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Einleitung I

Wie alle deutsche Kolonien, bis natürlich auf die Mari-nebasis Tsingtau, ist auch die größte deutsche Kolonie, Deutsch Ostafrika, nicht auf einen Krieg vorbereitet. Die Verhältnisse gestatten es dann aber das Schutzgebiet lange Zeit feindfrei zu halten und durch die Umstellung der Wirtschaft eine Eigenversorgung der Kolonie zu er-reichen, die bei einem siegreichen Ausgang des Krieges für Deutschland bedeutende Auswirkungen nicht nur auf Deutsch Ostafrika selbst, sondern auf alle deutschen Kolonien gehabt hätte.

1917, dem Jahr bis zu dem Gebiete Deutsch Ostafrikas in deutscher Verwaltung bleiben und das anschließende Nordmosambik durch deutsche Kolonialtruppen besetzt wird, ist England durch den deutschen U-Bootkrieg und dem dadurch bewirkten Zusammenbrechen seiner Versorgung über See, beinahe zur Kapitulation vor Deutschland gezwungen.

Der damalige britische Premierminister David Lloyd George sagt nach dem Krieg: »Hätten die Deutschen die Kraft ihrer Unterseeboote etwas eher auszunutzen be-gonnen, wer weiß, ob das britische Reich heute noch be-stünde?«

Winston Churchill: »Darf ich es sagen? Wir sind nur eben so durchgekommen. Unser Erfolg hing an einem kleinen, dünnen, gefährdeten Faden. Nur ein wenig mehr U-Bootskrieg und der Hunger hätte uns alle zur unbedingten Über­gabe gezwungen.«

Nach dem Ende Englands wären Frankreich und Ruß-land gefallen und der Krieg siegreich für Deutschland ausgegangen. Die erstaunlichen Erfahrungen der Kriegswirtschaft in Deutsch Ostafrika hätten sofort für die friedliche Weiterentwicklung in Ostafrika, als auch in den anderen Kolonien, genutzt werden können.

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Ergebnisse der Kriegswirtschaft in Deutsch Ostafrika bei einem deutschen Sieg

Gouverneur Heinrich Schnee hat im Juli 1916 in einer Rede gesagt:

„Alles Notwendige gewinnen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materialien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in unserem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat bezweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbi-gen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Verlegenheit geraten können und wir uns ausreichend Ersatz auch für solche Gegenstände, die wir früher von außen bezogen haben, hier beschaffen kön-nen.“


Nach einem für Deutschland siegreichen Krieg müssen natürlich die neuen Straßen, die im Krieg in Deutsch Ostafrika angelegt wurden, für den Lastwagenverkehr bereit gemacht werden, was hauptsächlich Brückenbau heißt, wegen der viel höheren Gewichtsbelastung durch die LKWs als bei den Trägerkolonnen. Durch den Krieg bedingt wird der Lastwagen bereits in großen Zahlen hergestellt und wird nach dem Krieg auch in den deut-schen Kolonien schnell zur Verfügung stehen.     

Tsetsefreie Viehställe für die Versorgung mit Milch ha-ben sich ausgezeichnet bewährt und werden nach dem gewonnenen Krieg in der Kolonie schnell verbreitet sein. Auch die Fleischversorgung der Städte wird im Lande geschehen, und nicht mehr durch Import, durch die tsetsesicheren Viehwaggons der Bahn.

Besonders die zahlreichen Entdeckungen an Pflanzen für die Ernährung und Rohstoffversorgung sind ein Ge-winn. Obst, Getreide, Knollenfrüchte, Gemüse, die vor dem Krieg der weißen Bevölkerung gänzlich unbekannt waren, können nun angebaut werden und ihre Verar-beitung ist jetzt auch bekannt. Auch kann man sie aus ihren ursprünglichen Herkunftsgebieten nun in allen den Pflanzen zuträglichen Lebensräumen anbauen wie natürlich auch in anderen Kolonien mit den entspre-chenden Anbaubedingungen für die Pflanzen. Durch die Vielfalt der nun bekannten Nutzpflanzen kann die Er-nährung von Schwarz und Weiß wesentlich verbessert und gesünder gestaltet werden. Medizinisch nutzbare Pflanzen und ihre Extrakte sind gefunden und können als Heilmittel, Mundwasser, Zahnpasta und Rasierseife hergestellt werden.

Das heißt für Deutsch Ostafrika, daß der Import, haupt-sächlich auch von Lebensmitteln, stark reduziert wer-den kann, während der Export von neuen landwirt-schaftlichen Produkten beginnen kann. Für den sowieso schon ständig gestiegenen Export der Kolonie werden goldene Zeiten anstehen; also auch ein entsprechend weiterer Ausbau der Infrastruktur und eine weitere Steigerung von sozialen Leistungen für die Bevölkerung sind durch die sich ständig verbessernde finanzielle Lage von Deutsch Ostafrika abzusehen.

Die Übernahme der wirtschaftlichen Kriegserfahrungen in Deutsch Ostafrika auf die anderen deutschen Kolo-nien wird auch deren wirtschaftliche und soziale Basis entsprechend verbessern.          

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Der Krieg

Deutsch Ostafrika hat trotz des Maji-Maji-Aufstandes von 1905 1914 im Verhältnis zur Zahl der farbigen Bevöl-kerung weit weniger Soldaten als die Nachbarkolonien der Engländer, Belgier und Portugiesen. Die Deutschen können sich rühmen eine sicherere Kolonie zu besitzen und mehr Vertrauen in die einheimische Bevölkerung zu haben als die anderen Kolonialnationen in Raum von Ost- und Zentralafrika. Bestätigt wird dies nach Kriegs-ausbruch als die deutsche militärische Präsenz in der Kolonie noch stark vermindert wird, durch den Abzug der Truppen an die Fronten, ohne daß es auch nur im geringsten zu Unruhen kommt, während in den Nach-barkolonien im Laufe des Krieges Aufstände ausbre-chen. Beträgt die Stärke der Schutztruppe in Deutsch Ostafrika 1914 2750 Mann bei etwa 9 Millionen Einwoh-nern stehen in Belgisch Kongo bei 8 bis 9 Millionen Ein-wohnern 15.000 Mann Truppen.


Auf einem Inspektionsmarsch von der Heliographen-station Kidodi nach Kilossa an der Zentralbahn erreicht den Schutztruppenkommandeur Paul von Lettow-Vor-beck am 1. August 1914 ein Eilbote mit einem Telegramm des Gouverneurs sofort nach Daressalam zu kommen. Von Kilossa ab reist Lettow auf einem Güterzug in die Hauptstadt. Am Abend des 3. August trifft er Daressalam ein, wo er von den Mobilmachungen in Europa und in der Kolonie erfährt. Gouverneur Schnee hatte am Mor-gen des 2. August aus Nauen die Funknachricht erhal-ten: »2. August, erster Mobilmachungstag.« und hatte sogleich auch die Mobilmachung in der Kolonie verfügt. Lettow-Vorbeck kommt in einen aufgescheuchten Bie-nenschwarm von Siedlern, Geschäftsleuten und Besu-chern der Landesausstellung – für deren Eröffnung die letzten Vorbereitungsarbeiten laufen – , die allesamt die Behörden belagern, was zu tun sei und was weiter ge-schehen wird. Am 5. August morgens um 6 Uhr 15 wird in Daressalam von der Großfunkstelle Windhuk in Südwestafrika der Funkspruch aufgenommen: »England erklärte am 4. August an Deutschland den Krieg«.        

Deutsch Ostafrika ist überhaupt nicht auf einen Krieg gegen äußere Feinde vorbereitet, da von der politischen Führung niemand ernsthaft eine solche Möglichkeit eingerechnet hat. In der 1912 erstellten Denkschrift über einen Krieg der Kolonie mit England wird von einer so-fortigen Aufgabe der als unhaltbar angesehenen Küste und ihren Städten ausgegangen und hinhaltender Widerstand im Landesinneren vorgesehen. Diese Denk-schrift war noch vom vormaligen Schutztruppenkom-mandeur Oberstleutnant Freiherr von Schleinitz ent-worfen und vom damaligen Gouverneur Freiherr von Rechenberg und dem Reichskolonialamt gebilligt wor-den. Dazu kommt, daß die weit im Land verstreuten Kompanien der Schutztruppe nie in größeren Verbän-den von mehreren Kompanien Manöver abgehalten ha-ben, um gegen Gegner europäischen Formats antreten zu können, dafür sind sie eben nicht ausgebildet. Wie in allen anderen deutschen Kolonien, bis auf den Marine-stützpunkt Tsingtau, gibt es keinerlei Befestigungen an den Küsten zum militärischen Schutz von Seeseite und die Forts im Inland sind – wie in allen anderen Schutz-gebieten – ausschließlich zur Sicherung gegen Auf-stände konzipiert.

Als im Januar 1914 der neue Kommandeur der ostafri-kanischen Schutztruppe, Oberstleutnant Paul von Let-tow-Vorbeck, ein erfahrener Kolonialsoldat, in Deutsch Ostafrika eintrifft geht er auf Reisen ins Land, um sein neues Betätigungsfeld kennenzulernen. In den Bergen im Norden der Kolonie, der am dichtesten mit deut-schen Siedlern besetzten Gegend, findet er von ehema-ligen Offizieren, nun Farmer, ein 1913 aufgestelltes frei-williges Schützenkorps, dem alle wehrfähigen Männer angehören und sieht sehr wohl die Möglichkeit gleich zu Beginn eines Krieges sofort offensiv mit der Schutz-truppe gegen einen Gegner vorzugehen, in der alten Weisheit: Angriff ist die beste Verteidigung. Lettow-Vorbeck macht dem Gouvernement entsprechende Vor-schläge, der Verwaltungsbeamte Heinrich Schnee aber bleibt bei der mit dem Reichskolonialamt abgestim-mten Denkschrift von 1912, was bei Kriegsbeginn zu schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten zwi-schen Gouverneur Schnee und dem Kommandeur der Schutztruppe führt, bis sich Lettow-Vorbeck mit seiner Kriegsstrategie durchsetzt. Besonders der große Sieg in der Schlacht von Tanga im November 1914, in der die gelandeten britischen Truppen vernichtend geschlagen werden, hebt die Moral in der Kolonie gewaltig und sichert Lettow-Vorbecks militärische Führungsrolle, der verwaltungstechnisch dem Gouverneur untersteht, aber seine Erfolge machen ihn unabhängig, wenn auch bis zum Kriegsende die Mißhelligkeiten zwischen Let-tow und Schnee andauern.

Lettow-Vorbeck: »Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen und 2540 Askari. Dazu kam später die Besatzung der Königsberg mit 322 Mann und der Möwe mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Laufe des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 12.000 Askari.

In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz-, Sanitätspersonal, Maga-zinbeamte, Besatzung der Etappenlinien, Verpflegungs-posten, Rekrutendepots, Küstenschutz, Relais usw. Eine große Zahl muß also in Abzug gebracht werden, wenn man auf die tatsächliche Gefechtsstärke kommen will.«

Aus militärischer Notwendigkeit schafft Lettow-Vorbeck als der Kommandeur der Schutztruppe in Ostafrika die erste rassisch integrierte Armee der Welt. Auch da-durch kann er seine zu über 90% afrikanische Truppe zu seinen Erfolgen gegen eine zehnfache Übermacht füh-ren und den ganzen Ersten Weltkrieg über mit seinem deutsch-afrikanischen Truppenverband ungeschlagen bleiben. Und die Masse der Afrikaner in dieser deut-schen Kolonialarmee kann in den Wirren und Strapa-zen des jahrelangen Krieges desertieren, aber sie bleibt bei der Truppe.


Die einheimischen Truppen der deutschen Militär-macht stehen ganz eindeutig auf deutscher Seite, was an einfachen Kriegsregeln für Söldnertruppen ablesbar ist. Mit unsicheren Söldnertruppen wird nicht nachts mar-schiert und auch nicht in Wäldern kampiert, wegen der Gefahr der Desertion der Söldner. Mit ihren Askaris ist die deutsche Truppenführung durch die Kriegsereignis-se seit Mitte 1916 gezwungen ständig auf Nachtmär-schen zu sein und im Busch zu kampieren, ohne daß ungewöhnliche Zahlen an Desertionen vorkommen. Das zeigt die hohe Moral der farbigen Truppen unter deut-schem Kommando. Es wäre der Eingeborenentruppen, die natürlich auch Ziel feindlicher Propaganda sind und oft fern ihrer Heimat kämpfen müssen, ein leichtes unter den Kriegsverhältnissen zu desertieren oder ihre Waffen gegen ihre Kommandeure zu wenden.

Ebenso sind die Trägerkolonnen im Land nur unter ein-heimischer Führung und Aufsicht unterwegs und könn-ten leicht flüchten, wenn sie wollten. Die deutsche Trup-penführung hätte keine Soldaten zur Verfügung die Trägerkolonnen zu bewachen. Nur in den Kampfzonen werden schließlich Träger auch von deutscher Seite zwangsweise ausgehoben und zum Teil an Ketten zum Trägerdienst gezwungen.

Träger ist aber auf deutscher Seite nicht gleich Träger. Die Kompanieträger, die schon zu Friedenszeiten Be-standteil der Schutztruppenkompanien waren, sind in die militärische Organisation eingebunden, überneh-men Wachen und Aufklärungen und können im Verlauf des Krieges Askari werden. Sie erhalten Sold und eine medizinische Grundversorgung.


Im Steppengebiet im Nordosten der Kolonie kommt es bei Kriegsbeginn zu Einfällen von Massai aus Britisch Ostafrika ins deutsche Gebiet zum Viehraub. Die einhei-mischen Wassukuma bekämpfen ihre Feinde und legen vor einer deutschen Polizeistation 96 abgeschnittene Massaiköpfe nieder.

An allen Fronten kann die deutsche Schutztruppe er-folgreich die Front halten und steht selbst im Süden von Britisch Ostafrika, von wo aus beständig die Ugandabahn geschädigt wird durch Stoßtruppunternehmen durch die weite Steppenlandschaft bis zur Bahnlinie mit Spren-gungen der Gleise und von Zügen.  

Mit Beginn der alliierten Großoffensive gegen Deutsch Ostafrika im März 1916 dringen feindliche Truppen mit überwältigenden Kräften in den Norden der Kolonie ein. Im April 1916, bei der Bedrohung der Mittellandbahn durch den Gegner, geht Gouverneur Schnee von Tabora, welches im Krieg zur Hauptstadt der Kolonie geworden ist, nach Morogoro und im August von Morogoro zur Truppe. Tabora wird am 18. September 1916 von den Belgiern besetzt. Die schwarzen Truppen der Belgier haben auf ihrem Durchzug durch den Osten Deutsch Ostafrikas bereits mit rauben, plündern, vergewaltigen und morden die schwarze Bevölkerung der deutschen Kolonie überfallen und tun das nun auch ausgiebig in Tabora, ohne von ihren belgischen weißen Offizieren daran gehindert zu werden.

Bis zum Ende der Offensive im September 1916 erobern die beiden gegnerischen Kolonialmächte Belgien und England im Laufe der Monate etwa 80 % der Fläche der deutschen Kolonie mit 90 % der farbigen Einwohner-schaft. Trotzdem kann die deutsche Truppe weiter kriegsbereit gehalten werden. Der unter deutscher Ver-waltung verbliebene Teil ist dünn besiedelt und wegen der Verbreitung der Tsetsefliege ohne Viehbestand. Die-se Gegenden sind arm an Nahrungsmitteln, stark bewal-det und von Sümpfen durchzogen. Dazu sind sie weit we-niger von Weißen besiedelt als der Norden und ent-sprechend fehlen Werkstätten und sonstige technische Hilfsmittel wie sie im Norden, bei der dortigen teilweise dichten deutschen Besiedlung, vorhanden sind. Da-durch geht auch die im Krieg hauptsächlich im Norden aufgebaute wirtschaftliche Produktion verloren und kann im Süden nur sehr beschränkt wiederhergestellt werden.

Die von den Truppen nach Süden mitgeführten 20.000 Stück Vieh sind nach zwei Monaten geschlachtet oder an der von der Tsetse übertragenen Krankheit einge-gangen. Für die Fleischbeschaffung hat der Gouver-neur die Tierschutzgesetze der Kolonie aufgehoben, auf daß die Truppe die zum Teil reichen Wildtierbestände zur Fleischgewinnung jagen und als Trockenfleisch in tierarme Gegenden liefern kann.

Für das Backen von Brot wird immer mehr auf Mehl aus einheimischen Körnerfrüchten zurückgegriffen. Als Kaffeeersatz wird ein brauchbarer Malzkaffee aus Mais oder Mtama hergestellt. Auch eine einheimische Boh-nenart erweist sich als ein geeigneter Ersatzkaffee. Salz wird nach dem Verlust der Saline Gottorp aus Salz-wasser des Indischen Ozeans gewonnen. Die Fettgewin-nung wird ergänzt durch den Abschuß von Flußpferden und Elefanten. Bei der Elefantenjagd wird der Stabsarzt Dr. Neubert der Schutztruppe von einem Elefanten mit einem seiner Stoßzähne durchbohrt und getötet. Diese Jagden auf Elefanten sind besonders in der Regenzeit im dann im Süden aufschießenden hohen Gras mit seinen Juckbohnen, die langandauerndes heftiges Jucken ver-ursachen, wahrlich keine Jagdsafaris mehr wie zu Frie-denszeiten, sondern notwendige Fleischversorgung. Selbst ehemalige Großwildjäger sind an diesen Jagden nicht interessiert.


Die Kämpfe zwischen den britischen und den deutschen Truppen in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 und 1917 in Deutsch Ostafrika bringen für die betroffene einhei-mische Bevölkerung in den Kampfgebieten hauptsäch-lich im Süden der Kolonie schwere Opfer mit sich, weil beide kriegführenden Parteien über die Maßen Anfor-derungen an Träger, Arbeitskräfte und Lebensmittel stellen, wo in vielen dieser Gebiete selbst in Friedens-zeiten aufgrund der ungünstigen allgemeinen Bedin-gungen – Buschland ohne Viehhaltung – schon kein Überfluß herrscht.

Bis zum Oktober 1916 geht der Norden und die Küste der Kolonie verloren. Die sehr starken Regenfälle in der Regenzeit 1916/17 im Süden bringen eine ausreichende Ernte für die Bevölkerung und die Truppe, aber 1917 verringert sich der unter deutscher Herrschaft stehen-de Raum in der Kolonie durch das Vordringen der gegnerischen Streitkräfte beständig.

Im April 1917 dringt eine Abteilung der Schutztruppe in die portugiesische Kolonie Mosambik im Süden von Deutsch Ostafrika ein und wird in Portugiesisch Ostafri-ka von der schwarzen Bevölkerung als Befreier von der portugiesischen Herrschaft begrüßt. Da Nordmosambik sowieso vertraglich Deutschland zugesprochen ist, han-delt es sich also eigentlich mehr um eine Übernahme, denn um eine Besetzung des nördlichen Mosambik. Das Ziel des Einmarsches in Mosambik im April 1917 ist die Erkundung des Landes und die Erbeutung von Verpfle-gung und Ausrüstung von den Portugiesen. Mit dem Einmarsch der gesamten deutschen Schutztruppe nach Mosambik Ende November 1917 wird auch gleichzeitig der noch deutsch-verwaltete Teil Deutsch Ostafrikas im Süden der Kolonie vor der zehn bis zwanzigfachen feind-lichen Übermacht aufgegeben.

Ende November 1917 tritt die ganze Schutztruppe nach Mosambik über, um sich durch die Eroberung von Stütz-punkten der portugiesischen Kolonialarmee die nötigen Waffen, die Munition und Lebensmittel zu verschaffen für die weitere Erhaltung ihrer Kampfkraft. Schließlich dringt die Schutztruppe nach dem Durchzug durch den Südwesten von Deutsch Ostafrika im September/Okto-ber 1918 am 1. November in das britische Protektorat Nordrhodesien ein. Lettow-Vorbeck macht sich auf den Weg nach Katanga in Belgisch Kongo, von wo er mit seiner Truppe weiter in die portugiesische Kolonie Angola marschieren will. Am 9. November nimmt die Truppe Kasama, 200 Kilometer südlich der Grenze von Deutsch Ostafrika. Lettow-Vorbeck: »Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen [Ochsenwagen] wurden erbeutet. Recht erheblich war die Beute an Europäerverpflegung.

Drei Tagemärsche weiter, den Telefondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in Kasama eingetroffen, und dieser mar-schierte mit 2 Kompagnien sogleich weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.« Der Chambesi-Fährüber-gang ist auch gleichzeitig in Marschrichtung Angola. Am 13. November trifft die Abteilung Spangenberg an der Chambesi-Fähre ein. »Übergänge über den Cham-besifluß zu erkunden« für »einen gesicherten Uferwech-sel«: »Diese Frage war brennend, da die Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevor-stand. Stärkere Gewitter setzten bereits ein.«

Am 13. November 1918 erfährt Lettow-Vorbeck vom Waffenstillstand in Europa, der am 11. November be-gann. Am 25. November 1918 legt die deutsche Schutz-truppe laut Waffenstillstandsvereinbarung die Waffen nieder. Von Nordrhodesien wird die noch etwa 1300 Mann starke Truppe erst nach Kigoma in Deutsch Ostafrika verlegt und dann im Dezember mit der Bahn nach Daressalam abgefahren. Lettow-Vorbeck über die Zugfahrt: »In Tabora waren eine Menge Deutsche auf dem Bahnhof. Sie beklagten sich über die Räubereien durch die Belgier und die Engländer. – In Morogoro war das Eintreffen des Zuges den Deutschen bekanntge-geben. Nachmittags auf dem Bahnhof trafen wir die deutschen Frauen wieder, die wir hier vor zwei Jahren zurückgelassen hatten. Sie bewirteten uns festlich, und ein großes Fragen ging nach ihren Männern und Freunden. Manch einer mußten wir über den Tod ihres Mannes Genaues erzählen. Auch sie, unsere deutschen Frauen, hatten schwere Zeiten hinter sich, und deren, die ihre Männer lebend und gesund wiedersahen, waren wenige.«

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Besondere Ereignisse

Natürlich zeitigen Kriege auch immer unerwartete Er-gebnisse. Ein deutscher Soldat, der früh im Krieg in bri-tische Gefangenschaft gerät, kommt in ein Kriegsgefan-genenlager nach Ägypten. Der Mann war im Frieden Farmer in Ostafrika gewesen und nun, im Krieg, führt seine Frau die Farm. Dem Farmer kommt die Zeit im Kriegsgefangenenlager als die schönste Zeit seines Le-bens vor, denn er ist einmal all die ewigen Pflanzungs- und Arbeitersorgen los und kann Fußball spielen und lesen. Ein interessanter Einblick in die Schwierigkeiten des Lebens der Farmer in Deutsch Ostafrika.


Zum Geburtstag des Kaisers wird auch im zweiten Kriegsjahr am 27. Januar 1916 in Daressalam eine Parade abgehalten.


Der Kaiserliche Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Heinrich Schnee, hält im Juli 1916 bei einem großen Bierabend für die deutsche Bevölkerung eine öffent-liche Ansprache, in der er auch ausführt:

„Der Feind hat die Hoffnung, daß wir hier auch wirt-schaftlich vernichtet werden. Im bisherigen Verlaufe des Krieges haben wir bereits gesehen, daß diese Hoff-nung unbegründet ist. Wirtschaftlich kann der Feind uns hier nicht niederringen. Alles Notwendige gewin-nen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materia-lien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in un-serem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat be-zweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbigen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Ver-legenheit geraten können und wir uns ausreichend Er-satz auch für solche Gegenstände, die wir früher von au-ßen bezogen haben, hier beschaffen können. – Es eröff-net uns aber auch den Ausblick in die Zukunft, daß nach einem ehrenvollen und günstigen Frieden für das Deut-sche Reich in der Kolonie noch Entwicklungsmöglich-keiten stecken, die wir bisher noch nicht in dem Maße erkannt hatten.“


Auch im Krieg geht die verwaltungstechnische Durch-dringung der Kolonie weiter und so werden im noch nicht so weit entwickelten Süden neue Nebenstellen der Bezirke geschaffen und im August 1916 wird der Bezirk Tabora in die Bezirke Tabora-Nord und Süd-Tabora ge-teilt.


Durch die Fluchtbewegung der deutschen Zivilbevölke-rung nach Süden mit den feindlichen Offensiven im Norden seit März 1916 werden für die Frauen und Kin-der in Tabora, aber auch an anderen Orten, von der Ver-waltung solide Häuser gebaut, solange Zement vorhan-den ist. Dann werden kleine primitive Lehmhäuser er-richtet, die aber, als schließlich kein Moskitonetz zur Sicherung der Bauten gegen die Stechmücken mehr vorhanden ist, besonders im moskitoverseuchten Tabo-ra keine gesundheitlich zuträgliche Unterkunft bieten.

Mit Rücksicht auf die ungünstigen Lebensverhältnisse im Süden des Schutzgebietes hat Gouverneur Schnee deutschen Frauen und Kindern den Zug in das Rück-zugsgebiet im Süden verboten. Dort selbst leben nur we-nige weiße Frauen und Kinder, da der Süden noch weit-gehend unerschlossen ist.

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Das Verkehrswesen

Am Tanganjikasee bauen bei Kriegsbeginn im August 1914 rund 250 einheimische Arbeiter und 20 Inder aus der Eisenbahnwerkstatt Daressalam unter der Leitung weniger Deutscher das Fracht- und Passagierschiff Graf Goetzen wieder zusammen. Die 71 m lange Goetzen mit ihrer Vermessung von 790 BRT war von Deutschland in Einzelteilen über Schiffs- und Bahnfracht nach Kigoma transportiert worden. Infolge des Brandes eines Eisen-bahnwaggons auf dem Transport in Ostafrika war eine Schraubenwelle des Zweischraubendampfers verbogen. Die Schraubenwelle und alle noch benötigten Teile wer-den jetzt in Ostafrika nachgefertigt. Durch den Kriegs-ausbruch kommt auch die Querstapellaufanlage nicht mehr nach Ostafrika. So muß der Stapellauf improvisiert werden. Der Ingenieur Friedrich Hübener läßt vor der Werft ein Dock graben, in welches das Schiff allmählich hinabgelassen wird. Dann wird der Damm, der die Dockgrube vom See trennt, durchstoßen, worauf die Goetzen am 5. Februar 1915 aufschwimmt. Ende Mai 1915 ist das Schiff fertig. Die Probefahrten finden am 8. und 9. Juni 1915 statt und am 9. Juni erfolgt auch die In-dienststellung als bewaffneter Frachter.

Die hafentechnischen Einrichtungen von Kigoma, Werkstätten, Kräne, Kaianlagen, Hellinge, werden bis 1916 für den deutschen Schiffsbetrieb auf dem Tangan-jikasee immer weiter ausgebaut. Vom Indischen Ozean werden weitere Seefahrzeuge über die Bahn nach Kigo-ma gebracht. So liegt Mitte 1916 der 35 m lange 230 BRT-Dampfer Adjutant der Deutschen Ostafrika-Linie, auch über die Bahn in Einzelteilen vom Indischen Ozean herübergebracht, auf Stapel in Kigoma.

Der bereits begonnene Bau der Ruandabahn von Tabora zum Kageraknie zur unmittelbaren bahntechnischen Anbindung Ruandas an Daressalam – und somit an den Weltverkehr von einem deutschen Hafen aus, statt über das britische Mombasa – wird im Krieg, soweit das Gleismaterial reicht, weitergebaut. Es können zwar nur 40 Kilometer Strecke von Tabora Richtung Norden fertiggestellt werden, diese 40 Kilometer ersparen aber auf der Strecke Tabora-Muansa mit seinen umfangrei-chen Transporten zwei Tagesmärsche für Trägerkolon-nen und machen entsprechend Träger frei für andere Aufgaben.

Nach Kriegsbeginn laufen Landvermessungen für eine Bahn von der Tabora-Ruanda-Strecke ab nach Muansa am Viktoriasee, um den landwirtschaftlichen Überschuß des Bezirks Muansa in andere Gegenden der Kolonie fahren zu können.

Da keine Verbindungsstraße zwischen dem Norden mit der in Ost-West-Richtung verlaufenden Usambarabahn und der Mitte mit der ebenfalls in Ost-West-Richtung verlaufenden Zentralbahn besteht – im Frieden war die Verbindung der Seeverkehr entlang der Küste – wird eine Etappenstraße gebaut auf der Träger zwölf Tagen zwischen den beiden Bahnen brauchen. Durch den Bau einer handbetriebenen Verbindungsbahn – bis kein Gleismaterial von beschlagnahmten Kleinbahnen von Plantagen mehr vorhanden ist – kann die Trägerstrecke auf neun Tage verringert werden. Durch den Regenaus-fall im Norden Ende 1915 müssen im März/April 1916 – ausgerechnet mit Beginn der großen Regenzeit – außer den normalen Nachschubtransporten an Salz und Reis, beides im Norden grundsätzlich nicht vorhanden, Muni-tion und allem möglichen Militärbedarf der Truppe an der Nordfront auch noch über diese Etappenstraße von 20.000 zusätzlichen Trägern Lebensmittel von der Mittellandbahn nach Norden verfrachtet werden. Durch die starken Erkrankungszahlen bei diesen Transporten in der Regenzeit mit Lungenentzündung und Ruhr kommen schätzungsweise 2000 Träger ums Leben.

Die kartographische Erfassung und Erkundung der wei-ßen Flecken auf der Karte von Deutsch Ostafrika werden für die Schutztruppe und ihre Bedürfnisse an Karten und für ihre Lebensmittel- und insbesondere Wasser-versorgung im Lande auch im Krieg weitergeführt. Die weitere Erkundung des Landes für die Kriegswirtschaft und die Truppe führt zur Entdeckung von bis dahin für unfruchtbar gehaltenen Gebieten als fruchtbare Gegen-den. Grundsätzlich ist aber der Süden weniger erschlos-sen als der Norden und unfruchtbarer. So hat der Süden auch noch eine Anzahl weißer Flecken auf der Landkar-te.

Erst langsam kann der Etappendienst den Süden durch-dringen, bis die Verhältnisse im Straßenwesen und Transportdienst sich denen im Norden angleichen.


Bei der Mobilmachung im August 1914 werden die Trup-pen der Kolonie zunächst östlich von Daressalam, in Pu-gu, versammelt, wo auch das militärische Oberkom-mando seinen Sitz genommen hat. Auch die proviso-rische Telefonzentrale in Pugu muß natürlich die Lei-tungsverbindungen zwischen zwei Teilnehmern von Hand zusammenstöpseln.

Lettow-Vorbeck schreibt darüber: »Der Betrieb, den die-se ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich brachte, hielt nicht nur uns, sondern auch die Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und anders-wo der Eingeborene diese Apparate bediente. Seine gro-ße Begabung für Technik hat uns die wertvollsten Dien-ste geleistet.«

Besonders im Krieg ist der Heliograph wieder ein wich-tiges Nachrichtenmittel der Truppe bei dem vorwiegen-den Sonnenwetter in Ostafrika. Heliographenstationen sind schnell und einfach errichtet und dienen für die schnelle Übermittlung von Nachrichten zwischen den Truppenteilen. Bei einer unbehinderten Sicht können bis zu 100 Kilometer zwischen zwei Stationen über-brückt werden.

In Panikreaktionen sprengen die deutschen Behörden im August 1914 die Funkmasten von Bukoba und Dares-salam. In Daressalam fürchtet man landende britische Truppen könnten den Mast als Ausguck in die deut-schen Stellung landeinwärts von Daressalam nutzen. Als Ersatz für die hohen Funkmasten werden Erdantennen gebaut, die allerdings nur Funkmeldungen empfangen können. Diese Erdantennen sind aus Draht und auf ein bis zwei Meter hohen Pfosten etwa einen Kilometer lang in Richtung Nauen ausgerichtet aufgestellt.

Anfang August 1914 ist die Großfunkanlage für Deutsch Ostafrika an Bord des Frachters General, der sich bei Kreta befindet als er wegen der politischen Krisenlage nach Konstantinopel umgeleitet wird. Die Anlage wird dann in Damaskus aufgebaut – für den Funkverkehr nach Deutsch Ostafrika. Die Funkstelle Daressalam kann im August 1914 noch die Funksprüche aus Togo emp-fangen und nach der feindlichen Besetzung Togos noch bis Mitte 1915 Funksprüche aus Südwestafrika, bis auch Südwest besetzt ist. Unter günstigen atmosphärischen Bedingungen kann Daressalam auch Nauen empfangen. Nachts zwischen 1 bis 3 Uhr, wenn die Empfangsbedin-gungen am besten sind, sitzen die deutschen Funker am Gerät und tun ihr bestes, um die schwachen Signale aus Deutschland aufzunehmen.

Die einfache Antennenanlage, die als Erdantenne auf Pfosten nahe über dem Boden errichtet werden kann, ist selbst überall im Busch aufbaubar, sofern eine ein Kilo-meter lange Schneise für die Antenne in den Busch ge-schlagen werden kann und der Boden gut für die Erdung der Antenne ist. Bedauerlicherweise findet in Deutsch-land keine sinnvolle Auswahl der gesendeten Nach-richten statt, sodaß zuweilen vollkommen unwichtige Zeitungsmeldungen gesendet werden als für Ostafrika interessante und wichtige Meldungen. Dienstliche Nachrichten der Heimatbehörden an die Regierung von Deutsch Ostafrika werden äußerst selten gesendet. Immerhin kann man sich in Daressalam aus den Funk-nachrichten aus Nauen, und später auch von der Funk-anlage in Damaskus gesendete Meldungen, ein unge-fähres Bild über die Lage in Deutschland und der Welt machen, da man ansonsten nur auf erbeutete und ge-schmuggelte stark propagandistisch gefärbte englische Zeitungen angewiesen ist.

Nach dem Ausfall der Funkanlage in Daressalam kann die Leistung der Feldfunkstellen der Schutztruppe auch mit Hilfe der aus den Schiffen in Daressalam ausgebau-ten Funkanlagen soweit gesteigert werden, daß sie Nau-en und Damaskus empfangen können. In Tabora wird mit Hilfe von Funkgeräten der deutschen Handelsschif-fe in Daressalam eine Funkempfangsanlage aufgebaut, die insbesondere Feindfunk aus Belgisch Kongo auf-nimmt. Mit dem Eintreffen neuer Liebig-Röhren im März 1916 mit dem Blockadebrecher Marie verbessert sich die Funklage weiter.

Eine Hauptaufgabe der Funkstationen in der Kolonie im Krieg ist aber nicht das Empfangen von Nachrichten aus Deutschland, sondern das Abhören von Feindsendern. Chiffrierter Feindfunk kann aber meistenteils nicht ent-schlüsselt werden, da es im Schutzgebiet an Fachleuten dafür fehlt. Aus dem aufgefangenen Schiffsfunk und dem meist unverschlüsselten Funkverkehr Belgisch Kongos lassen sich trotzdem wichtige Schlüsse auf feindliche militärische Operationen gegen Deutsch Ostafrika erkennen.


Funk spielt auch eine wichtige Rolle als das Marine-Luftschiff L 59 am 21. November 1917 in Bulgarien mit 22 Mann Besatzung abhebt für einen Versorgungsflug nach Deutsch Ostafrika. Die Strecke von Bulgarien bis in den Süden der ostafrikanischen Kolonie Deutschlands be-trägt rund 6000 Kilometer. Das Luftschiff hat 50 Tonnen wertvollen Militärnachschubs aller Art an Bord und der Zeppelin selbst, der ein Leergewicht von gut 27 Tonnen hat, kann auseinandergenommen und restlos für die Zwecke der Kolonie und der Schutztruppe verwendet werden. So kann die Hülle des Zeppelins zu Uniformen und Zelten verarbeitet werden und aus dem Alumini-umgerippe kann ein Funkmast gebaut werden, für die Verwendung des Bordfunkgerätes, und einer der fünf Motoren des Luftschiffes kann für die Funkanlage den Strom liefern.

Die Engländer wissen von dem Flug und haben Jagdflug-zeuge in dem von ihnen besetzten Teil von Deutsch Ost-afrika stationiert. Gleichzeitig ist Lettow-Vorbeck mit seinen Truppen auf dem Marsch im Grenzland von Deutsch Ostafrika und Portugiesisch Ostafrika und schwer zu finden, sodaß man dem Luftschiff über Funk den Befehl gibt den Flug abzubrechen und zurückzu-kehren als es schon bei Khartum im Sudan steht und zwei Drittel des Weges nach Ostafrika hinter sich hat. Es ist der 23. November als der Zeppelin kehrt macht und am 25. November wieder in Jamboli in Bulgarien landet. Am 25. und 26. November kann Lettow-Vorbeck große Mengen an Vorräten in Portugiesisch Ostafrika erbeu-ten.

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Die einheimische Bevölkerung

Die Verwaltung, die Gerichtsbarkeit und das Polizeiwe-sen bleiben auch im Krieg vollständig unter der zivilen Verwaltung des Gouvernements. Und so auch die Ver-waltung und Rechtssprechung der Eingeborenen. Im Unterschied für die Eingeborenenbevölkerung zur Frie-denszeit ist die Schutztruppe, deren eigentliche Aufgabe ja die Niederschlagung von Eingeborenenaufständen war, an die Front abgezogen und die Polizei durch Abga-be ihrer besten Einheiten an die Schutztruppe stark ver-mindert. Das eingeborene Verwaltungspersonal, die far-bigen Beamten, stellen jetzt die hauptsächliche Verwal-tung unter der durch Einziehung zur Truppe stark ver-minderten Zahl deutscher Beamter. Trotzdem kann die Kopfsteuer und die Hüttensteuer weiterhin ohne Schwierigkeiten eingezogen werden und im Kriegsjahr 1915 kann sogar ein Rekord an Steuereinnahmen ver-zeichnet werden, ohne daß die Steuern erhöht wurden. Das alles bei gleichzeitig erhöhten Anforderungen an die schwarze Bevölkerung durch die Gestellung von Trä-gern für die Kriegswirtschaft und für die Versorgung der Fronttruppen.

Eine fundamentale Änderung für die Askaris ist nun die Tatsache, daß sie jetzt auch gegen Weiße eingesetzt wer-den. Ist der Weiße an sich unantastbar, so ist er jetzt so-gar, sofern er zu den feindlichen Truppen gehört, zu er-schießen. Dies gilt für alle farbigen Truppen der krieg-führenden Mächte und untergräbt eindeutig die Stel-lung des weißen Mannes in Afrika im Krieg der Weißen gegen die Weißen.

Die Einheimische Bevölkerung nutzt nicht etwa den Krieg gegen Deutschland für einen Aufstand in der Ko-lonie. Selbst ein passiver Widerstand der schwarzen Be-völkerung würde das schnelle Ende der deutschen Herr-schaft bedeuten. Trotz des Abzuges der Truppen an die Fronten bleibt es völlig ruhig im Land. Selbst die Poli-zeitruppe wird zur Schutztruppe eingezogen und kann nun nicht mehr für die innere Sicherheit herangezogen werden. Schnell ausgehobene »Knüppel-Polizisten«, bloß mit einem Knüppel bewaffnete Polizisten, ersetzen die gut ausgebildeten und bewaffneten Polizei-Askaris. Und nicht nur die Truppen gehen an die Front und las-sen das Land ohne die übliche innere Sicherung, auch ein großer Teil der deutschen Verwaltungskräfte wird zur Truppe eingezogen und steht nun auch nicht mehr für die Aufrechterhaltung der Herrschaft im Lande zur Verfügung.  

Gleichzeitig werden durch den Krieg an die schwarze Zivilbevölkerung große Lasten für den Straßenbau und den Transport gestellt, und doch gibt es nicht einmal kleine Revolten der Eingeborenen. Die einzige Unruhe-quelle im Krieg sind die Inder, die die einheimische afri-kanische Bevölkerung übervorteilen und sie so zum Haßobjekt der Schwarzen werden und Ausschreitungen gegen die Inder vorkommen.

Noch 1910-12 erwarteten der damalige Kommandeur der Schutztruppe von Ostafrika, Oberstleutnant Freiherr Kurt von Schleinitz, und Oberstleutnant Kurt Johannes, der im Stab der Schutztruppe seinen Dienst tat – beide langjährige Truppenangehörige, die noch bei der Nie-derschlagung von Aufständen in der Kolonie dabei wa-ren – mit großer Wahrscheinlichkeit im Kriegsfall den Ausbruch umfangreicher Eingeborenenaufstände. Das zeigt, wie sehr sich seit der Amtsübernahme von Gou-verneur Albrecht von Rechenberg 1906 mit seiner den Eingeborenen freundlich gesonnenen Politik die Ein-stellung der farbigen Bevölkerung zur deutschen Herr-schaft gewandelt hat. So wird aus der Residentur Bukoba Mitte August 1914 die 7. Kompanie der Schutztruppe abgezogen, weil man die Residentur gegenüber den Eng-ländern im benachbarten britischen Uganda für militä-risch unhaltbar hält, und so ist nun die Residentur mili-tärisch völlig schutzlos. Resident Willibald von Stuemer stellt aus bewaffneten Eingeborenen an der Grenze zu Uganda und an der Küste des Viktoriasees einen Beo-bachtungs- und Nachrichtendienst auf. Mitte September besetzen dann britische Truppen den äußersten Norden der Residentur und schicken eingeborene Hilfskrieger aus Uganda weiter ins Land, um Vieh und Lebensmittel zu stehlen. Die geplünderte einheimische Bevölkerung wendet sich an die Residentur um Hilfe. Daraufhin erbit-tet Stuemer vom Gouverneur in Daressalam 400 Ge-wehre und 40.000 Patronen zur Bewaffnung von Hilfs-kriegern. Aus dem Depot der Schutztruppe in Tabora wird ihm die erbetene Bewaffnung zugeschickt und der Resident rüstet eine improvisierte einheimische Truppe damit aus, die aber auch erst einmal ausgebildet werden muß. Als Führer für diese Truppe hat er nichts anderes aufzubieten als elf Deutsche, die bei Trassierungsarbei-ten für die Ruandabahn beschäftigt sind. Die Ruanda-bahn ist im Bau und verläuft von Tabora, an der Mittel-landbahn gelegen, nach Ruanda. Ihre Strecke führt auch durch den Süden von Bukoba. Dort arbeiten die elf Män-ner beim Bahnbau und werden in der zweiten Septem-berhälfte von Stuemer für seine Einheimischentruppe eingezogen.

Mitte Oktober 1914 dringen die Briten weiter in die Resi-dentur vor und Stuemer ruft am 18. Oktober den Land-sturm auf, noch wehrfähige ältere deutsche Männer. Britische Hilfskrieger vom Stamme der Waranga aus Uganda fallen über die von den Briten besetzte Zone hinaus noch weiter in Bukoba ein und können trotz Gegenwehr der einheimischen farbigen Bewohner der Residentur 7000 Rinder abtreiben. Mitte November kommen dann Verbände der Schutztruppe nach Bukoba zurück und können die bis Anfang November noch wei-ter vorgedrungenen Briten aus der Residentur hinaus-werfen. Hätte bei der prekären Lage die einheimische Bevölkerung und die Sultane gegen die deutsche Herr-schaft gestanden, die nach dem Abzug der Schutztruppe Mitte August sachlich nicht mehr vorhanden war, wäre die Residentur sofort gefallen. Im Gegenteil wurde die einheimische Bevölkerung von deutscher Seite bewaf-fnet und kämpft freiwillig auf deutscher Seite gegen den von Norden eindringenden Feind.

So hält der deutsche Oberkommandierende in Ostafri-ka, Paul von Lettow-Vorbeck, auch die beiden Residentu-ren im äußersten Nordwesten von Deutsch Ostafrika für militärisch unhaltbar und zieht bei Kriegsbeginn die Schutztruppenverbände aus Ruanda und Urundi ab. Der deutsche Befehlshaber in Ruanda, Hauptmann Max Wintgens, sieht die Lage anders und stellt aus der afri-kanischen Polizei in Ruanda eine Truppe von 80 Mann auf, mit der er sogar zum Angriff auf Belgisch Kongo ansetzt und die Insel Idschwi im Kiwu-See besetzt. Mit den dabei erbeuteten belgischen Waffen wird ein weite-rer Verband aus 100 Mann einheimischer Soldaten aus-gerüstet. Afrikanische Hilfskrieger werden rekrutiert und im Schnellverfahren zu Soldaten ausgebildet. Auch der König von Ruanda, Yuhi V. Musinga, zieht die Uni-form der deutschen Schutztruppe an und unterstützt die Verteidigung seiner Heimat gegen die Angriffe der Bri-ten und Belgier. Er stellt auch Krieger unter das Kom-mando des deutschen Befehlshabers. Zusätzlich melden sich Afrikaner freiwillig für den Dienst als Soldaten un-ter deutschem Kommando. Mit diesem zusammenge-würfelten Verband kann lange Zeit Ruanda und Urundi gehalten werden. Im Mai 1916 muß dann aber gegen die belgisch-britische Übermacht Ruanda geräumt werden. Auf einen militärischen Widerstand in Urundi ver-zichtet daraufhin die deutsche Führung und im Juni 1916 wird auch Urundi von den Belgiern besetzt. Die belgi-schen Kolonialtruppen machen sich in diesen und den noch darüber hinaus besetzten Gebieten Plünderungen, Vergewaltigungen und einer Vielzahl anderer Verbre-chen an der Zivilbevölkerung schuldig.

Es ist offensichtlich, daß die einheimische Bevölkerung in Deutsch Ostafrika mit der deutschen Herrschaft zu-frieden ist und sie durch ihre gewaltige Arbeitsleistung im Krieg unterstützt. Die über das Maß beanspruchten deutschen Truppen, die ja ihrerseits zu 90 % aus einhei-mischen Soldaten bestehen, hätten bei der tatsächli-chen Unterlegenheit von 10 : 1 gegen die Feindtruppen nicht jahrelang Krieg führen können, ohne die freiwil-lige Unterstützung der millionenstarken schwarzen Be-völkerung in Deutsch Ostafrika. Auch melden sich wäh-rend des Krieges immer genug Freiwillige für die Schutztruppe, um die personelle Kampfkraft der deut-schen Streitkräfte zu erhalten. Es könnten aus den Frei-willigen noch mehr Truppen aufgestellt werden, aber der Mangel an Waffen verhindert eine weitere Vergrö-ßerung der Askaritruppe. Selbst die Araber, die Feinde der Deutschen in den Kämpfen Ende der 1880er Jahre um die Vorherrschaft in Ostafrika, stellen ein mehrere hundert Mann starkes Freiwilligenkorps. Militärisch sind die Araber aber untauglich und der Verband wird nach einiger Zeit wieder aufgelöst, politisch aber hat der arabische Freiwilligenverband seine Wirkung bei der schwarzen Bevölkerung, deren alten Leute sich noch an den Haß der Araber auf die Deutschen erinnern können.

Im Gegensatz zur Loyalität der Bevölkerung zur deut-schen Herrschaft brechen in den Nachbarkolonien von Deutsch Ostafrika im Krieg Unruhen und Aufstände aus, die mit militärischer Gewalt niedergeschlagen werden. So 1915 im britischen Protektorat Njassaland. Ein auf-ständischer Häuptling in Njassaland bittet den Gouver-neur von Deutsch Ostafrika um Hilfe gegen die Englän-der, aber es kann keine Hilfe geschickt werden. Meh-rere Unruhen und Aufstände brechen in Belgisch Kongo und in Portugiesisch Ostafrika aus. Auch die Mawia bit-ten um deutsche Unterstützung bei ihrem Aufstand Mit-te 1917 in Portugiesisch Ostafrika und auch ihnen kann nicht geholfen werden.

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Die Güterproduktion

Alle alltäglichen Gebrauchsartikel müssen nun in der Kolonie selbst gefertigt werden. Ohne einen industriel-len Hintergrund wie im Heimatland wird mit allen Mit-teln improvisiert, um doch brauchbare Gegenstände für die Bedürfnisse der weißen Bevölkerung herzustellen. Nur Artikel wie Uhren und Augengläser, für deren Ferti-gung Spezialisten und eine hochentwickelte Industrie notwendig sind, können mit den bescheidenen techni-schen Mitteln der Kolonie nicht hergestellt werden.

An Stoffen für die Bekleidung der schwarzen Bevölke-rung waren durch die Vorbereitung auf die Landesaus-stellung 1914 große Mengen in der Kolonie eingetroffen, werden aber gleich nach Kriegsbeginn hauptsächlich von den indischen Händlern gehortet und im Laufe der Jahre überteuert wieder verkauft. Für die Bekleidung der Europäer werden bald nach Kriegsbeginn auf An-ordnung des Gouverneurs mit im Lande gesponnenen Garn und gewebten Stoffen Versuche gemacht, die wi-der Erwarten gut ausfallen. Mit Ausnahme weniger Handspinnräder und Webstühle bei Indern gibt es in der Kolonie keine maschinelle Textilherstellung. Nur ein deutscher Laienbruder der Berliner Mission, ein Tischler, ist einigermaßen vertraut mit der Weberei und nun werden unter seiner Leitung mühselige und lang-wierige Versuche mit der Herstellung von Spinnrädern und Webstühlen unternommen. Schließlich können Spinnräder und Webstühle nach alter Art in den Hand-werkerschulen hergestellt und unter der Leitung von Regierungsbeamten in Betrieb genommen werden. Hauptsächlich Inder werden für den Betrieb der Hand-webstühle eingestellt und Schwarze, vielfach Schulkin-der, für die Spinnräder. Die schwarzen Arbeiter zeigen sich bald sehr geschickt im Bedienen der Gerätschaften. Eine Reihe staatlicher Textilherstellungsbetriebe wer-den mit den selbstgebauten Handwerksgeräten einge-richtet und produzieren Stoffe für den Bedarf der Kolo-nie.

Die Handweberei der Eingeborenen, die durch den Im-port von fertigen Stoffen fast ausgestorben war, wird wiederbelebt und bald können starke und brauchbare Stoffe gewebt werden, die auch zu Uniformen für die Truppe verarbeitet werden. Auch das Färben von Stoffen mit aus Rinden und Wurzeln gewonnenen Farbstoffen gelingt und ist besonders wichtig für das Färben der weißen Stoffe für die Militäruniformen in braun. Selbst Steppdecken mit Baumwollfüllung für Frauen und Kin-der werden in Handarbeit hergestellt. Doch Decken für die Schutztruppe können in großen Mengen nicht her-gestellt werden und der Mangel an Decken insbeson-dere in den Regenzeiten und in kalten Gebirgsregionen führt zu Erkrankungen und den Tod von Trägern.  

Die Versorgung der Bevölkerung mit Kleidung kann mit handwerklichen Methoden nicht erreicht werden und so wird die Bekleidungslage immer dürftiger. Die mit der Marie im März 1916 eingetroffenen 15.000 Askari-uniformen, Europäerbekleidung und Stoffe sind trotz ih-rer Menge für den Bedarf der Kolonie nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Verlust von Gebieten der Kolo-nie seit März 1916 an die Gegner, wodurch auch textil-herstellende Betriebe verloren gehen, wirkt sich eben-falls ungünstig auf die Bekleidungslage aus.

Die unter Leitung eines Ingenieurs der Firma Krupp stehende Herstellung mechanischer Webstühle und Spinntechniken, und die Einrichtung ebensolcher me-chanisch arbeitender Betriebe, wird durch den feindli-chen Vormarsch in die Kolonie hinein verhindert.

Die Eingeborenen müssen notgedrungen von den schö-nen leichten importierten Stoffen zu den alten Lenden-schürzen und den harten Holzstoffen aus Baumrinde zurückgreifen. Die Regierung und die Schutztruppe ver-wendet schließlich beim Knappwerden von Bargeld die noch vorhandenen Reserven an Baumwollstoffen als Bezahlung und Belohnung für Schwarze im Dienste der Kolonie. Selbst für die Truppe, die durch den Buschkrieg einen enormen Verschleiß an Uniformen hat, wird sein Frühjahr 1917 der Bekleidungszustand immer schlechter und verbrauchte Militärbekleidung muß bis zum Kriegsende im November 1918 durch Uniform-Beute vom Gegner ersetzt werden.

Beim Schuhwerk fängt man erst an sich um Ersatz zu kümmern, als Schuhe und Stiefel knapp werden. Im Frieden war das Schuhzeug aus der Heimat mitgebracht worden oder wurde bei den in der Kolonie ansässigen europäischen Handelshäusern bestellt. Genug Schuh-macher, hauptsächlich unter den Goanesen und In-dern, gibt es in der Kolonie, doch ihnen fehlt der Roh-stoff für ihr Handwerk: Leder. Häute und Gerbstoffe gibt es im Überfluß, aber vom Beginn der Herstellung von Leder bis zum fertigen Schuh vergeht ein Jahr. Haupt-sächlich der Prozeß des Gerbens ist langwierig. So wer-den Gerbereien aus dem Boden gestampft und bei der Unerfahrenheit in der Verarbeitung von Häuten zu Leder wird natürlich auch manches Lehrgeld bezahlt. So entsteht ein Mangel an Schuhen und Stiefeln selbst bei der Armee, die natürlich vorrangig beliefert wird. Bei der Ankunft der Marie im März 1916 kann für die Schutztruppe und die weiße Bevölkerung das Problem gelöst werden, denn das Schiff hat große Mengen her-vorragender Stiefel aller Größen mitgebracht.

Ein anderes Problem der Fußbekleidung wird von den deutschen Frauen der Kolonie gelöst: Strümpfe. Insbe-sondere beim Marschieren sind Strümpfe in den Stie-feln für die Truppe unerläßlich. Durch den großen Vor-rat an indischer Wolle in der Kolonie haben die Strümp-fe strickenden Mädchen und Damen keinen Mangel an Rohmaterial für ihre Werke. Da die Inder mit künstli-chen Farbstoffen gefärbte Wolle importierten, sehen die Strümpfe auch entsprechend aus und färben beim Tragen stark ab. Die gewaltigen Marschleistungen der deutschen Truppen im Buschkrieg, insbesondere im Bewegungskrieg seit 1916, wären wohl ohne die Strümp-fe nicht zu bewältigen.

Die deutschen Frauen in der Kolonie richten Komitees ein für die verschiedenen Aufgaben, die sie bewältigen können. So werden die Lazarette von ihnen eingerich-tet. Weitere Arbeitsbereiche der Komitees sind die Hinterbliebenenfürsorge, das Sammeln von allen mögli-chen Gebrauchsutensilien für die Soldaten an der Front, die sogenannten »Liebesgaben«, die Anfertigung von Khakihemden für die Truppe und eben das Stricken von Strümpfen für die Soldaten. Stricken hatten die meisten Damen längst aufgegeben und nun wird zuerst mit selbstgefertigten Holznadeln gestrickt und dann mit Stahlnadeln, die von den Eisenbahnwerkstätten gelie-fert werden. Die Damen sammeln auch bedeutende Summen etwa für die Hinterbliebenenfürsorge.

Petroleum als Leuchtmittel und Benzin für die wenigen Motorfahrzeuge der Kolonie wurde im Frieden einge-führt und so wird alles Benzin bei Kriegsbeginn für die Fahrzeuge der Schutztruppe beschlagnahmt. Mitte 1916 gelingt es in Morogoro eine Anlage in Betrieb zu neh-men, die einen Petroleum- und Benzinersatz herstellt, dessen Namen »Treböl« von der Regierung unter Mar-kenschutz gestellt wird. Um Erfindungen in der Kolonie in der Kriegszeit für die spätere Anmeldung als Patent beim Reichspatentamt in Berlin zu schützen werden vom Gouverneur eingereichte Patente durch Verord-nung unter Schutz gestellt. 

Ersatzreifen für die Kraftfahrzeuge aus Kautschuk er-weisen sich als haltbarer als die ursprünglichen Pneus. Als Leuchtmittelersatz werden in großen Mengen Ker-zen hergestellt. Bienenwachs wurde im Frieden expor-tiert und steht nun für die Kerzenherstellung zur Ver-fügung. Die Einheimischen greifen als Leuchtmittel auf Palmöl und Kokosöl zurück. Auch Seife kann mit den Rohstoffen der Kolonie in genügender Menge herge-stellt werden. Als das importierte Ätznatron für die Sei-fenfabriken der Friedenszeit in Daressalam zu Ende geht wird in mühseligen langen Märschen vom Natronsee im Bezirk Aruscha Ersatz herbeigeschafft. Die Einheimi-schen müssen allerdings wieder auf Reinigungsmittel zurückgreifen die sie vor der Einführung der Seife be-nutzten. Zahnbürsten werden aus Knochen und Borsten von Schweinen und Maultieren fabriziert. Gewaltige Mengen von Körben und Säcken aus Rindenstoffen und Gräsern werden hergestellt, hauptsächlich für die Trag-lasten der Trägerkolonnen.

Da die Mühlsteine für das Mahlen von Korn sich abnut-zen, nicht durch neue aus Europa ersetzt werden kön-nen und nur umständlich einige mit eigenen Mittel her-gestellt werden können, wird auf das üblich Stampfen des Korns im Mörser durch die schwarzen Frauen zu-rückgegriffen. Eine nicht zu umgehende zusätzliche Ar-beitsbelastung für die Frauen.  

Die Eisenbahnwerkstätten sind ein technisches Rückrat der Kolonie und die größte Werkstattanlage Deutsch Ostafrikas ist die Kriegsmarinewerft in Daressalam. Es gibt nur sehr wenig technisches Fachpersonal in der Kolonie für den Aufbau der notwendigen Industrien für die Selbstversorgung, sodaß der Einsatz von etwa 400 Mann technischem Personal der durch den Krieg in Deutsch Ostafrika festliegenden Kriegs- und Handels-schiffe in der Armee und in der Wirtschaft eine große Bedeutung zukommt. Dieses Maschinenpersonal der Schiffe bildet dann auch weitere schwarze Kräfte in ihren Fachgebieten aus.

Ein weiteres Problem ist der schwindende Bestand an Münzgeld. Die Münzgeldprägung für Ostafrika erfolgt in Deutschland und so geht durch natürlichen Verlust, und hauptsächlich durch Hortung, immer mehr Münzgeld dem Geldkreislauf verloren. Leider hat man auch ver-säumt, die noch in Deutschland lagernden Hartgeldbe-stände für Ostafrika dem Blockadebrecher Marie mitzu-geben. Um der Geldknappheit ein Ende zu machen wer-den seit Ende 1915 in der Kolonie Banknoten gedruckt, und besonders auch viele kleinwertige Banknoten, um das Münzgeld damit ersetzen zu können. Die Notenpres-se arbeitet auf Hochtouren, kommt aber mit der Nach-frage nach Geld kaum nach, und auch die Papierqualität der Banknoten nimmt nach dem Ende der Friedensbe-stände an Papier ab. Dazu drucken die Briten die Noten nach, schmuggeln sie mit Dhaus über Sansibar ins Land, um die deutsche Wirtschaft zu unterminieren, was das Vertrauen der Schwarzen in das Papiergeld schwächt und, sie wenn möglich, nur noch Münzgeld und Stoffe als Bezahlung annehmen. Der Prozeß führt zu einer Inflation an der Küste und zur Rückkehr zum Tausch-handel. Zur Sicherung des neugedruckten Papiergeldes gegen Fälschung greift man zu einer ungewöhnlichen Methode: Bei der von Daressalam nach Tabora verleg-ten Deutsch-Ostafrikanischen Bank wird jede einzelne Banknote von je zwei Bankbevollmächtigten mit Tinte unterzeichnet, bis man ein Druckverfahren findet, das fälschungssicher scheint und bei dem die Unterschrif-ten gleich mitgedruckt werden.

Ein weiteres Problem sind die Inlandstämme, die noch kaum vom Tauschhandel zum Geldverkehr gekommen sind, und selbst Silbermünzen nur ungern annehmen. Ihnen Papiergeld, das sie meist noch gar nicht kennen, von den Aufkäufern von Lebensmitteln und Vieh anzu-bieten ist schlechterdings unmöglich. Durch die Kopf- und Hüttensteuer kommt zwar viel Münzgeld in die staatlichen Kassen, aber der Münzgeldbestand an sich verringert sich durch besagte Gründe.

Um dem Problem abzuhelfen, wird seit 1916 in einer mit selbstgefertigten Maschinen ausgestatteten Münze im Gebäude der Eisenbahnwerkstatt von Tabora Hartgeld hergestellt. Aus Messing werden über 1,6 Millionen 20-Hellerstücke und etwa 300.000 5-Hellerstücke geprägt und aus dem im Lande gewonnenen Gold werden Mün-zen im Wert von 15 Rupien hergestellt. Für diese 15-Rupien-Goldmünzen fertigte ein singhalesischer Gold-arbeiter aus Sansibar, »der besonders sorgfältig arbei-tete, wenn er unter Alkohol stand«, die Stempel an. Die wohlgelungene Ziselierung der Goldmünze zeigt auf der Vorderseite den Reichsadler und auf der Rückseite ei-nen trompetenden Elefanten vor dem Kilimandscharo. Zum Prägen dient eine kleine hydraulische Handpresse. Als diese schließlich ihren Dienst versagt, wird die Prä-gung in dem 25 km entfernten Lulanguru auf einer we-sentlich stärkeren Ölpresse fortgesetzt. Im abschließen-den Arbeitsschritt polieren die Münzarbeiter die Gold-stücke mit Messingbürsten in einem aus Früchten des tropischen Seifenbaumes hergestellten Seifenwasser auf Hochglanz. Die Prägeleistung liegt bei 200 Münzen am Tag. Gold für die Prägung von einer Million Münzen ist vorhanden. Die Münzen haben den besten Ruf und werden von den Regierungskassen nur an Deutsche ver-ausgabt, damit die Inder sie nicht in die Hände bekom-men und sie sofort als goldene Reserve aus dem Ge-schäftsverkehr ziehen.

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Die Lebensmittelversorgung

Zur Friedenszeit war ein großer Teil der Lebensmittel für Weiß und Schwarz in die Kolonie eingeführt worden, während umgekehrt Nahrungsmittel aus der Kolonie ausgeführt wurden. So wurde hochwertiger Reis aus Deutsch Ostafrika nach Indien exportiert, während die-selben Schiffe Reis von minderer Güte aus Indien in die Kolonie zurückbrachten, der von den Indern an die schwarze Bevölkerung der Küste verkauft wurde. Auf jeden Fall wurden etwa 50 % mehr Lebensmittel in die Kolonie eingeführt als ausgeführt. Zu den wichtigsten für die Weißen eingeführten Lebensmitteln zählten Reis, Weizenmehl, Zucker, Salz, Milchprodukte, Gemü-se, und Fleischkonserven; die wichtigsten importierten Genußmittel waren alkoholische Getränke und Tabaks-waren.

Für die im August 1914 vorgesehene Landesausstellung mit ihren vielen Besuchern waren von den Kaufleuten besondere Mengen von Konserven in Deutschland ge-ordert worden – Konserven waren ein sehr wichtiger Lebensmittellieferant für die Weißen – die auch vor der geplanten Eröffnung der Ausstellung in der Kolonie ein-trafen und diese beiden Schiffe, die Tabora und die Feldmarschall, hatten auch noch weitere Mengen an Konserven für andere Kolonien an Bord, die aber wegen des Kriegsausbruchs nun in Deutsch Ostafrika bleiben, und so halten die Bestände an Konserven bei einem sparsamen Verbrauch bis Anfang 1916. Durch die An-kunft des Blockadebrechers Marie im März 1916 werden noch einmal bedeutende Mengen an Konserven und europäischen Genußmitteln in die Kolonie gebracht und auch aus der Beute von geschlagenen gegnerischen Truppen kommen europäische Lebens- und Genußmit-tel ins Land wie etwa von den im September 1916 in den Süden der Kolonie eingedrungenen Portugiesen, die im November unter Erbeutung vieler ihrer Vorräte, die aus englischen Lieferungen an die Portugiesen bestanden, zurückgeschlagen werden, was zudem zum ersten gro-ßen Einmarsch deutscher Truppen in Mosambik führt.

Durch den Mehranbau von Lebensmitteln in der Kolo-nie kann die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung gesichert werden. Für die Weißen werden mehr Weizen und Reis angebaut. Der Reis soll auch die importierten Kartoffeln ersetzen. Als Kartoffelersatz wird im großen Maße die wohlschmeckende Muhogo (Maniok) ange-baut. Eine anspruchslose Pflanze, die auf fast allen Bö-den schnell wächst. Nach 4-5 Monaten können 10-20 armdicke Wurzelknollen von der Pflanze abgeerntet werden. Auch Süßkartoffeln, Mtama (Hirse), Kunde, eine Bohnenart und Schirokko, eine Linsenart, werden nun auch von den Weißen gerne gegessen.

Die Banane ist ein wichtiges Nahrungsmittel und Bana-nenmehl ersetzt so weit möglich Weizenmehl als Wei-zenmehl nicht mehr zur Verfügung steht.

Früchte sind ein wichtiger Bestandteil der Europäer-verpflegung. Bananen, Mangos, Ananas und Apfelsinen sind in großen Mengen vorhanden. Im Krieg wird eine große Anzahl weiterer Früchte zur Ernährung der Wei-ßen genutzt, die ihnen bis dahin unbekannt waren oder als Eingeborenenverpflegung angesehen wurden. Früchte werden auch getrocknet, gedörrt oder zu Marmelade verarbeitet vom Land in die Städte und zur Truppe gesandt. Aus Bananen wird außerdem auch noch ein guter Essig gewonnen.

Das von den Weißen so begehrte Konservenfleisch wird im Krieg durch Frischfleisch, gesalzenes oder gedörrtes Fleisch ersetzt. Fleisch für die Truppe und die weiße Bevölkerung kann in genügenden Mengen in den vieh-reichen Gebieten der Kolonie angekauft und mit der Bahn durch die Tsetsegebiete zu den Verbrauchern geschafft werden. Die farbige Bevölkerung ißt vorwie-gend vegetarisch und ist nicht so sehr auf Fleisch ange-wiesen. Für die Träger der Schutztruppe sieht man aber, wenn möglich, auch Fleischrationen vor.

Dem Vieh- und Wildreichtum in Ostafrika steht das Problem des Transportes durch tsetseverseuchte Gebie-te zu den Konsumenten in den Städten und im Krieg auch noch zu den Fronttruppen gegenüber. Deshalb war im Frieden einfach Schlachtvieh über See antranspor-tiert worden. Jetzt, im Krieg, können die Truppen im Felde durch Wild wie Elefant, Nilpferd und Giraffe ver-sorgt werden, für die Stadtbevölkerung wird dagegen auf die auch für die Tropen gesündere vegetarische Er-nährung übergegangen. Auch die einheimische Bevöl-kerung lebt ja überwiegend vegetarisch. Selbst die vieh-züchtenden Stämme nutzen hauptsächlich die Milch ih-rer Tiere und schlachten sie nicht.

Die vermehrte Gewinnung von Salz, Zucker und Ölen wird von der Regierung eingeleitet und ihre Heran-schaffung in die Städte, in die Militärmagazine für die Verpflegung der Truppe, und in die Verpflegungsmaga-zine für die weiße Bevölkerung, veranlaßt. Außerdem werden Aufkaufposten für Lebensmittel von den Einhei-mischen von der Regierung eingerichtet. Durch all diese Maßnahmen braucht keine Rationierung von Lebens-mitteln eingeführt werden.

Mit dem Ende der Versorgung mit Milchprodukten aus der Dose sind Butter, Milch und Käse nur noch in Gebieten mit Viehwirtschaft erhältlich. Erfolgreich sind dann aber die Versuche für deutsche Kranke, Frauen und Kinder in Tsetsegebieten tsetsesichere Viehställe mit Stallfütterung zu bauen, um die Versorgung mit Milch wenigstens der Kranken und kleinen Kinder zu gewährleisten. Nach dem Aufbrauch der Milchkonser-ven ist Milch so auch in den Tsetsegebieten weiterhin ausreichend vorhanden und die Versorgung mit Milch für Kranke, Frauen und Kinder gesichert.

Die Verschickung von Butter in verlöteten Blechdosen von Farmen und Meie-reien an Frauen, Kinder und Lazarette in vieharme Ge-biete muß mit dem Ende der Blechvorräte eingestellt werden.

Mit dem kriegsbedingten Ende der Butterlieferungen aus Europa und Indien beginnen einheimische Vieh-züchter ihre Art von Butter – Samli genannt – für das Einfetten von Körper und Kleider als Ersatzbutter an die Weißen zu verkaufen. Diese von den Eingeborenen her-gestellte haltbare Butter wird nun auch von den Weißen verwendet und bald übernehmen indische Händler den Zwischenhandel für Samli.

Als Speisefett wird auch bald hervorragendes Sesamöl gewonnen, da die Sesampflanze schon 4-5 Monate nach der Aussaat erntereif ist. Aus Erdnüssen, Kokospalmen, Ölpalmen und anderen Pflanzen wird ebenfalls bald Speiseöl gewonnen. An tierischen Fetten wird schließ-lich das Fett von Flußpferden und das als besonders gut geltende Fett von Elefanten gewonnen.

Salz und Zucker wurden zur Friedenszeit weitgehend importiert. Der Salzbedarf kann aus der Saline Gottorp im Inneren der Kolonie und aus der verstärkt genutzten Gewinnung aus Salzpfannen an der Küste gedeckt wer-den. Zucker ist schwieriger in der Herstellung. Aus ih-ren großen Zuckerrohrpflanzungen stellten die Araber unreinen Melassezucker und Zuckersyrup für die schwarze Bevölkerung her. Nach Kriegsbeginn werden alle einheimischen Ressourcen genutzt. Der bisher nur für den Verbrauch der einheimischen Bevölkerung an-gebaute Zuckerrohr, der manchmal in der Qualität als brauner Zucker, oft aber nur als schwarzer klebriger Block angeboten, wird durch den Bau zweier Zentrifu-gen – eine am Pangani und eine am Rufiji – nun raffiniert und aus dem Rohzucker wird für Europäer genießbarer brauner Zucker. Dazu wird als Ersatz für weißen Zucker auch Honig von wilden Bienenschwärmen verwendet.

Auch die Truppe im Felde gewinnt nun, wie die schwar-ze Landbevölkerung, den Honig wilder Bienenschwär-me. Die Schwarzen hängen für die Honiggewinnung im ganzen Land hohle Baumstämme in die Bäume als Nist-gelegenheit für die Bienen und auch die selbst ange-legten Nester der wilden Bienen sind leicht zu finden, denn der spatzengroße Honiganzeiger gibt der Truppe auf Safari den Hinweis auf das nächste Nest. Mit der Plünderung des Nestes bekommt auch der Honiganzei-ger seine Beute: Die Bienenbrut.

Doch trotz der langen Erhaltung weißer Eßgewohnhei-ten durch Lagerbestände, Beute und einem Versor-gungsschiff gibt es aber schließlich kaum noch einen Unterschied in der Verpflegung von Weiß und Schwarz im Schutzgebiet. Die etwa 6000 Weißen in der Kolonie müssen nach Aufbrauch der für sie importierten Le-bensmittel ihre Eßgewohnheiten umstellen auf einhei-mische Küche, sofern nicht noch im Lande angebauter Reis und Weizen zur Verfügung steht, und man beginnt selbst Gemüse anzupflanzen als solches aus Europa aus der Dose zu essen. Gemüse wurde zu Friedenszeiten als Konserven importiert und nur in geringen Mengen selbst gezogen, da von den meisten Gemüsearten in den Tropen eine Saatzüchtung nicht möglich ist. Schon im Frieden waren die Missionsstationen mit ihren Gärten Hauptlieferanten für frisches Gemüse. Die Vielfalt afri-kanischer Sorten wird dabei von den Missionen berück-sichtigt und gepflanzt. Das im März 1916 eintreffende Versorgungsschiff Marie hat dann die aus der Heimat erbetene Gemüsesaat dabei und Gemüse kann wieder in größeren Mengen angebaut werden. Viele dieser Säme-reien europäischer Gemüse sind allerdings auf dem Transport unbrauchbar geworden, und auch die Vertei-lung von den noch brauchbaren Samen an die Missio-nen und Pflanzungen braucht seine Zeit.

Kaffee ist aus den Kaffeepflanzungen in Usambara und am Kilimandscharo reichlich vorhanden und vom wenig angebauten Kakao kann immerhin Schokolade für die Weißen hergestellt werden. Die Versorgung mit Kaffee und Kakao ist über die eigentlich für den Export gedach-ten Plantagen im Norden der Kolonie mehr als gedeckt. Dazu stellt die landwirtschaftliche Versuchsstation Amani aus entölten Kakaobohnen, Zucker und Erdnußöl eine sehr gute Schokolade her, die besonders von der Truppe als Patrouillenverpflegung geschätzt wird.

Im landwirtschaftlichen Institut Mpapua, für die Be-kämpfung von Viehkrankheiten eingerichtet, werden im Krieg unter anderem auch Medikamente hergestellt.

Mit dem Verlust von Anbaugebieten von Reis und Wei-zen seit dem Frühjahr 1916 durch die feindlichen Offen-siven wird die Umstellung auf einheimische Nahrungs-mittel unumgänglich und man entdeckt vorher nur den Schwarzen bekannte Nahrungsmittel ausgezeichneter Qualität und stellt aus einheimischen Pflanzen Mehl für das alltägliche Brot her. Die schwarzen Köche der Trup-pe und der Weißen können nun ungehindert von deut-schen Eßgewohnheiten auf die Vielzahl einheimischer Früchte zurückgreifen. Trotzdem verschlechtert sich seit 1916 durch den Verlust von landwirtschaftlichen Anbaugebieten in einigen Gegenden der Kolonie die Ernährungslage. Die Ankunft der Marie im März 1916 mit ihren Nachschubgütern entlastet die Lage ganz ein-deutig. Zum Abtransport der 50.000 Trägerlasten von der Marie werden von ihrem Ankerplatz in der Sudi-Bucht im Süden der Kolonie nach Daressalam und zu einem Lager auf dem Noto-Plateau im Landesinneren Etappenstraßen mit allen Einrichtungen wie den Nacht-lagern für die Träger gebaut.

Der schon vor dem Krieg unbedeutenden Fischerei wird erst im Krieg und sehr spät Beachtung geschenkt. Schließlich werden an den kleinen Binnenseen für die Versorgung von Schwarz und Weiß Fischfangkomman-dos eingerichtet, die den gefangenen Fisch auch trok-knen und so transportfähig machen für den Verbrauch bei der Truppe.

Der Unterschied in den Eßgewohnheiten zwischen den Weißen und den Schwarzen verschwindet im Laufe des Krieges immer mehr. Schließlich unterscheidet nur noch die Art des Verzehrens die Rassen. Wenn aber bei der Truppe im Feld ein Weißer im Kampfgeschehen sein Eßbesteck verloren hat, sind die Eßgewohnheiten zwischen Weiß und Schwarz vollends gleich. 

Aus Sicht der Deutschen ist ihr Hauptproblem nach der Lebensmittelversorgung Tabak und Alkohol. Beides ist bei Kriegsbeginn reichlich in der Kolonie vorhanden und wird, da man nicht mit einer langen Dauer des Krieges rechnet, ausgiebig verbraucht. Als das Versor-gungsschiff Marie im März 1916 in der Kolonie eintrifft, und noch einmal einen kleinen Vorrat an Alkohol und Tabak mitbringt, sind die Vorräte an beidem an Vor-kriegsware in der Kolonie für die 4000 Männer der wei-ßen Bewohnerschaft nahezu verbraucht. Bald nach Kriegsbeginn wird natürlich schon mit der zu Friedens-zeiten illegalen Herstellung von Alkohol in unzähligen privaten Brennereien, und in den Städten auch in Fabriken, begonnen. Aufgrund der besonderen Lage des Krieges, und auch wegen der Unmöglichkeit einer wirklichen Kontrolle im Krieg, sehen die Behörden über diese Selbstversorgung der Bevölkerung mit Schnaps hinweg. Die Behörden würden sich bei der Bevölkerung, ob Schwarz ob Weiß, bei einer strengen Verfolgung auch nur unbeliebt machen. Allerdings werden Schnapsbrennereien von Goanesen, oft portugiesisch-indische Mischlinge aus der portugiesischen Kolonie Goa in Indien, von Griechen und von Indern dichtge-macht, wenn ihr Fusel für die Schwarzen allzu gesund-heitsgefährdend ist.

Guten Alkohol, Wein und Spirituosen aus Friedenszei-ten können die Inder noch lange, dann aber zu astrono-mischen Preisen, an die Weißen verkaufen. Sie halten die kostbaren Flaschen in ihren Moscheen versteckt. Der Krieg trägt ohne Zweifel zu dem im Frieden schon stark verbreiteten Alkoholismus unter den Weißen bei. Doch der Alkohol an sich geht nicht aus. Aus allen mög-lichen Pflanzen wird Alkohol hergestellt in natürlich unkonzessionierten Kleinbetrieben. Die deutsche Brau-erei Schultz in Daressalam kann bis in das Jahr 1916 wei-ter produzieren, bis ihr die Hopfenvorräte ausgehen und sie auf Whisky-Herstellung umsteigt.

Unter den Kriegsverhältnissen werden nun fast alle Männer Raucher und Rauchwaren aus Europa werden beizeiten Mangelware. Für den Tabakanbau in der Kolo-nie waren im Frieden schon vielversprechende Versu-che gemacht worden und der Anbau hatte begonnen. Jetzt wird der Anbau forciert, wobei auch Lehrgeld durch unsachgemäße Bearbeitung des Tabaks gezahlt werden muß. Die Einheimischen rauchen aber auch die-se für Europäer zu starken Tabake gerne. Im Kiliman-dscharo-Gebiet wird auch ägyptischer Tabak angebaut und von Goanesen und Indern zu hervorragendem Ta-bak für Zigaretten verarbeitet. In den Städten entstehen Fabriken zur Herstellung von Zigaretten, die sowohl die Städte selbst wie auch die Armee versorgen. Pfeifenta-bak ist überall erhältlich und wird auch über die Grenze von Portugiesisch Ostafrika hereingebracht.

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Gesundheit

Da die Gesundheitsfürsorge in der Kolonie für Schwarz und Weiß ausgezeichnet ist geht dieses vorbildliche Behandlungssystem nahtlos in die Kriegszeit über. Es gibt zwar nur zwei Zahnärzte in der Kolonie, die aber zu Friedenszeiten ausreichten und nun auch in der Kriegs-zeit reichen. Die Schwarzen pflegen ihre durchweg gu-ten Zähne ausgiebig mittels eines an einem Ende zer-fasertem Holzstab.

Die deutschen Frauen in Ostafrika, in Verbänden wie dem Roten Kreuz oder dem Frauenbund organisiert, richten Komitees für verschiedenen Aufgaben ein. Dazu gehört auch die Einrichtung für die Lazarette, für die sich viele auch als Krankenschwestern melden und ohne die im Krieg die Versorgung der Verletzten und Kranken nicht zu bewerkstelligen wäre.

Das gesundheitliche Hauptproblem ist die Versorgung der weißen Bevölkerung mit Chinin, dem bewährten Mittel gegen Malaria. Große amtliche und private Vor-räte und der Kauf von Chinin über das lange noch neu-trale Portugiesisch Ostafrika strecken, mit größter Spar-samkeit am Verbrauch des wichtigen Stoffes, die Zeit bis zur Herstellung von genügend Chinin in der Kolonie selbst. Kriegsbeute an Chinin und eine wenn auch gerin-ge Menge an Bord der Marie bringen weiteres Chinin ins Land. Schon im Frieden waren Chinarindenbäume auf zwei Versuchspflanzungen gesetzt worden und brin-gen nun ausgezeichnete Ergebnisse an Chinin. In Frie-denszeiten war Chinin preisgünstig hauptsächlich aus Java importiert worden, sodaß an eine wirtschaftliche Ausbeutung der Pflanzungen nicht herangegangen wor-den war. Nun erweisen sich die eigentlich überflüssigen Chinarindenbaumpflanzungen als Glücksfall für die Ko-lonie. Dank der Chemiker und Apotheker in der Kolonie kann genug Chinin aus Chinarinde gewonnen werden für die gesundheitliche Aufrechterhaltung von Truppe und Schutzgebiet gegen die Malaria, da ansonsten auf-grund von hohen Personalausfällen durch die Krankheit die Kolonie nicht zu halten wäre.

Die Ärzte und Apotheker in der Kolonie können aus der Vielzahl an Pflanzen im Lande alle benötigten Heilmittel herstellen und auch Mundwasser, Zahnpasta und Ra-sierseife kann der Regierungsapotheker gebrauchsfer-tig bereitstellen.

Die hervorragende deutsche Seuchenbekämpfung in den Kolonien hat selbstverständlich auch seine Wohlta-ten bei Weiß und Schwarz in Deutsch Ostafrika getan. Leider werden durch die kriegsnotwendige Heranzie-hung von Trägern aus verseuchten Gebieten Tropen-krankheiten wieder in gereinigte Gebiete verschleppt. Durch scharfe Vorschriften für die Lagerplätze der Trup-pe wie niemals einen Lagerplatz ein zweites Mal benut-zen, Anlage von Latrinen weg vom Lagerplatz, zuschüt-ten der Latrinen beim Abbruch des Lagers und einer Reihe weiterer Vorschriften, wie zum Beispiel das Ver-bot in Eingeborenenhütten zu schlafen, kann die Ver-breitung von Krankheiten in der Truppe verhindert wer-den, zumal Verluste der Truppe durch Krankheiten bei einer schon vorhandenen Unterzahl von 10 : 1 gegenüber den Gegnern auf keinen Fall in Kauf genommen werden können.

Ein Problem, das schon im Süden der Kolonie durch die zu geringen Regenfälle 1913/14 Mitte 1914 aufgetreten war, wird durch die ebenfalls zu geringen Regenfälle 1914/15 im Süden durch den Krieg, der wirksame Maß-nahmen schon im Herbst 1914 behinderte, da Transpor-te über See von Daressalam nach Lindi unmöglich ge-worden sind durch die englische Seeblockade, und bei Landtransporten die Träger beim Transport und der Rückkehr vom Zielort mehr Lebensmittel selbst ver-brauchen würden als sie überhaupt tragen können, noch verschärft: Die Hungersnot besonders im Bezirk Lindi. Das Bezirksamt Lindi schätzt die Zahl der Hunger-toten im Bezirk auf 2000.

Ein anderes Problem des Trägertransportes sind Ge-schwüre und Entzündungen bei Trägern, besonders beim Durchqueren von Sumpfgebieten. Sehr schlimm kann sich die Gesundheitslage der Träger bei plötzlich notwendigen Trägertransporten bei schnellen Frontver-schiebungen ergeben wie das in der zweiten Kriegshälf-te durch den Vormarsch der Feindkräfte in Deutsch Ostafrika zeitweise der Fall ist. Bei diesen Operationen des Bewegungskrieges müssen Träger zwangsweise aus-gehoben werden und durch ihre Überforderung kommt es zu hohen Todesraten unter ihnen, nicht anders wie bei den Trägern der Gegnermächte Deutschlands auf dem Kriegsschauplatz Ostafrika.     

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Die Lage bei Kriegsbeginn

Im Vertrauen auf die Kongoakte von 1885, daß im Falle eines Krieges in Europa die Kolonien in Zentral- und Ostafrika neutral bleiben würden, schickt das Reichs-kolonialamt am 2. August 1914 eine Nachricht nach Ost-afrika: »Beruhigt Ansiedler, Schutzgebiete außer Kriegs-gefahr.«

An ein Übergreifen eines Krieges in Europa auf die Kolo-nien in Afrika denkt niemand, außer den Vertretern der Schiffahrtslinien, die ihre eigenen schnellen Nachrich-tenverbindungen über die Ereignisse in Europa haben, und dem Kommandanten der Königsberg als ältestem Offizier der Ostafrikanischen Station, der unmittelbar vom Admiralstab informiert wird.

Seit Ende Juli 1914 wird die Seekabelverbindung nach Deutsch Ostafrika, die sich in britischen Händen befin-det, systematisch gestört und die Nachrichten aus Euro-pa über das Kabel gefiltert und verstümmelt, um die politische Führung in Daressalam im Unklaren über die politischen Verhältnisse in Europa zu lassen. Die tech-nisch noch unsichere Funkverbindung von Nauen bei Berlin über Kamina in Togo und Windhuk in Südwest nach Daressalam kann nur ungenügenden Ersatz für die normalerweise klare und schnelle Nachrichtenverbin-dung über das Seekabel liefern. So beginnt die Regie-rung vorsichtshalber Akten, Dokumente und Geldbe-stände ins Inland nach Morogoro und Tabora zu ver-lagern, um sie bei einem britischen Handstreich auf Daressalam aus dem nahen Sansibar in Sicherheit zu haben, während die Regierung in Daressalam verbleibt.

Auch in Ostafrika hat sich England auf einen Angriffs-krieg gegen Deutschland vorbereitet und suchte syste-matisch mit militärischen Agenten, getarnt als Jäger auf Expedition in der deutschen Kolonie, das Land für die militärische Eroberung zu erforschen. Selbst der Ver-treter Englands in Daressalam, Konsul Norman King, ist an der Spionagetätigkeit beteiligt und sucht aus den Of-fizieren der deutschen Marine und Schutztruppe durch ostentativ freundschaftliche Beziehungen zu ihnen mili-tärische Informationen aus ihnen herauszubekommen.

Sofort nach seiner Abfahrt aus Daressalam im August begibt sich Konsul King zum Hauptquartier der British East Africa Expeditionary Force in Simla in Indien. Noch im August 1914 erscheint in Indien bereits das für die Verwendung bei den britischen Truppen von ihm geschriebene Werk Field Notes on German East Africa, General Staff India, mit genauen Angaben über die deutschen Truppen in Ostafrika, ihre Bewaffnung und sonstige militärisch wichtige Angaben für die Inva-sion der deutschen Kolonie.

So erscheint bereits am 31. Juli das in Kapstadt statio-nierte britische Geschwader in kriegsmäßig abgeblen-deten Lichtern vor Daressalam und sucht seit dem 1. August – noch mitten im Frieden – innerhalb der deut-schen Hoheitsgewässer, ohne deutsche Genehmigung dazu, nach deutschen Kriegsschiffen, insbesondere nach der Königsberg, die aber zu dieser Zeit im nörd-lichen Indischen Ozean steht.

Der Kommandeur der Schutztruppe ist auf einer Inspek-tionsreise im Landesinneren als er die Nachricht über die Kriegsgefahr in Europa erhält. Lettow-Vorbeck:

»In Kilossa gelang es, einen Güterzug zu erreichen und so traf ich am 3. August in Daressalam ein. Hier herrsch-te rege Tätigkeit. Die Kriegserklärung [vom 1. August von Deutschland an Rußland, da Rußland mobil gemacht hatte gegen Deutschland] war mitten in die Vorberei-tung zu einer großen Ausstellung hineingetroffen, zu deren Programm auch die feierliche Eröffnung der Tan-ganjikabahn gehören sollte. Zahlreiche Deutsche waren zum Besuch in Daressalam eingetroffen und konnten nicht wieder abreisen. – In unserem Deutsch-Ostafrika war bei Kriegsbeginn in der weißen Bevölkerung wenig Begeisterung und Kriegsstimmung zu spüren.«

Die deutsche Bevölkerung der Kolonie vergrößert sich bei Kriegsbeginn und nach Kriegsbeginn sogar noch. Bei Kriegsbeginn kommen zur deutschen Friedensbevölke-rung noch die bereits eingetroffenen Gäste der II. Lan-desausstellung, Besucher der Kolonie wie Wissen-schaftler, Geschäftsreisende, Jagdurlauber und so weiter und die Besatzungen der deutschen Kriegs- und Han-delsschiffe in den Häfen Deutsch Ostafrikas hinzu. Die Königsberg übernimmt bei ihrer Kriegsfahrt im Au-gust/September 1914 im Indischen Ozean vom deut-schen Passagierschiff Zieten noch den größten Teil der auf dem Heimweg nach Deutschland befindlichen etwa 100 Mann starken abgelösten Besatzung des im Pazifik stationierten Vermessungsschiffes Planet. Die verblie-benen Planet-Besatzungsmitglieder und die Wehr-pflichtigen der Zieten kommen später von dem nach Portugiesisch Ostafrika in Sicherheit gefahrenen Passa-gierschiffes nach Deutsch Ostafrika nach. Auch Reser-visten des Dampfers Khalif des Norddeutschen Lloyd treffen aus Portugiesisch Ostafrika ein und in den Mo-naten nach Kriegsausbruch treffen noch aus anderen Nachbarkolonien Deutsche ein, wie die Reservisten aus Portugiesisch Ostafrika und einige denen die Flucht aus den südafrikanischen Kolonien der Briten gelingt. Auch die 31 Mann der Besatzung des im April 1915 aus Deutschland eintreffenden Versorgungsschiffes Rubens bleiben in der Kolonie und fünf Besatzungsmitglieder des im März 1916 eintreffenden Versorgungsschiffes Marie. Die Marie fährt mit der unbedingt nötigen Be-satzung weiter nach Holländisch Indien. Zu der deut-schen Bevölkerung des Schutzgebietes von etwa vierein-halbtausend Menschen kommen so noch etwa tausend hinzu.

Als am 5. August 1914 der Gouverneur Heinrich Schnee für Deutsch Ostafrika aufgrund der in Daressalam von der deutschen Großfunkstation Kamina in Togo aufge-fangenen Nachricht der englischen Kriegserklärung an Deutschland den Kriegszustand für die Kolonie erklärt, bleibt die Verwaltung vollständig in ziviler Hand und die erfahrenen Bezirksamtmänner führen mit ihren weißen Beamten und schwarzen Unterbeamten weiterhin die Kolonie. Das Schutzgebiet ist aber gänzlich auf die typi-sche außenwirtschaftlich gerichtete Struktur einer Ko-lonie aufgebaut. Die Verkehrswege führen zu den Häfen Tanga und Daressalam zum Export der Landesgüter und umgekehrt zum Import von Gütern zu den Hafenstädten und den exportierenden Gebieten im Schutzgebiet. Ein das Land selbst erschließendes und verbindendes Ver-kehrsnetz gibt es nicht und somit auch keine Binnen-wirtschaft. Niemand hatte je daran gedacht das riesige Land zu einem wirtschaftlich selbständig lebensfähigen Staatswesen auszubauen. Es gilt das rein kolonialistische Wirtschaftsprinzip der bestmöglichen Nutzung der Ko-lonie als Teil der deutschen Volkswirtschaft.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ist durch die Seeherrschaft der britischen Flotte Deutsch Ostafrika sofort von seinen Seeverbindungen abgeschnitten und folglich ist seine Wirtschaftsstruktur von einem zum anderen Tag hinfällig. Die Aufgabe der kolonialen Wirt-schaft, zu exportieren, ist unmöglich geworden, und die Einfuhr aller in der Kolonie gebrauchten Güter ist nun auch unmöglich. Aber statt des wirtschaftlichen Zusam-menbruchs der Kolonie führt der Krieg die Wirtschaft durch die fähige politische Führung in Deutsch Ost-afrika schnell zur totalen Eigenversorgung und schafft auch noch die zusätzliche Aufgabe der Versorgung des plötzlich auftretenden Großverbrauchers Armee mit Lebensmitteln und Militärausrüstung. Eine phantasti-sche Leistung von Führung und Wirtschaft in der Kolo-nie, die vor dem Krieg niemand für möglich gehalten hätte. Deutsche Tugenden und Fähigkeiten machen das scheinbar Unmögliche möglich.

Eine große Starthilfe für das ›Unternehmen Selbstver-sorgung‹ sind die für die II. Landesausstellung – die Mitte August eröffnet werden sollte – eingeführten Vorräte. Am 31. Juli und am 2. August treffen noch die großen Dampfer Tabora und Feldmarschall der Deut-schen Ost-Afrika-Linie in Daressalam ein mit vielen Vor-räten und Material für die Landesausstellung. So ist eine wichtige Grundlage für das Übergehen von der Ein- und Ausfuhrwirtschaft auf die Binnenwirtschaft gegeben.

Einen Wirtschaftsverkehr mit den angrenzenden Kolo-nien gibt es fast nicht und so entsteht durch den Kriegs-ausbruch und dem Ende des Grenzverkehrs mit den meisten angrenzenden Kolonien keine wirtschaftliche Benachteiligung. Der Umbau der Wirtschaft sieht die sofort notwendige Herstellung der Eigenversorgung mit Lebensmitteln, welche durch das schnelle Wachstum von Pflanzen in den Tropen gestützt wird, und die eben-so schnelle Herstellung von Straßen, die das Land im Inneren miteinander verbinden, um die nun im Lande hergestellten Güter auch im Lande verteilen zu können. Beides gelingt.

Für die schnelle Herstellung der landwirtschaftlichen Eigenversorgung kann auf die riesigen Plantagen für Exportprodukte wie Sisal, Baumwolle, Kaffee und Kapok zurückgegriffen werden, die nun sofort auf ihren Flä-chen Nahrungsmittel anbauen und auch die schwarze Bevölkerung wird aufgefordert verstärkt Lebensmittel anzubauen.

Von Nachteil scheint dabei zu sein, daß gerade die wich-tigsten deutschen Siedlungs- und Anbaugebiete weit im Norden in den Bergregionen von Meru, Kilimandscha-ro, Pare und Usambara liegen, nahe der Grenze zum Hauptgegner Britisch Ostafrika. Die deutschen Truppen werden dort aber schnell offensiv und die Kampfzone liegt weitgehend in der Steppe des südlichen Kenia, sodaß die wichtigen Wirtschaftsgebiete im Norden des deutschen Ostafrika vorläufig geschützt sind.   

Verkehrstechnisch ist die Kolonie auf die Häfen am Indischen Ozean ausgerichtet, von denen die Straßen und Bahnen nach Osten ins Landesinnere abgehen. Im Norden von der Hafenstadt Tanga die Usambarabahn nach Moschi und von Daressalam die Mittellandbahn durch die ganze Mitte der Kolonie bis nach Kigoma am Tanganjikasee. Die Hauptverkehrwege laufen also von Ost nach West, ohne Verbindungen zwischen ihnen, bis auf den Seeweg die Meeresküste entlang und auf dem Tanganjikasee. Der Küstenseeverkehr kommt durch die englische Seeblockade der Kolonie zum Erliegen, wäh-rend der Verkehr auf dem Tanganjikasee durch die deutsche Herrschaft auf dem See, durch Militär- und Lebensmitteltransporte vermehrt, auf deutscher Seite ungestört weiterläuft. Für die binnenwirtschaftliche Eigenversorgung ist das Verkehrswesen der Kolonie aber nicht eingerichtet. Eine die verschiedenen Gebiete Deutsch Ostafrikas verbindende Infrastruktur gibt es nicht. Um aber insbesondere die Lebensmittel herstel-lenden Bezirke mit den anderen Bezirken des Landes verkehrstechnisch zu verbinden müssen hauptsächlich Nord-Süd-verlaufende Straßen gebaut werden. Da sowie-so schon große Zahlen an Arbeitskräften im Bahn- und Wegebau eingesetzt sind, können sofort nach Kriegsbe-ginn mit hunderttausenden von schwarzen Arbeitskräf-ten diese Straßen – die Etappenstraßen – gebaut und auf den Köpfen der weitgehend selben hunderttausenden wird der nun entstehende innere Wirtschaftsverkehr der ostafrikanischen Kolonie abgewickelt, der haupt-sächlich aus Lebensmitteltransporten besteht. Durch diese Straßen bekommen die beiden Bahnlinien durch die Schnittpunkte der neuen Straßen mit der Bahn auch einen höheren Wirkungsgrad. Die erste Etappenstraße ist die von Mombo an der Usambarabahn nach Moro-goro an der Mittellandbahn. Für diese Strecke brauchen Träger auf der neuen Straße zwölf Tagesmärsche.

Die neuen Verkehrswege müssen sowohl den militäri-schen Anforderungen als auch den wirtschaftlichen Anforderungen genügen und sind vollkommen auf den Transport mit Trägerkolonnen ausgelegt. Motorfahr-zeuge sind in der Kolonie im August 1914 nur sehr we-nige vorhanden und es könnte auch weder genügend Treibstoff aus Pflanzenmaterial hergestellt werden noch ist eine Industrie für die Herstellung von Fahrzeug-ersatzteilen im großen Rahmen möglich.

Die Bahnlinien können weiter betrieben werden, die Lokomotiven werden sowieso mit Holz aus dem Lande befeuert, aber für einen Ausbau des Eisenbahnnetzes können nun keine Schienen und kein rollendes Mate-rial mehr aus Deutschland herangebracht werden. Im-merhin kann mit dem in der Kolonie bereits vorhan-denem Material, und der Abgabe von Schienen aus der Mittellandbahn, etwa von Nebengleisen, von Tabora aus doch noch ein vierzig Kilometer langes Stück in Rich-tung Norden gebaut werden, wodurch der Transportweg in den Bezirk Muansa am Viktoriasee um zwei Tages-märsche für die Träger verkürzt wird.

Durch die Beschlagnahme von Schmalspurbahnen von den Pflanzungen kann eine einige Dutzend Kilometer lange Kleinbahnstrecke für die militärische und wirt-schaftliche Nutzung von der Usambarabahn ab Mombo in Richtung Mittellandbahn gebaut werden. Die Bahn kann zwar nicht mit Dampfmaschinen betrieben wer-den, aber auch der Handbetrieb erspart drei Marschtage auf der Strecke, sodaß sich die Marschtage von zwölf auf neun auf der Strecke Mombo-Morogoro verringern.

Die Verwendung von Zug- und Reittieren bleibt durch die weite Verbreitung der Tsetse-Fliege auch weiterhin weitgehend ausgeschlossen. Nur in wenigen Gegenden können deshalb einige Esel für Transportzwecke ein-gesetzt werden oder in den Tsetse-freien Hochlagen im Norden burische Treckwagen, die von Ochsen gezogen werden, wie sie auch in Südwestafrika benutzt werden. Die Haupttransportlast auf den neuen Verkehrswegen durch die Kolonie muß also von Trägerkolonnen bewäl-tigt werden, für die im Abstand eines Tagesmarsches auf den neuen Straßen Rastlager eingerichtet werden.

Der Oberkommandierende der deutschen Truppen in Ostafrika, Paul von Lettow-Vorbeck, über die Verkehrs-lage am Kilimandscharo, wo die einzigen Kraftfahrzeuge der Kolonie eingesetzt werden:

»Der für den Verkehr von Ochsenwagen und Automo-bilen so wichtige Wegebau zwang zur Anlage fester Brücken. Ingenieur Rentel, zur Truppe eingezogen, baute über den reißenden Kikasustrom aus Steinen und Beton eine mächtige Bogenbrücke auf gewaltigen Pfei-lern. Den Wassermassen, die vom Kilimandscharo in der Regenzeit in das 20 m tiefe, steile Bett herabstürzten, hatte bisher keine Holzbrücke standgehalten.«

Über den Brückenbau und weitere durch den Krieg er-zwungene Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwick-lung Deutsch Ostafrikas schreibt Lettow:

»Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie be-fruchtend der Krieg und seine Forderungen auf das ge-samte Wirtschaftsleben eingewirkt haben.«

Die deutsche Truppe in Ostafrika verfügt über wenige PKW und LKW. Lettow-Vorbeck: »Für den Verkehr von Neu Moschi nach Taveta [deutschbesetzter Ort in Briti-sch Ostafrika] leistete ein Auto soviel wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung beanspruchten.« Motor-fahrzeuge sind zudem resistent gegen Tropenkrankhei-ten und Mücken. Nur leider kann die Kolonie eben fast keine Motorfahrzeuge nutzen. Die Briten hingegen set-zen sie in Ostafrika in großer Zahl ein. Sie stammen hauptsächlich von Ford aus den USA.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Umstellung der Wirt-schaft ergibt sich aus den für die neue Lage fehlenden schnellen militärischen und wirtschaftlichen Nachrich-tenverbindungen. Die Post- und Telegraphenverwaltung stellt Telegraphenbau-Kolonnen auf, die mit allen mög-lichen Behelfsmitteln Telefonleitungen durch die Kolo-nie legen. Als Leitungsmaterial wird hauptsächlich Stacheldraht von den Pflanzungen verwendet, der zum Schutz vor Raubtieren benutzt worden war. Später wer-den die stählernen Trossen von Schiffen auseinander-gezwirbelt und zu Telefondraht.

Viel Telefonmaterial kann von den Gegnern erbeutet werden. So im November 1914 beim Überfall zweier deutscher Schiffe auf dem Tanganjikasee auf das im britischen Protektorat Nordrhodesien gelegene Kasa-kalawe, wo viel Telegraphenmaterial für die im Bau gewesene britische Telegraphenlinie Kap-Kairo lagerte. Das Versorgungsschiff Marie bringt im März 1916 500 Kilometer isoliertes Telefonkabel mit und viele Telefon-apparate und sonstiges Material für den Telefonverkehr. Als Isolatoren auf den Telegraphenstangen dienen Fla-schenhälse, von denen genügend im Schutzgebiet vor-handen sind. Alle in den Städten entbehrlichen Telefon-apparate werden eingezogen und vom Gegner erbeutete Telefone für den deutschen Bedarf umgerüstet. So wer-den im Krieg über 12.000 Kilometer Telefonleitungen in der Kolonie gelegt. Alle im Frieden noch nicht an das Telegraphen- und Telefonnetz angeschlossene Gebiete der Kolonie werden nun im Krieg an das Netz ange-schlossen. Die Leitungen müssen so hoch über dem Bo-den verlegt werden, daß Giraffen die Kabel nicht umrei-ßen können.

Jeder Truppenteil und viele, die im behördlich Auftrag im Lande unterwegs sind wie Verpflegungsaufkäufer, haben Telefonapparate bei sich und können sich damit jederzeit an ein Kabel anschließen, sofern eines in der Nähe befindlich ist. Trotz Verbotes klinkt sich natürlich jeder so oft wie möglich unter Vorwänden in das Netz ein, um neueste Nachrichten zu erfahren, weshalb es oft zu Störungen wegen Überlastung des Netzes kommt. So sammeln sich die Deutschen in der Umgebung von ab-gelegenen Posten mit Telefon- oder Telegraphenan-schluß oft täglich, um sich die dort aufgeschriebenen Meldungen vorlesen zu lassen, auch wenn die meisten dieser Telefonate und Telegraphenmeldungen sie ei-gentlich nichts angehen. Aber man will doch verständ-licherweise darüber informiert sein, was in der Kolonie vorgeht.

Viele nicht an das Telefon- und Telegraphennetz ange-schlossene Missionen, Plantagen und Ortschaften hal-ten über Heliograph Verbindung zur nächsten Telefon/Telegraphenstation. Der Heliograph war bis zur Einfüh-rung der Funkgeräte das Hauptnachrichtenmittel bei der Schutztruppe gewesen. Die Verwaltung übernahm dann viele der von der Schutztruppe ausgebildeten Signalmänner in ihre Dienste für den Nachrichtenver-kehr mit Heliographen. Bei der Verläßlichkeit des täg-lichen Sonnenscheins in der Kolonie ist der Heliograph ein sicheres Nachrichtenmittel. Bei sorgfältiger und ge-schickter Bedienung der Apparate ist eine Signalüber-mittlung von 150 Worten in der Minute auf Entfer-nungen bis zu 150 Kilometern bei klarem Wetter mög-lich. Bei Nacht kann man mit Acethylen-Licht bis zu 60 Kilometer weit morsen.

Die von all diesen Nachrichtenmitteln ausgeschlosse-nen Posten und Orte erhalten täglich durch Boten die für sie wichtigen Meldungen zugeschickt. Die im Frie-den bewährte Botenpost wird selbstverständlich im Krieg weitergeführt. Selbst auf dem Marsch im Busch in entlegenen Gegenden befindliche Weiße werden von den schwarzen Boten aufgestöbert.

Die beiden Zeitungen der Kolonie in Tanga und Dares-salam erscheinen weiterhin, solange es der Papiervorrat und die Kriegslage erlaubt, bis weit ins Jahr 1916 hinein.

Der Umbau der Wirtschaft und des Verkehrswesens bis zum reibungslosen Ablauf dauert natürlich einige Mo-nate. Je mehr sich aber die neuen Verhältnisse einspie-len, desto besser werden von Monat zu Monat die Ergeb-nisse. Ein Beispiel dafür ist das Trägerwesen auf den neu erbauten Etappenstraßen zur Versorgung der Fronttrup-pen mit Nachschub und, wenn notwendig, der Versor-gung der Bevölkerung mit Lebensmitteln in Gegenden, in denen durch mangelnden Regen die Ernte nicht aus-reicht. Unmittelbar nach der Fertigstellung der ersten Etappenstraßen, und von Vorratslagern der Schutztrup-pe an den Straßen, sind auch die Karawanen der Träger auf ihnen unterwegs. Jede Karawane besteht aus mehre-ren hundert Trägern, die nach Ankunft am Vorratslager ihre Last empfangen und losmarschieren. Nach acht bis zehn Stunden Marsch wird mitten in der Wildnis gela-gert, gekocht und geschlafen. Am nächsten Morgen geht der Marsch weiter, bis nach einigen Tagen das Ziel erreicht ist.

In den Nachtlagern im Busch wird bei Regen und Kälte übernachtet und mit den allgemeinen Strapazen des Lastentragens ergeben sich hohe Krankenzahlen der Träger. Als das Problem erkannt wird, geht man sofort daran feste Nachtlager im Abstand von einem Tages-marsch einzurichten, mit Verpflegung am Nachtlager, und mit ärztlicher Betreuung der Träger auf dem Marsch.

Die Etappenstraßen werden überall in der Kolonie aus-gebaut zu großzügig angelegten Straßen für die vielen zehntausenden von Trägern, die im festen Arbeitsver-hältnis mit der Regierung stehen, für den Transport von riesigen Mengen an Vorräten durch die Kolonie. Außer-dem wird der Trägerdienst umgestellt vom tagelangen Marsch, und somit auch tagelanger Marschentfernung von den Wohnorten der Träger, zu je einem Tages-marsch, an dem die Träger von einer dort beheimateten Trägerkolonne abgelöst werden, und so können er-krankte Träger auch leichter abgelöst werden. Natürlich dauert es einige Zeit, bis in der ganzen Kolonie dieses Transportsystem voll ausgebaut ist.