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Kolonien

Bei der Reichstagsdebatte zum Kolonialhaushalt 1914 werden weitreichende Reformen verabschiedet, die sich besonders zugunsten der Kolonialbevölkerung auswir-ken sollen. Die dabei im Februar 1914 vom Reichstag eingebrachten Resolutionen sind die umfassendste Erklärung durch eine Kolonialmacht seiner selbstauf-erlegten Verantwortung gegenüber den Kolonialvöl-kern und der Begrenzung der Ausübung der Kolonial-macht. Die Vorkehrungen der Resolutionen für die ein-heimische Bevölkerung in den Kolonien gehen weiter als alle anderen Bestrebungen von Kolonialmächten für die Völker in ihren Kolonien.

Die Resolutionen 3 bis 7 des Reichstags:

»3. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, eine erhebliche Verstärkung der ärztlichen Versorgung unserer Schutzgebiete, besonders im tropischen Afrika, in die Wege zu leiten, und die wissenschaftliche Weiterbildung der Schutzgebietsärzte zu fördern;

4. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, durch eine alsbald zu erlassene Kaiserliche  Verordnung Leben, Freiheit und Eigentum der Eingeborenen der Schutzgebiete sicherzustellen;

5. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen die Kronlandverordnungen der Kolonien  dahin abzuändern, daß die Anbauverpflichtungen der weißen Erwerber eingeschränkt und für jede Plantage Land für Arbeiterdörfer reserviert wird;

6. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Interesse der Erhaltung der Eingeborenenbevölkerung in den Arbeiter-Anwerbungsverordnungen für die Schutzgebiete Bestimmungen zu treffen, wonach

a) der staatliche Arbeitszwang in jeder Form ausgeschlossen ist,

b) die Arbeiter angesiedelt werden bei Schaffung ausreichender Eingeborenen-Reservate für diese, und insbesondere auf Europäerplantagen die daselbst beschäftigten Arbeiter in Dörfern seßhaft gemacht werden unter Zuweisung von ausreichendem Land als freies Eigentum zur Selbstbewirtschaftung,

c) die Frauen von den eingeborenen Arbeitern nicht getrennt werden,

d) die Abgabe von Regierungsländereien zur Anlegung von Plantagen von der Errichtung eigener Bauerndörfer für die Arbeiterfamilien abhängig gemacht wird;

7. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen,

a) über die Sterblichkeit der eingeborenen Arbeiter auf kolonialen Wirtschaftsunternehmungen regelmäßig Erhebungen dem Reichstag zugängig zu machen;

b) bei der Versorgung der wirtschaftlichen Unternehmungen mit eingeborenen Arbeitskräften darauf hinzuwirken, daß die Sterblichkeit der Eingeborenen gemindert und ihr Familienleben gefördert werde, insbesondere eingeborene Arbeitskräfte nicht aus Gegenden mit anderen klimatischen Voraussetzungen beschafft werden dürfen und die dauernde Ansiedlung der Familien auf oder nahe den wirtschaftlichen Unternehmungen gefördert werde, auch über das Fortschreiten dieser Eingeborenenkolonisation dem Reichstag regelmäßig Mitteilung gemacht werde;

c) Eingeborene nicht in solchem Umfange zu Arbeitsleistungen auf wirtschaftlichen Unternehmungen heranzuziehen, daß darüber ihre eigene Wirtschaft und ihr Familienleben zugrunde geht;

d) Plantagen nach Zahl und Größe demgemäß nur in richtigem Verhältnis zu der tatsächlich vorhanden Bevölkerung zuzulassen;

e) den Arbeiterschutz für weiße wie für farbige Arbeiter in den landwirtschaftlichen und den gewerblichen Unternehmungen ohne Verzug auszubauen;

f) Regelung der Arbeiterverhältnisse insbesondere hinsichtlich der Arbeitszeit und Minimalsätze der Löhne durch eine von der Regierung zu erlassende und zu kontrollierende Arbeiterordnung auf Grundlage des freien Arbeitsvertrages.«

Im selben Bericht der »Kommission für den Reichshaus-haltsetat« vom 20. Februar 1914, indem die Resolutionen aufgeführt sind, ist unter »Petitionen« vermerkt:

»d) die Petition der Deutschen Gesellschaft für Einge-borenenschutz in Berlin überreicht Vorschläge für den Schutz der Eingeborenenbevölkerung in den deutschen Schutzgebieten

– Journ. II. Nr. 10459 – [Interne Verzeichnisnummer]

dem Herrn Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.« 

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Einleitung I

Wie alle deutsche Kolonien, bis natürlich auf die Mari-nebasis Tsingtau, ist auch die größte deutsche Kolonie, Deutsch Ostafrika, nicht auf einen Krieg vorbereitet. Die Verhältnisse gestatten es dann aber das Schutzgebiet lange Zeit feindfrei zu halten und durch die Umstellung der Wirtschaft eine Eigenversorgung der Kolonie zu er-reichen, die bei einem siegreichen Ausgang des Krieges für Deutschland bedeutende Auswirkungen nicht nur auf Deutsch Ostafrika selbst, sondern auf alle deutschen Kolonien gehabt hätte.

1917, dem Jahr bis zu dem Gebiete Deutsch Ostafrikas in deutscher Verwaltung bleiben und das anschließende Nordmosambik durch deutsche Kolonialtruppen besetzt wird, ist England durch den deutschen U-Bootkrieg und dem dadurch bewirkten Zusammenbrechen seiner Versorgung über See, beinahe zur Kapitulation vor Deutschland gezwungen.

Der damalige britische Premierminister David Lloyd George sagt nach dem Krieg: »Hätten die Deutschen die Kraft ihrer Unterseeboote etwas eher auszunutzen be-gonnen, wer weiß, ob das britische Reich heute noch be-stünde?«

Winston Churchill: »Darf ich es sagen? Wir sind nur eben so durchgekommen. Unser Erfolg hing an einem kleinen, dünnen, gefährdeten Faden. Nur ein wenig mehr U-Bootskrieg und der Hunger hätte uns alle zur unbedingten Über­gabe gezwungen.«

Nach dem Ende Englands wären Frankreich und Ruß-land gefallen und der Krieg siegreich für Deutschland ausgegangen. Die erstaunlichen Erfahrungen der Kriegswirtschaft in Deutsch Ostafrika hätten sofort für die friedliche Weiterentwicklung in Ostafrika, als auch in den anderen Kolonien, genutzt werden können.

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Annobon und Fernando Poo

Die Inseln Annobon und Fernando Poo gehören zur Kolonie Rio Muni, sind aber nicht Bestandteil des Vor-kaufsrechts für Rio Muni von Frankreich aus dem Jahre 1900, das 1911 von Deutschland übernommen wurde, da Annobon und Fernando Poo erst 1909 von Spanien mit Río Muni und den vorgelagerten Inseln zu Spanisch Muni (Territorios Españoles del Golfo de Guinea) ver-einigt wurden.

Die deutsche Hoffnung, im deutsch-französischen Ver-trag vom November 1911 das Vorkaufsrecht für ganz Spa-nisch Muni erwerben zu können, entfiel, es wurden aus-drücklich nur die Inseln nahe dem Festland, also Coris-co und die beiden Elobey-Inseln als Teil des Vorkaufs-rechts angegeben, so wie es im spanisch-französischen Vertrag von 1900 vorgesehen ist.

Annobon liegt 350 Kilometer vor der afrikanischen Küs-te im Atlantik und ist mit seinen 17 qkm und vielleicht 1000 Einwohnern vollkommen unwichtig. Fernando Poo dagegen liegt in Sichtweite vor Kamerun 35 Kilometer vor der deutschen Kolonie mit 2017 qkm und 10.000 Ein-wohnern. Die fruchtbare Insel hat bedeutende Kakao-kulturen, die jährlich für drei bis vier Millionen Mark Kakaobohnen liefern. Von den fünf größten Kakaopflan-zungen von 600 bis 1000 Hektar sind drei in portugie-sischen, eine in spanischen und eine in deutschen Hän-den. Die Insel hat eine monatliche Dampferverbindung mit dem Mutterland Spanien, welche fast die ganze Aus-fuhr von Kakaobohnen nach Spanien befördert, wäh-rend in der Einfuhr nur die Hälfte aus Spanien kommt und die andere Hälfte ziemlich zu gleichen Teilen aus England und Deutschland.

Der Anbau von Kakao auf Fernando Poo erreicht 1913 5250 Tonnen. Erschwerend dabei ist der Mangel an Arbeitskräften. Das einheimische Volk der Bubi wurde durch Krankheiten, Zwangsarbeit und den großen Auf-stand von 1910 der Bubi gegen die Zwangsarbeit auf den Plantagen, bei dem schätzungsweise 15.000 Bubi ums Leben kamen, schwer dezimiert. So ist die Kakaoinsel abhängig von importierten Arbeitskräften. 1914 wird ein Vertrag mit der westafrikanischen Republik Liberia unterzeichnet, der der deutschen Reederei Woermann erlaubt bis zu 15.000 Arbeiter von Liberia nach Fernando Poo zu bringen.

Klar ist, daß Deutschland bei nächster Gelegenheit Fer-nando Poo an sich bringen will. Entweder zusammen mit Muni, durch das bestehende Vorkaufsrecht auf Muni und einem Zusatzabkommen, das Fernando Poo mit ein-schließt, oder unabhängig von der Erwerbung von Muni. Auf der westafrikanischen Insel besitzt Deutschland bereits seit 1888 das Recht auf eine Kohlenstation und im deutsch-spanischen Südseeabkommen vom 15. Juli 1899 war eine geheime Klausel aufgenommen worden, die das deutsche Vorkaufsrecht auf Fernando Poo anerkennt.

Annobon kommt für eine deutsche Übernahme nur deshalb in Betracht, weil die kleine Insel genau in einer Linie nach Südosten von Fernando Poo liegt, die über die portugiesischen Inseln São Thomé und Principe führt. Die beiden portugiesischen Inseln gehören seit dem August 1913 durch einen deutsch-englischen Vertrag zur deutschen Einflußsphäre und werden in absehbarer Zeit dem deutschen Kolonialreich eingefügt. Von Fernando Poo liegt Principe etwa 180 Kilometer entfernt, São Thomé liegt weitere 140 von Principe weg und nochmals 180 Kilometer hinter Principe kommt Annobon. Diese in einer Linie hintereinander aufgereihten Inseln ergeben sich automatisch als eine Verwaltungseinheit, eingeglie-dert in die Kolonie Kamerun.

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Pläne für das deutsche Kolonialreich

Die Inseln Annobon und Fernando Poo gehören zur Kolonie Rio Muni, sind aber nicht Bestandteil des Vor-kaufsrechts für Rio Muni von Frankreich aus dem Jahre 1900, das 1911 von Deutschland übernommen wurde, da Annobon und Fernando Poo erst 1909 von Spanien mit Río Muni und den vorgelagerten Inseln zu Spanisch Mu-ni (Territorios Españoles del Golfo de Guinea) vereinigt wurden.

Die deutsche Hoffnung, im deutsch-französischen Ver-trag vom November 1911 das Vorkaufsrecht für ganz Spa-nisch Muni erwerben zu können, entfiel, es wurden aus-drücklich nur die Inseln nahe dem Festland, also Coris-co und die beiden Elobey-Inseln, als Teil des Vorkaufs-rechts angegeben, so wie es im spanisch-französischen Vertrag von 1900 vorgesehen ist.

Annobon liegt 350 Kilometer vor der afrikanischen Küs-te im Atlantik und ist mit seinen 17 qkm und vielleicht 1000 Einwohnern vollkommen unwichtig. Fernando Poo dagegen liegt in Sichtweite vor Kamerun 35 Kilometer vor der deutschen Kolonie mit 2017 qkm und 10.000 Ein-wohnern. Die fruchtbare Insel hat bedeutende Kakao-kulturen, die jährlich für drei bis vier Millionen Mark Kakaobohnen liefern. Von den fünf größten Kakaopflan-zungen von 600 bis 1000 Hektar sind drei in portugiesi-schen, eine in spanischen und eine in deutschen Hän-den. Die Insel hat eine monatliche Dampferverbindung mit dem Mutterland Spanien, welche fast die ganze Aus-fuhr von Kakaobohnen nach Spanien befördert, wäh-rend in der Einfuhr nur die Hälfte aus Spanien kommt und die andere Hälfte ziemlich zu gleichen Teilen aus England und Deutschland.

Der Anbau von Kakao auf Fernando Poo erreicht 1913 5250 Tonnen. Erschwerend dabei ist der Mangel an Arbeitskräften. Das einheimische Volk der Bubi wurde durch Krankheiten, Zwangarbeit und den großen Auf-stand von 1910 der Bubi gegen die Zwangsarbeit auf den Plantagen, bei dem schätzungsweise 15.000 Bubi ums Leben kamen, schwer dezimiert. So ist die Kakaoinsel abhängig von importierten Arbeitskräften. 1914 wird ein Vertrag mit der westafrikanischen Republik Liberia un-terzeichnet, der der deutschen Reederei Woermann er-laubt bis zu 15.000 Arbeiter von Liberia nach Fernando Poo zu bringen.

Klar ist, daß Deutschland bei nächster Gelegenheit Fer-nando Poo an sich bringen will. Entweder zusammen mit Muni, durch das bestehende Vorkaufsrecht auf Muni und einem Zusatzabkommen, das Fernando Poo mit ein-schließt, oder unabhängig von der Erwerbung von Muni. Annobon kommt dabei nur deshalb in Betracht da die kleine Insel genau in einer Linie nach Südosten von Fernando Poo liegt, die über die portugiesischen Inseln Sao Thome und Principe führt. Die beiden portugiesi-schen Inseln gehören seit dem August 1913 durch einen deutsch-englischen Vertrag zur deutschen Einflußsphä-re und werden in absehbarer Zeit dem deutschen Kolo-nialreich eingefügt. Von Fernando Poo liegt Principe et-wa 180 Kilometer entfernt, Sao Thome liegt weitere 140 von Principe weg und nochmals 180 Kilometer hinter Principe kommt Annobon. Diese in einer Linie hinter-einander aufgereihten Inseln ergeben sich automatisch als eine Verwaltungseinheit, eingegliedert in die Kolo-nie Kamerun.

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Spanisch Muni

Während der Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich anläßlich der zweiten Marokkokrise wird im Sommer 1911 vom deutschen Außenminister Alfred von Kiderlen-Waechter Wert darauf gelegt, daß bei der Festlegung der deutsch-französischen Grenze in Westafrika der Grenzverlauf südlich der spanischen Ko-lonie Muni liegt, weil die »Umklammerung der spani-schen Kolonie Rio Muni von Bedeutung ist«, wie Kider-len am 11. August 1911 schreibt. Durch die »Umklam-merung« wäre Muni bis auf seine Meeresseite voll-ständig von deutschem Gebiet umgeben und für die geplante deutsche Übernahme wirtschaftlich und poli-tisch einfacher ›einzukassieren‹.

Durch den Marokkovertrag vom November 1911 zwi-schen Frankreich und Deutschland kommt es wie von Kiderlen gewollt und Muni ist vollständig von der Ko-lonie Kamerun umgeben. Außerdem überträgt Frank-reich sein Vorkaufsrecht auf die spanische Kolonie vom Juni 1900 an Deutschland. Das Vorkaufsrecht beinhaltet das festländische Muni mit 26.000 qkm, die vor der Küs-te liegenden Inseln Corisco mit 14 qkm und die Große (Elobey Grande) und die Kleine Elobey-Insel (Elobey Chico) mit zusammen 2 qkm.

Das Hinterland von Muni ist nicht von der spanischen Kolonialverwaltung unterworfen und die Kautschukbe-stände im Hinterland werden von Kamerun aus ausge-beutet. In den drei Häfen Bata, Benito und Klein Elobey hat sich ein lebhafter Handelsverkehr entwickelt, der zum weitaus größten Teil in den Händen des Hamburger Hauses Woermann liegt, zu einem kleineren Teil in englischen Händen. Spanien ist fast überhaupt nicht an der wirtschaftlichen Nutzung von Muni beteiligt. Die Ausfuhr besteht hauptsächlich aus Palmkernen, Palmöl, Kautschuk, Elfenbein, Rotholz, Mahagoni und anderen wertvollen Holzarten.

Das zur Westafrikanischen Station der Marine gehörige Kanonenboot SMS Eber verläßt nach einem Werftauf-enthalt Ende Juni 1913 Wilhelmshaven wieder mit ei-nem Vermessungs-Detachment an Bord für Vermes-sungen des Golfs von Guinea. Dazu gehört nicht zufällig auch die Vermessung der Küste von Muni, wofür eine Sondererlaubnis der spanischen Regierung eingeholt wurde.

1913 ist auch der wirtschaftspolitische Referent von Ka-merun im Grenzgebiet gegen Spanisch Muni unterwegs und eine deutsche Expedition erkundet 1913 das Hinter-land von Muni.

Das vollständig von der Kolonie Kamerun umgebene Land ist nach der Tatsachenlage Teil der deutschen Kolonialwirtschaft.

Das jährliche staatliche Defizit Spaniens durch den Be-sitz von Spanisch Guinea beträgt 1½ bis 2 Millionen Mark. Es ist abzusehen, daß Deutschland Muni vom ar-men Spanien, wie 1899 die spanischen Inseln im Pazifik, kaufen wird. Von deutscher Seite ist bereits der Verwal-tungsbezirk Muni eingerichtet, der zunächst die südlich vom spanischen Muni liegenden deutschen Gebiete ver-waltet.

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Deutsch Südwestafrika

Am 9. September 1914 erklärt die Südafrikanische Uni-on Deutschland, und damit auch Deutsch Südwestafrika, den Krieg. Daraufhin besetzen am 10. September deut-sche Truppen die Walfischbucht, eine Exklave Südafri-kas an der südwestafrikanischen Küste. Bei einem Sieg Deutschlands wird die Walfischbucht bei Südwestafrika verbleiben.  

Der deutschen Schutztruppe in Südwestafrika steht eine mehr als zehnmal stärkere Übermacht aus dem briti-schen Südafrika gegenüber. Die durch die Mobilma-chung auf etwa 5000 deutsche Soldaten gebrachte Schutztruppe wird zwar durch einige hundert freiwillige Buren verstärkt, aber die gewaltige Überlegenheit der Briten bleibt weiterhin bestehen. Massive Entlastung für die deutsche Verteidigung bringt ein im Oktober 1914 in Südafrika ausbrechender Aufstand von Buren gegen die englische Herrschaft. Am 29. Oktober 1914 hat Chris-tiaan Rudolph Dewet eine Rebellion gegen die von Groß-britannien kontrollierte Regierung unter Ministerpräsi-dent Louis Botha proklamiert. Am 6. November erklärt Dewet den Oranjefreistaat für unabhängig. Damit er-reicht die Aufstandsbewegung gegen die britische Herr-schaft einen vorläufigen Höhepunkt. Nach anhaltenden wechselvollen Kämpfen im November gelingt den Regierungstruppen am 1. Dezember die Festnahme von Dewet. Durch ein deutsches Truppenunternehmen nach Südafrika hinein wird Anfang Februar 1915 der Aufstand unterstützt, aber zu dieser Zeit ist der burische Aufstand gerade endgültig niedergeschlagen. Der Aufstand in Südafrika hat aber den Angriff der britischen Truppen auf Südwest wesentlich verzögert. Seit Februar 1915 kön-nen die deutschen Truppen denn nur noch hinhalten-den Widerstand auf ihrem Rückzug ins Landesinnere leisten. 

Am 9. Juli 1915 müssen die deutschen Truppen kapitu-lieren und Mitte August ist ganz Deutsch Südwestafrika britisch besetzt. Durch einen Vertrag zwischen Gouver-neur Theodor Seitz und dem Oberbefehlshaber der bri-tischen Truppen, General Louis Botha, bleiben die Deut-schen im Lande und behalten ihren Besitz und die deut-sche Verwaltung arbeitet unter der britischer Besat-zung weiter. Allerdings steigt die Verbrechensrate in der Kolonie stark an, da es keine deutsche Polizei mehr gibt.

Bei einem Friedensvertrag nach einem Sieg Deutsch-lands wird die Walfischbucht bei Deutschland bleiben, aber bei einer Gebietsbereinigung zwischen Deutsch Südwestafrika, dem nun deutschen Angola und dem bri-tischen Südafrika ist die Abtretung des östlichen Capri-vizipfels an die Briten abzusehen als Ausgleich für die Nahme der Walfischbucht.   

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Vorwort

Viele Abläufe bei einem deutschen Sieg im Ersten Welt-krieg 1914/15 wären, die Kolonien betreffend, weitge-hend gleich mit denen bei einer Weiterentwicklung des deutschen Kolonialreiches ohne den Krieg. Die Betrach-tungen in diesem Kapitel gehen also in die Bereiche, welche eine andere Entwicklung genommen hätten durch eine Sieg Deutschlands 1915 im Ersten Weltkrieg.

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Die deutsche Schutztruppe von Kamerun auf Fernando Poo

Als die militärische Lage für die deutschen Kolonial-truppen in Kamerun Anfang 1916 unhaltbar wird geht das Gros der Schutztruppe mit etwa 550 deutschen und etwa fünfeinhalbtausend afrikanischen Soldaten und derem Anhang aus Frauen und Soldatenjungen von 12.000 Menschen in das spanische Muni über, dem Festlandbereich der Kolonie Spanisch Guinea. Der Troß aus Frauen und Jungen ist fürs Kochen und alle Ar-beiten der allgemeinen Versorgung der Truppe zustän-dig, vom Nähen bis zum Tragen von Ausrüstung. Im ganzen sind es aber 60.000 kameruner Zivilisten, die den Übertritt der Truppe von Kamerun ins spanische Muni mitmachen, darunter eine große Zahl Jaunde.

Die Jaunde im Grasland von Kamerun hatten für die Versorgung der kämpfenden Truppen mit Verpflegung, Ausrüstung, wie etwa Uniformen, und der Gestellung von Trägern eine entscheidende Rolle für die Verteidi-gung des Landes gespielt. Die Stadt Jaunde war während des Krieges die Hauptstadt für die Landesverwaltung von Kamerun und der Sitz des Oberkommandos der Streitkräfte gewesen.



Das kleine Spanisch Muni kann unmöglich eine Masse von 60.000 Menschen versorgen und muß deshalb über 40.000 wieder nach Kamerun zurückschicken. Über ein-hundert Häuptlinge mit ihrem Anhang von 1500 Men-schen dürfen unter der Führung des Bezirksleiters von Jaunde bleiben, dazu einige hundert Nachzügler und natürlich die gut 16.000 in Internierung gehenden Sol-daten und der Familienanhang der deutschen Schutz-truppe.

Spanisch Muni ist auch in keiner Weise darauf vorbe-reitet plötzlich 18.000 Menschen zusätzlich zu versor-gen, aus einem Land, dessen Bevölkerung von Fischfang und Ackerbau nur sich selbst ernährt. So ist anfangs Hunger unvermeidlich bei den Neuankömmlingen und kostet durch die zunächst völlig ungesunden Wohnver-hältnisse und durch von Krankheiten zusätzlich ge-schwächte Menschen, besonders unter Frauen und Kin-dern, Todesopfer. Aber auch später wächst die Zahl der Kreuze von eingeborenen Soldaten der Schutztruppe auf den Friedhöfen und schließlich werden hunderte von ihnen, und auch eine Reihe Deutsche, in der spanischen Kolonie ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Die Truppe und ihre Angehörigen werden schon bald nach ihrem Übertritt im Februar 1916 nach Muni auf die Insel Fernando Poo verlegt. Fernando Poo liegt etwa 300 Kilometer von Muni entfernt aber nur 40 Kilometer vor Kamerun, vor dem Kamerunberg. Die Ernährungslage ist zunächst schwierig, denn Frachter aus Spanien kom-men nur unregelmäßig und bringen nur bescheidene Mengen an Nahrungsmitteln. Von überallher, vom afri-kanischen Festland und von näheren und entfernteren Inseln werden Lebensmittel zu jedem Preis eingekauft und mit Küstendampfern angefahren, bis die Eigenver-sorgung durch angelegte Felder und eine regelmäßige Versorgung aus Europa erreicht ist. Schließlich kann zur Sicherung der Lebensmittelversorgung bei der Stadt Santa Isabel, der größten Stadt auf Fernando Poo, ein Proviantlager eingerichtet werden, das für mehrere Mo-nate bei ausfallenden Transporten aus Europa oder Ern-teausfällen für die Internierten die Versorgung sichern kann.

Die Schutztruppe kann einige am Meer gelegene Far-men pachten und sich darauf ansiedeln. Die größte die-ser Farmen ist die Kakaoplantage der deutschen Firma Moritz, die ihr Gelände unentgeltlich der deutschen Truppe zur Verfügung stellt und auf der auch über die Hälfte der Truppe untergebracht werden kann. Mög-lichst entsprechend ihrer Formierung als Kampfverbän-de während des Krieges wird die Truppe in gleichen Verbandsformationen in jeweils eigenen Barackenla-gern und anliegenden Dörfern für die Frauen und Solda-tenjungen untergebracht. Diese Lager müssen natürlich erst von der Truppe erbaut werden. Die deutsche Kolo-nialtruppe auf Fernando Poo besteht aus zwölf Kompa-nien zu je 500 Mann. Je vier Kompanien belegen ein Lager. Von den drei Lagern liegen zwei auf dem Gelände der Moritzfarm und eins auf den anderen Farmgelän-den. Jede Kompanie hat 700-800 Frauen und Soldaten-jungen im Troß und so ergibt sich für jede Kompanie eine Gesamtzahl von 1200-1300 Köpfen.

Der Stab der Truppe ist in der zwischen den beiden Lagerkomplexen liegenden Stadt Santa Isabel unterge-bracht. Er ist mit deutschen Verwaltungsbeamten und kaufmännisch geschulten Unteroffizieren für die Ver-waltung und den Einkauf von Verpflegung, Werkzeu-gen, Geräten und Saatgut besetzt. Der Stab schlichtet auch weiterhin die Rechtsstreitigkeiten der Soldaten untereinander.

Jedes der drei Lager hat eine eigene Sanitätsdienststelle mit deutschen Ärzten und deutschen Hilfskräften. Dazu gibt es ein Europäer- und ein Eingeborenenhospital in denen deutsche Ärzte mit deutschem und farbigem Hilfspersonal arbeiten. Im Eingeborenenhospital, des-sen Hauptgebäude unter der Leitung des deutschen Zimmermeisters in Santa Isabel errichtet wird, werden auch alle größeren Operationen für beide Kranken-häuser durchgeführt.

Katholische und evangelische Missionare widmen sich neben ihrer seelsorgerischen Tätigkeit der Kranken-behandlung und anderen gemeinnützigen Arbeiten im Dienst der Truppe.

Die sinnvollen Anordnungen des spanischen General-gouverneurs ermöglichen ein freies und selbständiges Entfalten der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Trup-pe und der zivilen Internierten auf Fernando Poo zum Nutzen der Internierten und für das Allgemeinwohl der eigentlichen Bewohner der Insel, die seit dem Einzug der Internierten nur noch ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Insel ausmachen.

Der Aufbau der Lager und Dörfer für die Truppe und die Zivilisten findet sowohl im Gelände der Kakaoanbau-flächen wie in den mit ursprünglicher Wildnis, dichtem Busch und Urwald bestandenen nicht bebauten Flächen der Farmen statt. Rund ein Jahr dauert der Aufbau der Dörfer, der Soldatenbaracken, der Europäerhäuser, Dienstgebäude, Offiziersmessen, Waschhäuser, Schup-pen, Abortanlagen, Müllplätze, Werkstätten, Pferdestäl-le, Wege, Brücken, Dämme, Brunnen, Gärten, die An-lage der Anbauflächen für die Lebensmittelversorgung und die Umwandlung des Geländes in eine große Gar-ten- und Parklandschaft. Sumpfgelände und Bodenun-ebenheiten werden mit Sand und Steinen vom Strand verfüllt. Geschotterte Wege mit Wasserabflußrinnen werden angelegt und Holzbrücken führen über Bäche und Geländeeinschnitte. Die schwersten Arbeiten sind nach einem halben Jahr beendet. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbauflächen geht natürlich lau-fend weiter.

Hauptsächlich die langgestreckten Soldatenbaracken werden nach ihrer ersten Fertigstellung als brauchbarer Unterkunft im zweiten Jahr laufend verbessert mit Kü-chen, der Vergrößerung des Wohnraums und einer künstlerischen Gestaltung. Selbstverständlich werden auch alle Möbel von den Soldaten selbst hergestellt.

Zwei Kompanien haben das Glück aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Landflächen statt Baracken Einzelhäuser für ihre Soldaten errichten zu können, die an regelmäßigen Straßenzügen liegen.

Für die Bauarbeiten wird von der ganzen Insel Material beschafft wie Hölzer, Rinden und Palmblätter, die oft in tagelangen Märschen herangebracht werden müssen. Von enormen Vorteil für die Baumaßnahmen ist natür-lich, daß die Truppe in Friedenszeiten ständig alle mög-lichen Bauarbeiten für die Kolonie ausgeführt hat, um die Truppe neben ihrem Drill auf dem Exerzierplatz und den Feldübungen sinnvoll einzusetzen, anstatt sie in den Kasernen sinnlos die Zeit totschlagen zu lassen.

Hat anfänglich ein deutscher Zimmermeister aus Santa Isabel für den Bau der Häuser für die Deutschen Grün-dungspfähle und Fußböden geliefert, so können bald von der Truppe selbst Balken und Bretter hergestellt werden. Aus den stärksten Bäumen aus dem Urwaldge-lände der Farmen stellen im Bootsbau erfahrene einge-borene Soldaten seefähige Kanus für den Küstenver-kehr her, besonders für den Baumaterialtransport. Eini-ge dieser Boote können zwölf Tonnen und mehr Last tra-gen. Mit den selbstgebauten Booten kann auch eine eigene Küstenfischerei zur Versorgung mit frischem Fisch eingerichtet werden. Wichtig sind auch die Schneider und Schuster unter den Soldaten, die sämt-liche Kleidung und Schuhzeug, Sättel und Lederzeug für die Truppe herstellen und auch an private Abnehmer verkaufen. 

Auf den für den Anbau von Feldfrüchten hergerichteten Flächen werden hauptsächlich Mais und Kassawa ge-zogen. Von den Deutschen wird Geflügelzucht betrieben und auch einige afrikanische Soldaten übernehmen die-se Art der Fleischversorgung. Dazu wird in den Lagern eine bescheidene Schweinezucht betrieben, von der Verwaltung zuweilen einzelne Rinder zur Schlachtung angekauft und den Deutschen ist die Jagd auf Antilopen auf der Insel erlaubt.

Als nach den ersten Monaten die Hauptarbeiten been-det sind, ergibt sich das Problem der weiteren Beschäf-tigung der Soldaten und natürlich der Aufrechterhal-tung von Disziplin und Kampfkraft der Truppe. Die Schutztruppe mußte selbstverständlich nach dem Über-tritt in spanisches Gebiet alle Waffen abgeben. Die spanische Regierung erlaubt aber das Exerzieren der Truppe auf den Exerzierplätzen, von denen je einer in der Mitte der drei Lager angelegt ist, soweit das ohne Gewehre eben möglich ist. Nach eineinhalb Jahren Kampf hat die Truppe natürlich durch die eingetrete-nen Verluste und die neu in die Truppe aufgenom-menen jungen Soldaten nicht mehr das Bild der Friedenstruppe und insbesondere die zahlreichen nur notdürftig ausgebildeten jungen Soldaten müssen in der militärischen Routine gehalten werden, wozu das Exer-zieren eine Möglichkeit bietet.

Aus ehemaligen Musiksoldaten und neu ausgebildeten Spielleuten wird eine Kapelle gebildet, deren Leistun-gen mit der Zeit immer besser werden.

Am 27. Januar 1917, am Tag des Geburtstages des Kaiser, nach einem Jahr in der spanischen Kolonie Muni und elf Monaten auf Fernando Poo, wird unter dem Kom-mando ihrer deutschen Führung die gesamte Truppe dem spanischen Generalgouverneur und den spani-schen Unteroffizieren und Offizieren, die nun die Füh-rung der deutschen Schutztruppe übernehmen werden, präsentiert, da nun der größte Teil des deutschen Füh-rungspersonals nach Spanien abgeht. 

Während des ersten Jahres in der spanischen Kolonie wurde die Truppe ausschließlich von deutschen Unter-offizieren und Offizieren geführt, bis die Gegnermächte durchsetzen, daß das deutsche Führungspersonal nach Spanien in Internierung gebracht wird, um der Truppe ihre Kampffähigkeit zu nehmen. Es bleibt darauf nur noch ein geringer deutscher Stamm für Verwaltungs-aufgaben und medizinische Betreuung auf der Insel.


Zu der Gruppe der Häuptlinge, die mit ihrem Anhang Ende Januar 1916 nach Muni gewechselt sind, kommen in den Wochen nach dem Übertritt der Hauptgruppe noch einige hundert ehemalige Diener von Europäern, farbige Beamte und Träger, die auch in Muni bleiben dürfen. Von diesen insgesamt 2000 Menschen sind 1600 Jaunde.

Die Kameruner Häuptlinge und ihr Anhang sind zu-nächst unter völlig ungenügenden Umständen und schlechter Lebensmittelversorgung an der Küste von Muni angesiedelt. Trotz der miserabelen Umstände keh-ren die Kameruner aber nicht in ihre feindbesetzte Hei-mat zurück. Im April 1916 beschließen die Spanier des-halb die Zivilinternierten zum dauerhaften Aufenthalt auch nach Fernando Poo zu überführen, was bis Juli 1916 geschieht. Durch weitere Nachzügler wächst die Zahl dieser Zivilistengruppe schließlich noch auf 3000.

Auf Fernando Poo werden die zivilen Internierten zu-nächst in Klein Bokoko und bei Groß Bokoko angesie-delt. Die beiden Orte sind einige Wegstunden voneinan-der entfernt. Groß Bokoko ist für die Mohammedaner bestimmt und alle anderen sind in Klein Bokoko ver-sammelt. Klein Bokoko ist eine alte verwachsene Kakaofarm und besteht aus nichts weiter als einem Wellblechschuppen. Nachdem das Land mit Beilen und Haumessern vom dichten Gestrüpp befreit ist, proviso-rische Unterkünfte für alle hergerichtet sind, ein Kran-kenhaus vorhanden und erste Pflanzungen angelegt, verpflichtet die spanische Regierung die neuen Bewoh-ner der Insel eine Straße entlang der Küste zwischen Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bauen. In drei Mona-ten wird eine 16 km lange fünf Meter breite Straße ent-lang der Küstenlinie zwischen den beiden Orten ange-legt. Die zahlreichen Schluchten des Geländes werden durch gute Brücken von oft fünf Metern Höhe aus Buschholz überbrückt. Sonstige Unebenheiten werden durch Treppenstufen und Knüppeldämme ausgegli-chen. Die Straße ist bei jeder Witterung für Fußgänger, Reiter, Radfahrer und leichte Wagen gangbar und be-fahrbar. Nach Fertigstellung der Straße werden den Zivil-internierten von Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bei-den Seiten entlang der Straße das dichte Urwaldgelände zum Bau ihrer Dörfer und zur Anlegung von Farmen zur Verfügung gestellt. Für die Lebensmittelversorgung und das Heranholen von Baumaterial dient die in der Nähe liegende Hafenstadt San Carlos. Alles Baumaterial, das nicht aus dem zur Verfügung gestellten Land gewonnen werden kann, wie die Blätter und Stangen der im Sied-lungsgebiet nicht vorkommenden Raphiapalme, dem unentbehrlichen Baustoff der Kameruner Neger, wer-den per Kanu herangeschafft, die auf Veranlassung des Siedlungsleiters gebaut werden. Die Bereitstellung von einer großen Zahl von Trägern ist nicht möglich, da fast alle arbeitsfähigen Menschen beim Wegebau, Hausbau und in der Feldwirtschaft gebraucht werden und so kön-nen mit den Kanus große Lastenmengen schnell und einfach befördert werden. Für die Kanuflotte wird eine kleine Bucht als Hafen ausgewählt und am Strand wer-den Bootshäuser, Lagerschuppen, Werkstätten und Wohnhütten für die Bootsmannschaften errichtet. So kann San Carlos und die entlang der Küstenstraße am Meer gelegenen Gehöfte und Siedlungen einfach auf dem Wasserweg erreicht werden für die Lastentrans-porte. Auch eine kleine Fischerei entsteht mit dem Bootsbetrieb und einige Häuptlinge haben ihre eigenen Kanus zur Verfügung.

Die mit ihren Häuptlingen nach Stämmen angesiedelten Menschen verwandeln die Flächen links und rechts der Straße bis Ende 1917 in ein zusammenhängendes Farm-land mit hunderten von gut gebauten Hütten. Von der Hauptstraße gehen saubere Wege ab, die das ganze Siedlungsgebiet durchziehen und jedes Dorf und jedes Gehöft erreichen. An jedem Dorf zeigt eine Tafel den Na-men des Stammes und seines Häuptlings an. Die Bane, die Bambelle, die Ekaba, die Jaunde haben ihre Dörfer. Jeder Stamm baut natürlich in der ihm eigenen Bauwei-se. Die Häuptlinge allerdings bevorzugen schon oft Bau-ten nach europäischem Tropenhausstil. Der erstklassi-ge Wegebau der Kameruner auf Fernando Poo ist natürlich übernommen von dem von der deutschen Verwaltung in Kamerun als Pflicht auferlegten Wege-bau, dessen Vorteile für Marsch und Transport die Einheimischen zu schätzen gelernt haben.

Die mohammedanischen Stämme, die Fulbe, Haussah, Kanuri und Laka aus dem Grasland des nördlichen Kamerun, die von Groß Bokoko aus entlang der neuen Straße siedeln, unterstehen alle dem Adja Lifida von Ngaundere, während alle anderen Stämme dem Ober-häuptling Atangana von Jaunde unterstehen. Alle zu-sammen, rund 3000 Menschen, unterstehen sie zwei Deutschen, dem Bezirksleiter von Jaunde und seinem Gehilfen.

Das Anwesen der deutschen Verwaltung liegt nahe beim Kanuhafen. Neben den beiden Wohngebäuden für die zwei deutschen Leiter der gesamten Siedlung stehen dort Verwaltungsgebäude, Werkstätten, Ställe für die Reittiere und alle sonstigen für den Betrieb notwendi-gen Anlagen. Das ganze Gehöft der Verwaltung ist schließlich in eine Gartenanlage eingebettet.

Vom Trommelturm der Verwaltung werden in der in Kamerun üblichen Trommelsprache die Häuptlinge zum Empfang von Geld für die Zwecke ihres Stammes oder zu Weisungen des Leiters gerufen. Der Verwal-tungssitz ist aber auch Wochenmarkt und die Schuster-, Schneider-, Tischler- und Korbflechterwerkstätten im Gehöft der Verwaltung bieten ihre Dienste und Waren an. Eine Verkaufsstelle im Hof der Verwaltung bietet Le-bensmittel und alle in Buschfaktoreien üblichen Gegen-stände zu geringst möglichen Preisen an. Der Viehhof der Verwaltungssiedlung liefert Schweine zu Zucht-zwecken.

Die im Schreibstuben- und Wirtschaftsdienst tätigen farbigen Arbeiter und Angestellten haben ihr eigenes Dorf mit Farmland zwischen dem Verwaltungshof und dem Kanuhafen.

Am Strand ist ein Hospital eingerichtet, dessen einziger Arzt der deutsche Siedlungsleiter selbst ist. Sauberkeit und Ordnung ist natürlich Pflicht im Regierungshof, a-ber auch im ganzen Ansiedlungsgebiet, einerseits na-türlich um Krankheiten zu vermeiden, andererseits we-gen der deutschen Ordnungsliebe, die nun auch schon von den mit in die Internierung gegangenen Kameru-nern in Jahrzehnten deutscher Herrschaft übernommen wurde.

Das nur zwei Deutsche als Internierte in einer fremden Kolonie 3000 Menschen führen können beim Aufbau eines solchen Siedlungswerkes ist nur möglich durch ei-ne enge Zusammenarbeit mit den Häuptlingen und den einfachen Menschen, die aus der Erfahrung mit der deutschen Verwaltung in Kamerun gerne mit der deut-schen Führung zusammenarbeiten. Der Jaunde Häupt-ling Karl Atangana, der zum Oberhäuptling der nicht mohammedanischen Häuptlingsschaft ernannt ist, ist auch Vorsitzender des Eingeborenen-Schiedsgerichts der nicht mohammedanischen Stämme. Bei seinem An-wesen befindet sich auch die Schule der Siedlung.

Atangana und 116 weitere Führer von Kameruner Volks-gruppen senden an den König von Spanien, Alfonso XIII, von der spanischen Insel Fernando Poo aus der Internie-rung eine Bittschrift in der steht:

»In Kamerun haben wir unsere Familien und unsere Güter zurückgelassen, in dem Vertrauen, daß wir eines Tages in unsere Heimat unter der Herrschaft der deut-schen Regierung zurückkehren werden, der wir treu bleiben und mit der uns Bande der Dankbarkeit ver-knüpfen. Wir alle, Stammeshäuptlinge sowohl wie ande-re Flüchtlinge, haben nur das eine Bestreben, nach Ka-merun unter der deutschen Herrschaft zurückzukeh-ren.«

Während der Versailler Konferenz 1919 wird Atangana nach Madrid gebracht, um zugunsten der deutschen Kolonialmacht auszusagen. Von den verlogenen Sieger-mächten, die bereits im Krieg die deutschen Kolonien unter sich aufgeteilt haben, wird ihm aber selbstver-ständlich nicht erlaubt auf ihrer Konferenz aufzutreten.

Erst nach Beendigung der Versailler Konferenz Ende Juni 1919, als im Vertrag von Versailles Kamerun als Mandatsgebiet des Völkerbundes Frankreich und Groß-britannien zugesprochen wird, ist das Exil auf Fernando Poo für die Kameruner und die restlichen verbliebenen Deutschen zu Ende. Die Kameruner kehren in ihre Hei-mat Kamerun zurück und die Deutschen haben Verbot wieder nach Kamerun zu gehen und müssen nach Deutschland zurückkehren.

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Ergebnisse der Kriegswirtschaft in Deutsch Ostafrika bei einem deutschen Sieg

Gouverneur Heinrich Schnee hat im Juli 1916 in einer Rede gesagt:

„Alles Notwendige gewinnen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materialien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in unserem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat bezweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbi-gen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Verlegenheit geraten können und wir uns ausreichend Ersatz auch für solche Gegenstände, die wir früher von außen bezogen haben, hier beschaffen kön-nen.“


Nach einem für Deutschland siegreichen Krieg müssen natürlich die neuen Straßen, die im Krieg in Deutsch Ostafrika angelegt wurden, für den Lastwagenverkehr bereit gemacht werden, was hauptsächlich Brückenbau heißt, wegen der viel höheren Gewichtsbelastung durch die LKWs als bei den Trägerkolonnen. Durch den Krieg bedingt wird der Lastwagen bereits in großen Zahlen hergestellt und wird nach dem Krieg auch in den deut-schen Kolonien schnell zur Verfügung stehen.     

Tsetsefreie Viehställe für die Versorgung mit Milch ha-ben sich ausgezeichnet bewährt und werden nach dem gewonnenen Krieg in der Kolonie schnell verbreitet sein. Auch die Fleischversorgung der Städte wird im Lande geschehen, und nicht mehr durch Import, durch die tsetsesicheren Viehwaggons der Bahn.

Besonders die zahlreichen Entdeckungen an Pflanzen für die Ernährung und Rohstoffversorgung sind ein Ge-winn. Obst, Getreide, Knollenfrüchte, Gemüse, die vor dem Krieg der weißen Bevölkerung gänzlich unbekannt waren, können nun angebaut werden und ihre Verar-beitung ist jetzt auch bekannt. Auch kann man sie aus ihren ursprünglichen Herkunftsgebieten nun in allen den Pflanzen zuträglichen Lebensräumen anbauen wie natürlich auch in anderen Kolonien mit den entspre-chenden Anbaubedingungen für die Pflanzen. Durch die Vielfalt der nun bekannten Nutzpflanzen kann die Er-nährung von Schwarz und Weiß wesentlich verbessert und gesünder gestaltet werden. Medizinisch nutzbare Pflanzen und ihre Extrakte sind gefunden und können als Heilmittel, Mundwasser, Zahnpasta und Rasierseife hergestellt werden.

Das heißt für Deutsch Ostafrika, daß der Import, haupt-sächlich auch von Lebensmitteln, stark reduziert wer-den kann, während der Export von neuen landwirt-schaftlichen Produkten beginnen kann. Für den sowieso schon ständig gestiegenen Export der Kolonie werden goldene Zeiten anstehen; also auch ein entsprechend weiterer Ausbau der Infrastruktur und eine weitere Steigerung von sozialen Leistungen für die Bevölkerung sind durch die sich ständig verbessernde finanzielle Lage von Deutsch Ostafrika abzusehen.

Die Übernahme der wirtschaftlichen Kriegserfahrungen in Deutsch Ostafrika auf die anderen deutschen Kolo-nien wird auch deren wirtschaftliche und soziale Basis entsprechend verbessern.          

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Der Krieg

Deutsch Ostafrika hat trotz des Maji-Maji-Aufstandes von 1905 1914 im Verhältnis zur Zahl der farbigen Bevöl-kerung weit weniger Soldaten als die Nachbarkolonien der Engländer, Belgier und Portugiesen. Die Deutschen können sich rühmen eine sicherere Kolonie zu besitzen und mehr Vertrauen in die einheimische Bevölkerung zu haben als die anderen Kolonialnationen in Raum von Ost- und Zentralafrika. Bestätigt wird dies nach Kriegs-ausbruch als die deutsche militärische Präsenz in der Kolonie noch stark vermindert wird, durch den Abzug der Truppen an die Fronten, ohne daß es auch nur im geringsten zu Unruhen kommt, während in den Nach-barkolonien im Laufe des Krieges Aufstände ausbre-chen. Beträgt die Stärke der Schutztruppe in Deutsch Ostafrika 1914 2750 Mann bei etwa 9 Millionen Einwoh-nern stehen in Belgisch Kongo bei 8 bis 9 Millionen Ein-wohnern 15.000 Mann Truppen.


Auf einem Inspektionsmarsch von der Heliographen-station Kidodi nach Kilossa an der Zentralbahn erreicht den Schutztruppenkommandeur Paul von Lettow-Vor-beck am 1. August 1914 ein Eilbote mit einem Telegramm des Gouverneurs sofort nach Daressalam zu kommen. Von Kilossa ab reist Lettow auf einem Güterzug in die Hauptstadt. Am Abend des 3. August trifft er Daressalam ein, wo er von den Mobilmachungen in Europa und in der Kolonie erfährt. Gouverneur Schnee hatte am Mor-gen des 2. August aus Nauen die Funknachricht erhal-ten: »2. August, erster Mobilmachungstag.« und hatte sogleich auch die Mobilmachung in der Kolonie verfügt. Lettow-Vorbeck kommt in einen aufgescheuchten Bie-nenschwarm von Siedlern, Geschäftsleuten und Besu-chern der Landesausstellung – für deren Eröffnung die letzten Vorbereitungsarbeiten laufen – , die allesamt die Behörden belagern, was zu tun sei und was weiter ge-schehen wird. Am 5. August morgens um 6 Uhr 15 wird in Daressalam von der Großfunkstelle Windhuk in Südwestafrika der Funkspruch aufgenommen: »England erklärte am 4. August an Deutschland den Krieg«.        

Deutsch Ostafrika ist überhaupt nicht auf einen Krieg gegen äußere Feinde vorbereitet, da von der politischen Führung niemand ernsthaft eine solche Möglichkeit eingerechnet hat. In der 1912 erstellten Denkschrift über einen Krieg der Kolonie mit England wird von einer so-fortigen Aufgabe der als unhaltbar angesehenen Küste und ihren Städten ausgegangen und hinhaltender Widerstand im Landesinneren vorgesehen. Diese Denk-schrift war noch vom vormaligen Schutztruppenkom-mandeur Oberstleutnant Freiherr von Schleinitz ent-worfen und vom damaligen Gouverneur Freiherr von Rechenberg und dem Reichskolonialamt gebilligt wor-den. Dazu kommt, daß die weit im Land verstreuten Kompanien der Schutztruppe nie in größeren Verbän-den von mehreren Kompanien Manöver abgehalten ha-ben, um gegen Gegner europäischen Formats antreten zu können, dafür sind sie eben nicht ausgebildet. Wie in allen anderen deutschen Kolonien, bis auf den Marine-stützpunkt Tsingtau, gibt es keinerlei Befestigungen an den Küsten zum militärischen Schutz von Seeseite und die Forts im Inland sind – wie in allen anderen Schutz-gebieten – ausschließlich zur Sicherung gegen Auf-stände konzipiert.

Als im Januar 1914 der neue Kommandeur der ostafri-kanischen Schutztruppe, Oberstleutnant Paul von Let-tow-Vorbeck, ein erfahrener Kolonialsoldat, in Deutsch Ostafrika eintrifft geht er auf Reisen ins Land, um sein neues Betätigungsfeld kennenzulernen. In den Bergen im Norden der Kolonie, der am dichtesten mit deut-schen Siedlern besetzten Gegend, findet er von ehema-ligen Offizieren, nun Farmer, ein 1913 aufgestelltes frei-williges Schützenkorps, dem alle wehrfähigen Männer angehören und sieht sehr wohl die Möglichkeit gleich zu Beginn eines Krieges sofort offensiv mit der Schutz-truppe gegen einen Gegner vorzugehen, in der alten Weisheit: Angriff ist die beste Verteidigung. Lettow-Vorbeck macht dem Gouvernement entsprechende Vor-schläge, der Verwaltungsbeamte Heinrich Schnee aber bleibt bei der mit dem Reichskolonialamt abgestim-mten Denkschrift von 1912, was bei Kriegsbeginn zu schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten zwi-schen Gouverneur Schnee und dem Kommandeur der Schutztruppe führt, bis sich Lettow-Vorbeck mit seiner Kriegsstrategie durchsetzt. Besonders der große Sieg in der Schlacht von Tanga im November 1914, in der die gelandeten britischen Truppen vernichtend geschlagen werden, hebt die Moral in der Kolonie gewaltig und sichert Lettow-Vorbecks militärische Führungsrolle, der verwaltungstechnisch dem Gouverneur untersteht, aber seine Erfolge machen ihn unabhängig, wenn auch bis zum Kriegsende die Mißhelligkeiten zwischen Let-tow und Schnee andauern.

Lettow-Vorbeck: »Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen und 2540 Askari. Dazu kam später die Besatzung der Königsberg mit 322 Mann und der Möwe mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Laufe des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 12.000 Askari.

In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz-, Sanitätspersonal, Maga-zinbeamte, Besatzung der Etappenlinien, Verpflegungs-posten, Rekrutendepots, Küstenschutz, Relais usw. Eine große Zahl muß also in Abzug gebracht werden, wenn man auf die tatsächliche Gefechtsstärke kommen will.«

Aus militärischer Notwendigkeit schafft Lettow-Vorbeck als der Kommandeur der Schutztruppe in Ostafrika die erste rassisch integrierte Armee der Welt. Auch da-durch kann er seine zu über 90% afrikanische Truppe zu seinen Erfolgen gegen eine zehnfache Übermacht füh-ren und den ganzen Ersten Weltkrieg über mit seinem deutsch-afrikanischen Truppenverband ungeschlagen bleiben. Und die Masse der Afrikaner in dieser deut-schen Kolonialarmee kann in den Wirren und Strapa-zen des jahrelangen Krieges desertieren, aber sie bleibt bei der Truppe.


Die einheimischen Truppen der deutschen Militär-macht stehen ganz eindeutig auf deutscher Seite, was an einfachen Kriegsregeln für Söldnertruppen ablesbar ist. Mit unsicheren Söldnertruppen wird nicht nachts mar-schiert und auch nicht in Wäldern kampiert, wegen der Gefahr der Desertion der Söldner. Mit ihren Askaris ist die deutsche Truppenführung durch die Kriegsereignis-se seit Mitte 1916 gezwungen ständig auf Nachtmär-schen zu sein und im Busch zu kampieren, ohne daß ungewöhnliche Zahlen an Desertionen vorkommen. Das zeigt die hohe Moral der farbigen Truppen unter deut-schem Kommando. Es wäre der Eingeborenentruppen, die natürlich auch Ziel feindlicher Propaganda sind und oft fern ihrer Heimat kämpfen müssen, ein leichtes unter den Kriegsverhältnissen zu desertieren oder ihre Waffen gegen ihre Kommandeure zu wenden.

Ebenso sind die Trägerkolonnen im Land nur unter ein-heimischer Führung und Aufsicht unterwegs und könn-ten leicht flüchten, wenn sie wollten. Die deutsche Trup-penführung hätte keine Soldaten zur Verfügung die Trägerkolonnen zu bewachen. Nur in den Kampfzonen werden schließlich Träger auch von deutscher Seite zwangsweise ausgehoben und zum Teil an Ketten zum Trägerdienst gezwungen.

Träger ist aber auf deutscher Seite nicht gleich Träger. Die Kompanieträger, die schon zu Friedenszeiten Be-standteil der Schutztruppenkompanien waren, sind in die militärische Organisation eingebunden, überneh-men Wachen und Aufklärungen und können im Verlauf des Krieges Askari werden. Sie erhalten Sold und eine medizinische Grundversorgung.


Im Steppengebiet im Nordosten der Kolonie kommt es bei Kriegsbeginn zu Einfällen von Massai aus Britisch Ostafrika ins deutsche Gebiet zum Viehraub. Die einhei-mischen Wassukuma bekämpfen ihre Feinde und legen vor einer deutschen Polizeistation 96 abgeschnittene Massaiköpfe nieder.

An allen Fronten kann die deutsche Schutztruppe er-folgreich die Front halten und steht selbst im Süden von Britisch Ostafrika, von wo aus beständig die Ugandabahn geschädigt wird durch Stoßtruppunternehmen durch die weite Steppenlandschaft bis zur Bahnlinie mit Spren-gungen der Gleise und von Zügen.  

Mit Beginn der alliierten Großoffensive gegen Deutsch Ostafrika im März 1916 dringen feindliche Truppen mit überwältigenden Kräften in den Norden der Kolonie ein. Im April 1916, bei der Bedrohung der Mittellandbahn durch den Gegner, geht Gouverneur Schnee von Tabora, welches im Krieg zur Hauptstadt der Kolonie geworden ist, nach Morogoro und im August von Morogoro zur Truppe. Tabora wird am 18. September 1916 von den Belgiern besetzt. Die schwarzen Truppen der Belgier haben auf ihrem Durchzug durch den Osten Deutsch Ostafrikas bereits mit rauben, plündern, vergewaltigen und morden die schwarze Bevölkerung der deutschen Kolonie überfallen und tun das nun auch ausgiebig in Tabora, ohne von ihren belgischen weißen Offizieren daran gehindert zu werden.

Bis zum Ende der Offensive im September 1916 erobern die beiden gegnerischen Kolonialmächte Belgien und England im Laufe der Monate etwa 80 % der Fläche der deutschen Kolonie mit 90 % der farbigen Einwohner-schaft. Trotzdem kann die deutsche Truppe weiter kriegsbereit gehalten werden. Der unter deutscher Ver-waltung verbliebene Teil ist dünn besiedelt und wegen der Verbreitung der Tsetsefliege ohne Viehbestand. Die-se Gegenden sind arm an Nahrungsmitteln, stark bewal-det und von Sümpfen durchzogen. Dazu sind sie weit we-niger von Weißen besiedelt als der Norden und ent-sprechend fehlen Werkstätten und sonstige technische Hilfsmittel wie sie im Norden, bei der dortigen teilweise dichten deutschen Besiedlung, vorhanden sind. Da-durch geht auch die im Krieg hauptsächlich im Norden aufgebaute wirtschaftliche Produktion verloren und kann im Süden nur sehr beschränkt wiederhergestellt werden.

Die von den Truppen nach Süden mitgeführten 20.000 Stück Vieh sind nach zwei Monaten geschlachtet oder an der von der Tsetse übertragenen Krankheit einge-gangen. Für die Fleischbeschaffung hat der Gouver-neur die Tierschutzgesetze der Kolonie aufgehoben, auf daß die Truppe die zum Teil reichen Wildtierbestände zur Fleischgewinnung jagen und als Trockenfleisch in tierarme Gegenden liefern kann.

Für das Backen von Brot wird immer mehr auf Mehl aus einheimischen Körnerfrüchten zurückgegriffen. Als Kaffeeersatz wird ein brauchbarer Malzkaffee aus Mais oder Mtama hergestellt. Auch eine einheimische Boh-nenart erweist sich als ein geeigneter Ersatzkaffee. Salz wird nach dem Verlust der Saline Gottorp aus Salz-wasser des Indischen Ozeans gewonnen. Die Fettgewin-nung wird ergänzt durch den Abschuß von Flußpferden und Elefanten. Bei der Elefantenjagd wird der Stabsarzt Dr. Neubert der Schutztruppe von einem Elefanten mit einem seiner Stoßzähne durchbohrt und getötet. Diese Jagden auf Elefanten sind besonders in der Regenzeit im dann im Süden aufschießenden hohen Gras mit seinen Juckbohnen, die langandauerndes heftiges Jucken ver-ursachen, wahrlich keine Jagdsafaris mehr wie zu Frie-denszeiten, sondern notwendige Fleischversorgung. Selbst ehemalige Großwildjäger sind an diesen Jagden nicht interessiert.


Die Kämpfe zwischen den britischen und den deutschen Truppen in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 und 1917 in Deutsch Ostafrika bringen für die betroffene einhei-mische Bevölkerung in den Kampfgebieten hauptsäch-lich im Süden der Kolonie schwere Opfer mit sich, weil beide kriegführenden Parteien über die Maßen Anfor-derungen an Träger, Arbeitskräfte und Lebensmittel stellen, wo in vielen dieser Gebiete selbst in Friedens-zeiten aufgrund der ungünstigen allgemeinen Bedin-gungen – Buschland ohne Viehhaltung – schon kein Überfluß herrscht.

Bis zum Oktober 1916 geht der Norden und die Küste der Kolonie verloren. Die sehr starken Regenfälle in der Regenzeit 1916/17 im Süden bringen eine ausreichende Ernte für die Bevölkerung und die Truppe, aber 1917 verringert sich der unter deutscher Herrschaft stehen-de Raum in der Kolonie durch das Vordringen der gegnerischen Streitkräfte beständig.

Im April 1917 dringt eine Abteilung der Schutztruppe in die portugiesische Kolonie Mosambik im Süden von Deutsch Ostafrika ein und wird in Portugiesisch Ostafri-ka von der schwarzen Bevölkerung als Befreier von der portugiesischen Herrschaft begrüßt. Da Nordmosambik sowieso vertraglich Deutschland zugesprochen ist, han-delt es sich also eigentlich mehr um eine Übernahme, denn um eine Besetzung des nördlichen Mosambik. Das Ziel des Einmarsches in Mosambik im April 1917 ist die Erkundung des Landes und die Erbeutung von Verpfle-gung und Ausrüstung von den Portugiesen. Mit dem Einmarsch der gesamten deutschen Schutztruppe nach Mosambik Ende November 1917 wird auch gleichzeitig der noch deutsch-verwaltete Teil Deutsch Ostafrikas im Süden der Kolonie vor der zehn bis zwanzigfachen feind-lichen Übermacht aufgegeben.

Ende November 1917 tritt die ganze Schutztruppe nach Mosambik über, um sich durch die Eroberung von Stütz-punkten der portugiesischen Kolonialarmee die nötigen Waffen, die Munition und Lebensmittel zu verschaffen für die weitere Erhaltung ihrer Kampfkraft. Schließlich dringt die Schutztruppe nach dem Durchzug durch den Südwesten von Deutsch Ostafrika im September/Okto-ber 1918 am 1. November in das britische Protektorat Nordrhodesien ein. Lettow-Vorbeck macht sich auf den Weg nach Katanga in Belgisch Kongo, von wo er mit seiner Truppe weiter in die portugiesische Kolonie Angola marschieren will. Am 9. November nimmt die Truppe Kasama, 200 Kilometer südlich der Grenze von Deutsch Ostafrika. Lettow-Vorbeck: »Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen [Ochsenwagen] wurden erbeutet. Recht erheblich war die Beute an Europäerverpflegung.

Drei Tagemärsche weiter, den Telefondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in Kasama eingetroffen, und dieser mar-schierte mit 2 Kompagnien sogleich weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.« Der Chambesi-Fährüber-gang ist auch gleichzeitig in Marschrichtung Angola. Am 13. November trifft die Abteilung Spangenberg an der Chambesi-Fähre ein. »Übergänge über den Cham-besifluß zu erkunden« für »einen gesicherten Uferwech-sel«: »Diese Frage war brennend, da die Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevor-stand. Stärkere Gewitter setzten bereits ein.«

Am 13. November 1918 erfährt Lettow-Vorbeck vom Waffenstillstand in Europa, der am 11. November be-gann. Am 25. November 1918 legt die deutsche Schutz-truppe laut Waffenstillstandsvereinbarung die Waffen nieder. Von Nordrhodesien wird die noch etwa 1300 Mann starke Truppe erst nach Kigoma in Deutsch Ostafrika verlegt und dann im Dezember mit der Bahn nach Daressalam abgefahren. Lettow-Vorbeck über die Zugfahrt: »In Tabora waren eine Menge Deutsche auf dem Bahnhof. Sie beklagten sich über die Räubereien durch die Belgier und die Engländer. – In Morogoro war das Eintreffen des Zuges den Deutschen bekanntge-geben. Nachmittags auf dem Bahnhof trafen wir die deutschen Frauen wieder, die wir hier vor zwei Jahren zurückgelassen hatten. Sie bewirteten uns festlich, und ein großes Fragen ging nach ihren Männern und Freunden. Manch einer mußten wir über den Tod ihres Mannes Genaues erzählen. Auch sie, unsere deutschen Frauen, hatten schwere Zeiten hinter sich, und deren, die ihre Männer lebend und gesund wiedersahen, waren wenige.«