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Die Landesausstellung 1914

In Daressalam laufen die Vorbereitungen für die »II. Allgemeine Deutsch-Ostafrikanische Landes-Ausstel-lung« im August, für die auch viele hochrangige und prominente Besucher aus Deutschland erwartet werden. Die Ausstellung soll die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutsch Ostafrikas im besten Licht dar-stellen. In Daressalam und anderen Orten der Kolonie sind Veranstaltungen im Rahmen der II. Landesaus-stellung vorgesehen. Die Vorbereitungen für die Aus-stellung laufen bereits seit 1913. Dazu gehört natürlich auch die Ankunft des modernen Kreuzers Königsberg mit seiner über 300 Mann starken Besatzung in Daressalam. Dafür hatte der Kaiser am 17. März 1914 eine entsprechende Order erlassen:

»Mein Kleiner Kreuzer Königsberg soll nach Herstel-lung der Seebereitschaft die Ausreise auf die afrikani-sche Station durch den Suezkanal antreten.«

Bisher waren nur kleine und veraltete Kolonialkreuzer an der ostafrikanischen Station zu sehen gewesen und schon seit längerem hatte das Reichskolonialamt, Sied-ler, Kommandanten von Stationskreuzern und zuletzt das Organisationskomitee der Landesausstellung um Entsendung eines ansehnlichen Schiffes gebeten. Auf Anordnung des Kaisers wird nun dieser moderne Kreuzer zum Repräsentieren nach Ostafrika geschickt.

Im Morgengrauen des 6. Juni weist der Leuchtturm von Makatumbe der Königsberg den Weg in die Einfahrt nach Daressalam. Um 8 Uhr morgens rundet das Kriegs-schiff die scharf gekrümmte enge Hafeneinfahrt von Daressalam und macht an der bereitgehaltenen Boje am Eingang zum Creek fest. Donnernd hallt der Gouver-neurssalut des Kreuzers, vielfach zurückgeworfen vom Strand der inneren Bucht, von Kirchen und Gebäuden über den Hafen. Hunderte von Europäern und tausende von Eingeborenen versammeln sich am Strand. In weni-gen Minuten ist das Schiff von zahllosen Booten umge-ben.

Die Königsberg kann sich sehen lassen, sie hat mehr Schornsteine als die meisten fremden Kriegsschiffe an der ostafrikanischen Küste. Der deutsche Kaiser hat ein „Manowari ya bomba tuta“, ein Kriegsschiff mit drei großen Feuerrohren, entsandt. Die Zahl und Größe der Schornsteine gilt als Symbol für die Stärke eines Kriegs-schiffes.

Nun läuft das offizielle Empfangsprogramm ab. Gouver-neur, Behördenvertreter, Marine- und Schutztruppenof-fiziere begrüßen das Schiff. Für die bevorstehende Feier des 25jährigen Bestehens der Schutztruppe, die wäh-rend der Landesausstellung stattfindet, hat die Königs-berg ein Ehrengeschenk der Marine mitgebracht, große Schiffsmodelle, die auch auf der Landesausstellung ge-zeigt werden sollen. Vom Kommandanten des Stations-schiffs Geier übernimmt Fregattenkapitän Max Looff die Geschäfte des Ältesten Offiziers der Ostafrikani-schen Station und Looff stattet auch allen Landbehör-den entsprechende Antrittsbesuche ab.

Am Nachmittag des 12. Juni läuft das bisherige Stations-schiff Geier aus Daressalam aus und wird dabei von der Königsberg und der Schutztruppe verabschiedet. Dazu ist die Daressalamer Kompanie der Schutztruppe mit ihrer Musikkappelle an der Ausfahrt angetreten. Mit ihr, wie mit der Königs-berg, wechselt der alte Kreuzer drei Hurras. Die Geier ist 1894 in Dienst gestellt worden und trotz Modernisierung 1908/09 nun doch veraltet, wes-halb sie im Mai 1914 vom Kleinen Kreuzer zum Kano-nenboot umklassifiziert wurde. Für eine Stationierung in der Südsee reicht sie aber noch allemale aus und so geht sie nach Deutsch Neuguinea. Nach verschiedenen Besuchsaufenthalten auf der Fahrt soll sie am 1. Okto-ber 1914 in Rabaul eintreffen.

Die Königsberg wird noch Übungsfahrten an der Küste, zur bisher aus Zeitmangel vernachlässigten Ausbildung der Besatzung, unternehmen und dabei auch Küsten-städte der Kolonie anlaufen, um schließlich im August während der Eröffnungsfeierlichkeiten für die Landes-ausstellung in Daressalam zu liegen, zusammen mit dem zweiten Schiff auf der Ostafrikanischen Station, dem modernen Vermessungsschiff Möwe mit seiner gut hundert Mann starken Besatzung. Die Möwe führt Vermessungsarbeiten in den Küstengewässern von Deutsch Ostafrika durch und wird auch rechtzeitig zur Eröffnung der Landesausstellung in Daressalam sein.


Die Hauptveranstaltungen der Landesausstellung wer-den natürlich in der Hauptstadt der Kolonie mit ihrer großzügigen Architektur in tropischer Kulisse stattfin-den. Der Brite Charles Miller beschreibt den Anblick von Daressalam bei der Einfahrt von See in die Stadt: »Als ihre Dampfschiffe die enge Hafeneinfahrt durch-querten, sahen die Touristen entlang dem breiten mit Palmen bestandenen Strand ein Panorama moderner Bürogebäude und Kirchtürme. An Land erblickten sie den Gouverneurspalast mit seiner beeindruckenden weißen Säulengalerie und den orientalischen Rund-bögen.«

Der Fertigstellung der Mittellandbahn, deren Bau 1905 begonnen hatte, auf ihrer ganzen Länge von Daressa-lam bis Kigoma am Tanganjikasee soll nun die offizielle Einweihung der Bahn bis Kigoma erfolgen, wofür die II. Landesausstellung den feierlichen Rahmen abgibt. Be-fahren wird aber auch das letzte Teilstück Tabora-Kigoma der Bahn schon seit Februar 1914. Insbesondere werden über die Mittellandbahn kommend zahlreich schwarze Besucher der Ausstellung erwartet. Sehr schnell hat die Bahn seit der Inbetriebnahme des ersten großen Streckenabschnitts 1907 mit den 200 Kilometern von Daressalam nach Morogoro die Schwarzen als Fahr-gäste gewonnen, die gewohnt waren mit ihren Lasten zu Fuß unterwegs zu sein. Nun können die Bewohner ent-lang der 1252 Kilometer langen Bahnlinie mit ihren marktfähigen Waren schnell auch entfernte Plätze für ihren Verkauf erreichen und die einheimische Bevöl-kerung an der Mittellandbahn nutzt das revolutionäre Verkehrsmittel ausgiebig.

Durch die Bahneröffnung bis zum Tanganjikasee, dem zweitgrößten See Afrikas, und die anschließenden Schiffsverbindungen über den See, hat das gesellschaft-liche Leben der Weißen in Daressalam schon eine er-hebliche Anregung und Steigerung erfahren und durch die Vorbereitungen für die Landesausstellung noch zu-sätzlich. Zudem tagt vor der Eröffnung der Ausstellung noch der Gouvernementsrat der Kolonie in Daressalam, ein Gremium von Sachverständigen aus allen Wirt-schaftskreisen des Schutzgebietes, das die Regierung von Deutsch Ostafrika in allen Wirtschaftsfragen berät.

Auch der Gouverneur Heinrich Schnee und seine Frau Ada haben nun vor der Ausstellung in ihrem gastfreien Haus um so mehr Besuch aus allen Kreisen der Euro-päer bei Tee und Tanz und sonstigen Veranstaltungen. Wenn die Königsberg zwischen ihren Ausfahrten zur Ausbildung der Mannschaft und zum Besuch von Orten entlang der Küste der Kolonie wieder in Daressalam liegt ist sie ebenfalls für die staunenden Besucher zu besichtigen und auch Ort für Veranstaltungen des Kommandanten des Kriegsschiffes für geladene Gäste aus der Kolonie.

Die Landesausstellung soll auch für die europäischen Besucher aus den Nachbarkolonien, den Besuchern aus Deutschland und selbstverständlich für Schwarz und Weiß aus der Kolonie selbst eine Schau der wirtschaft-lichen Leistung an Exportprodukten der weißen und einheimischen Wirtschaft des Landes sein. Die Aus-stellung soll ja überhaupt den Handel der Kolonie för-dern. Für die Besucher aus der Kolonie ist eine Ausstel-lung von deutschen Gütern in Vorbereitung, die für die Wirtschaft des Schutzgebietes besonders interessant sind. Viele dieser Ausstellungsstücke sind schon in Da-ressalam angekommen, während andere noch auf der Seereise in die riesige ostafrikanische Kolonie Deutsch-lands sind. Der Regierungskommissar für die Ausstel-lung, Gouvernementssekretär Bleich, hat gute Arbeit geleistet für das Gelingen der großen Ausstellung und der erfolgreichen Darstellung der größten Kolonie des Deutschen Reiches.

Auf dem fertig abgegrenzten und in seine Ausstellungs-bereiche gegliederten Gelände ist der Aufbau der Aus-stellung im Gange. Die Firma Krupp hat einen großen Pavillon erbauen lassen, in dem landwirtschaftliche Maschinen gezeigt werden. Auch andere Ausstellungs-hallen gehen ihrer Fertigstellung entgegen. Die beiden Pavillons der Kolonie Belgisch Kongo und der Engländer aus Kenia und Sansibar mit den Produkten ihrer Kolo-nialgebiete sind bereits fertiggestellt.

Eine besondere Attraktion bietet ein Eingeborenendorf auf dem Ausstellungsgelände, das mit Hilfe der Schutz-truppenabteilung in Daressalam von den in die Haupt-stadt gereisten Mitgliedern der verschiedenen Stämme, die auch gleich im Dorf leben, aufgebaut wurde und die Hüttentypen – runde und viereckige Hütten, Temben und Kraale – der Ackerbau treibenden und nomadisie-renden Stämme im weiten Bereich der Kolonie zeigt. Die Temben sind eine ostafrikanische Besonderheit, es sind viereckige Hütten mit einem Flachdach, das mit Erde bedeckt ist, und mit Wänden, die mit Lehm verputzt sind. Für das Dorf sind schon Familien mit ihrem Vieh, ihren Geräten und Werkzeugen aus den entferntesten Gegenden der Kolonie in Daressalam eingetroffen oder sie sind auf Weg in die Hauptstadt. Die weit entfernt im Landesinneren Viehzucht und Ackerbau treibenden Stämme werden normalerweise nur nach monatelan-gen Märschen und Safaris von wenigen Angehörigen der Schutztruppe auf Erkundung, von Wissenschaftlern und Großwildjägern besucht und so sollen nun einige dieser in fernen Gegenden der Kolonie lebenden Einhei-mischen auf dem Ausstellungsgelände sich selbst und ihre Lebensweise vorführen. Die Masse der weißen Be-wohner der Kolonie lebt in den Städten und auf Planta-gen und bekommt diese Menschen und ihr Leben nie zu Gesicht.

Während in Daressalam geschäftiges Leben in Vorberei-tung der Ausstellung herrscht, sind schon Gäste aus der Kolonie und aus Deutschland für die Feierlichkeiten in der Stadt eingetroffen. So Vertreter vom Reichskolonial-amt und Abgeordnete von kolonialfreundlichen Partei-en des Reichstages und des preußischen Landtages. En-de Juli/Anfang August sind weitere Gäste aus Deutsch-land mit Schiffen unterwegs. So befindet sich die Gene-ral der Deutsch-Ost-Afrika-Linie, ein Fracht- und Passa-gierschiff, das 300 Fahrgäste befördern kann, nach der Abfahrt aus Hamburg noch im Mittelmeer für die Durchfahrt durch den Suezkanal auf dem Weg nach Daressalam, wo das Schiff laut Fahrplan am 17. August eintreffen soll. Die General hat auch wesentliche Teile der für Deutsch Ostafrika bestimmten Großfunkanlage an Bord, die eine ständige Funkverbindung mit Deutsch-land schaffen soll.

Auch ausländische Gäste, etwa aus Belgisch Kongo, sind bereits in Daressalam eingetroffen. Andere prominente Gäste befinden sich unabhängig von der Landesaus-stellung in der Kolonie, aber werden sicher auch die Ausstellung besuchen, so Dr. Richard Hindorf, der den Sisal in Deutsch Ostafrika eingeführt hat und jetzt Zwecks Verbesserung der Sisalkultur im Lande weilt, und General Kurt Wahle, der seinen als Pflanzer in der Kolonie lebenden Sohn besucht.

Auch ein Flugzeug aus Deutschland ist für die Landes-ausstellung angekommen. Es soll für Schauflüge wäh-rend der Ausstellung eingesetzt werden. Das Flugzeug, ein Doppeldecker, war zunächst bei der alljährlich Ende Mai stattfindenden Südwestafrikanischen Landesaus-stellung in Windhuk geflogen und sollte nach weiteren Flügen in Südwestafrika über das britische Südafrika nach Deutsch Ostafrika fliegen. Da die Briten aber Luft-spionage mit dem Flugzeug befürchteten bekam der Pi-lot Bruno Büchner keine Überfluggenehmigung und mußte sein Flugzeug auseinandergebaut von Lüderitz-bucht aus nach Daressalam verschiffen. In Deutsch Ost-afrika ist angedacht, den Doppeldecker nach der Aus-stellung für Forschungsflüge über der Kolonie zu ver-wenden.

Die II. Landesausstellung von Deutsch Ostafrika wird am 17. August beginnen, mit offizieller Eröffnung am 18. August, und innerhalb der Wirtschafts- und Kulturaus-stellung in Daressalam wird auch das Fest für das 25jährige Bestehen der 1889 gegründeten Schutztruppe für Deutsch Ostafrika vom 17. bis 21. August stattfinden mit Gala-Essen, Militärkonzert und Feuerwerk am 19. August, einem Großen Bierabend am 20. August und der Abschlußparade der Schutztruppe am 21. August.

Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II wird erwartet und für ihn ist in Kigoma, der Endhaltestelle der Mittelland-bahn am Tanganjikasee, ein Jagdschloß erbaut worden.

              

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Funk

1914 kann die Großfunkstelle Nauen bei Berlin bereits alle deutschen Kolonien in Afrika erreichen, aber für den Empfang in Afrika und den Funkverkehr Afrika-Deutschland sind die Großfunkstellen in Afrika erst im Aufbau. Im Juni 1914 bringt der Kreuzer Königsberg aus Deutschland Lieben-Röhren für die Verstärker der Funkanlage in Daressalam mit, die mit dieser neuesten Technik das 6700 Kilometer entfernte Nauen empfan-gen kann. Von der nächsten deutschen Funkstation, von Windhuk in Deutsch Südwestafrika, 2600 Kilometer entfernt, kann Daressalam nun auch Funksprüche auf-nehmen. Senden nach Deutschland oder Südwest kann Daressalam allerdings nicht. Auch mit der 3750 Kilome-ter entfernten Großfunkstation Kamina in Togo kommt kein Funkverkehr zustande.

In Deutsch Ostafrika wird in Tabora die Großfunkstelle für die Kolonie aufgebaut. Anfang August 1914 sind die Maschinenteile der Funkanlage für Tabora auf dem Weg nach Afrika. Sie befinden sich auf dem Dampfer General, der gerade das Mittelmeer durchfährt.

Die Funkstation in Tabora sollte schon früher errichtet werden, das Projekt wurde aber für die Herstellung der Funkstation in Windhuk in Südwestafrika aufgescho-ben.

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Allgemeines Leben III


Ist die Tierwelt und die Landschaft Ostafrikas für die Stadtbewohner etwas unbekanntes und eine Safari außerhalb ihrer Möglichkeiten, ist eine Safari für die Farmbesitzer im Landesinnern oft Teil ihrer Freizeit oder gar ihrer Tätigkeit. So ist Werner Schönfeld, wie einige Pflanzer in Deutsch Ostafrika ein ehemaliger Marineoffizier, im Juli 1914 auf Safari in der Steppe zwischen dem Kilimandscharo und dem Meru und Anfang August reitet er von der Farm Krantz zur Farm Weber, um dort von ihm eingestelltes Vieh zu besich-tigen. Ein Ritt durch die Hitze der Buschsteppe ist wiederum auch nicht der Traum vieler Büroangestellter in Daressalam. Dafür bezahlen aber einige vermögende Deutsche und Ausländer viel Geld für die Anreise und die Safari in Afrika. So kommt auch der frühere lang-jährige Bezirksamtmann des Bezirks Kilwa, Hauptmann a. D. Richter, im Juli 1914 für die Jagd zurück nach Deutsch Ostafrika.


Der 5. August 1914 ist ein typischer Tag während der Ernte auf einer Baumwollplantage im Lukuledital im Südosten der Kolonie. Am frühen Morgen, noch im Dunkeln, werden wie üblich durch die Ngoma, die große Wecktrommel, die Leute aus den Hütten zur Arbeit gerufen und auch Otto Pentzel, der Plantagenbesitzer, wird von der Trommel geweckt. Als Pentzel auf den Hofplatz hinaustritt beginnt die aufgehende Sonne die Spitzen der Palmen zu bescheinen und nach dem Abzäh-len der in langen Reihen angetretenen Arbeiter ist es heller Tag, wie eben in den Tropen sich der Übergang von der Nacht zum Tag schnell vollzieht. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich nun zu den Feldern. Vo-ran die Arbeiter von der Küste in vielfachen Schattie-rungen von hellem Braun zu tiefem Schwarz und dahin-ter der Zug der stämmigen Wangoni aus dem tiefen Hinterland, die Kerntruppe der Arbeiter. Die aus dem entlegenen Südwesten des Schutzgebietes angeworbe-nen Wangoni sind rauhe Gesellen, die sich gerne mit dem einheimischen Hirsebier betrinken und dann be-geistert Schlägereien mit den Leuten anderer Stämme suchen, wobei sie auch ihre dünnen, aber am Ende mit einem rund geschnitzten Keulenkopf geschmückten Stöcke einsetzen. Schlägereien, die Pentzel genug Gele-genheit bieten, sich als Sanitäter zu betätigen. Jetzt zie-hen die Wangoni mit umgehängten Säcken an die fried-liche Tätigkeit des Baumwollpflückens, die zu den bä-renstarken Gestalten wenig zu passen scheint. Sie sind beim Buschroden besser am Platz, wenn es gilt, mit Axt und Haumesser unter taktmäßigen, sehr melodischen Gesängen auf zähe Baumstämme einzuschlagen. Jetzt lösen sie aus den vertrockneten Kapseln jede Flocke sorgfältig aus. Auch darin sind sie die Zuverlässigsten. Die von ihnen gezupfte Wolle ist die sauberste, während man bei den Küstenleuten scharf aufpassen muß, daß sie nicht von Mäusefraß verdorbene Flocken und dürre Blätter unter das Erntegut mischen.

Die Felder sehen von der aufgegangenen Wolle wie beschneit aus. Teilweise schaukeln die Flocken schon bedenklich lang im steifen Südwind. Es ist höchste Zeit, sie einzubringen, und Otto Pentzel ist froh, dieses Jahr so viele Pflücker zusammenbekommen zu haben. Nicht Mangel an Arbeit, sondern Knappheit an Arbeitern macht den Pflanzern zu schaffen.

In langer Kette ziehen die Sammler die Staudenreihen entlang und legen die vollgestopften Säcke am Feldrand ab, von wo ein besonderer Trägertrupp sie aufnimmt und an große, aus Bambusstangen gebundene Trocken-tische bringt. Hier breitet man die Wolle aus und gibt sie der prallen Sonne preis, um Rotwanzen und andere lästige Insekten zu vertreiben. Sack um Sack wird dann wiederum gefüllt und im Speicher aufgestapelt. Bis an die Decke häuft sich der Erntesegen. Wohlgefällig be-trachtet Pentzel die Ernte und wagt schon heimlich zu überschlagen, welchen Gewinn diese Fülle einbringen wird. Der Baumwollpreis steht 1914 erfreulich hoch.

Während des Arbeitsgetriebes holt Cheramanda, der Boy von Pentzel, ihn aus dem Betrieb heraus. Zu Chera-mandas Pflichten gehört neben dem Wäsche waschen, putzen und dergleichen häuslichen Verrichtungen auch die allmorgendliche Kontrolle der Raubtierfalle. Chera-manda hat auch gleich das Jagdgewehr dabei. Die Falle ist am Ende des Kulturlandes an einem schmalen Pfad ins Schilf des Lukulediflusses aufgestellt. Mindestens einmal die Woche hält das schwere Bogeneisen einen unfreiwilligen Insassen fest, meist nur ein harmloses Stachelschwein oder eine ruppig aussehende Hyäne. Zweimal hat Pentzel mit dem Fangeisen auch schon prächtige Leopardenfelle auf diese Weise erbeutet, aber Löwen sind bisher der Falle immer aus dem Weg gegangen. Diesmal ist ein ungewöhnlicher Fang im Eisen: Ein Krokodil. An Land flieht ein Krokodil ins Wasser, aber im Wasser hat man keine Chance gegen die Echse, da ist sie in ihrem Element. Aber auch am Ufer ist es sehr gefährlich, wenn man sich dort achtlos aufhält. Viele Frauen werden beim Wasserholen von den aus dem Wasser schnellenden Panzerechsen ge-packt und gefressen.

Pentzel und sein Boy nähern sich dem Fangeisen. Pent-zel berichtet: »Ich konnte noch nicht erkennen, ob sich im dichten Schilf ein Krokodilleib vom Boden abhob, sind doch auch die freiliegenden, oft riesenhaften Ech-sen kaum von angeschwemmten Baumstämmen zu unterscheiden, wenn sie zu Dutzenden nebeneinander hingereiht auf einer Sandbank Mittagsruh halten.

Cheramanda wurde mutiger und warf einen Lehm-brocken ins Gebüsch, und da bewegte sich etwas, was ich eben noch für eine Schlammaufhäufung gehalten hatte. Es war ein ganz achtbares Krokodil von vielleicht vier Meter Länge, aber völlig verängstigt suchte es sich im Grase zu verstecken, die linke Hintertatze saß im Eisen. Ich sagte Cheramanda, er solle das Tier zurück-treiben, damit ich einen guten Schuß anbringen könne. Cheramanda holte wieder mit Lehmbrocken aus, um es zum Wenden zu veranlassen. Da schwoll der Echsenleib auf, noch mehr und noch riesiger, und das Krokodil hob an zu brüllen, hob ein tiefes, rollendes Löwenbrüllen an. Das wirkte so seltsam, daß ich ein zweites Mal ansetzen mußte, ehe dieses drachenhafte Fabeltieres Ende ge-kommen war.

Krokodile haben also eine Stimme! Das hatte ich nun heute gelernt. Es verging doch kein Tag in diesem Affen-land, wo man nicht Gelegenheit hatte, irgend etwas Unbekanntes zu entdecken, sei es aus der Pflanzen- oder Tierwelt, auf völkerkundlichem oder sprachlichem Ge-biet. Nach Hause mochte ich diese kleine Neuheit nicht mitteilen, denn da lachte man mich vielleicht aus, so wie es auch die Daressalamer Städter zu tun pflegten, die wohl in Afrika wohnten, aber von Afrikas Leben nicht allzuviel zu sehen bekamen. Vor ihnen hielten wir Pflan-zer und andere Hinterwäldler uns mit unseren Erfah-rungen, namentlich wenn sie Raubzeug betrafen, lieber zurück. Löwen sollten in der Kolonie jährlich Hunderte von Schwarzen aus den Hütten holen? Lächerlich! In der unter elektrischem Licht strahlenden Wißmann-straße in der Haupt- und Gouverneurstadt war derglei-chen nie passiert!

Ich beauftragte Cheramanda, einige Wangoni zu holen und der Jagdbeute den Kopf abschneiden und im Sand vergraben zu lassen, damit ich ihn in einigen Wochen als einen von Insekten blitzblank gefressenen und damit tadellos hergerichteten Schädel herausholen könne. Diesen mit einem unheimlichen Durcheinander von großen und kleinen Zähnen bewaffneten Rachen aufzu-bewahren, lohnte sich. Mit der Haut war nichts anzu-fangen, weil die so wehrhaft aussehende Panzerrüstung nur aus dünnen, zu Buckeln übereinandergeschichteten Plättchen besteht, die beim Trocknen zu losen Horn-splittern zerblättern.

Ich ging zur Erntearbeit zurück und fand mich dabei vollauf beschäftigt, bis nachmittags nach drei Uhr die Ngoma wieder schlug und Feierabend verkündete. Ent-gegen der in Europa herrschenden Ansicht, als ob um die Mittagszeit ganz Afrika in gliederlösenden Schlaf versunken sei, wurde nämlich von morgens ab ununter-brochen durchgearbeitet, die ›desturi‹, die allgewaltige Sitte wollte es so, weil die Neger gewöhnt sind, meist nur einmal des tags zu essen, was gegen Abend, dann aber ausgiebig geschieht. Für mich war die Arbeit noch nicht zu Ende, von den heimkehrenden Leuten sammelte sich wie üblich auch heute wieder ein Trupp vor meiner Veranda zum Shauri.

›Shauri‹ ist das große Wort im Lande und bedeutet die bei den Negern so beliebte ›Unterhaltung‹ und ›Ver-handlung‹. Sie verstehen, alles Erdenkliche zum Gegen-stand eines Shauris zu machen, für sie eine Liebhaberei, für den Bwana oft eine Plage. Aber der Europäer muß mithalten, will er nicht die Fühlung mit den Leuten verlieren, und er lernt auch bald, daß diese tägliche Beanspruchung doch den Gewinn einer Vervollkomm-nung in der Landessprache bietet. Erst der in Kiswaheli wirklich Fortgeschrittene merkt, wieviel weiter er mit den Eingeborenen kommt als ein Sprachfauler, der zwar auch verstanden, aber sehr zu seinem Schaden ausge-nutzt wird. Was die Shauribedürftigen diesmal vor-brachten, war das Übliche. Die meisten wollten Vor-schuß erlisten, teils mit Grund, teils ohne Grund. Den allzeit verläßlichen Wangoni konnte ich das Verlangte geben, bei ihnen war ich sicher, daß sich kein Mann vor Ablauf seiner Verpflichtung mit Hinterlassung von Schulden davonmachen würde, sie waren eben Rasse, diese rauf- und sauflustigen Kerle. Das gemischte Küs-tenvolk wollte mit mehr Vorsicht genossen sein, und dessen Vertreter wußten auch zur Genüge, daß ich nicht mehr auf jeden gestorbenen Großvater hereinfiel, dem zu Ehren die ›Sadaka‹, die Leichenschmauskosten ge-pumpt werden sollten. Wenn alle als plötzlich tot ge-meldeten Großväter, Großmütter, Brüder, Weiber und Kinder, wie angegeben wirklich zu begraben waren, so hätte das Land in Jahresfrist eine Wüste sein müssen. Aber ohne Shauri konnte ich auch die klarste Ableh-nung nicht durchführen und mußte diese Fälle ebenso gewissenhaft durchschwatzen, wie ich die anderen dörf-lichen Schwierigkeiten unter den schwarzen Mitmen-schen zu bereinigen suchte. Da klagte Abderachman bin Hamis, der Omari bin Mohamadi sei ihm schon lange eine Viertelrupie (dreiunddreißig Pfennig) schuldig, und ich möge doch dem bösen Zahler aufs Gewissen drük-ken. Der Toapembe bin Salim behauptete, der Saidi Nungu, zu deutsch: das ›Stachelschwein‹, habe ihm ein Huhn gestohlen (Barwert in unserm Geld zwanzig Pfen-nig), und der Mpalapalingwa vom Stamm der Wayao wies einen handlichen Riß unterm wolligen Kraushaar mit der nicht unwahrscheinlichen Klage vor, da habe ihm der Wangonimann Kwamkope mit dem Keulen-stock eins übergezogen.«