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Weltpolitik II

Im Gegensatz zur planlosen Weltpolitik des Reiches um 1900 ist nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 eine strategische Planung getreten, die den Anspruch Welt-politik verdient. Der Kern der neuen Weltpolitik liegt im wirtschaftlichen Bereich – dem eigentlich wichtigen Be-reich eines Staatswesens – zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und somit auch Deutschlands und des deut-schen Volkes. Waren Prestige, Weltmachtstreben, See-macht ausschlaggebende Größen vor der neuen Welt-politik, sind nun knallharte wirtschaftspolitische Grün-de maßgebend, weshalb die deutsche Wirtschaftsfüh-rung nun auch vorrangig an der Erwerbung neuer Kolo-nien beteiligt ist. Waren die deutsche Großindustrie und die Banken in den 1880er Jahren völlig desinteres-siert an Kolonien, nicht zuletzt als Ergebnis des 1881 gegründeten Westdeutschen Vereins für Colonisation und Export, dem 1880 Besprechungen der späteren Gründungsmitglieder des Vereins, »verschiedenen Her-ren der westdeutschen Großindustrie«, vorausgingen, und der die Möglichkeiten von deutschen Kolonien für die deutsche Industrie auslotete, konkrete Exportchan-cen wurden diskutiert und projektierte Überseeunter-nehmen auf ihre Rentabilität hin durchkalkuliert, aber ohne zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, und so waren Kolonien für die deutsche Großindustrie als Markt uninteressant, so sind jetzt, nachdem die deut-schen Kolonien verkehrstechnisch und wirtschaftlich erschlossen sind und anfangen Gewinn abzuwerfen, die Großindustrie und die Banken allerdings an Kolonien interessiert.

Auch die maßgeblichen Kolonialpolitiker in der Regie-rung haben aus den Fehlern früherer Zeiten gelernt und gehen anstatt mit Theaterdonner, wie bei den Marokko-krisen von 1905 und 1911, mit bedacht an die selbstge-stellte Aufgabe. So wird im Verein mit den deutschen Großbanken hinter den Kulissen an der wirtschaftlichen Durchdringung gewünschter Kolonien für deren ge-plante Übernahme gearbeitet.


1914 haben Deutschland und England die letzten poli-tischen Schwierigkeiten untereinander ausgeräumt. Die Auseinandersetzung um die Bagdadbahn ist im Juni 1914 friedlich gelöst worden. Die Bagdadbahn von Berlin nach Bagdad erschließt für Deutschland die Ölfelder des Orients und ist als reine Landverbindung für die Royal Navy, für England, im Kriegsfall unangreifbar. Gleichzei-tig würde bei einem geringen Weiterbau der Bahn bis Kuwait Deutschland am Persischen Golf stehen, was Eng-land unbedingt verhindern will. So einigt man sich darauf, daß die Bagdadbahn nicht zum Persischen Golf verlängert wird und England in der Verwaltung der Bahnlinie ein Mitspracherecht bekommt.

Auch die kolonialen Fragen sind zwischen Deutschland und England erledigt. Schon im November 1911 hat der englische Außenminister Edward Grey vor dem Parla-ment und gegenüber dem deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, Belgisch Kongo zur deutschen Einflußsphäre erklärt. Mit der Übereinkunft vom August 1913 über die Teilung der Kolonien Portugals zwischen Deutschland und England ist auch diese Frage geklärt. In einem ersten Schritt ist am 28. Mai 1914 die Urkunde für den Kauf der englischen Nyassa Company, die wirt-schaftlich halb Nordmosambik beherrscht, im Auftrag des Deutschen Reiches von einem deutschen Banken-konsortium in London unterzeichnet worden.

Die letzte Streitfrage zwischen Deutschland und England betrifft die Flottenrüstung. Aber auch hier hat sich eine Lösung für England ergeben, die Fernblockade. Waren England und Deutschland davon ausgegangen, daß in einem Kriegsfall zwischen beiden Ländern – wie in den Jahrhunderten zuvor in solchen Fällen – die stärkere Seemacht die Häfen der schwächeren Macht unmittel-bar blockiert, und Deutschland dagegen versuchen woll-te, die britische Schlachtflotte auch mit den gefährli-chen kleinen Torpedobooten vor der deutschen Küste zu schlagen, so haben die Briten jetzt umgestellt auf eine Blockade der deutschen Seewege in den Atlantik hinein zwischen Schottland und Norwegen und im Ärmelkanal. Der deutsche Überseehandel würde im Kriegsfall mit England nun sofort zusammenbrechen, da die deut-schen Schlachtschiffe mit ihrer Kohlebefeuerung unter Kriegsbedingungen mit ständigen hohen Fahrgeschwin-digkeiten nur eine geringe Reichweite haben und die britische Fernblockadeflotte nicht angreifen können. Die deutschen Torpedoboote haben eine noch viel ge-ringere Seeausdauer als die Schlachtschiffe und fallen nun als Kampfmittel gegen die Royal Navy ganz aus. So ist britische Flotte im Kriegsfall durch die Fernblockade auch vor der deutschen Flotte geschützt.

Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt haben ihre Probleme miteinander Mitte 1914 gelöst und eine Blüte der Weltwirtschaft ist abzusehen, zum Nutzen der ganzen Menschheit.

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Welthandel

England ist der beste Partner im Gesamtaußenhandel Deutschlands. 1901 beträgt sein Anteil am deutschen Export 20,3 %, doppelt so viel wie der des nächstbesten Kunden, Österreich-Ungarn. Im deutschen Import steht England mit 11,5 % an vierter Stelle hinter den Verei-nigten Staaten, Rußland und Österreich-Ungarn. 1913 nimmt England immer noch als bester Käufer 14,2 % der deutschen Ausfuhr ab. Vom englischen Export nimmt Deutschland 1911 10,2 % ab und steht damit an zweiter Stelle hinter den Vereinigten Staaten.

Die Haupthandelsströme beider Länder verlaufen im Welthandelsverkehr in so verschiedenen Richtungen, daß es keine gegenseitige Handelskonkurrenz gibt. Der deutsche Export geht 1911 zu drei Vierteln nach Europa und nur zu einem Viertel nach Übersee (6,066 Mrd. Mark gegenüber 2,036 Mrd. Mark). Afrika, Asien und die Südsee, die Hauptbetätigungsgebiete der deutschen Weltpolitik, nehmen 8,1 % des Exports ab, der größte Teil des deutschen Überseeexports (16 %) geht nach Nord- und Südamerika. Bei England wickelt sich der Außenhandel umgekehrt in erster Linie in Übersee ab.

Die deutschen Kolonien sind dem englischen Handel geöffnet, und in den englischen Kolonien und Domi-nions ist Deutschland der schärfste Konkurrent Eng-lands. Doch das schnelle Wachstum der deutschen Wirtschaft und des deutschen Welthandels ist keine Gefahr für die britische Wirtschaft und ihren Welt-handel. 1913 beträgt der deutsche Außenhandel 22,5 Milliarden Mark und der Außenhandel von England beträgt 28,6 Milliarden Mark.

1905 ist der Höhepunkt des wirtschaftlichen Konkur-renzkampfes zwischen England und Deutschland über-wunden als das Flottenwettrüsten beginnt. Die Flotten-rüstung ist also nicht ein Ausdruck von wirtschaftlicher Konkurrenz.

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Kolonialkriege anderer Mächte

Während es im deutschen Kolonialreich keine Kriege mehr gibt gibt es in anderen Kolonialreichen weiterhin große Aufstände und Kriege. Ruhe ist in den deutschen Kolonien, dem drittgrößten Kolonialreich nach dem englischen und dem französischen, eingetreten mit der Umsetzung der 1905 begonnenen neuen deutschen Kolonialpolitik der Entwicklung der Schutzgebiete zum Nutzen der deutschen wie der einheimischen Bevölke-rung.


Am 1. April 1912 tritt der Protektoratsvertrag in Kraft, der Frankreich die Herrschaft über große Teile von Marok-ko verleiht. Spanien werden in dem Vertrag Teile von Nordmarokko zugesprochen. Am 11. April schreibt der französische Sozialistenführer Jean Jaurès in der Zeitung Humanité:

»Unsere Politik des Überfallens, des Einbruchs, der be-waffneten Tyrannei ruft im Lande derartigen Zorn her-vor, daß man noch gar nicht gewagt hat, den Marok-kanern den Schutzherrschaftsvertrag zur Kenntnis zu bringen…«

Am 17. April 1912 kommt es in Fes zum Aufstand der marokkanischen Truppen gegen die Franzosen und den Sultan Abd Al Hafis, der den Vertrag unterzeichnet hat. Den Franzosen gelingt es in wenigen Tagen den Auf-stand niederzuschlagen und am 24. Mai trifft der fran-zösische Generalresident für Marokko, Louis-Hubert Lyautey, in Fes ein und läßt 48 marokkanische Aufstän-dische exekutieren. Doch der Kampf der Berberstämme für ihre Unabhängigkeit geht weiter und erst 1926 kön-nen die Franzosen die Berber endgültig besiegen.

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Die Zweite Marokkokrise

Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, macht den Staatssekretär des Äußeren, Alfred von Kiderlen-Waechter, auf Frankreichs Ambitionen in Marokko und die baldige französische Besetzung der marokkanischen Hauptstadt Fes aufmerksam.

Arthur Zimmermann, Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, erstellt eine Denkschrift zur Marokkofrage in der es unter anderem heißt: »Sobald die Franzosen in Fes eingetroffen sind und angefangen haben sich dort einzurichten…«

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg liest diese vom Außenminister Alfred von Kiderlen-Waech-ter genehmigte Denkschrift am 5. Mai 1911 Wilhelm II in Karlsruhe vor.

Am 21. Mai marschieren die Franzosen dann in Fes und Rabat ein. Die Denkschrift von Zimmermann besagt un-ter anderem:

»Die Akte [Algeciras-Akte von 1906] sei damit durch die Macht der Tatsachen zerrissen und sämtlichen Signatar-mächten die volle Freiheit des Handelns zurückgege-ben. Es würde dann für uns in Frage kommen, welchen Gebrauch wir von dieser Freiheit machen. Die Beset-zung von Fes würde die Aufsaugung Marokkos durch Frankreich anbahnen. Wir würden durch Proteste nichts erreichen und würden damit eine schwer erträg-liche moralische Niederlage erleiden. Wir müssen uns daher für die dann folgenden Verhandlungen ein Objekt sichern, das die Franzosen zu Kompensationen geneigt macht. Wenn sich die Franzosen aus Besorgnis für ihre Landsleute in Fes etablieren, haben auch wir das Recht, bedrohte Landsleute zu schützen. Wir haben große deutsche Firmen in Mogador und Agadir. Deutsche Schiffe könnten sich zum Schutz dieser Firmen in jene Häfen begeben. Sie können dort ganz friedlich statio-niert werden – nur um das Zuvorkommen anderer Mächte in diesen wichtigsten Häfen Südmarokkos zu verhindern. … Im Besitz eines solchen Faustpfandes würden wir die weitere Entwicklung in Marokko in Ruhe mit ansehen und abwarten können, ob etwa Frankreich uns in seinem Kolonialbesitz geeignete Kompensationen anbieten wird, für die wir dann die beiden Häfen verlassen können…«

In der Denkschrift wird auch England erwähnt in dem Sinne, »daß deren große Entfernung [Mogador und Aga-dir] vom Mittelmeer Schwierigkeiten seitens England wenig wahrscheinlich macht…«

Der deutsche Außenminister Kiderlen-Waechter will nach der Besetzung von Fes und Rabat durch französi-sche Truppen als Entschädigung für Deutschland die französische Kongokolonie verlangen und glaubt nur durch eine militärische Drohung Frankreich zu einer Kompensation in der kolonialen Angelegenheit bewe-gen zu können. Kiderlen bringt den widerstrebenden Kaiser dazu ein deutsches Kriegsschiff nach Marokko zu schicken, statt in Geheimdiplomatie die Angelegenheit unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu einem guten Kompensationsgeschäft und territorialem kolonialen Gewinn zu machen.

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Weltpolitik

Im Gegensatz zur planlosen Weltpolitik des Reiches um 1900 ist nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 eine strategische Planung getreten, die den Anspruch Welt-politik verdient. Der Kern der neuen Weltpolitik liegt im wirtschaftlichen Bereich – dem eigentlich wichtigen Bereich eines Staatswesens – zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und somit auch Deutschlands und des deut-schen Volkes. Waren Prestige, Weltmachtstreben, See-macht ausschlaggebende Größen vor der neuen Welt-politik, sind nun knallharte wirtschaftspolitische Grün-de maßgebend, weshalb die deutsche Wirtschaftsfüh-rung auch vorrangig an der Erwerbung neuer Kolonien beteiligt ist.

Die deutsche Großindustrie und die Banken waren in den 1880er Jahren völlig desinteressiert an Kolonien, nicht zuletzt als Ergebnis des 1881 gegründeten West-deutschen Vereins für Colonisation und Export, dem 1880 Besprechungen von »verschiedenen Herren der westdeutschen Großindustrie«, späteren Gründungs-mitgliedern des Vereins, vorangingen, und der die Möglichkeiten von deutschen Kolonien für die deutsche Industrie auslotete. Konkrete Exportchancen wurden von den Vereinsmitgliedern diskutiert und projektierte Überseeunternehmen auf ihre Rentabilität hin durch-kalkuliert, aber ohne zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, weshalb Kolonien für die deutsche Großin-dustrie als Markt uninteressant waren. Jetzt, nachdem die deutschen Kolonien verkehrstechnisch und wirt-schaftlich erschlossen sind und anfangen Gewinn ab-zuwerfen, sind Großindustrie und Banken allerdings an Kolonien interessiert.

Auch die maßgeblichen Kolonialpolitiker in der Regie-rung haben aus den Fehlern früherer Zeiten gelernt und gehen anstatt mit Theaterdonner, wie bei den Marokko-krisen 1905 und 1911, mit bedacht an die selbstgestellte Aufgabe. So wird im Verein mit den deutschen Großban-ken hinter den Kulissen an der wirtschaftlichen Durch-dringung gewünschter Kolonien für deren geplante Übernahme gearbeitet.


1914 haben Deutschland und England die letzten politi-schen Schwierigkeiten miteinander ausgeräumt. Die Auseinandersetzung um die Bagdadbahn ist im Juni 1914 friedlich gelöst worden. Die Bagdadbahn von Berlin nach Bagdad erschließt für Deutschland die Ölfelder des Orients und ist als reine Landverbindung für die Royal Navy, für England, im Kriegsfall unangreifbar. Gleich-zeitig würde bei einem geringen Weiterbau der Bahn bis Kuwait Deutschland am Persischen Golf stehen, was England unbedingt verhindern will. So einigt man sich darauf, daß die Bagdadbahn nicht zum Persischen Golf verlängert wird und England in der Verwaltung der Bahnlinie ein Mitspracherecht bekommt.

Auch die kolonialen Fragen sind zwischen Deutschland und England erledigt. Schon im November 1911 hat der englische Außenminister Edward Grey vor dem Parla-ment und gegenüber dem deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, Belgisch Kongo zur deutschen Einflußsphäre erklärt. Mit der Übereinkunft vom August 1913 über die Teilung der Kolonien Portugals zwischen Deutschland und England ist auch diese Frage geklärt. In einem ersten Schritt ist am 28. Mai 1914 die Urkunde für den Kauf der englischen Nyassa Company, die wirtschaftlich halb Nordmosambik beherrscht, im Auftrag des Deutschen Reiches von einem deutschen Bankenkonsortium in London unterzeichnet worden.

Die letzte Streitfrage zwischen Deutschland und England betrifft die Flottenrüstung. Aber auch hier hat sich eine Lösung für England ergeben, die Fernblockade. Waren England und Deutschland davon ausgegangen, daß in einem Kriegsfall zwischen beiden Ländern – wie in den Jahrhunderten zuvor in solchen Fällen – die stärkere Seemacht die Häfen der schwächeren Macht unmittel-bar blockiert, und Deutschland dagegen versuchen woll-te, die britische Schlachtflotte auch mit den gefährli-chen kleinen Torpedobooten vor der deutschen Küste zu schlagen, so haben die Briten jetzt umgestellt auf eine Blockade der deutschen Seewege in den Atlantik hinein zwischen Schottland und Norwegen und im Ärmelkanal. Der deutsche Überseehandel würde im Kriegsfall mit England nun sofort zusammenbrechen, da die deut-schen Schlachtschiffe mit ihrer Kohlebefeuerung nur eine geringe Reichweite haben und die britische Fern-blockadeflotte nicht angreifen können. Die deutschen Torpedoboote haben eine noch viel geringere Seeaus-dauer als die Schlachtschiffe und fallen nun als Kampf-mittel gegen die Royal Navy ganz aus. So ist britische Flotte im Kriegsfall durch die Fernblockade auch vor der deutschen Flotte geschützt.

Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt haben ihre Probleme miteinander Mitte 1914 gelöst und eine Blüte der Weltwirtschaft ist abzusehen, zum Nutzen der ganzen Menschheit.

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Kolonialkriege und koloniale Verbrechen anderer Mächte

Am 29. Dezember 1890 schlachtet die US-Armee an die 300 Indianer in Wounded Knee ab. Es ist das letzte Mas-saker im Krieg der USA gegen die Indianer.

Wounded Knee liegt mitten im Kontinent Nordamerika und dieser Massenmord Ende 1890 ist regelrecht be-zeichnend für die endgültige Eroberung des Kontinen-tes durch die Weißen.

Bericht des Indianers American Horse:

»Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm wurde erschossen, während sie die Waffenstillstandsfahne be-rührte, und die übrigen Frauen und Kinder wurden durch das ganze Dorf zerstreut. Gleich neben der weißen Fahne wurde eine Mutter mit einem Baby im Arm er-schossen; da das Baby nicht wußte, daß seine Mutter tot war, versuchte es weiter zu trinken, und das war ein besonders trauriger Anblick. Die Frauen, die mit den Kindern zu fliehen versuchten, wurden auf der Flucht erschossen, und schwangere Frauen wurden ebenfalls niedergeschossen. Alle Indianer flohen in drei Richtun-gen, und nachdem die meisten von ihnen getötet wor-den waren, riefen die Soldaten, alle, die noch nicht tot oder verwundet seien, sollten hervorkommen; ihnen werde nichts geschehen. Kleine Jungen, die nicht ver-letzt worden waren, verließen ihre Zufluchtsorte, und sobald sie in Sicht kamen, wurden sie von Soldaten um-ringt und massakriert.«

Bericht des Indianers Black Elk:

»Wir eilten der Schlucht entlang hinab, doch was wir sahen, war furchtbar. Tote und verwundete Frauen, Kin-der und Säuglinge lagen überall auf dem Weg, auf dem sie sich hatten retten wollen. Die Soldaten hatten sie, als sie die Schlucht hinab liefen, verfolgt und dort ermor-det. Zuweilen lagen sie in Haufen, da sie sich zusam-mengedrängt hatten, und überall lagen andere einzeln herum. Da und dort, wo die Kanonen hingezielt hatten, lagen getötete und in Stücke gerissene Menschen in Haufen. Ich sah ein kleines Kind, das an seiner Mutter zu saugen versuchte, doch die Mutter war blutüber-strömt und tot. … Männer und Frauen und Kinder lagen in Haufen oder einzeln auf der Erde am Fuße des klei-nen Hügels, wo die Soldaten ihre Kanonen aufgestellt hatten. Aber gegen Westen hin, die Schlucht hinan bis zu dem Hügelkamm, lagen tote Frauen und Kinder und Säuglinge zerstreut. Als ich dies sah, da wünschte ich, ich wäre auch gestorben, doch bedauerte ich die Frauen und Kinder nicht. Es war für sie besser, in der anderen Welt glücklich zu sein, und ich hätte dort sein mögen.«

20 Soldaten des am Massaker beteiligten Regiments bekommen für ihre Mitwirkung an dem Massaker die Medal of Honor. Die Medal of Honor ist die höchste mili-tärische Auszeichnung der amerikanischen Regierung. Sie wird verliehen für »auffallende Tapferkeit und Furchtlosigkeit bei Lebensgefahr weit über die Pflicht-erfüllung hinaus im Gefecht gegen einen Feind der Vereinigten Staaten«.    

Im ganzen Zweiten Weltkrieg wird die Medal of Honor nur 289 mal verliehen.

In den USA werden um die Jahrhundertwende tausende Schwarze zu Tode gelyncht und kein Staat der Welt, schon gar keine europäische Kolonialmacht, meldet sich über diesen Massenmord an Schwarzen zu Wort.


Die Filipinos haben aus eigener Kraft die Jahrhunderte lange spani­sche Kolonialherrschaft über ihre Inselwelt 1898 bereits schon fast militärisch besiegt als amerika-nische Truppen auf den Philippinen landen. Am 12. Juni 1898 erfolgt die philippinische Unabhängigkeitserklä-rung, welche aber weder von Spanien noch von den USA anerkannt wird. Die US-Militärfüh­rung benutzt die phi-lippinische Befreiungsarmee aber, um den restlichen spanischen Widerstand niederzukämpfen. Am 23. Ja-nuar 1899 kommt es zur Ausrufung der philippinischen Verfassung und zur Gründung der Philippinischen Republik. Die philippinische Regierung nimmt Sitz in Malolos, da Manila aus dem spanisch-amerikanischen Krieg noch unter amerikanischer Besatzung steht. Am 4. Februar beginnt der Angriff der Amerikaner auf die regulären Truppen der Republik der Philippinen.

Auf der Insel Samar gelingt es den philippinischen Truppen am 27. September 1901 bei einem Überfall auf eine Einheit von 88 US-Soldaten 59 zu töten und 23 zu verwunden. Nur sechs amerikanische Soldaten bleiben unverletzt. Dies ist die schlimmste militärische Nieder-lage für die US-Streitkräfte seit der Schlacht am Little Bighorn 1876 gegen Indianer von Sitting Bull und Crazy Horse.

Jacob H. Smith, ein Veteran des Wounded-Knee-Massa-kers der US-Kavallerie an Indianern 1890, ordnet an, die ganze Insel Samar in eine „heulende Wildnis“ zu ver-wandeln: „I want no prisoners. I wish you to kill and burn; the more you kill and burn the better it will please me.“ / „Ich wünsche keine Gefangenen. Ich wünsche, daß ihr tötet und niederbrennt; je mehr getötet und niedergebrannt wird, um so mehr wird es mich erfreu-en.“ Die Kriegsverbrechen von General Smiths Truppen werden erst im März 1902 in den USA bekannt und führen zu einer großer Empörung.

Mit einem Einsatz von 70.000 Soldaten in ei­nem von den USA mit äußerster und abstoßenster Brutalität bis 1902 geführten Krieg wird die Philippinische Republik be-siegt. Eine Million Filipinos kostet der US-Eroberungs-krieg das Leben. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Mark Twain schreibt verbittert:

»Wir haben tausende der Inselbewohner be­friedet, in dem wir sie beerdigt haben, ihre Felder zerstörten, ihre Dörfer verbrannten und ihre Witwen und Waisen ver-trieben.«

Carl Schurz, der deutsche Revolutionär von 1848/49, Ge-neral der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg und später von 1877-81 US-Innenminister als welcher er bedeutende Verbesserungen für die Indianer schafft, rät US-Präsident William McKinley die Philippinen als Mandat an eine kleine Macht wie Belgien oder Holland zu geben. McKinley aber behält die sehr blutig eroberte Kolonie und erklärt einer Gruppe von Pfarrern wie die Vereinigten Staaten in den Besitz der Philippinen ge-kommen sind:

“Ich schäme mich nicht Gentlemen, ihnen zu sagen, daß ich nicht nur in einer Nacht auf die Kniee ging und zum allmächtigen Gott betete für Licht und Führung. Und eines nachts kam es mir: Ich weiß nicht wie aber es kam zu mir, daß wir sie nicht an Spanien zurück geben kön-nen. Das wäre feige und unehrenhaft. Daß wir sie nicht Frankreich oder Deutschland überge­ben können – un-seren Handelsrivalen im Orient – das wäre ein schlech­tes Geschäft und entehrend.“


In Madagaskar hat Frankreich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts allen Widerstand gegen seine Herrschaft gebrochen, bis auf den Stamm der Antandroy im trok-kenen Dornenland im Südosten der großen Insel, der sich nicht unterwerfen will.

Die Franzosen hatten aus Mexiko am Ende des 18. Jahr-hunderts den Feigenkaktus eingeführt und als zusätz-liche Sicherung ihres Forts Dauphin rings um das Fort gepflanzt zum zusätzlichen Schutz gegen Angriffe der Einheimischen. Die stachelige Pflanze wächst im trok-kenen Süden Madagaskars hervorragend und auch die Einheimischen wissen bald den Kaktus zu schätzen als Schutzwall um ihre Dörfer und Rindergehege und als Nahrungslieferant durch seine Früchte. Die Kakteen selbst werden durch abbrennen ihrer Dornen auch ein nahrhaftes und wasserhaltiges Fressen für ihre Rinder in der Trockenzeit. Durch den Segen des Feigenkak-tusses wachsen die Rinderherden der Antandroy und auch ihre eigene Bevölkerungszahl steigt. Weil nun die Franzosen die Antandroy auch mit militärischer Gewalt nicht niederringen können kommen sie auf die Idee den schlimmsten Feind der Feigenkakteen, einen Käfer na-mens Dactylopius coccus, aus Mexiko zu importieren und gegen die Kakteenwälder der Antandroy einzuset-zen, um sie ihrer Nahrungsgrundlage zu berauben. Der Käfer ist ein durchschlagender Erfolg gegen die Antan-droy. Innerhalb kürzester Zeit verschwindet der Feigen-kaktus aus der Landschaft. Einige zehntausend Rinder des Stammes, und wohl kaum weniger Menschen, ver-hungern, verdursten oder müssen aus dem trockenen Dornenland flüchten und der Widerstand der Antan-droy gegen die französische Kolonialherrschaft ist ge-brochen.