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Weltpolitik II

Im Gegensatz zur planlosen Weltpolitik des Reiches um 1900 ist nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 eine strategische Planung getreten, die den Anspruch Welt-politik verdient. Der Kern der neuen Weltpolitik liegt im wirtschaftlichen Bereich – dem eigentlich wichtigen Be-reich eines Staatswesens – zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und somit auch Deutschlands und des deut-schen Volkes. Waren Prestige, Weltmachtstreben, See-macht ausschlaggebende Größen vor der neuen Welt-politik, sind nun knallharte wirtschaftspolitische Grün-de maßgebend, weshalb die deutsche Wirtschaftsfüh-rung nun auch vorrangig an der Erwerbung neuer Kolo-nien beteiligt ist. Waren die deutsche Großindustrie und die Banken in den 1880er Jahren völlig desinteres-siert an Kolonien, nicht zuletzt als Ergebnis des 1881 gegründeten Westdeutschen Vereins für Colonisation und Export, dem 1880 Besprechungen der späteren Gründungsmitglieder des Vereins, »verschiedenen Her-ren der westdeutschen Großindustrie«, vorausgingen, und der die Möglichkeiten von deutschen Kolonien für die deutsche Industrie auslotete, konkrete Exportchan-cen wurden diskutiert und projektierte Überseeunter-nehmen auf ihre Rentabilität hin durchkalkuliert, aber ohne zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, und so waren Kolonien für die deutsche Großindustrie als Markt uninteressant, so sind jetzt, nachdem die deut-schen Kolonien verkehrstechnisch und wirtschaftlich erschlossen sind und anfangen Gewinn abzuwerfen, die Großindustrie und die Banken allerdings an Kolonien interessiert.

Auch die maßgeblichen Kolonialpolitiker in der Regie-rung haben aus den Fehlern früherer Zeiten gelernt und gehen anstatt mit Theaterdonner, wie bei den Marokko-krisen von 1905 und 1911, mit bedacht an die selbstge-stellte Aufgabe. So wird im Verein mit den deutschen Großbanken hinter den Kulissen an der wirtschaftlichen Durchdringung gewünschter Kolonien für deren ge-plante Übernahme gearbeitet.


1914 haben Deutschland und England die letzten poli-tischen Schwierigkeiten untereinander ausgeräumt. Die Auseinandersetzung um die Bagdadbahn ist im Juni 1914 friedlich gelöst worden. Die Bagdadbahn von Berlin nach Bagdad erschließt für Deutschland die Ölfelder des Orients und ist als reine Landverbindung für die Royal Navy, für England, im Kriegsfall unangreifbar. Gleichzei-tig würde bei einem geringen Weiterbau der Bahn bis Kuwait Deutschland am Persischen Golf stehen, was Eng-land unbedingt verhindern will. So einigt man sich darauf, daß die Bagdadbahn nicht zum Persischen Golf verlängert wird und England in der Verwaltung der Bahnlinie ein Mitspracherecht bekommt.

Auch die kolonialen Fragen sind zwischen Deutschland und England erledigt. Schon im November 1911 hat der englische Außenminister Edward Grey vor dem Parla-ment und gegenüber dem deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, Belgisch Kongo zur deutschen Einflußsphäre erklärt. Mit der Übereinkunft vom August 1913 über die Teilung der Kolonien Portugals zwischen Deutschland und England ist auch diese Frage geklärt. In einem ersten Schritt ist am 28. Mai 1914 die Urkunde für den Kauf der englischen Nyassa Company, die wirt-schaftlich halb Nordmosambik beherrscht, im Auftrag des Deutschen Reiches von einem deutschen Banken-konsortium in London unterzeichnet worden.

Die letzte Streitfrage zwischen Deutschland und England betrifft die Flottenrüstung. Aber auch hier hat sich eine Lösung für England ergeben, die Fernblockade. Waren England und Deutschland davon ausgegangen, daß in einem Kriegsfall zwischen beiden Ländern – wie in den Jahrhunderten zuvor in solchen Fällen – die stärkere Seemacht die Häfen der schwächeren Macht unmittel-bar blockiert, und Deutschland dagegen versuchen woll-te, die britische Schlachtflotte auch mit den gefährli-chen kleinen Torpedobooten vor der deutschen Küste zu schlagen, so haben die Briten jetzt umgestellt auf eine Blockade der deutschen Seewege in den Atlantik hinein zwischen Schottland und Norwegen und im Ärmelkanal. Der deutsche Überseehandel würde im Kriegsfall mit England nun sofort zusammenbrechen, da die deut-schen Schlachtschiffe mit ihrer Kohlebefeuerung unter Kriegsbedingungen mit ständigen hohen Fahrgeschwin-digkeiten nur eine geringe Reichweite haben und die britische Fernblockadeflotte nicht angreifen können. Die deutschen Torpedoboote haben eine noch viel ge-ringere Seeausdauer als die Schlachtschiffe und fallen nun als Kampfmittel gegen die Royal Navy ganz aus. So ist britische Flotte im Kriegsfall durch die Fernblockade auch vor der deutschen Flotte geschützt.

Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt haben ihre Probleme miteinander Mitte 1914 gelöst und eine Blüte der Weltwirtschaft ist abzusehen, zum Nutzen der ganzen Menschheit.

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Mischehen II

90 Prozent der Deutschen in den Kolonien haben eine oder mehrere Konkubinen. Entsprechend nimmt die Zahl der Kinder aus solchen Verbindungen zu. Die Kolo-nialverwaltung kann aber nur bei der Ehe gegen die Ent-stehung von Bastardkindern vorgehen. Mischehenver-bote in den Kolonien sollen ausschließen, daß Kinder aus diesen Verbindungen das deutsche Bürgerrecht er-halten können.

In Deutsch Südwestafrika wird 1905 ein Verbot der »standesamtlichen Eheschließung zwischen Weißen und Eingeborenen« erlassen. Auch Ehen, die bereits vor diesem Zeitpunkt geschlossen wurden, erklärt das Kai-serliche Obergericht zwei Jahre später rückwirkend für ungültig. Die Kirchen wollen sich aber vom Staat nicht in ihr Recht der Eheschließung eingreifen lassen und trauen weiterhin gemischtrassige Paare. Die Höchstzahl an Mischehen in Südwestafrika wird 1909 mit gerade einmal 50 solcher Ehen erreicht.

Auch für die Kolonien Deutsch Ostafrika und Samoa werden 1906 und 1912 Eheverbote erlassen. Allerdings haben diese Verordnungen keine rückwirkende Kraft.

Am 17. Januar 1912 setzt das Reichskolonialamt unter dem Staatssekretär Wilhelm Solf, der elf Jahre Gouver-neur von Samoa war, für Samoa neben dem Eheverbot auch eine Unterscheidung der Kinder in »legitime« und »illegitime« Mischlinge durch. Nur die bisher gebore-nen Kinder, die in Mischlingslisten eingetragen sind, haben Anspruch auf Bürgerrechte und Unterhalt. Alle später geborenen Kinder, die ohnehin nicht ehelich sein können, gelten als »illegitim«, ohne Ansprüche an ihre Väter oder deren Heimatland.

Im März 1912 bringt die SPD in der Kommission für den Reichshaushaltsetat der Schutzgebiete den Antrag auf eine Legalisierung von Mischehen und für die Alimen-tationspflicht der aus Deutschland stammenden Väter auch für unehelich geborene Kinder in den Kolonien ein.

Die Ehen mit farbigen Frauen betreffen auch hauptsäch-lich weniger bemittelte Deutsche, die sich im Gegensatz zu reichen Deutschen keine Frau aus Deutschland nach-kommen lassen können. Ehen oder Beziehungen zwi-schen deutschen Frauen und kolonisierten Männern sind in den deutschen Kolonien dagegen äußerst selten.

Paradoxerweise gelten die Eheverbote nicht für Paare, die in Deutschland heiraten. Hier werden weiterhin Ehen, zumeist zwischen Männern aus den Kolonien und deutschen Frauen, geschlossen. Ein allgemeines Verbot gemischtrassiger Ehen diskutiert der Reichstag zwar 1912 in Zuge der Reformierung des Reichs- und Staats-angehörigkeitsgesetzes, führt es jedoch nicht ein.


Der Abgeordnete Wilhelm Lattmann am 3. Februar 1910 im Reichstag: „Zu welchen Würdelosigkeiten wir durch mangelndes Rassenbewußtsein hier in Deutschland kommen, zeigt folgende Notiz, die in diesem Herbste durch die gesamte Presse ging:

»Erwachsene deutsche Mädchen aus besseren Ständen scheuen sich nicht, unter dem Vorwande des Briefsam-melns mit Negern in Togo in brieflichen Verkehr zu treten. Aus den Stilproben aufgefangener Briefe ergibt sich, daß dieser Verkehr in ungesunde Schwärmerei ausartet. Sie reden die Schwarzen mit ›Lieber Freund‹ an, schicken ihre Photographien, und eine aus Sachsen macht sogar einem Schwarzen einen Heiratsantrag. Es scheint sich nach der Zahl der aufgefangenen Briefe um einen weitverbreiteten Unfug zu handeln, würdig der beschämenden Erinnerung der Kolonialausstellung von 1896 [in Berlin], wo weiße Frauen und Mädchen den Negern nachliefen und sich ihnen anboten.«

Meiner Ansicht nach mußte die ganze deutsche Presse solches rasseverräterische Benehmen brandmarken…“ (Sehr richtig! Rechts).


Vollkommen ungewohnt ist eine Verbindung zwischen einer weißen Frau und einem Schwarzen. So sucht in Berlin ein Schwarzer in einer Zeitungsanzeige »auf die-sem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« eine weiße Frau zur Ehe und im Schaufenster eines Fotografen in der Berliner Friedrichstraße ist das Brautbild einer weißen Frau mit einem Afrikaner zu bestaunen.

Am 7. Mai 1912 wird im Reichstag auf einen Fall, der nun ein paar Jahre zurückliegt, auf eine in Deutschland zwischen einer Deutschen und einem Schwarzen aus Deutsch Ostafrika geschlossenen Ehe hingewiesen, als deren Ergebnis wegen des Skandals bei ihrem gemein-samen Aufenthalt in Deutsch Ostafrika der Gouverneur sich veranlaßt sah, die betreffende Deutsche des Schutz-gebietes zu verweisen. Der Reichstagsabgeordnete Frei-herr von Richthofen zu dem Fall: „Das sind doch immer Dinge, die zu denken geben. Solche Fälle dürfen wir unter keinen Umständen zulassen…“


Dr. Wilhelm Solf, vormals Gouverneur von Samoa, seit 1911 Staatssekretär des Reichskolonialamtes, am 2. Mai 1912 im Reichstag über »Mischlinge« und »Mischehen«: „Meine Herren, ich bitte Sie dringend, sich in dieser Frage von Ihren Instinkten leiten zu lassen, ich bitte Sie dringend, keine sozialpolitischen und dogmatischen Momente in das Problem der Mischehen hineinzutra-gen. Ich bitte Sie, einfach die nackten Tatsachen auf sich wirken zu lassen. Sie senden Ihre Söhne in die Kolonien: wünschen Sie, daß sie Ihnen schwarze Schwiegertöchter ins Haus bringen? Wünschen Sie, daß sie Ihnen woll-haarige Enkel in die Wiege legen (Heiterkeit). Aber noch viel schlimmer: die Deutsche Kolonialgesellschaft gibt jährlich 50.000 Mark dafür aus, daß weiße Mädchen nach Südwestafrika geschickt werden. Wollen Sie, daß diese weißen Mädchen mit Hereros, mit Hottentotten und Bastarden zurückkehren als Gatten? Nein meine Herren, lassen sie diese Tatsachen auf sich wirken, Ihre Instinkte als Deutsche, als Weiße! Die ganze deutsche Nation wird Ihnen Dank wissen…“

Der Abgeordnete Adolf Gröber vom Zentrum sagt dazu in seiner Reichstagsrede am 7. Mai: „Meine Herren, der Herr Staatssekretär hat in seinen Ausführungen wie-derholt an den Instinkt der Reichstagsabgeordneten appelliert. (Heiterkeit) Das habe ich hier bisher noch nie gehört. Ich meine, den Instinkt wollen wir lieber den Tieren überlassen und bei den Abgeordneten an die Vernunft appellieren.“


Auch Adolf Gröber, Abgeordneter der Zentrumspartei, zeigt bei seiner Rede am 7. Mai 1912 im Reichstag Bilder eines „Bastardmädchens“ und von Samoanerinnen und kommentiert: „recht hübsch, hübscher sind sie bei uns auch nicht“.

Das Zentrum tritt für die »Zulässigkeit der Rassenmisch-ehen« ein, nicht zuletzt wegen ihrer geringen Zahl.

Gröber in seiner Reichstagsrede: „Nach den neuesten Berichten über das Jahr 1907 auf 1908 sind in Neu-Guinea 34 in Mischehe lebende Personen und 170 Mischlinge; in Samoa 90 Mischehen und 938 Misch-linge; in Südwestafrika 42 Mischehen und 3595 Misch-linge, einschließlich 2500 Rehoboth-Bastards.“

Gröber zitiert aus einer Broschüre von 1905 des Haupt-manns Maximilian Bayer, der nun im Großen General-stab ist, und früher im Generalstab der Schutztruppe in Südwestafrika diente. Gröber vermerkt zunächst, daß Hauptmann Bayer schreibt, daß die Rehobother bei der „Niederschlagung des Aufruhrs“ der Herero und Hot-tentotten mit „Treue und Tüchtigkeit“ mitgewirkt hätten. Weiter zitiert Gröber aus Bayers Schrift: „»Es gibt eine ganze Anzahl Deutscher, die im Bastardlande leben, vor allen Dingen auch Schutztruppler, die sich dort bleibend niedergelassen haben. Deutsche Frauen sind im Lande selten. So ergab es sich von selbst, daß es hin und wieder zu Ehen zwischen Weißen und Bastard-mädchen kam. Man mag über solche Ehen denken wie man will, sie für die Erhaltung der Rasse schädlich halten, darauf hinweisen, daß bei den Ehen zwischen Eingeborenen letzterer meist nicht emporgezogen wird, sondern ersterer – der Weiße – herabsinkt, so verlangt es doch die Gerechtigkeit zu erwähnen, daß die Ehen fast immer glücklich sind.

(Hört! Hört! Links.)

Und das ist auch noch was.«

Das meine ich auch.

(Heiterkeit.)

Wenn man ein solches Kompliment ausspricht, was will man mehr, als das zwei Menschenkinder, die miteinan-der in Ehren zusammenleben wollen, sich glücklich fühlen!

(Zurufe und Heiterkeit.)

In der Broschüre des Hauptmanns Bayer wird weiter ge-sagt: »Acht Schutztruppler sind bis jetzt mit Bastardmäd-chen verheiratet.«

Im Jahre 1905!

»Sechs dieser Ehen sind nur kirchlich, zwei auch stan-desamtlich abgeschlossen. Die der Verbindung ent-sprossenen Kinder werden zumeist nach Deutschland zur Erziehung geschickt. Denen, die mit Recht gegen die Ehen Deutscher mit Bastards sind, muß man aber ent-gegenhalten, daß die Bastards ebenso wenig früher da-mit einverstanden waren.«

Und zwar aus besonderen Gründen, weil sie nämlich ge-merkt haben, daß die Weißen auf diesem Wege in den Besitz ihrer Herden gekommen sind. (Sehr gut! Links.) Das war für die Bastards nicht angenehm, dagegen ha-ben sie Fürsorge treffen müssen.“

Gröber führt später in seiner Rede aus: „Für den Mann ist auch die Unterhaltung der weißen Frau in den Schutzgebieten ganz wesentlich kostspieliger als die Unterhaltung einer farbigen Frau. Das spielt auch eine Rolle mit, das gehört auch zu den menschlichen Dingen, die mit in die Waagschale zu legen sind…“   


Der Abgeordnete Freiherr von Richthofen am 7. Mai 1912 im Reichstag: „Wenn wir gestatten, daß ein Deutscher oder ein Weißer eine Negerin heiraten kann in den Kolonien, so können wir billigerweise auch nicht ver-hindern, wenn zum Schluß einmal auch ein Neger eine Weiße heiratet. Der Herr Abgeordnete Gröber hat be-reits mit Recht darauf hingewiesen, daß es für unsere deutschen Frauen ein nicht ganz leichter Entschluß sei, nach den Kolonien zu gehen. Andererseits aber brau-chen wir unbedingt die deutschen Frauen dort drüben. Wenn unsere Deutschen in den Kolonien Kulturträger sein und bleiben sollen, dann brauchen wir auch un-bedingt die deutschen Frauen da drüben, und für die deutschen Frauen brauchen wir dasjenige Maß von Ach-tung, ohne das sie als Kulturträgerinnen nicht wirken können, und dazu gehört das Verbot von Mischehen. Denn wenn der Neger einmal auf den Gedanken kommt, daß die weiße Rasse der seinen gleichgestellt sei, so schwindet der Respekt vor der deutschen Frau, wie wir es ja in den Vereinigten Staaten gesehen haben; das führt bei dieser schwarzen Rasse häufig zu Verbrechen, und das schadet in erster Linie mit dem Ansehen der deutschen Frau in den Kolonien, und es wird die Folge sein, daß die deutschen Frauen noch schwerer werden zu bewegen sein, in die deutschen Kolonien zu gehen, als es bereits jetzt der Fall ist…“


Matthias Erzberger, Abgeordneter des katholischen Zen-trums, am 8. Mai 1912 im Reichstag: „Wir wollen keine Vermehrung der Mischlinge haben. Das ist das Ziel. … Wenn sie das Mischlingswesen bekämpfen wollen, dann müssen sie die schärfsten Maßnahmen gegen die Konkubinatsverhältnisse treffen. Das wäre wenigstens logisch, um so mehr, als, wie ich wiederholen muß, 99 Prozent aller Mischlinge aus dem außerehelichen Geschlechtsverkehr stammen und nur 1 Prozent aus der Mischehe. … Wer eine ordnungsgemäß geschlossene Ehe zwischen Schwarzen und Weißen verbietet, der för-dert damit das Konkubinat zwischen Schwarzen und Weißen. (Widerspruch links.)

Ich habe bei allen Rednern einen praktischen Vorschlag vermißt, wie man gegen das Konkubinat vorgehen soll. (Zuruf links: Machen Sie mal einen Vorschlag!) Ich will einen Vorschlag machen. Ich weise hin auf das englische Nationalgefühl, das es jedem Engländer verbietet, sich mit Schwarzen einzulassen. Ich fordere den Herrn Staatssekretär auf, in unserer Kolonialverwaltung auch so vorzugehen, wie man gegen einen englischen Beam-ten vorgeht, der sich mit der farbigen Bevölkerung einläßt. Das tun sie aber nicht und ist nicht geschehen. Ein englischer Beamter, der sich mit Angehörigen einer farbigen Rasse abgibt, ist die längste Zeit Beamter im englischen Kolonialdienst gewesen. Noch in den letzten Monaten ist in Kalkutta ein Fall passiert, wo ein engli-scher hoch angesehener Beamter, sich mit einer fein erzogenen Inderin eingelassen hat. Sowie es bekannt wurde, wurde er am anderen Tage in die rauhe Gegend des Himalayagebirges versetzt. Ein solches Verfahren ist wenigstens konsequent. Wo ist aber von unserer Kolo-nialverwaltung auch nur das Geringste getan worden, um dagegen einzuschreiten? Ich will nicht die dunklen Blätter der früheren Kolonialpolitik wieder aufschlagen. Aber das muß man doch sagen: wenn wir in einzelnen Kolonien mehr Mischlinge als Europäer haben, dann tragen frühere Beamte der Kolonialverwaltung einen erheblichen Teil Schuld daran. Wenn man aber immer unverheiratete Beamte in die Kolonien hinausschickt und ihnen gestattet, daß sie sich offiziell schwarze Kon-kubinen halten – das ist geschehen in Togo, in Kamerun im Jahre 1905/06, wo feststeht, daß solche Häuser für die einzelnen unverheirateten Beamten gebaut worden sind – , und wenn dann der Reichstag hier die Hände über dem Kopf zusammenschlägt wegen der Zunahme der Mischlingsrasse – ich will den Ausdruck nicht gebrau-chen, der mir auf der Zunge liegt – , dann sagen wir im-mer wieder: schicken sie doch dann lieber verheiratete Beamte in die Kolonien hinaus. Immer müssen wir in den Etatsvorlagen und in den Rechnungsberichten le-sen, daß Wohnräume für unverheiratete Beamte ver-langt werden, dann wird noch ein kleiner Schuppen für die schwarzen Konkubinen daneben gebaut; dann kla-gen Sie noch über die Zunahme der Mischlinge. Greifen Sie doch dann mit rauher Hand zu und entlassen Sie einfach jene Beamte, die sich soweit vergessen, daß sie sich in den Geschlechtsverkehr mit einer Schwarzen einlassen. Das wäre viel wirksamer als das Verbot der Ehe zwischen Weißen und Schwarzen; aber das, was hier vorgeschlagen wird, läßt von vornherein jede Logik ver-missen…“


Am 8. Mai 1912 genehmigen die Abgeordneten des Deutschen Reichstages mit 265 gegen 67 Stimmen eine Resolution, nach der die Ehen zwischen Weißen und Farbigen in den deutschen Kolonien als rechtsgültig anerkannt werden.

Ebenfalls am 8. Mai 1912 befürwortet der Reichstag mit 203 gegen 133 Stimmen die Einbringung eines Gesetz-entwurfes, der die Gültigkeit von Ehen zwischen Deut-schen und Einheimischen in den Kolonien sicherstellt, doch von seiten des Gesetzgebers gibt es weiter keine Bewegung in der Mischehenfrage und alles bleibt wie gehabt.

Verordnungscharakter erhalten Mischehen über Süd-westafrika hinaus nur noch für Samoa durch das Reichs-kolonialamt am 17. Januar 1912. Das Mischehenverbot für Samoa, das von Kolonialstaatssekretär Solf persönlich ausgeht, besitzt dort allerdings keine rückwirkende Kraft. Überdies werden die Nachkommen aus bis dahin als legitim angesehenen Mischehen zu »Weißen« er-klärt. Schließlich können Einheimische, die fließend deutsch sprechen und europäische Bildung nachweisen, auf Antrag den Europäern gleichgestellt werden (»Kulturdeutsche«). In der ohnehin an den samoani-schen Lebensstil (fa’a Samoa) angepaßten und insge-samt gegenüber Afrika rassentoleranten weißen Gesell-schaft Samoas gibt es zudem eine wesentlich stärkere Gruppe, die sich gegen das Rassenmischehenverbot zur Wehr setzt. 


Die Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesell-schaft im Juni 1912 in Hamburg beschäftigt sich einge-hend mit der Frage der Mischehen in den Kolonien und faßt den Beschluß: »Die Deutsche Kolonialgesellschaft hält in der Mischehenfrage an ihrem Beschluß vom 4. Dezember 1908 fest. Sie erachtet es nach wie vor im nationalen Interesse für unerläßlich, der Vermehrung des Mischlingstums in den deutschen Kolonien mit allen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten. Sie spricht sich infolgedessen im Gegensatz zu der am 8. Mai d. J. gefaßten Resolution des Reichtages dahin aus, daß gegen die Ehen zwischen Weißen und Farbigen erlassenen Verordnungen aufrecht erhalten werden. Sie ist zugleich der Ansicht, daß auch dem außerehelichen Verkehr zwischen Weißen und Farbigen nach Möglich-keit entgegengetreten werde. Sie erneuert zu diesem Zweck die Aufforderung an die Deutschen in den Schutzgebieten, auch an ihrem Teil dazu beizutragen, das Aufkommen einer Mischlingsrasse zu verhindern und ihrer deutschen Stammesangehörigkeit bewußt, den Umgang mit eingeborenen Frauen zu meiden.

Sie ist zugleich einerseits der Ansicht, daß die Sicher-stellung der Alimentation der außerehelichen Mischlin-ge ein Gebot der Menschlichkeit ist, andererseits, daß dem außerehelichen Verkehr zwischen Weißen und Farbigen nach Möglichkeit entgegengetreten werde.«


Der Kolonialarzt Dr. Thieme schreibt im Februar 1914 in Apia zur »Halbweißen-Frage« auf Samoa. Sein Artikel erscheint in der Morgenausgabe des Berliner Tageblatt am 26. März 1914. Ausschnitte aus Thiemes Artikel: »…daß die Polynesier aus Indien stammen und mit uns, den Mittelländern, den größeren Teil ihres Blutes ge-meinsam haben. Dieser gemeinsame Ursprung mit den arischen Völkern ermangelt den Negern, Mongolen, In-dianern und Australiern völlig. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß der bezüglich der Halbweißenfrage so be-liebte Vergleich zwischen den verschiedenen Kolonien Deutschlands für Samoa zu einem durchaus anderen Ergebnis als für Afrika, Neuguinea und Ostasien führen muß… – Auch die Samoaner haben schon seit Jahrzehn-ten zahlreiche Ehen mit Weißen geschlossen. Daß deren Abkömmlinge auch intellektuell nicht gerade minder-wertige Menschen geworden sind, sollte doch schon das Beispiel der in der ganzen Südsee bekannten »Queen Emma« (Frau Luise Kolbe) zeigen, die als junge Halbsa-moanerin trotz des ungesunden Klimas in Neuguinea, dem ihr erster Gatte zum Opfer fiel, in ständiger, aus-dauernder Arbeit unter den schwierigsten Verhältnis-sen Werte geschaffen hat, wie sie ein sorgfältig erzoge-ner und ausgebildeter Weißer nicht besser hätte schaf-fen können. Aber auch die hier in Samoa verbliebenen Halbweißen haben sich trotz geringer Schulbildung und oft recht mangelhafter väterlicher Erziehung zu tüchti-gen Männern emporgearbeitet. Als Kaufleute, Pflanzer, Schmiede und Bootsbauer, Zimmerleute und Schiffer bilden sie das bodenständige Element der Kolonie und stellen als solche einen unentbehrlichen Faktor unseres Wirtschaftslebens dar, mit dem wir nun einmal rechnen müssen. Unter den Kaufleuten sind selbständige Unter-nehmer, in deren ausgedehnten Betrieben zahlreiche europäische Angestellte Beschäftigung finden. Von den halbweißen Frauen sind sehr viele mit den angesehenen Ansiedlern, Pflanzern, Ärzten und Beamten verheiratet. Ein großer Teil der Halbweißen hat eine gute Erziehung in Amerika, Neuseeland, Australien und auch in Deutschland genossen und steht körperlich und geistig den Europäern nicht nach. Die halbweißen Söhne deutscher Väter pflegen auf deutschen Kriegsschiffen ihrer Militärpflicht zu genügen.«


8. Mai 1914. Anfrage der freisinnigen Reichstagsabge-ordneten Dr. Müller-Meinigen und Liesching im Reichs-tag an den Kanzler: »Ist es richtig, daß zur Verhütung von Ehen von christlichen Negermädchen mit nicht-christlichen Männern auf gewissen Missionsstationen Deutsch-Ostafrikas die Verhängung der Prügelstrafe ge-gen ›größere‹ d.h. heiratsfähige Mädchen angewendet wird, und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um diesem Mißstand ein Ende zu machen.«

Der Direktor im Reichskolonialamt Dr. Gleim antwortet: »Von den in der Anfrage behandelten Vorfällen ist amt-lich nichts bekannt. Sollte sich die Behauptung bewahr-heiten, dann würden Maßnahmen erlassen werden, die einer Wiederholung solcher Verstöße gegen die gesetz-liche Vorschrift vorbeugen.«


England und Frankreich lassen die Rassenmischehe zu und deutsche Männer können in deren Kolonien Farbi-ge heiraten, oder kurzfristig zur Heirat aus einer deut-schen Kolonie in eine englische oder französische Kolo-nie zur Heirat einreisen. Solche Ehen werden dann auch von den deutschen Behörden anerkannt und die farbige Frau erhält durch die Ehe mit einem Deutschen auch automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Aber die Engländer in den Kolonien schließen jeden Weißen aus ihrer Gesellschaft aus, der eine farbige Frau heiratet.

Ein englisches Sprichwort besagt: »Gott hat den weißen Mann geschaffen und Gott hat den farbigen Mann ge-schaffen; aber der Mischling kommt vom Teufel.«

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Welthandel

England ist der beste Partner im Gesamtaußenhandel Deutschlands. 1901 beträgt sein Anteil am deutschen Export 20,3 %, doppelt so viel wie der des nächstbesten Kunden, Österreich-Ungarn. Im deutschen Import steht England mit 11,5 % an vierter Stelle hinter den Verei-nigten Staaten, Rußland und Österreich-Ungarn. 1913 nimmt England immer noch als bester Käufer 14,2 % der deutschen Ausfuhr ab. Vom englischen Export nimmt Deutschland 1911 10,2 % ab und steht damit an zweiter Stelle hinter den Vereinigten Staaten.

Die Haupthandelsströme beider Länder verlaufen im Welthandelsverkehr in so verschiedenen Richtungen, daß es keine gegenseitige Handelskonkurrenz gibt. Der deutsche Export geht 1911 zu drei Vierteln nach Europa und nur zu einem Viertel nach Übersee (6,066 Mrd. Mark gegenüber 2,036 Mrd. Mark). Afrika, Asien und die Südsee, die Hauptbetätigungsgebiete der deutschen Weltpolitik, nehmen 8,1 % des Exports ab, der größte Teil des deutschen Überseeexports (16 %) geht nach Nord- und Südamerika. Bei England wickelt sich der Außenhandel umgekehrt in erster Linie in Übersee ab.

Die deutschen Kolonien sind dem englischen Handel geöffnet, und in den englischen Kolonien und Domi-nions ist Deutschland der schärfste Konkurrent Eng-lands. Doch das schnelle Wachstum der deutschen Wirtschaft und des deutschen Welthandels ist keine Gefahr für die britische Wirtschaft und ihren Welt-handel. 1913 beträgt der deutsche Außenhandel 22,5 Milliarden Mark und der Außenhandel von England beträgt 28,6 Milliarden Mark.

1905 ist der Höhepunkt des wirtschaftlichen Konkur-renzkampfes zwischen England und Deutschland über-wunden als das Flottenwettrüsten beginnt. Die Flotten-rüstung ist also nicht ein Ausdruck von wirtschaftlicher Konkurrenz.

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Kolonialkriege anderer Mächte

Während es im deutschen Kolonialreich keine Kriege mehr gibt gibt es in anderen Kolonialreichen weiterhin große Aufstände und Kriege. Ruhe ist in den deutschen Kolonien, dem drittgrößten Kolonialreich nach dem englischen und dem französischen, eingetreten mit der Umsetzung der 1905 begonnenen neuen deutschen Kolonialpolitik der Entwicklung der Schutzgebiete zum Nutzen der deutschen wie der einheimischen Bevölke-rung.


Am 1. April 1912 tritt der Protektoratsvertrag in Kraft, der Frankreich die Herrschaft über große Teile von Marok-ko verleiht. Spanien werden in dem Vertrag Teile von Nordmarokko zugesprochen. Am 11. April schreibt der französische Sozialistenführer Jean Jaurès in der Zeitung Humanité:

»Unsere Politik des Überfallens, des Einbruchs, der be-waffneten Tyrannei ruft im Lande derartigen Zorn her-vor, daß man noch gar nicht gewagt hat, den Marok-kanern den Schutzherrschaftsvertrag zur Kenntnis zu bringen…«

Am 17. April 1912 kommt es in Fes zum Aufstand der marokkanischen Truppen gegen die Franzosen und den Sultan Abd Al Hafis, der den Vertrag unterzeichnet hat. Den Franzosen gelingt es in wenigen Tagen den Auf-stand niederzuschlagen und am 24. Mai trifft der fran-zösische Generalresident für Marokko, Louis-Hubert Lyautey, in Fes ein und läßt 48 marokkanische Aufstän-dische exekutieren. Doch der Kampf der Berberstämme für ihre Unabhängigkeit geht weiter und erst 1926 kön-nen die Franzosen die Berber endgültig besiegen.

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Die Zweite Marokkokrise

Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, macht den Staatssekretär des Äußeren, Alfred von Kiderlen-Waechter, auf Frankreichs Ambitionen in Marokko und die baldige französische Besetzung der marokkanischen Hauptstadt Fes aufmerksam.

Arthur Zimmermann, Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, erstellt eine Denkschrift zur Marokkofrage in der es unter anderem heißt: »Sobald die Franzosen in Fes eingetroffen sind und angefangen haben sich dort einzurichten…«

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg liest diese vom Außenminister Alfred von Kiderlen-Waech-ter genehmigte Denkschrift am 5. Mai 1911 Wilhelm II in Karlsruhe vor.

Am 21. Mai marschieren die Franzosen dann in Fes und Rabat ein. Die Denkschrift von Zimmermann besagt un-ter anderem:

»Die Akte [Algeciras-Akte von 1906] sei damit durch die Macht der Tatsachen zerrissen und sämtlichen Signatar-mächten die volle Freiheit des Handelns zurückgege-ben. Es würde dann für uns in Frage kommen, welchen Gebrauch wir von dieser Freiheit machen. Die Beset-zung von Fes würde die Aufsaugung Marokkos durch Frankreich anbahnen. Wir würden durch Proteste nichts erreichen und würden damit eine schwer erträg-liche moralische Niederlage erleiden. Wir müssen uns daher für die dann folgenden Verhandlungen ein Objekt sichern, das die Franzosen zu Kompensationen geneigt macht. Wenn sich die Franzosen aus Besorgnis für ihre Landsleute in Fes etablieren, haben auch wir das Recht, bedrohte Landsleute zu schützen. Wir haben große deutsche Firmen in Mogador und Agadir. Deutsche Schiffe könnten sich zum Schutz dieser Firmen in jene Häfen begeben. Sie können dort ganz friedlich statio-niert werden – nur um das Zuvorkommen anderer Mächte in diesen wichtigsten Häfen Südmarokkos zu verhindern. … Im Besitz eines solchen Faustpfandes würden wir die weitere Entwicklung in Marokko in Ruhe mit ansehen und abwarten können, ob etwa Frankreich uns in seinem Kolonialbesitz geeignete Kompensationen anbieten wird, für die wir dann die beiden Häfen verlassen können…«

In der Denkschrift wird auch England erwähnt in dem Sinne, »daß deren große Entfernung [Mogador und Aga-dir] vom Mittelmeer Schwierigkeiten seitens England wenig wahrscheinlich macht…«

Der deutsche Außenminister Kiderlen-Waechter will nach der Besetzung von Fes und Rabat durch französi-sche Truppen als Entschädigung für Deutschland die französische Kongokolonie verlangen und glaubt nur durch eine militärische Drohung Frankreich zu einer Kompensation in der kolonialen Angelegenheit bewe-gen zu können. Kiderlen bringt den widerstrebenden Kaiser dazu ein deutsches Kriegsschiff nach Marokko zu schicken, statt in Geheimdiplomatie die Angelegenheit unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu einem guten Kompensationsgeschäft und territorialem kolonialen Gewinn zu machen.

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Parade fahren

Die deutschen Kriegsschiffe sind besondere Anzie-hungspunkte für die deutschen Gemeinden in aller Welt. Ihr Erscheinen wird von den Auslandsdeutschen bei den deutschen Dienststellen erbeten, und wenn denn ein solches Schiff tatsächlich erscheint, bietet es Anlaß für viele Festivitäten, Sport- und Kulturveranstal-tungen mit der Besatzung und erhebt das Nationalgefühl der im Ausland lebenden Deutschen ungemein. Die in Schanghai erscheinende Zeitung Ostasiatischer Lloyd schreibt im Februar 1905 über den Besuch einer Schul-klasse auf dem Kanonenboot Jaguar, zu welchem der Kommandant des Schiffes eingeladen hatte: »Nichts ist sosehr geeignet, die Vaterlandsliebe bei den deutschen Kindern im Auslande zu beleben, wie eine derartige Veranstaltung auf deutschen Kriegsschiffen; die Erin-nerung an sie lebt in der Erinnerung der Kleinen noch lange, lange Zeit.«

Ein anderes Beispiel ist der Besuch der SMS Cormoran in Hobart, der Hauptstadt der Insel Tasmanien, welche zu Australien gehört, im Oktober 1912. Sowohl die bri-tische als auch die deutsche Bevölkerung von Hobart empfängt das deutsche Kriegsschiff äußerst liebenswür-dig. Feste an Bord und an Land für Besatzung und Bevölkerung werden gegeben. Paul Ebert, Kommandant von Cormoran: »An einem Sonntage fand auch ein wah-res Volksfest aller Deutschen aus Hobart und Umge-bung an Bord von Cormoran statt, zu dem viele Hun-derte von Besuchern zusammenströmten.«

Selbstverständliche Dienstpflicht der deutschen Kriegs-schiffe ist das würdige Begehen der Geburtstage der Kaiserin und des Kaisers. Die Kaiserin hat am 22. Okto-ber Geburtstag und der Kaiser am 27. Januar. Üblicher-weise wird ein Schiff dafür über die Toppen geflaggt und mittags wird Salut geschossen. Dazu gibt es ein fest-liches Rahmenprogramm für Gäste an Bord als auch an Land.

Wenn ein Kriegsschiff einen Hafen anfährt oder verläßt kann es zum Gruß Schwarzqualmen, ein imposanter dich-ter schwarzer Rußausstoß aus den Schornsteinen – deshalb auch Heizergruß genannt. Im normalen Fahr-betrieb ist starkes Rußen aus den Schornsteinen uner-wünscht, wegen der Verschwendung von Kohle und die Rußteilchen verschmutzen Oberdeck und Aufbauten des Schiffes und die Uniformen der an Deck stehenden Besatzung. Wenn aber das Schiff zum Gruß absichtlich rußt, und dann eben auch extra stark, dann läßt der Oberheizer die Kohle so schlecht wie möglich ver-brennen durch Reduzierung der Verbrennungsluft und gleichzeitiger Erhöhung der Brennstoffzufuhr, also der Kohle, und es kommt zum starken Rußen, dem Austritt unverbrannter Kohle aus den Schornsteinen. Wenn der Anfahr- oder Abfahrhafen eine entsprechende Zuschau-ermenge und Bedeutung hat kann der Kommandant Schwarzqualmen befehlen.    

Zu den Höflichkeitsritualen der Kriegsschiffe auf Aus-landsstation gehört selbstverständlich der gesellschaft-liche Verkehr mit den Kriegsschiffen anderer Staaten. Kommandant Ebert der Cormoran berichtet von einem Treffen in Apia auf Deutsch Samoa im Januar 1913 mit dem US-Kriegsschiff Princeton, welches in Pago Pago auf Amerikanisch Samoa stationiert ist und eine Fita Fita-Truppe, eine samoanische Polizeigarde aus Söhnen hochrangige Eingeborener, mitgebracht hat. Ebert: »Im Hafen fanden wir unseren alten Freund, den amerika-nischen Stationär Princeton aus Pago Pago, mit dessen Kommandanten ich sogleich einen freundschaftlichen Besuch austauschte. Die amerikanischen Offiziere hat-ten ihre Damen aus Pago Pago mit herübergebracht, und eines nachmittags gab Konsul Mitchell einen größeren Tee, bei dem die amerikanische Fita-Fita-Kapelle spiel-te.«


Seit der Chinaexpedition eines Geschwaders 1900/01 anläßlich des Boxeraufstandes im Reich der Mitte sind keine großen, modernen deutschen Kriegsschiffe mehr auf den Weltmeeren vertreten, sondern nur dritt-klassige Schiffe befinden sich im Auslandsdienst. Alle modernen Kriegsschiffe finden sich in der Ostsee und der Nordsee für die im Kriegsfall mit England erwartete große Seeschlacht vor der deutschen Nordseeküste mit der Royal Navy. Seit 1908 fährt dann alljährlich zweimal ein Kreuzerverband für Manöver in den Atlantik und besucht dabei Spanien zum Bekohlen des Geschwaders.

Der Admiralstab entdeckt schließlich, wie man kosten-günstig zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Die neuartigen Turbinenanlagen auf den neuen Schlachtschiffen, die offiziell Linienschiffe genannt werden, und den Schlachtkreuzern ab 1909 machen ausgedehnte Erprobungsfahrten notwendig. Somit wird 1911 der nagelneue Schlachtkreuzer Von der Tann zur Probefahrt nach Brasilien und Argentinien entsandt. Der Besuch von Rio, mehreren südbrasilianischen Häfen und Buenos Aires im März/April 1911 wird zu einem großen Propagandaerfolg. Dabei besuchen große Teile der Besatzung auch die Siedlung der Brasiliendeutschen in Blumenau. Nicht nur die moderne Technik und die Größe des Schiffes, sondern auch das einwandfreie Be-nehmen der Mannschaften beim Landurlaub beein-druckten die Südamerikaner.

Neben der allgemeinen Anwesenheit von Kriegsschif-fen zur Darstellung von Macht ist die Kriegsschiffarchi-tektur von besonderer Bedeutung für die Zurschau-stellung der Größe und Bedeutung einer Großmacht. Durch die schnelle Entwicklung im Schiffbau sind selbst erst zehn Jahre alte Kriegsschiffe oft schon technisch und optisch überholt, sodaß man möglichst die neues-ten Schiffe für Repräsentationsaufgaben auf See schickt. So sendet Deutschland seit 1910 besonders moderne, große und schöne Kriegsschiffe auf die Weltmeere zur Repräsentation des Reiches in den besuchten Staaten und in den Kolonien.

Schönheit ist Modetrends unterworfen und so ist es auch nicht anders für das Aussehen von Schiffen und Kriegsschiffen. Die Zahl der Schornsteine ist in der Dampfschiffära für die Stärke eines Schiffes und für seine Schönheit von Bedeutung, weshalb die Passagier-dampfer der englischen Olympic-Klasse vier Schorn-steine tragen, obwohl die drei Schiffe der Klasse, die Olympic, die Britannic und die 1912 bei eine Kollison mit einem Eisberg ihr Ende findende Titanic technisch nur drei Schornsteine brauchen, aber aus Gründen der Schönheit einen vierten funktionslosen Schornstein bekommen. Und so werden Kriegsschiffe mit möglichst zwei, drei oder vier Schornsteinen auf Auslandsfahrten geschickt, um bei ihren Besuchen in fremden Häfen größtmöglichen Eindruck zu hinterlassen.

Der deutsche Kaiser selbst sorgt dafür, daß die Kriegs-schiffe auf Auslandsreise mehrere Schornsteine tragen. So sieht der in Schanghai erscheinende Ostasiatische Lloyd den Besuch des Großen Kreuzers Scharnhorst in Schanghai im Dezember 1913 »mit seinen vier großen Schornsteinen und zwei hoch aufragenden Masten« als ein »sichtbares Zeichen deutscher Wehrmacht«.

1912/13 wird die Admiralität aus allen Winkeln der Erd-kugel mit Ersuchen nach Kriegsschiffbesuchen bombar-diert. Das Deutsche Reich steht auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens. Das Kreuzergeschwader ist aber in China und der Südsee festgehalten. Im Oktober 1913 beginnt dann auf der politischen Bühne die Vorbe-reitung für eine verstärkte Auslandspräsenz des Reiches zur See, woraus die Detachierte Division der Hochsee-flotte entsteht. Sie wird aus modernsten Kriegsschiffen gebildet. Ihr gehören der Kleine Kreuzer Straßburg und die beiden Schlachtschiffe König Albert und Kaiser an. Geführt wird die Detachierte Division von einem Admi-ral, um den Verband zusätzlich aufzuwerten.

Am 9. Dezember 1913 verläßt die Detachierte Division Wilhelmshaven. Stationen der Reise sind Ende Dezem-ber Togo, im Januar 1914 Kamerun und Deutsch Süd-westafrika und vom Februar bis zum Mai 1914 Südame-rika mit Besuchen in Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile. Während die Straßburg noch bis Juli in der Karibik verbleibt kehren die beiden Linienschiffe im Juni 1914 nach Deutschland zurück. Die Fahrt ist ein voller Erfolg. Sowohl für die deutsche Schiffbauindus-trie, wie für das Ansehen des Reiches. Nur 20 Mann sind fahnenflüchtig von 2500 im Gegensatz zu den Zahlen amerikanischer und englischer Auslandskreuzer.

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Die Kriegsmarine

Zwar gibt es keine besondere Kolonialflotte, die Kriegs-schiffe auf Auslandsstation sind nicht geteilt in kolo-niale und nicht-koloniale Stationen, aber die Besetzung mit Schiffen ist bei Stationen im deutschen Kolonial-bereich eine andere als in nicht-kolonialen Seeberei-chen.

Es gibt drei Stationen, die keine Verbindung zu deut-schen Kolonien haben: Mittelmeer, Ostamerikanische Station und Westamerikanische Station und vier kolo-niale Stationen: Westafrikanische Station, Ostafrikani-sche Station, Ostasiatische Station und Australische Station. Die nicht-kolonialen Stationen sind mit mo-dernen Kriegsschiffen besetzt für Repräsentation und militärische Einsätze. Die kolonialen Stationen sind mit veralteten, militärisch drittklassigen Schiffen nur für koloniale Zwecke besetzt. Dazu haben die Fahrzeuge im Kolonialeinsatz Vermessungstrupps an Bord für Küsten-vermessungen der deutschen Kolonialländer und es gibt sogar besondere Vermessungsfahrzeuge für diese Aufgabe bei den kolonialen Marinestationen.

Eine Ausnahme bildet die Ostasiatische Station. Haben alle anderen Stationen, koloniale wie nicht-koloniale, als Soll zwei bis drei Schiffe, zeitweise aber auch nur ein Schiff, auf der Station, ist die Ostasiatische Station mit den modernen Schiffen des Ostasiatischen Kreuzerge-schwaders eine regelrechte Flotte mit 1914 zwei Großen Kreuzern, drei Kleinen Kreuzern, zwei Torpedobooten, vier Kanonenbooten und drei Flußkanonenbooten. Diese Flottenmacht soll deutsche Stärke in Ostasien und im Westpazifik repräsentieren und die drei deutschen Kolonien im Pazifikraum sichern.    

Mitte 1914 bekommt die Ostafrikanische Station als Aus-nahme der schwach besetzten drei normalen kolonialen Marinestationen einen modernen Kleinen Kreuzer als Stationsschiff, aber nur aus Repräsentationsgründen für die große Landesausstellung in Daressalam 1914.


Im Frühjahr 1909 trifft in Danzig von überallher die neue Besatzung des Kleinen Kreuzers Cormoran ein, um das Schiff zu übernehmen. Die Cormoran war bereits von 1894 bis 1903 im Auslands- und Kolonialeinsatz. 1907 erfolgte eine Grundüberholung mit Einbau neuer Kes-sel und einer Umtakelung in einen Toppsegelschoner. Trotzdem liegt das Schiff nun bald seit sechs Jahren zwischen abgetakelten Hulks an einem Kai in Reserve und die neue Besatzung ist nicht erfreut über den Anblick, der sich ihnen von dem Kriegsschiff bietet. Der Kreuzer wurde von der Werft nur auf das notwendigste konserviert. Mit den Werftarbeitern zusammen gelingt der Besatzung in nur vierzehn Tagen das abgestellte Schiff in einen voll einsatzfähigen Auslandskreuzer zu verwandeln. Die Kanonen blitzen in der Maisonne hinter ihren Schutzschilden, und das feingemaserte Teakholz-deck ist von schwieligen Matrosenfäusten, die es tage-lang mit Stahlspänen und Ziegelsteinen bearbeiteten, wieder auf alten Glanz gebracht. Das alte Dampfschiff tritt unter seiner Besegelung die lange Reise in den Stillen Ozean an. Wegen der riesigen Fahrstrecken, die der Auslandskreuzer zu bewältigen hat, ist man mit der Besegelung bestens bedient. Man spart Kohlen, die Maschine setzt man nur selten ein.

Die Cormoran hat viele Kisten mit den merkwürdigsten Gegenständen an Bord, die man nie auf einem Kriegs-schiff vermuten würde. Der Herr über diese Schätze, der Zahlmeister des Schiffes, klärt einen Offizier über diese Seltsamkeiten auf: „Sie werden schon merken, wozu die gut sind, all der Flitterkram und Tand hier um uns herum ist mindestens ebenso wichtig wie die Kanonen oben an Deck. Die Südseeeingeborenen sind wie die Kinder.“

Ende Mai 1909 geht die Cormoran auf ihre lange Reise zu ihrem Einsatzgebiet in der Südsee.


Auf ihren Fahrten von Deutschland zu ihren Kolonial-stationen in Übersee oder zurück haben die Schiffe der Kriegsmarine auch Besuche in ausländischen Häfen zu machen oder werden auf diesen Hin- und Rückfahrten kurzfristig für besondere Aufgaben herangezogen, weil sie gerade am nächsten zu einem plötzlich aufgetrete-nen Krisenherd stehen. So bekommt der Kleine Kreu-zer Cormoran bei seiner Ausreise in die Südsee Anfang Juni 1909 bei einem Besuch des britischen Stützpunktes Malta im Mittelmeer ein Telegramm des Admiralstabes, dort weitere Befehle abzuwarten. Am 8. Juni trifft ein zweites Telegramm ein mit dem Befehl nach Kleinasien zu gehen und deutsche Staatsbürger zu beschützen. Im Osmanischen Reich finden gerade Verfolgungen und Massaker an Christen, hauptsächlich Armeniern, statt. Die Cormoran läuft Mersina an der Südküste Klein-asiens an und ankert in der Mündung des Tarsos. Dort kommt der armenische Bischof an Bord und bittet flehentlich hunderte seiner Schäflein an Bord zu neh-men, bis die erwarteten Dampfer die Flüchtlinge in Sicherheit bringen würden. So werden für einige Tage dreihundert Menschen auf Back, Schanz und Oberdeck der Cormoran einquartiert, nicht anders wie auf den russischen, griechischen, italienischen und französi-schen Schiffen, die um den kleinen deutschen Kreuzer ebenfalls vor Anker liegen. Vom Liegeplatz aus wird die 70 Kilometer entfernt im Inland liegende Stadt Adana von einer Offiziersgruppe der Cormoran besucht. Dort waren in den letzten Wochen gegen 18.000 Armenier von Moslems ermordet worden. In der verwüsteten Stadt liegen tausende abgeschlachtete Männer, Frauen und Kinder seit Wochen in tropischer Gluthitze. Ein Offizier der Cormoran, Freiherr von Spiegel, berichtet von hunderten von ermordeten Kindern. Spiegel:

»Zum Überfluß trug fast jeder Baumast in der Stadt je nach seiner Haltbarkeit größere oder kleinere grausige Früchte, so daß man sich vorstellen kann, wie wir unsere Expedition beschleunigt abbrachen und hinter-her in der Messe unseres Schiffes eine gehörige Portion Whisky konsumieren mußten, um über die erschüt-ternden Erlebnisse dieses Tages hinwegzukommen. Wir haben von diesem Zeitpunkt an unser Schiff nur noch verlassen, wenn wir dienstlich dazu gezwungen waren, denn wir hatten, wie man so sagt, „genug“. Zumal un-sere Schiffsboote beim Anlandfahren, besonders in der Dunkelheit, dauernd an Leichen stießen, die das türki-sche Aufräumkommando in Adana in den Tarsosfluß geworfen hatte und die nun von Fluß ins Meer befördert wurden. Und es gab wohl niemanden an Bord unseres Schiffes, der nicht aufatmete, als der Befehl des Admi-ralstabes uns weiterschickte.

Wir bekamen Befehl, die syrische Küste abzuklappern, bis die Welle der Christenverfolgungen, die durch alle Länder des Sultanats ging und auch die stattlichen deut-schen Siedlungen in jenen Ländern bedrohte, sich be-ruhigt hatte. Und da die Landsleute, die als Kaufleute oder Kolonisten unter dem Halbmond wohnten, wegen der Unsicherheit und Unruhe, die durchs Land gingen, tatsächlich in Sorge waren, nahmen sie uns überall ent-sprechend auf. Wir vom „Cormoran“ ließen uns das gern gefallen, denn wir waren hungrig zu erleben, und wir erlebten. Nie möchte ich jene Wochen, die der Zufall uns geschenkt, in der bunten Reihe meiner Reiseerin-nerungen missen.

Wir ritten auf blutvollen Arabergäulen durch die frucht-vollen Ebenen von Alexandrette über das Schlachtfeld von Issus (333) zu den Pässen hinauf, über die Alexander der Große nach Antiochia gezogen war und die der Schlüssel seiner Weltmachtstellung wurden. Wir fuh-ren, nachdem wir Ladikije und Tripolis besucht, von der in tropischer Juliglut brütenden Hafenstadt Beirut auf die kühleren  Gebirgshänge des Libanon hinauf und von dort wieder herab zu den Rosengärten und assyrisch-römischen Kulturdenkmälern der alten Stadt Damas-kus. Wir besuchten die württembergischen Bauern „von heiligen Herzen Jesu“, die in typisch deutschen Dörfern bei Haifa und Jaffa lebten, schossen Tauben auf den weinbewachsenen Hängen des Berges Carmel, auf dem einstmals die Arche Noah gestanden haben soll, badeten im See Genezareth, ärgerten uns zwei Tage lang über den Schwindel, den die Bettler und Mönche in Jerusalem mit heiligen Sandalen und Kreuzesstücken trieben, und hatten überall, wo wir hinkamen, das ange-nehme Bewußtsein, daß man uns gern sah und unsere bloße Anwesenheit die Nerven der deutschen Lands-leute beruhigte, weil sie dem Heimatlande dankbar wa-ren, daß es sie in jenen unruhigen Tagen nicht verges-sen hatte. Denn wer da glaubt, daß es damals in Syrien und Palästina ruhig zuging, befindet sich in einem Irr-tum, ebenso wie es abwegig wäre zu glauben, daß wir uns nur zu unserem Vergnügen dort aufhielten. Alle unsere Fahrten waren Expeditionen, die dem Schutz der Deutschen dienten. Fast täglich wurden Banden gemel-det, die plündernd und mordend durchs Land zogen unter der lieblichen Devise: „Tod allen Christenhun-den.“ Der ganze Islam war in Aufruhr, und nur die stark bewaffneten Patrouillen von unserem Schiff, die wir Nacht für Nacht auf die deutschen Ansiedlungen ver-teilten, hinderten das lichtscheue Gesindel, das überall auf der Welt auf einmal da ist, wo es etwas zu plündern gibt, seiner Beutelust nachzugehen.

So wurde es Ende Juli, bis die jungtürkische Regierung unter Führung der osmanischen Patrioten, an deren Spitze sich der junge albanische General Enver Bey ge-setzt hatte, die Ruhe und Ordnung im Orient so weit wiederhergestellt hatte, daß wir die Erlaubnis bekamen, unsere Ausreise nach der Südsee fortzusetzen. Und Juli-August sind nicht nur in Europa die heißesten Monate des Jahres, so daß wir im Roten Meer und im Indischen Ozean einen Vorgeschmack davon bekamen, was tropi-sche Hitze war.

Es war einfach fürchterlich und für normale Mitteleu-ropäer kaum auszuhalten. In Port Said nahmen wir Ne-ger an Bord, die bis nach Aden die Dampfkessel bedie-nen mußten, weil unsere Heizer an Hitzschlag gestor-ben wären. Tag und Nacht die gleiche Temperatur bei einer Windstille, die das Rote Meer zu einem Enten-teich machte und jeden Gedanken an Segeln verbot. Dienst kam nicht in Frage, schlapp wie Waschlappen und nur mit dem Nordürftigsten bekleidet, krochen wir im Schiff herum. Das Thermometer zeigte auch des nachts um vierzig Grad Celsius.

Eines Abends ankerten wir vor Djidda, auch Mocca ge-nannt, dem Hafenort des heiligen Mekka, weil ein Pleuellager heißgelaufen war. In der Nacht kam ein Wolkenbruch von einer Stärke, daß in Berlin die Feuer-wehr machtlos gewesen wäre. Zwei Stunden lang goß es unter ungeheuerem Blitzen und Donnern mit Kübeln vom Himmel herab. Die Wirkung bei uns war verblüf-fend: im Nu war alles auf den Beinen und sprang aus-gelassen in Badehosen in der lauwarmen Lurke herum. Weder unser stiller, ernster Kommandant noch die Port Said-Neger schlossen sich davon aus, und die tanzenden Derwische von Skutari hätten etwas lernen können. Ebenso schnell, wie es gekommen war, zog das Gewitter vorüber, und doch wirkte es sonderbarerweise in un-serer Messe durch die ganzen beiden Südseejahre nach. Denn jedesmal, wenn der Kaffee zu dünn geraten war, sagten wir zum Ärger des Zahlmeisters, der Messevor-stand war: „Na ja, in Mocca hat’s geregnet.“

Nachts ließen wir uns Matrazen an Deck legen, denn in den Kammern war’s nicht auszuhalten. Als ich eines Morgens zum Leben erwachte, spürte ich, daß mein Gesicht und mein ganzes Lager von Sand bedeckt war. Wüstensand – Sandsturm, war mein erster Gedanke. Ich rieb mir die Augen und das Gesicht und merkte leider zu spät, daß es Ruß von der schlechten Port Said-Kohle war, den der Schornstein die ganze Nacht auf mich geschüttet hatte, wodurch ich zum Gaudi der anderen zum Neger geworden war.«

In Aden werden noch einmal Kohlen und Wasser er-gänzt und letzte Post abgeschickt:

»Dann brachen wir in einem Abschiedsbrief nach Hause die engere Verbindung mit Europa ab, weil nun die Seefahrt erst richtig losgehen sollte, so daß die Briefe viele Wochen lang reisen würden, und schickten als süße Pille noch eine Rolle voll Straußenfedern mit«, die für die Hüte der Damen in Deutschland sehr begehrt sind.


Auf seiner Fahrt von Deutschland zur Australstation mit ihrem Stützpunkt Rabaul, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, ist der Kleine Kreuzer Cormoran im August 1909 nach seiner Abfahrt von Ceylon weiter im Indi-schen Ozean unterwegs. Ein Offizier an Bord, Freiherr von Spiegel, beschreibt die weitere Fahrt im Indik:

»Unser nächste Reiseziel war Batavia, die Hauptstadt der holländischen Kolonien. Als wir uns dem Äquator näherten, schlief der Wind, der seit der Ausfahrt aus Colombo täglich abgeflaut hatte, völlig ein, so daß wir die Segel bergen mußten. Wir lernten kennen, was Kalmen-Zone ist. Die Kessel, vor denen die Heizer stöhnten, verbreiteten eine glühende Hitze im Schiff, und die Windsäcke hingen schlaff an Rah und Stag und brachten keine Erfrischung herunter. Unbarmherzig brannte die Sonne senkrecht auf die Sonnensegel [Über dem Oberdeck gespannt zum Schutz gegen die Sonne] herab, die alle Stunden mit Seewasser besprengt wur-den und doch fast zu versengen schienen. Das Meer war am Tage wie Öl und nachts wie geschmolzenes Silber, durch das die Bahn unseres Schiffes einen leuchtenden Kometenschweif zog.

Wir bewegten uns in leichtester Bekleidung wie matte Fliegen und nahmen unwahrscheinliche Mengen von Flüssigkeit zu uns. Selbst die Schweine, die wir für den langen Seetörn als Frischproviant an Bord genommen hatten, streckten in ihren Koben unterm Bootsdeck alle viere von sich, obwohl sie doch schließlich in den Tropen geboren waren. Der einzige, der es zu unserem Staunen selbst in der Sonne aushielt, war Fips, der Affe, der in Colombo zu uns gestoßen war und der uner-müdlich über die Sonnensegel turnte…« 


Seit 1899 gelten für Briefe und Postkarten der Post der Besatzungen von deutschen Kriegsschiffen und Militär-transportern die Kolonialtarife und die Briefmarken der deutschen Kolonien und der Auslandspostämter wer-den von den Marineschiffspostämtern als gültig aner-kannt. Da das Deutsche Reich ständig mehrere tausend Marinesoldaten im Auslandseinsatz hat, und die Besat-zungen auf Auslandsstationen ausgiebig die Möglichkeit des Postverkehrs mit ihren Lieben daheim von ihren fernen Einsatzorten aus nutzen, ist das Marinepostauf-kommen enorm.

Besonders vor Weihnachten schwillt das Postaufkom-men noch einmal deutlich an. Ein Offizier der SMS Cor-moran, eines Kriegsschiffes der Australstation, die für die deutsche Südsee und den australischen Kontinent zuständig ist:

»Weihnachten 1912! Rechtzeitig waren die Pakete von den Lieben in der Heimat eingetroffen, die Besatzung hatte sich um einen Lichterbaum, der einer deutschen Tanne recht ähnlich war, zum Weihnachtsgottesdienst versammelt. Der Navigationsoffizier hatte nach altem Brauch gepredigt und das Wort von dem Kindlein in Betlehem, das in einer Krippe liegt, verlesen.

Dann hatten wir alle zusammen „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen – und das alles mitten im Hochsom-mer, in den Hundstagen sozusagen. Denn unser Schiff war auf der anderen Seite dieser Welt«.

Die Cormoran liegt zu Weihnachten 1912 in Wellington, der Hauptstadt von Neuseeland.


Auch die Kriegsschiffe im Kolonialeinsatz müssen na-türlich in Kriegsbereitschaft gehalten werden, wofür regelmäßige Werftaufenthalte zur Instandhaltung der Schiffe zählen, Schießübungen mit der Artillerie und der Torpedobewaffnung durchgeführt werden, Lan-dungsmanöver mit den Landungskorps der Schiffe für militärische Einsätze an Land, aber auch Tests der Dampfmaschinen. So schreibt der Heizer Otto Ohlsen vom Kleinen Kreuzer Cormoran im Jahre 1911 über einen solchen Maschinentest bei Samoa:

»Am 28. Oktober wurden alle vier Kessel angesteckt und klar gemacht zur forcierten Fahrt. Forcierte Fahrt heißt: Das Schiff fährt mit aller Kraft, die es besitzt. Damit soll die Geschwindigkeit festgestellt werden, die es im Ernst-fall machen kann. Von 12 Uhr bis 16 Uhr fuhren wir mit äußerster Kraft und erreichten eine durchschnittliche Geschwindigkeit von über 16 Seemeilen die Stunde.«

Die maximale Geschwindigkeit des Schiffes ist mit 15,5 Knoten angeben. Da im Laufe der Zeit, und insbesondere in tropischen Gewässern, die Geschwindigkeit durch Bewuchs am Schiffskörper, Kesselstein und Verschleiß geringer wird, stellt die erreichte Geschwindigkeit ei-nen guten Wert dar. Nach einem Werftaufenthalt in Tsingtau schafft das Schiff sogar 16,5 kn.

Der Tropeneinsatz fordert auch seinen Tribut bei den Schiffsbesatzungen in Form von Malaria und anderen Tropenkrankheiten. Todesfälle durch tropische Krank-heiten sind immer wieder zu verzeichnen.

Aber auch schwere Tropenstürme fordern Opfer, so-wohl bei der Kriegsmarine als natürlich auch bei der Handelsmarine.

Zu Ostern 1910 kommt die SMS Cormoran in einen Or-kan, der eine Schneise der Verwüstung durch die Süd-see schlägt. In der kochenden See verschwinden ab-wechselnd Bug und Heck des Kreuzers. Schwere Bre-cher zerstören das Brückenhaus, die Beiboote und den Schornsteinmantel. Festgeseilt stehen der Komman-dant, der Navigationsoffizier und die Mannen für das Bedienen des Steuerrades im Freien dem Sturm ausge-setzt. Aber auch unter Deck werden die Männer hin- und hergeschleudert und es kommt zu zahlreichen Quetschungen und Knochenbrüchen. In dem höllischen Grollen und Donnern läuft durch alle Lüftungen und Verschlüsse Wasser in das Schiff und durch einen Riß im Rumpf dringt ebenfalls Wasser ein. ›Alle Mann an die Pumpen‹ wird befohlen, um dem Wassereinbruch Herr zu werden. Neben dem Navigationsoffizier schlägt ein schwerer Körper auf die Planken und verschwindet in der See. Es ist eine der Kühe, die in einem Verschlag mitgeführt wurden. Sie sind nach dem Sturm, wie auch der Verschlag selbst, alle verschwunden. Auch die Reeling wird weggerissen und alle leichten Schiffsauf-bauten. Ebenso verschwindet ein Matrose in der See.

Nach vier Tagen ist das Gröbste überstanden und Nou-mea im französischen Neukaledonien wird als Nothafen angelaufen.

Noumea ist mit gesunkenen Schiffen übersät.


Eine Ausfahrt oder Heimfahrt von Ablösebesatzungen der in den Kolonien stationierten Schiffe der Kaiser-lichen Marine läuft für gewöhnlich nach dem gleichen Muster ab. Otto Ohlsen, ein für tropendienstfähig befun-dener Matrose, wird abkommandiert zum in der Südsee stationierten Kreuzer Cormoran und beschreibt in sei-nem Tagebuch die Reise. Marinesoldaten auf Auslands-station sind angehalten Tagebuch zu schreiben.

Am 14. Februar 1911 verläßt die Ablösemannschaft für die Cormoran mit dem Reichspostdampfer Seydlitz Bremerhaven mit Ziel Sydney/Australien. Eine Seereise von über 13.000 Seemeilen und 54 Tagen Dauer.

Nach 30stündiger Fahrt läuft die Seydlitz zunächst Antwerpen an. Weitere Fracht und Passagiere werden an Bord genommen. Otto Ohlsen über den Aufenthalt in Antwerpen: »Wir hatten jeden Tag Urlaub bis zum Wecken und haben uns prächtig amüsiert. Bei unserer Abfahrt am Sonntag hatten sich viele Leute an der Lan-dungsbrücke eingefunden, die uns ein letztes Lebewohl zuriefen.«

Im englischen Kriegshafen Southampton übernimmt das Schiff weitere Fracht und Passagiere für Australien.

Der Tagesablauf für die Ablösemannschaften ist auf den Dampfern wesentlich angenehmer als an Bord der Kriegsschiffe. Wecken erst um 7 Uhr, nicht schon um 5 Uhr. Statt Reinschiff um 5 Uhr 05 und Backen und Banken (Zum Essen kommen) um 6 Uhr 50 gibt es Frühstück gegen 8 Uhr 15. Eine Stunde Infanteriedienst schließt sich an und damit ist der Dienst so gut wie beendet, sieht man von Instruktionen und Wäsche ab. Um 15 Uhr Kaffeetrinken und um 17 Uhr Abendbrot.

Ohlsen: »Wir hatten ein schönes Leben an Bord. Das Essen auf der Seydlitz war sehr gut. Um 8 Uhr am Abend war klar bei Hängematte.«

26. Februar Anlegen in Algier. »Wir lagen kaum vor An-ker, da kamen schon die braunen Araber und Afrikaner mit Apfelsinen, Ansichtskarten, Zigaretten und ande-rem Handelsgut«.

27. Februar Genua. »Hier war ich an Land, es war ausge-sprochen reizvoll und wir haben uns gut amüsiert. Der Wein war billig in dieser Gegend.«

5. März im Suezkanal. »Mitten im Kanal, es war gegen 11 Uhr, fuhren wir an dem deutschen Kronprinzen Hein-rich von Preußen vorbei, welcher auf der Heimreise von Indien nach Deutschland war. Er wurde von uns mit drei kräftigen Hurras gegrüßt. Ein kurzer Halt in Suez und unsere Fahrt ging weiter durch das Rote Meer. Hier war es schon sehr warm. Am 11. März kamen wir in Aden an. In der Stadt, mitten unter den kahlen und felsigen Ber-gen, war die Hitze schon fast unerträglich.«

»Am 16. März kamen wir in Colombo an. Der Ort liegt auf der Insel Ceylon. Es ist eine fruchtbare Gegend; es wach-sen hier fast alle Südfrüchte wie Kokos, Ananas, Bana-nen und Tee. Palmen soweit das Auge blickt; aber es war hier auch sehr heiß. Die Seydlitz nahm Kohlen über, da haben wir aber Staub geschluckt. Die armen Eingebo-renen mußten schwer arbeiten.«

Am 19. März ist Äquatortaufe. Alle Marineangehörigen, die noch nie den Äquator passiert haben, müssen diese Prozedur über sich ergehen lassen. Für die Besatzungen der in den Kolonien stationierten Kriegsschiffe ein Muß. Seeleute, die schon die Äquatortaufe hinter sich haben, bilden die Truppe von Neptun, dem Beherrscher der Meere, Seen, Flüsse, Bäche und Tümpel, um die Neu-linge zu taufen.

Otto Ohlsen: »Neptun kam mit großem Gefolge an Bord und überreichte den Offizieren einen Orden. Dann wur-den die Offiziere, die erstmals den Äquator überschrit-ten, getauft. Erst dann kamen die Mannschaften dran. Es war ein schönes Vergnügen und wir haben viel gelacht. Nachher hatten wir aber Arbeit, um alles wieder sauber zu bekommen. Die Taufe ging so: Zuerst bekamen wir vom Arzt aus Neptuns Gefolge eine bittere Medizin zu schlucken, dann wurden wir vom Barbier mit schwarzer Schmiere eingeseift und rasiert. Der Arzt ließ es sich nicht nehmen, altbackene Zähne zu ziehen. Dann wur-den wir von hinten in ein großes Wasserbassin gewor-fen und einige Male untergetaucht. Darauf mußten wir durch einen langen Windsack kriechen und wurden von hinten mit einem Wasserstrahl gespült. Am Ende des Windsacks folgte wieder ein Abseifen mit schwarzer Schmiere. Dann endlich waren wir mit unseren Leiden am Ende.«

So werden die Täuflinge vom Schmutz der nördlichen Halbkugel der Erde gereinigt.

Am 29. März wird das australische Freemantle erreicht. Ohlsen bekommt Landgang. »Auf einigen Farmen beka-men wir frische Feigen direkt von den Bäumen zu essen. Sie schmeckten ausgezeichnet. Abends um 10 Uhr fuh-ren wir weiter.«

Über Adelaide und Melbourne erreicht die Seydlitz am 7. April den schönen Hafen von Sydney. Auch die Cor-moran liegt im Hafen für den Mannschaftswechsel und die erste Post aus der Heimat ist bereits eingetroffen.

»Am 8. April mußten wir unseren Kleidersack packen und uns an Bord melden. Das Gepäck und die Hänge-matten wurden auf einen Prahm verladen. Ein Schlep-per brachte uns gegen Mittag zu S.M.S. Cormoran. Da wurden wir wahrlich mit Freuden empfangen, denn die alte Besatzung wartete schon sehnsüchtig auf ihre Ablö-sung. Am Mast hatten sie einen langen Heimatwimpel angebracht.«


Beim Bau von Kriegsschiffen ist die deutsche Marine aus finanziellen Gründen in der Zwickmülle einen Schiffstyp zu bauen, der gleichzeitig in der Schlacht-flotte Verwendung finden kann und auch als Auslands- und Kolonialkreuzer dient. Am besten wäre ein Schiffs-typ für den Flotteneinsatz und ein Schiffstyp für den Auslandseinsatz. Doch für soviele Schiffe bewilligt der Reichstag nicht das Geld. Deshalb muß der Schiffstyp des Kleinen Kreuzers beide Aufgaben bewältigen.

Dabei muß auch der maritime Rüstungswettlauf zwi-schen Deutschland und England beachtet werden. Deutschland legt durchschnittlich im Jahr zwei Kleine Kreuzer auf Stapel, England dagegen sechs bis acht. Das deutsche Flottengesetz vom Jahr 1900 hatte ursprüng-lich drei Kleine Kreuzer jährlich vorgesehen, davon war jedoch einer vom Reichstag gestrichen worden. Die Klei-nen Kreuzer müssen daher wegen ihrer verhältnismä-ßig geringen Zahl so gebaut werden, daß sie sowohl in der Schlachtflotte wie im Ausland verwendet werden können. In der Schlachtflotte ist ihr Hauptzweck die Aufklärung für die Schlachtschiffe und deren Schutz vor feindlichen Torpedobootsangriffen. Die Artillerie der Kleinen Kreuzer ist folglich auf die Torpedobootabwehr eingerichtet. Hierfür ist ein geringeres Kaliber, aber mit hoher Feuergeschwindigkeit zweckmäßig. Beim Aus-landsdienst genügt zwar im Handelskrieg das geringere Kaliber ebenfalls, jedoch erfordert ein etwaiger Kampf mit Hilfskreuzern, die 15cm-Geschütze tragen, oder äl-tere gepanzerte Kreuzer das höhere Kaliber. Die beiden Anforderungen, für den heimischen und den Auslands-dienst, stehen also in einem Widerspruch. Im Sinne des Grundgedankens der deutschen Flotte, zunächst eine geschlossene, kampffähige Heimatflotte zu schaffen, liegt es, daß deren Bedürfnisse den Vorrang vor den Auslandsforderungen erhalten. Entsprechend dem Gut-achten des Flottenkommandos behält deshalb Alfred von Tirpitz, der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, bis 1912 das 10,5cm-Geschütz für die Kleinen Kreuzer bei. Es ist das höchste Kaliber, bei dem noch Geschoß und Kartusche zu einem Stück vereinigt werden kön-nen. Deswegen hauptsächlich kann das 10,5cm-Ge-schütz wesentlich mehr Schuß in der Minute abfeuern als das 15cm-Geschütz.

In der Beratung über den Kleinen Kreuzer wird auch der Vorschlag gemacht, den Kleinen Kreuzern statt zwölf 10,5cm-Geschütze vier 15cm-Geschütze und acht 8,8cm-Geschütze an Bord zu geben. Der Großadmiral von Tirpitz stellt diesen Vorschlag ernsthaft zur Erwägung, da auf der Hand liegt, daß die vier 15cm-Geschütze dem Kreuzer gegen feindliche Kreuzer eine wesentlich hö-here Kampfkraft verleihen. Selbst gegen mäßige Pan-zerung ist das Geschütz wirksam, das 10,5cm-Geschütz dagegen nicht. Trotzdem wird der Vorschlag zunächst nicht weiter verfolgt, da die Flotte sich uneingeschränkt für das Einheitskaliber ausspricht. Die hohe Feuerge-schwindigkeit des 10,5cm-Geschützes und der gesicher-te Austausch der Geschützbedienungen bei Ausfällen scheinen zu große Vorteile für den Antitorpedoboots-kampf zu sein, als daß man sie aufgeben dürfe. Die Flotte befürchtet, die 15cm-Geschütze werden nicht handlich genug und die 8,8cm-Geschütze nicht zahlreich genug gegen Torpedoboote sein. Für den Schiffskampf werden die 8,8cm-Geschütze, für die Torpedobootsabwehr die 15cm-Geschütze nicht viel wert sein. Man werde also etwas Halbes bekommen. So bleibt man, entsprechend den Wünschen der Flotte, bis 1912 beim 10,5cm-Ge-schütz für die Kleinen Kreuzer.

Für den Dienst im Ausland wird aber ein Ausgleich durch die höhere Geschwindigkeit für die Schiffe ge-schaffen. Als nun aber die Engländer beginnen, ihre Kreuzer zu panzern, kann die deutsche Marine nicht bei 10,5cm stehenbleiben. Tirpitz geht deshalb 1912 zur Aus-rüstung mit 15cm-Geschützen über. Vom Etatjahr 1913 an werden dann nur noch Kleine Kreuzer mit 15cm-Geschützen gebaut.

Im kolonialen Einsatz stehen Kleine Kreuzer im Ost-asiatischen Geschwader und seit 1914 auch erstmals bei einer normalen kolonialen Station mit der Königsberg in der Ostafrikanischen Station. Die Königsberg und die Kleinen Kreuzer der Ostasiatischen Station sind zwar moderne Kreuzer, sind aber vor 1913 gebaut und haben noch die 10,5cm-Geschütze.

Die ersten Kleinen Kreuzer mit 15cm-Geschützen wer-den 1915 für die deutsche Flotte in Dienst gestellt.

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Die Handelsmarine

Über den Besichtigung des Maschinenraumes eines großen Dampfers auf der Fahrt von Deutschland nach Südwestafrika im Jahre 1904 schreibt der Besucher, der einen Maschinisten dazu überredet hat ihn in den Maschinenraum mitzunehmen:

»Wir kamen durch viele Gänge und Räume, die ich noch nicht kannte; stiegen kurze eiserne Treppen hi-nunter, die ich noch nicht gesehen hatte, immer tiefer und tiefer. Immer stärker stieß und schütterte es unter meinen Füßen, immer näher hörte ich das wuchtige Gleiten schwerer Wellen und Kolben. Dann öffnete er eine eiserne Tür und ich stand in der Maschine. Die größte Maschine, die ich bisher gesehen hatte, war die in einer Hamburger Bierbrauerei. Diese war fünfmal so groß. Die Kolben waren so lang und breit wie der Körper eines zehnjährigen Jungen, massiv von Eisen. Sie schwangen sich leicht und sicher im Kreise und die beiden mächtigen Wellen, an deren Ende draußen die Schrauben sind, stark wie zwanzigjährige Lindenstäm-me, drehten sich fleißig. Ein Mann von mittleren Jahren, ziemlich fett und ölig, den ich noch nie gesehen hatte, obgleich ich nun schon drei Wochen lang mit ihm auf demselben Schiff wohnte, stand ruhig in all dem Auf und Ab und Hin- und Herspiel auf der durchlöcherten eisernen Plattform, die heftig zitterte, und sah so gleich-mütig um sich, wie ein Bauer im Viehstall über seine wiederkäuenden Tiere schaut. Ich ging auch vorsichtig die Plattform entlang und eine Treppe hinunter durch ein offenes Schott nach dem rötlichbraunen eisernen Heizraum, in dem zwischen Steinkohlen und eisernen Schiebern und zischenden Hähnen halbnackte Leute vor den Kesseln standen, unter denen die mächtigen Feuer glühten. Ich sah alles rasch und scharf an und wäre gern noch länger geblieben, aber ich schämte mich, den im heißen Raum schwer Arbeitenden untätig zuzusehen.«


Im Jahre 1900 hat die Deutsche Ost-Afrika Linie 14 Schiffe mit 43.800 BRT. 1907 22 Schiffe mit 86.000 BRT, die aber nicht nur im Afrika-Dienst fahren. Im Passa-gierverkehr nach Afrika ist sie in diesem Fahrtgebiet nach der britischen Union-Castle Line die Linie mit der zweitgrößten Passagierzahl.

Nach einem heftigen Konkurrenzkampf in der Afrika-fahrt auch mit ausländischen Reedereien haben sich die deutschen Reedereien 1907 auf einen untereinander abgestimmten Afrika-Dienst geeinigt. Es wird ein ge-meinsamer Fahrplan aufgestellt. Dem gemeinsamen Liniendienst unterstellt die Hamburg-Amerika Linie 8 Schiffe mit 31.000 BRT, die Woermann-Linie 37 Schiffe mit 97.000 BRT und die Deutsche Ost-Afrika Linie 10 Schiffe mit 23.000 BRT. Ab März 1908 beteiligt sich auch die Hamburg-Bremer Afrika-Linie an dem Fahrverbund.

1914 beschließen die Reedereien Deutsche Ost-Afrika Linie, die Woermann-Linie und die Hamburg-Bremer Afrika-Linie das gemeinsame befahren folgender Lini-endienste: 1) monatlich zwei Abfahrten westliche Rund-fahrt um Afrika; 2) monatlich zwei Abfahrten östliche Rundfahrt um Afrika; 3) regelmäßige Verbindung zwi-schen den Häfen Deutsch Ostafrikas und Portugiesisch Ostafrikas im Anschluß an die Hauptdampfer; 4) regel-mäßige Passagier- und Postverbindung zwischen Bom-bay und der Ost- sowie Südostküste Afrikas und Mada-gaskars.


Der Chef der HAPAG, Albert Ballin, verkündet, daß seine in Hamburg ansässige Reederei ab dem 1. Oktober 1914 einen zunächst monatlichen Passagier- und Fracht-dienst nach allen wichtigen Häfen Ostasiens einschließ-lich von Tsingtau einrichten werde und zwar mit schnel-len Schiffen von 15 kn. Diesen Dienst will die HAPAG ohne jede Reichsbeihilfe durchführen. Das zeigt, daß Tsingtau nun ein solches Passagier- und Frachtaufkom-men aufbringt, daß eine private Reederei damit gewinn-bringend arbeiten kann.

Die andere der beiden größten Reedereien der Welt, der in Bremen beheimatete Norddeutsche Lloyd, erklärt da-raufhin zukünftig ihren Postdampferdienst nach Tsing-tau auch ohne Zahlungen des Reiches weiterzuführen, dabei jetzt Tsingtau zweimal monatlich anzulaufen, und die Geschwindigkeit neu einzustellender Schiffe auf 14,5 kn zu erhöhen. In Anbetracht der Tatsache, daß auf die Ostasienfahrt der größte Anteil der Postdampfersubven-tionen entfällt, nämlich 3,42 Millionen Mark, ist das für den Lloyd ein spürbarer Verlust. Von seiten des Reiches ist man allerdings nicht davon überzeugt, daß die pri-vaten Gesellschaften ihre Versprechen einhalten, und die Kolonie in China sicher mit Deutschland verbunden halten, und erklärt sich mit einem, allerdings nur auf fünf Jahre begrenzten, Weiterlaufen des Subventions-vertrages, also bis 1919, einverstanden.

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Koloniale Außenpolitik

Während der Marokkokrise von 1911 trifft am 1. Juli 1911 das Kanonenboot Panther in Agadir ein. Mit dem »Panthersprung nach Agadir« nimmt das Ringen zwi-schen Deutschland und Frankreich eine neue Dimen-sion an. Am 4. Juli wird die Panther in Agadir vom Kleinen Kreuzer Berlin abgelöst. Die Frage lautet vor Ort ob Südmarokko deutsch oder französisch wird. Am 15. Juli schreibt der Kommandant der Berlin einen Bericht, in dem zu lesen steht:

»Dem mir erteilten Befehl gemäß, die dem Zeigen der Flagge innewohnende friedliche Absicht zu dokumen-tieren, versuchte ich zunächst das Zutrauen der Bevöl-kerung Agadirs zu gewinnen. Von hier aus mußte sich dieses mit Hilfe des Marktgeredes strahlenförmig fort-pflanzen und mit den an die Kaids [Islamische Adelige] gesandten Briefen zusammen wirken.«

Der Kommandant der Berlin empfängt den Kalifen von Agadir und andere Würdenträger. Geschenke werden ausgetauscht und der Kommandant und seine Offiziere machen Gegenbesuche an Land. »Am 10. Juli abends ließ ich mit Hilfe von Scheinwerfern, Signalsternen und Raketen ein Feuerwerk veranstalten, das von der ge-samten Bevölkerung sehr beifällig aufgenommen wur-de. Auf der gewonnenen Grundlage soll in der Folgezeit weitergegangen werden.«

Die mündlichen und schriftlichen Verhandlungen des Kommandanten des deutschen Kriegsschiffes fassen sich in drei Punkten zusammen:

»1. Gewährt uns Deutschland Schutzherrschaft?

2. Deutsche Kriegsschiffe sollen immer hier bleiben.

3. Kommen auch die Franzosen nicht hierher?«

In seinem Bericht hat der Kommandant der Berlin auch »die enorme Angst vor den Franzosen« bei den Würden-trägern festgehalten und schreibt vom »deutschen Grundbesitz (der hier groß ist)«.

Am Konferenztisch kommt dann fast ganz Marokko an Frankreich – bis auf einen kleinen Teil, der an Spanien fällt – und sofort beginnt der Widerstand gegen die Franzosen, der am 13. November 1914 in einer Schlacht mit 613 toten französischen Soldaten gipfelt, der die Franzosen überlegen läßt, das Protektorat über Marok-ko wieder aufzugeben.


Seit 1912 finden Verhandlungen mit Portugal statt, Teile des südlichen Angola, und zwar das portugiesische Am-boland, an Deutsch Südwestafrika gegen Entschädigung abzutreten. Das Gebiet umfaßt das Dreieck nördlich der deutsch-portugiesischen Grenze bis zu den Flüssen Ku-nene und Kubango. Mit der Vereinigung des portu-giesischen Ambolandes mit dem deutschen Amboland würde auch das Arbeitskräftepotential des portugie-sischen Teils vollständig der Wirtschaft von Südwest zugute kommen.

Der Staatssekretär der Reichskolonialamtes, Wilhelm Solf, wünscht bei den Verhandlungen auch noch einen Hafen in Südangola aufzunehmen, für eine besse-re Eisenbahnverbindung der Kupferminen in Otavi im Norden Südwestafrikas mit dem Atlantik zur Ver-schiffung des Erzes, und eine in die Ambolande zu bauende Straße.

Von Vorteil für die deutsche Verhandlungsseite ist die Ablehnung der portugiesischen Verwaltung durch die Ovambostämme im portugiesischen Amboland und die Unfähigkeit der Portugiesen, diese entfernte Gegend wirksam zu verwalten.

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Ausbildung für die Kolonien

Für Krankenschwestern gibt es gutbezahlte Arbeit in den Schutzgebieten. Die in die Kolonien entsandten Krankenschwestern werden sorgfältig vorbereitet, wo-bei die Tropentauglichkeit im Mittelpunkt steht. Der Generaloberarzt des Kommandos der Schutztruppe in Berlin hat darüber zu befinden. Es werden nur Bewer-berinnen angenommen, die das staatliche Examen für Krankenpflegerinnen nachweisen können. Außerdem müssen die Bewerberinnen noch drei Monate im Eppendorfer Krankenhaus sowie drei weitere Monate im Tropen-Krankenhaus Hamburg vor der Abreise ihre Fachkenntnisse erweitern.

Hebammen finanziert der Deutschkoloniale Frauen-bund bei der Ausbildung in der Königlichen Charité in Berlin oder in den Frauenkliniken deutscher Universi-täten. Die Ausstattung der Schwestern vor der Einschif-fung besorgt ebenfalls der Frauenbund auf dessen Kosten. In der Heimat besteht die Tracht aus einem schwarzen Kleid, langen schwarzen Mantel, einer Schwesternhaube, Armbinde und Brosche mit Abzei-chen des Bundes. Für den Tropendienst erhält die Schwester blau gestreifte Arbeitskleider und weiße Klei-dung. Die Aussteuer umfaßt 12 Kleider und 12 Schürzen, sechs weiße Hauben, eine schwarzseidene Überhaube, ein Sonnenschutzhut mit Breitrand, einen großen Schirm, Armbinde und Brosche. Es wird davon ausge-gangen, daß die Krankenschwestern in Übersee einen Ehemann finden und so die Frauennot in den deutschen Kolonien gelindert wird. Schuhwerk und Wäsche müs-sen von den Krankenschwestern auf eigene Kosten an-geschafft werden.

Die sogenannten Hebammen-Reiseschwestern, be-stimmt für Deutsch Ostafrika, werden mit einer Bluse und einem geteilten Reitrock aus derbem Lodenstoff, einem Regenmantel, Tropenhut, kräftigen Schirm sowie hohen Schaftstiefeln ausgerüstet. In Ausnahmefällen wird vom Frauenbund noch ein Fahrrad bewilligt. Die Vertragszeit in Ostafrika läuft über zwei Jahre, in Kame-run und Togo anderthalb Jahre, in Samoa, Neuguinea und Südwestafrika jeweils drei Jahre, in Tsingtau vier Jahre. Ab dem Tag der Heimkehr steht der Schwester bei einwandfreier Vertragserfüllung und tadelloser Dienst-leistung ein Urlaubsgehalt zu und zwar für drei Monate in Höhe der Hälfte ihres zuletzt bezogenen Gehalts. Erholungsbedürftigen wird eine mehrwöchige Kur im Georgshof bei Röserath am Rhein gewährt. Das Gehalt der Schwestern steigt von 780 Mark im ersten auf 840 Mark im zweiten, 1020 Mark im dritten, 1140 Mark im vierten, 1200 Mark im fünften und den darauf folgenden Jahren.


Der Völkerkundler Karl Sapper schreibt 1913: »Wer weiß, ob nicht mancher Aufstand in unseren Kolonien, der viel Gut und Blut gekostet hat, hätte vermieden werden können, wenn die Kolonialregierungen sich des Beistandes eines energischen ethnologischen Sachver-ständigen hätte erfreuen können! Und in Deutsch-Neu-Guinea, wo die Eingeborenen weit weniger studiert sind, als in unseren afrikanischen Kolonien, wäre auch jetzt noch ein ethnologischer Sachverständiger ebenso nütz-lich, wie ein landwirtschaftlicher oder technischer. Die Eingeborenen sind für jedes Kolonialvolk ein anver-trautes Gut, über dessen Verwendung die späteren Generationen und die Geschichte Rechenschaft zu fordern berechtigt sind, denn, abgesehen davon, daß die Menschlichkeit eine liebevolle Fürsorge und Rücksicht für unsere andersgearteten und auf anderem Kultur-boden erwachsenen Mitmenschen zur dringenden Pflicht macht, ist auch zu bedenken, daß in tropischen Kolonien die Eingeborenenschaft die sicherste Grund-lage für eine kräftige wirtschaftliche Entwicklung dar-stellt und daß jede Schwächung derselben nach Zahl oder innerer Kraft sich bitter in der Zukunft sich rächen wird.«