Die deutschen Kriegsschiffe sind besondere Anzie-hungspunkte für die deutschen Gemeinden in aller Welt. Ihr Erscheinen wird von den Auslandsdeutschen bei den deutschen Dienststellen erbeten, und wenn denn ein solches Schiff tatsächlich erscheint, bietet es Anlaß für viele Festivitäten, Sport- und Kulturveranstal-tungen mit der Besatzung und erhebt das Nationalgefühl der im Ausland lebenden Deutschen ungemein. Die in Schanghai erscheinende Zeitung Ostasiatischer Lloyd schreibt im Februar 1905 über den Besuch einer Schul-klasse auf dem Kanonenboot Jaguar, zu welchem der Kommandant des Schiffes eingeladen hatte: »Nichts ist sosehr geeignet, die Vaterlandsliebe bei den deutschen Kindern im Auslande zu beleben, wie eine derartige Veranstaltung auf deutschen Kriegsschiffen; die Erin-nerung an sie lebt in der Erinnerung der Kleinen noch lange, lange Zeit.«
Ein anderes Beispiel ist der Besuch der SMS Cormoran in Hobart, der Hauptstadt der Insel Tasmanien, welche zu Australien gehört, im Oktober 1912. Sowohl die bri-tische als auch die deutsche Bevölkerung von Hobart empfängt das deutsche Kriegsschiff äußerst liebenswür-dig. Feste an Bord und an Land für Besatzung und Bevölkerung werden gegeben. Paul Ebert, Kommandant von Cormoran: »An einem Sonntage fand auch ein wah-res Volksfest aller Deutschen aus Hobart und Umge-bung an Bord von Cormoran statt, zu dem viele Hun-derte von Besuchern zusammenströmten.«
Selbstverständliche Dienstpflicht der deutschen Kriegs-schiffe ist das würdige Begehen der Geburtstage der Kaiserin und des Kaisers. Die Kaiserin hat am 22. Okto-ber Geburtstag und der Kaiser am 27. Januar. Üblicher-weise wird ein Schiff dafür über die Toppen geflaggt und mittags wird Salut geschossen. Dazu gibt es ein fest-liches Rahmenprogramm für Gäste an Bord als auch an Land.
Wenn ein Kriegsschiff einen Hafen anfährt oder verläßt kann es zum Gruß Schwarzqualmen, ein imposanter dich-ter schwarzer Rußausstoß aus den Schornsteinen – deshalb auch Heizergruß genannt. Im normalen Fahr-betrieb ist starkes Rußen aus den Schornsteinen uner-wünscht, wegen der Verschwendung von Kohle und die Rußteilchen verschmutzen Oberdeck und Aufbauten des Schiffes und die Uniformen der an Deck stehenden Besatzung. Wenn aber das Schiff zum Gruß absichtlich rußt, und dann eben auch extra stark, dann läßt der Oberheizer die Kohle so schlecht wie möglich ver-brennen durch Reduzierung der Verbrennungsluft und gleichzeitiger Erhöhung der Brennstoffzufuhr, also der Kohle, und es kommt zum starken Rußen, dem Austritt unverbrannter Kohle aus den Schornsteinen. Wenn der Anfahr- oder Abfahrhafen eine entsprechende Zuschau-ermenge und Bedeutung hat kann der Kommandant Schwarzqualmen befehlen.
Zu den Höflichkeitsritualen der Kriegsschiffe auf Aus-landsstation gehört selbstverständlich der gesellschaft-liche Verkehr mit den Kriegsschiffen anderer Staaten. Kommandant Ebert der Cormoran berichtet von einem Treffen in Apia auf Deutsch Samoa im Januar 1913 mit dem US-Kriegsschiff Princeton, welches in Pago Pago auf Amerikanisch Samoa stationiert ist und eine Fita Fita-Truppe, eine samoanische Polizeigarde aus Söhnen hochrangige Eingeborener, mitgebracht hat. Ebert: »Im Hafen fanden wir unseren alten Freund, den amerika-nischen Stationär Princeton aus Pago Pago, mit dessen Kommandanten ich sogleich einen freundschaftlichen Besuch austauschte. Die amerikanischen Offiziere hat-ten ihre Damen aus Pago Pago mit herübergebracht, und eines nachmittags gab Konsul Mitchell einen größeren Tee, bei dem die amerikanische Fita-Fita-Kapelle spiel-te.«
Seit der Chinaexpedition eines Geschwaders 1900/01 anläßlich des Boxeraufstandes im Reich der Mitte sind keine großen, modernen deutschen Kriegsschiffe mehr auf den Weltmeeren vertreten, sondern nur dritt-klassige Schiffe befinden sich im Auslandsdienst. Alle modernen Kriegsschiffe finden sich in der Ostsee und der Nordsee für die im Kriegsfall mit England erwartete große Seeschlacht vor der deutschen Nordseeküste mit der Royal Navy. Seit 1908 fährt dann alljährlich zweimal ein Kreuzerverband für Manöver in den Atlantik und besucht dabei Spanien zum Bekohlen des Geschwaders.
Der Admiralstab entdeckt schließlich, wie man kosten-günstig zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Die neuartigen Turbinenanlagen auf den neuen Schlachtschiffen, die offiziell Linienschiffe genannt werden, und den Schlachtkreuzern ab 1909 machen ausgedehnte Erprobungsfahrten notwendig. Somit wird 1911 der nagelneue Schlachtkreuzer Von der Tann zur Probefahrt nach Brasilien und Argentinien entsandt. Der Besuch von Rio, mehreren südbrasilianischen Häfen und Buenos Aires im März/April 1911 wird zu einem großen Propagandaerfolg. Dabei besuchen große Teile der Besatzung auch die Siedlung der Brasiliendeutschen in Blumenau. Nicht nur die moderne Technik und die Größe des Schiffes, sondern auch das einwandfreie Be-nehmen der Mannschaften beim Landurlaub beein-druckten die Südamerikaner.
Neben der allgemeinen Anwesenheit von Kriegsschif-fen zur Darstellung von Macht ist die Kriegsschiffarchi-tektur von besonderer Bedeutung für die Zurschau-stellung der Größe und Bedeutung einer Großmacht. Durch die schnelle Entwicklung im Schiffbau sind selbst erst zehn Jahre alte Kriegsschiffe oft schon technisch und optisch überholt, sodaß man möglichst die neues-ten Schiffe für Repräsentationsaufgaben auf See schickt. So sendet Deutschland seit 1910 besonders moderne, große und schöne Kriegsschiffe auf die Weltmeere zur Repräsentation des Reiches in den besuchten Staaten und in den Kolonien.
Schönheit ist Modetrends unterworfen und so ist es auch nicht anders für das Aussehen von Schiffen und Kriegsschiffen. Die Zahl der Schornsteine ist in der Dampfschiffära für die Stärke eines Schiffes und für seine Schönheit von Bedeutung, weshalb die Passagier-dampfer der englischen Olympic-Klasse vier Schorn-steine tragen, obwohl die drei Schiffe der Klasse, die Olympic, die Britannic und die 1912 bei eine Kollison mit einem Eisberg ihr Ende findende Titanic technisch nur drei Schornsteine brauchen, aber aus Gründen der Schönheit einen vierten funktionslosen Schornstein bekommen. Und so werden Kriegsschiffe mit möglichst zwei, drei oder vier Schornsteinen auf Auslandsfahrten geschickt, um bei ihren Besuchen in fremden Häfen größtmöglichen Eindruck zu hinterlassen.
Der deutsche Kaiser selbst sorgt dafür, daß die Kriegs-schiffe auf Auslandsreise mehrere Schornsteine tragen. So sieht der in Schanghai erscheinende Ostasiatische Lloyd den Besuch des Großen Kreuzers Scharnhorst in Schanghai im Dezember 1913 »mit seinen vier großen Schornsteinen und zwei hoch aufragenden Masten« als ein »sichtbares Zeichen deutscher Wehrmacht«.
1912/13 wird die Admiralität aus allen Winkeln der Erd-kugel mit Ersuchen nach Kriegsschiffbesuchen bombar-diert. Das Deutsche Reich steht auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens. Das Kreuzergeschwader ist aber in China und der Südsee festgehalten. Im Oktober 1913 beginnt dann auf der politischen Bühne die Vorbe-reitung für eine verstärkte Auslandspräsenz des Reiches zur See, woraus die Detachierte Division der Hochsee-flotte entsteht. Sie wird aus modernsten Kriegsschiffen gebildet. Ihr gehören der Kleine Kreuzer Straßburg und die beiden Schlachtschiffe König Albert und Kaiser an. Geführt wird die Detachierte Division von einem Admi-ral, um den Verband zusätzlich aufzuwerten.
Am 9. Dezember 1913 verläßt die Detachierte Division Wilhelmshaven. Stationen der Reise sind Ende Dezem-ber Togo, im Januar 1914 Kamerun und Deutsch Süd-westafrika und vom Februar bis zum Mai 1914 Südame-rika mit Besuchen in Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile. Während die Straßburg noch bis Juli in der Karibik verbleibt kehren die beiden Linienschiffe im Juni 1914 nach Deutschland zurück. Die Fahrt ist ein voller Erfolg. Sowohl für die deutsche Schiffbauindus-trie, wie für das Ansehen des Reiches. Nur 20 Mann sind fahnenflüchtig von 2500 im Gegensatz zu den Zahlen amerikanischer und englischer Auslandskreuzer.