden liefern kann.
Für das Backen von Brot wird immer mehr auf Mehl aus einheimischen Körnerfrüchten zurückgegriffen. Als Kaffeeersatz wird ein brauchbarer Malzkaffee aus Mais oder Mtama hergestellt. Auch eine einheimische Boh-nenart erweist sich als ein geeigneter Ersatzkaffee. Salz wird nach dem Verlust der Saline Gottorp aus Salz-wasser des Indischen Ozeans gewonnen. Die Fettgewin-nung wird ergänzt durch den Abschuß von Flußpferden und Elefanten. Bei der Elefantenjagd wird der Stabsarzt Dr. Neubert der Schutztruppe von einem Elefanten mit einem seiner Stoßzähne durchbohrt und getötet. Diese Jagden auf Elefanten sind besonders in der Regenzeit im dann im Süden aufschießenden hohen Gras mit seinen Juckbohnen, die langandauerndes heftiges Jucken ver-ursachen, wahrlich keine Jagdsafaris mehr wie zu Frie-denszeiten, sondern notwendige Fleischversorgung. Selbst ehemalige Großwildjäger sind an diesen Jagden nicht interessiert.
Die Kämpfe zwischen den britischen und den deutschen Truppen in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 und 1917 in Deutsch Ostafrika bringen für die betroffene einhei-mische Bevölkerung in den Kampfgebieten hauptsäch-lich im Süden der Kolonie schwere Opfer mit sich, weil beide kriegführenden Parteien über die Maßen Anfor-derungen an Träger, Arbeitskräfte und Lebensmittel stellen, wo in vielen dieser Gebiete selbst in Friedens-zeiten aufgrund der ungünstigen allgemeinen Bedin-gungen – Buschland ohne Viehhaltung – schon kein Überfluß herrscht.
Bis zum Oktober 1916 geht der Norden und die Küste der Kolonie verloren. Die sehr starken Regenfälle in der Regenzeit 1916/17 im Süden bringen eine ausreichende Ernte für die Bevölkerung und die Truppe, aber 1917 verringert sich der unter deutscher Herrschaft stehen-de Raum in der Kolonie durch das Vordringen der gegnerischen Streitkräfte beständig.
Im April 1917 dringt eine Abteilung der Schutztruppe in die portugiesische Kolonie Mosambik im Süden von Deutsch Ostafrika ein und wird in Portugiesisch Ostafri-ka von der schwarzen Bevölkerung als Befreier von der portugiesischen Herrschaft begrüßt. Da Nordmosambik sowieso vertraglich Deutschland zugesprochen ist, han-delt es sich also eigentlich mehr um eine Übernahme, denn um eine Besetzung des nördlichen Mosambik. Das Ziel des Einmarsches in Mosambik im April 1917 ist die Erkundung des Landes und die Erbeutung von Verpfle-gung und Ausrüstung von den Portugiesen. Mit dem Einmarsch der gesamten deutschen Schutztruppe nach Mosambik Ende November 1917 wird auch gleichzeitig der noch deutsch-verwaltete Teil Deutsch Ostafrikas im Süden der Kolonie vor der zehn bis zwanzigfachen feind-lichen Übermacht aufgegeben.
Zu dieser Zeit bekommt Lettow-Vorbeck Unterstützung vom deutschen Handelskreuzer Wolf. Das zum Kriegs-schiff umgebaute Handelsschiff kapert vor Südafrika den aus New York kommenden Segler John H. Kirby. Der Frachtsegler hat große Mengen Lebensmittel und auch 270 Automobile für die alliierten Truppen in Ostafrika an Bord. Am 1. Dezember 1917 wird die Kirby von der Wolf versenkt.
Ende November 1917 tritt die ganze Schutztruppe nach Mosambik über, um sich durch die Eroberung von Stütz-punkten der portugiesischen Kolonialarmee die nötigen Waffen, die Munition und Lebensmittel zu verschaffen für die weitere Erhaltung ihrer Kampfkraft. Schließlich dringt die Schutztruppe nach dem Durchzug durch den Südwesten von Deutsch Ostafrika im September/Okto-ber 1918 am 1. November in das britische Protektorat Nordrhodesien ein. Lettow-Vorbeck macht sich auf den Weg nach Katanga in Belgisch Kongo, von wo er mit seiner Truppe weiter in die portugiesische Kolonie Angola marschieren will. Am 9. November nimmt die Truppe Kasama, 200 Kilometer südlich der Grenze von Deutsch Ostafrika. Lettow-Vorbeck: »Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen [Ochsenwagen] wurden erbeutet. Recht erheblich war die Beute an Europäerverpflegung.
…
Drei Tagemärsche weiter, den Telefondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in Kasama eingetroffen, und dieser mar-schierte mit 2 Kompagnien sogleich weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.« Der Chambesi-Fährüber-gang ist auch gleichzeitig in Marschrichtung Angola. Am 13. November trifft die Abteilung Spangenberg an der Chambesi-Fähre ein. »Übergänge über den Cham-besifluß zu erkunden« für »einen gesicherten Uferwech-sel«: »Diese Frage war brennend, da die Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevor-stand. Stärkere Gewitter setzten bereits ein.«
Am 13. November 1918 erfährt Lettow-Vorbeck vom Waffenstillstand in Europa, der am 11. November be-gann. Am 25. November 1918 legt die deutsche Schutz-truppe laut Waffenstillstandsvereinbarung die Waffen nieder. Von Nordrhodesien wird die noch etwa 1300 Mann starke Truppe erst nach Kigoma in Deutsch Ostafrika verlegt und dann im Dezember mit der Bahn nach Daressalam abgefahren. Lettow-Vorbeck über die Zugfahrt: »In Tabora waren eine Menge Deutsche auf dem Bahnhof. Sie beklagten sich über die Räubereien durch die Belgier und die Engländer. – In Morogoro war das Eintreffen des Zuges den Deutschen bekanntge-geben. Nachmittags auf dem Bahnhof trafen wir die deutschen Frauen wieder, die wir hier vor zwei Jahren zurückgelassen hatten. Sie bewirteten uns festlich, und ein großes Fragen ging nach ihren Männern und Freunden. Manch einer mußten wir über den Tod ihres Mannes Genaues erzählen. Auch sie, unsere deutschen Frauen, hatten schwere Zeiten hinter sich, und deren, die ihre Männer lebend und gesund wiedersahen, waren wenige.«